Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 5 (1.2.1929)
- Date
- 1929-02-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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heute selbst für die orthodoxen Juden in Palästina nicht mehr gelten. Also: auch die orthodoxen Juden erkennen an, daß es biblische Gebote gibt, die sich überlebt haben. Mt der Zeit ist man weitergegangen und wird man weitergehen. Man wird verstehen lernen, was die Forscher auch die konservativen längst wissen und lehren: daß die Bibel wohl ein hochbedeutendes Sammelwerk, ein großartiger Litcraturschatz. zum guten Teil ein herrliches Volksbuch aber nur geistig, nicht buchstäblich Gotteswort ist; daß Judentum, ebenso wie Christentum, wie die ganze Geschichte, wohl Gottes Werk und Fügung ist, daß aber ihnen weder eine göttliche Offenbarung am Sinai, noch eine göttliche Menschwerdung und Auferstehung auf Golgatha zugrunde liegt. Mit dieser geistigen Auffassung der Religionsgeschichte werden sich die positiven Religionen nicht auflösen, wohl aber einander menschlich näher rücken, sich innerlicher gestalten. Man wird erkennen, daß den biblischen Ruhetagen und Festen uralte Gedanken und fortdauernde Bedürfnisse zugrunde liegen. Der Menschheitsdrang nach zeitweiliger Ruhe von der Arbeit ist älter als das Judentum; mit dem Mondwechsel war der allwöchentliche Ruhetag, mit der Wende der Jahreszeiten waren die Feste gegeben. „Sechs Tage sollst du. arbeiten und am siebenten ruhen." Das ist offenbar ein uralter Satz: die Begründung des bürgerlichen Ruhetages, der Erholung von der Arbeit. Das Christentum hat in beabsichtigter Gegensätzlichkeit seine Ruhetage und Feste von den jüdischen verrückt und ihnen eine besondere christologische Bedeutung gegeben. Je mehr aber das Bedürsnis hervortritt, Ruhetage und Feste nicht bloß religiös zu feiern, sondern bürgerlich zu erzwingen, umso dringlicher wird sich eine. Wiedervereinigung der beiderseitigen Ruhetage und Feste, der jüdischen und christlichen, als Notwendigkeit Herausstellen. Sie ist nur eine Frage der Zeit. Ja, zum guten Teil ist sie bereits gelöst. Der Sabbat gilt heutzutage schon sehr vielen Juden nur noch theoretisch als Ruhetag. Praktisch ist er längst außer Uebung. Vor 50 Jahren ruhten die Geschäfte an ihm, durften die jüdischen Schüler nicht am Sonnabend die Schule besuchen. Das ist heutzutage zumeist ein überwundener Standpunkt. Und wo das noch nicht der Fall, deuten überhandnehmende Schwierigkeiten, Meinungsverschiedenheiten und unangenehme Mißhelligkeiten zwischen Schule und Elternhaus über sonnabendliche Besuchs- und Schreibpflicht, auf die Dringlichkeit einer praktischen Lösung. Der tatsächliche Ruhetag ist auch den Juden der Sonntag. Bei den Festen erscheint die Zusammenlegung der jüdischen mit den christlichen schwieriger, teils wegen ihrer verschiedenen Bedeutung, teils weil nicht alle einander entsprechen. Indes aucb hier hat die Zeit schon begonnen, annähernde Schrüte zu tun. Schon jetzt hat der Jude mehr Freude und Genuß am Pfingstfest als am Wochensest. Es wird eine Zeit kommen, da wird der Jude sein Passahseft — wenn auch ohne ungesäuerte Brote - Ostern feiern, sein Wochenfest am Pfingsten, sein Neujahr am 1. Januar, sein Versöhnungsfest am Bußtag, sein Erntefest am entsprechenden Sonntag, sein Weihefest am Weihnachten — mit dem es als Lichtfest zeitlich und geschichtlich zusammenfällt, das aus ihm hervorging alles das zeitlich vereint, geistig getrennt, jeder in seinem Sinne beide in Eintracht. Dem Juden wird sein Osterfest: Befreiungsfcst, sein Pfingstfest: Religionsstiftungs- und Frühlingsfest, der Neujahrstag ein Tag ernster Selbstschau verbleiben aber das wird die Ge meinsamkeit der Feste nicht hindern. Wohl manchem mag dieser Ausblick phantastisch erschei nen. Tatsachen erhärten schon jetzt die Möglichkeit einer solchen Gestaltung. Das Bedürfnis einer Vereinigung des bürgerlichen und religiösen Ruhetages, die Pflicht, jenen zu beachten, liegt vor. Mag auch ein Nachgeben des jüdischen Teils ungeschichtl-ch erscheinen — er ist die Minderheit und kann von der christlichen Mehrheit nicht erwarten, daß sie ihre Sonn- und Festtage zurückdatiere. Die geschichtlichen Bedenken schwinden vor dem höheren Gesichtspunkte einer verständigen Nachgiebigkeit, nicht zur Schwächung, sondern zur Stärkung de» religiösen Bewußtsems. Was nützen Feste, die im Kalender stellen, aber nicht gefeiert werden? Die jüdischen Sabbate und Feste stören das bürgerliche Berufsleben. .Was ist nun besser: gar keinen religiösen Ruhe- und II bi i IIIMi' llllil 1IllirilTlIli jjjMBMBBBMWMMBMOMMBBWM er, habe mehr al» einen Grund, Lejsing zu feiern. Vor allem sein Stil könne auch heute noch ein Vorbild aller wissenschaftlichen Arbeit sein. - Die Festrede hält Prof. Julius Petersen. Das Haus, in dem die Universität sich heute zur Feier Lessings zusammenfinde, so beginnt er, wäre beinahe ein Haus Lessings geworden. Tie Neue Aula war ursprünglich ein Neubau der Königlichen Bibliothek, bei der Lessing seiner Zeit um eine Bibliothekarsstelle nachgesucht hat. Friedrich II. hat ihm damals freilich einen unbedeutenden Franzosen vorgezogen. Und doch, so fährt der Redner fort, ist Lessing, der sonst so kämpferisch Gestimmte, dem König, der immer wieder seinen Wert verkannte, niemals feind geworden. Ein eigentümlicher Widerspruch in seinem Wesen! Mer das Wesen Lessings ist auch ein Wesen voll innerer Widersprüche. Er sehnt sich nach Geselligkeit und verkriecht sich dann wieder in die einsame Welt seiner Bücher. Er ist Gelehrter und Weltmann zugleich, ein Bücherwurm und ein Liebhaber des,Theaters, gelehrter Forscher und Journalist, Dichter und Kritiker. Und in seinem Werke selbst stehen die Dramen einer „dramaturgischen Algebra", Emilia Galotti und Philotas, den Dramen eines gelösten Dichtertums, der Minna und dem Nathan, gegenüber, die Dramen, die im Symbol des Dolches stehen, den Dramen gütiger Liebe, die das Symbol des Ringes tragen. Ein jedesmal aber in den beiden großen Perioden von Lessings Leben steht doch am Ende wechselvoller, vielseitiger, gegensätzlicher Tätigkeit eine Zeit innerer Sammlung, eine Zeit der Vereinigung der widersprüchlichen Tendenzen, eine Zeit weltanschaulicher Vertiefung. — Mit dem Vortrag der Ouvertüre D-dur von Bach schließt die Feier. — Am! Abend des gleichen Tages findet im Staatlichen Schauspielhanse die Lessing-Feier der Preußischen Regierung statt. Das Orchester der Staatsoper spielt das I. Brandenburgische Konzert von Bach. Die Gedächtnisrede hält Pros. FriH Ktri.ch, München. Wir haoen, so meint er, kein Recht, Lessing zu feiern. Was wir, denen die Forderungen seines Werkes noch immer unerfüllte Forderungen sind, was wir allein dürfen, ist Besinnung auf den Lessingschen Geich der unserm Leben Vorbild und Führer sein sollte. Nersammlungskalender Breslau. Jli „Adraham Geiger". Mittwoch, den 6. Februar, 20.15 Uhr, im Bereinslokal „Soziale Gruppe", Kaiser Wilhelmstraße 16, Vor, Irag des Herrn Studienrat Dr. Willy Cohn: „Jüdische Sozialresvrmrr und der soziale Gedanke im Judentum". Frankfurt a. M. Jüdisch-liberale Jugendgemrinschast. 2. Februar, 5 Uhr abends: Kunstgeschichte, Dr. Hoffmann, llntermainanlage 7. 5. Februar, 203/i Uhr: Heimabend im Sitzungszimmer der Weftendsynagog«. Pater Benoit wird in unserem Zyklus „Unsere Umwelt und wir" über „Katholizismus" sprechen. Ratibor. Jüdisch-liberaler Zugendverein. Mittwoch, den 30. Januar 1929, findet ein Lessing-Mendelssohn-Abrnd sta't. Dienstag, den 12. Februar, spricht Herr Wolssohn, Breslau, über: „Symbolik und Symbolismus im Allgemeinen und im Religiösen mit besonderer Berücksichttgung des Judentums". Außerdem werden eingangs jeden Bor» tragsadeiids die in den letzten 14 Tagen einqelaustnen Telegramme der „Jta" verlesen und besprochen. Gottesdienste >H'4« I >■ Ml Berliv'Norde«. Liberale Synagoge Norden, Schönhauser All« 162. Freitag, den 1. Februar 1929, 19.15 Uhr, Gottesdienst, Predigt: Rabbiner Dr. Vogelstein-Breslau. Sonnabend, den 2. Februar, vormittags 16 Uhr, Predigt: Rabbiner Dr. Salomonski. BerNn-Msten-. Verein Liberale Synagoge Westead, Leistlkvwstraße 7-8 (Schul, anlaj, nah« Reichskanzlerplatz. Jeden Freitagabend liberaler Gottes» dienst mit Chor und Predigt. Beginn 19.15 Uhr pünktlich. Freitag, den 1. Februar, Predigt: Rabbiner Dr. Seligmanu-Frankfurt a. M. Berlin-Wilmersdorf. Liberale Synagoge Wilmersdorf (in der Aula der Cöcilienschule, Nikolsburger Platzj: Jeden Freitagabend liberaler Gottesdienst mit Chor und Predigt. Beginn 19.15 Uhr pünktlich. Freitag, den 1. Februar, Predigt: Rabbiner Dr. Steinthal-Münster. Festtag, oder ein gemeinsam mit den Mitbürgern begangener? DaS find Fragen, deren Erwägung jetzt schon praktisch sehr nahe liegt, deren Bedeutung aber in der Zukunft immer schärfer hervortreten wird. Gilt es Göttlichem, so lautet ein alter jüdischer Satz: so hebt die Lehre auf: Es laasos ladonaj, heferu torasso. Und wie die hebräische Sprache, der jüdische Kalender, so werden auch die altorientalischen Gebräuche mehr und mehr aus dem Bereiche jüdischer Uebungen schwinden und dem jüdischen Altertümer zufallen. Die Gebetriemen und Gebetkasten erblickten wir auch am Arme wilder, numidischer Völkerstämme, gleichfalls als religiöse Heiligtümer. Sie entstammen also einem uralten heidnischen Brauche; das Judentum behielt ihn bei und suchte ihn mit einer sinnigen Symbolik zu erfüllen. Das beweist, wie man es in den altjüdischen Zeremonien keineswegs mit ursprünglichen Eigew tümlichkeiten zu tun hat, sondern mit örtlich und zeitlich überlieferten. So die Beschneidung, die den Juden mit den Türken, den Arabern, den wilden Völkern heißer Zonen gemeinsam ist, die sie aus Aegypten herübernahmen, und deren jüdisch-romantische Deutung als Bundeszeichen ein nachträgliches Mittel ward, das damals geographisch Vorgefundene, damals hygienisch und klimatisch erforderte religiös zu weihen. Umgekehrt ist ja auch die Taufe — tewila — jüdischen Ursprungs. Das Judentum erforderte sie, die Abspülung mit Wasser, zur Aufnahme von Nichtjuden. Das Christentum hat der Taufe eine solche Auslegung gegeben, Dieser Geist ist bestimmt durch eine eigentümliche Zweiseitigkeit: Heiße Abenteurerlust und dämonische Getriebenheit steht strengster Zucht und kritischer Vernunft gegenüber. Neben dem Preußen, dem Verehrer der Antike, dem Verfechter der Regel steht der Weltbürger, der Verehrer Shakespeares, der Verkünder des Genies. Neben dem Heroismus des Philotas, neben der männlichen Strenge Tellheims, neben eisernem Kämpferwillen steht die Gefühlswärme Minnas, das Toleranzevangelium Nathans, neben unbedingtem Willen nach Freiheit die demütige Hingabe an das ,.k!en Kai pan'' des Spinoza, heilige Bindung tiefster Religiosität. Vernunft und Gefühl, Kraft und Liebe - es sind die zwei Elemente des deutschen Wesens, die in Lessing sich begegnen. Und es ist das Wunder des deutschen Menschen, das in ihm ihre innigste Vereinigung wirkt. Solche Vereinigung aber tut uns heute besonders not, da vielleicht mehr als in anderen Zeiten jene beiden Tendenzen getrennt und feindlich gegeneinanderstehen, hier kalte Vernunft, dort bloße Triebhaftigkeit des Blutes das Leben der Menschen beherrscht. Im Anschluß an die Gedächtnisrede von Prof. Strich lesen Arthur Krausneck aus der Prosa und den Briefen Lessings (die Briefe über den Tod seines Sohnes und seiner Frau, die auch Ernst Ginsberg in der Feier der Volksbühne gelesen hatte) und Leopold Jeßner aus der Hambnrgischen Dramaturgie. Nach einer Pause folgt dann eine Ausführung des „Philotas" (in der Inszenierung von Jürgen Fehling). Lothar Müthel gibt der Gestalt und dem Wort des Prinzen eindringlichste Lebendigkeit. Zum 26. Januar lud die Kant-Gesellschaft zur Feier Lessings in die Alte Aula der Universität. Nach dem Bortrag eines Satzes aus der H-moll-Suite von Bach durch Mitglieder des Akademischen Orchesters begrüßt der bewährte Geschäftsführer der Kant-Gesellschaft, Prof. Dr. Arthur Liebert, die Versammlung. Er weist hin vor allem auf die innere Verwandtschaft von Kant und Lessing: Was der Königsberger Weise in seiner Kritik der praktischen Vernunft lehrte, die sittliche Autonomie des Menschen, das hat Lessing gelebt! Die Festrede hielt Prof. Dr. Eugen Kühnemann. Breslau, ficfftnp ist der Kämpfer für die Freiheit des Menscheu. So ist denn auch sein Leben durch und durch sie so scharf als den entschiedensten Gegensatz zum Judentum betont, daß sie selbstverständlich auch ein solcher bleiben wird. Das jüdische Schächten, das den Fleischer zum Religionsbeamten weiht, ruht aus tierärztlichen Erfahrungen der alten Zeit, in welcher der Priester zugleich der Arzt war. Ausschließlich jüdisch ist es nicht. Die Perser und andere orientalische Völker üben es heute noch, und gleichfalls mit dem Nimbus religiösen Rituals. Unsere heutige Tierarzneikunde kann aber unmöglich mit dem Maße gemessen werden, das man vor Jahrhunderten anlegte. Das Verbot gewisser Speisen, gewisser Körperteile z. B. des Hinterviertels, das im 1. B. M. 32, 33 so seltsam begründet wird, hängt mit dem damaligen Tierkultus der alten Aegypter zusammen. Es ist ebenso volkswirtschaftlich, als gesundheits- und armenpolizeilich geboten, daß man endlich aufhöre, das Judentum im Schächtermesser und im koscheren Kochtopfe zu suchen. Auch andere Bräuche des jüdischen Rituals, die im Laufe der Zeit weihevolle Bedeutung gewonnen, erweisen sick hem kritischen Blicke als Reliquien aus den Uranfängen der Kultur. So das Widdechorn, dieser Urtypus des einfachsten musikalischen Instrumentes, dessen Mißtöne die Romantik geschickt symbolisiert hat. Das ungesäuerte Brot ist ein UebervleibsÄ aus den uralten Zeiten der häuslichen Brotzubereitung: die Bibel erzählt, daß schon Lot in Sodom ungesäuertes Brot vorsetzte (Mazos) im Gegensatz zu Abraham, der ihnen (ugot) bot. 1. Buch Moses, Kap. 19, 3, 18, 6. Freilich wußte man in der Zeit, als diese Erzählung geschrieben wurde, noch nichts von dein Verbot, Fleisch und Milch zusammen zu genießen, das sonderbarerweise in den dreimal wiederholten, jedenfalls sprichwörtlichen Bibelsatz: Koche das Böcklein nicht in der Milch seiner Mutter - d. h. offenbar: sei barmherzig auch gegen Tiere talmudisch hinein gedeutelt ivotden . ist. Tic Laubhütte ist ein Wahrzeichen des alten Nomadenlebens. Palme und Paradiesapfel zu so sinnigen SymbolisiL.run.gen sie Anlaß boten - können als exotische Pflanzen unmöglich den bezeichnenden Ausdruck unseres Dankes für den Erntesegen geben; das würde beim Erntefest unser Erntekranz, unter Getreide, unsere Traube richtiger tun. Tie pergamentne, kunstvoll geschriebene Thorarolle mit ihren, an katholischen Kirchenbrauch erinnernden Umhüllungen: dem Mäntelchen, den Glöckchen, der „Stola und dem Cingulum", ist sie heiliger, stimmt sie ernstlich weihevoller, als das gedruckte Buch? Ist die Erfindung der Buchdruckerkunst nicht auch ein göttlicher Segen? „Sich nicht aus die Hülle, sondern auf das, was darin stcht." Dem Geschichtsforscher und Altertumsfreunde ergeben diese Ritualien sehr schätzenswerte Einblicke. Ihr religiöser Wert hängt von den Gefühlen ab, die man in sie hineinlegt. Die Seele des Judentums: die hin gebende, kindlich e Liebe zu Gott, dem Vater a ller M en schein „Tu sollst lieben den Ewigen, deinen Gott, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit allem Vermögen; die allgemeine werktätige Liebe für alle Menschen — „du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst" — Sittlichkeit und Tugend - „heilig sollt ihr sein", „rein die Hand und lauter das Herz, ohne Falsch die Seele" - diese Seele des Judentums hat mit den Formen und Hüllen ein dramatisches. Und es hat sein gutes Recht, wenn er in der Erinnerung seines Volkes vor allem als Dramatiker geblieben ist. Jede der vier Perioden seines Lebens findet denn auch in der Tat 'hren höchsten Ausdruck in der Ge^ statt eines dramatischen Werkes. Tie Miß Sara leitet die Reihe dieser Dramen ein. Sie ist allerdings noch kaum mehr als ein reines Jugendwerk. In der Minna dagegen erschließt der Dichter als Erster dem Theater seiner Zeit die Wirklichkeit der Gegenwart. Um Probleme der Gegenwart handelt es sich dann weiter auch in der Emilia Galotti. Ter Nathan geht über das Leben der Zeit hinaus und macht zuerst die Bühne zum Tribunal ewiger Ideen der Menschheit. In höchstem Grade dramatisch sind in Wahrheit auch Lessings theologische Streitschriften, gleichzeitig gegen die buchstabengläubige Orthodoxie und die seichte Freigeisterei der Aufklärung gerichtet. Hier finden sich Feststellungen, die in aller Einfachheit von ewigem Werte sind. „Die Bibel ist nicht die Religion, und der Buchstabe nicht der Geist..." Wie Kant so ist auch Lessing - beide vor allem die großen Kritiker in der deutschen Geistesgeschichte — Verfechter der Freiheit und Unabhängigkeit der Wissenschaft und zugleich Verfechter der vollen Freiheit wahren religiösen Lebens. Außer den Feiern, von denen hier näher berichtet wurde, sind noch zu nennen: 17. Januar. Lessing-Musenm. Vortrag: Georg Richard Kruse: Lessing-Lieder aus drei Jahrhunderten. 20. Januar. Lessing-Hochschule im Reichstag. Festrede: Prof. Dr.« Friedrich Gundolf, Heidelberg. 21. Januar. Akademie der Künste, Sektion für Dichtkunst. Redner: Max Lrebermann, Prof. Dr. Julius Petersen, Thomas Mann. 22. Januar. Am Lessing-Dcnkmal im Tiergarten. Ansprache: Ludwig Fulda. 22. Januar. Lessing-Museum. Bortrag: Dr. Hans Henning: Lessing und Berlin. Enthüllung von vier Gedenktafeln. (für Theodor Körner, Dora Stock, Fr. Nicolai, Elisabeth v. d. Recke) am Hause des Lessing-Museums. 22. Januar. Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht. Rezitationen: Dr. Gustav Mauz. Festrede: Wilhelm Schäfer. 22. Januar. Demokratischer Klub. Bortrag: Dr. Arthur Eloesser: Was ist uns Lessing heute? 23. Januar. Rathaus. Feier der Stadt Berlin. Rezitationen: Friedrich Kayßler, Erwin Kaiser. Festrede: Arnold Zweig.