Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 4 (25.1.1929)
- Date
- 1929-01-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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während der letzten ReprLsenttmtentvahlen bereits in einem früheren gerichtlichen Vergleich zurückgenommen habe. Es gäbe in diesen Dingen eine Sauberkeit, die der Schreiber des Artikels nicht empfunden hat. (!) Prof. Dr. Türk befaßt sich zunächst mit der Mittelpartei. Es sei' interessant, zu sehen, wie die Teile des Blocks, unter dem die Liberalen ja lange Zeit gelitten haben, jetzt auseinandergehen. Eine Mittelpartec könne eine sehr begründete Existenzberechtigung haben: n>cnn sie nämlich darauf bedacht sei, Rechts und Links zusammenzuführen. Ditz Mittelpartei der Berliner Gemeinde aber sei das unfruchtbarste Partei-- gebilde, das überhaupt denkbar sei. Diese Mittelpartei habe sich dekuvriert als nichts weiter als ein ideenloses Anhängsel der Volkspartei. Nicht eine einzige Anregung in der Gemeinde sei von ihr ausgegangen. Ueber die vorzeitige Veröffentlichung der Verhandlungen, die gepflogen worden sind, ist Herr Prof. Türk etioas erschrocken geivesen, aber die Sache scheint ihm von Dr. Klee doch übertrieben zu sein. Teile aus dem Artikel waren kein Geheimnis mehr, schon des>oegen, weil im Rat des Preußischen Landesverbandes über die Abmachung zur Verkürzung der Legislalurperiode in aller Oessentlichlcit besprochen worden ist. Prof. Türk legt dann vom Standpunkt der Liberalen die Abmachungen dar. Die Situation der Liberalen war ja die ungünstigere,- denn sie iind die Minderheit und standen einer geschlossenen Mehrheit gegenüber, zu der die Mittelpartei ihr Teil bcigetragen hat. Für die Liberalen tvar es deshalb wichtig, daß durch Vereinbarungen die Legislaturperiode abgekürzt wurde. Wrr hätten die Mögtichkeit gehabt, uns m dieser Frage zur Wahrung unseres Standpunktes an die Be Hörde zu wenden. Wir wußten aber befürchten, daß eine Entscheidung der Behörde sehr lange dauern würde, auch wäre es für uns nicht nigenehm, eine staatliche Behörde in dieser Frage in Anspruch zu nehmen. Dip Verhandlungen mit der Volkspartci sind nicht etwa „Fricdensverhandlungen" gewesen. Geistiger Friede ist geistiger Tod, und die verschiedeilen Auffassungen der beiden beteiligten Richtungen über das Wesen des Judentums werden trotz aller Abmachungen verschieden bleiben. ES handelt sich nur um einen modus vivendi. Wenn wir die Ucbernahme der Schule in der Rykestraßc konzediert haben, so ist das geschehen, weil es sich hier vornehmlich um eine ostjüdische Schule Handel!, an der Lehrer für Hungerlöhne gearbeitet haben. Eine Ucbernahme haben toir für besser gehalten als eine Subvention, da wir dann auf die Führung der Schule Einfluß ausübcn können. Es ist ferner vereinbart worden, daß in allen Personalfragen?(ne vorherige Besprechung ztvischen beiden Parteien stattsinden soll, mit dem Bemühen, sich zu einigen. Bezüglich Palästina stehen wir auf bern Standpunkt, daß wir uns nicht der Tatsache verschließen können, -aß in Palästina viel geleistet wird, unabhängig davon, ob die Bewegung für Palästina eine nationale oder humanitäre ist. In Anerkennung dessen, daß die Universität in Jerusalem ein wissenschaftliches Institut ist, haben wir in dem Abkommen eine Summe konzediert. Dafür haben wir erreicht, daß für den Keren Hajessod in den nächsten iwei Jahren keine Forderung in der Gemeinde erhoben werden wird. Wir glauben, mit diesen Abmachungen dem Frieden gedient zu haben. Durch die Abmachungen ist keineswegs ausgeschlossen, daß die Liberalen auch weiterhin für ihre Ideen kämpfen. Moritz A. L o e b geht nochmals kurz auf die Schulfrage ein und weist dann darauf hin, daß Dr. Klees Mitteilungen eine gervaltige Lücke ausweiscn. Tie Volkspartei war die Verpflichtung eingcgangcn, sich in allen wichtigen Fragen mit der Mittelpartei und mit den Konservativen ins Benehmen zu setzen. Diese Vereinbarung ist nicht gehalten worden. Im vorigen Herbst hat Herr Dr. Klee den beiden, Parteien Mitteilungen von seinen Verhandlungen mit den Liberalen gemacht. Herr Dr. Klee war überrascht, als wir ihm sagten, wie er dazu komme, hinter unserem Rücken Verhandlungen mit den Liberalen zu pflegen. Er hat vielleicht erwartet, daß wir ihm einen Lorbeerkranz stiften würden für die Verhandlungen, die er ohne unser Einverständnis geführt hat. Damals haben die Herren der Volks- Partei das Versprochen gegeben, ohne uns nicht weiter zu verhandeln, und dieses Versprochen, das sie nicht abstreiten können, haben sie gebrochen. (Zuruf Tr. Klee: Das ist unerhört!) Herr Dr. Klee will uns glauben machen, er habe mit den Liberalen kein Abkommen getroffen, er spricht von einem gentlemen agreemcnt und behauptet, er habe keine Bindungen. Er hätte die liberalen Herren vorher barauf abstimmen sollen, denn Herr Prof. Türk hat wiederholt von Abmachungen und Vereinbarungen gesprochen, die zwischen der Volksvartei und den Liberalen getroffen worden sind. Herr Dr. Klee wird» diese Tatsache mit seiner Dialektik nicht aestreiten können. Loeb wendet sich dann gegen die Abmachung für Palästina; die Universität sei etwas, was im besten Falle in zehn bis zwanzig Jahren Segen stiften werde, viel wichtiger sei beispielsweise die Errichtung von Schulen für Kinder in Palästina, damit diese nicht Missionsschulen besuchen müßten. (Große Unruhe im Saale. Der Vorsitzende bittet wiederholt um Ruhe für den Redner.) Die Vereinbarung über die Besetzung von Bcamtenposten bedeute eine Ausschaltung der übrigen Parteien. Bezüglich des Zusammensitzens in der Synagoge Prinz' regentcnstraße müsse er fragen, seit wann man denn eine Abstimmung sreigebe, loenn man gegen eine Sache wirken will. Es liege ein Abkommen mit den Liberalen vor, das die Einführung des Zusammen sitzens in der Prinzregente,istraßc bezwecke. (Zuruf Klee: Das ist nicht wahr. M. A. Loeb: Sie scheinen es für Ihr Monopol zu halten, mich zu unterbrechen. Dr. Klee: Sie sagen unwahre Dinge. Vor sitzender: Ich kann cs nicht durchgehen lassen, daß Sie, Herr Dr. Klee, einem Redner ösfenilich Unwahrheit vorwcrfen.) Loeb fährt fort: Es bleibt mir nur übrig zu sagen, daß Herr Dr. Klee Dinge als unwahr hinstellt, die ihm unbequem sind. Ueber eines ist Herr Dr. Klee mit bemerkcnslvcrter Geschwindigkeit h-inweggegiitten. Er sagte, daß wir bei der Synagoge der Reformgcmeinde gebunden seien. (Zuruf Klee: Sie müs>en bei der Wahrheit bleiben. Vorsitzender: Ich kann nicht dulden, daß die Herren sich in öffentlicher Sitzung gegenseitig der Unwahrheit beschuldigen; ich rufe beide Herren zur Ordnung.) Loeb geht nun näher auf die Angelegenheit der Reforrngemein-de ein, bei der er jede Bewilligung als eine Unterstützung ansieht, zu der die Gemeinde nicht verpflichtet ist. Zur Frage der Legislaturperiode bemerkt er, daß, um 1930 Voilwahlen stattsinden zu lassen, nicht nur die Majorität, sondern die Zustimmung sämtlicher Reprä sentanten erforderlich sei. Ec deutet an, daß vielleicht ein Dreimännerkollegium (die Mittelvatteiler und er) in der Repräseniantenversammlung verbleiben werden. Herr Dr. Klee werde mit seiner forensischen Kunst und seiner Dialektik nicht den Eindruck verwischen können, daß die Vvlkspartei sich unter Preisgabe ihrer Bundesgenossen zur Erringung besonderer Parteivorteile mit den Liberalen verbunden habe. Diy Jüdisch-liberale Zeitung habe sich ein Verdienst damit erworben, daß sie das, was hinter den Kulissen gesponnen werde, in die Oefsentlichkeft gebracht ha'oe. Der Vorsitzende des Gemeindcvorstandes, K a r e s k i, klärt nunmehr zunächst aus dcm Gedächtnis, auf Vorhaltungen des Herrn Loeb dann auch aus den Akten, die Verpflichtung der Gemeinde gegenüber der Reformgemcinde auf. Es steht fest, daß die jüdische Gemeinde sich verpflichtet hat, der Rcsormgemeinde zur Erlangung C-,tXC^«>neU— Gotteshauses im Westen behilflich zu sein. Hierin ist eine Verpflichtung der Gemeinde zu erblicken. Wenn die Bestimmung in dem Vertrage einen Sinn haben soll, so muß sie sich auch in Geld, ausdrücken; denn mit dem Nachweis eines Grundstückmaklers wird wohl der Reformgemeinde nicht Genüge getan sein. Mit Rücksicht auf die Finanzlage der Gemeinde wurde in der damaligen Zeit eine Bindung auf irgendcrue Summe nicht vor genommen, doch sollte die Frage in Zukunft wohlwollend behandelt werden. Wenn das nicht die Zusage einer materiellen Beihilfe sei, so habe die deutsche Sprache für ihn ihren Sinn verloren. Dr. Weiße (Mittelpartei) beginnt nun zur allgemeinen Ueberraschung mit der Verlesung des Abkommens, das die Jüdische Volksparrei, die Mittelpartei und die konservative Partei geschlossen haben. (Die diesbezüglichen Schriftstücke werden ihm während seiner Rede von dem gleichfalls der Mittelpartei angehörenden Dr. Freund weggenommen.) In dieser Abmachung habe sich die Vvlkspartei schriftlich verpflichtet, sich in allen wichtigen gemeindlichen und Personalangelogenheiten mit der Mittelpartei in Verbindung zu setzen. Die Verpflichtungen, die hierdurch von der Vvlkspartei eingegangen waren und die schriftlich unterzeichnet sind, sind bei den Verhandlungen mit den Liberalen nicht eingehakten worden. Sie haben es verabsäumt, uns vorher zu informieren, wo es sich um wichtige Gemeindcangelegenheiten gehandelt hat. Das ist etwas, was nicht fair ist. Dr. Weiße wendet sich dann gegen die Ausführungen von Professor Türk. Die Mittelpartei Hab« vor allem das Bestreben, gegen jeden Radikalismus, er komme von links oder von rechts, zu wirken. (Zuruf Prof. Türk: Darum haben Sie mit dem Radikalismus von rechts ein Bündnis geschlossen.) Die Abmachungen der Volkspartei mit der Liberalen Partei stehen nicht im Einklang mit den Verträgen, die die Voltspariei mit der Mittelpartei geschlossen hat. Ich möchte bitten, daß da in Zukunft ernster vorgegangen wird, und daß man Verpflichtungen, die man eingegangen ist, auch hält. Die Volkspattei hat einen Vertrag, den sie unterzeichnet hat, nicht so erfüllt, wie man cs hätte erwarten dürfen. Nach weiteren Ausführungen der Volksparteiler K o l l e n s ch e r, Klee und Landgerichtsrat Rau stellt Dr. Fleischer (liberal) fest, daß Dr. Weiße zwei Abmachungen irr der Hand gehalten hat; in einer dieser Abmachungen stehe, daß die Mittelpartei zusammen mit den Zionisten gegen die überwiegende Mehrheit der Berliner Jüdischen Gemeinde einen Pakt geschlossen hat. Diese Tatsache hat die Mittel- Partei, insbesondere auch Kommerzienrat Simon, bisher stets bestritten. Herr Loeb habe in der Jüdisch-liberalen Zeitung in einem Aufsatz gegen Herrn Justizrat Chodziesner gleichfalls das Vorhandensein eines derartigen Blockvertrages abgestritten. Auch von der Vollspartei ist hierüber stets geschwiegen worden. Darauf müsse man Hinweisen, wenn Herr Dr. Klee hier über Sauberkeit spräche. Er geht dann auf die persönlichen Angriffe gegen den Redakteur der Jüdisch liberalen Zeitung ein. Die Beleidigungen, die früher zurückgenommen worden sind, sind in der letzten Nummer der liberalen Zeitung nicht wiederholt worden, sondern es ist nur ein wörtliches Zitat tviederbolt, das dem Entscheid des Polizeipräsidenten entnommen ist. Die Bedenken gegen den Vorsitzenden brauchten ja wohl nicht chrenkränkcnder Natur zu sein. Sie können auch bestehen wegen des Temperaments oder der nationalen Einstellung der Persönlichkeit. Weite Kreise der Gemeinde sind mit der nationalen Einstellung des Vorsitzenden des Gemeindevorstandes nicht einverstanden, und ich kann feststellen, daß weite Kreise der Liberalen mir der Jüdisch-liberalen Zeitung im ganzen durchaus einverstanden sind. M. A. Loeb teilt mit, daß Anfang der Woche eine Aussprache zwischen sämtlichen Vertretern der Mittelpartei und der konservativen Richtung stattgefundcn habe. Man habe folgende Erklärung schriftlich niedergclegt. In ihrer Nummer 2 gibt die Jüdisch-liberale Zeitung Kenntnis von einem Abkommen zwischen der liberalen Fraktion und der Volkspartei, durch das beide Parteien unter Umgehung des geordneten Geschäftsganges wie der übrigen Parteien sich über eine Reihe wichtiger, im Laufe der nächsten Zeit zu treffenden Entscheidungen verständigt: haben. Es handelt sich nach dem genannten Blatte um: Dauer des Mandats der Repräsentantenversammlung (Ablauf für 1930 vorgesehen), Aufhebung der Trennung der Geschlechter in der Synagoge Prinzregentenstraße, , Ban einer Synagoge für die Reformgemeinde, usw. usw. Gegen diese dem Sinn und Wort unserer Gemeindevcrsassung widersprechende Ausschaltung der Gesamtheit der Repräsentantenversammlung, die schwerwiegende Entscheidungen der Kontrolle und dem Lichte der Ocfsentlichkeit entzieht, legen die Unterzeichneten Vertreter der Konservativen- und Mittelpartei hiermit Protest ein. Sie glauben,, ihren Wählern wie sich selbst die Erklärung schuldig zu sein, daß sie sich bei allen künftigen Beratungen in jeder Hinsicht vollkommen freie Hand Vorbehalten. gez. Gehcimrat Stern, Rabb. Dr. Weiße, Moritz A. Loeb. Als letzter Redner bemerkt von der liberalen Fraktion Rechtsanwalt Stern, daß die liberale Fraktion, die größte dieses Hauses, hinter der die Mehrheit der Berliner Gemeinde stehe, ein gewisses Recht zu haben glaube, sich dagegen zu schützen, daß kleine Parteien durch gewisse Abmachungen mit der größten Fraktion nach den Liberalen sich einen Einfluß verschaffen, der in gar keiner Werse zu ihrer wirklichen Geltung in der Gemeinde stehe, Das wird man den Liberalen nicht nur danken, sondern das wird auch zur Bereinigung der Atmosphäre in diesem Saal beitragen. > Hierauf wird die Beratung dieses Punktes abgeschlossen. Unter völliger Teilnahmslosigkeit des Hauses werden noch einige weitere Vorlagen beraten, auf die wir evtl, noch in unserer nächsten Nummer zurückkommen werden. Nach kurzer Zeit beantragt Prof. Türk Vertagung der gesamten Sitzung, die auch beschlossen wird. In Erwartung der Sintflut Von George Goetz. Motto: Hier hat sich Schuld in Schuld zu fest verbissen, Als daß man noch zu Einem sagen könnte: Tritt Du zurück! — Sie stehen gleich im Recht. Wenn sich die Rache nicht von selbst erbricht Und schaudernd sich vom letzten Brocken wendet, So stopft ihr keiner mehr den grausen Schlund. (Friedrich Hebbel.) Auf der Publikums-Tribüne des Berliner Repräsentanten- Saales kommt man sich ein wenig vor wie der liebe Gott: man sieht sich die Menschen und ihr Treiben von oben ans man sieht, daß „der Menschen Bosheit groß ist auf Erden, und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse immerdar". Und wenn man dann daran denkt, daß man ja diese Repräsentanten-Versammlung selber mitgewählt hat, so gewinnt auch die Fortsetzung des hier zitierten Bibelwortes chre Bedeutung: „Da reuete es ihn, daß er die Menschen gemacht hatte aus Erden." Die Konsequenzen solcher Betrachtung, die übrigens auch in der Bibel stehen, ergeben sich von selbst. Nicht über Partei-Ideologien soll hier gesprochen werden; mit Ideologien, mit Religion, mit Judentum hat diese Repräsentanten-Versammlung kaum noch etwas zu tun. — Unser Blatt vettritt rückhaltlos die Ideologie des jüdischen Liberalismus, es achtet auch die von ihr aus liberaler Ideologie abgelehnten Gedankengebäude der Orthodoxie und des Zionismus. Und gerade aus dieser Achtung vor dem Judentum und seinen Einzelanfchauungen heraus muß es sich wenden, gegen eine Repräsentanten-Bersammlung, die alles mögliche repräsentiert, nur nicht die jüdische Religion, nur nicht das Judentum. — Nur von den Fraktionen als konkreten Parteigebilden sprechen wir hier-die Welt mag die gleiche bleiben, wenn sie nur mit neuen Menschen bevölkert wird; wie zur Zeit der Sintflut. Da ist zunächst der Konservative, Herr Moritz A. Loeb. In der „Jüdisch-liberalen Zeitung" Nr. 16 vom 20. April 1928 veröffentlichte er einen Offenen Brief an Herrn Justizrat Chodziesner, in dem er die Existenz des von uns behaupteten mittelparteilich-konservativ-ziomstischen Blocks mit Entrüstung und Pathos bestritt. Nachdem nun die Jüdischliberale Zeitung in ihrer Nr. 2 vom 11. Januar 1929 wichtige Teile eines zwischen Zionisten und Liberalen geschlossenen Abkommens veröffentlicht hat — eines Abkommens, das Herrn Loeb auch vor unserer Veröffentlichung in seinen wesentlichen Teilen längst bekannt war — sp'.elt er den Ueberraschten und klagt in einer großen Jnterpellationsrede die Vvlkspartei des Hochverrats gegenüber der bisher von ihm so nachdrücklich bestrittenen Blockmehrheit an. Nun, es ist ihm von seinem eigenen Blockkollegen Dr. Klee so deutlich gesagt worden, daß er nicht die Konservativen Berlins hinter sich hat, und daß er nach Beendigung dieser Legislaturperiode nicht wiederkehren wird, daß wir uns mit chm hier nicht weiter zu beschäftigen brauchen, zumal ja auch außerhalb der Repräsentanz Widerstände genug gegen ihn vorhanden, sind. * Dann sind da die Volksparteiler, die Zionisten. Sie haben ein Blockabkommen mit den Konservativen und der Mittelpartei, aber sie treffen getrost auch ein Abkommen mit den Liberalen. Dagegen wäre ja nun an sich nichts einzuwenden: ich kann mich von meiner Frau scheiden lassen und nach vollzogener Scheidung eine Andere heiraten. Als nun aber das zweite Abkommen herauskam — und wenn w i r es nicht veröffentlicht hätten, so wollte der liberale Fraktionssührer Professor Türk, wie er uns nachträglich sagte, es in der Sitzung bekanntgeben —, da erklärte der zionistische Fraktionsführer Dr. Klee, das alte Blockabkommen bleibe natürlich in Kraft; er habe mit den Liberalen auch gar kein Abkommen, sondern nur ein uZreement (!!). Ist Bigamie strafbar? In der Berliner Repräsentanten-Bersammlung offenbar nicht. - Was Herr Dr. Klee sich sonst an diesem Abend iwch geleistet hat, indem er einen politischen Gegner persönlich verunglimpfte, das wird an anderer Stelle dieses Blattes besprochen werden und auch wohl noch ein Nachspiel haben. Nur so viel: Dr. Klees Wirken fördert nicht das öffentliche Ansehen einer Religionsgemeinde. Im übrigen sei Dr. Klee hier bescheinigt, daß seine Verteidigungsrede für die Zwei-Dündnis-Politik feiner Fraktion zwar dialektisch sehr geschickt war, daß aber all seine dialektische Geschicklichieit nicht eine Seele im Saale überzeugt hat; weder seine verratenen, bisherigen Bundesgenossen am Verhandlungstisch, noch sein über die Wendung der Dinge höchst erstauntes Publikum auf der Galerie. * Ganz kläglich steht es mit der „Religiösen Mittelpattei für Einheit und Frieden". Sie hätte das Zünglein an der Waage bilden können, aber durch ihren Anschluß an Volkspartei und Konservative trägt sie die Hauptschuld an der Erttchtung des Mehrheitsblocks und an der Aufrichtung der Parteidiktatur in der Gemeinde. Was Wunder, daß sie deshalb das Bestehen eines Mehrheitsblockes bisher immer abgestritten hat! Und welch Schauspiel nun, daß ihr Patteiführer Rabbiner Dr. Weiße, der sich der Hochverratsklage des Herrn Loeb anschloß, nun selbst das alte Abkommen in öffentlicher Rcprasentantensitzung aus der Tasche zog und zu verlesen begann! Und daß er sich von Dr. Klee dann sagen lassen mußte, sein eigener Parteigenosse Kommerzienrat Gersou Simon habe die Verhandlungen zwischen Volkspartei und Liberalen inspiriert, in jedem einzelnen Stadium verfolgt und sei über ihren Fortgang hocherfreut gewesen! * Und was sagen zu dem allen die Liberalen? Ihr dritter Fraktionsredner R.-A. Stern hat wiederholt erklärt und sagte das z. T. auch in der Reprasentanten-Sitzung, man habe den Einfluß der kleinen Parteien aus schalten und sich als größte Fraktion mit der zweitgrößte«, auf ein sachliches Gemcindeprogramm einigen wollen, - eine im Hinblick auf den Erfolg zweifelhafte, aber sicherlich ehrenhafte Politik. Um in dem oben gebrauchten Bilde zu bleiben: Ten geschiedenen Mann kann eine Frau gettost heiraten. Wenn nun aber dieser Mann erklätt, er wolle mit ihr kein Heiratsabkommen, sondern nur ein Agreement — was ist sie dann von ihm? Er hat mit ihr Bigamie getrieben, aber in dem Augenblick, da sie davon erfährt, muß sie sich von ihm lossagen, oder sie macht sich mit schuldig. Tie Liberalen müssen daher verlckngen, daß die gesamten Abmachungen, die bisher in geheimnisvolles .Halbdunkel gehüllt waren, restlos aufgedeckt werden. Sie müssen Dr. Klees Jnterprttation von ihnen mit der Volkspartei getroffenen Abkommens mit Entrüstung zurückweiscn, dürfen sich die von ihm versuchte Bagatellisiernng desselben nicht gefallen lassen (und ebenso wenig dessen illoyale Angriffe auf den liberalen Manu am Pressetisch, der in der Repräsentantensitzung nicht erwidern kann, es in dieser Zeitung aber umso gründlicher tun wird). Nun schreibt die Jüdische Rundschau (Nr. 5 vom 18. 1. 29) über die Verhandlungen zwischen Volkspattei und Liberalen folgendes: Ein Abkommen über die gesamte Gemeindepolitik, das also an die Stelle des bisherigen Blocks eine neue Koalition setzen sollte, ist nicht getroffen worden. Lediglich um eine so große Minderheit wie die Liberalen nicht auszuschalten, find mit ihr einige praktische Fragen der Gemeindearbeit besprochen worden, über die üne Art von „Aentlemen'8 axreement" zustande kam. Die Rundschau knüpft an diese Mitteilung die Bemerkung, sie erwarte von der liberalen Fraktion, daß diese sich wegen der „irreführenden Mittellungen" mit der Jüdisch-liberalen Zeitung auscinandersetze. W i r erwarten von der liberalen Fraktion, bzw. von den Herren, die die Unterhandlungen mit der Volrspattei geführt haben, „um die kleinen Parteien auszuschalten", daß. sie unverzüglich ihre Abmachungen mit der Volkspartei schriftlich fixieren und der Oeffentlichkeit vorlegen. Wir erwarten ferner, daß die liberale Frattion die Publizierung der zwischen den alten Blockpatteien bestehenden Abmachungen fordert. Dann wird sich zeigen, ob die Mitteilungen der Jüdisch-liberalen Zellung oder die der 'Jüdischen Rundschau „irreführend" find. * Schließlich ist im Zusammenhang mit dem Vorsitzende«, der Repräsentantenversammlung noch etwas zu bemerken. Das ist bekanntlich Herr Geheimrat Stern, ein ehemaliger Liberaler, jetziger Mittelparteiler. Alle, die diesen alten Herrn auch nur einmal im Präsidentenstuhl gesehen haben, sind sich über seine Unzulänglichkeit als Vorsitzender einig. Wohlgemerkt: nicht sein Alter, sondern daß er einen Posten bekleidtt, dem er nicht mehr gewachsen ist, wird hier gerügt. Es ist erschütternd zu wissen, daß er es überhaupt nicht gemerkt hat, wie Dr. Klee den in der Sitzung wehrlosen Redakteur dieses Blattes in unparlamentarischer Weise persönlich verunglimpfte, daß er ihm nicht das Wort abschnitt, daß er ihn nicht zur Ordnung rief. Jetzt soll ein anderer, jüngerer Präsident gewählt werden; um ihm aber den Abgang zu versüßen, will man chn zum „Ehrenmitglied der Berliner Jüdischen Gemeinde" machen, eine Würden die bisher noch nie verliehen wurde. Es ist zu hoffen, daß dieser Anregung nicht ein einziger Liberaler zustimme, denn das wäre ja geradezu eine Belohnung für seinen Abfall