Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 4 (25.1.1929)
- Date
- 1929-01-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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BctHnet ~ In der Berliner Repräsentanteirversamrnlung gab es am Donnerstag der vergangenen Woche Debatten, die endlich das Dunkel der Abmachungen, die zwischen den verschiedenen Fraktionen bestehen, wenigstens in gewissein Umfange er hellten. Ausgangspunkt der Beratungen war die Verössent lichung, die im Anschluß an die Mitteilung von der Wahl des .Herrn ftareffi zum Vorsitzenden der Berliner Jüdischen Gemeinde in der Jüdisch-liberalen Zeitung vom 11. Januar 192t) erfolgte. Da hieß es u.a.: „Wenn die Gefahren, die die Wahl eines Zionisten zum Gcmeindcvorsitzenden mit sich bringt, nicht voll zur Auswirkung gelangen werden, so dürste das in erster Linie einem Abkommen zu danken sein, das vor kurzem die Liberalen der Berliner Gemeinde mit der jüdischen Volkspartei getroffen haben. Es erscheint uns zweckmäßig, daß die Liberale Fraktion in voller Oesfentlichkeit möglichst durch wortgetreue Publikation dieses Abkommen klarlegt, was sie mit ihm erstrebte, was sie erreicht hat und zu welchen Zugeständnissen sie sich bereit finden mußte. Wir glauben, zutreffend unterrichtet zu sein, wenn wir sagen, daß als Wesentlichstes festgesetzt worden ist, das; die Le gislaturperiode der jetzigen Repräsentantenversammlung be reits im nächsten Jahre, also 1930, abläuft, und daß dann durch eine völlig neue Wahl die Möglichkeit gegeben werden wird, die Wühler über die zukünftigen Geschicke der Berliner jüdischen Gemeinde entscheiden zu lassen. In dem Abkommen haben unseres Wissens ferner die Zionisten für die Zeit bis zum Ablauf der jetzigen Pc riode auf sämtliche Forderungen für Palästina sowie auf die Durchführung ihres Tchulprogramms verzichtet, wobei ihnen die Liberalen die Bewilligung der Kosten für einen Lehrstuhl für deutsche Literatur an der Jerusalemer Uni verfität und die Uebernahme einer in der Rykestraßc in Berlin bereits bestehenden privaten jüdischen Volksschule konzedierten, die alsdann selbstverständlich der Kontrolle und Aufsicht der zuständigen Gemeindeinstanzen unterstellt wird. Es ist ferner in dem Mkommen^ geregelt worden, daß die Besetzung wichtiger Beamtenposten usw. nur in beiderseitigem Einvernehmen erfolgt. Schließlich haben unseres Wissens die Zionisten noch Zugeständnisse in der Frage des Zusammensitzens von Männern und Frauen in der Synagoge Plinzregentenstraße gemacht und dein Bau einer neuen Synagoge für die Jüdische Reformgemeinde im Berliner Westen zugestimmb Durch dieses Abkommen dürfte also erreicht sein, daß trotz der Wahl des Herrn Kareski zum Gemeindevorsitzenden die zionistischen Sonderwünsche in der Gemeinde zurzeit nicht der wirklicht werden können. Wir haben cs für unsere Pflicht gehalten, in diesem Augenblick die wesentlichsten Bestimmungen der getroffenen Abmachung hier mitzuteilen. Wir glauben, es würde dem Grundsatz der Oesfentlichkeit der Politik entsprechen, wenn diese Abmachung in vollem Wortlaut publiziert wer den würde. Selbstverständlich wird durch diese Abmachung die Tatsache nicht beeinträchtigt, daß die Liberalen auch in Zukunft zu dem gegenwärtigen Regime in der Berliner Gemeinde in Opposition verbleiben." Es hat uns nicht überrascht, daß diese Veröffentlichung wie ein Blitzschlag die Gemüter in der Berlinep Repräsentantcnversammlung erregte. Wir haben die Veröffentlichung vprgenommen, weil wir wissen, daß mitunter durch ein Gewitter die Atmosphäre am schnellsten gereinigt wird. Dre Atmosphäre in der Berliner jüdischen Gemeinde hat der Führer der liberalen Fraktion, Prof. Dr. Türk, bereits vor einem Jahre als „Atmosphäre der Unwahrhastigkeit" gekennzeichnet. Seit jener Zeit sind die Verhandlungsformen vielleicht akzeptabler geworden, die Unwahrhaftigkeit hat nach unserer Empfindung aber leider eher zustatt abgenommen. Das haben die Debatten in der letzten Repräsentantenversammlung für jeden denkenden Menschen bedauerlicherweise ergeben. Seit Jahr und Tag haben wir hier auf Grund unserer Kenntnis der Verhältnisse behauptet, daß Mittelpartei, Konservative und Jüdische Volkspartei durch ein schriftliches Abkommen aneinander gebunden seien. Fortgesetzt ist diese Behauptung bestritten worden. Die „Religiöse Mttelpartei für Friede und Einheit der Gemeinde" hat es gewagt, noch im vorigen Jahre Werbezirkulare zu versenden, in denen sie behauptete, sie habe sich „jeder Partei gegenüber die volle Unabhängigkeit" gewahrt. Kommerzienrat Simon hat in der Repräfentantenversammlung bei der Einführung in sein Amt als Gemeindevorsitzender erklärt: „...Ich möchte ferner Gelegenheit nehmen, eine Legende zu zerstreuen, die mir zu Ohren gekommen ist, und die dahingeht, daß ich nach meinem Eintritt in den Vorstand meine Selbständigkeit in bezug auf künftige Beschlüsse ausgegeben hätte. Demgegenüber habe ich zu erklären, das; ich wie in der Vergangenheit so auch in Zukunft meine Selbständigkeit zu wahren wissen und niemals einem Zwange folgen werde, der meiner etgenen Ucberzeugung widerspricht." Die Religiöse Mttelpartei hat wiederholt behauptet, daß sie sich gegenüber jeder anderen Partei vollständige Freiheit bezüglich ihrer Entschlüsse bewahrt hat. Von konservativer Seite ist sogar in dieser Zeitung das Vorhandensein eines Blockabkommcns, durch das die 11 nichtliberalen Repräsentanten gebunden seien, bestritten worden. Die dritte an diesem Abkommen beteiligte Partei, die Jüdische Volkspartei, hat nichts unternommen, um gegenüber derartigen Ableugnungen der Wahrheit die Ehre zu geben. Wenn jetzt, verursacht durch unsere Veröffentlichung, in der Berliner Repräsentantenversammlung bas Abkommen der drei nichtliberalen Parteien klargeftellt und zum Teil von Herrn Dr. Weiße sogar verlesen wurde, — dem freilich Herr Dr. Freund schließlich das Manuskript entrißso scheint uns das der erste Schritt aus dem Wege zur Säuberung der Atmosphäre in der Berliner jüdischen Gemeinde. Wenn dann weiter von der konservativen Partei und der Mittelpartei dem zionistischen Fraktionsführer gesagt wurde, daß seine jetzigen Abmachungen mit den Liberalen nicht im Einklang mit den Verträgen stehen, die die Volkspartei mit ihnen geschloffen habe, und so aufgezeigt wurde, inwieweit die Volkspartei nach zwei Seiten Bindungen einzugehen vermag, so scheint uns das der zweite Schritt zur Säuberung der Atmosphäre in der Berliner jüdischen Gemeinde. Und wenn schließlich durch unsere Veröffentlichung erreicht worden ist, daß nunmehr die Llbmachungen der Bolkspartei mit den Liberalen resllos klargeftellt werden, so daß verhindert wird, daß Herr Dr. Klee mit seiner Dialektik schließlich das herausliest, was er herauszulesen wünscht, so scheint uns das der dritte Schritt zur Säuberung der Atmosphäre in der Berliner jüdischen Gemeinde. Daß aber diese Säuberung der Atmosphäre dringend geboten ist und keinerlei Zeitaufschub mehr verträgt, das dürfte den Eingeweihten ja wohl allmählich zum Bewußtsein gekommen fein. Immer stärker wird in Berlin die Indifferenz gegenüber der Berliner jüdischen Gemeinde. Immer mehr Stimmen melden sich, die die Beschäftigung mit Angelegenheiten der jüdischen Gemeindepolitik nicht mehr als eine Ehrenangclegenheit empfinden, sondern als eine Betätigung, die die Unerquicklichkeiten des Lebens nur noch vermehrt und die mit der Betätigung der eigenen religiösen Ueberzeugung kaum zu tun hat. Wir halten es' deshalb fürdringende jüdische Pflicht, die Zustände in der Berliner jüdischen Gemeinde so stark zu beleuchten, daß eine Aenderung der Verhältnisse unabweislich wird und die Gremien der Berliner jüdischen Gemeinde nicht mehr den Tummelplatz für politische Intrigen bilden, sondern Ställen ernsthafter Reubclebung jüdisch-religiösen Lebens werden. Es ist uns volllommen gleichgültig, ob dieser unser Kampf in jeder cinzelnen Phase Anerkennung findet oder nicht. Denn nicht ans dAnerkennung kommt es uns an, sonderit auf Aenderung. Tie liberale Fraktion der Repräsentantenvcrsammlung hat leider eine AcnDerung der Verhältiüsse in der Revräsentantenvcrsammlung bisher herbeizuführcn nicht vermocht. Wir sind überzeugt, daß ihr Streben mit dem unseren kdentisch ist, daß ihrem Streben der erforderliche Nachdruck durch die öffentliche Anssprache dessen, was ist, verliehen werden wird. Wir wünschten gewiß, im öffentlichen jüdischen Leben über erfreulichere Dinge berichten zu können. Und niemand wird sich mehr freuen als wir selbst, wenn bald dafür gesorgt werden wird, daß über derart unerquickliche VechLitnifse, wie sie gegenwärtig in der Berliner jüdischen Gemeinde bestehen, nicht mehr berichtet zu werden braucht. Wir haben in besondcretn Maße Verständnis dafür, daß für Herrn Dr. Klee durch unsere Veröffentlichung eine unangenehme Situation entstand. Wir haben wohl die loyalste Fordenmg ausgestellt, die deutbar ist, nämlich: „daß die liberale Fraktion in vollster Oesfentlichkeit möglichst ourch wortgetreue Publikation dieses Abkommen klarlegt, was sie mit ihm erstrebte, was sie erreicht hat und 'zu welchen Zugeständnissen sie sich bereit finden mußte." Wir hatten bisher angenommen, daß Herr Dr. Klee dein Grundsatz der Oesfentlichteit der Politik huldigt; im vorliegenden Fall hätte er offensichtlich eine weitere Geheimhaltung lieber gesehen. Herr Tr. Klee hat unsere Veröffentlichung mehrfach als falsch und irreführend bezeichnet. Seine Beweisführung hierfür entbehrt wahrlich nicht einer gewissen Komik. Wir nehmen also auf Grund der Ausführungen des Herrn Dr. Klee zur Kenntnis, daß das Abkommen kein Abkommen, sondern ein gentlemm agreement ist; wir haben mit Rücksicht aus die Situation, in der sich .Herr Dr. Klee befand, für diese seine Unterscheidung vollstes Verständnis. Wir haben uns mit Rücksicht auf die Situation des Herrn Dr. Klee auch bemüht Ilarzüstellen, inwiefern unsere Mitteilung über die Palästinasorderungen und das Schulprograrnm fälsch find; so gern wir aber auch hier Herrn Dr. Klee zustimmeu möchten, so ist uns der Unterschied zwischen dem, tvas hier stand, und dem, was er selbst zugab, nicht klar geworden. Um ihm aber auch hier Trost zuzusprechen, stellen wir fest, daß nach seiner Aenßerung zwar ein Lehrstuhl für deutsche Literatur an der Jerusalemer Universität angeregt worden ist, und daß nun bloß die Art des an sich in dem Abkommen unter Verzicht aus jede andere Palästina Forderung vereinbarten Lehrstuhls noch nicht definitiv bestimmt worden rst. Für diese welterschütternde Berichtigung sind wir dantbar. Dankbar sind wir auch für die Berichtigung, daß die Besetzung wichtiger Beamtenposten usw. nicht unbedingt, sondern nur möglichst in beiderseitigem Einvernehmen erfolgen soll. In der Frage des Zusammensitzens von Männern und Frauen in der Synagoge Prinzregentenstraße haben nach der Aeußerung von Herrn Tr. Klee die Bolksparteiler leine Zuge' ständnisse gemacht, auch hier haben wir falsch berichtet. Sie werden aber die Mstimmung frei geben, wenn die Gutachten der liberalen Rabbiner das gestatten, wodurch dann die Annahme des liberalen Wunsches ermöglicht sein dürfte. Und über den Bau einer neuen Synagoge für die Jüdische Reformgemeinde im Berliner Westen hat die Volkspartei mit den Liberalen vechanddlt, wohlgemerkt mit den Liberalen, um in dieser liberalen Angelegenheit retardierend zu wirken! Fürwahr: Mit Worten läßt sich trefflich streiten! Tie drei Repräsentanten Geheimrat Stern, Dr. Weiße und Loeb gaben eine Erklärung ab, durch die sie „sich bei allen künftigen Beratungen in jeder Hinsicht vollkommen freie Hand" sichern wollen. Wie die Jüdische Rundschau meldet, hat Gcheimrat Stern seine Unterschrift unter der Erklärung zurückgezogen mit der Motivierung, daß ihn die Ausführungen Dr. Klees von der Loyalität der BoUsvartei überzeugt hatten. Die Jüdische Rundschau meldet weiter, der zweite mittelparteiliche Repräsentant, Tr. Weiße, habe erklärt, daß er den Text der verlesenen Erklärung reicht mehr voll zu billigen vermöge und darum für eine Aenderung und Milderung dieses Textes sorgen werde. Uns scheut geboten zu sein, daß sich Repräsentanten ihre Erklärungen vor der Abgabe überlegen. Die fragliche Erklärung lag in der Sitzung in Schreibmaschinenschrift in mehreren vermittels Durchschlag hergestellten Exemplaren vor und ist, wie aus der Rede des Herrn Loeb hervor geht, vorbercit t gewesen. Wenn jetzt Herr Gcheimrat Stern seine Unterschrift wieder zurückgezogen hat, so ergibt sich daraus, daß hier besondere Motive für die Gcfinnungsänderung vorhanden sein müssen. Darüber soll demnächst noch ein offenes Wort gesprochen werden, das nicht nur diesen einer: Fall, sondern verschiedene grundsätzliche Fragen berühren wird. Verhandlungsbencht Gcheimrat Stern eröffnet als Vorsitzender die Versammlung und macht von verschiedenen Eingängen Mitteilung. Der Gemeindevorstand ist dem Beschluß der Repräsentanten-Versammlung, die Mädchen-Einsegnungen in den Synagogen mit Orgel fortan an Sabbaten während des Gottesdienstes abhalten zu lassen, beigetreten, desgleichen dem Anträge der Repräsentanten-Versammlung, die Subvention für den Liberalen Synagogen-Verein Norden für das Jahr 1928 um 1560 Mark zu erhöhen. Zu längeren Debatten gibt Punkt 2 der Tagesordnung Anlaß, der die Wahl des Präsidiums der Repräsentanten-Versammlung betrifft. Landgerichtsrat Rau (Volkspartei) wünscht in liebe rein stimmung mit einem Beschluß des zuständigen Ausschusses Vertagung der Wahl, wobei er die einer Vertagung entgegenstehenden juristischen Bedenken erörtert, aber als nicht entscheidend zurückweist. Er wünscht Vertagung insbesondere auch mit Rücksicht auf den in der Jüdisch-liberalen Zeitung erschienenen Artikel anläßlich der Wahl des Herrn Kareski zum Gemelndevorsitzeliden, der „wie eine Handgranate gewirkt hat". Bon liberaler Seite widersprechen Prof. Dr. T ü r k und Moritz Rosenthal einer Vertagung. Im Ausschuß sei sie beschlossen worden mit Rücksicht auf die Erkrankung des Herrn Dr. Klee. Da dieser nun wieder an den Beratungen tcilnehme, sei dieser Grund hinfällig. Es sei nicht angängig, daß zwischen dem Artikel der Jüdisch liberalen Zeitung und der Wahl des Präsidiums der Repräsentanten Versammlung ein künstlicher Zusammenhang konstruiert werde. Die liberale Fraktion der Repräsentanten-Versammlung! sn doch nicht mit der Redaktion der Jü disch liberalen Zeitung identisch. Die Vertagung wird gegen die Mehr heit der liberalen Fraktion beschlossen. Nunmehr gelangt eine Anfrage des konservativen Repräsentanten Moritz A. Loeb lvegen einer Subvention für die Grundschule der Talmud Thora Kn esset h Jisrocl zur Beratung. Herr Loeb berichtet eingehend über die Verhandlungen, die in dieser Frage stattgefundcn haben, und wendet sich mit Entschiedenheit gegen den Plan, mit Rück sicht auf die Uebernahme der Schule Rykestraßc vor: einer weiteren Subventionierung der konservativen Schule Abstand zu nehmen. Er bezeichnet diese Absicht als „erste Frucht des Abkommens der Liberalen Partei mit der Volkspartei", von dem der Artikel in der Jüdisch lilnvalcu Zeitung Kunde gab. Hierdurch gewinnt Herr Loeb die Mög lichkeit, eine weitere Anfrage in aller Oesfentlichkeit zu erörtern, für die aus den Kreisen der Volkspartei Beratung in geheimer Sitzung gelvünscht war. Sie lautet: „Laut Meldungen einer hiesigen jüdischen Zeitung soll zwischen der Liberalen Partei und der Jüdischen Polls Partei ein Abkommen geschlossen sein, wonach die Legislaturperiode der Repräsentanten Versammlung Ende 1930 beendet sein soll. Ich richte an den Vorstand die Anfrage, ob ihm hiervon etwas bekannt ist." Von dem Artikel der Jüdisch liberalen Zeitung werde gesagt, er sei in die friedliche Entwicklung der Dinge als Handgranate hincingeworsen worden. Mit dieser Kritik könne es nicht getan sein. Die Wirkung der Handgranate würde ja ausgehoben sein, tvenn die Herren der Volks Partei erklären könnten, daß die Angaben der Jüdisch liberalen Zeitung erfunden sind. Es bedarf nur der einfachen Erklärung der Volls vartei, damit die Atmosphäre gereinigt wird. Solange sic aber in gen'undcnen Erklärungen wie die Katze um den heißen Brei herum gehe, so lange muß der Argwohn bestehen bleiben, daß hier Dinge Vorgehen, die das Licht der Oessenllichkeit scheuen. Nachdem .Herr Tr. Köllen s ch e r (Wem. Borst.) dagegen pro testiert hat, daß in der Schulsrage irgendwelche parteipolitischen Strö inungen mitgespiclt haben, und betont hat, daß die geplanten Maß nahmen des Gemeinde-Vorstandes durchaus im Einvernehmen mit der Talmud Thora Knesseth Jisroel Schule selbst durchgeführt tverden, er greift das Wort der Fraktiousführer der Jüdischen Volkspartei. D r. Klee. Er verwahrt sich zunächst dagegen, daß man den Eharakter der Talmud Thora Knesseth Jisrocl Schule als konservativ, aber auch als nichtzionistisch zeichne. Die Schule sei in ihren Lehrern und ihren Schülern voll und ganz zionistisch. Tic Volkspartei habe sich gesagt, daß sie zwei Schulen gleichen Charakters in derselben Gegend dem Gemeindeetat nicht zumutcn könne. Er sei noch für zehn jüdische Schulen in Berlin. Wenn er sich bereit gefunden habe, für diese Legislaturperiode eine weitere jüdische Schule nicht zu fordern, so geschehe das mit Rücksicht auf den Etat. Dr. Klee geht dann zu dem Aufsatz in der Jüdisch liberalen Zeitung über. Er will Herrn Loeb, meint er, nicht den Gefallen tun, zu sagen, daß der Artikel von A bis Z erfunden ist, weil Herr Loeb das Gegenteil weiß, und »veil mit den Herren der Liberalen Partei keinerlei Verhandlungen geführt worden sind, deren Inhalt Herr Loeb nicht kennt und über die Herr Loeb nicht genau unterrichtet worden ist. Man müsse schon, tvenn man in der Oesfentlichkeit über eine solche Frage sprechen will, das Maß von Wahrhaftigkeit anwenden, das verhindert, daß nach außen Eindrücke erweckt werden, die auch der gewandteste Politiker nicht erwecken darf. (!) Die Verhandlungen mit den Liberalen haben ihren Ursprung in einer Anregung der Mittelpartei (Zuruf Dr. Weiße: Das ist nicht wahr. Aus Vorhalt von Dr. Klee mildert Dr. Weiße seinen Zuruf ab in „es stimmt nicht"; als Dr. Klee dann als Anreger Kommerzienrat Simon nennt, ruft Dr. Weiße nur noch „davon ist mir nichts bekannt"). In einer Sitzung in der Wohnung von Kommerzienrat Simon, in der über die Verhandlungen sachlich berichtet wurde, hat dieser noch aus drücklich betont, wie sehr er sich freue, daß seine erste Anregung zur Entgiftung der Atmosphäre aus so fruchtbaren Boden gefallen ist. Nun gibt die Jüdisch liberale Zeitung die Sache vollständig falsch wieder, und ich wäre den liberalen Herren dankbar, wenn sic nicht sagen würden, nur haben auf die Zeitung keinen Einfluß, sondern tvenn sie bei einem qcntlemen agreement, wie wir c-s mit den Liberalen getroffen haben, auch auf die liberale Zeitung Einfluß nehmen und sie veranlassen würden, nicht solche Ausführungen zu machen. Wir haben keinerlei Abmachungen getroffen, sondern tvir haben uns hinge.« setzt und haben beraten: tvas gibt es für Dinge, die uns gegenseitig am Herzen liegen. Dabei habe ich erklärt, für mich sind es zwei Dinge: die Frage der jüdischen Schule und die Frage Palästina. Auf Seiten der liberalen Herren habe ich für meinen Standpunkt Verständnis gefunden. Aus Seiten der liberalen Herren gab cs eigentlich nur eine Sache, die ihnen sehr tvichtig erschien, das war die Abkürzung der Legislaturperiode. Ich stehe auf dem Standpunkt, daß tvir auf 6 Jahre gewählt sind und daß die Session im Jahre 1927 begonnen hat, daß tvir nicht eine Stunde vor dem Jahre 1933 gesetzlich gezwungen werden können, aus diesem Saal zu gehen. Wenn ich aber zwei Fragen, die mir so am Herzen liegen, nämlich die jüdische Schule und Palästina, d. h. also eine Basis, aus die die Liberalen sonst zu rreten nicht geneigt waren, durchsetzen kann und dabei zwei Jahre der Legislaturperiode aufgeben soll, so muß ich sagen, daß mir die Durchsetzung meiner programmatischen Forderungen wichtiger ist als die Formalität, hier länger zu sitzen. Wir stehen auf dem Standpunkt, daß wir so kräftig sind, daß wir auch Neuwahlen durchaus vertragen können. Außerdem wurde von liberaler Seite der Wunsch ausgesprochen, daß man vor der Erledigung von Personalfragen eine Verständigung versuche. Ich halte den Versuch derartiger Verständigung für sehr zweckmäßig; man muß sich ja nicht verständigen. Ganz falsch ist die Darstellung der liberalen Zeitung über die Synagoge Prinzregemdenstraße. In der Besprechung haben wir nur gesagt, daß die Frage zunächst durch Gutachten der liberalen Rabbiner geklärt tverden solle. Wenn die liberalen Rabbiner in ihren leitenden Männern dafür sinh, so tverden wir die Abstimmung freigcbcn, wobei tvir keinen Zweifel darüber gelassen haben, daß ich und eine Reihe meiner Freunde dagegen stimmen werden. Bezüglich der Reform gemeinde haben wir durch die Verhandlungen nur retardierend gewirkt. Auch da ist die Darstellung der Jüdisch-liberalen Zeitung irreführend. In der Unterhaltung mit den liberalen Herren hat einer unserer Herren darauf hingetviesen, daß, wenn wir in der Angelegenheit etwas machen sollten, eine Summe fixiert tverden müßte, die nicht überschritten werden dürfte. Herr Klee betont dann, daß die Verhandlungen mit den Liberalen keineswegs hinter dem Rücken von Herrn Loeb geführt worden sind. Auch bezüglich Palästina berichte bie Zeitung falsch. Bezüglich des Lehrstuhls hatte ich einen solchen für Germanistik vorgcschlagen und hatte hinzugefügt, daß man in London einen solchen für englische, oder in Rom einen solchen für italienische Literatur machen sollte. Definitiv bestimmt ist nichts. Vielleicht wird ein Lehrstuhl für Soziologie an der Jerusalemer Universität als Lehrstuhl der Berliner Jüdischen Gemeinde errichtet werden, vielleicht auch ein solcher für Botanik. Selbstverständlich werden wir das, was wir versprochen haben, halten. Aber wo sind Bindungen? (Zuruf Loeb: Ist ein. Versprechen keine Bindung?) Dr. Klee polemisiert nun gegen den Verfasser des Artikels der Jüdisch-liberalen Zeitung. (Vgl. hierzu den Aufsatz „In eigener Sache" in der heutigen Nummer. Die Red.) Es fei geschmacklos, die berufliche Tätigkeit eines Mannes im Zusammenhang mit seiner Wahl zum Gemeindevorsihcnden zu erwähnen. Dr. Klee behauptet ferner, daß der Verfasser des Artikels die darin enthaltenen Vorwürfe gegen Herrn Kareski als Wahlkommissar 8859833934087255