Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 4 (25.1.1929)
- Date
- 1929-01-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2613366-2614000-2614004--3021-2620559- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Einige offenherzige Bemerkungen zum Thema »Liberales ZndenMm" (Schluß,) Von Claude G. Morrieflore. London Es existiert eine Beschwerde über das liberale Judentum »nd seine Führer, die wir auch tu den Artikeln der Jüdischliberalen Zeitung sinden. Auf sie muß noch mit einigen Worten eingegangen werden, zumal von ihr auch auf der Konferenz gesprochen wurde. Judentum, so sagte man, und ganz besonders liberales Judentum, das den Wunsch hat, lebendig zu sein, der Wirklichkeit und den schreienden Notwendigkeiten der Gegenwart zu entsprechen, sollte sich mit den großen Fragen des Tages befassen. Wie ist seine Haltung zu Krieg und Bewaffnung, Kapital und Arbeit, Geburtenkontrolle ufw. Hat es seinen Anhängern und der Welt keine Botschaft zu gebfn? Ist sein Ausblick auf das Ghetto beschränkt? Einer der Redner, der nachdrücklich betonte, daß wir uns nicht um Speisegesetze und dergleichen bekümmert sollten, tat dies gerade, weil wir uns interessieren und entscheiden sollten über die Botschaft und die Lehre des liberalen Judentums hinsichtlich der großen Fragen des Tages. Denn „Religion muß lebendig sein, und das gesamte Leben gehört zu ihrem Bereich". Mehr noch, das Judentum muß entweder ein eigenes Wort über die großen wirtschaftlichen, moralischen, nationalen und internationalen Fragen zu sagen haben, die die Gemüter der Welt heute bewegen, oder es muß auf seinen Anspruch, eine der großen Religionen der Welt zu sein, verzichten. Will es darum weiterhin sein LÄen im Winkel verbringen und mehr als drei Viertel des Lebens von jedem seiner Anhänger außer acht lassen? Oder soll es aus seinem Winkel herauskommen und eine Botschaft verkünden, die größere Dinge behandelt als Kopfbedeckung und Austern, Gebete in der Landessprache uxrd Rauchen und Fahren am Sabbath? Man kann viel zu dieser Klage und zu dieser Mahnung sagen. Das liberale Judentum verlangt danach, eine große Religion zu sein und sich mit großen Dmgen zu beschäftigen. So weit irgend die Rel'gion als solche zu diesen großen Dingen Stellung nehmen sollte, so weit irgend d-e berufsmäßigen Lehrer und Führer der Religion durch fleißiges Studium in der Lage sein sollten, zu ihnen Stellung zu nehmen — so weit sollte das liberale Judentum nichts vermissen lassen. Ich glaube auch, daß nach der Forderung die Erfüllung kommen wird. Das erste Symptom der Erfüllung ist die Forderung. Daß das (jedenfalls in Europa) etwas langsam und zögernd vonstatten geht, hat mancherlei Ursachen. Eine dieser Ursachen (andere will ich nicht erwähnen) ist die, daß das liberale Judentum zuerst seine eigenen internen Angelegenheiten regeln mußte, bevor es dazu übergehen konnte, sich mit diesen großen äußeren Angelegenheiten zu befassen. Wir müssen erst solche Dinge, wie Kopfbedeckung, Austern und Rauchen erledigen, und solche etwas größeren Angelegenheiten wie Gebete in der Landessprache und moderne Gä»ete, He Stellung der Frauen in der Synagoge, Chalitzah und Get, Mikwe und Beschneidung für erwachsenen Proselhten, bevor man von uns gerechterweise erwarten kann, daß wir uns mit dem in einem weiteren Felde Liegenden befassen sollten; obgleich wir ofsm bekennen, daß solche fernliegenden Dinge von noch größerer Bedeutung fein können. Soweit mir bekannt, ist dies der Weg, den man in Amerika in der Praxis gegangen ist und geht. Austern und vieles andere sind abgetane Dinge und erledigt. Die Zentralkonferenz amerikanischer Rabbiner veröffentlicht jetzt Gutachten über dieselben Fragen, von denen der Schreiber in der Jüdischliberalen Zeitung verlangt, daß das liberale Judentum sich damit beschäftigen sollte. Ob alle diese Gutachten weise und wertvoll sind, ist eine andere Sache. Das Wichtigste ist, daß sie gemacht wurden. Es ist nicht unwahrscheinlich daß zunächst solche Aeußerungen ein bißchen wild und vage fittb. Sie wollen auf diese Weise die verlorene Zeit wettmachen! Wie dem auch sei, die Absicht ist gesund: Das liberale Judentum muß sich mit allen Problemen des Lebens befassen. Seine Botschaft und seine Lehre muß so umfassend uno so weit sein wie es die Botschaften und Lehren irgend einer anderen der großen Welt- und Universalreligionen sind. Eine der beachtenswertesten Schilderungen des liberalen Judentums auf der Berliner Konferenz und gewiß die am meisten bewegende und die Seele erhebende Schilderung desfrföax wurde von Dr. Leo Baeck gegeben. Er sprach ebenfalls (über ich kann ihn mißverstanden haben) mißbilligend von der Zeit, die gebraucht oder mißbraucht werde mit der Diskussion über Zeremonien und die ganze äußere Verkörperung des JÄentums. Es war ein ausgezeichneter Genuß, zu hören, wie schön und vollständig er in seinen beiden Ansprachen die Vorwürfe unserer orthodoxen Gegner umdrehte, die ständig den Papageienschrei wiederholen, daß das liberale Judentum eine Religion der Bequemlichkeit und des Behagens sei. Die Orthodoxie, sagte er, habe ihre fix und fertigen Antworten auf alle Fragen, die in ihren Wirkungskreis fallen. Sie sieht auf den passenden Paragraphen im Schulchan Aruch, und damit ist die Angelegenheit wbgetan. Was jenseits des Gesetzbuches liegt, liegt zum größten Teil jenseits chrer Interessen und Gretxzen. Aber der liberale Jude hat seine eigenen Antworten zu gestalten. Unsere jüdisch-liberalen Führer haben neu zu schaffen und Antworten zu erteilen, die sowohl neu als auch jüdisch sind. Diese Antworten haben die Welt zu belehren, und es müssen Antworten sein ans noch mehr und noch größere Fragen als die in dem Gesetzbuch enthaltenen. Ja, der liberale Jude ist, gerade weil er nicht an die Pentateuch- und rabbinischen Gesetze gebunden ist, durch etwas weniger Sichtbares, ccker nicht weniger Zwingendes gebunden: er ist durch das Gesetz seines Gewissens gebunden, das sich seinem Herzen und seinem. Innern als das Gesetz Gottes offenbart. Jeder liberale Jude trägt — das ist das Ideal — ein Gesetz in sich, das er selbst annimmt und schafft, dessen Vorschriften keinesfalls weniger gebieterisch sind als die Vorschriften der geschriebenen Gesetze. Sie sind aber noch viel härter. Härter sind sie, well das Maß der individuellen Verantwortung größer und das Maß der Freiheit größer ist. Völlig frei und dock) völlig gebunden zu sein, heißt — in einer unendlichen Entfernung — die götlliche Vollkommenheit nachahmen. Daß jeder einzelne liberale Jude so, wie er ist, in sich selbst die Botschaft des liberalen Judentums empfinden und unbewußt proklamieren und rusüben sollte, das ich wenn ich ihn recht verstand, das Ideal, welches Dr. Baeck uns vortragen wollte. An einer Stelle in deir Schriften des Plato wird dar gestellt, wie die Verweser des idealen Staates eine Deputation der Tragöden empfangen, die um die Erlaubnis bitten, die Stadt betreten und ihre Spiele aufführen zu dürfen. „Ihr trefflichsten Fremdlinge, wir selbst sind Dichter eines Dramas, welches, soweit wir vermögen, das schönste und beste werden soll. Unsere ganze Staatsverfassung besteht nämlich in der Nachahmung des schönsten und besten Lebens, und eine solche soll eben nach unfern Begriffen das wahrhafte Drama sein. So sind wir denn beide Dichter in dem gleichen Fache, und ihr habt uns als Nebenbuhler in der Kunst und als Mitbewerber um den Preis des schönsten Dramas anzusehen. Ein solches ist nämlich allein eine wahrhafte Gesetzgebung ins Werk zu setzen geeignet, und wir sind der Hoffnung, daß sie uns dies leisten werde." Dr. Baeck überraschte viele seiner Hörer dadurch, daß er diese Stelle die jüdischste Stelle im ganzen Plato nannte. Ich weiß nicht, ob er Recht oder Unrecht hat, aber ich kann wenigstens ungefähr den Sinn seiner Meinung verstehen. Das liberale Judentum soll, wie Platos idealer Staat, der Schöpfer von „Tragödien" sein; mit anderen Worten: es soll das heroische Loben erzeugen. Man beachte: nicht ein Leben der Behaglichkett, nicht ein Leben der Bequemlichkeit, nicht einmal das gewöhnliche und konventionelle Leben, sondern vielmehr das „tragische" Leben, das heroische Leben. Wenn nun unsere orthodoxen Freunde uns sagen sollten, daß die Orthodoxie ebenfalls danach strebt, solches Leben zu erzeugen, daß sie ebenfalls danach verlangt, zu solchem Leben anzuregen, so laßt uns nicht Einwendungen machen, sondern laßt uns ihnen vielmehr mit einigen Worten Platos antworten und chnen sagen: „Friede sei mit Euch, Ihr seid Dichter und wir sind Dichter, beide Dichter desselben Stoffes, Rivalen und Nebenbuhler des edelsten Dramas, des Dramas des heroischen Lebens." Das Ergebnis der Dresdener Gemeindewahlen Die am 20. Januar 1929 stattgefundene Wahl zum Vorstand und Gemeinderal der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden hat eine Wahlbeteiligung gestruden, dxe wahrscheinlich bisher in den jüdischen Religionsgemeinden Deutschlands noch nicht zu beobachten gewesen ist. 80<>/o der Wähler haben ihre Stimmen abgegeben und der Prozentsatz hätte sich noch vergrößert, wenn nicht eine größere Anzahl Gemeindemitglieder grippekrank zu Hause hatten bleiben müssen. Aber auch dxe Kranken haben nach Möglichkeit versucht, ihrer Wahlpflicht zu genügen und man hat das rührende Bild beobachten können, daß Menschen, die durch körperliche Gebrechen behindert waren, trotzdem bis in das Erdgeschoß des Gemeindeamts kamen, wohin ihnen eine Kommt ffion die Wahlurne entgegcnbrachte, sodaß sie ihren Stimmzettel abgcben konnten. Zur Wahl standen 5 Vorstandsmitglieder und 15 Gemeindeverordnete. Drei Liften waren bei der WaMommission eingereicht worden und zwar: 1. die Liste der Vereinigung für das liberale Judentum, Ortsgruppe Dresden, 2. die Liste der Jüdischen Volks-Partei uitt» 3. die Liste der Volks-Vereinigung für jüdische Interessen (Orthodoxie). Der Wahlkampf wurde seitens der Vereinigung für das liberale Judentum unter Führung von Rechtsanwalt Paul Solinger, Direktor Erich Schapira und Herbert Tre'.tel durch Flugblätter und Bearbeitung von Mann zu Mann in vornehmer, sachlicher, aber intensiver Weise geführt. Die Bolkspartei und die Volks-Vereinigung für indische Interessen haben mehrere Wahlversammlungen einberuf n, die von liberaler Seite jedoch nicht besucht worden sind. Im übrigen haben letztere beiden Parteien es für richtig befunden, sich gjeoenseitig in einer Art und Weise durch Flugblätter zu bekämpfen, die stark an die Methoden eines Hitler erinnern. Das Wahlergebnis war für die Vereinigung für das liberale Judentum außerordentlich erfreulich. Wie bisher, ziehen die Liberalen als stärkste Fraktion in den Gemeinderat ein und haben mit 3 Vorstandssitzen die Majorität im Vorstände. Die anderen beiden Vorstandssitze fallen der jüdischen Volks-Partei zu, wahrend die Volks-Vereinigung für jüdische Interessen im Vorstande nicht vertreten ist. Den Vorsitz im Vorstand und Gemeinderat wi d voraussichtlich wiederum Rechtsanwalt Paul Salinger übernehmen. Zu Gemeindeverordneten wurden 7 Liberale gewählt, während 6 Mitglieder der Volks-Partei und 2 Mitglieder der Volks-Vereinigung für jüdische Interessen in den Gemeinderat einzidhen. Somit bleibt der Charakter der Dresdener Israelitischen Religionsgemeinde als der einer liberalen Gemeinde gewährt. Die Volks-Partei 'hat es für richtig befunden, in einem Flugblatt, das am Tage vor der Wahl in die Hände der Gemeindemitglieder gelangte, für den Abend der Wahl zu einer „Siegesfeier" einzuladen. Man hatte in den Kreisen der Volks-Partei ernstlich damit gerechnet, die Liberalen in die Minorität zu bringen und war naturgemäß erheblich enttäuscht, als das Wahlresultat festgeftellt wurde. Von den bisherigen liberalen Gemeindevenretern sind wieder gewählt worden: Die Vorsteher 1. Rechtsanwalt Paul Salinger, 2. Sanitätsrat Dr. meid. Zimmermann und 3. Sanitätsrat Dr. med. Salzburg xmd die Gemeindeverordneten: 1. Direttor Glauber, 2. Egon Feuerstein, 3. Joseph Cohn, 4. Siegmund Liffmann, 5. Max Lesser und 6. M. Zucker. Neu in den Gememderat tritt für die Liberalen Direttor Erich Schapira eitt. Ausgeschieden sind infolge ihres höhen Alters bet den Liberalen: 1. Herr Vorsteher Max Levi und 2. der Gemeindeverordnete Julius Hirsch. Beide Männer haben seit etwa 30 Jahren dem Gemeinderat der Jsrae i i chen Religionsgemeinde zu Dresden angehört und Außerordentliches kür die Gemeinde geleistet. Herr Levi war Dezeruent für de« liberalen Kultus und Herr Julius Hirsch Mitglied des Finanzausschusses. Jrrsbesoudere das Ausscheiden des Herr« Julius Hirsch, der infolge seines hohen Alters dringend gebeten hatte, von seiner Wiederaufstellung abzusehen, ist ei» schwerer Verlust für die liberale Fraktion. Herr Julius Hirsch war einer der ältesten Mitgllieder der Vereinigung für das liberale Judentum in Berlin, zu einer Zeit schon, als m Dresden eine Ortsgruppe längst noch nicht bestanden hat. Sexne hervorragenden Eigenschaften und sein außerordentlich bestimmtes und gerechtes Auftreten haben ihm die Liebe seiner Fraktxonskollegen und hohe Achtung auch bei seinen Gegner» eingebracht. * Aus den Gemeinden Abterode. (Persönliches.) Hier ist im Alter von 91 Jahr« ber älteste Eintvohncr des Ortes, der ehemalige Gemeiudeältestr RonSheim, gestorben. Vier Jahre hat er die Gem^indeinteresse« mit Umsicht und Eifer vertreten. Lehrer Spier widmete dem Entschlafenen am Grabe einen ehrenden Nachruf. Berlin. (Reichskonsercnz des Verbandes ostjüdischer Organisationen.) Hier fand die 4. Reichskonferenz des Verbandes ostjüdischer Organisationen statt, die aus den verschiedensten Teilen des Reiches stark besucht war. Die Konferenz faßte die folgenden Resolutionen: I. Kulturarbeit. Die Reichskonferenz erblickt in einer systematischen jüdischen Kulturarbeit eine der wichttgsten Ausgaben der ostjüdischen Organisationen in Deutschland. Zu dieser Arbeit gehören: 1. Errichtung hebräischer und jiddischer Unterrichtskurse für Kinder und Jugendliche in jeder Ortsgruppe, Veranstaltung von Vorträge» und Vorlesungen über klassische und moderne jüdische Kultur, sowie Geschichte und Wissenschaft des Judentums. 2. Bei Veranstaltungen der Ortsgruppen ist das Programm möglichst mit Darbietungen jüdischen Inhalts auszuftatten. 3. Verbreitung des jüdischen Schrifttums unter den Ostjuden zu ermäßigten Preisen. 4. Errichtung jüdischer Lesehallen und Bibliotheken in ostjüdischen Zentren. Andere Beschlüsse über Kulturarbeit betreffen die Organisierung der ostjüdischen Jugend, die Einrichtung von Lehrerbildungskursen, den Ausbau von höheren Lehranstalten wtb Jefchiwoth, die Einsetzung einer Kommission für Schul- und Lehrerprüfungsangelegenheir. II. SozialeArbeit! 1. In allen Ortsgruppen ist eine enge Zusammenarbeit mit den Wohlfahrtsämtern der jüdischen Gemeinde anzustreben. 2. In allen Ortsgruppen ist nach Möglichkeit ein enger Zusammenschluß aller Humanitären Vereine anzustrebe». 3. Die Bezirkssekrctanate des Verbandes sollen danach streben, t« allen Bezirken Kreditgenossenschaften zwecks produktiver Unterstützung der Ostjuden zu gründen. Die Gründung dieser Institutionen so« im Einvernehmen mit der bereits in Berlin bestehenden Genossenschaftsbank „Jwria" erfolgen. 4. Die Executive wird beauftragt, im Einvernehmen mit den deutschen Organisationen an die Schaffung von Lehrlingsheimen heranzutreten. III. Die Reichskonferenz dankt dem Vorsitzenden der jüdische» Gemeinde in Berlin, Herrn Direktor Georg Kareski, für die in seinem Referate „Ostjndentum und Landesverbände der jüdische« Gemeinden" festgelegten Richtlinien der Gemeindearbeit, insbesondere: Völlige Gleichberechtigung und Ausbau des jüdischen Schulwesens. Di« Reichskonferenz nimmt seine Ausführungen als offizielle Enunztation der größten jüdischen Gemeinde in Deutschland zur Kenntnis und wird für die Durchsetzung dieses Programms gemeinsam mit der jüdischen Volkspartei kämpfen. Weitere Beschlüsse betreffen Organisation, rechtliche Fragen, Presse (Die Reichskonferenz betrachtet die „Jüdische Welt" als offizielles Berbandsorgan), Versicherung (Die Reichskonsercnz nimmt zur Kenntnis, daß die Versicherungsgesellschaft „Der Anker" der Bertragskontrahent des Verbandes ist, und daß die Berbandsorganisattouen verpflichtet sind, Abschlüsse bei dieser Gesellschaft zu empfehlen), Budget und Palästina (die Reichskonsercnz erinnert alle Richtungen des Ostjudentums an die Pflicht, an dem Aufbau des jüdischen Palästina mitzuarbeiten). Schließlich erfolgte noch einstimmig die Annahme folgender Resolution: Die ostjüdische Reichskonferenz nimmt mtt schmerzliche« Bedauern von den Aeußerungen Jakob Wassermanns über die ostjüdischen Einwanderer in Deutschland während der Kriegsjahre und der Inflationszeit Kenntnis. Bei aller Hochschätzung für den großen Dichter und in genauer Kenntnis der tatsächlichen Verhältnisse stellt die Konferenz fest, daß die ostjüdische Immigration in der kritische» Zeit viele wertvolle Elemente nach Deutschland gebracht hat. Es ist ungerecht, allgemeine Erscheinungen einer unnormalen sozialen Situation aus eine bestimmte Volksschicht zu exemplifizieren, was seitens des Dichters wohl nur auf Grund mangelhafter Informationen geschehen konnte. Berli». (Schule der Jugend.) Die Schule der jüdischen Jugend, Berlin W. 35, Lützowstraße 16, veröffentlicht nunmehr dar genaue Programm der von ihr in den Monaten Januar und März 1929 beabsichtigten Kurse. Dem Programm entnehmen wir als Absicht der neuen Institution folgende Ausführungen: „Die „Schule der jüdischen Jugend" will jüdische Bildung zu einem lebendigen Besitz junger jüdischer Menschen machen. Sie wendet sich in der Hauptsache an die 15- bis 25 jährigen, ohne nach oben eine scharfe Grenze z« ziehen. Dabei wird sowohl an den in jüdischen Dingen gänzlich Ununterrichteten, als auch an den in seiner jüdischen Bildung Fortgeschrittenen gedacht; und auch der jüdisch ausgezeichnet Gebildete soll Veranstaltungen der Schule mit Gewinn in Anspruch nehmen könne». Stofflich steht sic prinzipiell der Behandlung alles Jüdischen offen. Von der Jugend selbst getragen, wird die Schule mit deren Leben unp Bedürfnissen verbunden sein. Daher kommt dem Zusammenwirken der nach verschiedenen jüdischen Richtungen gespaltenen Jugendlager besondere Bedeutung zu. Alle diese Gruppen i haben den Wunsch, aktiv in der Gestaltung des Judentums und seiner Schicksale einzugreifen. Die Auseinandersetzung über die großen Gesichtspunkte wird ein anderes Gepräge erhalten, wenn sich Gruppen gcgenüberstehen, nachdem sie sich die notwendigen Voraussetzungen hierfür gemeinsam erarbeitet haben. Die Möglichkeit solcher Auseinandersetzungen wird übrigens in der „Schule" selbst schon gegeben sein. Unterschiede der Ueberzeugung und der jüdischen Haltung sollen dabei nicht verwischt werden. Im Hintergründe steht das Zukunftsbild einer jüdischen Fugend, gruppiert um ein großes Haus mit der Schule als Kernstück und intensivem gemeinsamen Äben und Lernen." Bremen. (Sühne für die antisemitischen Ausschreitungen.) Vor dem großen Schöffengericht in Breme» wurde am 21. Januar die Hauptverhandlung gegen die Nationalsozialisten Thelen und Genossen wegen gemeinschaftlicher Körperverletzung eröffnet. Es handelt sich um die bekannten antisemitischen Ueberfälle im Herbst 1928. Den Vorsitz führte Richter Dr. Wilckens. Zur Verhandlung sind sieben Fälle gestellt. Auf der Anklagebank haben Platz genommen: der 22 jährige Kraftfahrer Thelen, der 23jährigc Schuhmacher Hesse, der 20 jährige Lehrling Schmädecker, der 30jährige Drogist Masch, der 19 jährige Elektriker Eberlein, der 20 jährige Knecht Brandt, der 16 jährige Verwaltungsgchilse Brüggomann, der 21 jährige Klempner Drewnick. Der angeklagte Verwaltungsgehilfe Meyer befindet sich auf See. Der Zuhörerraum ist voll besetzt. Der Fall des Geschäftsführers Blumenthal, der am 26. August 1928 an der Sögestraße von dem Angeklagten Meyer mit der Faust geschlagen worden ist, wurde ausgeschaltet. Thelen wurde sodann vernommen über den Uebersall vom 12. September 1928 auf den Bremer brasilianischen Konsul Oscar Parahnos de Silva und seines Begleiters in der Wallstraße vor der Sögestraße. Thelen sagt aus, er und sein Begleiter Eberlein hätten angenommen, daß der Konsul, den sie nicht kannten, und sein Begleiter, die die Kameraden von Thelen und Eberlein im Borübergehen musterten, sich über; diese lustig machten. Das habe sie gereizt; deshalb seien sie hinter