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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-01-25 · 4 (25.1.1929) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
4 (25.1.1929)
Date
1929-01-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Iu-ffchMeraleZeÄML Organ -er Vereinigung für das liberale Judentum e. V. dnrch die VefchSstssteve '/.jährlich HL 2.50 «N»«l>mmmer 0.20. Bei freier Zusendung L Inland 0.25 fftc die Milglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Mitgliedsbeltrage enthalten. W«r«»twartl. »edaktenrr Brno» Mo,da. Die »Jüdisch-liberal« Zeitung" erschein« jeden Freitag. «edakNon und Geschäftsstelle: Berlin SW 4S. wilhelmskr. 147 Jnnrof: Bergmann 3358, 3359 posticheckkouto: Berlin 31XD 7. 137069 (Vereinigung für das liberale Judentums Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. An;eigenpreise: Die 12gespaltene RonparÄlleMe 0.45^ Goldmark, die Reklamezeile 3.00 Goldmark. bei Wiederholungen Rabatt. Anzeigenannahme: .Iüdifchliberale Zeitung* Injerateuabteilung: Berlin SW 4S, Wilhelmstraße 147 /n.__ tiuLu) teirnio irimfl Annancen-Lrveditiou. Nr. 4 Berlin, 25. Januar 1929 9. Jahrgang Schaffung eines Weltverbandes Mischer Handwerker Aussprache jüdischer Jrauen über Erziehungsfragen „Fürsorgezögling in Not?" — so lautet die Ueberschrift eines kürzlich in der Vossischen Zeitung erschienenen Artikels. Es war darin die Rede vom Impuls zur Lebensfreude und L^benstüchtigkeit. Der Verfasser fragte: „Schließt Anstaltsleben Lebensfreude aus?" Die Antwort war eine tröstliche. Bei der Frankfurter Tagung des Jüdischen Frauenbundes und der Jsenburger Heimkommission konnte sich die Berichterstatterin jedoch eines drückenden Gefühls nicht erwehren, das entstand durch die entrollten - in mancher Hinsicht düsteren, mit allzu schwarzem Stift gezeichneten Bilder. — Es ist hier nicht die Stelle, genau auf jedes einzelne der vielen kurzen, zur Diskussion anregenden Referate einzugehen; vielmehr sollen nur ihre Grundzüge gezeichnet werden, den Nichtbeteiligten so einen allgemeinen Eindruck gebend. Am 1. Versammlungstage sprach Fräulein B. Pappenheim-Jsenburg über die wesentlichen Unterschiede zwischen Familien- und Anstaltserziehung. Sie verlangte vor allem von der Anstalt und chren Angestellten das starke Verantwortungsgefühl, einen Menschen durch Erziehung, d. h. Beeinflussung von außen her zum Leben in der Gemeinschaft zu bringen. Sie betonte das Erziehungsmittel der Freiheit, der guten Lektüre, des Sports, nicht ohne zu vergessen, daß all das Genannte nur zu einem geringen Teil in die Wirklichkeit — hier handelt es sich um das Jsenburger Mädchensürsorgeheim - umgesetzt werde. Ein „Warum?" sei dazu bemerkt. Warum ist die Bibliochek so zusammengewürfelt, daß man nur mit Vorsicht verleihen kann, warum fehlt die Sportmöglichkeit, warum müssen von strengen Maßnahmen alle getroffen werden? Es war von der Erziehung zur Schönheit die Rede. Die Schreiberin kann und will sich kein abschließendes Urteil erlauben, da ihr die Kenntnis des Heims fehlt — aber bietet die allgemein bekannte spartanische Einfachheit heute noch Möglichkeiten zur ästhetischen Erziehung? Heute - da man in Gefängnissen in einer zweiten und dritten Strafstufe Gefangenen Blumen und Vögel zur Pflege gibt. Hier handelt es sich nicht um Gefangene. Hier sollen Menschen durch eine Uebergangsstufe wieder in das Leben hineingestellt werden. — Die Diskussion nahm auch Stellung dazu: Fräulein Dr. Kronheimer von der Zentralwohlsahrtsstelle Berlin kritisierte stark die Gesellschaft, die kein Organ für die Schwere der Erziehung in Anstalten hat, sie geißelte aber auch die Einstellung der Anstalten zur Resignation, die nicht zur Freiheit der Zöglinge, sondern zu Trotz und Leugnen, zu schlimmeren Rückfällen führt. Ein wesentlich helleres Bild - allerdings handelt es sich um normale Kinder — entwarf Fräulein Benzian vom Paulinenstist (Waisenhaus) in Hamburg in ihrem Referat über Fragen des internen Lebens in der Anstalt. Verwurzelung in chrem Hause, Vertrauen zu den Erzieherinnen, die ihre Schüler bis zur völligen Berufsausbildung behalten, keine hermetische Absperrung von der Welt, möglichste Durchführung der Synthese zwischen Wunsch und Anstaltsdisziplin, Freiheit den größeren Mädchen, Hilfe und Wunschberücksichtigung bei Berufswahl nnd Stellenfindung, — das alles sieht lebendiger und heller, froher und nach Familie, nach Gemeinschaft aus. Bedauert wird, daß es sich um eine Mädchenstiftung handelt, daß die Koedukation nicht zu erreichen ist. — Das 3. größere Referat des 1. Tages hiült Fräulein Sidonie Werner-Hamburg über „die Kindergärtnerin und Hortnerin als Erzieherin". Wenn es zuträfe, daß die Anstaltserziehe»- rinnen so wenig Selbstzucht und Beherrschung besäßen, wenn es ihnen an Verantwortung, an fröhlichem Gleichmaß den Kindern gegenüber fehlte, wenn sie alle ihren Beruf nur als Notbehelf ansähen — wenn.ja, dann wollten wir morgen alle unsere Heime und Fürsorgeanstalten schließen, und es wäre besser um die Jugend bestellt. Aber, gottlob, es ist nicht so. Die Schreiberin glaubt und weiß auch, daß die jungen Menschen, die sich dem Erzieherberuf heute widmen, es ernst meinen, daß sie, wenn nicht alle, so doch zum großen Teil sich ihrer Verantwortung bewußt sind. Und haben sie Wünsche nach Freuden und Vergnügungen junger Leute, gut, so gebe man chnen Gelegenheit durch freie Tage und Abende; sie sind eben jung und haben Anrechte darauf. Und wenn Fräulein Gertrud Feyertag-Norderney, Fräulein Benzian, Fräulein Karminski-Berlin Lanzen für die Angegriffenen brachen, wenn eine offenherzige Kritik mancher Leitung einsetzte, so war das nur allzu verständlich. — In der Diskussion wurde vor allem noch die religiöse Seite der Heimerziehung betont, das Erlebnis der Religion in Festen und Feierstunden, wie es eigentlich nur bei Koedukation oder in Heimen, die Heimvater und Heimmutter kennen — Frau Rabbiner Dr. Eschelbacher führte diesen Gedanken aus — möglich ist. Das Referat von Frau Dr. Caro-Köln fiel leider ihrer Erkrankung wegen aus, doch sprach an ihrer Stelle Fräulein Pappenheim über die Beziehungen der Anstalten untereinander, über die Schwierigkeit der Unterbringung durch Verweigern bei der Aufnahme usw. Es wurde der Vorschlag gemacht, eine gemischte Kommission zu bilden zur Begutachtung und Besprechung der Unterbringung einzelnsr Fälle. Ueber die Einweisung referierte Fräu- Dcr Vorsitzende des Zentralvcrbandes jüdischer Handwerker Dcutsch.ands, Herr Wilhelm Marcus, verbreitet den folgenden Entwurf eines Exposes über einen Welt verband jüdischer Handwerker, den wir hier gern im vollen Wortlaut zum Abdruck bringen. Tie Red. Die wirtschaftliche Lage der Juden ist im letzten Jahrzehnt in allen Ländern einer starten Wandlung der beruflichen Struktur unterworfen. Tie Juden werden durch die wirtschaftliche Entwicklung, durch die Entstehung von Genossenschaften und Konsumvereinen, durch das Anwachsen der wirtschaftlichen Bedeutung der „öffentlichen Hand" in fast allen Ländern in iinmer stärkerem Umfange aus den Wirtschaftspositionen, die sie früher im Bankwesen, im Handel und Verkehr hatten, verdrängt. Breite Schichten des jüdischen Mittelstandes kämpfen schwer um ihre Existenz und sind in Gefahr, in immer stärkerem Umfange der Proletarisirwung zu verfallen. So bedauerlich auch diese Erscheinungen sind, so ist doch nicht zu verkennen, daß sie in sich Keime wirtschaftlicher Gesundung tragen. Im Bewußtsein der aus der Wirtschaft verdrängten und deklassierten Juden wächst immer stärker die Erkenntnis, daß eine Rettung vom wirtschaftlichen Untergang nur auf dem Wege zu produktiver Arbeit möglich ist. Die landwirtschaftlichen Kolonisationsversuche in Rußland, die groß angelegte Arbeit der Gesellschaft „O r t" in Polen und Rumänien, sind wichtige Symptome dieser Erkenntnis. Stärker und bedeutsamer als der Uebergang der Juden zur Landwirtschaft ist namentlich in Mittel- und Westeuropa die Tatsache, daß die jüdische Jugend in immer größerem Umfange handwerklichen Berufen zustrebt. Es ist keine Ucbertreibuug, wenn heute bereits festgestellt wird, daß das Handwerk unter den Juden in den kommenden Jahren eine bedeutsame Entwicklung zeitigen wird. Tie jüdischen Handwerker, die seit jeher den Gedanken der produktiven jüdischen Arbeit hoch gehalten haben, stehen überall in den ersten Reihen derer, die an der Förderung der Produktivierung der jüdischen Bevölkerung tatkräftig Mitarbeiten. Die Lage der jüdischen Handwerker selbst ist heute noch nicht genügend gefestigt. Sie sind in dem Kampf um ihre Existenz sehr häufig in einer viel schlechteren Position als ihre nichtjüdischen Fachgenossen und zwar deshalb, weit sie ungemein stark unter den Verdrängungserscheinungeu, denen die Juden in der Wirtschaft überall ausgesetzt sind, zu leiden haben. Nichtjüdische Unternehmer erteilen ihnen selten Aufträge, bei den Lieferungen für Staat und Kommune sind sie sehr oft im Nachteil. Die jüdischen Handwerker haben längst erkannt, daß auch sie nur aus dem Wege der Organisation, des Zusammenschlusses aller Kräfte für die Sicherung ihrer Existenz und den wohlverdienten wirtschaftlichen Aufstieg kämpfen können. Tie Idee der Organisation des jüdischen Handwerks hat in den letzten Jahren zahlreiche Freunde gefunden. In fast allen Ländern der jüdischen Siedlung Ost- und Mitteleuropas sind kräftige jüdische Handwerkerorganisattonen entstanden. Aus der Idee der Selbsthilfe und des Eintretens füreinander erwächst eine kraftvolle jüdische Handwerkerbewegung. Die genteinsame Not und die gemeinsamen Sorgen der jüdischen Handwerker in den verschiedenen Ländern lassen den Zusammenschluß der verschiedeneti jüdischen Handwerker- Oraanisationkn zu einem Weltverband des jüdischen Handwerks n'.nwtutig erscheinen. Als Aufgaben eines solchen Verbandes kämet: in Betracht: 1. Zusammenfassung aller jüdischen Handwerker-Organisationen zu einem Weltverband der jüdischen Handwerker. 2. Gesamtvertretung der jüdischen Handwerker bei allen jüdischen Organisationen und allgemeinen Berussvereinigungen, insbesondere bei jenen, die für die Produktiviemng der Juden tätig sittd. 3. Schaffung und Ausbau von Krediteinrichtungen und Genossenschaften für die jüdischen Handwerker a) in den Ländern durch Errichtung von Kreditgenossenschafte^ b) durch Zusammenschluß der verschiedenen genossenschaftlichen Krediteinrichtungen des jüdischen Handwerks zu einer großetr Zentralbank, mit der Aufgabe der zentralen Regelung der Kreditversorgung der einzelnen Genossenschaftsbanken, c) gemeinsamer und dadurch verbilligter Einkauf von Maschinen und Material evkl. Uebernähme des Exports bestimmter im Handwerk verfertigter Waren. 4. Schaffung von Berufs-Arbeitsgemeinschaften zwecks Austausch der beruflichen Erfahrungen und Verbesserung der Produktion und Arbeitsmethoden. 5. Schäftung einer Beratungsstelle für Wirtschaft und Technik im Handwerk. 6. Förderung der Lehrlingsausbildung. Studium der Wirtschaftslage der verschiedenen Berufe zwecks Zuführung der jüdischen Jugend zu jenen Berufett, die handwerklich heute noch als aussichtsreich angesehen werden. 7. Veranstaltung von Tagungen der jüdischen Handwerker zwecks Austausch von Meinungen und Erfahrungen, sowie zwecks Ausbau der Organisationen und Anbahnung freundschaftlicher Beziehungen zwischen den Handwerkern der verschiedenen Länder. lein Dora Silbermann-Berlin. Sie verlangte eine Beobach-! tungsstation, vollkommene Wahrheit in der Ausarbeitung der Fragebogen, das Anrecht der einweisenden Stelle auf Berichte über den Zögling, nachgehende Fürsorge nach der Entlassung, entweder vom Heim aus, wenn der Zögling in der Nähe bleibt, oder im andern Falle von der einweisenden Stelle aus. Fräulein Dr. Kronheimer fügte ergänzend hinzu, daß schon eine Körperschaft für Fragen der Fürsorgeerziehung bestehe, so daß man keine Kontrollinstanz, sondern Sachverständige und eine wissenschaftliche Bearbeitung der Einzelergebnisse verlangen müsse. — Erschütternde Einblicke in die Not der Allerärmfteir gab wieder Berta Pappenheim, die mit warmem Herzen derer gedachte, die ohne jede Bindung dahinleben, uneheliche oder am entstammende Kinder, die niemand haben will, rm durch Kriegsschicksal oder andere schwere Nöte von chren Angehörigen getrennte junge Menschen, die nicht in Waisenhäusern oder Heimen auswuchsen, vielleicht in liebloser Pflegefamilie. Man müsse chnen den Zutritt zur jüdischen Familie erleichtern, man müsse als Mensch dem Menschen gegenüber stehen. — Die Diskussion brachte einen praktischen Vorschlag. Fräulein Dr. Strauß-Mannheim erwähnte die dort eingesührte Unterbringung dieser Elenden in verarmten — selbstverständlich dazu befähigten — Familien des Mittelstands. — Frau Paula Nassauer-Frankfurt sprach über nachgehende Fürsorge. Jedem Familienlosen oder Gefährdeten — so führte sie aus — müsse ein Berater, ein helfender Freund zur Seite gestellt werden. Nicht nur Anstaltskinder, alle Haltlosen, alle Alleinstchenden müssen betreut werden. — Frau Brenner-Leipzig, die Vorsitzende des Frauenbundes, hebt ebenfalls diese Betreuung aller nicht im gesicherten Familienleben Stehenden, ferner die Tätigkeit der Erzichungsberater und Schulfürsorgerinnen hervor. — Ueber Familienerziehung sprach Frau Dr. Rahel Strauß-München. Ein warmherziges Wort an Eltern, sich den Kindern zu widmen, ihre Interessen zu teilen, ihnen zum Freund zu werden, jüdische Tradition aufrecht zu erhalten. Aber eins war vergessen: Wer gibt jenen diese Möglichkeit, die nicht die große Wohnung haben, den gut vevdienenden Ernährer, die Bücher, von denen Frau Dr. Strauß sprach? Denen, die zu 5 oder 6 Personen ein Zimmer, im günstigen Falle zwei Räume, manchmal aber sogar eine WelLlechbude bewohnen? Man gibt ihnetr Unterstützung, aber es langt nicht zu dem Milieu von der guten Kindertstube, der echten Familienerziehung. — Auch der Beziehungen zwischen Schule und Haus, die inniger werdet: müssen rm Dienst am Kind, wurde gedacht. — In der Familie liege die Kraft, sie müsse erhalten werden, so lautete es in einem letzten Wunsch Berta Pappenheims, der in dem Vorschlag zu freiem Zusammenschluß jüdischer Eltern, die der Tradition irgendwie gerecht werden wollen, gipfelte. — Die Frankfurter Tagung! Sie brachte der Anregung genug und dennoch hat man den Eindruck: Noch mehr muß geschehen, noch viel mehr! Bor allem muß den Zöglingen der Fürsorgeheime Möglichkeit zu freier Entfaltung ihrer Arbeitskräfte gegeben werden. Es ist nicht jede zur Hausangestellten, zur Magd geboren. Es müssen mehr Berufsaustnldungsmüglichkeiten geschaffen werden, sei es dadurch, daß Mädchen wie Knaben mit andern Bildungsanstalten aufsuchen, sei es durch Anlage von Ateliers und Werkstätten in den Heimen selbst. Wo Zufriedenheit ist, Freude am Lernen und Schaffen, kommt die Einstellung in die Gemeinschaft, später in das Leben, von selbst. Und weniger Ernst, mchr Lachen, mehr Sonne! Nichts kann gedeihen, wo nur Schatten ist. — Der Rahmen der Tagung? Die Frankfutter Damen haben an freundlich geschmückten Räumen, an Gastfreundschaft Nachahmenswertes geleistet. Des wunderschönen Abends in Frau Clem. Kramers gastlichem, geistreich-geselligem Hause sei besondere Erwähnung getan, wie auch des dort gesehenen schönen Schattenspiels der „Legende von Rabbi Chan'.na", das von der Verfasserin Berta Pappenheim selbst vorgelesen wurde. Ein unvergeßlicher Eindruck, der der Tagung Weihe gab. Cilli Marx -Köln.

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