Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 3 (18.1.1929)
- Date
- 1929-01-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2613366-2614000-2614003--3017-2620554- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Gesetze erfahren die Juden keine andere Behandlung als die anderen türkischen Staatsbürger. Das Gerücht über den Ausschluß von Juden aus den Staatsverwaltungsräten entbehrt j^er Grundlage. In den Provinzen Jstambul, Edirne, Izmir, Klirklareli usw. erhalten die jüdischen Schulen von den lokalen Verwaltungsbehörden finanzielle Unterstützungen. Aufschwung im persischen Judentum. Wie der Jüdischen Telegraphen-Agentur in Paris aus Teheran berichtet wird, hat sich die rechtliche, politische und wirtschaftliche Lage der Juden in Persien seit der Jnaugurierung des neuen demokratischen Regimes bedeutend gebessert. In der persischen Hauptstadt Teheran leben heute ungefähr 10000 Juden. Kleinere jüdische Gemeinden gibt es in anderen persischen Städten, Die Juden, die vor der neuen konstitutionellen Aera als Heloten behandelt, unterdrückt und mißhandelt wurden, denen nur die Ausübung der niederen Berufe gestattet war, dürfen heute dank der freien Konstitution und dank auch dem seit dem Kriege vor sich gehenden wirtschaftlichen Aufschwung ehrenvolle Positionen einnehmen. Die versisch jüdischen Kausleute haben in den besseren Straßen von Teheran moderne Warenhäuser errichtet und größere Handelsbüros etabliert. Die Juden vermitteln den Handel :nrt (Europa, richten Druckereien ein, mehrere Juden betätigen sich als Aerzte und Apocheker, eine größere Anzahl von Juden ist im Handwerk und besonders in der Schneiderei tätig, auch dürfen Juden heute staatliche Aemter bekleiden. Die bemittelteren Juden verlassen das enge Ghetto von Teheran und siedeln sich in den europäischen Vierteln au. Die jüdischen Kinder besuchen die persischen und die ausländischen mittleren und höheren Schulen. Nach der Ver> fassung genießt der persische Jude die gleichen Rechte wie jeder persische Bürger mit der einzigen Ausnahme, daß ihm wie jedem Nichtmuselmanen die Ministerlaufbahn verschlossen bleibt. Allerdings wird diese Bestimmung der Konstitution nicht konsequent durchgeführt; denn auch die Departements der Justiz, der auswärtigen Angelegenheiten, der Polizei, des öffentlichen Unterrichts und des Krieges scheinen den Juden verschlossen zu sein. Seitdem vor drei Jahren die allgemeine Wehrpflicht eingeführt wurde, dienen die jüdi» scheu jungen Leute auch in der Armee, die den Juden früher hermetisch verschlossen war. Bei den Parlamentswahlen wählen die Juden in einer gesonderten Kurie, was Anlaß zu bebäuerlichen Streitigkeiten innerhalb der jüdischen Gemeinde gibt. Infolge dieser Unzuträglichkeiten ist u. a. die Zionistische Förderation Persiens seit einigen Jahren untätig. Anstrengungen, die Förderation zu reorganisieren, werden gemacht. Aus den Landesverbänden Tagung der Reichsarbeilsgemeinschafk der Landesverbände in Leipzig Am 13. Januar 1929 trat die Arbeitsgemeinschaft der jüdischen Landesverbände unter Vorsitz des Präsidenten des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden, Karnmergerichtscat Wolfs, zu ihrer 2. Sitzung zusammen, und zwar in Leipzig. Vertreten waren sämtliche Landesverbände mit Ausnahme des hessischen, der durch eine für denselben Tag nnberusenc Sitzung seines Oberrates verhindert war, und der Deutsch-Israelitische Gemeindebund. Tie Beschlüsse der Reichsarbcitsgcmeinschast haben keinen bindenden Eharatter iondern werden nur, wenn sie einstimmig gefaßt werden, an die einzelnen Landesverbände mit der Empfehlung weitergegeben, ihnen Rechnung zu tragen. Der Hauptwert der Beratung liegt deshalb in der gegenseitigen Fühlungnahme und der Aussprache über die gemeinsamen Angelegenheiten. Zu förmlichen Beschlüssen ist es daher nicht bei allen Punkren der Tagesordnung gekommen. Die Beratungen betrafen zunächst das Gesuch des Pro- F a l a sch a - K o m i t e e s, ihm für seine Zwecke eine Unterstützung zukommm zu lassen. Die Meinungen waren geteilt, sodaß ein zustimmender Beschluß nicht gefaßt wurde. Sodann wurde beschlossen, die Anregung, eine Anssteueranstaltfürjüdische Mädchen zu schaffen, einer einzuberufenden Konferenz als Material zu übergeben. Lebhaftes Interesse fand der Gedanke, die Bestrebungen zur Erhaltung jüdischer K u n st d e n k m ä l e r zu unterstützen und zu vereinheitlichen. Die einzelnen Landesverbände sollen zunächst für die Inventarisierung der Kunstschätze sorgen und dann ihre Verzeichnisse nebst den Berichten und ihren eigenen Erfahrungen fortlaufend oem Preußischen Landesverband mitteilen, bei dem die Frage weiter bearbeitet wird. Die Bekämpfung der Mischehen bildet wegen der mit ihnen verbundenen Gefahr für die Echaltung des Judentums dm Gegenstand ernster Sorge aller Landesverbände. Neben den praktischen Mitteln, die hier in Frage kommen, besonders der Schaffung von Stätten zu gemeinsamer Belehrung und Unterhaltung der Jugend, soll versucht werden, in einer mit den anderen großen Organisationen gemeinsam veranstalteten Konferenz die Wichtigkeit der Bekämpfung der Mischehm weitesten Kreisen zum Bewußtsein zu bringen. Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten veröffentlicht in seiner Zeitschrift „Der Schild" fortlaufend ein Verzeichnis jüdischer Gefallener. Nach Abschluß der Veröffentlichungen will er ein Gedenkbuch Herausgeber!, für das er eine Unterstützung der Landesverbände erbittet. Es wurde beschlossen, sich hierzu erst schlüssig zu machen, wenn das Endergebnis der Feststellungen des Reichsbundes vorliegt. Ueber die Möglichkeit, die Baulicht,iten der Samsonschule in Wolfenbüttel, welche ihren Betrieb hat einsteilm müssen, für andere jüdische Zwecke zu verwenden, wurde beraten, die Beschlußfassung zunächst vertagt. Ueber die künftige Ausbildung der jüdischen Lehrer, insbesondere das Schicksal der in Köln und in Würzburg bestehenden Anstaltm, wurde eingehend beraten. Seitens der süddeutscher! Landesverbände wurde darauf 'hingewiesen, daß zum Zwecke der Echaltung des Würzburger Seminars eine Unterstützung auch durch die norddeutschen Landesverbände, hauptsächlich den Preußischm Landesverband, dringmd notwmdig sei. Bon anderer Seite wurde betont, daß angesichts der geringen Mittel des Preußischen Landesverbandes die Zur-Versü,gungstellung größerer Beträge immerhin fraglich sei. Die Aussprache führte zu keinem Beschluß, wohl aber kam es zu einer Annäherung der entgegengesetzten Standpunkts die eine Entscheidung im Sinne einer alle berechtigten Wünsche befriedigenden Lösung wahrscheinlich erscheinen läßt. Die Erziehungsanstalt, welche der Deutsch-Jsraelittsthe Gemeindebund in Repzin unterhält, muß wegen der ungenügenden Räumlichkeiten verlegt werden. Es ist bereits ein Grundstück angetanst wordm. Es wird beschlossen, den Landesverbänden zu empfehlen, die da zu erforderlichen Kosten, soweit der D.J.G.B. sie nicht aufbringm kann, nach Möglichkeit zu bewilligen. Ueber die ursprünglich von der Süddmtschm Arbeitsgemeinschaft geplante Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland, an deren Herausgabe sich der Prmßische Landesverband nach dem in seiner letzten Ratssitzung gefaßten Beschlüsse betciligm will, wurdm nähere Mitteilungen gemacht. Sie soll unter allen Umständen völlig unparteilich und rein wissenschaftlich geleitet werdm, ohne daß. irgend eine außenstehende Seite auf die Herausgabe einen Einfluß ausüben kann. Das ursprünglich von dem DJ.G.B. in Verbindung mit der Großloge U.O.B.B. gegründete Gesamtarchiv der deutschen Juden bedarf zu seiner Erhaltung und Weitersührung neuer Geümrittel. Es wurde beschlossen, den Landesverbänden zu empfehlen, dem Gesamtarchiv die erbetene Unterstützung zuteil werden zu lassen. Nachdem schließlich noch über den Stand einiger anderer Angelegenheiten Mtteilungen gemacht worden waren, wurde die Sitzung abends um 7 Uhr geschlossen. * * Tagung der württembergischen israelitischen Landesversammlung Beitritt zur Reichsorganisation beschlossen. — Passives Frauenwahlrecht abgelehnt. In Anwesenheit der Mitglieder des Jsr. Oberrats und aller Landesvertreter erössnete deren Präsident, Herr Julius Rothschild, die diesjährige Landesversammlung, deren Hauptaufgabe die Verabschiedung des Haushaltsplanes bildete. Dieser weist an Ausgaben den Betrag von 419 723 Reichsmark, an Einnahmen 204 262 Reichsmark auf, so daß der Abmangel 215 461 Reichsmark beträgt. Zur Deckung dieses Mangels ist eine Landesumlage von 4 o.-0 der Reichseinkommensteuer 1927 und der dreifachen Vermögenssteuer 1927 zu erheben. Der Prozentsatz der Landesumlage konnte also gegenüber dem Vorjahre um V« °/o gesenkt werden. Die Besoldungsordnung für die im Dienste der Jsr. Religionsgemeinschaft Württembergs stehenden Beamten war in 2 Sitzungen des Finanzausschusses eingehend vorberaten worden, so daß sie ohne Debatte, ebenso wie der Haushaltsplan und der Steuerbeschluß, einstimmig angenommen wurde. Die Rabbiner Württembergs werden nunmehr nach der neuen Besoldungsgruppe 4 a und b — mit Ausnahme von Stuttgart I —, * bie Religionslehrer nach den Besoldungsgruppen 8 a bis 6 besoldet. Mit dieser Neuregelung hat auch der Antrag des Jsr. Lehrervereins auf Schaffung gehobener Stellen seine Erledigung gefunden. Von den Jsr. Vorsteherämtern der Rabbinatssitzgemeiuden Mergentheim, Buchau, Hall, Horb und Oberdorf war der Antrag gestellt worden, die im vorigen Jahre von der Landesversammlung hinsichtlich der Rabbinatsbeiträge getroffene Regelung zu ändern. Der Antrag der fünf Gemeinden ging dahin, die Rabbinatsbeiträge ganz aus die Jsr. Zentrallasse zu übernehmen. Dadurch hätte der Abmangel eine Erhöhung von etwa 37 000, - Reichsmark erfahren, welche in der Hauptsache von den Großgemeinden aufzubringen gewesen wären. Der Antrag wurde mit Stimmeumehrheit abgelehnt. Einstimmig wurde der Antrag des Jsr. Oberrats angenommen, eine unständige Religionslchrerstelle in Creglingen zu schaffen. Vom Reichsbund jüd. Frontsoldaten, Ortsgruppe Stuttgart, war ein Antrag eingereicht worden, die Siedlungsaktion des R. j. F. zu unterstützen. In Anbetracht der gespannten Finanzlage der Jsr. Zentralkasse konnte sich die L.V. nicht entschließen, einen Beitrag zu gewähren. .Es wurde aber folgende Resolution angenommen: „Wir begrüßen das Bestreben des R. j. F. betreffs der Siedlung jüd. Glaubensgenossen mit Freuden, bedauern aber, in Anbetracht der derzeitigen Lage der Zentralkasse vorerst Mittel hierfür nicht bewilligen zu können." Desgleichen wurde eine Resolutton angenommen: „den Finanzausschuß in seiner derzeitigen Zusammensetzung zu beauftragen, den Haushaltsplan für 1929/30 vor dem Zusammentritt des Plenums vorzuberaten, es sei denn, daß feststeht, daß die Beratung dieses Haushaltsplans im Plenum der Landesversammlung nicht vor Ende 1929 möglich ist". Auf Antrag des Landesverbands für Israelitische Wohlfahrtspflege in Stuttgart (L.J.W.), den Gemeinden des Landes zu empfehlen, 1 <»/o ihrer „Jst"-Einnahmen dem L.J.W. zur Verfügung zu stellen, beschloß die L.V.: „Die L.V. hält es für dringend erforderlich, daß der L.J.W. dauernd in den Stand gesetzt wird, diejenigen Wohlfahrtsbestrebungen in Württemberg zu fördern, die eine Gemeinde, ein Verein oder eine Stiftung aus eigenen Mitteln nicht durchzuführen vermag, und ersucht den Oberrat, sämtlichen Religionsgemeinden des Landes nahezulegen, zu diesem Zweck jährlich 1 o/o ihres Steueraufkommens an den L.J.W. abzufuhren." Der Beitritt zur Reichsorganisation der jüdischen Gemeinden wurde gegen die Stimmen der gesetzestreuen Richtung beschlossen. Ministerialrat Dr. Hirsch glaubt, im Anschluß an diese Beitrittserklärung den Wunsch aussprechen zu dürfen, daß die Arbeit im Reichsverband zum Wohle des deutschen Judentums geleistet, und daß unnütze Parteistreitigkeiten vermieden werden. Dr. Gunzenhauser vom Jsr. Oberrat erstattete hieraus den Bericht über die Schaffung einer Dienstordnung für die Rcckbiner und Religionslehrer. Vom Oberrat wird eine Dienstanweisung ausgearbeitet werden, die einer fünfgliedrigen Kommission der Landesversammlung vorgelegt werden soll. Dem Rabbiner- und Lehrerverein wird Gelegenheit gegeben werden, sich zu dem Entwurf des Jsr. Oberrats zu äußern. Mit der Verabschiedung dieser Dienstanweisung wird die Verfassung der Jsr. Religionsgemeinschaft eine wesentliche Ergänzung erfahren. Zuletzt wurde der Antrag des Württenrberg-Hohenzollern-» scheu Landesverbandes des Jüdischen Frauenbunds betr. Verleihung des passiven Wahlrechts behandelt. Auch die Verfechter des Gedankens, daß Frauen in das Vorsteheramt gewählt werden können, wiesen darauf hin, daß es nicht verantwortet werden könne, schon heute eme Aenderung der im Jahre 1924 beschlossenen Verfassung vorzunehmen. Von gesetzestreuer Seite wurde gebeten, diesen Antrag, der bereits der Zankapfel bei der verfassunggebenden Landesversammlung gewesen, nicht wieder in die Debatte zu werfen. R.-A. Dr. Wolf stellte den Antrag, heute schon den Frauen das passive 'Wahlrecht zu gewähren. Dieser Antrag wurde abgelehnt und folgende Resolution des Min.-Rats Dr. Hirsch angenommen: „Die, Landesversammlung hält eine Aenderung der im Jahre 1924 beschlossenen Bestimmung für verfrüht, würde es aber begrüßen, wenn wenigstens in den größeren Gemeinden die Vorsteherämter zur Beratung hierzu besonders geeigneter Gegenstände weibliche Gemeindegenossen zuziehen würden, wozu § 37 Abs. 2 der Verfassung die Möglichkeit gibt." Während des Jahres hatten der stellvertretende Präsident des Jsr. Oberrats, Louis Hirsch, und das Mitglied der Jsr. Landesversammlung, Oberlehrer Preßburger-Creg ingen, ihren 70. Geburtstag gefeiert. Es wurden ihnen die Glückwünsche der Landesversammlung ausgesprochen. Der Präsident schloß mit Dank an den Präsidenten des Oberrats und den Vorsitzenden des Finanzausschusses für ihre mühevolle Arbeit die inhaltsreiche Tagung. * * Wohlfahrlsfragen im Preußischen Landesverband Am Sonntag, den 6. Januar 1929, hielt der Wohlfahrtsausschuß des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden unter dem Vorsitz von Prof. Dr. Türk seine Wintersitzung ab. Ein kleiner Rest der ihm für die materielle Förderung von Organisationen und Anstalten zur Verfügung gestellten Mittel wurde an einige Altersheime, Waisenhäuser und Erholungsheime verteilt. Für das neu gegründete Erziehungsheim in Marburg wurde mit Rücksicht darauf, daß die Anstalt im Anfang nur eine kleine Zahl von Zöglingen aufnehmen solle und sich daher noch nicht wirtschaftlich selbst erhalten könne, ein erhöhter Zuschuß bewilligt. Es wurde der Wunsch ausgesprochen, daß Rabbiner, Lehrer und Aerzte, an die sich erfahrungsgemäß die ratbvdürftigen Eltern schwer erziehbarer Kinder wenden, auf das erste jüdische Heilerziehungsheim Hinweisen möchten. Die Begründung von Beobachtungsstellen für psychopathische Kinder wurde empfohlen. — Bei der Verteilung der Sübventionen stellte sich heraus, daß in manchen Gegenden zu viele gleichartige Anstalten, besonders Waisenhäuser, vorhanden sind. Eine Zusammenlegung solcher Anstalten wird in Betracht gezogen werden müssen. Der Wohlfahrtsausschuß sprach sein Bedauern darüber aus, daß ihm bei der Etatsfestsetzung von Jahr zu Jahr die Mittel für seine sozialen Aufgccken verkürzt werden. Er faßte ferner folgende Resolution: „Der Wohlfahrtsausschuß bedauert, daß der Rat des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden bisher die Schaffung der geplanten Arbeiterkolonie nicht ermöglicht hat und bittet dringlich, die erforderlichen 30000,— Reichsmark baldigst zu bewilligen." Bevölkerungspolitik und die Begründung von Haushaltungsschulen bildeten den Mittelpunkt der allgemeinen Verhandlungen. Der bevölkerungspolitische Ausschuß hat beschlossen, zur Klärung der Probleme und der Möglichkeit praktischer Maßnahmen eine Konferenz von etwa 40 bis 50 Personen einzuberufen, für die ein Programmentwurf vorliegt. Von theoretischen Erörterungen soll abgesehen, und nur solche Vorschläge sollen besprochen werden, die von Seiten der Verbände und Gemeinden wirklich durchführbar sind. Der bevölkerungspolitische Ausschuß wurde beauftragt, das gesamte Programm noch einmal durchzuberaten und die Themen und die Redner zu bestimmen. Für hauswirtschaftliches Ausbildungswesen wurde von Frau Ollendorff ein ausführliches Programm entwickelt. Eine Gesetzesvorlage über Einrichtung der haus» wirtschaftlichen Berufsschulpflicht steht in Aussicht. Darauf habe der Wohlfahrtsausschuß sich vorzubereiten. Es soll in jeder größeren Gemeinde eine Haushaltungsschule eingerichtet werden. Die Schulen sind bei der in Deutschland bestehenden Arbeitslosigkeit von größter Wichtigkeit. Jüdische Hausfrauen werden sich eher entschließen, jüdisches Personal anzustellen, wenn dieses eine gründliche Vorbildung erhalten hat. Für hauswirtschaftlich gut vorbereitete Mädchen werden sich die Heiratsaussichten mehren und die Zahl der Mischehen dadurch verringert werden. Zur Leitung einer Haushaltungsschule soll eine staatlich geprüfte Gewerbelehrerin berufen und die Schulen müssen nach staatlich genehmigtem Plane geführt werden. Städtische und staatliche Sübventionen müs^n angestrebt werden. Me Vorarbeiten soll der jüdische Frauenbund, verstärkt durch einige Sachverständige, übernehmen. Es wurde ferner in Aussicht genommen, das wegen mangelhaften Besuches geschlossene Kinderheim Bad Ems in ein Erholungs-- und Genesungsheim für Kantoren, Prediger und Lehrer umzuwandeln. — Nn Antrag, einen Sttpendien-Fonds für Studierende sowie für Handwerker zu schaffen, wurde bis zur Beendigung der mit Vertretern der jüdischen Studierenden schwebenden Verhandlungen zurückgestellt. — In Bezug auf die Dienstanweisung für die Gefangenew-Seelsorge und -Fürsorge wurde darauf hingewiesen, daß in diesem Jahre der Strafvollzugsgesetzentwurf und der Entwurf für Strafentlassenenfürsorge zur Annahme gelangen und unmittelbar danach die Landesausführungsbestimmungen erlassen werden. Diese Bestimmungen müssen so gestaltet werden, daß wir wirklich helfe» können. Me Juden sollen sich mehr als bisher mit der sozialen Gerichtshilfe beschäftigen. — Es wurde festgesteltt, daß in öffentlichen und privaten Anstalten sich die erschreckend große Hahl von 1088 Geisteskranken befinden. Me Gründung einer eigenen jüdischen Anstalt wird erfolgen müsse«, sobald die Mittel dazu vorhanden sein werden. Einstweilen werden Schritte getan werden, um da, wo es möglich ist, eine geordnete Seelsorge zu schaffen. Damit schloß die arbeitsreiche Sitzung. Annahme von Bestellungen auf die Jüdisch-liberale Zeitung bei allen Postämter« Deutschland»