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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-01-18 · 3 (18.1.1929) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
3 (18.1.1929)
Date
1929-01-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Einige offenherzige Bemerkungen zum Thema »Liberales Zubenlum" Von Claude G. Montefiore, London. Weltanschauung und unserer Zeitanschauung entsprechen. Wir sind uns klar darüber, daß immer und ewiz sein wird der sittliche Geist, den die jüdische Religion der Welt gegeben hat, wandelbar aber find die Formen, nach denen Menschen verschiedener Zeiten leben und in Zukunft leben werden. Die Pflege des Geistes der jüdischen Religion unter entschiedener fortschrittlicher Gestaltung unserer Formen ist Sinn und Zweck unserer „Gemeinschaft". Und um gleich von vorne herein Klarheit zu schaffen: Wir weisen es weit von uns, Unfrieden oder Spaltung Hervorrufen zu wollen, wir wollen nicht werben bei denen, die Befriedigung finden in den Formen, die sie von früheren Generationen übernommen haben und die traditionell fortzuführen sie für ihre Pflicht halten. Sie mögen und sollen sich wohl fühlen bei ihrer Auffassung, und sie dürfen versichert sein, daß wir ihre ehrliche Ueberzeugung achten und ehren werden. Wir aber haben - und das sei ganz klar ausgesprochen -- nicht das Gefühl der geringsten Minderwertigkeit als Juden ihnen gegenüber, und wir würden es das sei ebenso deutlich gesagt - als unerträglich empfinden, wenn *nan> uns, wenn wir uns zu einer hoffentlich starken und zielbewußten Gruppe entschieden liberaler Juden zusammengesunden haben, wenn man uns dann weiterhin geistig bevormunden zu können glaubt. In vielen und ausgedehnten Besprechungen haben wir, die ivir die „Gemeinschaft" gebildet haben, uns über unsere Ziele und Wege unterhalten. Es lvaren -- ich darf es ohne Uebertreibnng sagen — Stunden des Lernens und der Erhebung für uns. Ich möchte Ihnen aber auch nicht verschweigen, daß wir sahen, wie schwierig cs ist, neues fruchtbares Leben aus diesem lange brach liegenden Boden hcrvorsprießen zu lassen, lute schwierig es ist, bis ins Einzelne gehend ein Programm aufzustellen, auf dem sich alle divergierenden Meinungen finden konnten. Diese „Gemeinschaft", die wir gebildet haben, soll daher nicht in letzter Linie eine Studiengesellschast sein, die sich mit tiefem Verantwortungsgefühl für .die Zukunft des Judentums und für die Zukunst unserer Kinder an die cnlschicdt'nc fortschrittliche Gestaltung unserer religiösen Formen nach gründlichstem Studium aller i» Betracht kommenden Fragen l>cranmacht. lind als wir, die ivir uns zu unterrichten suchten, uin uns sahen in der Welt, da sahen wir, daß längst vor uns andere Menschen, andere Juden die Notwendigkeit dieser Fortentwickelung erkannt hatten. Wir sahen, daß in Berlin seit dem Jahre 1815 bereits eine blü hende, zur Zeit 800 Familien umfassende Resoriugcmeinde besteht, an deren Spitze Männer stehen, deren Namen Ihnen allen bestens bekannt sind: Justizrat Brodnitz, der verdiente Führer des Central Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, sei als Beispiel dafür genannt, daß man ein entschieden liberaler und doch ein guter Jude sein kann. Es würde den Rahmen dieser Aufgabe übersteigen, die ich mir für den heutigen Nachmittag setzte, wenn ich Ihnen einen geschichtlichen Ueberblick über die Entwicklung des entschiedenen liberalen Judentums und seiner Institutionen in Deutschland und in der Welt geben ivürde. Wir beabsichtigen, Ihnen davon schon bald durch einen berufenen Redner berichten zu lassen. Eines aber darf ich an , dieser Stelle Ihnen sagen als Ergebnis unseres Studiums der Frage: Wir sahen - - ich darf wohl sagen zu unserer Ueberroschung , wie weit schon in Deutschland und vor allein in Amerika und England das entschieden liberale Judentum fortgeschritten isi und wie stark sich seine Stellung entwickelt hat. Zum Beweise dieser meiner Behauptung lassen Sic mich Ihnen einen Auszug aus einem Referat vorlesen, das auf der Liberalen Weltkonfercnz in Berlin im August 1928 der amerikanische Rabbiner Gvldenson aus Pitsburg hielt. Er sagte in der Sektion, die sich mit Fragen des Gottesdienstesbeschäftigte: „Das Bedürfnis, den Synagogcngottesdienst zeitgemäß zu gestalten, geht nicht aus Leichtsinn oder Willkür hervor. Ebenso wenig ist der Wunsch, das Ritual oder Zeremonial zu ändern, Ausdruck der Untreue gegen den Glauben oder Zeichen der Miß achtung bedeutsamer religiöser Werte. Im Gegenteil, wir glauben, daß überall dort, wo der Wunsch nach Reforrn auftrnt, wiederkehrt und hartnäckig besteht, seine Betonung unleugbar geistiger Art ist. Es ist Zeit, zu betonen, daß geistige Redlichkeit und intellektuelle Freiheit seelische Eigenschaften sind, die ebenso notwendig für das allgemeine Geistesleben sind wie jene Art Anhänglichkeit an die Tradition, die sich nicht stören läßt durch das Bewußtsein, daß das moderne Denken Folgerungen nach sich zieht. Wenn das Judentum in der modernen Welt leben und eine beachtliche Rolle ' in den Angelegenheiten des Menschengeschlechtes spielen soll, so müssen seine Führer und Ausleger zu dem Versuch bereit sein, das für unsere Generation zu tun, was die Propheten in Israel für die ihre taten. Die Synagoge unserer Zeit ist in eine neue und immer wachsende Welt gestellt, zu der der Jude gehört und gehören Null. Jene Welt und diese Ansprüche sollten in seinen religiösen Bräuchen, seinem Zeremonial und seinen Gebeten be» dacht werden. Der Mann, der draußen in der Welt für Universalismus eintritt. macht sich lächerlich, wenn er sein religiöses Sehnen in der Beschränktheit von Stammes- und Rasscnbegriffen und Idealen ausdrückt. Der Mann, der draußen die Fortschritte der Wissenschaft vertritt, der die Resultate wissenschaftlichen For schens und Denkens anerkennt, widerspricht seinen Aussagen, wenn er beim Gottesdienst Natur- und Geschichts-Auffassungen lauscht, die sowohl primitiv wie überlebt sind. Der Mann, der betont, daß man in allen Dingen ans tiefen Gehalt und inneren Wert sehen muß, verrät entweder Unaufrichtigkeit oder einen Mangel an Verständnis, wenn er versteinerte Formen über den Anspruch auf Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit stellt. Ich möchte daher die Liturgie der Synagoge so umgewandelt haben, daß Männer und Frauen, die im 20. Jahrhundert leben und klug und nützlich an der Schaffung einer besseren und größeren Welt Mitarbeiten, mit ihren Glaubensgenossen aufrichtig und wahr beten können. Unsere Gebete brauchen und sollen nicht jene neumodische vergängliche Idee des Tages ausdrückcn, aber sie dürfen nicht den feinsten und -edelsten Empfindungen der besten Köpfe unter uns widersprechen. Ich bin sicher, daß, wenn unser Versuch, unseren Gottesdienst mit der Welt, in der wir leben, in Einklang zu bringen, einerseits vom Gottrsglauben, andererseits von sittlichem Berantwortlichkeitsgefühl für die Welt und die Judenheit erfüllt sein wird, unser Gottesdienst weiter sowohl jüdisch wie modern sein wird, und sein jüdischer Charakter würde bei einem immer größeren Kreis guter Männer und Frauen Anklang finden." So sprach auf der Weltkonfercnz in Berlin ein Vertreter des entschieden-liberalen Judentums. Der Geist, der aus diesen Worten spricht, möge der Geist werden, der unsere ncugegründete Gemeinschaft beseelen möge. Ich komme zum Schluß meiner Einführung in den Jdecnkrcis unserer „Gemeinschaft". Ich bin mir bewußt, daß ich nur in ganz großen Umrissen Ihnen etwas von dem sagen konnte, was uns zur Gründung der „Gemeinschaft entschieden liberaler Juden" bewog. Der Bortrag unseres verehrten Redners, des Herrn Dipl.-Jng. Brunos Woyda, wird Sie weitersübren in die modernen Bestrebungen im Judentum. Möge unser Versuch, einen Boden für das linksliberale Judentum auch in Köln zu bilden, von Ihnen so ausgenommen werden, wie er von uns gemeint ist: frei von jedem persönlichen Ehrgeiz und frei von böser Gesinnung gegen Andersdenkende wollen wir entschieden-liberale Juden Kölns entsprechend unserer Welt- und Religionsanschauung für uns und unsere Kinder unter stärkster Betonung der geistigen und sittlichen Werte des Judentums die Formen unserer religiösen Betätigung nach unserer Auffassung geregelt sehen. Aufgabe und Weg sind klar vorgezeichnet. Das Ziel ist gegeben. Nun bedarf es der schaffenden und wirkenden Menschen. Wir können uns, wenn wir uns nicht selbst und unsere Kinder als Juden auf- Heben wollen, dieser Aufgabe nicht entziehen. Lassen Sie uns deshalb mit fröhlichem Mut, aber mit unerbittlicher Konsequenz ans Werk gehen. Wir wollen die Schaffenden sein, denn wir glauben an unsere Idee. (Fortsetzung.) Als Begründung für die Forderung der Beachtung der jüdischen Speisegesetze wird häufig zweierlei angeführt: wir sollten sie beachten als Bindeglied mit einer beträchtlichen Anzahl Israeliten: wir sollten sie ferner beachten zum Zwecke der Selbstbeherrschung. Im modernen Leben ist es unzweifelhaft leichter und bequemer, die Speiftgesetze zu verletzen als sie zu beachten, darum beachte sie, beachte sie in ihrer Gesamtheit. Auf diese Begründungen würde ich erwidern: Ich will nicht mit anderen Israeliten durch Bräuche verbunden sein, die nach meiner Anschauung nicht religiös und empfehlenswert sind, durch Bräuche, die ich, als ganzes betrachtet, lieber verlassen als beibehaltcn wissen möchte. Ich bin mir keineswegs klar darüber, ob die Beobachtung der Speisegesetze in der Gegenwart noch von religiösem Vorteil für das ganze Haus Israel ist. Selbstbeherrschung und Selbstdisziplin sind gut und wünschenswert, aber sie können mit anderen Mitteln geübt werden. Dicht Mittel müssen gut in sich selbst sein. Cs ist vielleicht an der Zeit, diese Vorschriften zu übertreten, nicht aus Bequemlichkeit oder Unwissenheit, sondern bewußt, ja sogar aus Gewissenhaftigkeit. Auf der Weltkorrserenz des liberalen Judentums in Berlin waren Stimmen vernehmbar, die äußerliche Zeremonien dieser Art der freien Entscheidung des Einzelnen überlassen müssen wollten. Das liberale Judentum habe wirklich wichtigere Tinge zu bedenken, zu diskutieren und zu lehreir. Es ist vollständig wahr, den Speisrgesetzen kommt keine große Bedeutung zu: sie sind von außerordentlicher Wichtigkeit für das orthodoxe Judentum, sie nehmen einen großen Umsang im jüdisch-orthodoxen Leben ein, doch für das liberale Judentum find sic unwichtig. So ist argumentiert worden und man kann so mit einer gewissen Berechtigung argumentieren. j Wenn ein aufrichtiger liberaler Jude sie beachten will (wie? beispielsweise Prof. Elbogen, der meines Wissens der größte .Historiker des jüdischen Gottesdienstes der Welt ist), warum soll man ihn nicht sich selbst überlassen. Nun, wir werden nicht ernstlich versuchen, ihn daran zu hindern: das ist klar. Tie Entscheidung gegenüber den Speisegesetzen steht jedem :rei! Ten noch sind meines Dafürhaltens die Speisegesetze und einige andere zeremonielle Dinge wichtig genug, um ihnen nicht auszuweichen. Es ist nicht gut, daß Menschen >ie vernachlässigen und vielleicht dabei denken sollten, sie seien deswegen keine guten Juden. Unsere Führer müssen eine bestimmte Meinung verkünden, die nach der einen oder nach der anderen Richtung geht, müssen nach sorgfältiger Erwägung entweder Beobachtung oder Vernachlässigung verlangen. Unser Glaube und unsere Handlungen müssen, soweit dies irgend möglich ist, eine bewußte und entschiedene Harmonie, ein Ganzes, bilden. Auf der Berliner Konferenz gab es mehrere Redner, die dieselbe Haltung einnahmen wie ich und die vermutlich mit mir völlig übereinstimmen. Andererseits gab es verschiedene Redner mit abweichender Haltung. Einige, die von den edelsten Beweggründen geleitet waren, glaubten, daß diejenigen, die meiner Ansicht sind, zuviel Gewicht auf diese Tinge legen und sich zu sehr mit den Fragen der Beobachtung der Spcisegesctze und des Zcremonialgesetzes abgeben. Tieft Dinge würden sich von selbst regeln (ihrer Ansicht nach werden die Erfordernisse des Lebens sie im Gegensatz zur Tradition erledigen). Ueberlaßt also die Speisegesetze sich selbst, desgleichen das Schreibet,, Fahren und Rauchen am Sabbat. Denkt und sprecht von großen und wichtigen Dingen, von großen Fragen der Lebensführung und der Religion. Die Dinge von geringerer Bedeutung, die Zeremonialgesetze, werden sich von selbst regeln. In weiteren 50 Jahren wird in Deutschland dasselbe geschehen wie jetzt in den Vereinigten Staaten. Die Liberalen werden sämtlich das Fahren, Rauchen und Schreiben am Sonnabend als eine selbstverständliche Sache betreiben, kein Liberaler wird die Speiftgesetze beobachten: eine neue Stufe der religiösen Entwicklung wird ganz friedlich und sanft erreicht sein, ohne Kraft- und Zeitverschwendung, ohne irgend jemandem Herzbeklemmungen verursacht oder ihn in seiner Empfindlichkeit gestört zu haben. Obgleich diese Auffassung aus den edelsten Motiven vertreten wird, von ausgezeichneten, kenntnisreichen Männern, leuchtet sie mir nicht ein. Ich verlange, daß die Führer, die Rabbiner, zu Arm und Reich sagen, welche Folgerungen sich gegenwärtig aus der Lehre des liberalen Judentums ergeben. Ich fordere, daß kein Brauch beibchalten oder abgeschasst wird ans Bequemlichkeit oder Nachlässigkeit. Ich fordere, daß die Rabbiner beispielgebend sein sollen. Ihr Leben sollte nachgeahmt werden und nachahmenswert sein. Ihre Lebensführung müßte befolgt werden. Wenn die Speiftgesetze befolgt werden sollten, wenn die Rabbiner sie befolgen, dann laßt ihre Gemeinden sie ebenfalls beachten. Wie der Hirt lebt, so sollte die Herde leben. Wenn eS jedoch richtig ist, des Sonnabends zu fahren und die Speisegesetze zu mißachten, so sollen die Hirten es uns sagen, und sie selbst sollen entsprechend handeln. Ich nehme an, daß in Deutschland das System der Einheitsgemeinde dem im Wege steht, was ich fordere. Jedenfalls scheint mir der richtige Weg mindestens in der 'Richtung des von mir Angegebenen zu liegen. Die Politik des Schweigens scheint erklärlich zu sein als Kompromißresultat schwieriger Umstände, sie läßt sich aber kaum als ein Ideal verteidigen. * ES gab noch eine völlig anders geartete Auffassung des liberalen Judentums, die aus der Konferenz von Rabbiner Wiener vertreten wurde. Man hat von jeher gesagt, daß alle Wege nach Rom führen. Rabbiner Wieners Standpunkt, mit großer Beredsamkeit vorgetragen, gibt ein höchst seltsames Beispiel dafür, wie jüdischer Nationalismus auf den unerwartetsten Pfaden erreicht werden kann. Dr. Wieners Standpunkt beruht auf einer theologischen und metaphysischen Theorie, über die zu urteilen ich 'mich nicht kompetent fühle. Diese Theorie scheint mir zu einem großen Teil mit den Ansichten des ausgezeichneten Dekans der St. Paulskirche in London übereinstimmen, und es würde mich außerordentlich interessieren, zu erfahren, was Dr. W. von diesen Ansichten hält. Höchstwahrscheinlich hat er noch nicht einmal den Namen Inge auch nur gchört oder eines der Bücher des Dekans gelesen! Ich glaube, ich sollte ihm Dr. Inges Gesammelte Werke zu seinem Studium übermitteln! Diejenigen, die in der Jüdisch-liberalen Zeitung die sehr interessanten Berichte der Konferenz lesen und verfolgen können, sowie die nicht weniger interessanten Artikel von Herrn Wohda, Margolius und anderen, die diesen Berichten gefolgt sind, werden einigermaßen imstande sein, einen Begriff von den wirklichen Ansichten Dr. Wieners zu erlangen. Es dürfte ausreichend sein, hier zu konstatieren, daß sie von einem Begriff der Welt abhängig zu sein scheinen, durch den die Welt, wie sie besteht, zerlegt wird in zwei Hälften, die nichts miteinander zu tun haben: Die Welt der Wissenschaft und die geistige, außerhalb des Wahrnehmbaren befindliche zeitlose Welt der Religion. Ob Geschichte und Moral teilweise beiden Welten angehören oder ob nur der ersteren, dessen bin ich nicht sicher. Tr. Wiener ist in seinen eigenen Augen ein Liberaler, weil er, wenn ich ihn recht verstehe, die Ergebnisse der modernen Kritik und der vergleichenden Religionswissenschaft hinsichtlich des Pentateuchs und seiner Gesetze annimmt, und weil er ferner den autoritativen Charakter des Gesetzes in dem Sinne, in dem die Konservativen es als autoritativ betrachten, leugnet. Dennoch möchte er die „Tradition" und den ganzen Komplex der Gesetze aus jüdisch-nationalen Gründen erhalten. In der Tat versucht er auszuzeigen, wie seine metaphysischen Theorien ihn zum Nationalismus und bis zu einem gewissen Grad sogar zum religiösen Partikularismns treiben, als des einzig logischen und philosopbischen Mittels, das Judentum als eine Religion zu erhallen. Es ist überflüssig, zu erklären: Ich bin ein noch größerer Gegner der Wienerschen Folgerungen als seiner metaphysischen Ideen. Ich verstehe die Folgerungen (während ich über die Theorien nicht völlig im klaren bin) und widersetze mich ihnen mit vollem Verständnis aus das Energischste. Glücklicherweise wurden viele Stimmen aus der Konferenz taut, die sich für entschiedenen Universalismus aussprachen. Mehrere Redner machten nachdrücklich geltend, daß die Zeit nicht mehr fern sein sollte, in der das liberale Judentum die völlige religiöse Heimat werde für viele, die außerhalb der jüdischen Rasse stehen unddaß, bei der praktischen Entwicklung des liberalen: Judentums, man sich dieses große Ziel ständig vor Augen halten müsse. Mir bereiteten solche Aeußerungen eine außerordentliche Freude. Es war mir keine geringere Freude, in einigen Artikeln der Jüdisch-liberalen Zeitung von dem Wunsch nach Dingen zu lesen, die in unserer liberalen jüdischen Synagoge bereits eingeführt sind. Unserem verehrten Führer, Dr. Mattuck, muß es eine noch größere Befriedigung und ein Vergnügen verschaffen, diese Artikel zu lesen; denn die Erlangung dieser Dinge, sowohl in ihrer Gesamtheit als im besonderen, ist ihm zu danken. So beklagt sich der Schreiber eines Artikels darüber, daß die liberale Bewegung nicht imstande gewesen ist, die Ungleichheit von reich und arm in der Synagoge aufzuheben. „Ein Gottesdienst mit teueren und billigen Plätzen ist ein Nonsens der Religion." Nun, wir, oder vielmehr Tr. Mattuck, haben dies aufgehoben. Weiterhin verlangt man neue Gebete, moderne Hymnen, selbst den gelegentlichen Gebrauch nichtjüdischer Klassiker. Nun, der Schreiber sollte unser Gebetbuch und unser Gesangbuch studieren und er würde finden, daß seine Wünsche erfüllt worden sind. Das ungeheure Wagnis, mit dem Dr. Mattuck eines der größten Sonette Shakespeares in den heiligsten aller Gottesdienste eingeführt hat, würde in dem Schreiber des betreffenden Artikels, auf beit ich Bezug nehme, rückhaltlosen Beifall finden. Das Merkwürdige dieses Wagnisses ist, daß das Sonett ganz genau das besondere Gefühl ansdrüÄ, das der Beter zu einer b e st i m m t e n Zeit an diesem bestimmten Tage (dem Versöhnungslage) zu erlangen versuchen sollte. Es ist selbstverständlich, daß nur der sparsamste und taktvollste Gebrauch von unserer liberal-jüdischen Freiheit in I dieser Richtung gemacht werden sollte. Aber hier ist ein Beispiel, bei dem Freiheit mit vollständiger Folgerichtigkeit angewandt worden ist und daher zu einem völligen Erfolg geführt hat. (Schluß folgt.) *) Dr. Wiener hat. nachdem diese Worte niedergeschricben sind, in der Jüdisch liberalen Zeitung noch eine außerordentlich gewandte und außerordentlich interessante Verteidigung seines unnachgiebige« Zionismus und Nationalismus veröfftntlicht. Sie laßt mich ebenso unübcrzeugt wie seine Rede, obgleich seine neuen Argumente bewunderungswürdig ausgedrückt sind. Umschau Poincare, Dreyfuß und Coty. In der letzten Sitzung der französischen Kammer kam im Verlauf der Diskussion der Ministerpräsident R. Poincare auf seine Rolle in der Affäre Dreyfuß zu sprechen und sagte: Im Jahre 1898 habe ich mein Herz erleichtert, als ich dem Gericht die Enthüllung machte von dem Bestehen eines Kapitän Dreyfuß entlastenden Geheimdokuments, das d em Gericht vorenthalten war. Diese meine Enthüllung brachte ein neues Verfahren in Gang, wodurch sich Dreyfuß Unschuld zweifelsfrei erwies. Poincare ist nun wegen dieser Aeußerung Gegenstand einer wütenden Hetze seitens der antisemitischen Presse. „Aktion Francais" schreibt, Poincare habe nur das Verfahren gegen einen Inden gestört, der das Land verkauft hat, und hinderte dessen endgültige Verurteilung. Heute sieht Poincare untätig zu, wie die Juden die Armee zerstören. Der bekannte Parfümsabrikant und Zeitungsbesitzer Francois Coty hat in der vor ihm neu erworbenen Zeitung „Ami du Peuple" eine antisemitische Hetze im Zusammenhang mit dem Skandal der „Gazette de France" eingeleitet. Er behauptet in zwei von ihm selbst unterschriebenen Aufsätzen, das naive französische Volk werde von den Juden ausgeplündert. Er warnt das „gutmütige französische Volk" vor den jüdischen Einwanderern in Frankreich und nennt Professor Victor Basch, den Präsidenten der Liga für Menschenrechte, keinen „Agenten Jerusalems und Budapests". — Die antisemitische „Action Francaise" unterstützt Coty in seiner antisemitischen Kampagne, indem sie Ebenfalls auf die jüdische Abkunft einiger in die Skandalasfäre der „Gazette de France" verwickelter Personen hinweist. Die Juden in der Türket. Das türkische Innenministerium veröffentlicht die folgende Erklärung: Innerhalb der Grenzen der türkischen Republik genießen alle Bürger dieg leichen Rechte. In der Anwendung der

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