Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 3 (18.1.1929)
- Date
- 1929-01-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Verband russischer Anden in Berlin > Um die Aufmerksamkeit der Oefsentlichkeit auf seine Tätigkeit zu lenken, veranstaltete der Verband russischer Jufren in Deutschland am 9. Januar einen Presse-Tee im „Kaiserhof". Die Versammlung wurde vom greisen Vorsitzenden des Verbandes, dem früheren russischen Landgerichtsrat Jakob Teitel, mit einer kurzen Ansprache cröfineü!. Herr Teitel einer der wenigen Juden, die im zaristischen Rußland im Staatsdienst angestellt waren (seine Erinnerungen sind vor kurzem deutsch unter dem Titel „Aus meiner Lebensarbeit", im Verlag I. Kaufmann, Frankfurt a. M. erschienen) arbeitet mit jugendlicher Frische am Werke des Verbandes, der jetzt in das zehnte Jahr seines Bestehens eintritt und wohl die größte soziale Flüchtlingsorganisatiou. darstellt, deren Hilsswerk im wesentlichen auf Selbsthilfe besteht. Die Einnahmen des Verbandes, dessen Ausgaben in den letzten Jahren 150 bis 170 000 Mark jährlich betrugen, bestehen aus Mitgliedsbeiträgeu, Erträgnissen von Bällen und ähnlichen Veranstaltungen, zum Teil aus Subventionen ausländischer Hilfsorganisationen. Bis 1924 war der Verband imstande, die Ausgaben aus eigenen Mitteln zu decken. Seither wurde aber die Verarmung der russischjüdischen Flüchtlinge, unter denen sich zahlreiche frühere reiche Kaufleute und Intellektuelle befinden, die jetzt gezwungen sind, sich in Deutschland aufzuhalteu, immer größer, ihre eigenen Mittel r eichten nicht mehr aus, so daß sich 1924 der Verband zuerst an verschiedene Organisationen im Ausland um finanzielle Unterstützung wenden mußte. Der „Joint Distribution Committee", die „Jewish Colonisation Association", die „Alliance Jsraxlitc universelle", gewährten Subventionen, 1926 auch der schweizerische Gemeindcüund. Staatsrat Teilet unternahm in den letzten Jahren alljährliche Reisen ins Ausland, um die jüdische Oefsentlichkeit für die tragische Lage der jüdischen Flüchtlinge in Berlin zu interessieren. Es gelang ihm 1925 und 1926 in London, 1927 in Holland beträchtliche Summen für den Verband zu sammeln. 1926 erhielt der Verband auch vom „Service des refugies" beim Völkerbund einen Betrag von 5000 Dollar als Betriebsfonds für Darlehen an Flüchtlinge. 1927 wurde der Verband als Mitglied des beratenden Komitees beim Völkerbundskommissariat für Flüchtlinge ausgenommen. Die Hilfe der ausländischen Organisationen reichte aber nicht aus, und 1928 sah sich der Verband zum ersten Mal seit seinem Bestehen gezwungen, an die jüdischen Gemeinden Deutschlands sowie an die gesamte Oeffentlichkeit sich mit der Bitte um Unterstützung zu wenden. Staatsrat Teitel hat im verflossenen Jahr Sammlungen in Hamburg, Leipzig. Frankfurt a. M. und Chemnitz durchgeführt, die zwar erfolgreich waren, aber noch nicht ausreichen. Mit Genehmigung des Berliner Polizeipräsidenten ist eine Sammlung auch in Berlin eingeleitet. Der Hauptredner bei der Veranstaltung war der Verfasser dcs „Sergeant Grischa", Arnold Zweig, der in sthr warmherziger Rede „Das Los d cr. Gefluchteten" schilderte. Er wies daraus hin, daß man es bei diesen Flüchtlingen meistens mit Menschen einer sehr hochwertigen Kultursphäre zu tun hat, daß die Tausende von jüdischen Flüchtlingen, die sich fitzt schon seit vielen Jahren in Berlin aufhalten, noch immer eine abgesonderte Gruppe von „Staatenlosen" bilden, weil sie in einer anderen Kulturatmosphäre ausgewachsen sind, die von derjenigen der deutschen Juden verschieden ist. Ein gegenseitiges Durchdringen hat noch immer nicht stattgefunden, noch immer leben' verschiedene jüdische Gruppen in Berlin nebeneinander, aneinander vorbei. Die deutschen Juden müßten einsehen, daß die Hilfsaktion, um die es sich hier handelt, nicht nur den notleidenden Züchtlingen, die früher an ein Leben der Bedürftigkeit nicht gewöhnt waren, zugute kommen, sondern, daß damit auch Berlin und Deutschland ein Kulturdienst erwiesen würde, da es sich darum handelt, hochkultivierten Menschen ein aktives Dasein wieder zu ermöglichen. In der Diskussion wies das Mitglied des Präsidiums des Verbandes D r. Kann daraus hin, daß die Lage der Flüchtlinge sich immer trauriger gestaltet, frühere Geber, eh.nnals selber große Wohltäter, sind zu Nchmern geworden, sogar Mitbegründer des Verbandes, die ihn lange Zeit finanziell unterstützten, sind jetzt selbst auf Hilfe angewiesen. Ter Syndilüs des Verbandes, der frühere russische Rechtsanwalt Golden weiser gab Auskunft über verschiedene aus der Versammlung gestellte Fragen. Aus einein an die Teilnehmer verteilten Bericht gcht hervor, daß 1928 der Verband Rm. 53123. an einmaligen und Rm. 51246. qn monatlichen Unterstützungen an Intellektuelle und Rmj 16 137. - an Studierende (Kollegiengelder usw.) verausgabte. Zinslose Darlchen an Handwerker, Gewerbetreibende und Kleinkaufleute erreichten Rm. 26 692. , für die Erlernung eines praktischen Berufes (Zuschneiden, Nähen, Stenographie usw.) wurden 1928 Rin. 6 717. verausgabt, in 772 Fällen unentgeltliche ärztliche Hilfe geleistet, in 420 Fällen vom Synditns des Verbandes Rechtshilfe gegeben usw. Die Notwendigteit der Hilfe wurde auch sehr eindrucksvoll in einem Aufruf betont, der von einer Rabbinerkommisfion zur Förderung der Sammelaktion des Verbandes unterschrieben ist. I. L. Tradition ist Schlamperei Eine Apologie von Oberkantor Hermann Zivi, Elberfeld. Ich habe vor dem Erscheinen deS in Nr. 29 der „Jüdisch liberalen Zeitung" veröffentlichten Aufsatzes von Dr. Oskar Guttmann, - Breslau, von dem Ausspruch Gustav Mahlers: „Tradition ist Schlamperei" keine Ahnung gehabt, und es war die verdienstvolle Inanspruchnahme eines guten Rechtes von seiten des Chor- , dirigenten Ba d r i a n, Königsberg, in Nr. 6 der Zweimonatschrist des Allgemeinen Deutschen Kantorcnverbandes „Ter jüdische Kantor" Stellung dagegen genommen zu haben. Was nun auch mich veranlaßt, in der aufgeworfenen Frage das Wort zu ergreifen, das ist die nach meinem Dafürhalten immerhin notwendige Erwägung, ob es eine „Tradition der Synagogew- - musst in Deutschland" überhaupt gibt. Biele behaupten das mit , erstaunlichem Mut und mit einer Beharrlichkeit, als ob das gar nicht anders sein könne. Sie tun das sicher in gutem Glauben, ohne zu bedenken, daß ihre Argumentation ans dem engen Kreis ihres eigenen Daseins 'beruht. Und wenn wir uns umsehen im Bereich der vielen ' möglichen Daseinskreise, aus denen heraus mit ein und demselben ' Recht von einer „Tradition der Synagogenmusik in Deutschland" gesprochen werden kann, und wenn wir die auf solche Weise zustande gekommenen Einzelergebnisse miteinander vergleichen, dann werden wir sehr schnell zu der Erkenntnis gelangen, daß es eine „Tradition der Synagogenmusik in Deutschland" gar nicht gibt, dafür aber so und soviele „Traditionen", die entweder nebeneinander oder, was auch möglich ist, so weit auseinander liegen, daß man sie zu einer Einheitlichkeit gar nicht zusammenfassen kann. Die Kriterien einer „Tradition der Synagogenmusik in Deutschland" müßten meines Erachtens ebenso beschaffen und in sich abge schlossen sein, wie es in sich die Kriterien der römischen sowohl wie auch der griechisch-katholischen Kirchenmusik, und wie es unverkennbar auch die Kriterien des protestantischen Chorales sind. Damit will ich sagen, daß selbst im Hinblick auf die zentrifugale Wegrichtung, die eine immer größere Entfernung zwischen römischer und griechisch-katholischer Musst geschaffen hat, wie ein roter Faden deutlich die Tendenz zu erkennen ist, daß diese von einander verschiedenen Musiken jeweils auf einer ganz bestimmten Grundlage aufgebaut und zu dem geworden sind, >oaS sie „traditionsmäßig" heute bedeuicn. Dasselbe Zugeständnis muß man auch dem protestantischen Ehorai machen. Zwar hat er, wie K i r s ch n e r - München das im Jahre 1914 in einem sachwissenschastlichen Vortrag aus dem Kantorcntag in Nürnberg interessant zu Tage gefördert hat, seine Motlvbildnngen zu einem großen Teil aus dem deutschen Volkslied hergeholt-, was man ihm aber nachrühmen muß, das ist ivicderum die Konsequenz, mit der e r seine volksliedmäßigen Motive in sich verarbeitet hat, und aus dem Wege der musikalischen Entivicklung den protestantischen A u s d r u ck s st i! entstehen ließ. Und das ist es, was uns fehlt. Uns fehlt die Systematisierung einer bestimmten Methode, infolge.- dessen fehlt »ns der Weg einer methodischen Hinführung zur j üdischmulfikalischen Entwicklung in Deutschland. Es fehlt uns alles in altem der einheitliche Ausdrucksstil, iveil uns die Hauptsache fehlt, und das ist eine bindende, uns Alle» gemeinsame „j ü d i s ch m u p * kalische Tradilio n". Um das mit Beispielen zu belegen, ivill ich generell darauf hinweisen, daß innerhalb des Begriffes einer sogenannten Tradition besonders zivischcn Nord- und Süddeutschland ein himmelweiter Unterschied besteht. Tic.süddeutsche Tradition beruht in ihrem weitaus größten Umfang auf dem V o l k s l i e d m ä ß i g e n , auf dein, was man dem Melos der Umwelt abgclauscht, und was man vielfach gedankenlos in die Synagoge hincingelragcn, und es durch jahrzehntelange Ucbung und Gepflogenheit zur musikalischen „Tradition" hat werden lassen. Was aus solche Weise alles mögliche und unmögliche „Tradition" gelvorden ist, das spottet jeder Beschreibung, und man künnie manchmal versucht sein, den Mahlcr'schen Spieß umzudrehen und zu sagen: „Biel, viel Schlamperei ist zur Tradilion geworden." Die Klassizität der süddeutschen Synagogenmusik ist in den Werken von Naumburg niedergelegt. Man hört in Süddeutschland „viel Naumburg", und ich möchte das auch heute noch als einen großen Vorzug bezeichnen gegenüber dem, was man auch außerhalb Süddeutschlands in Bezug aus die Musik in der Synagoge zu erleben hat. Auch im Norden gibt es eine Schlamperei und einen Schlendrian von beängstigender Inanspruchnahme dessen, ivas -man so gerne „Tradition" nennt. Da gibt es überhaupt kaum noch einen Kantor, der nicht seinen eigenen „Nussach" halte, und ein jeder nimmt gewöhnlich den Mund recht voll, besonders wenn er von einer „Tradition der Synagogenmusik in Deutschland" spricht. Da Hausen die- Melismatiker schlimmer und schlimmster Sorte mit ihren schreck lichen und halsbrecherischen Experimenten, und jonglieren mit ihren Tönen in der Lusl herum, wie im Bariöto der Ärnst mit seinen Bällen. Solche Gottesdienste hören sich fürchterlich an, ähnlich wie die von heulenden Derwischen. Und das nennt sich „Tradition der Synagogenmusik in Deutschland"! Wenn das „Tradilion" sein soll, dann hat in jeder Lesart Gustav Mahler recht, denn solche „Tra-- dition i st Schlamperei". Und wer sollte nicht einen „Japhet" kennen'? Doch wird i-hn jeder singen'? Nein! — Dieses Recht sowie manches andere ist der „Frankfurter Tradition" Vorbehalten geblieben, und noch gibt es da und in der ganzen Gegend Leute genug, die aus den seligen „Japhet" als den Träger „ihrer Tradition" ohne weiteres schwören. Seinem Wesen nach gehört er zum -.volksliedmäßigen süddeutschen Synagogcngesang. Die Beispiele von solchen „Traditionen" würden sich bis ins Unendliche vermehren und verfolgen lassen, tvcnn man die einzelnen Landcsteilc, Provinzen und Städte zur kritischen Beleuchtung des in Frage stehenden Komplexes heranziehen wollte. Nur eine einzige, ländliche Tradition möchte ich des allgemeinen Interesses wegen nicht verschweigen, »veil sie einer gewissen Komik nicht entbehrt. Ta herrscht irgendwo zwischen Frankfurt und Berlin - ob iyr vollen Umsang des Geschehens auch heute noch, das weiß ich nicht - die heilige Sitte und Gepflogenheit, am Freitagabend, an den Vorabenden von sämtlichen Scholauschrcgolim, wie auch an den Vorabenden der Jomimnauroim, den- Gottesdienst nach der Melodie einer Variante von ,.Steh' ich in finst'rer Mitternacht" zu zelebrieren. Wohlgemerkt, nicht immer in ein und derselben Vortragsweise, f das wäre ein grober Verstoß gegen den weihevollen Charakter eines solchen Gottesdienstes — nein: stufenweise, fürsorglich künstlerisch abgewogen so, daß für Freitagabend das Metronom auf ein mittleres Moderato, für Scholausch-regolim auf ein feierliches Andante und für Jomim-nauroim auf ein schmachtendes Largo eingestellt wird. Immer aber treu und brav: „Sieh' ich in finst'rer Mitternacht". Und wer wollte es leugnen, daß diese „Tradition" nicht ebenso wertvoll sei, wie die „Tradition" derer es ist, die Gassenhauer und dergleichen schlendrianmäßig in den Gottesdienst hineinzerren? - Ist vielleicht eine solche „Tradition" nicht eine „Schlamperei"? — Demzufolge sehen wir, wenn auch mit Betrübnis, daß cs eine ganze Menge von „Traditionen" gibt, aber keine „Tradit i o n". Das aber, was wir mit dem Begriff einer einheitlichen, loenn auch nicht sehr alten Tradition allenfalls bezeichnen könnten, das ist manchmal, gottesdienstlich betrachtet, so unschön, daß auch eine gewisse Schlamperei" dazu gehört, solchen Singsang ausgenommen und in die Jahrhunderte getragen zu haben. Ich denke dabei in erster Linie an „Moaus zur" und „Ledowid boruch"; ich denke dabei aber auch an manches andere, was in Bezug auf „religiöse" Musik nicht minder häßlich ist. Demgegenüber bin ich jedoch keinestvegs abgeneigt, für schöne, weihevolle und religiös abgcstimmte Motive aus dem Volkslied der Umgebung auch in der Synagoge Verständnis zu haben. Von „Kol-Nidre" und „Wehakauhanim" kann in diesem Zusammenhang natürlich nicht gesprochen werden, obwohl auch ihre Melodik bestimmt nicht auf jüdischem Bode« gewachsen ist. Was dagegen als „Tradition" immerhin angesprochrn werden kann, das hat der auch sonst verdienstvolle Emanuel Kirschn e r, München, im vorigen Jahre gelegentlich der internationalen Musikwoche in Frankfurt am Main im Rahmen eines im Auftrag des Allgemeinen Deutschen Kantorenverbandes von ihm gehaltenen Vortrages in geistreicher Weise ausgezeigt. Er hat gezeigt, wie bei der Vorlesung der Thora die Vertonung des „Trop", den ich in seiner massoretischen Bedeutung für Teklamations und Jnterpunktions Zeichen halte, aus die Tetra- und Pentatonik, der ältesten für uns nachweisbaren Musik, zurückgreist. Und wenn von da aus die weitere Entwicklung der gesamten Musik einen -Weg genommen hat, der über die authentischen und plagalen Kirchtcntonartcn führt, dann ist damit der Beweis geliefert, daß profane Lieder und Gassenhauer im Gottesdienst nichis zu suchen haben. Die katholische wie die protestantische Kirche haben diese „Schlamperei" nicht milgemacht. Sie sind sich, auch was die Musik ihrer Kulte betrifft, treu geblieben. Eine, musikalische „Tradition" haben darum nur sie. Im Zusammenhang damit vergleiche man die bedeutungsvolle Studie: „Der synagogale Gesang" von Aron Friedmann, Berlin, in der der gelehrte Verfasser das Wesen der „Tradition" sestzustelleu und ihm, so lveit wie möglich, gerecht zu werden versucht. Männer, wie L a ch m a n n , Hürden, Birnbaum, Königsberg, und Singer, Wien, auch sie haben unter Aufbietung einer großen Wissenschaftlichkeit zu der Frage Stellung genommen, und sie Alle sind zu der Erkenntnis gelangt, daß innerhalb dessen, was man als „synagogale Musik" anspricht, viel Spreu vom Weizen zu trennen sei. Wenn daher auch wir das mehr -als platonische Bedürfnis haben, eine „Tradition der Synagogenmusik in Deutschland" zu besitzen, — „in Deutschland", weil jede Kultur, auch die musikalische, unter dem Einfluß der für die verschiedenen Länder und Himmelsstriche verschiedenartig in Betracht kommenden Gesamtkultur steht, — dann müssen wir wieder zurückkehren, zu dem von der jüdischen Gesamtheit tragbaren Melos, zum geregelten Vortrag des Kantors sowohl, wie zum korrespondierenden, einstimmigen und geregelten Gesang der Gemeinde. Polyphone Chöre sind leine Ursprünglichkeit und keine „Tradition". Nichtsdestoweniger aber sollen auch sie bei passenden Gelegenheiten im Sinne stilgerechter Anpassung auch im jüdischen Gottesdienst von Zeit zu Zeit Verwendung finden. Eine Initiative nach dieser Richtung hin von seiten des hoffentlich bald in di« Erscheinung tretenden „Reichsverbandes jüdischer Gemeinden" dürste von geradezu cpochaler Bedeutung werden, und die Gesamtheit der deutschen Juden müßte stolz darauf sein, wenn in Verfolg einer zielbewußten Inangriffnahme der gerade nicht leichten Materie ein „Augiasstall von Traditionen" gereinigt, und wenn in logischer Konsequenz der musikalischen Entwicklung ein Ausdrucks stil geschaffen würde, der imstande wäre, eine einheitliche „Tradition der Synagogenmusik in Deutschland" herbeizusühren. Gründliche, und von Sachverständigen geleistete Arbeit wird es dann dahin bringen, baß auch nicht mit einem Schein von Recht ein späteres Geschlecht wird sagen dürfen: „Tradition ist Schlamper e i". Aus der Bewegung Breslau. (S p ä tg o t t c s d ie n st.) Am Freitag, den 11. Januar, fand der 2. vom hiesigen „Jli" angeregte Spätgottesdiensi, in der Wochentagssynagoge statt. Er war auch diesmal wieder für die reifere Jugend bestimmt, doch nicht nur diese war der Ein ladung gefolgt, sondern auch einige ältere Personen, so daß das kleine Gotteshaus wieder überfüllt war. Der Gottesdienst trug dem be ginnenden neuen Monat Rechnung; Kantor Wartenbcrgcr be tele vor. In seiner Predigt ging Gemcinderabbiner Dr. Vögelst e i n vom Wochenabschnitt aus, der die göttliche Sendung Moses an die Israeliten in Aegypten und an Pharao behandelt, und leitete dann zu einer Beleuchtung des Verhältnisses zwischen dem Wer: der Arbeit und der Bedeutung des religiösen Ruhetages über. Die Gemeinde wurde auch diesmal zu wahrhafter Andacht gestimmt. Halle a. S. (M e n d e l s s o h u F e i e r.) Am vergangenen Sonntag hielt die Ortsgruppe Halle der Bereinigung für das liberale Judentum und der liberale Club Moses Mendelssohn, den großen jüdischen Philosophen eine Gedenkfeier ab.. Unserer Einladung leistete ein großer Teil der Gemeinde Folge. Herr Landesrabbiner Dr. Walther aus Dessau hielt die Gedenkrede und schilderte das Leben Mendelssohns und seine Be deutung für die Judenheit im allgemeinen und im besonderen für die liberalen Juden. Er hob als besonderes Verdienst hervor, daß Mendelssohn die Juden aus dem geistigen Ghetto herausführle und sie zum Anschluß an ihre Mitwelt anhiclt. Er hatte die 5 Bücher Moses in das Deutsche übersetzt, die deutsche Predigt eingesührr und deutsches Wissen den damaligen Juden zugänglich gemacht. Anschließend wurden Kompost.ionen von Mendelssohn Bartholdy durch Herren des Leipziger Gewandhausorchesters und unter Mitwirkung von .Herrn Opernsänger Walter Kathammer und Herrn Dr. Hans Gaartz geboien. Tie Gedenkfeier nahm einen sehr würdigen Verkauf. Nach der Feier blieben alle noch gesellig b«>i Kaffee und Kuchen zusammen. Wir konnten eine Anzahl neuer Mitglieder cintrageii Magdeburg. (Kandidaten Aufstellung.) Die Lrlsgruppe Magdeburg der Bereinigung für das liberale Judentum hatte zu einer öffentlichen Versammlung am Mittwoch, den 9. ds. Mls., im Saale des Hotels „Weißer Bär" eingetaden. Es erfolgte zunächst der Bericht über die liberale Bewegung innerhalb unserer Gemeinde durch den l. Vorsitzenden, Herrn Wilhelm Kronheim. Dann begann nach einer kürzen Aussprache die Aufstellung der liberalen Kandidaten sür die Repräsentanten Wahl. Bon den ausscheibenden 6 Herren hatten die Herren Petzon und Heinrich Goldstein eine Wiederwahl abgclehnt. — In der daraus folgenden Zettelwahl wurden 8 Namen genannt:, darunter die 4 bisherigen Repräsentanten, die eine Wiederwahl an nehmen wollten. Das Wahlergebnis war, daß .die Herren Rechtsanwalt Dr. Mcrzbach, Dr. Winter, Wilhelm Kronheim, Gustav Gottschalk wieder und die Herren Dr. Wiesenthal und Benno Kallmann neu als Kandidaten ausgestellt wurden. Alle Herren nahmen die Kam didatur an und erklärten gleichzeitig, im Falle ihrer Wahl der in der Gemeindevertretung bestehenden liberalen Fraktion sich entschließen zu wollen. Für den abwesenden Herrn Gustav Gottschalk gab in seinem Auftrag sein Bruder, Herr Albert Gottschalk, diese Erklärung ab. — Da ein Kompromiß mit der Volksparteibesteht, dürste der endgültigen Wahl am 23. Januar ein Wahlkampf ivohl erspart bleiben. Vereinsnachrichten Wattenscheid. Am Montag, 21. ds. Mts., abends 20.30 (8st^)- Uhr, findet im Prukoppschen Saale (Eingang Gertraudisstraße) im Rahmen des Jüdischen Gemeindcvereins ein Bortrag anläßlich des 200. Geburtstages Lcssiugs statt. Das Thema lautet: „Nathans des Weisen echter Ring". Vortragender ist Herr George Goetz (Berlins Generalsekretär der Vereinigung für das liberale Judentum. Die Schule der jüdischen Jugend, die, unterstützt vom Jugendamt der jüdischen Gemeinde zu Berlin, dem Bildungsbedürfnis der Richtungen und Parteien entsprechen will, veranstaltet am 21. Januar 1929 eine öffentliche Jugendkundgebung im Brüdervereinshaus, Kurfürstenstraße 115-116, abends 8 Uhr. Es wird über die Ziele der Schule gesprochen. Das Programm des 1. Quartals 1929 ist bereits erschienen und in den jüdischen Buchhandlungen gratis erhältlich. Freie Jüdische Volkshochschule. 10. Lehrjahr. Eröffnungsvorträge: Aime Palliörc: Mein Weg zum Judentum. Sonntag, den 27. Januar, mittags 12 Uhr, Logenhaus, Kleiststraße 10. Die jüdische Jugend und ihr Ringen. Dienstag, den 23. Januar, abends 8 Uhr, Logenhaus, Kleiststraße 10. 1. Rabbiner Tr. Moritz Freier: Dev Schulchan Aruch. 2. Studienrat Hammerstein: Lektüre aus Werken der modernen hebräischen Literatur. 3. Dr. Leo Rosenzweig: Hermann Cohens Religion der Vernunft. Teil II der Seminarübungen. 4. Unser Gebetbuch. Rabbiner Dr. Emil Cohn: Die Entstehung der Gebeie. Rabbiner Dr. Bleichrode: Das Gebetbuch als Spiegel der jüdischen Geschichte. Dr. Karl Schwarz: Der Bildschmuck im Gebetbuch, mit Lichtbildern. 5. Jüdische Kolonisationsarbeit in der Gegenwart. Dr. Bernhard Kahn: Rußland. Dr. Werner Senator: Argentinien. Dr. Eli Ascher: Palästina. Agronom S. Dyk: Deutschland. 6. Die Religion im Geistcskampf der Gegenwart. Rabbiner Dr. Wiener: Nalurwisscnschast und Religion. Ministerialrat Goslar: Sozialismus und Religion. Dr. Leo Rosenzweig: Philosophie und Religion. San.-Rat Dr. Lachmann: Okkultismus und Religion. Rabbiner Tr. Prinz: Psychoanalytische Deutung der Religion. 7. Das Jahr im jüdischen Haus. Prof. I. Friedländcr: Die Bräuche des jüdischen Hauses, Entstehung und Entwicklung. Rabbiner Dr. Salomonsky: Sinn und Bedeutung der Bräuche. Obcrkantor S. Guttmann: Die musi.'alischc Ausgestaltung der häuslichen Feiern. Dr. Karl Schwarz: Die Bräuche in der bildenden Kunst, mit Lichtbildern. 8. Das ostjüdische Volkslied. Tr. S. Hildesheimer: Einsührung. Leo Gollanin: Gesangsvorträge. Kartenverkauf an den Theaterkassen: Kaufhaus des Westens, Hermann Tietz, Leipziger Straße, Alexanderplatz, Frankfurter Allee und im Sekretariat der Fr. I. V. Vorlesungsoerzcichnissc mil ausführlichen Angaben unentgeltlich in allen jüdischen Buchhandlungen, an den oben genannten Theaterkassen und im Sekretariat, Porkstraße 88 (bei Goldmann), Telephon: F 5, Bergmann 472. (Siehe auch Inserat Seile 8 der heutigen Nummer.) Die Mitgliederversammlung der Gesellschaft Hachnassakh Kalltch findet am Mittwoch, den 23. Januar 1929, mittags 121/* Uhr, im Plenarsaal, Rosenstraßc 2-4, statt. Kalendarium f. die Zeit v. 19.1. b. 26.1.79 Januar 1929 Schewal 5689 Sonnabend 19 Sonntag 20 Montag 21 Dienstag 22 Mittwoch 23 Donners.ag 21 F ei ag 25 Sonnabend 86 8 Wochenabschnitt: Bau Haftarah: Jeremia 46, 13—28 Sabbat-Ausgang: 5.1b Uhr 9 10 11 18 13 14 15 Sabbat Schira Wochenabschnilt: Beschallach Haftarah: Rich er 4, 4—24; 6, 1—31 Sabbat-Ausgang: 5.25 Uhr