Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 3 (18.1.1929)
- Date
- 1929-01-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2613366-2614000-2614003--3015-2620552- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
9. Jahrgang Nummer 3 Beilage 18. Januar 1929 AMHÄmileZülmg {&ine~ Des entschiedenen Liberalismus ln Köln Die nachstehenden Ausführungen und Berichte cnlnehmen wir der Kölner Jüdisch-liberalen Zeitung von, IN. Januar 1920. Dir Rrdakli.'n. Die „Gemeinschaft" In unserer Kölner Synagogengemeinde hat sich etwas ereignet, dessen Folgen noch nicht zu übersehen sind. Nach geräuschloser ernster Vorarbeit haben sich eine Anzahl entschieden liberaler Männer und Frauen zu einer Gemeinschaft zusammengetan, die sich das Ziel gesetzt hat, die geistigen Werte der jüdischen Religion in einer Weise zu pflegen, die der Denk- und Empfindungsart des modernen Menschen entspricht. Die Triebfeder zu diesem Zusammenschluß haben wir in der Tatsache zu erblicken, daß zwischen dem Leben des Juden von heute und den gewohnten Formen religiöser Uebung und deren geistiger Fundierung eine Kluft herrscht, die es vielen und es sind nicht die Bequemen und Zufriedenen - unmöglich macht, sich irgendwie aktiv «i dem Leben der jüdischen Gemeinde zu beteiligen. Auch nicht auf dem Boden des gegenwärtig vorhandenen Liberalismus, der infolge des Wankelmutes vieler seiner Bekenner heute zum Objett schwächlicher Kompromisse geworden ist. Daß gerade hier und jetzt die Bewegung ans Licht der Oeffentlichkeit drängte, dazu bot äußeren Anlaß die Politik unserer Kölner Gemeindevertretung, die den maßvollen Wünschen der Kölner Minderheit fast durchweg die Erlitt tung versagte. Die bedauerlichen Vorgänge in der Repräsentanz anläßlich der Beratungen über die von der Synaßogenkommission beschlossenen „Reformen" sind noch frisch in unserer Erinnerung; wir brauchen sie deshalb nicht noch einmal darzuftellen. Es war keine leere Drohung, als da mals der Führer der Liberalen mit erhobener Stimme den Gegnerischen Parteien zuries, sie möchten keine Beschlüsse hassen, deren mögliche Folgen auch ihnen höchst unerwünscht sein könnten. Man achtete der Warnung nicht und tat sie leichten Sinnes als Einschüchterungsgeste ab. Daran ändert die Zufallsannahme eines Teils der Anträge nichts. Heute, da wir, wenn die Anzeichen nicht trügen, am Beginn einer nicht etwa lokal begrenzten kräftigen religiös fortschrittlichen Bewegung stehen, dürfen wir Liberalen es mit Genugtuung «.ussprechen, daß es gut war, wenn endlich einmal die Situation von Grund auf geklärt und die Unhaltbarkeit der Zustände innerhalb der Parteien aufgewiesen wurde. Die Bahn ist jetzt frei; daß sie energischen Schrittes betreten werde, dafür zu sorgen wird Aufgabe der jungen „Gemeinschaft" sein. Sind die Arbeitsfreude und die Begeisterung ihrer Schöpfer kein rasch verlöschendes Strohfeuer, steht wirklich die Sehnsucht nach jüdisch-religiösem Erlebnis treibend hinter dem Beginnen, so dürfen wir Gutes erhoffen. Die Gründer der „Gemeinschaft" gehören naturgemäß alle der Liberalen Veretutgüng an. Sie werden hinfort innerhalb der großen Einheitsgemeinde eine Institution für sich bilden, in der ihre Bestrebungen Verwirklichung finden sollen. Insofern ist es nicht zutreffend, wenn von einer Parteigründung gesprochen wird. Soweit es gilt, die Ziele des Liberalismus in der Großgemeinde zu fördern, werden die Mftglieder der Gemeinschaft in der Liberalen Bereinigung wie bisher Mitarbeiten. Es ist angesichts der vielen Gerüchte, mit denen man die jüdische Bürgerschaft tu den letzten Wochen beunruhigt hat, notwendig, diese Dinge deutlich und nachdrücklich sest.uftellen. Unsere Liberale Vereinigung wird in keiner Weise durch die neue Gründung nachteilig berührt. Sie wird im Gegenteil starke Impulse zu kraftvoller Vertretung chrer Ziele in der Gemeinde erfahren. Und die Einheit der Gemeinde wird durch die „Gemeinschaft" nicht gefährdet oder gar zerstört, wie böswillige Zungen es verkünden. Das ist ein Faktum, das nicht trendig genug begrüßt werden kann. Die neue „Gemeinschaft" stellt nicht das liberale Judentum dar, wohl aber eine wertvolle Richtung in ihm. Wir wissen nicht, mit welchen Forderungen demnächst die „Gemeinschaft" an die Gemeindeverwaltung herantreten wird. Wir hoffen aber, daß diese Einsicht genug haben wird, die Wünsche der „Gemeinschaft" im Interesse der Erhaltung der Einheitsgemeinde zu erfüllen. * * * Die erste Kundgebung der „Gemeinschaft" Am vergangenen Sonntag fanden sich im Saal des Ztunswereinshauses in großer Zähl die Damen und Herren mn, die zur ersten Sitzung der „Gemeinschaft" eingeladen waren. Herr Dr. Walter Blank begrüßte di; Gäste, namentlich den Redner des Tages, Herrn Dipl.-Jng. Woyda- Derlin. Sodann wandte er sich mit programmatischen Ausführungen an die Versammlung, die wir an anderer Stelle dieses Blattes wiedergeben. Reicher Beifall zeigte, daß der Redner das treffend zum Ausdruck gebracht hatte, was viele Gleichgesinnte längst bewegte. Es entwickelte sodann Herr Bruno W o y da das Gedankliche, das der jungen Kölner Bewegung Richtung und Ziel geben werde. Ausgehend von der Ringfabel in Lesftngs Nathan, deren richterliches Urteil so gern bei der Erörterung des Verhältnisses anderer Konfessionen zum Judentum von Juden erwähnt wird, wies er darauf hin, wie wenrg dieser Richterspruch innerhalb des Judentums Beachtung findet. Der entschiedene Liberalismus beabsichtige nichts weniger als ein Anfgeben dessen, was als Geist der Jahrtausende auf uns gekommen. Seine Kritik will nicht negieren fondern bqachen. Die tiefe Verbundenheit mit dem religiösen Judentum bürge dafür, daß nicht das Wesen des Judentums fondern nur seinem praktische Wegrichtung geändert werden wird. Leitmotiv des liberalen Judentums muß wieder die Forderung Abraham Geigers werden: „Aus der Vergangenheit schöpfen, in der Gegenwart leben, für die Zukunft wirken." Ueberblickt man das geistige Bild der Judenheit der Gegenwart, so muß man leider seststellen, daß chr Deuten, soweit es dem Judentum gilt, nahezu ausschließlich mit der Frage chrer Vergangenheit, ihres Ursprungs, ihrer Abstammung, ihrer Tradition ausgesüllt ist; die Frage chrer geistigen Zukunft nimmt im Denken der Judenheit heute nur einen rocht geringen Platz ein. Das Wohin des Judentums aber sollte mehr Beachtung finden als das Woher der Juden h e i t Im Beginn der Emanzipationsbewegung habe man die Taufe vielfach'als Entreebillet in die europäische Kultur angesehen. Unsere Arbeit gelte nicht dem Abfall, den wir ja einfacher haben könnten, und nicht dein Eintritt in die europäisch'; Kultur, der wir bereits unlöslich verbunden seien. Unsere Arbeit entspringt dem Wissen, daß i n der Zeit nur ein Judentum zu wirken vermag, das in der Art seines Wirkens sich auch von der Zeit bestimmen läßt. Was wir erstreben, gilt nicht denen, die bereits besitzen, es gilt denen, die das Judentum in den Formen vergangener Zeiten nicht mehr zu erleben vermögen. Religion darf auch in ihren Formen und Fragen nicht nur in der Vergangenheit, in dem Gewordenen wurzeln, sie muß aus dem Geist, der ihr Wesentliches iß, schöpferisch Zukunft bilden. Mehr noch als für andere Religionen gilt das für das Judentum, das Tatverwirklichung iru Diesseits, nicht aber Glaubensseligkeit des Jenseits kennt. Liberales Judentum ist uns Geist, nicht Form. Geist, der das Leben der Menschheit gestalten muß. Mit allen Richtungen im Judentum eine uns die Auffassung von der hohen ethischen Kraft der jüdischen Religion. Der Unterschied bestehe in der Wertschätzung der kultischen Form, des religiösen Brauchs. Wenn Menfchsein Wissen Ewigen heißt. Wissen vom Unendlichen, vom Alltag zum Ewigen, vom Endlichen zum Unendlichen führen wollen, so müsse Religion ein zeitloses, kulturpolitisches Bekenntnis sein, durch das in uns Gefühlserlebnis und Vernunsterlebnis geeint würden. Wir müßten weiterbaueu vom prophetischen Judentum aus, das uns ahnen läßt, daß nur ein Judentum bestehen kann, welches zu dem religiösen Impuls des unkontrollierten Gefühls den religiösen Grundgedanken der menschlich-gött lichen Vernunft fügt. Es gibt keine zwiefache Wahrheit, eine für das Göttliche, eine andere für das Menschliche. Soll das Judentum als Küttnrreligion Bestand haben, so müsse Wahrheit auch in ihm Grund des religiösen Lebens sein. Wir schöpfen aus der Vergangenheit, wir leben in der Gegenwart. Das offizielle Judentum lebt noch in der Vergangenheit. Hieraus ergebe sich die' Aufgabe, die Disharmonie der Lebensformen der Zeit und der Lebensformen des offiziellen Judentums zu beseitigen. Die persönliche Auseinandersetzung mit den Formen des Judentums ist Sache des Einzelnen. Das Resultat der eigenen Gewissensprüfung haben die Gemeinden zu achten. Gegen zweierlei wehren wir uns: daß jemand für die Erfüllung einer Pflicht eintritt, die er für sich persönlich als nicht begründet ansieht; wer das tut, geht 'des Titels einer sittlichen Persönlichkeit verlustig. Und dann wehren wir uns dagegen, daß subjektiv; Überzeugungen zum Gegenstand allgemeiner Verpflichtungen gemacht werden. Wenn uns Gott der Garant der Verwirklichung des Sittengesetzes ist, etwa wie Hermann Cohen das in seiner Philosophie aufzeigt, so kann das Religiös-Göttliche nicht mehr ohne Verbindung mit der Ethik bestehen. Mit Hermann Cohen sagen wir: „Gott lieben, heißt in der Tat nichts anderes als bis zur Innigkeit sich bewußt machen der Verbindung, die zwischen Ethik und Religion in den Begriffen Gott und Mensch besteht." Als wesentlich ergibt sich, daß nichts Gegenstand des Glaubens sein kann, tvas den Grundgesetzen der Wissenschaft widerspricht; daß leine rituelle Satzung als Gesetz in dem religiösen Bewußtsein Platz findet, daß keine rituellen Gebote den Forderungen des Moralgesetzes als ebenbürtig an die Seite gestellt werden können; daß der Gottesdienst nach Form und Inhalt den Grundforderungen modernen Denkens entsprechen muß; daß als die bedeutungsvollste Form der Religion, die allein Gegenstand der allgemeinen Pflicht sein kann, betrachtet werden muß: die sittliche Tat. Redner wendet sodann diese theoretische Grundlegung am die Praxis des gemeindlichen Lebens an und zeigt an einer Reihe von Beispielen, wie dieses noch weit davon entfernt sei, den Grundsätzen des entschiedenen Liberalismus gerecht zu werden. Beim Gottesdienst müsse die vollzogene Entwicklung in seiner Sprache und in der Zeit seines Stattsindens sowie im Inhalt seiner Gebete zum Ausdruck gelangen. Beachtlich ist eine kürzlich in der Berliner Reprasentantenversammlung gegebene Anregung zur Veranstaltung religiöser Feierstunden, in deren Mittelpunkt eine Ansprache stehen solle, die Gegenwartsfragen im Geiste jüdischer Religiosität behandelt. In Hamburg, München und in Karlsruhe haben in der letzten Zeit derartige religiöse Feierstunden in den Synagogen am Sonntag stattgefunden. Dieser Weg muß weiter beschritten werden. Die veränderte Stellung der Frau im Leben der Gesamtheit muß von der jüdischen Gemeinschaft beachtet werden. Die völlig unhaltbar gewordenen Bestimmungen des jüdischen Ehe- und Scheidungsrechtes sind für den liberalen Juden Westeuropas erfreulicherweise bereits ohne jede Bedeutung geworden. Mit Recht aber sagte Lilv H. Montagu in einem Aussatz über ihre Eindrücke vom Weltkongreß: „Die jüdischen Frauen Deutschlands müssen von ihren Galerien herunterkommen - rm wörtlichen und übertragenen Sinne - und teilnehmen an dem Kampf um eine lebendige Religion für die ganze Gemeinschaft." Es ist ferner ein krasses Mißverhältnis, wenn heute neun Zehntel der deutschen Juden nicht mchr nach rttuellen Vorschriften leben, trotzdem aber in dem Entwurf des Reichsverbandes eine Bestimmung vorgesehen ist, nach der Anstalten nur subventioniert werden dürfen, wenn sie nach dem Religionsgesetz geführt werden. Im Religionsunterricht wird das Schwergewicht nicht auf die Erlernung von Bräuchen und Zeremonien zu legen sein, nicht auf die Erlernung der hebräischen Sprache: das Schwergewicht ist zu legen auf die Aufzeigung der religiösen Triebkräfte im Judentum, auf den Geist, der das Eigentümliche des Judentunis, auf die Erkenntnis der Entwicklung im Judentum. Getrennte Lehrerbildung, aber gemeinsamer Religionsunterricht ist ein Nonsens. Wahrheit, Wahrhaftigkeit, das sollte unsere Forderung auch für jüdische Beamte sein. Der Standpunkt vieler sogenannter liberaler Juden, daß die Funktionäre der Gemeinde die Formen zu wahren hätten, die sie selber ablehnen, ist unhaltbar. Soll unser Judentum wieder Wegweiser für die Gesinnung der Juden fein, so sind neue Formen notwendig. Bei all dem handelt es sich für uns nicht um eine neue kultische Form; cs handelt sich darum, wieder den Geist des Judentums in den Vordergrund zu rücken. Haben wir erst wieder das dem Gottwissett entspringende Gefühl für die .Heiligkeit des Lebens, dieses im Religiösen wurzelnde Ethos, so wird aus religiöser Erschütterung wieder Wille zur Tat entstehen, ein Wille zur Tat, der seine Kraft der sittlichen Entscheidung entnimmt. Die Stimme des Judentums muß wieder höttrar werden in der Problematik des Lebens der Gegenwart. Gewiß kann das Judentum in den Fragen der Lebenspraxis keine detaillierten politischen oder wirtschaftlichen Programme liefern. Darauf aber kommt es auch nicht an. Wer äußere Zustände zu ändern beabsichtigt, muß beim innern Menschen beginnen. Der Gedanke der Auserwählung ist uns nicht Bluts¬ oder Rasseangelegenheit; jüdische Auserwähltheit ist uns tiefste und heiligste Glaubensfäche. Deshalb trennt uns vom Zionismus eine Welt. Wir wollen und können unser geistiges Judentum nicht mit dem räumlichen Palästina verknüpfen. Uns scheint die Loslösung der jüdischen Religion vom Boden Palästtnas kein bedauerlicher Zufall der We.tgeschichte, sondern ein sinnvolles Geschehen. Dadurch wurde der Untergang der jüdischen Natton bedingt und das Fortbestehen des Judentums als Weltreligion ermöglicht. Wir sehen eine Gefahr für den Fortbestand unserer religiösen Gemeinschaft in jeder Bewegung, die den Gang der Geschichte rückwärts revidieren möchte. Unser Wunsch ist es, daß unsere Kinder als treue Juden von den nichtjüdischen Deutschen als Brüder, als Söhne des gleichen Volkes empfunden werden mögen. Damit das möglich ist, damit sie Judentum und Deutschtum als wertvollen Besitz empfinden können, wollen wir ihnen die Kulturwerte des Judentums in neuzeitlichem Gewände überliefern. Mt dem Wunsch, daß das Heer Abseitsstehender wieder dem lebendigen Judentum gewonnen werden möchte, schließt Herr Woyda seinen Vortrag, für den die Hörer ihm aufrichtigen Beifall zollen. Herr Eugen Mever gibt der Gewißheit Ausdruck, daß die „Gemeinschaft" nicht in den Abgrund führe, sondern daß sie sich bemühen werde, zwischen Leben und Religion eine gangbare Brücke zu schlagen. Tie Schlußansprache hielt Herr Dr. Heinz Frank, der sich in warmherzigen Worten zum entschiedenen Liberalismus bekannte und der „Gemeinschaft" den Wünsch mit aus den Weg gab, in Zkraft auszüyarren. Wir werden den Gedankengang seiner Rede in der nächsten Woche nachtragen. Herr Dr. Blani dankte allen Rednern und Gästen und stellte für die allernächste Zeit weitere Veranstaltungen in Aussicht. Damit schloß diese eindrucksvolle, anregende und vielversprechende erste Kundgebung der „Gemeinschaft". Was die „Gemeinschaft" will Aus dem Referat von Dr. Walter B l a n t. Bevor ich Herrn Woyda das Wort zu seinem Referat erteile, bitte ich Sie noch um einige Minuten Gehör für mich, der ich den Versuch machen möchte. Ihnen die Ideen unserer neu gebildeten „Gemeinschaft" zu entwickeln. Ich bin mir dabei durchaus der Gefahr bewußt, die immer mit der Uebermittlung von Ideen verknüpft ist, die neu erscheinen und die vielleicht bei uns noch wenig gehört wurden. Man verlacht rcker bekämpft - sc nach persönlichem Temperament und persönlicher Einstellung - solche Gedanken gerne, oder, wenn man Glück hat, wird man als Verbreiter solcher Ideen sogar nur als Utopist, als wirklichkeitsfremder Träumer hingestellt. Wir aber, die „Gemeinschaft", glaubten nach vielen unter uns geführten Besprechungen, daß wir rrotz Kenntnis aller Gefahren es loagen müßten, diesen (^danken auch in Köln Boden zu schaffen, Ideen, die, wie Sie hören werden, an andern Stellen längst tief gewurzelt sind. Sie werden sich der Kenntnis nicht verschließen können, daß das liberale Judentum nach schöner Blüte in eine Zeit schtverster Stagnation gekommen ist, daß seine Stellung und seine Bedeutung im Judentum bedroht ist. Und wenn man sich mitverantwortlich glaubt für das Fortbestehen eines liberalen Judentums und in die Prüfung der Frage eintritt: wie kommt cs, daß die Idee des liberalen Judentums, die unsere Vorgänger mit Begeisterung erfüllt hat, einen großen und guten Teil von uns nicht mehr befeuert und begeistert, so glaube ich sagen zu dürfen, daß nicht die MensckM sich geändert haben und ihren Idealismus verloren haben, wie Lobredner der guten alten Zeit so oft und gerne behaupten, sondern daß die Idee? sich nicht sortentwickelt hat, daß sie nicht Schritt gehalten hat mit der Entwicklung des weltanschaulich-liberalen Menschen, daß sie ihm entfremdet ist. So sehen wir, wie große Mengen wertvollster Menschen sich diesem stagnierenden, religiösen Liberalismus entfremdet haben, daß sie untätig beiseite stehen und daß sie sich kampflos in das' Heer der Indifferenten einreihen lassen. Es bedarf keines großen Weitblickes, um zu erkennen, daß dieses Heer der Indifferenten größer und größer wird und daß seine Rekruten hcrvorgehen in erster Linie aus den Reihen des liberalen Judentums. Und wenn Sic sich mit mir die Frage vorlegen wollen, wohin soll diese Entwickelung führen, vor der wir uns als sehende Menschen nicht verschließen können? Können wir es verantworten, daß diese Entwickelung i« unserer Generation keine Führer zum Besten des Judentums findet? Ich glaube mit der Feststellung der Tatsache dieser Erscheinung und mit der Stellung der Frage dürfte bei der Mehrzahl von Ihnen — so wie es bei uns geschah — auch die Antwort gegeben sein. Wir wollen aus Liebe zum Judentum, auf dessen Bedeutung für jeden Einzelnen von uns, auf dessen weltgeschichtliche sittliche Bedeutung wir stolz sind, den Versuch machen, durch Bildung einer entschieden liberalen Gruppe einen neuen Sammelpunkt zu bilden. Nicht Abbau und Zersetzungsarbeit ist unser Ziel, sondern Ausbau — allerdings einzig und allein in unserem Sinne, im Sinne eines entschiedenen liberalen fortschrittlichen Judentums. Wir wissen, daß es in unserer religiösen und in unserer weltanschaulichen Entwickelung kein „Zurück" gibt, wir wissen aber auch, weil wir den Geist beS Judentums über die Formen, über die Zeremonien und den Ritus setzen, daß wir gute Juden sein können, wenn wir als moderne Menschen im Zusammenleben m t einer Kultur und Bolksg meinschast, mit Menschen andern Glaubens Formen annehmen, die unserer