Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-01-11 · 2 (11.1.1929) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
2 (11.1.1929)
Date
1929-01-11
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2613366-2614000-2614002--3008-2620544
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

spricht, die mit fast allgemeiner NaH'icht herumlausen: da man alsdann wegen der Deduktion derselben in nicht gering« Verlegenheit gerät, indem man keine deutlichen Rechtsgründe weder aus der Erfahrung noch der Vernunft aufführen kann, dadurch die Befugnis ihres Gebrauches deutlicher wurde. Wie sieht denn der religiöse Mensch von heute innerlich aus? Wohnen nicht noch heute, Gott seis gedankt, tausende von religiösen jüdischen Menschen auf dem Lande, die doch religiös-liberal sein »vollen, die aber von dieser unendlichen Differenziertheit der großstädtischen Intellektualisten verschont geblieben sind? Gibt es nicht in Deutschland eine außerordentlich große Gruppe von hochgebildeten katholischen Intellektuellen — ich denke an den immer größer werdenden Kreis, der sich um das Hochland schart —, die tiefreligiös und doch dogmengläubig zugleich ist und 'die da lebt nach den Barographen mittelalterlicher Codices. Gibt cs denn überhaupt eine Grundstimmung in all denen, die sich moderne Menschen nennen? Und wie ist es mit dem Begriff der Entwickelung, der das Hauptkritcrium des Liberalismus sein soll? Wäre es nicht einmal an der Zeit, auch diesen Begriff, der aus der Naturwissenschaft stammt, zu untersuchen und auf seine Anwendbarkeit im Bezirk der Religion zu prüfen. Denn es darf doch als bekannt vorausgesetzt »verden, daß ein Begriff, der aus einem Wissensgebiet in das andere übernommen wird, oft grundlegende Veränderung erleidet. Ist denn der in diesen Blättern angewandte Begriff der Vernunft ein eindeutiger? Versteht denn nicht fast jeder Philosoph ettvas anderes darunter? Hat nicht Hermann Cohen im fünften Kapitel der Religion der Vernunft die Vernunft als ein« Schöpfuitg Gottes, als geschaffene Vernunft, gedeutet? Ich habe aus der Fülle nur einiges hcrausgegriffen, um aufzuzeigen, daß so viele Antworten erst zu Problemen werden müssen. Wenn für die Zukunft verbitterte und verbitternde Erörterungen .vermieden und die Frage der Exkomunikation nicht mehr gestellt »»erden soll, dann gilt es vor allem, eine zweifelsfreie einheitliche Terminologie für den Liberalismus zu schaffen, die nur herauswachsen kann aus mühevoller Arbeit. Vorträge und Diskussionen, die dieser Voraussetzung entbehren, sind untaugliche Mittel zu untauglicher Zeit. Um dies zu erreichen, wird es jahrelanger Arbeit bedürfen. Was jetzt getan werden muß und kann und wozu der Anfang gemacht ist, ist die Forderung, über die Atomisierung der Liberalen hinweg zu kommen und aus den Menschen, die liberal sein wollen, eine Gemeinschaft zu schaffen. Vielleicht ersteht uns eine Persönlichkeit prophetischer Natur, die aus dem Alten das Neue schöpferisch gestaltet. Nicht nur bereit sein, sondern sich bereit machen, das ist alles. Sprechsaal Für diese Rubrik übernimmt die bchrtftlettung lediglich die preH» gesetzliche Verantwortung. Austausch gottesdienstlicher Erfahrungen An die Bereinigung für das liberale Judentum e. B. Berlin SW 18 Die. Weltkonferenz für das liberale Judentum, der anzuwichnen ich die Ehre und die Freude hatte, hat meine Gedanken seitdem außerordentlich beschäftigt und ich habe mit großem Interesse in Jh-rem Blatt die verschiedenen Ausführungen und Ansichten verfolgt. Ich bin jedoch der Meinung, daß mit allen diesen Artikeln Und Abhandlungen keinerlei Vorschläge gentacht worden sind, welche praktisch verwendbar sein könnten. Ich finde, daß sich die wenigsten Teilnehmer rntenftv mit dem Vorschläge des Mr. Bernheim aus Louisvitte befaßt haben und halte es für außerordentlich wünschenswert, za für notwendig, daß die Laien sich mchr mit der Frage des liberalen Judentums im allgemeinen und mit der Hebung und Verbesserung des Gottesdienstes im besonderen beschäftigen. Ich möchte diese meine Anschauung wie folgt begründen.' Der Gottesdienst wird in jeder Gemeinde anders gcharrd-- habt, oftmals in einer Weise, welche nicht den Wünschen und Empfindungen der Synagogenbesucher entspricht. Es wäre zu erwägen, ob man nicht den Vorständen der Kultusgemeinden nahe legen sollte, kleine Kommissionen auf Reisen zu entsenden, um Anregungen zu sammeln wie der Gottesdienst in anderen Gemeinden gehandyabt wird. Die hiesige Gemeinde hat seinerzeit, bwor man an die innere Ausstattung der tteuen Synagoge gegangen ist, eine solche Kommission ausgesandt, welche nicht nur die Einrichtungen der verschiedenen Synagogen genau besichtigt hat, sondern auch Gelegenheit nahm, die Gottesdienste zu besuchen. Es sind damals sehr wichtige Neuerungen von auswärts nach Augsburg übernommen worden, und nur diesent Um* stand ist es zu verdanken, daß der Gottesdienst sehr zur Zusrüderchnt der Gemcinlemitglieder umgestal et wo. den ist. Sowohl in bezug auf Anwendung der deutschen Sprache, als auch in gesanglicher Hinsicht kann unser Gottesdienst am Freitag-Abend und am Samstag-Morgen als vollkommen gelungen bezeichnet werden. Erstercr dauert 35 Mittuten, letzterer 65 Mittuten in der Regel, ohne außergewöhnliche Einschaltungen. Vielleicht dienen Ihnen diese meine Anregungen, was mich sehr freuen würde. Mit vorzüglicher Hochachtung! Ihr ergebener Albert Dann 1. Vorsitzender der Ortsgruppe Augsburg der Vereinigung für das liberale Judentum. * Sekten im Judentum Bon A. G o r d o n, Harburg. Vor einiger Zeit erschien in diesen Blättern ein Artikel, der über dieses Thema eine instruierende Uebersicht geben will (Nr. 44 der .Jüdisch-liberalen Zeitung": „Sekten im Judentum" von Joseph Kauffmann-Berlin). Der Verfasser kann natürlich diese Materie nicht abhandeln, ohne von einem bestimmten wertenden Standpunkt aus die Sekten im Judentum darzustellcn. Geschichte als objektive Wissenschaft ist an und für sich schon fast unmöglich, wenn nicht sogar ganz unmöglich, denn ihr fehlt ja das .kontrollierende Kriterium des Experiments. Es sei daher gestattet, von einem anderen Gesichtspunkt aus die Materie zu beleuchten, selbst auf die Gefahr hin, einer ebenso subjektiven Betrachtungsweise geziehen zu werden. Zuerst muß einmal Klarheit darüber geschaffen werden, was eigentlich eine „Sekte" genannt werden soll. Innerhalb des Gemeinschaftslebens nennt man „Sekte" wohl jenes Gebilde, das außerhalb des Stromes der landläufigen, autoritativ sestgelegten Lehrmeinung stehi. Dies kann sich sowohl auf das Gebiet der Religion wie der Philosophie wie sogar der theoretischen Politik erstrecken. „Bette" ist aber auch nur ein zeitlicher Begriff, denn eine Gesinnungsgemeinschaft hört auf eine Sekte zu sein, wenn sich die Zahl ihrer Anhänger derart vermehrt hat, daß ihre Lehrmcinung autoritativen Charakter erhalten hat. Das Urchristentum war eine jüdische Sekte und wurde zur Relrgion; die Pharisäer waren ursprünglich eine fektenhafte Gemeinschaft, bis sie einer Periode der jüdischen Geschichte ihren Stempel aufdrückten; * Versammlungskalender * AachM. Samstag, 12. Januar 1929, abends 20.30 (8.30) Uhr, im Adamfaal, WNHelmstraße. Vortrag Dr. Karl Rosenthal, Prediger der Jüdtschrn Reformgemeinde, Berlin: „Die ttulturkrisis der Gegen» wart im Lichte des Judentums". Berlin-Halenfee. Liberaler verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin E. v., Bezirksgruppe Halenfee-Grunemald. Am Mittwoch, den 16. Januar 1029, abends 8.30 Uhr, findet im Bortragsfaal der Synagoge Fafanenstraße 79-80 (Berwaltungsgedäude) eine Versammlung statt. Frau Ilse Misch wird über das Thema „Erziehung zur ©k" sprechen. Außerdem wird die Opernsangerin Frieda Wolf GesangsvortrSge zu Gehör bringen. Freie Aussprache. Gäste herzlich willkommen. Eintritt frei. Berlin-Sch-nÄng. Liberaler Verein für dir Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin E. B., Bezirksgruppe SchSneberg. Am Donnerstag, den 17. Januar 1929, abends 8 Uhr, wird Herr Rabbiner Dr. M. Salomonfkt im Ratskeller SchSneberg, Eingang Rudolph Wilde- Platz (Ecke Badenfche Straße), über das Thema „Kameradschaftsehe" sprechen. Herr Dr. Alfred Caro hat das Korreferat übernommen. Freie Aussprache. Gast« herzlich willkommen. Breslau. Jli „Abraham Geiger". Mittwoch, den 16. Januar, 20.15 Uhr, im kleinen Saal der Lessinglvge, Agnesstraße 5, Vortrag von Frau Paula Ollendorff: Disraeli und Rathenau. Sonntag, de« 27. Januar, vormittags 10 Uhr, Führung durch das israelitische Krankenhaus und feine Einrichtungen von Herrn Direktor Levrnbach und Herrn Primararzt Dr. Fried. Teilnahme von Gästen erwünscht. Meldungen bis zum 25. Januar erbeten. Dortmund. Mittwoch, 16. Januar 1929, abends 20.30 ,(8.30) Uhr, im „Kölnischen Hof" (Flora-Zimmer),- Bortrag Robert Hirschseld, Schul» referent der Jüdischen Gemeinde zu Berlin: „Wie gewinnen wir unsere Jugend für das liberale Judentum?" Duisburg. . Dienstag, 15. Januar 1929, abends 20.30 ((8.30) Uhr, im oberen Saal des Weinhauses Tiemeyer, Marienstraße 7, Vortrag Robert Hirschfeld, Schulreferent der Jüdischen Gemeinde zu Berlin: „Liberales Judentum und Jugend". Mitglieder, Interessenten und Freunde unserer Sache sind eingeladen. Frankfurt a. M. Der freisinnige Verein für jüdisches Eemeindelebe« tß. v.: Dienstag, den 22. Januar 1929, abends 8.30 Uhr, im Empfangs» faal der Wrstendsynagoqe, Freiherr vom Steinstraße; Fortsetzung der Eeueraloersammlnng mit anschließendem Referat von Studiendirektor Dr. Driesen: „Die Zukunft des Philantropins". Frankfurt a. M. Jüdisch-liberale Jugendgemeinschaft. Am 15. Januar, 20.15 Uhr: Heinrich Heine-Abend. Mitwirkende: Rezitation: Frau Lieft Oppenheim, Mar Federlein; Gesang: Liesl Federlein, Kurt Beck; am Flügel: Mar Strauß. Umrahmung: Streichquintett Paul Oppen» heimer, am Klavier: Rudi Kaufmann. Der Abend findet im Empfangssaal der Westendsynagoge, Freiherr vom Steinstraße, statt. Gäste find herzlich willkommen. Gelsenkirchen. Montag, 14. Januar 1929, abends 20.30 i(8.30) Uhr, im Restaurant Rätter, Ecke Hindenburgstraße, Vortrag Robert Hirsch» selb, Schulreferent der Jüdischen Gemeinde zu Berlin: „Wie gewinnen wir unsere Jugend für das liberale Judentum?" Auch die Mitglieder und Freunde aus Wanne und Wattenscheid sind eingrladrn. Mannheim. Liberal-jüdische Vereinigung. Donnerstag, den 17. Januar 1929, abends 6.30 Uhr, im Festsaal der August Lamey-Loge: Vortrag Rabbiner Dr. Dienemann-Osfenbach a. M.: „Die positiven Aufgaben des jüdisch-religiösen Liberalismus." H Gottesdienste U4-M- Berktu-Rorde«. Liberale Synagoge Norden, Schönhauser Allee 162. Freitag, den 4. Januar 1929, 19.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Salomonfki. Freitag, den 11. Januar 1929, Predigt: Rabbiner Dr. Salomonfit. Sonnabend, den 12. Januar, vormittags 10 Uhr, Gottesdienst. Verlin-Westend. Verein Liberale Synagoge Westend, Leistikowstraße 7-8 (Schulaula), nahe Reichskanzlerplatz. Jeden FreUagabend liberaler Gottesdienst mit Chor und Predigt. Beginn 19.15 Uhr pünktlich. Freitag, dev 11. Januar, Predigt: Rabbiner Dr. Klein-Hermsdors. Berlin-Wilmersdorf. Liberale Synagoge Wilmersdorf (in der Aula der Cäcilienschule, Nikolsburger Platz): Jeden Freitagabend liberaler Gottesdienst mit Chor und Predigt. Beginn 19.15 Uhr pünktlich. Freitag, den 11. Januar 1929, Predigt: Rabbiner Dr. Galliner. man kann sogar sagen, daß der Chassidismus iu seinem Ursprungsland«, in Galizien und Polen zeitweise den Charakter einer Sekte verloren hatte, als dort der überwiegende Teil der Bevölkerung ihm huldigte. Den Sabbatianismus eine Sekte zu nennen ist kaum möglich; er war eine geschichtliche Bewegung. Diese historischen Erscheinungsformen sind höchstens dann als Sekten zu bezeichnen, wenn man „Judentum" eine ganz bestimmte Form entweder geschichtlicher oder religiöser Einstellung nennen würde. Hierzu wäre als methodisches Mittel ein Dogma nötig, das bekanntlich das Judentum nicht kennt. Der Begriff des „rechtgläubigen" Juden, der den Begriff des „salschgläubigen" als Negativum hätte, ist somit außerordentlich variabel. Für den denkenden Leser ist es nun nicht genug, wenn ihm eine Aufzählung verschiedener religiöser Strömungen und deren äußere Kennzeichen dargeboten werden (das ist registrierende Geschichte!), vielmehr beginnt für ihn Geschichte erst dann an Reiz zu gewinnen, wenn er in die Lage versetzt wird, die Voraussetzungen und Entwicklungen zu sehen, aus welchen heraus dieses neue Gcmeinschaftsgebilde der sog. Sekte zu verstehen ist. Niemals in der Geschichte — auch nicht in der jüdischen Geschichte — kann die Idee eines Einzelnen Realität werden, wenn nicht die Massen in ihrer seelischen Disposition den Resonanzboden hierzu hergeben. Der erfolgreiche Sektengründer war zu allen Zeiten derjenige, der da; Sehnen und Hoffen, das Verlangen und Begehren seiner Zeit entweder in klare Begriffe faßte, oder in heroische Taten umsetzte. Bei aller Größe der Gedanken, bei aller Reinheit des Charakters, bei aller Opferbereitschaft ist und bleibt er ein Einzelner, dessen Ruf ungehört und unerhört im Getriebe der Welt verhallt, wenn es nicht eben der erlösende Ruf der Zeit ist. Unter diesem Aspekt gewinnt jüdische Geschichte und die Geschichte seiner sog. Sekten — man würde besser sagen: seiner geistigen Strömungen — ein ganz anderes Interesse für uns, als wenn rein registrierend die Tatsache gemeldet, ihre Struktur »in oberflächlichem Abtasten beschrieben wird. Schon die Geschichte der Pharisäer beweist, daß nicht nur reiner Oppositionsgeist gegen die offizielle Religion der Sadducäer und gegen deren politischen Einfluß das ausschlaggebende Moment dafür waren, daß die Schriftgelehrten die breiten Massen des jüdische« Volkes aus ihre Seite zu ziehen vermochten. Vielmehr war es das zwar unklare, aber mit ungeheuerer Spannung ausgestattete Gefühl des Lebenswillens jüdischer Religiosität, jüdischer Geistigkeit, die hierbei zum Durchbruch kam. Man erkannte, daß nur durch unbedingte Verbindlichkeitserklärung von Sitte und Gebrauch und durch Verankerung derselben und ihrer Interpretierung in dem durch Tradition geheiligten biblischen Text jüdische Gemeinschaft und jüdische Religiosität den Stürmen der Zeit und der Geschichte zu trotzen vermochten. Die Zäune, die das geistige Ghetto des Diasporajudentum von der Umwelt abschlossen, haben zugleich die Woge» abgehalten, die es zu vernichten drohten. Inmitten einer Umwelt, in welcher Religion und Staat, Religion und Monarch identisch waren, war der religiöse Jsolierungsprozeß, den die Pharisäer Vornahmen, eine historisch geradezu geniale Tat. Der Lebenswille des Judentums aber war es, der die Intelligenz des Judentums in die Lehrhäuser der Gamaliel, Hillel, Akiba trieb; der Lebenswille des Judentums beugte sich der Auslegung des Gesetzes, in welchem jedem Accusativpronomen, „es" verpflichtende Bedeutung zukam, ahnend, daß nach nationalem Untergang hierdurch Erhaltung und Rettung, ja religiöse .Wiedergeburt verbürgt seien. Es kann hier nicht untersucht werden, wie diese seelische Einstellung ihre feinsten Wurzeln schon in den Erfahrungen des babylonischen Exils hatte. Es ist eine typisch judaische Eigenart, die z. B. den 150 Jahre früher in die assyrische Gefangenschaft weggeführte« Exilanten aus dem nördlichen Reiche scheinbar mangelte. Man könnte versucht sein, geographische, politische, ökonomische Gründe hierfür herauszustellen. Es wären das Hypothesen, die vielleicht einen Höchstgrad von Wahrscheinlichkeit für sich beanspruchen könnten — und dennoch, niemals wird man durch Analysen das Wesen einer Seele, gewiß nicht einer Gemeinschastsseele ergründen. Die Exilanten aus dem judäischen Reich haben unter Führung eines 2. Jcsaia und eines Ezechiel nie aufgchört, auf die Wiedererlangung politischer und religiöser Restauration zu hoffen. Ein ganz oberflächlicher Vergleich der Bücher des Propheten Ezechiel etwa mit dem 1. Jesaias, dem Jeremias stellt klar, daß dieser Geist des späteren Pharisäertums an den Wassern des Kanals von Kebar entstanden sein muß. Gerade die Geschichte der Karäer beweist, daß dann, wenn eine seelische Dominante in den Volksmassen fehlt, eine Sekte aus de» Stadium der Isolierung nicht hcrauslommen kann; vielmehr ein unfruchtbares Schattendasein führt. Wenn auch die Karäer auf die sadducäische Schriftauslegung zurückgreifen konnten, sich also auf eine uralte Tradition zu stützen vermochten, so blieb der Begründer dieser Bewegung, Anan ben David aus Basra, viel zu sehr in individualistischen, ja sogar rein persönlichen Beweggründen stecken. Nur ei» enger Kreis von Schülern war cs, der seiner Opposition gegen de« einseitigen Rabbinismus der Zeit folgte. Seine ^Lehre war die Leistung eines philosophischen Kopfes, der in die Schule der arabische« Mutaliziten gegangen war. Das Fühlen und Denken, das Hoffen und Sehnen, das Herz der breiten Volksmassen, der Arne Haarez ließ Aman ben David kalt. Derjenige, der von der Auffassung herkommt, daß Geschichte das Werk einzelner Persönlichkeiten ist, wer nie das scheinbar chaotische/ in Wirklichkeit eminent formende Element der Massenpsyche in Rechnung stellt, wird vor den Ereignissen des Jahres 1648, dem messianischen Jahr, ratlos stehen. Sabbatai Zivi, den Führer dieser Bewegung, sieht man dann als einen Betrüger und Hochstapler allerhöchsten Grades, oder günstigstenfalls als einen betrogenen Betrüger. Bei der Beurteilung dieses Mannes vergißt man allzu leicht, de» Schutt der Zeit hinwegzuräumen und zu fragen, wie es denn überhaupt möglich >var, daß von Smyrna aus jene ungeheuere, alle- Rationale hinwegspülende Welle des Gefühls und der Hoffnungen über ganz Europa und Asien sich ausbreitcn konnte, alle Dämme der Wirklichkeit niederreißend. Wie ein harmloser Waldbach nach schtverem Unwetter plötzlich zu einem reißenden Fluß wird, der die Ebene überschwemmt, blühende Kulturen vernichtet, so durchraste die Kunde von der Erscheinung des Messias die engen Straßen der Ghetti. Man muß zu erkennen versuchen, wie gerade damals die Wucht der Ereignisse auf deu jüdischen Menschen lastete, wie diese, in de« Schmelztigel der Geschichte geworfen, einem wirtschaftlichen und religiösen Umwandlungsprozeß unterworfen wurden, wie fast nie vorher und nachher in der jüdischen Geschichte. Tie revolutionären Ereignisse in der Ukraine, der Einfall der Russen in Mittelpolen, der Schweden in Litauen hatte das Zentrum jüdischer Siedlung vollkommen zermahlen. Schon von altersher »var geistig neben der rationalen Strömung, dokumentiert im talmudischen und nachtalmudischen Schrifttum, ei« mystischer Nebenarm gelaufen, der in unzähligen Midraschim schon i« Erscheinung tritt, und schließlich in der Kabbala und deren Hauptwerk, dem Sohar, die Formen neupythagoräischer Zahlenmystik annimmt. Ist es ein Wunder, daß in diesen Zeiten, in welchen die Ratio, die Verstandestätigkeit auf einem Höhepunkt stand, ein Umschwung nach der gefühlsmäßigen Seite hin eintrat? In dieftm Zusammenhang darf nebenbei betont werden, daß gerade im Mittelalter die Uebergänge von Rationalismus zu Mystik viel weniger schroff und kantig waren, wie wir das heute zu beobachte» gewöhnt sind. Ein Blick in die deutsche Mystik beweist, daß rationalistische Denkweise einer mystischen Grundstimmung und Weltbetrachtung durchaus nicht feindlich gegenübcrsteht. Nicht anders ist cs auch zu verstehen, daß der scheinbar plötzliche Uebergang von einseitigem Rationalismus zu phantasiereichec Mystik in der Grundhaltung des Judentums zu verzeichnen ist. Wirtschaftlich und geistig in einen Hexenkessel der geschichtliche» Ereignisse geworfen, war der Boden bereitet für das Auftreten messianischer Schwärmer. Der Am Hoorez, der gemeine Mann, die große Masse in den jüdischen Zentren begrüßten Sabbatai Zivi als de» Bringer des Heils und der Erlösung aus tiefster innerer und äußerer Not. Man hat cs immer als unbegreiflich angesehen, daß sogar der Mißerfolg der Bewegung die Menschen nicht belehrte, daß selbst nach dem Uebertritt Sabbatais zum Islam die Fluten der Begeisterung nur ganz allmählich zu verlausen begannen, daß auf den Traum nicht ei« erschreckendes Erwachen folgte. Man hat aber nicht in Rechnung gvstellt, daß eine Massenbewegung psychologisch ganz anders zu beurteilen ist, als das Tun urrd Erleben des Einzelnen. Einer historische» Untersuchung mußte cs Vorbehalten bleiben, einmal eine wisse«- schaftliche Parallele zu ziehen zur Zeit der Kreuzzüge. Wie gerade die Gefühlssphäre es ist, die Geschichte formt, beweist deutlich die Entstehung und Ausbreitung des Chassidismus — dem Begründer dieser Bewegung wird man in keiner Weise gerechtz wenn man ihn als einen Mann beschreibt, der „durch rasende- Beten, bei dem er in Verzückung geriet und durch wunderbar erscheinende Handlungen, namentlich Wundcrkuren, Aufsehen erregte". Der „Betsch" war vielmehr ein Mensch, der an sich die Not seiner Zeit erlebte. Wiederum waren es die „Amme haarez", die sich ih» anschlossen, weil er das aussprach, was unbewußt und unaufgeschlosse» in den Seelen der Massen lebte, weil er Brot des Geistes statt Steiney weil er Empfindung statt Reflexionen den hungernden, ja halb verhungerten Seelen reichte. Die Formen des Chassidismus mögen traft fremd erscheinen; es darf trotzdem nicht verkannt werden, daß er eft war, der auch den gemeinen Mann die erlösende, befreiende, innerlichste Kräfte entbindende Macht des Gebetes lehrt«. Die taufen» Nöte und Drangsale der Juden dieser Zeit versanken, auch die Verachtung, welcher der ungelehrte Mann des Volkes von Seiten te jüdischen geistigen und gemeindlichen Aristokratie anSgeliesert

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.