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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-01-11 · 2 (11.1.1929) · page 8

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
2 (11.1.1929)
Date
1929-01-11
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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wurde ausgelöscht, wenn Rabbi Israel mit seinen Jüngern sprach und — betete. Israel wußte um das Menschliche auch deS niedrigsten seiner Brüder; er erkannt«, daß nicht die Form, nicht das Starre, nicht der Logos, nicht die Ratio ihrer Seelennot Erlösung brachte, sondern das Hingerissensein, die Extas«, wenn man Will, die Entbindung der Gefühlssphäre, Prophetengeist. Israel den Schem Tow sah Gott in jedem Stein und hörte das Leid der Welt in jedem Baum, m jedem Grashalm weinen. Seine Lehre hat einen stark pantheistischen Einschlag; sie umspannte das All und fühlte sich nahe der Einheit des Göttlichen. Er befreite den jüdischen Menschen seiner Zeit aus allen Bindungen der Form. Mir scheint, er hätte auch unserer Zeit manches zu sagen. Nicht seine Schuld ist es, daß seine Lehre nach seinem Tode ausgebaut, systematisiert, kanonisiert wurde. Wie so viele seiner Vorgänger im Geiste hatte er überhaupt kein System; auch ist es nicht seine Schuld, daß seine Nachfolger ihren Frieden mit dem Rabbinismus machten. Ob das alles in seinem Sinne war, darf füglich stark bezweifelt wetten. So darf wohl gesagt werden, daß gerade im Verlaufe der jüdischen Geschichte der Am Haarez, der Mann aus dem Volke, oft und ausschlaggebend in das rollende Rad eingegriffen hat, indem er dem Rationalisierungsprozeß des Judentums eine Sphäre des Gefühls entgegenstellte. . Auch der Liberalismus unserer Zeit steht, wie unsere Zeit über- ^haupt, an einem Wendepunkt der Geistesgeschichte. Die Grundlagen des einseitigen Rationalismus sind ins Wanken geraten, eine Geburtsstunde neuer Geistigkeit — mit all ihren Geburtswehen — ist angebrochen. Die Seele der Massen hungert nach Brot, nicht nach Steinen wissenschaftlicher Forschung. Nur e i n Sturmzeichen sei aufgezeigt: der Weg der Jugendbewegung vom hohen Meißner zum Gedanken der Bünde, von der Befreiung des Einzelmenschen aus der Lüge und Konvention der Gesellschaft zur Unterordnung der jungen Menschen unter ein mehr gefühlsals >perstandesmäßig erfaßtes Gemeinschasisideal. Geschichte betreibt man, um Geschehen zu verstehen. Verstehen heißt, Gesetzmäßigkeiten ausweisen, um durch diese zur Freiheit des Handelns zu gelangen. Der liberale Jude, der auch in aller Religion ein Werden und Wandeln sieht, hat die Pflicht, Geschichte unter diesem Gesichtspunkt zu verfolgen. Das konnte man von den Jost und Grätz nicht verlangen; die Wissenschaft von Geschichte ist über ihre Geschichte hinwcggeschritten. Sie haben den Leib beschrieben, wir wollen Seele verstehen, jüdische Seele, Seele der Juden: das hat nichts, aber auch gar nichts mit jenem nationalistischen Geiste zu tun, der dogmenhaft auch der „Weltgeschichte des jüdischen Volkes" von Dubnow zu Grunde liegt. Für diese jüdische Seele, die iüch:s anderes als Religion ist, Religion in ihrer tiefsten Auswirkung und Gestaltung, wird moderne jüdische Jugend Verständnis nicht nur, sondern Begeisterung finden- Di« Priosterausgabe jüdisch religiöser Geistigkeit wird ihr in jüdischer Geschichte ausgchen. In diesem Sinne kann Geschichte aktiv Werden, von kalter, beschreibender, sezierender Wissenschaft zu innerem, heiligem Erlebnis arifsteigen. Dann muß und wird aber von bcn Amö Haarez, der Laienwelt, an die Führer der Bewegung die Forderung zu stellen sein, die Sphäre des rein Rationalen, die den Liberalismus auch heute noch tocsentlich beherrscht, nicht einseitig zu pflegen, sondern zugleich der Welt des Gefühls ihr Recht werden zu lassen.. Wenn Fragen innerlichsten religiösen Erlebens in ihrer ganz und gar unrationalen Form Eingang gefunden haben in liberal-religiöses Denken, dann wird auch, das lehrt uns jüdische Geschichte, das Problem „Gemeinschaft und Individuum" gelöst sein. Neue Getvalten pochen an den alten Pforten. Macht auf das Tor! * 3m Licht der Religion Justizirrtum — Eheirrtum — Schulirrtum, Justizirrtum. . Die Hülle tut sich auf. Unschuldig verurteilt — ringekerkert — getütet! Unschuldig — unschuldig l Wer je auch nur im geringsten gekränkt wurde, aber zu unrecht, unschuldig, Wer sich der Bitterkeit» entsinnt, die ihn beschlich; wer weih, wie ein Unrecht gegen ein Kind» Folgen für das ganze Leben haben kann, der wird tvenigstens etwas von dem Gefühl verspüren, das den öffentlich unschuldig Verurteilten Jahre und Jahre hindurch beherrschen muß. Ein Glaube ist erschüttert — an die Gerechtigkeit. Eine Welt ist zerstört — des Vertrauens. Und Märtyrer sind geschaffen — des Rechts und des Menschenirrtums. Unschuldig — unschuldig — gellt es ihm in den Ohren --- gellt es durch sein Leben — gellt cs zu Gott. Das jüdische Recht kannte die Möglichkeit des Justizirrtums schon und rechnete damit. Die Zeugen wurden „ängstlich" gemacht vor ihrer Aussage, nicht eingeschüchtert, aber zur Vorsicht ermahnt. „Wisset, daß Lebenssachen nicht wie Geldsachen sind, bei Geldsachen kann der Mensch das Geld wiedergeben .. aber bei Lebenssachen haftet das Blut des Hingerichteten an ihm." Der zum Tode Verurteilte müßte vom Wega zur Richtstätte zurückgebracht werden, selbst vierober fünfmal, wenn jemand noch ettvas für ihn oder er für sich Vorbringen wollte. Die Todesstrafe bestand wohl, aber man suchte sie auf das äußerst» einzuschränken. „Ein Gerichtshof, der einmal in 7 Jahren eine Hinrichtung vollzieht, wird Verderber genannt — andere sagen, einmal in 70 Jahren. Justizirrtum — die Fälle jagen sich wieder: Slatcr — Jakobotvski ■— Mieders — Hußmann — Halsmann. Was hier am Geist des, Rechts, an der Heiligkeit des Menschenlebens gesündigt und zerstört wird, muß uns schaudern machen, uns die Kinder Abrahams, dem schon geboten ward, „Recht und Gerechtigkeit" zu üben. Aber es muß und sollte uns auch in unserer Sicherheit erschüttern, im Glauben an menschliche Unfehlbarkeit. „Jrrtümer, wer sieht sie, von der unbe-- kannten Sünde reinig« mich" — in aller Demut lesen wir dieses Wort des Psalmisten heut wieder, je umfangreicher das Rechtsprechen Wurde, je komplizierter die Mcnschenseele. Was geschehen kann? Restlos nichts. Denn Menschentun ist „Stückrvcrk". Aber vorbeugend viel: keine Todesstrafe — feinste Ausbildung des Richters als Stelen» deuter — weitgehendste Möglichkeit der Berufung. Und die „Sachverständigen" sollten nicht immer bloß gelehrte Sachkenner sein — auch Laien, die aber schon „an seiner Stelle" waren, wie es in der jüdischen Spnichsammlung heißt (der Stelle des Angeklagten), die nicht Bücher kennen, aber das Leben und deshalb den „Angeklagten" verstehen — auch solche sollte man hören wollen. „Willst du, daß diese Welt bestehe, verlange nicht immer das strengste Recht. Willst du immer das strengste Recht, verlange nicht, daß die Welt bestehe." O herrliche alte jüdische Weisheit! E he i r r t u m. Sollte man nicht lieber so sagen, statt Ehescheidung, von der wieder viel die Rede ist, weil sie erleichtert tverden soll? Schließlich ist ja die Scheidung nur der Schlußpunkt, nur der Ausweg aus oft jahrelangen, oft kurzen Irrungen und Wirrungen. Auch das nichts Neues. Und diese Betonung nimmt den Dingen immer gleich die Schärfe, rückt sie ins Ewig-Menschliche. Auch das Judentum kennt Scheidung seit uralter Zeit und hat sie bis heut« beibehaltcn. Und es ist gut, daß es ein« religiöse Scheidung gibt ivie eine religiöse khesthließung, weil auch dadurch wieder betont wird, daß Menschliches immer unter den religiösen Gesichtspunkt gerückt werden soll, aber auch, daß der Religiosität nichts Menschliches fremd ist. Ob auch im Sinn der Religiosität die Scheidung erleichtert oder erschroert werden soll? Das sollte gar nicht gefragt werden — es wird sich nach dem Fall regeln, der vorliegt. Die Frag« aber, die die Religion angehtp ist vor allem die ideal«: wie wird Eheirrtum unmöglich, wie in der Ehe wieder gut, möglichst gut gemacht, am ivenigsten nachteilig für di« Kinder, die vorhanden, gestaltet? Auch hier kann es keine restlose Antwort,geben, weil das dauernde Zusammensein durch nichts, tzar nichts, auch durch keine „Probeehe" vorher erprobt werden kann. (In dem Bewußtsein der „Probe" liegt -schon wieder ein Unterschied.) Hier bleibt nur der Wille, den Versuch zu wagen, nachdem er so weit menschenmöglich vorbereitet worden — durch offenste Aussprache über alles, durch häufige- Zusammensein, durch Beobachten bei allen Gelegenheiten. Immer aber in dem demütigen Gefühl, „Stückwerk" zu treiben und treiben zu müssen, in unserer komplizierten, zur frühen Freiheit, Offenheit, Selbständigkeit neigenden Zeit erst recht. Wir Juden haben nicht nur den Spruch, daß Eva AdamS „Gehilfin" sein sollte, womit also die Bedeutung der Frau schon damals tiefgehend gekennzeichnet wurde, sondern auch den anderen: wer einen Menschen umbringi, dem wird es angerechnet, als hätte er eine Welt umgebracht und umgekehrt. Höher!aun man den Wert eines Menschen kaum stellen, noch größer die Verantwortung für einen Menschen kaum steigern. Und so wird es letzten Endes darauf ankommen, diesen Geist und solche Wucht der Verantwortung dem Menschen aufzuladen, der ein '.Schöpfer im kleinen sein will — ein Schöpfer am Menschen. Und auch daran wird der Jude zu denken haben, daß Gott und seine Juden so oft im Verhältnis des Bräutigams zur Braut, des Gatten zur Gattin geschaut werden — diese Menschenbeziehung also schon dadurch geweiht, verllärt, geheiligt wird. Tritt aber trotzdem dann das Gefühl des Eheirrtums ein, so wird „Scheidung" keineswegs das erste Wort sein, das sich aufdrängt. Auch hier deutet die Bibel den Weg. Sie Weiß davon, daß Gott di« Juden immer wieder zurückruft wie ein „Weib der Jugend, das vorübergehend »viderwärtig ward". Ehe im Licht des Versuchs gesehen, ist ein derartiges Wagnis, daß cs nur der Größe dieses Wagnisses entspricht, immer wieder und wieder zu versuchen, hundertmal und öfter. Sich zu prüfen, den andern zu prüfen, vor allem aber an die Kinder zu denken, deren Welt man ja gleichzeitig mit zerstört. Gelingt es aber nicht selbst, dann sollte man nicht vergessen, daß anderen oft besser gelingen muß, was uns unmöglich. Muß — weil dauernder Zwiespalt das Urteil trübt, ungerecht macht und nottvendig verbittert. Zum zweitenmal kann sichs dann bewähren: „Jrrtümer, tver sieht sie, von verborgener Sünde mache mich frei." Und für gar viele wird dann ein Neues entstehen, ein Binjon ade ad, wie es bei uns heißt, ein „Bau für ewig". Sch u l i r r t u m. Ein Wort der Zeit, wirklich wohl erst unserer Zeit: Schülerselbstmord: Wie eine Seuche droht er sich auszubreiten, und wer, der die Kinder liebt, nicht nur die eigenen, zittert nicht. Und wie sollte die Religion schweigen, wenn sie sieht, daß so mit dem Leben gespielt: wird — wie wortwörtlich ist das hier angebracht. Gewiß ist die eigentliche Ursache die mangelnde Energie eines jungen Geschöpfes — aber Was hat diese Energie zu Falle gebracht. Wo ist der wahre Schuldige? Nur von einem soll hier geredet werden (natürlich ist er nicht der einzige) — der Schule. Im Namen der Religion, muß einmal dagegen Einspruch erhoben werden, daß durch die Art unserer Schulen gerade dem Kinde der Begriff des Lebens durch so viele Jahre hindurch gefälscht wird, daß Wir im wesentlichen ja doch für die Schule und nicht für das Leben lernen, daß wir vom „Pensum" ausgehen, aber nicht vom Menschen. Im Namen der Religion gerade muß gesagt werden, daß alle Reformen von heute, alle Erleichterungen, alle Landheime den Kern des Uebels, nem das Uebel ganz unberührt lassen und daß dieser Zustand ein schreiender Widerspruch zu dem sonst geforderten neuen, freien, gesunden, lebenserfülltcn, „tüchtigen" Menschen ist. Im Namen der Religion gerade muß darauf hingewicsen tverden. Wie eine Unsumme von Unmoral jeder Art — wer kennt sie nicht — eine Unsumme von Verbitterung und Verdrossenheit, von Enttäuschung und Unausgefülltheit bei den Lehrenden allein durch dieses System immer Weiter geschleppt und gezüchtet wird. Nicht darauf kommt es an, daß es auch fröhliche Lehrer, glückliche Schüler gibt. Das allein ist das Entscheidende, daß sie alle ohne Ausnahme durch 'dm: falsche Lebensgrundlage zu einer falschen Lebensverwendung kommen, zu einem Raubbau an ihren Kräften, Jahre hindurch. Der wissende, der allwissend« Mensch wird aus der Schule gezüchtet, der einseitige ist allein im Leben bedeutend. Der Massengeist wird hier immer weiter gedrillt, die Persönlichkeit ist es, die das Leben verlangt. Man kennt nur die halben, ach oft gar keine Seelen, aber man urteilt, beurteilt, verurtellt, schließt, beschließt, lobt, ist empört — Wo man hundertmal Grund hatte, sich zu bescheiden, zu fragen, zu klagen und einzugestehen: „Jrrtümer, wer sieht sie, von der verborgenen Sünde reinige mich." Gewiß — das alles war schon immer so und immer ein Irrweg, aber jetzt ist dieser Weg unerträglich, weil außerhalb der Schule ein ganz anderer gegangen wird, schon während der Schulzeit. Und tönt dann ein Schuh — dann ist man erschrocken, entsetzt, seufzt auf und geht den Weg weiter, hält sich für „fortgeschritten", weil man ganz neue — Schulhäuser baut. Solche Halbheit des Lebens, solche Unwahrhaftigkeit, solche Zerr- und Scheinbilder des Daseins, solche Verflüchtigung der Moral, ja Verlockung zum Gegenteil, solch ein Spiel mit dem Zufall (des Examens), mit der Abrichtung, der Ansütterung und Auffütterung und dabei Verschüttung der wesentlichsten Kräfte — das kann, das darf gerade die Religion nicht mehr mit ansehen. Sie muß auf die Seite derer treten, die diese Revolutton der Jugend verstehen, ja begünstigen. Fort mit den Lern schulen — Platz für .die Lebens schulen (mit kleinen Zirkeln, wenigen Stunden, Gliederung nach Begabung von unten auf, Ausscheidung für jeden, was für ihn Ballast, Einführung einer Stunde „allgemeine Bildung" für alle, wie man sie auch im Leben erwartet. Keine Zeugnisse — keine Examen. Jeder Lehrer ein Freund, jeder Schüler sein Kind, jede Stunde nur Lust.) Sind das heute noch Utopien — nun so müssen sie Wirklichkeit werden. Krieg dem Schulirrtum — ist die Losung' schon vieler — ruft die Sttmme aus dem Grabe manchen Schülerselbstmörders. Und das alte jüdische Wort 'muß noch einmal wahr sein: „Die Welt besteht nur durch den Hauch der Kinder des Lehrhauses". Andere Welt — will andern Hauch. Glücklich die Jugend, die ihn einst atmet. Helft mit dazu - im N amen der Religion! Rabbiner Dr. G o t 1 s ch a l k, Frankfurt a. M. Wagner und Meyerbeer Bon <ä, Meisels. Bei Richard Wagner gilt es für uns .zweierlei zu beachten: erstens das Verhältnis der Juden zu Richard Wagner, zweitens das Verhältnis des Meisters zu den Juden. Das Verhältnis der Juden zu Richard Wagner ist dermaßen klar, daß es zu seiner Erklärung keiner besonderen psychologischen Analysen bedarf. Dies Verhältnis bestätigt wieder einmal die alte Tatsache, daß das Genie stets bei den Juden eine uneingeschränkte restlose Verehrung genießt, eine Verehrung, die, der Liebe ähnlich, auf alle menschlichen Schwächen und Mängel, von denen die genialste Persönlichkeit nicht ganz frei ist, den Schleier des Vergessens wirft. Gegenüber dem Mächtigen im Reiche der Wissenschaft und der Kunst schallen die Juden für gewöhnlich das Vergeltung sprinzch aus; sie suchen vielmehr mit edler Absichtlichkeit die ihnen von dem Großen zugefügte Kränkung zu vergessen, um nicht nach dem als ethisch einwandfrei allgemein anerkannten Grundsatz: „Wie du mir.. ."^ handeln zu müssen. Die Juden gestatten dem Jupiter so mancherlei Lizenzen und nehmen chm sein Donnern nicht sonderlich übel, selbst wenn es nicht der Ausfluß eines gerechten Zornes, sondern der eines ungerechten Hasses ist. Bei Richard Wagner haben die Juden seinen Judenhaß mit ihrer Wagnerliebe vergolten. Je weniger der Meister sie verstand, um so mehr zeigten sie das redliche BestrÄen, zum Verständnis seiner Werke vorzudringen. Wer waren denn vornehmlich die ersten und unentwegtesten Verehrer Richard Wagners? Wer hat denn diesem Fürsten im Reiche der Töne eine an Liebe grenzende Verehrung entgegengebracht? Es waren zumeist Leute, denen der Berg Sinai viel näher war als der Montsalvatsch und die zu den alttestamentlichen Gottesstreitern viel intimere Beziehungen hatten als zu deu heiligen Gralsrittern. Es mag seine tigere Bedeutung haben, daß einer der ersten Kämpfer für den'Ruhm des Bayreuther Meisters Hermann Levi hieß. Es stellt der k^unstliebe und der Kunstfreudigkeit dieses Wagnerpublikums ein glänzendes Zeugnis aus, daß es sich durch des Meisters ungerechten Haß nicht beirren ließ. Dieses Publikum leistete ihm mit tvahrer Kunstbe geifterung treue Gefolgschaft. Es gewährt einem mitunter eine stille Freude, daß den Meister, der über das Judeittum in der Musik wehleidig jammerte, ein gut Teil jüdischer Mithilfe auf die ihm gebührende Höbe gebracht hat. Das Genie ist in der Regel undankbar, und Richard Wagner war ein Genie. Seine Stellung zum Judentum läßt sich psychologisch aus seinem Verhältnis zu Giacomv Meyerbeer erklären. Dieses Verhältnis hat bei einem Extrem begonnen und ist schließlich durch viele Wandlungen hindurch beim entgegengesetzten Extrem angelangt. Zurrächst stellte sich Wagner zu dem Schöpfer der „Hugenotten" wie ein Jünger zum'Meister, dann wie ein ebenbürtiger Fremrd zum Freunde, guter Letzt aber brachte er Meyerbeer eine haßgetränkte Feindschaft entgegen. Als der 26 jährige Richard Wagner, den „Rienzi" in der Tasche, nach Paris kam, war sein erster Gang zu Meyerbeer. Dieser empfing den jungen Kollegen überaus freundschaftlich und versprach ihm Unter stützung und Förderung.. Meherbeer machte den jüngerc»l Künstler mit Halevy, Berlioz, Leon Pillet, dem Direktor der Großen Oper, und vielen anderen Musikern und Musik freunden bekannt. Durch Meyerbeers Verwendung bei der Dresdner Intendanz wurde „Rienzi" auf der Königlichen Bühne zu Dresden zur ersten Aufführung gebracht. Wagner sparte auch nicht in seinen Briefen an Meyerbeer an Worten der Anerkennung und des Dankes. Er gebraucht die über^ schwenglichen Anreden: „Jnnigst verehrter Herr und Meister!", „Mein teurer Meister!", „Mein verehrtester Selbstherrscher aller Töne!" Einen Brief schließt er mit den Worten: „Gott mache jeden Tag Ihres schönen Lebens zur Freude und trübe Ihr Auhe nie mit Kummer, dies das aufrichtige Gebet Ihres aufrichtigen Schülers und Dieners Richard Wagner." Kaum aber war Wagners Ruhmesstern aufgegangen, so ver wandelte sich seine Verehrung und Freundschaft für Meyerbeer in Haß und Feindschaft gegen ihn. Wagner haßte Meyerbeer, weil er sich ihm vcrpfichlet fühlte. Er konnte es offenbar sich und seinem Schicksal nicht verzeihen, daß ihm Giacomo Meyerbeer den Weg zum Ruhme cknen half. Es ist das Kennzeichen des Genies, daß es sich immer auf sich selbst stellt; deshalb wendet es sich mit Widerwillen von der Zeit, da es noch der Stütze bedurfte. Da das Auge des Genies stets auf das Ziel, auf die Vollendung gerichtet ist, sucht es jeglichen Anfang dadurch zu vergessen, daß es ihn verleugnet. Meyerbeer aber war für Wagner ein lebendiges Erinnerungszeichen, das in eine Zeit wies, die Wagner nicht gern un Gedächtnis behalten wollte. In einem Briese an Liszt aus dem Jahre 1851 gibt dies Wagner selber zu. „Ich hasse ihn (Meyerbeer) nicht", schreibt Wagner an Liszt, „aber er ist mir grenzenlos zuwider; er erinnert mich, da er sich den Anschein gab, mich zu protegieren, an die unklarste, fast möchte rch sagen, lasterhafteste Periode meines Lebens." Dieses Bekenntnis sagt sehr viel. In späteren Jahren hat Richard Wagner seine gehässige Schrift „Das Judentum in der Musik" geschrieben. Die Schrift richtet sich vornehmlich gegen Felix Mendelssohn Bartholdy und sein künstlerisches Schaffen. Nun ist die Feindschaft Wagners gegen Mendelssohn zwar nicht verzeihlich, aber immerhin begreiflich; sie entspringt einem rein künstlerischen Gegensatz zu Mendelssohn-Barlholdy. Ist ja Wagners künstlerisches Schaffen selbst, wie männiglich bekannt, der flammende Protest „gegen das völlig naive, rein sinnlich tonselige, nur aus musikalischen Instinkten heraus schaffende Gemüt Mendelssohns". Also: in Mendelssohn hat Wagner den Künstler angefeindet, in Meyerbeer aber hat er mehr den Menschen als den Künstler gehaßt. Deshalb scheint es mir psychologisch sehr wahrscheinlich, daß nicht die Mendelssohn-Feindschaft, sondern der Meyerbeer-Haß der innerste Beweggrund war, die erwähnte Schrift abzufassen. Unwillkürlich wird man dabei an den „Fall Wagner" Nietzscheerinnert. Solange Nietzsche der Freund Wagners war, war ihm die Wagnersche Musik eine Offenbarung; später aber, als er mit dem Freund auch seine Musik verwarf, setzte er sich hin und schrieb seinen „Fall Wagner"". Vielleicht auch wollte Richard Wagner seinen „Fall Meyerbeer"" schreiben, geschrieben aber hat er das Pamphlet „Das Judentum in der Musik""; da es sich bei Meyerbeer zugleich auch um einen Juden handelte, lag es sehr nahe, den politischen Strömungen der Zeit Rechnung tragend, den Widerwillen auf das ganze Judentum auszudehnen. BUCHERSCHAU ★ August Menninger, Justizinspektor in Mainz: „Das Napoleonische Dekret vom Jahre 1808 wegen der Vor- und Zunamen der Juden." Oscar Schneider Verlag, Maine 1928. Dem äußerlich anspruchslosen, nur 14 Seiten starke« Heftchen schreibt Rabbiner Dr. S. Levi, Mainz, ei« kurzes Geleitwort, in dem er die Abhandlung als geschichtlichen und familiengeschkhtlichen Beitrag zur Gesamtgeschichte der Judenemanzipation empfiehlt. Die . Broschüre betrachtet die besonderen Vorgänge in und um Mainz zur napoleonische* Zeit. Leopold Nathansöhn. Die Darstellung der jüdischen Religion bei Plavius Josephus. Von Dr. Heinrich Guttmann. Brosch. 51 Seiten; Verlag M. u. H. Marcus, Breslau, 1928. Mit dem Namen Flavius Josephus ist bei dem geschieht* liehen Beobachter der Begriff verräterischer Untreue und niedriger Charakterlosigkeit verknüpft. Mit seinen Schriften wird man einen kriecherischen Byzantinismus in Zusammenhang bringen, von dem die historischen Elaborate Josephus', die am Hofe des ihm gewogenen Vespasian entstanden, erfüllt seien. Die landläufige Kritik übersieht jedoch gewöhnlich, daß wir Josephus auch Anregungen jüdisch-religiöser Art zu verdanken haben. Genoß er doen eine gediegene Erziehung, in deren Brennpunkt das Suchen nach Gott lag, der Jsrael das heilige Schrifttum beschert und Gesetze mannigfachster Art verliehen hat. Als Jude der pharisäischen Partei, der er sich anschloß, hat uns Josephus innerhalb seiner Schriften einen gewissen Spielraum gelassen, wonach wir prüfen können, wie sich sein Verhältnis zu den erzählenden Partien des Pentateuch gestaltet. Heinrich Guttmann versucht, dies in dem ersten Teil seiner Broschüre darzustellen. Der zweite Teil handelt vom Kultus und der Ethik bei Josephus hinsichtlich der Religionsgesetze, des Tempels zu Jerusalem und der jüdischen Weltanschauung als Niederschlages der damaligen Zeit. Wenn man in Betracht zieht, daß die vorliegende Arbeit eine Dissertation ist, dann können wir den noch sehr jungen Verfasser zu dem verheißungsvollen Anfang seiner gründlichen wissenschaftlichen Forschungen beglückwünschen — — Vivant sequentesl Rabbiner Dr. Arthur Rosenthai, Berlin-Lichtenberg.

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