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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-01-11 · 2 (11.1.1929) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
2 (11.1.1929)
Date
1929-01-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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«ach Nützlichkeit oder Schädlichkeit. Die liberalen Vorsteher »Hb Gemeindeverordneten der israelitischen Religionsgemetnde haben sich diese Fragen in langen, der Wichtigkeit der Sache durchaus entsprechenden Sitzungen vorgelegt und sind, durchdrungen von der Richtigkeit ihrer Erwägung, zu denl Beschlüsse gekommen, das allgemeine aktive und passive Wahl- Hecht an Ausländer abzulehnen. An den liberalen Mitgliedern der israelitischen Religionsgemeinde Dresden wird es setzt liegen, bei der bevorstehenden Wahl zum Gemeinderat *m dem Stimmzettel darzutun, ob sie mit der Führung der Gemeinde durch ihre bisherigen Vertreter einverstanden sind Keiner darf am Wahltage zu Hause bleiben. Mann für Mann erschein« jä»er an der Wahlurne. Wir müssen uns klar darüber sein, daß diese Wahl ausschlaggebend ist für die Ge- «eindepolitik der nächsten fünf Jahre. Unsere Gegner sind aus dem Posten. Sorgen wir dafür, daß nicht unsere in Weraler Tradition erstarkte uns von unseren Vätern überkommene Religionsgemeinde ausgeliefert wird an eine volksparteiliche Majorität, die, dessen dürfen wir gewiß sein, das Steuerruder stark in zionistisches Fahrwasser reißen wird, die, mehr noch, als bisher, bestrebt sein wird, an Stelle von Religiosität Politik in die GemeindestuLe zu verpflanzen. Au» deu Gemeinde« Berlin. (Jacob Michael und di «Synagoge Paslauer Straße.) Die Vossische Zeitung berichtet in der Grundstück-Beilage ihrer Ausgabe vom 6. Januar über die Käufe, die im Zusammenhang mit der Niederlassung des Pariser Warenhauses Galerie Lafayette in Berlin stehen. In diesem Zusammenhang finden wir folgende Einzelheit: „Jakob Michael verkaufte das Grundstück Passauer Straße 2 an die dem neuen Kaufhaus nahestehende Terraingesellschaft. Auf dem zweiten Hof dieses Grundstücks befindet sich eine Synagoge. Die jüdische Orthodoxie verübelt es Jakob Michael sehr, daß er eine Gebetstätte zerstört. - Die Liberalen sehen alte Wahrheit bestätigt: auch dieser Mann, dem -ganze Straßenzügc Berlins gehören, der über Bergwerke, Versicherungsgesellschaften, Theater, Hotels gebietet, hat Grundsätze, die nicht ewig gelten. Er willigte in den Verkauf, nachdem ihm - angeblich — ein Rabbinatsgutachten die Zulässigkeit bestätigt hatte. Natürlich können sich rechtliche Bedenken gegen einen derartigen Verkauf bricht erheben, Grundstücke mit Gotteshäusern unterliegen dem freien Handel, sie find nicht „res extra commercium". Aber das Schicksal wehrt sich gegen die Tcmpelzerstörung. Das Bezirksamt Charlottenburg hindert den Weiterverkauf, weil der Vertrag zwischen der Michaclschen Baugesellschast Passauer Straße 2 A.-G. und den Vorbesitzecn wegen unrichtiger Angabe des Kaufpreises unwirksam ist. Also Anfechtung wegen Schwarzkaufs. Da Michael die Aktien erst nach dem Ankauf des Grundstücks erwarb, kann ihn ein persönlicher Vorwurf nicht treffen. Seine Gesellschaft ist aber trotz der Weitergabe der Aktien an ihn dieselbe Rechtspersönlichkeit geblieben. Gegen diese Aktiengesellschaft wirkt die Anfechtung. Das Bezirksamt hat angcordnet, daß für die Vorbefitzer, die Görtelschen Erben, ein Widerspruch „wegen «Nrichtiger Angabe des Kaufpreises" in das Grundbuch eingetragen werde. Ob die Galerie Lafayette hiernach nicht die Lust verlieren, das Grinrdstück zu erwerben? Vielleicht bleibt deswegen vorläufig die Synagoge erhalten." Wir glauben, daß diese Ausführungen, abgesehen von der Weisheit Über die Liberalen, nicht unzutreffend sind. Berlin. (Hochschule für die Wissenschaft des Judentums.) Zwischen der evangelisch-theologischen Fakultät Gießen Und der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin ist ein Austausch von Gastvorlesungen vereinbart worden. Zunächst wird der Gießener Religionshistoriker, Professor D. Dr. Heinrich Frick, in der letzten Januarwoche 1929 an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums eine Vorlesung über den „religionsgeschichtlichen Ort des Protestantismus" halten.; Zu einem größeren Kreise wird Professor Frick am Abend des 28. Januar 1929 in einer der Montagsvorlesungen der Hochschule über das Thema: „Was eint und trennt die Konfessionen" sprechen. Berlin. (Eine Freitag abendfeier für die Jugend.) Der Verein Synagoge Fasanenstraße veranstaltete am vergangenen Freitag nach Schluß des Gottesdienstes eine eindrucksvolle Feier für die Jugend. Mehr als 80 Knaben und Mädchen wurden bewirtet. Herr Rabbiner Dr. Bergmann sprach in warmen, herzlichen Worten zu den Kindern, und erklärte ihnen den Sinn der Feier, damit fie auch im ferneren Leben in der Lage sind, den Freitag-Abend ftstlich zu begehen. Herr Benas Levy dankte Herrn Dr. Bergmann, der es mit Unterstützung seiner Gattin und Frau Salinger ermöglicht hatte, daß die Feier stattfand, die für sämtliche Teilnehmer eindrucksvoll und von bleibender Erinnerung sein wird. Der Abend wurde noch verschönt durch ergreiftnde Rezitation der BortragSkünstlerin Edith Herrnstadt-Oettingen. Bremen. (Strafverfahren gegen die Bremer Antisemiten.) Das Hauptverfahren gegen 9 Personen, Kraftfahrer, Sendet den fäNigen Veitrag ir da» 1. Quartal 1929 \n Höhe van Mk. 2L0 auf rs Postscheckkonto der Bereinigung für dar literale Judentum Berit« Nr. 137089 ei«. Handlungsgehilfen und Handwerksgesellen, die sich im August und September 1928 in Bremen an schweren antisemitischen Ausschreitungen beteiligt haben, wurde für den 21. Jammr vor dem Großen Schöffengericht in Bremen angesetzt. Königsberg. (6 0. Geburtstag von Justizrat Meyer o w i tz.) Kürzlich beging der in weitesten .Kreisen Ostpreußens sehr airgesehene Rechtsanwalt am Oberlandesgericht, Justizrat Martin Meyerotvitz, die Feier seines 60. Geburtstages, wozu ihm von allen Seiten, insbesondere aber aus den Kreisen der Anwaltschaft, eine Fülle von Glückwünschen ausgesprochen wurde. — Justizrat Martin Meyerotvitz übt seit 30 Jahren Anwaltspraxis aus. Zunächst ließ er sich an dem Land- und Amtsgericht Tilsit nieder, um nach 10jähriger Tätigkeit die dortige Praxis mit der in Königsberg zu vertauschen, nachdem er am Oberlandesgericht zugelassen war. Er ist das einzige jüdische Mitglied des Prüsungsamtes für Referendare beim Oberlandesgericht und Mitglied der Abgeordnetenversammlung des Deutschen Anwaltsvereins. Irr allen seinen Uemtern hat der Jubilar sich aufs eifrigste ausgezeichnet, >vas auch stets von allen Seiten anerkannt wurde. Ltegvitz. (Konstituierung einer Liberalen Fraktion.) Nachdem, wie bereits ausführlich gemeldet, bei den letzten Wahlen die Liberalen die Mehrheit erlangt haben, haben sich nunmehr die liberalen Repräsentanten offiziell zu einer Fraktion zusammengeschlossen. Vorsitzender der Fraktion wurde Herr Wilhelm Krieg, Schriftführer Herr Salo Budwig. Liegnih. (Aus der Repräsentantenversammlung.) In der ersten Repräsentantenversammlung nach den Neuwahlen wurde das Mitglied der liberalen Fraktion, Herr Rechtsantvalt Arthur Pick, einstimmig zum Repräsentanten-Vorsitzenden wiedergewählt, ferner der liberale Herr Adolf Mannheim zum Schriftführer. ' Den Posten des stellvertretenden Vorsitzenden und zweiten Schriftführers bekleiden Mitglieder der anderen Fraktionen. — Der aus fünf Mitgliedern bestehenden Kultuskommission gehören von liberaler Seite R.-A. Dr. Ernst Scheyer, Herr Max Metz und Herr Salo Budwig an. — Die Wahlen zum Gemcindevorstand sollen noch im Laufe dieses Monats statt finden. Mainz. (Jüdische Kleistpreisträgerin.) Anna Seghers, die begabte junge Schriftstellerin, die in diesem Jahre mit dem Kleistpreis ausgezeichnet wurde, ist eine Jüdin. Sie ist eine Tochter des Mainzer Kunsthändlers Isidor Nriling. Mannheim. (Grundfragen des religiösen Liberalismus.) Ueber dieses Thema sprach in der „Arbeitsgemeinschaft Jüdischer Jugend Mannheims" Herr Ludwig Herrmann. Der Redner zeichnete in prägnanter Form die Grundzüge des jüdischen Liberalismus und warf einen Rückblick auf die Weltkonferenz. Er bezeichnete gegenüber den bekannten Verkennungen den Liberalismus als einen Dienst am Judentum. In der heutigen Zeit sei für viele die liberale Bewegung geradezu ein Diät, die das völlige Loslösen vom Judentum aufhält. Denn, so führte der Referent aus, die vielen Juden, die mit ihrer Anschauung weder im orthodoxen noch im zionistischen Lager stehen können, finden im Liberalismus ihren inneren Halt, und es wäre, so entgegnet« er einem Einwand des Herrn Rabbiner Dr. Unna, auch von der Orthodoxie vielleicht richtiger gehandelt, wenn man diesen Dienst am Judentum vorbehaltlos anerkennen wollte. Der Abend zeitigte eine recht rege, aber sachliche Diskussion und stieß offensichtlich auf großes Interesse der zahlreichen Zuhörer. Mannheim. (Uraufführung eines Quartetts mit hebräischen Motiven.) In der „Arbeitsgemeinschaft jüdischer Jugend Mannheims" herrscht wahres jüdisches, und jugendliches Leben. So brachte sie bei ihrer Chanukah-Feder ein von Herrn Kantor Hugo Adler komponiertes Quartett mit hebräischen Motiven aus dem Manuskript zur Aufführung. Dieses Werk, „Jalkuth Semirath Haggadah" geheißen, ist keine Aneinanderreihung von synagogalen Melodien oder sogenannten jüdischen Motiven, sondern ist, wenn man diesen Ausdruck gebrauchen soll, schon mehr ein Tongemälde, dessen Nagender Celloton vom Geheimnis der jüdischen Seele erzählt, und dann mit dramatischer Steigerung eines letzten Motives ausklingt. Dieses Werk also, dessen technische Schwierigkeiten von dem Quartett Alfred Oppenheimer, Josef Schwarzmann, Willi .Oppenheimer und dem Komponisten am Flügel musterhaft überwunden wurde, wurde an diesem Abend der Oeffentlichkeit übergeben. Ein Theaterstück, von Fräulein Koppel einstudiert, und eine Parodie „Das Gemeindeblatt" wurde vom „Bar-Kochba" treffend dargestellt und fand viel Beifall. Fräulein Irene Apfel und Fräulein Friederike Koppel trugen durch Gesang und Rezitation zur weiteren Verschönerung des Abends bei. München. (Titclverleihung in Bayern.) In unftrer vorigen Nummer veröffentlichten wir die Namen derjenigen Herren, die bei den alljährlich in Bayern noch immer stattsindenden Titelverleihungen mit Titeln bedacht worden waren. Dabei ist vergessen Sjoüwerci^ idohlSchmackcnd L nahrhaft. worden, daß Herr Hermann Reiß, München, den Titel eines Geheimen Kommerzienrats verliehen erhalten hat. ' Norden. (P ersönlich e s.) Herr S. Wolsf, der fast 40 Jahre die Geschicke der jüdischen Gemeinde leitete und auch während dieser Zeit als Vorsteher der Kranken- und Beerdigungsbrüderschaft wie auch im Dienste des Friedhofswesens den Gemeindeinteressen mit unermüdlichem Eifer diente, ijt wegen seines hohen Alters vom Amte des Gemeindevorstehers zurückgetreten. Die Gemeinde hat ihren verdienten Führer durch ein Ehrengeschenk ausgezeichnet und ihm einen Ehrensitz in der Synagoge zuerkannt. Ofsenbach a. M. (Späterer Beginn des Freitag- Abend- Go t tesd icn ste s.) Da in den Wintermonaten der Besuch des Freitag-Abend-Gottesdienstes stark zurückging, und die Ursache nicht in einer grundsätzlichen Abneigung gegen den Gottesdienst zu suchen -war, sondern in der Tatsache, daß die meisten der regelmäßigen Besucher in ihren Büros zurückgehalten waren, wurde der Versuch gemacht, den Gottesdienst in den Wintermonaten einheitlich auf 61/2 Uhr anzusetzen. Schon bei den ersten Malen zeigte es sich, daß man damit einem wirllichen Bedürfnis entgegengekommen war, We Zahl der am Gottesdienst Teilnehmenden erhöhte sich sichtlich. Würzburg. (Wissenschaftlicher Lehrerfortbildungskurs.) Dank der Initiative des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden und des Israelitischen Lehrervereins in Bayern haben mehr als 120 jüdische Lehrer aus süddeutschen Ländern zwischen dem 24. und 27. Dezember Tage seltenen geistigen Genusses und religiösen Erlebens in Würzburg verbringen können. Dey Präsident des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden Herr Oberlandesgerichtsrat Dr. Neumayer eröffnete persönlich den Fortbildungskurs, in Anwesenheit des Vorsitzenden des Israelitische» Lehrervereins in Bayern, Herrn Hauptlehrcr Rofenseld -München, von Herrn Bezirksrabbincr Dr. H a n o v e r - Würzburg und dem Vertreter der Israelitischen Kultusgemeinde Würzburg, Herr» Kommerzienrat B r a u n s ch w e i g e r. Univ.-Prof. Geheimrat Dr. Hehn- Würzburg hielt eine vierstündige Vorlesung: „Der Gottesbegriff der Bibel und die Welt des alten Orients". In meisterhafter Klarheit, unter Anführung einer Fülle von Einzelbeispielen verstand der bekannte Gelehrte den Gottesglauben der alten Babylonier, Aegypter und Assyrier in seinen verschiedenen Entwicklungsstufen darzustellen. Seminardirektor S t o l l - Würzburg referierte über „Lehrplansragen des jüdischen Religionsunterrichts" und ferner über bat hebräischen Unterricht auf der Bibelstufe. Das erste Referat gab eine von umfassender Kenntnis der modernen Pädagogik zeugend« theoretische Grundlegung für psychologischen Aufbau und methodisch« Gliederung des Lehrplans für den jüdischen Religionsunterricht. Ewar der Wunsch aller Zuhörer, daß der ausgezeichnete Lehrplanentwurf, den der Referent im Anschluß an seine Ausführungen vorlegte, bald allgemeine Geltung erlangen möge. Das zweite Referat brachte -eine wohldurchdachte, ins Einzelne gehend« prattische-Anweisung für die Anwendung moderner Unterrichtsprinzipien auf eineder schwierigsten Gebiete des Religionsunterrichts. Seminarlehrer Dr. Bamberg er-Würzburg hielt einen zweistündigen Vortrag: „Grundfragen der hebräischen Phonetik". Seminarrabbiner Dr. Neubauer- Würzburg zeigte in einer vierstündigen literargeschichtlütze» Betrachtung der Suggia Pesochim 21 b unter Heranziehung der Parallelstellen aus den halachischen Midraschim und aus den Jerü- Pschalmi die wissenschaftliche Methode des Talmudstudiums. Rabbiner Dr. I a m p e l - Schwedt hatte seine vierstündige Vorlesung „Biblische Archäologie" betitelt. Mit begeisternden Worten sprach er von der Notwendigkeit der Beschäftigung mit der Bibelwissenschast. An überzeugenden Beispielen zeigte er, wie aus rein psychologischen Gründe» der nichtjüdische Forscher meist nicht imstande ist, der Bibel gerecht zu werden. Umso mehr ist cs zu bedauern, wenn jüdische Gelehrt« deren Ergebnisse unbesehen hinnehmen. Der wissenschaftliche Lehrerfortbildungskurs in Würzburg »vor eine Tat, von der alle Teilnehmer wünschen, daß sie sich recht oft — wenn möglich alljährlich — wiederholen möge. Die rege Anteilnahme einer so großen Zahl von Lehrern vom ersten bis zum letzten Moment hat gezeigt wie stark das Bedürfnis der jüdischen Lehrer nach einer wissenschaftlichen Weiterbildung ist. besaß; darum konnte aber nur eine Religion für ihn lebensgestaltend werden, die auch die Wissenschaft in sich barg." So ist denn auch in der Tat die Philosophie Spinozas Wissenschaft und Religion in einem, Erkenntnis und eine Lchre des Heils zugleich. Erweist sie sich damit in ihrer Absicht als Erfüllung der Zeit und als Werk des Juden zugleich, so ist sie beides in einein tieferen Sinne noch: im Hinblick auf den Gehalt ihrer Lehre. „Die Religion des Barock ist Religion der Unendlichkeit." Das Lebensgefühl der Renaissance ging ans die Begrenzung der Welt, die chr Vollendung bedeutet. Das Begrenzte, das Geformte ist das Höchste in ihrem Sinn. Das Lebensgefühl des Barock geht aus das Grenzenlose, die Unendlichkeit. Zwei Wege sind seinem religiösen Verlangen gegeben, zwei Wege in der Zeit des Barock tatsächlich beschritten. Der Süden Europas sucht die unendliche Gottheit in der Transzendenz, in einem Jenseits der Erde, „und so die Vereinigung mit chr auf dem Wege der Ekstasen und Emanationen", auf dem Wege himmelstürmender Begeisterung, auf dem Wege der Selbstent- Lußerung des Ich. Ter Norden sucht die Gottheit rn der Immanenz, im Irdischen, im Endlichen se.bst, „und so die Vereinigung mit ihr auf dem Wege der Mystik", aus dem Wege der Einkehr im Herzen. Der Spinozismus gehört dem Barock des Nordens an. Seine Lehre ist „anti-asketisch und anti-ekstatisch. Er will das Selbst nicht aufheben, im trügerischen Glauben, dann an seiner Stelle die Unendlichkeit zu haben; er will das Selbst vollenden in der Gewißheit, daß dann im Endlichen das Unendliche zur Wirklichkeit wird." So wird für Spinoza Religion zu Sittlichkeit. Sittlichkeit ist chm ^die Verwirklichung Gottes in der Tat des schöpferischen Menschen". „Wenn wir sittlich handeln, dann haben wir Gott in uns frei gemacht." Verwirklichung Gottes im Leben, dies ist das Ziel des Menschen, das die Ethik Spinozas vor Angen stellt. Verwirklichung Gottes im Leben, dies aber ist in Wahrhett nicht anders auch die Forderung des Judentums. „Spinoza hat Gott und Natur in einem neuen Mythos vereinigt, aber darin ist der Spinozismus das fortgesetzt« Judentum, daß chm di« Verwirklichung Gottes im Leben der Welt-Sinn bleibt. Darum ist für ihn die Seligkett nicht der Lohn der Tugend, sondern die Tugend selbst — „der Lohn der Tat ist die Tat", lehrten schon die Pirke Aboth — und darum bejaht sich das Dasein selbst in der verständigen Liebe des Geistes zu Gott, die nichts anderes ist als die unendliche Liebe, mit der Gott sich selbst liebt. Es ist die Selbstbejahung des Schöpfertums: „Und Gott sah, daß alles gut war." Bejahung der Welt ist das Letzte und Höchste, das die Ethik Spinozas lehrt; Bejahung der Welt in der Liebe des Geistes zu Gott, dies ist zugleich, die Lehre, die das Leben Spinozas der Menschheit gibt. Gewiß eine Lehre aus dem Geiste des Judentums, doch eine Botschaft, die an die Menschheit ergeht! In einem anderen aber ist das Leben Spinozas zugleich eine Botschaft, die insbesondere dem Juden gelten mag: Ein Leben, das Judentum des Galuth, doch Judentum ohne Ghetto war! Hier ist in der Tat ein Beispiel und Vorbild gegÄen. Nur ein Judentum, das sich nicht in sich selber verschließt, daS dem Leben der Umwelt offen steht, und mehr als dies: das nicht bloßes Judentum zu sein begehrt, sondern über die Gegebenheit seiner jüdischen Tradition hinaus nach Neuem verlangt, das sich selbst nicht als Ziel, sondern als bloßes Mittel begreift, kann fruchtbar werden für das Leben der Menschheit, kann auch allein den Anspruch darauf erheben, wahre Religion zu sein?) 2) „So wage ich denn zu sagen", schreibt Albert Görlanü, indem er einem Gedanken Ausdruck gibt, der dem von uns Gemeinten, äußerst nahe steht: ,chaß es nicht das Höchste in einem Menschen ist, daß er Jude oder Christ ist.(Görland: Tohen als Philosoph und Jude; Mitteilungen d. Jüd. Reformgemeinde zu Berlin. 1928; Nr. 4.) Judentum oder Christentum ist kein Ziel, sondern allein ein Weg, ein Mittel, «in Versuch, die Religion zu finden, di» aber allem Partikularen steht. Immer haben vor allen anderen die Epoche gemacht in der Geschichte des Judentums, die sich nicht scheuten, gegen den Geist der Väter zu handeln, die nicht rückwärts gewandt, ängstlich bedachten, das Erbe der Ahnen zu w a h r e n, sondern vorwärts gerichtet, das überkommene Erbe mit Neuem zn verschmelzen und weiterzutragen, ein Neues zu schaffen suchten, die nicht Juden sein wollen in dem alten Sinn, der ihnen überliefert war, sondern danach verlangten, mehr und mehr des Ewigen teilhaftig zu werden und gerade damit einen neuen Typus jüdischer Lehre schufen. Awrohom verläßtdas Haus seines Vaters, der Stimme Gottes zu folgen. Mose verläßt Mizrajim, das gelobte Land zu suchen. Rabbi Jochanan ben Sakkai verlaßt Jeruschulajim, in Jawne eine Schule zu gründen. Benedictus de Spinoza verläßt die Synagoge Amsterdam, ein System der Ethik zu schreiben. Und findet ut ihr: eine neue Form jüdischer Lehre... Lin einzigartiger Abenteuerer Die Berliner Illustrierte brachte in ihrer letzten Ausgabe das Bildnis des politischen Abenteurers Trebitsch Lincoln. Es dürfte wenig Exemplare der Gattung Homo sapiens gegeben haben, denen ein derartig wechselvolles Leben beschieß den war wie dieser Sohn eines armen ungarischen jüdischen Lehrers. Ihn trug das Schicksal aus der Tiefe proletarischer Bedeutungswsigkeit hinauf zur Höhe weithin sichtbarer Leistung, stürzte ihn dann wieder hinab in die Dunkelheit fragwürdigen Daseins, um ihm immer wieder die ErhÄmng dorthin zu gestatten, wo die Drahtzieher des Weltentheaters ihr unheimliches Werk vollbringen. Englischer Pfarrer, Mitgliü» des Unterhauses, Generaldirektor einer Oelgesellschast, Spion, Pressechef in der „Kappregierung", Berater des chine« fischen Diktators Wu Bei Fu, buddhijttscher Mönch, Führer der gegen Amman Ullah kämpfenden Afghanen, fürwahr, eS gehört Genialität zu einer derartig außergewöhnlichen Karriere, der noch ungeahnte Möglichkeiten offenstehen. Wer weiß, ob wir nicht noch eines schönen Tageeinen Sabbatai Zwirn ihm erleben werden?

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