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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-01-04 · 1 (4.1.1929) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
1 (4.1.1929)
Date
1929-01-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Umschau Vorbereitungen zum Wettftledenskongreßi. In diesen Tagen hielt die Exekutive des Weltkongresses der Religionen für FneLen eine Beratung ab und ernannte Unterkomitees für jede Religion, die für eine entsprechende Repräsentanz an dem Friedenskongreß zu sorgen haben werden. Dem Unterkomitee für die jüdische Religion gehören an: der britische Reichsrabbiner I. H. Hertz, Dr. Cyrus Adler und Sr. Stephen S. Wise aus Amerika und der Wilnaer Oberrabbiner Senator Rubinstein. Dieses Subkomitee hat die Aufgabe, 60 jüdische Repräsentanten als Delegierte für den Weltfriedenskongreß des Religionen, der im Jahre 1930 zusammentreten und dem etwa 1000 Vertreter der verschiedenen Religionen beiwohnen werden, namhaft zu machen. Das hier vorgesehene Auswahlsystem erscheint uns recht eigenartig und wenig zweckmäßig. Die radikalen Zionisten weiterhin gegen die Erweiterung der Agency. Das Berliner Zentral-Büro der „Vereinigung radikaler Zionisten" verbreitet durch die Jüdische Telegraphen-Agentur folgende Erklärung: „Das Zionistische Aktions-Komitee hat bei seiner eben abgeschlossenen Tagung zwar die im November 1928 in New York getroffenen Vereinbarungen bezüglich der Erweiterung der Jewish Agency gutgeheißen, es hat aber andererseits die Durchführung der Beschlüsse an eine Reihe von Bedingungen geknüpft, deren Verwirklichung von der Zustimmung mehrerer Faktoren abhängig ist. In der Frage der Präsidentschaft der Jewish Agency; in der Frage der Sicherung der Rechte der Zionistischen Organisation als Jewish Agency für den Fall der Auflösung der erweiterten Jewish Agency; in der Frage der Vertretung Palästinas in dem nichtzionistischen Teil der Jewish Agency, sowie in bezug auf eine Reihe wichtiger organisatorischer Fragen hat das A. C. der Exekutive Aufträge in Form von Beschlüssen erteilt, über die auf der nächsten Sitzung des A.C. im Frühjahr 1929 Bericht erstattet werden muß. Bis dahin dürfen nach dem Sinn der A.C.-Beschlüsse die Vorbereitungen für die Besetzung der erweiterten Jewish Agency durch Delegationen aus den Ländern das Stadium der präliminären Besprechungen nicht überschreiten. Darüber hinaus steht die Vereinigung Radikaler Zionisten auf dem Standpunkt, daß effektive Schritte zur Besetzung der Jewish Agency vor dem Kongreß nicht unternommen werden dürfen, da vorher der Kongreß zu der Frage Provisorium, über die ein bindender Beschluß des Kongresses vorliegt, die aber nach den New Aorker Vereinbarungen jetzt in einem ganz anderen Sinne gelöst werden soll, Stellung zu nehmen hat. Äe Vereinigung Radikaler Zionisten ist nach wie vor entschlossen, den Kampf gegen den Agency-Plan bis zum Kongreß und auf dem Kongreß zu führen; die letzten VerhaMungen des A.C. über die organisatorischen Fragen haben die Gefahren des fiftY-sisty-Planes auch vielen früheren Anhängern der erweiterten Jewish Agency in einem solchen Maße zu Bewußtsein gebracht, daß der langjährige Kampf für die Revision des Aaency-Planes jetzt mit viel größeren Aussichten aus Erfolg vor sich gehen kann. Was die Exekutive und Dr. Stephen Wise über den Geist der New Yorker Vereinbarungen berichteten, hat gezeigt, daß die demokratischen und nationalen Belange der zionistischen Bewegung in Frage gestellt sind und die Vereinigung Radikaler Zionisten wird daher, durch Hinzutreten neuer oppositioneller Gruppen gestärkt, den Karnpf fortsetzen, um noch in letzter Stunde die der Bewegung und dem Kongreß drohenden Gefahren abzuwenden." Weltkoirserenz der Revisionisten-Zionisten. In Wien fand in der vergangenen Woche eine Weltkonferenz der revisionistischen Zionisten statt, jener Richtung, die zwar die Logik innerhalb des Zionismus auf ihrer Seite haben dürfte, jedoch nur eine geringe Minorität im Gesamtzionismus darstellt. In der Eröffnungssitzung referierte der politische Führer der Bewegung, Jäbotinsky. Er führte u. a. aus: Der Inbegriff eines nationalen Gemeinwesens ist der Besitz der Mehrheit im Lande und das Selbstbestimmungsrecht des Landes. Natürlich bedeutet Mehrheit nicht Unterdrückung der Minderheiten, andererseits schließt der Begriff Selbstbestimmung nicht den Anschluß des Landes an irgendeine Förderation von Ländern, wie z. B. an das britische Reich, aus. Eines steht fest: der Besitz der Mehrheit im Lande und die Selbstbestimmung des Landes sind untrennbare Grundlagen des Endziels des Zionismus. Die Losung des Judenstaates, fuhr Jabotinsky fort, war der Sinn des zionistischen Programms noch zu Beginn der Bewegung; sie ist auch in Wirklichkeit der tiefere Sinn der Balfour-Deklaration. Heute steht aber die Sache so, daß J*j Versammlungskalender Aachen. Samstag, 12. Januar 192V, abends 20.39 (8.30) Uhr, i« Adamsaal, Wilhelmstraße. Vortrag Dr. Karl Rosenthal, Prediger der Jüdischen Resormgemeinde, Berlin: „Die Kulturkrisi» der Segen» wart im Lichte des Judentums". Breslau. Jli „Abraham Seiger", Breslau. Mittwoch, den S. Januar, 20.15 Uhr, im kleinen Saal der Lesfingloge, Agnesstraße 5: Lichtbilderoortrag von Herrn Professor Dr. iug. Alfred Grotte: Rothenburg ob der Tauber und sein Rabbi Me'ir. Aus unsere Anregung veranstaltet die Synagvgen-Gemeinde am Freitag, den 11. Januar, 19.30 Uhr, in der Wvchenlagssynagvge der Reuen Synagoge, am Anger 8, einen Freitag-Abend-Gottesdienst für junge Menschen. Unsere Mitglieder beteiligen sich vollzählig au diestr Spätandacht. Gebetbücher stehen zur versügung. Frankfurt a. M. Jüdisch-liberale Jugendgemeinschast. Am 8. Januar, 8.45 Uhr. Ausspracheabend: „Wie ziehen wir weitere Kreise zur Mitarbeit heraus Sitzungszimmer Freiherr v. Stein-Straße. * verNn-Rsrde«. Liberal« Synagoge Norden, Schönhauser Mee 162. Freitag, de» 4. Januar 1929, 19.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Salomonfkt. Sonnabend, den 5. Januar 1929, vormittags 10 Uhr, Gottesdienst. Freitag, den 11. Januar 1929, Predigt: Rabbiner Dr. Salomouskt. j Gottesdienst« Berltu-Westeud. verein Liberale Synagoge Weftend, Leistikowstraße 7-8 (Schulaula), nahe Reichslanzlerplatz. Jeden Freitagabend liberaler Gottesdienst mtt Chor und Predigt. Beginn 19.15 Uhr pünktlich. Freitag, den 4. Januar 1929, Predigt: George Soeh. Freitag, den 11. Januar, Predigt: Rabbiner Dr. Kletn-Hermsdorf. Berltn-Wilmersdorf. Liberale Synagoge Wilmersdorf (in der Aula der Läcilieuschule, Nikolsburger Platz): Jede« Freitagabend liberaler Gottesdienst mit Chor und Predigt. Beginn 19.15 Uhr pünktlich. Freitag, den 4. Januar 1929, Predigt: Robert Hirfchseld. Palästina in einem Geiste verwaltet wird, der gegen dieses Endziel verstößt; dies zeigt sich nicht allein in den unfreundlichen Tendenzen der Palästina-Regierung, die sich in der Hemmung der Einwanderung, in der Heraufbeschwörung des Skandals an der Klagemauer usw. äußern, sondern auch, und zwar in noch höherem Maße, in der Behandlung der Wirtschaftsfragen. Die jüdische Kolonisation wird willkürlich gehemmt, der Revisionismus fordert darum ein ausgesprochenes Kolonisationsregime. Mer auch die Leitung der zionistischen Bewegung verstößt gegen die Interessen und das Endziel des Zionismus. Der Revisionismus wird das Agency-Projekt aufs energischste bekämpfen. Es bedeutet das Ende des von Herzl geschaffenen Weltkongresses der Zionisten, sowie die Preisgabe der nationalen demokratischen Bewegung für die jüdische Renaissance. Trotz all dem, sagte Jabotinsky weiter, werden die Revisionisten, auch wenn die erweiterte Jewish Agency zustande kommt, die Zionistische Organisation nicht verlassen,' sondern ben Kampf weiter führen, bis die Souveränität des Zionistenkongresses gesichert ist. Wir werden auch die politische Prärogative der Leitung der zionistischen Bewegung nicht zu durchbrechen versuchen, aber auf unserem Rechte bestehen, durch geeignete Organe die öffentliche Meinung im Zionismus, im britischen Reich, sowie in der gesamten zivilisierten Welt aufzuklären. Jabotinsktt ging zur Fixierung der Politik des Revisionismus gegenüber den Arcckern über und führte aus: Der Revisionismus steht dem arabischen Volk in Palästina freundschaftlich gegenüber. In dem künftigen Judenstaat soll volle Gleichberechtigung für alle im Lande wohnenden Nationalitäten herrschen. Der Revisionismus lehnt es bloß als selbstverständlich ab, ein Veto-Recht der Araber bezüglich der Einwanderung von Juden in Palästina, sowie bezüglich der Verwirklichung des Zionismus anzuerkennen. Er wird darum alle Versuche, in Palästina eine einem Parlament gleichende Institution zu etablieren, bevor der Judeneinwanderungsprozeß seine volle Entwicklung erreicht hat, bekämpfen. Der Revisionismus fordert in diesem Zusammenhänge auch SJOliWERO-f KAKAO iDohli'chmccJtcnd nahrhaft. die Erhaltung einer ausreichenden jüdischen Wehrkraft (Legion) in Palästina. Die Beschlüsse des Revisionisten-Kongresses liegen bei Redaktionsschluß noch nicht vor. Bon besonderer politischer Bedeutung dürfte die Stellungnahme des Kongresses zur Umwandlung Palästinas in ein britisches Dominion sein. Das jüdische Hilfswerk für Bulgarien. Dem Hilfsverein der deutschen Juden ist ein Bericht über den Stand des Aufbauwerkes in Bulgarien zugegangen, in dem auch ein Ueberblick Mer den Umfang der Zerstörungen und Schädigungen von privaten und öffentlichen Gebäuden gegeben wird. In gewissen Gegenden, wie in der Stadt Tschirpan, hat das Echbeben noch immer nicht aufgehört und richtet neue Verheerungen an. Die Bevölkerung muß jetzt im Freien auf schneebedeckten Feiern kampieren. Weitaus am schrecklichsten wurde Philippopel mü einer Mischen Bevölkerung von 8000 Seelen heimgesucht. Dort sind sämtliche Gemeindeanstalten zerstört worden, ferner 300 Privathäuser. Die Wiederaufbauarbeit hat begonnen; es sind aber noch beträchtliche Mittel zur Fortführung derselben erforderlich. — Der Hilfsverein, der, wie bereits wiederholt mitgeteilt, eine Sonderaktion für Bulgarien eingeleitet hatte, hat angesichts der großen Notlage wiederum 5000 Mark überwiesen, bisher insgesamt 25000 Mark. Nach der Kreditbeihilfe der American Joint Reconstruction Foundation ist der Beitrag des Hilfsvereins für das bulgarische Hilfswerk der höchste. Der Hilfsverein setzt auf dringende Gesuche aus Bulgarien seine Aktion fort. Er appelliert an die weitesten Kreise in Deutschland um Ueberweisung von Beiträgen zur Förderung des Austauwerks. Friedhvfsfchändmtgen auch im Ausland. In den letzten Tagen wurde die Umfassungsmauer des Züricher jüdischen Friedhofs „Friesenberg" in zwei Nachten hintereinander von unbekannten Tätern beschädigt, so daß kein Zweifel besteht, daß es sich um beabsichtigte Devastierungen handelt. Die Züricher Israelitische Kultusgemeinde hat eine Belohnung von 500 Schweizer Francs für die Eruierung der Täter ausgesetzt und die Bewachung des Friedhofs angeordnet. Ende des Berliner Jüdenhofes. Die letzten der an der SMfeite des JMenhofs in der Nachbarschaft des Berliner Stadthanses gelegenen Häuser sind — wie das „Berliner Tageblatt"' zu melden weiß — von der Stadt Berlin angekaust worden, um größeren Geschäftshäusern Platz zu machen. Der Jüdenhof war das Ghetto des mittelalterlichen Berlin. Das Ghetto war, wie in allen mittelalterlichen Städten, von einer Mauer umschlossen, an die sich die Rückseitm der Häuser anlehnten, und war nachts durch schwere eiserne Gittertore verschlossen. Noch durch ein Dekret von 1695 war es den Juden verboten, sich länger als drei Jahre außerhalb des Schutzortes aufzuhalten, für jeden ferneren Tag mußte ein Dukaten gezahlt ivett>en. Ihre Abschließung von der Übrigen Bevölkerung bestand seit der Zeit des Großen Kurfürsten nicht mehr, ja sie hatten sogar an anderer Stelle, an der Heidereutergasse, eine eigene, wenn auch private Synagoge. Das Ghetto verlor seinen eigentlichen Zweck wohl schon duvcb die Vertreibung der Juden aus Berlin im Jahre 1573 im Anschluß an die Hinrichtung des „Hofjuden" Lippold, der den Kurfürsten vergiftet haben sollte. Den Grund zu dieser falschen Beschuldigung schöpfte man daraus, daß Lippold dem kranker: Kurfürsten ein Glas Malvasier gereicht hatte.) Die später wieder zugelassenen Juden verteilten sich dann auf die Stadt. Schon zweimal, zuletzt am Anfang des 16. Jahrhunderts, waren die Juden aus Berlin und aus Brandenburg überhaupt vertrieben worden, das zweite Mal als Folge jenes grauenvollen Prozesses unter dem Kurfürsten Joachim I., der wohl das dunkelste Blatt in der Berliner Geschichte ist Dadann auch die Haltung, die übrigens in Wirklichkeit wohl beeinflußt ist durch Donatellos Johannes im Florenttner Dom, an den Sar Reubeni erinnert. Einerlei, mag nun auch eine Begegnung indieserArt historisch unmöglich sein, so ist sie doch in dem bedeutenden Werke Brods dichterisch wirkungsvoll. Die schöne Stelle von der Aufstellung der Moses-Statue in der Kirche San Pietro in Vincoli möge hier folgen: „Das Auffehen war ungeheuer. Man glaubt — so hieß es —, wenn man das Angesicht des heiligen — und gewaltigen Mannes betrachtet, er werde den Schleier fordern, damit er es uns verhülle; so strahlend und leuchtend erscheint es; so treu ist Gottes Herrlichkeit darin dargestellt. — Andere wiederum wollten mehr als den Ausdruck göttlichen Lichtes, den des Zornes im Gesichte des „terribilissimo capitano" wahrnehmen; etwa so, als steige er vom Berge Sinai, die Gesetzestafeln in der Rechten und, ein wenig rastend, höre er das Singen und Tanzen des Volkes um den Kalbsgötzen, — Josua aber, der treue Begleiter, spräche zu chm: Es ist Kriegslärm im Lager! Dies Aufblicken, dieser Moment vor wütendem Aufspringen, vor einem Ausbruch, der unfehlbar Verderben entfesseln würde! Und im Kampfe mit solch wilder Vernichtungslnst hält ihn noch das Bewußtsein seiner einmaligen ungeheuren Sendung. Der Kops HÄ1 sich nur leicht, als lausche er nicht minder als dem Volke im Tal diesem inneren Kampf, — Halt suchend greift die Hand in den Bart." Hier führt Brod eine längst überwundene, Mer auch beute noch sehr verbreitete Meinung an, als ob dieser Mose im Augenblick des Zornes vor dem Sicherheben und Zerschmetternwollen der Tafeln dargestellt sei. Das ist ein Beispiel für die berechtigterweise als literarisch zugespitzte Deutung «rrückgewiesene Auffassung des.Werkes, das nicht aus seiner statuarischen Ruhe durch noch so geistreiche Kombinationen herauszuzerren ist Freilich über die unleugbare Schwere der ruhenden Massen, die nach Breite und Tiefe durch ein wohlbegründetes Wechselspiel der Linien in den beiden Blöcken des Ober- und Unterkörpers einheitlich! gegliedert erscheinen, geht vom Haupthaar an eine Art Wellenbewegung, die gesteigert durch/ das Lllckiegen des mächtig herabflutenden Bartes unter dem seitlich gewendeten Haupte, nach gewalttgem Wogenschwall der Mantelsallen über dem rechten Knie bis hin zu den Füßen brandet. Dieses Knie, mit dem linken gleichfalls entblößten Arm die Breitenrichtung entwickelnd, erscheint dem Auge als nackt, mag auchdie genauere Untersuchung eine dünne, doch nicht verhüllende Bekleidung feststellen. Die auffallende Betontheit der faltigen Gewandung über diesem Knie, die vielleicht jene falsche Deutung veranlaßt hat, da man in der Zurücknahme des Gewandes, die Msicht des Aufstehens erkennen wollte, mag eine Erklärung finden, die man nicht als „literarisch" znrückweisen soNte. Nachallem Brauch schlägt der Richter über dem rechten Knie das Gewand zurück.*) Daß Mose als Vertreter des Gesetzes zugleich als der Richtende erscheint, wie Paulus als Vertteter des „Glaubens" zugleich, als Lehrer wirken sollte, mag auch die Bewegung des Kopfes erklären, der aus Himmelshöhen des Gedankens sich der sündigen Welt zuwendet. Das Künstlerische des Motivs wird durch diese verstärkende Begründung nicht geschädigt. * * # Bekannter ist die „literarische" Begründung der Hörner auf dem Haupte des Propheten, die vor Michelangelo auch andere Künstler ihrem Mosebilde mcken. Eine falsche Uebersetzung der Bibelstelle Exodus 34, 30 oder vielleicht eine *) Aus diesen Rechtsbrauch im deutschen KulturkreiS habe ich in meiner Ausgabe von Murners Schelmenzunft zu XIII2, Seite 185 f, Näheres mitgeteilt. falsche Deutung der Uebersetzung, die „hornglänzend" als „gehörnt" auffaßte, ist Grund dieser Darstellung. Es ist ein merkwürdiges Zusammentreffen, daß aus einer ähnlichen Verwechslung der gehürnte (hornhäutige) Siegfried zur Zeit, als man für das Heldische in engherzig verbürgerlichter Anschauung keinen Sinn hatte, mit Hörnern auf dem Kopfe hohnvoll gezeichnet wurde. — Was hat Michelangelo aus diesem überlieferten Motiv gemacht? Die Hörner wachsen gleichsam organisch aus dem stolz ragenden Haupte, hindern nicht den Ausdruck der Geistigkett in dem erhabenen Antlitz, sondern verstärken ihn mit mythische geheimnisvoller Wucht. * * * Die Frage, ob dieser Moses des Michelangelo der Mose der Bibel ist hat durchdas Gesagte bereits seine Beantwortung gesunden. Möge sie noch verdeutlicht werden durch ein zusammenfassendes Wort Henry Thodes in seinem großen Werke über Michelangelo: „Nicht ein Historienbild, sondern ein Urbild unMerwindlicher Energie, welche die widerstrebende Welt bändigt, hat Michelangelo geschaffen, die in der Bibel gegebenen Züge^die Erlebnisse seiner eigenen Leidenschaft, Eindrücke der Persönlichkeit Julius II. und, wie ich glaube, auch solche der Savonarolaschen Kampfestätigkeit gestattend." Wenn man von den äußerlichen Einzelheiten des Werkes, die unbiblisch sind, absehen mag, — ein Wesentliches im Charakterbilde des biblischen Most, das der großen Seele des Künstlers keineswegs fremd war, konnte in dem Werke, daS dem Andenken eines Julius II. geweibt war, nicht zur Geltung gebracht werden: „Der Mann Mose war gar sehr demütig!" Und doch Grundzüge seines Wesens, der innere Adel ferner Erhabenheit und die Strenge der sittlichen Forderung, sind hier in Ewigkeitsformen der Kunst zum Ausdruck gekommen und zur Andacht und Erhebung wirkenden Betrachtung vor das beglückte Äuge gestellt.

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