Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 1 (4.1.1929)
- Date
- 1929-01-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Regierung aus die Behandlung der Judenfrage m Frankfurt auszuüben im Staude war, und empfahl den Roten Adler dritter Klasse für Meyer Earl von Rothschild, den Hauptdisponenten des Hauses. Zwei seiner Untergebenen ebenso der älteste der Gebrüder Betymann seien bereits im Besitz dieses Ordens. Zwar suchte der Finanzminister von Bodelschtringy jede der angeregten Auszeichnungen an die Rothschilds zu hintertreiben; doch gelang es Manteufsel, beim König duvchzusetzen, daß sie am 12. Februar 1853 „als Merkmal des Allerhöchsten Wohlwollens" zu Hosbankiers ernannt wurden. Ja, trotz Bodelschwingh konnte der preußische Gesandte im Juli 1853 auch beni Frei Herrn Meyer Karl von Rothschild den erschnten Roten Adler III überreichen. Nur erregte diese Gabe gemischte Empfindungen Lus einem seltsamen Grunde. Patentierte Ehristen in Berlin halten entdeckt, daß der Orden in der üblichen Kreuz form nicht an Juden verliehen werden dürfe, sondern für sie eine besondere Form geschaffen werden müsse. Bismarck wntok nn, dann würden alle einigermaßen emanzipierten Juden, und solche seien die Rothschilds mit Ausnahme des ganz alten Amschel, die Neigung verlieren, sich mit dieser Dekoration als Stempel des Judentums zu schmücken. Doch am Hofe des allerchristlichsten Friedrich Wilhelm IV. war man solchen Erwägungen unzugänglich, und Rothschild erhielt wirtlich den Orden in einer anderen Form, die ihn heute zum kostbaren Stück einer Raritätensammlung machen könntean Selten- ' "sfccrt nur noch übertroffen durch die zweite Klasse (eiben Ordens, der seit dem 14. August 1857 demselben ' chschild zum Halse heraus hängen konnte. Ta aber zischeleimnal böse Zungen, der Jude habe den Orden tn Kreuzesform getragen. Sofort Befchl öu Bismarck zur Be*- richterstattung. Dessen Antwott — von Egon Caesar Gante Eorti im zweiten Bande seiner Geschichte des Hauses Rothschild aus den Akten des geheimen Staatsarchivs veröffentlicht - erfolgte am 31. März 1858 und lautete dahin, daß er den Hofbankier von Rothschild mit Ottwrisdekorationen noch nicht gesehen habe, „da er überhaupt große Gesellschaften nicht besucht, und wenn er Orden trägt, mit Borliebe den Kgl. griechischen Erlöser- oder den spanischen Orden Jsabellas der Katholischen anlegt. Auch bei der von mir gegebenen offiziellen Soiree zur Feier der Vermählung S.K.H. des Prinzen Friedrich Wilhelm am 25. v. M., wo er in Uniform hätte erscheinen müssen, ließ er sich durch Krankheit entschuldigen, vietnicht gerade nur deshalb, weil ihm das Tragen der Dekoration des Roten Adlerordens für Nichtchrrsten, die er an diesem Tage hätte anlegen. müssen, peinlich ist. Ich schließe dies auch daraus, daß er, so oft ich iyn zum Diner eingeladen, nur mit dem Bande des Roten Adlerordens im Knopfloch erscheint. Daß Herr von Rothschild die Dekoration für Christen getragen, habe ich nicht gehört, obschon die Aufmerksamkeit in Frankfurt sich mit Vorliebe auf dergleichen Gegenstände richtet und bei der Spannung, die zwischen den verschiedenen Geldmächten herrscht, die Genugtuung christlicher Bankiers über die Tatsache, daß Herr von Rothschild die regelmäßige Ordensdekoration nicht tragen darf, keine geringe ist." In der Tat, die Spannung war schon groß gewesen, als die Rothschilds preußische Hofbankiers wurden. Damals hatte ein Bethmann, der es für sich angeblich ersttebt hatte, erregt über Zurücksetzung geklagt und als Entschädigung die Ernennung zum Johanniterritter verlangt, wozu Bismarck keinerlei Anlaß scheu wollte. Er hielt es mit der „jüdischen Weltmacht", wie bei ihrer Unterstützung im Kampf um die gesetzliche Gleichberechtigung, so auch bei dem Antrag aus ihre Beauftragung mit der Einlösung aller Zinsscheine preußischer Staatsschuldscheine. Und der Bundestagsgesanote stieg von Stufe zu Stufe und wurde leitender Staatsmann und setzte die guten Beziehungen zu Rothschild fort, verhandelte auch mit ihm (mitunter auch mit Bleich rüder, Rothschilds engstem Geschäftsfreund) über Anleihen; bei Kriegsvorbereitungen nicht immer erfolgreich: denn der preußische Hofbankier hatte so wenig Neigung, Kriegsgewinnler zu werden, wie sein Pariser Vetter, der von Napoleon III. mißtrauisch zu sagen pflegte: „L'empire c'est la baisse". Bismarck machte sich die Verbindung mit dem Frankfurter Stammhause, das über die Zustände in Frankreich zuverlässig unterrichtet war, für seine Politik zunutze und war auf die Befestigung des Verhältnisses bedacht. Meyer Earl Rothschild erlebte mit Genugtuung nicht nur die volle Gleichberechtigung der Juden, sondern persönlich die Wahl zum Stadtverordneten und 1867 zum Mitglied des Reichstages, später sogar die Berufung in das preußische Herrenhaus. Als sich des Pariser Rothschilds Voraussage erfüllte und Napoleon in den Krieg „gestolpert" und jählings gestürzt war, konnte es sich Bismarck nicht versagen, im Park des Rothschildschen Schlosses Ferneres Fasanen zu schießen, verlangte aber, was ihm wichtiger erschien, bald darauf die Bürgschaft des Besitzers für die von Bleichröder vorgeschlagene französische Kriegsentschädigung. Etliche Jahre später riet er auf einem Festmahl beim Kronprinzen dem Freiherr» Meyer Carl, den Sitz seines Hauses nach Berlin zu verlegen, fand aber keine Gegenliebe. Dagegen fand auch Rothschilds Sehnsucht nach einem Großkreuz mit breitem Band wenig Würdigung — bei Wilhelm I. Der Kaiser schrieb am 16. Januar 1875 an Bismarck, der Baron von Rothschild sei beim Herannahen des Ordensfestes stark an Band-Wurm erkrankt. „Diese Krankheit vermag ich nicht zu heilen, aber Kreuzschmerzen ließen sich kurieren. Es wäre dafür anzuführen, daß er allerdings in dem Kriegsjahre enorm viel für Wohltätigkeitszwecke getan hat, wofür seine Frau das Verdienstkreuz erhalten; sie hat natürlich das Geld verwendet, was der Mann ihr gab, während er keine Auszeichnung erhielt." Eitelkeit der Eitelkeiten, alles ist eitel. Und ein Rothschild hatte es eigentlich nicht nötig gehabt. Immerhin, bk kreuzlose Sonderform der Orden für Nichtchristen hatte der greise Monarch längst beseitigt. Er war auch ganz damit einverstanden, daß Bismarck auf dem Berliner Kongreß — nicht zuletzt auf die Einwirkung Rothschilds und Bleichröders — nachdrücklich für die Gleichberechtigung aller Bekenntnisse in den Balkanstaaten, insbesondere Rumänien, eintrat. Auf dem Gipfel seines Ruhmes fehlte es Bismarck nicht an Neidern und Feinden, die ihm gehässig unlautere Geldgeschäfte vorwarfen. Er hat darauf scharf genug geantwortet, von der Tribüne wie im Tribunal. Im Freundeskreis plauderte er zugleich von der einzigen Börsenspekulation, zu der er sich einmal verirrt habe. Als Preußen den Streit um den Kanton Neuenburg hatte und Krieg mit der Schweiz in Sicht schien, hatte Bismarck den Auftrag, in Paris sich der Neutralität Napoleons zu versichern. Er tay schwarz, wollte Papiere verkaufen und ging in Frankfurt zu Rothschild, der dringend abriet. „Ja, wenn Sie den Zweck meiner Reise kennten, würden Sie anders denken", meinte Bismarck. Mag sein, wie ihm wolle, er könne nicht zum Verkauf raten, versetzte Rothschild. Der Verkauf erfolgte nichtsdestoweniger. In Paris ging alles nach Bismarcks Wunsch; inzwischen aber hatte sich der König von Preußen eines anderen besonnen und nachzugeben beschlossen. Es blieb Friede, die verkauften Papiere stiegen mächtig im Kurse, Rothschild hatte recht behalten, Bismarck aber einen so erklecklichen Batzen Gold verloren, daß er sich sagte: Einmal und nie wieder! Er hat aus seinem Verkehr mit jüdischen Bankherren kein Hehl, aber, wie er versicherte, sich von ihnen nicht finanziell Abhängig gemacht. In den Beziehungen zur Hautefinance „ist immer diese, niemals bin ich der verpflichtete Teil gewesen". Nach München — Karlsruhe i Religiöse Smmtagsfeier in der Synagoge. Erst kürzlich — in unserer Nr. 49 vom 7. Dezember 1928 — berichteten wir über synagogale Sonntagsseicrn in München, und heute sind wir in ber Lage, einen ähnlichen Bericht aus einer andern süddeutschen Hauptstadt, aus Karlsruhe, zu veröffentlichen. Das „Israelitische Gcmeindeblatt für Baden", Abteilung Karlsruhe, bringt in seiner Januar-Nummer den nachstehend abgedruckten Bericht. Haben wir neulich hier gefragt, warum in München möglich ist, was in Berlin „nicht geht", so stellen wir heute die weitere Frage, ob die Juden Berlins es sich leisten können, bei der Ausgestaltung ihres religiösen Lebens so hinter andern großen Gemeinden zurückzubleiben und ob sie nicht eine gewisse Beschämung ob ihres Nachzüglertums empfinden. In allen andern Angelegenheiten hat man ja sonst gerade in Berlin den Wunsch, zur Befriedigung vorhandener Bedürfnisse alle Mittel anzuwcnden und darin nach Möglichkeit der sogenannten „Provinz" voranzugehen. Die Schriftleitung. Bor einigen Monaten konnte man in ber jüdischen Presse lesen, daß in der Repräsentantenversammlung der Berliner Gemeinde ein erbitterter Streit entbrannt war, der wieder einmal die Leidenschaften der innerjüdischen Parteien aufwühlte und das traurige Bild der Zerrissenheit und feindlichen Spaltung innerhalb des deutschen Judentums in betrüblicher Weise beleuchtete. Es war von seiten der liberalen Fraktion angeregt worden, man möge durch Einführung von synagogalen Feierstunden, für deren Abhaltung der Sonntag gewählt werden solle, den Versuch einer neuen Befruchtung des religiösen Lebens unternehmen. Diese Anregung rief die Vertreter aller Parteien auf den Plan, und nachdem sich die Gemüter ob dieses unerhörten Eingriffes gewaltig erhitzt hatten, verfiel der Antrag schließlich mit knapper Mehrheit der Ablehnung. - Die Berliner können von unserem badischen „Musterländle" wieder einmal lernen: ohne jede Aufregung, ohne irgendeine Debatte haben wir den Versuch gewagt, der in der Reichshauptstadt so erhebliches Kopfzerbrechen verursachte, und das Wagnis, wenn man überhaupt von einem solchen sprechen will, wurde ein großer und unumstrittener Erfolg. Schon bald nachdem Herr Stadtrabbiner Dr. Schiff seine Tätigkeit hier ausgenommen hatte, erschien ihm neben der Abhaltung von Vorträgen und Vortragsreihen die Einführung besonderer Veranstaltungen in der Synagoge als ein erwünschtes und geeignetes Mittel, die Gemeindemitglieder zu erhöhter Teilnahme am religiösen Leben heranzuziehen. In Form einer „Geistigen Stunde" wurde wiederholt der Versuch unternommen, außerhalb des eigentlichen Gottesdienstes, dessen Besuch ja wohl nicht nur hier im argen liegt, einen großen Teil der Gemeinde zur Erbauung und Belehrung im Gotteshause zu vereinen. Der Erfolg dieser Neuerung ermutigte zu einem weiteren Schritt: Zum ersten Male wurde ein jüdisches Fest, unser unvergänglich schönes Ehanutah, zum Anlaß und Inhalt einer abendlichen Feier st undeinderSynagoge ausersehen, zu welcher Synagogenrat und Stadtrabbinat auf Sonntag, den 9. Dezember, einluden. Wer mit skeptischen Zweifeln solchem Unterfangen gegenäberstand, wurde schon beim Betreten der Synagoge eines Besseren belehrt: der Besuch übertras alle Erwartungen, und das Gotteshaus bot ganz das Bild, wie wir es sonst leider nur an unseren höchsten Feiertagen sehen. Es war aber nicht nur eine große Schar, die sich da zusammerrHvfunden hatte, es war auch eine im wahrsten Sinne andächtrge Menge, welche diese Feier vereinte. Manchem Gottesdienste möchte man die Würde und mustergültige Ruhe wünschen, die sich hier ganz von selbst einstellte. Damit ist aber eigentlich zugleich auch der Erfolg dieser Feierstunde gekennzeichnet: sie nahm den Besucher schon mit den ersten «Orgelklängen in ihren Bann und vertiefte den nachhaltigen Eindruck in ihrem ganzen Ablauf. Den Mittelpunkt bildete eine dem Charakter des Tages angepaßte Ansprache des Herrn Stadtrabbiner Dr. Schiss, welcher zuvor durch eine Vorlesung aus dem Werke des jüdischen Historikers Flavins Josevhus die Erschienenen mit der geschichtlichen Grundlage des Ehanukah-Festes vertraut gemacht Chatte. In knappen, aber darum umso wirkungsvolleren Umrissen legte der Redner, aus der geschichtlichen Vergangenheit schöpfend, den Sinn dieses Festes für unsere Gegenwart sowie seine Bedeutung für die Zukunft unserer Gemeinschaft dar u,id verstand es, damit der Feier die geistige Weihe zu geben. Diese Weihestimmung wurde gehoben durch den Vortrag zweier Sprechchöre, eines hebräischen Sprechchores der Mädchen (Jesaja 40) und eines deutschen Sprechchores der Knaben (aus dem 1. Makkabäerbuch). Auch damit ging man bewußt neue Wege; wenigstens glaube ich nicht, daß bisher schon versucht worden war, den Sprechchor, ein Erzeugnis unserer modernen Jugendbewegung, auch für die Synagoge nutzbar zu machen. Das Experiment ermutigt durchaus zu weiteren Versuchen; denn wenn auch bei diesem ersten Schritte keine vollendete Leistung erwartet werden konnte, so zeigte sich doch, daß diese Sprechchöre auch im Gotteshause ihre eindringliche Wirkung nicht verfehlen. Wirkungsvoll, wie immer, gestaltete sich auch das Entzünden der Ehanukah-Lichter, bei welchem Herr Oberkantor Metzger neue Proben seiner vollendeten Gesangskunst gab und dem sich als Gemeindegesang die uralte und doch ewig junge Weise des „Mos Zur" anschloß. Der geschmackvoll chisgewählte musikalische Teil der Feier brachte noch das Arioso von Händel, von Herrn Rudi Mayer mit klangschöner Stimme und edlem Vortrag gesungen, sowie Orgelvorträge unseres langjährigen verdienten Organisten, Herrn Dirigenten Münz. (Improvisation über „Moos Zur" und „Aus Judas Maccabaeus" von Händel.) Mt aufrichtiger Befriedigung können die Veranstalter dieser Feier und vor allem ihr geistiger Urheber, Herü Stadtrabbiner Dr. Schiff, auf den Verlaus des Abends tzurückblicken. Sie dürfen für sich das Verdienst in Anspruch nehmen, mit neuen Mitteln und aus neuen Wegen der Gemeinde eine Stunde ungetrübter Weihe und Erbauung geschenkt zu haben. Wer aber etwa meinen sollte, daß durch derartige „moderne" Neuerungen vielleicht die Gefühle irgend eines religiös eingestellten Menschen verletzt werden könnten, dem sei zum Schluß noch das Urteil eines Besuchers verraten, der ganz auf dem Boden des gesetzestreuen Judentums steht und der gegenüber dem Schreiber dieser Zeilen die Meinung aussprach : eine schönere und würdigere Eh anukah-Feier könne er sich nicht denken. — Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag! H. St., Karlsruhe. Das Mosesbild des Michelangelo Von Dr. M. Spanier, Berlin. Schöpferische Naturen von Gottes Gnaden, dieses Wort im ttefften und weitesten Sinne genommen, sind zwar in der Auswirkung ihrer geheimnisvollen Kräfte nicht unabhängig von den Einflüssen ihrer Zeit und ihres Landes, aber die Eigenständigkeit ihres Schaffens ist wesentlicher als die Zufälligkeit ihrer Umwelt. Sie ragen wie die Bergesriesen hoch über das Gewölk über all die trüben menschlichen Scheidungen empor in die reinere Lust des Allmenschlichen. Künstler wie Michelangelo, Shakespeare, Rembrandt, Beethoven, Goethe, wenn der Zufall sie aus einer bestimmten Nation aufkeimen ließ, sind doch der ganzen Menschheit geschenkt. Daß große Persönlichkeiten als Gegenstand künstlerischer Gestaltung mit vollem Verständnis ihrer Eigenart nur von Angehörigen ihrer Gemeinschaft oder gar ihres „Blutes", dieser so zweifelhaften Kategorie, dargestellt werden könnten, kann man nur meinen in einer beschränkenden Verkennung der Bedeutung einer genialen Persönlichkeit und der schöpferischen Kunst. Zu sagen, Mose könne nur von einem Juden in seiner Größe erfaßt werden, ist um so törichter, cüs ja Mose selbst fremden Einflüssen, z. B. von Mizraim und Midjan, ausgesetzt und zugänglich war. Man darf schon bohaupten: Mose kann von einem Michelangelo dargestellt werden. Ist nun dieses Mosesbild wirklich ein Bild Moses? Geschaffen ist es zu einem besonderen Zweck. Papst Julius H. gab schon zu seinen Lebzeiten den Austrag zu einem einzigartigen prunkhaften Grabmal, das seine Größe späteren Geschlechtern künden sollte. Die Geschichte dieses Werkes ist eine Tragödie im Leben des Künstlers. Das Denkmal schrumpfte in seiner Ausgestaltung, besonders nach dem Tode des Papstes, immer mehr zusammen. Nur der Mose, geschaffen in den Jahren 1512—1516, bleibt Kern des Monuments. Im ursprünglichen Plane, wie noch an dem Werke selbst zu erkennen .ist, sollte Mose an der einen Seite stehen, an der andern Paulus — Gesetz und Glaubenslehre, im Sinne der Zeit. Nun, diesem Papste in seinem leidenschaftlichen Machtbewußtsein, in seinem lodernden Eifer, den eigenen Willen durchzusetzen, stand Mose, der Mann des Gesetzes, näher als Paulus. Charakteristisch für ihn ist die Anekdote, die Cowdivi erzählt. Michelangelo arbeitete an einem Bilde des Papstes, das später, in Bronze ausgeführt, in Bologna aufgestellt und vom feindlichen Sieger zum nicht geringen Zorn des Papstes völlig vernichtet wurde. Michelangelo fragte den Papst, der seine im Modell serttggestellte Statue besichtigte, ob es ihm genehm wäre, wenn er der Hand ein Buch gäbe. „Ach was", erwiderte jener, „gib ihr ein Schwert! Ich verstehe nichts von den Wissenschaften." Und im Scherze über die Rechte, die in stolzer Haltung gegeben war, meinte er lächelnd: Erteilt eigentlich diese deine Statue den Segen oder den Fluch? Daraus Michelangelo: „Heiliger Vater, sie droht diesem Volke, wenn es sich nicht weise verhält." Bon der fertigen Bronzeftatue dieses Papstes sagt Basari, „sie zeigte in allem Majestät und Größe, in der Gewandung Reichtum und Pracht und im Antlitz Leben, Kraft, Bereitschaft uud Furchtbarkeit". Gilt das nicht auch wörtlich von dem Mosesbilde? Eine wissenschaftliche Kunfibetrachtung legt heute besonderen Wert daraus, ein Bildwerk aus seiner eigenen Gesetzmäßigkeit zu erllären. Aber in der Reaktion gegenüber einer nach langem Kampfe überwundenen Anschauung, die das Kunstwerk in solcher Art historisch und literarisch behandelte, daß ein geistreicher Maler äußern konnte, man beurteile es mehr mit den Ohren als mit den Augen, geht man nun häufig auf dem neuen Wege zu weit. Eine innerlich so reiche und tief angelegte Künstlernatur wie Michelangelo, auf den das Wort paßt, das einem andern Großen nachgesagt wurde: „Er hatte die umfassendste Seele", kann man in seinem Schaffen nicht mit ein paar an sich vielleicht richtigen Stil- und Formgesetzen ergründend ausmessen. Jedenfalls sind sie nicht das Wesentliche. .Mit Recht hat Michelangelo in einem Gedichte nach einem übrigens damals populären Worte von seiner Kunst gesagt: Wir Bildenden geben immer nur unser eigenes Bild. Dieser gedankenreiche, tief religiöse, von edler Leidenschaftlichkeit des Gemütes bewegte Mann hatte die Propheten und Sibyllen mit beziehungsvollem Symbolcharakter ausgestattet. Ihnen reihte sich zeitlich der Mose an, der nach Henry Thodes Bemerkung als „ein Gegenstück wirkt zu dem kontemplativen Jeremias", wie er ja auch in der Konzeptton des ersten Planes zum Grabdenkmal seinen allegorischen Rang Paulus gegenüber nunimmt. Max Brod wendet ein eigentümliches Mittel an, um die Bedeutung seines Helden David Reubeni zu steigern. Er läßt ihn für einige Stunden Modell stehen znm Mose des Michelangelo. Daß dieser ihn für „eine bestimmte Beseelung" (durch „ein paar Meißelhiebe an einer schon fast vollendeten Statue") braucht, läßt sich verstehen, auch daß aus dem ftrtigen Werke — „vielleicht etwas im suchend ungewissen Augenausdruck" an Reubeni gemahnt, weniger schon, daß