Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 52 (29.12.1928)
- Date
- 1928-12-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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|u den Arabern verstehe. Sollten nicht z. B. Dr. Kollenscher nnd die Jüdische Rundschau die Ansichten der zionistischen Revisionisten selbst wenig vernünftig finden? Und man braucht nur die Rundschau zu lesen, um des öfteren Hinweise darauf zu finden, daß die Anschauungen sehr vieler palästinensischer Zionisten in dieser Hinsicht dem, was wohl die Rundschau selbst unter Herstellung eines vernünftigen Verhältnisses zu den Arabern versteht, wenig entsprechen. Ich will hier nur ein Beispiel geben: In ihrer Nummer vom 30. 11. 28 druckt die Rundschau unter der Ueberschrift „Zur politischen Lage" einen Artikel der in Tel-Awiw scheinenden Wochenschrift „Hapoel Hazair" ab, dessen Verfasser feststellt: „Wir sprechen über unsere Angelegenheiten, als gäbe es bereits 20 Mllionen Juden in Palästina und als könnten wir es auf einen Kampf mit England oder den Arabern ankommen lassen." Daraus geht aus jeden Fall soviel hervor, daß es keineswegs überflüssig rst, über diesen Punkt zu sprechen und über ihn gewisse Festlegungen zu treffen. III. Ueber zwei Dinge hat man sich von zionistischer Seite nicht geäußert: über den Vorschlag eines Gesamtkolonisationsabkommens und auf den Hinweis, daß eine gemeinsame Paläftinawerbung nicht auf der Grundlage nationaler Anschauungen möglich ist. Ich möchte deshalb auf beides noch einmal Hinweisen, besonders auch auf das zweite. Gemeinsame Palästinaarbeit bedeutet auch gemeinsame Arbeit im Keren Hajessod und in den Propalästinakomitees. Es ist selbstverständlichdaß gemeinsame Werbung nach außen nicht mit der nationalen Zweckbestimmung einer der mitarbeitenden Gruppen erfolgen kann. Ich darf wohl das Schweigen dahin deuten, daß das zu den Dingen göhört, die auch, nach zionistischer Ansicht selbstverständlich sind, und über die ein Abkommen daher uns schwer zu erzielen sein wird. Zum Abschluß möchte ich noch einmal betonen: Es erscheint mir notwendig, daß zunächst das klargestellt wird, was die weltanschaulichen Grundlagen der gemeinsamen Arbeit berührt. Eine Zusammenarbeit kann nur auf der Grundlage dessen erfolgen, was uns gemeinsam ist. Gemeinsam ist der Wunsch nach dem praktischen Werk der Palästinasiedlung. Die darüber hinaus geh enden zionistischen Ziele, in Palästina „die jüdische nationale Heimstätte" zu errichten und damit „den einzigen legitimen Versuch der Lösung der Judenfrage" zu unternehmen, sind uns nicht gemeinsam. Sie können deshalb auch nicht die juristisch festgelegte Zweckbestimmung unserer Zusammenarbeit abgeben. Ich glaube, daß eine vollständige Klarheit in dieser Richtung der gemeinsamen Arbeit nur dienlich fein kann. * Aus den Gemeinden » Andernach. (Abschrcdsfeier für D r. V e i s.) Der langjährige Religionslehrer der israelitischen Gemeinde verläßt demnächst seinen hiesigen Wirkungskreis, um nach Hamburg überzusiedeln. Die Gemeinde würdigte die verdienstvolle Arbeit Dr. Veis durch eine besondere Abschiedsfeier, bei der Vorsteher Lichtenstein dem Scheidenden Worte des Dankes und der Anerkennung widmete. Im Namen des Repräsentantenkollegiums sprach Apotheker Heimann herzliche Abschiedsworte, ebenso Herr Windmüller namens des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten. Der Jüdische Frauenbund ließ durch seine Vorsitzende, Frau Apotheker Heimann, ein wertvolles Abschiedsgeschenk überreichen. Dr. Veis dankte allen Rednern und Freunden mit bewegten Worten für die ihm bereitete Sympathiekundgebung. Berlin. (Dr. Emanuel Lasker 60 Jahre.) Am 24. Dezember d. I. ist Dr. Emanuel Lasker, vor Aljechin und Capablanca Weltmeister im Schachspiel, 60 Jahre alt geworden. Dr. Lasker, der am 24. Dezember 1868 in Berlinchen in der Neumark geboren wurde, erwarb 1889 in Breslau auf dem Hauptturnier des Deutschen Schachbundes den Meistertitel. In jugendlichem Alter wurde er kurz daraus Weltmeister. Erst 26 Jahre alt, schlug er im Wettkampf den damaligen Inhaber des Titels, den Oesterreicher Wilhelm Steinitz, + Versammlungskalender ★ Dortmund. Donnerstag, den 3. Januar 1929, adends 8.39 Ahr, spricht hn kleine« Saal de« «ewerAvereins Raddiner Dr. Sottfchalk, Frankfurt am Main, über: „Liberale Renaissance". Der Vortrag «vird umrahmt von biblische« Gesänge«, gesungen »o« Fräulein Lotte Meyer, Witten. Gottesdienste * Verliu-Rorde«. Liberale Synagoge Norden, Schönhauser Allee 162. Freitag, den 28. Dezember 1928, 19.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Professor I. Friedländer. Sonnabend, den 29. Dezember, vormittag» 19 Uhr, Gottesdienst. Freitag, den 4. Januar 1929, Predigt: Rabbiner Dr. Salomonfti. Berlin-Westend. verein Liberale Synagoge Westend, Leistikowstraß« 7-8 (Schulaula), nahe Reichskanzlerplah. Jede« Freitagabend liberaler Gottesdienst mit Lhor und Predigt. Beginn 19.15 Uhr pünktlich. Freitag, den 28. Dezember, Predigt : Robert Hirschseld. Freitag, den 4. Januar, Predigt: George Goch. - Berlin-Wilmersdors. Liberale Synagoge Wilmersdorf (ht der Aula der Cäcilieuschule, Rikolsburger Platz): Jeden Freitagavend liberaler Gottesdienst mit Chor und Predigt. Beginn 19.15 Uhr pünktlich. Freitag, den 28. Dezember, Predigt: Georg« Goetz. nachdem er schon vorher anderen bedeutenden Spielern wie Bird, Mieses, Englisch, Blackburne und Showalter, entscheidende Niederlagen beigebracht hatte. Auf den internationalen Turnieren, an denen er teilnahm, errang er meistens den ersten Preis, nur »venige Male war es der zweite oder dritte; an einer niedrigeren Stelle endete er niemals. Von den Gegnern, die er später in Einzelwettkämpfen schlug, seien genannt Steinitz, Marshall, Dr. Tarrasch und Janowski. Erst i. I. 1921 mußte Lasker seinen Weltmcistertitel an den Cubaner Capablanca abgeben. Die allgemeine Ansicht der Schachsachverständigen tvar es, daß Lasker nicht so sehr Capablanca, sondern vielmehr dem für Europäer unerträglichen tropischen Klima Cubas unterlegen war. Trotzdem war Lasters Kraft ungebrochen; denn in den Turnieren zu Mährisch-Ostrau und zu Ncw-Uork 1924 wurde er wiederum Erster, und zu Moskau 1925 getvann er hinter Bogoljubow und vor Capablanca den 2. Preis. Seitdem hat er sich an öffentlichen Turnieren nicht mehr beteiligt. Hervorragend sind auch seine Leistungen als Schachtheoretiker. Sein „Lehrbuch des Schachs" und seine „Schachbibel" wurden in fast alle Weltsprachen übersetzt. Emanuel Lasker ist bekanntlich auch ein Denker von großer Tiefe und Eigenart. Er ist Verfasser einer Anzahl vielbeachteter Weltanschauungsbücher und Gedankendramen. In der „C.-V.-Zeitung" schreibt über ihn Dr. Siegfried Weinberg: „Man begreift, daß Lasker als ein wertvoller Repräsentant Deutschlands in der ganzen Welt geschätzt wird. Festgewurzelt ist er mit seinem Judentum, zu dem er sich stets treu und offen bekannt hat. Wir sind stolz darauf, daß der gefeierte Jubilar seit langen Jahren dem Central-Berein angehört. —■ Die große deutsche Presse würdigt eingehend Laskers Persönlichkeit als Schachspieler und als Denker. Berlin. (Jüdischer Museumsverein.) In diesen Tagen fand eine vorbereitende Sitzung für die Gründung eines Jüdischen Museumsvereins in Berlin statt, der es sich zur Aufgabe machen will, das allgemeine Interesse für jüdische Kunst und Kultur zu wecken und insbesondere die Kunstsammlung der jüdischen Gemeinde zu einem Museum auszubauen. Berlin. (Synagogen-Konzert.) Im Februar ds. Js. wurden die Vereinigten Synagogenchöre der Jüdischen Gemeinde zugunsten des Chorunterstützungssonds in der Philharmonie ein Konzert geben. Die Leitung des Konzerts liegt in den Händen des Herrn Chordirigenten Alexander Weinbaum, der in diesem Jahre sein 25jähriges Jubiläum als Gemeindechorleiter begehen wird. Als Solist wirkt Herr Oberkantor Leo Gollanin mit. STOltWERCK iOok (Sch mccke nd nähr hu ft. Berlin. (5 0. Geburtstag.) Am 21. Dezember 1928 feierte Herr Mittelschullehrer Heinemann Stern seinen 50. Geburtstag. Herr Stern, der in unserer Bewegung mitarbeitct, hat innerhalb seiner Berufsgenossen die wohlverdiente Anerkennung gefunden, da er seit längerer Zeit Vorsitzender des Verbandes der jüdischen Lehrervereine in Preußen und Deutschland ist. Er gehört auch der Liberalen Fraktion des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden an. Berlin. (Ein Freitagabendgottesdienst in der Synagoge Fasanenstraße um 6Uhr.) Der schon seit langem bestehende Wunsch vieler liberalen Gemciirdemitglieder auch im Winter am Freitagabend die Synagoge besuchen zu können, ist jetzt zur Tatsache geworden. Pom 28. Dezember ab wird cs auch denjenigen Synagogenbesuchern, die um 4 Uhr wegen ihrer geschäftlichen Tätigkeit noch nicht erscheinen konnten, möglich sein, zum Gottesdienst zu kommen. Denn von diesem Tage ab findet der Hauptgottesdienst regelmäßig um 6(2 Uhr statt, während das Minchagebet um 4 Uhr in der Wochentagssynagoge gesprochen wird. Schon mehrfach wurde versucht, neben dem Hauptgottesdicnst einen zweiten stattsinden zu lassen. Es ergaben sich jedoch viele, zum Teil technische Schwierigkeiten. Die Zeitspanne zwischen den beiden Gottesdiensten tvar so kurz, daß die Mitglieder des Chores und di« Beamten nutzlos viel Zeit vergeuden mußten. Es ist deshalb freudig zu begrüßen, daß der Gemeindevorstand und die Repräsentantenversammlung dem Vorschläge des Synagogenvorstandes zugestimmt haben, und den Gottesdienst in diesem Winter einheitlich geregelt haben. - Eingeleitet wird der Gottesdienst durch den Gesang von „Ma Tauwu" (Wie schön sind Deine Zelte). Daraus folgt „Mismaur schir lejaum haschaboß" und die üblichen Sabbatgebete. Durch die begrüßenswerte Verlegung der Andachtsstunde aus eine günstigere Zeit wird es vielen Besuchern der Synagoge möglich sein, nach Schluß der Andacht die Freitagabendfeier im eigenen Heime abzuhalten. Mögen die liberalen Gemeindemilglieder durch regen Besuch des Gottesdienstes dafür sorgen, daß diese Neuerung, die vorläufig nur bis zum 5. April 1929 gilt, auch über diesen Zeitpunkt hinaus deidehalten wird. Gotha. (Aus der Gemeinde.) Das Thüringische Ministerium für Volksbildung und Justiz hat der israelitischen Gemeinde die Rechte einer Körperschaft des öffentlichen Rechts verliehen. Die genehmigten Satzungen bestimmen, daß die Israelitische Gemeinde Gotha aus den Männern und Frauen jüdischen Bekenntnisses besteht, die Mitglieder der z. Zt. bestehenden Kultusgemeinde Gotha sind, ferner aus den in der Stadt und im Kreise Gotha ansässigen reichsdeutschen Israeliten, sofern diese nicht erklären, daß sie ihr nicht angehören wollen. Hamburg. (Jüdischer Religionsunterricht an den höheren S taa tss ch u l e n.) Wie man hört, hat die Obevschulbehörde die Einführung jüdischen Religionsunterrichts an de» höheren Staatsschulen mit Beginn des nächsten Schuljahres für die Schüler israelitischen Glaubens beschlossen. Diese Maßnahme hat besonders für das Heinrich-Hertz-Realgymnasium Bedeutung, wo für den jüdischen Religionsunterricht ungefähr 100 Schüler in Frage kommen. Der Beschluß der Oberschulbehörde ist bedingt worden durch den Artikel 149 der Reichsverfassung, der bestimmt, daß Religion ordentliches Lehrfach ist. Hannover. (Aus dem G e m e i nd el e b e n.) Rabbiner Dr. Dieuemann-Ofsenbach berichtete in einem Vortragsabend der Religiösliberalen Bereinigung hannoverscher Juden, zu dem sämtliche Ge- Warum lacht man da eigentlich? Ich weiß es nicht. Vielleicht weil hier Jugend dem Alter ein Schnippchen schlägt, vielleicht auch, weil hier einmal in satirischer Form gezeigt wird, wie wenig mitunter offizielles Religionsbekenntnis mit wahrer Religiosität zu tun hat? Dieses Vielleicht trifft nicht. Wenn der Vorhang sich hebt und die Werbezirk auf dem Sofa sitzt, lacht man; und wenn Hans Moser zu Beginn des dritten Aktes mit einer langen Erzählung beginnt, an der entscheidenden Stelle ihn die Werbezirk aber durch die drei Worte „nu sag's schon" aus dem Konzept bringt, wer sollte da nicht herzlich lachen. Warunr, ich weiß es nicht. Ich kann nur das Wort Presbers wiederholen: „Humor ist, was man niemals hat, sobald man's desinieret." Im Krieg lernen sich Sami Levy (Hans Jaray), der verwundet im Lazarett liegt, und Rose Christine Abel (Käthe Haack), die durch Vorträge in Lazaretten den Soloaten das Durchhalten beibringen soll, kennen und lieben. Im Jahre 1921 heiraten sie in New Nork, vorsichtshalber zunächst in aller Heimlichkeit beim Standesamt. Samis Vater (Ludwig Stärk) denkt natürlich an nichts weniger als an eine Mischehe ihm ist Rose Christine ein betamtes Rosele Abel, das er rausschmeißt, als sie sich als Rose Christine Abel erweist. Fraglich, ob die bereits auf den Namen Abeles vollzogene rabbinische Trauung gültig bleibt. Und da der gut katholische Vater Abel (Heinz Salfner) erst dreimal husten und viermal spucken muß, wenn er die Vornamen seiner Tochter mit dem Nachnamen seiner Tochter mit dem Nachnamen Levy zusammen aussprechen soll, ist für ihn dieser Judenjunge als Mann seiner Tochter ebenso unerträglich wie für den Vater Levy die Schickse als Schwiegertochter. Daran ändert s'ch auch nichts, als mit Genehmigung des Herrn Erzbischof schließlich auch noch eine katholische Trauung an dem Paar vollzogen wird. Wenn dennoch alles gut ausgeht, so aus zwei Gründen: einmal, weil Enkelkinder mehr Ueberzeugungskraft besitzen als graue Theorien, und zweitens, weil der Rabbiner (A. E. Licho) und der Pfarrer (Paul Biensfeldt) das Glück der Menschen höher schätzen als ihre religiöse Sondergemeinschast, weil sie wissen, daß man in zwei verschiedene Eisenbahnzüge einsteigen und troAem zu einem Ziel gebracht werden kann. Nun, liebe Anne Nichols, Gott belasse Ihnen Ihren Glauben an die Einsicht der Rabbiner und Pfarrer. Und die Moral von der Geschicht? Die mag der Konzern Klee-Loeb aus der Berliner Repräsentantenversammlung ziehen, der ja demnächst wieder über die Ausrottung der Misch? ehe seine Weisheit aus der sogenannten jüdischen Mischehenkonferenz beweisen wird. Im letzten Heft des Berliner jüdischen Gemeindeblattes ist darüber einiges zu lesen, eine offene und kluge Rede von Professor Türk und eine Philippika von Professor Löwe, der erzählt, „wir müssen wieder jiwisches Gemüt pflanzen". In den Debatten kommt auch der'schöne Satz vor: „Um zu verhindern, daß die Mschehen einen so großen Umfang annehmen, müssen wir vorbeugend wirken". Zum Glück werden dann nur harmlose Mttel angepriesen. Immerhin würde im vorliegenden Fall wohl doch! die Abschaffung des Weltkrieges und die Ausrottung der Liebe erforderlich gewesen sein. Und was den letzteren Puntt betrifft, so dürfte dann eben Frau Käthe Haack nicht geboren sein. Also, Berliner Repräsentanten, debattiert weiter über die Mischehe. Ihr werdet ja keinen Schaden stiften. Auch weiterhin wird es aus Liebe Mschehen geben — aber auch weiterhin werden jüdische Menschen, denen Judentum mehr als nationale Begrenzung, mehr als Formenwelt bedeutet, denen Judentum Kulturreligion ist, aus Liebe eine Misch? ehe nicht eingehen. Walter Loewenstein. Juden auf der Bühne Zwei Dresdner Uraufführungen. Von zwei sehr guten Aufführungen des von jeher aus Niveau haltenden Dresdner Schauspielhauses sei hier kurz die Rede. Obgleich es sich nicht um jüdische Stücke handelt, sondern nur um solche, die jüdische Belange, in verschiedener Form, betreffen. Das eine, „G e s ch ä f t" des Berliner Journalisten H a n s M e i s e l, hat hier seine Feuerprobe bestanden und wird, in manchem verbesserungsfähig, auch das Publikum im Reich sicherlich bald amüsierm. Es ist eine Schieberkomödie, ganz unliterarisch zwar, aber äußerst scharf und porträtecht in der Wiedergabe eines von einer ganzen Galerie Urberliner Typen bevölkerten Milieus. Meisel, im Roman bereits preisgekrönt, jetzt auch als Bühnentalent erkannt, ist vermutlich selbst Jude. Dies trug wohl dazu bei, daß er in dieser ausgesprochenen Komödie der Arbeit auch Juden austreten läßt, aber nicht in einer Form, daß man daran Anstoß nehmen kann. Ja, man muß ihm nachrühmen, daß er Licht und Schatten unbedingt gerecht verteilt hat und man kann noch weiter gehen und sagen: Es würde just in diesem Stücke, das vom Geschäft schlechthin handelt, etwas schien, wäre nicht auch der jüdische Typus, der doch nun! mal aus Handel und Wirtschaft nicht wegzudenken ist, gÄührend vertreten. Natürlich will das Stück als Satire genommen werden; hierin liegt sein wenn auch beschränkter ethischer Wert. Denn Meisel empfiehlt keineswegs, es so zu machen wie bier der mit allen Wassern gewaschene Schieber „Dr." Blank, sondern läßt in seiner Komödie lediglich rückschauend den Geist der Zetten sich bespiegeln. Blank wird durch einen Juden namens Schapski, ein verhältnismäßig anständiger guter Kerl, mit dem ollen ehrlichen Spediteur Abels bekannt. Diese beiden sollen zweifellos keine Juden sein. Blank hat an sich das jüdische Köpfchen, aber warum soll es nicht auch mal auf anderen Schultern sitzen? Es gibt noch andere Irrungen der Natur. Abels verdiente, wenn er Jude wäre, erst recht Mitleid. Immer wieder schwimmt er gegen den Strom, will er sein sinkendes Haus nicht dadurch retten, daß er sich mit einem Oberschieber (von unbanderolierten Zigaretten) verbindet. Umsonst! Die Minderwertigkeit — wie in jeder echten Satire — triumphiert. Blank sitzt als Schwiegersohn und Teilhaber des keineswegs glücklichen, den Verhältnissen moralisch zum Opfer gefallenen Abels in der neuen Firma, die nun stolz, in neuen Räumen hausend, den Namen „Blank 6- Abels" trägt. Ganz anders — es gibt, keine größeren Gegensätze — das zweite Stück, die von höchster Geistigkeit erfüllte Dichtung „Der erniedrigte Vater" von Paul Claudel. Da ist nichts vom Lärm des Tages spürbar, wenn auch Rassenfragen und viele sonstige Dinge politisch-religiöser Natur darin behandelt werden. Man müßte dem Werk, das wie alles Claudelsche reines Wortdrama ist und sich daher nur in einigen Szenen für die Bühne eignet, eine eigene Abhandlung widmen. Aber dazu gehört, daß man nicht nur Claudels Werk im Ganzen und die Trilogie des Papsttums, welcher dieses Stück angehört, im besonderen kennt, sondern daß man vor allem den strengen Katholizismus des französischen Dichters, der selbst erst aus einem Saulus ein Paulus geworden ist, in Berüchichtigung zieht. Die Handlung, um welche sich die in Symbolik und Mystizismus schwelgenden Gedankengänge ranken, ist ein stark konstruktives Gebilde. Eine geistig und körperlich schöne, aber blinde Halbjüdin wird von zwei Brüdern, den Neffen des Papstes, geliebt. Der eine, von dem sie sich erst entfernt — wie hier überhaupt alles in zitternden Lichtern und schwankenden Umrissen vorüberzieht —, um sich ihm, dem strenggläubigen Katholiken, dann desto inniger zu verbinden, wird der Vater ihres zu erwartenden Kindes und fällt in der Schlacht. Sein Vermächtnis wird vom andern übernommen. So beschaffen, hat das Stück, das in Dresden eine -dem Dichterwort respektvoll lauschende Gemeinde fand, zwei sich umschlingende Hintergründe: einen geistigen in der Gestalt des einmalig auftretenden, seelisch schwer leidenden Papstes, und einen farbig-bildhaften in der Andeutung der ewigen Stadt mtt ihrem ftimmungsfördernden Glockengeläut. Beide ergeben den Wurzelboden für ein stark ästhetisch empfundenes Gedankeu- und Geiühlsdrama, das man, ohne als moderner deutscher Jude allem zustimmen zu können, durch viele Schönheiten gefesselt, auf sich wirken ließ. Dr. Richard Elv.