Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 51 (21.12.1928)
- Date
- 1928-12-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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sucht er — wenn auch nur zu den hohen Feiertagen — den Gottesdienst, soMhtt er sich, mit Tausenden seiner Schicksals¬ und üeidensgmosim im gemeinsamen Gebete vereint. Dem.Juden in der Großstadt, dersick für jüdische Fragen interessiert, zeigen sichgroßeGvneinschastsausgabm mit weiten Verzweigungen und Verästelungen. Ganz anders ist es bei dem Inden auf dem.Lande. Wenn du: einzelnen Gemeindemilglieder im Notfälle auch Zusammenhalten und Gemeindeftagen noch so großes Interesse entgegenbringen, so leben sie dennoch «in Leben der Familie, des einzelnen, kein jüdisches Gemeinschaftsleben. Das religiöse Leben der Landjudenheil ist erstarrt. Die religiösen Uebungen werden von den einen verspottet, von dm anderm ohne innere Anteilnahme, ohne wirkliches Erleben verrichtet. Dort, wo wahre Religiosität sich regm will, wird sie, da sie sich nicht mit Wissen paart, von einer Bigotterie erstickt, die nicht auf dem Boden des Judentum gewachsen ist. Das Bereiuslebm vermag keinerlei Anregung zu geben. Persönliche Abneigungen und Gegnerschaften nchmm, da das Einordnen in eine große Gemeinschaft fehlt, häßliche Formm an und werden schnell allm geistigen und religiösen Jnteressm vorangestellt. So wächst die Unkenntnis und der Jndrffermtismus ins Ungchmerliche. Auch der Leürer und Kreisrabbiner, der versucht die Bereinstättgkett und das Interesse an jüdischen Fragm zu beleben, fühtt einm Kampf gegen Windmühlen. Es fchlt die Masse, in welcher sein ideales Wollen ein Echo findet. Unter diesen Verhältnissen wächst die jMsche Landjugend auf. Es ist nicht zu verwundern, daß sie Interesse für jüdische Fragen wenig oder nicht ausdringt, daß sie sich jüdischem Leben immer mehr und mehr entfremdet. Jugendvereine, die gegründet werden, lösm sich bald von sewst wieder auf. Der gesellschaftliche Drang, der dem Mmschen, vor allem dem Jugendlichen innewohnt, wird in ihnm nicht befriedigt. Man kennt sich gegenseitig viel zu gut, ist viel zu nahe beieinander ausgewachsen, 'hat viel zu sehr Verwandtes und kchrt sich nach dem Naturgesetz von der Abstoßung gleichnamiger Pole von einander ab. Darin ist auch der Grund der Zunahme der Mischehm auch unter den Landjuden zu suchen. Der beste Kampf gegen die Mschichen aus dem Lande ist die Aktivierung der jüd'.schen Jugend, ihre Einreihung in das Leben der jüdischen Gemeinschaft. Es ist vornehmste Ausgabe der Jugmdverbände in den Städten, ihre Ackeit auch auf das Land zu erstrecken. Nicht Neugründungm sind zu propagieren, sondern Angliederung an bestehende Bünde. Zu diesem Zwecke müssen Fahrten auf das Land unternommen werden, selbst dann, wenn ans landschaftliche Schönheitm verzichtet werden muß. Auch in die kleinsten Gemeinden müssen Ausspracheabende verlegt und so das Interesse an jüdischen Fragen geweckt werden. Gemeinsame F:stfeiern, gemeinsame Gottesdienste müssen ebenfalls von Zeit zu Zeit iu den Landgemeinden abgehalten werden. Auch die jüdischen Jugendsünde werden davon großen Gewinn haben. Die gesamte Judenschaft der Landgemeinden wird mit großem Interesse an ihren Aussprachen und Veranstaltungen teilnchmen und ihnen dafür Dank wjssen, daß sie in das erlebnisarme Leben der Landgemeinden die ganze Problemwelt unserer jüdischen Gemeinschaft getragen haben. Außerdem aber wird die jüdische Jugend der Städte auf dem Lande eine Gastfreundschaft finden, wie sie in den Städten leider schon seit langem nicht mehr geübt wird, wie sie dort immer mehr in das Reich des Märchenhasten rückt. Ist man sich gegenseitig näher gekommen, dann wird es nicht schwer sein, die Jugend auf dem Lande zu bewegen, an dem Leben der Jugendbünde engeren Anteil zu nchmen. Mit der Einreihung der jüdischen Landjugend in das gesamte jüdische Gemeinschaftsleben ist schon sehr viel erreicht. Durch die Erweiterung des Bekanntenkreises wird die innere Geneigtheit zur Mischche von Mein schwinden, und das jüdische Bewußtsein wird gestärkt durch die Anteilnahme an den Fragen der gesamten jüdischen Welt. Die kleinlichen Streitigkeiten innerhalb der Landgemeinden werden dann bald der Vergangenheit angehören; das Leben der Landjudenheit wird sich innerlicher, zielbewußter, reicher gestalten. Der Jude auf dem Lande wird sich nicht mehr als einzelner fühlen, sondern als lebendiges Glied der jüdischen Gemeinschaft. Die Provinzialverbände dürfen deshalb nicht davor znrückschreckm, Jugendpfleger anznftellen, deren Aufgabe es wäre, ben Kontakt zwischen der Landjugend und den städtischen Jugendverbänden herzusteNen, b*e verschiedenen Veranstaltungen zu organisieren und der jüdischen Landjugend in allen Fragen, die das jugendliche Leben betreffen, mit Rat und Tat zur Sette zu stehen. Alle jüdischen Organisationen, die sich mti jiyial-, bevöjkerungs- und kulturpolitischen Problemen beschäftigen, vornehmlich aber die Jugendorganisationen, haben die Aufgabe, an der Kräftigung des .Judentums in den Landaemeinden zu arbeiten. Geht es dochhier um eine Frage jüdischer Zukunft, deren Repräsentant die jMsche Jugend ist. Es genügt aber nicht, ausgetretene Wege zu gehen; neue Formen und Wege, die der wirtschaMchen, politischen und kulturellen Entwicklung Rechnung tragen, müssen gesunden werden. Zerfallserscheinungen der Gegenwart können nicht mit den verrosteten Waffen der Vergangenheit bekämpft werden, sondern nur mit der Waffe der Zeit, dm: Wandel. Mouifien itftb jüdische Schule Die nachfolgenden Ausführungen gehen uns von A. Szanto, einem bekannten sozialdemokratischen Journalisten zu. Wir drucken sie um so lieber ab, da unfern - Versuchen, Aufklärung über das widerspruchsvolle Verhalten zionistischer Sozialdemokraten in den jüdischen Gemeinden und in der allgemeinen Politik zu erlangen, nicht nur Herr Dr. Oskar Cohn die Antwort schuldig blieb, sondern auch kein anderer zionistischer Sozialdemokrat und keine zionistische Zeitung reagiert haben. Die Schriftleitung. Wenn auf den Offenen Brief Bruno Woydas an Dr. Oskar Cohn eine Antwort ausgeblieben ist, so wird diese Tatsache, die man scheinbar als eine endgültige hinnehmen muß, mindestens von einer, zahlenmäßig vielleicht nicht ganz unbdeutenden Schicht im Berliner Judentum lebhaft bedauert: von den sozialistisch gesinnten Inden nämlich. „Ich kann nicht draußen Sozialist und in diesem Saale etwas anderes sein", diese stolzen, aber eigentlich doch nur selbstverständlichen Worte, mit denen Oskar Cohn seine Tätigkeit im Repräsentantensaal der Berliner Jüdischen Gemeinde antrat, Hattert manche Hoffnung bei den genannten Kreisen erweckt, die dann allerdings durch sein weiteres Wirken an der Seite der verbohrtesten Orthodoxen und der chauvinistischsten Nationaljuden bitter enttäuscht wurden. Jetzt stehen wir vor der Tatsache, daß der namhafteste zionistische Sozialdemokrat einer Stellungnahme gegenüber konkreten Fragen ausgewichen ist, in denen es eigentlich für einen Sozialisten ein Schwanken oder irgend einen Zweifel überhaupt nicht geben kann. Und da wird es Zeit, endlich einmal ein offenes Wort zu sprechen. Das Eintreten für die weltliche Schule, die Ablehnung jeder Konfessionalisiernng des Unterrichtswesens ist für ein Mitglied der deutschen Sozialdemokratie ganz einfach eine Selbstverständlichkeit, an der es ebensowenig etwas zu rütteln oder zu deuteln gibt, wie etwa an der Forderung des Achtstundentages oder am Prinzip der Koalitionsfreiheit. Man braucht gar nicht dogmengläubig zu sein, man braucht weder auf das frühere noch ans das jetzige Parteiprogramm zurückzugreifen, es genügt der Hinweis, daß es sich hier um eine elementare Forderung des politischen Tageskampfes handelt und daß erst der letzte Parteitag in Kiel in einem! einstimmig angenommenem Antrag ganz klar und unzweideutig die „Welllichkeit des gesamten öffentlichen Schul-, Erziehnngsuud Forschuugsweseus" sowie die „Ausschaltung der trennendeu religiös-weltanschaulichen Gegensätze" gefordert hat. Dieser Parteitagsbeschluß ist für alle Mitglieder uub alle Parteigruppen verbindlich und seine Gülligkeit steht denn auch in der Partei außerhalb jeder Diskussion und jeden Richtnngsstreites. Der „Bund religiöser Sozialisten", auf dm sich manchmal solche Zionisten berufen, die von dem Charakter dieser Gruppe keine Ahnung haben, denkt gar nicht daran, für konfessionelle Schlicken einzutreten. Tie namhaftesten Führer der „religiösen Sozialisten", wie beispielsweise der evangelische Pfarrer Bleier, wünschen sogar nicht einmal einen ausgesprochenen Religionsunterricht, sondern eine „Religionskunde", dre Kindern aller Bekenntnisse gemeinsam gelehrt werden soll. Erst jüngst hat der Preußische Landesverband der religiösen Sozialisten zur Konkordatsfrage eine Entschließung angenommen, die scharf gegen die Einflußnahme der Kivchengemeinschaften auf das öffentliche Unterrichtswesen Stellung nimmt und ausdrücklich fordert, daß über die Schule oder den Religionsunterricht in ihr mit keiner Kirche verhandelt werden dürfe, da die Schule ausschließlich Staatseinrichtung zu sein Labe. Ebenso wre die Berufung auf die „religiösen Sozialisten" ist der manchmal gehörte Ernwand völlig abwegig, daß die von dm Zionistm gewünschte Jüdische Schule keme konfessionelle, sondern eine nationale sei. Dies elbstv erst ändliche Voraussetzung für diese These wäre ja die Erklärung des deutschen Judentums zur nationalen Minderheit. Und die zu verlangen Hülm gerade die Zionistm sich aus wohlweislichen Gründen. Als Schreiber dieser Zellm kürzlich einem nichtjüdischen Sozialisten gegenüber gesprächsweise erwähnte, ein bestimmter preußischer Regierungsbeamter sei Zionist und Sozialdemokrat, erhielt er im Tone maßloser Verblüffung die Frage: ,La, kann man denn beides zugleich sein?" Aus Hirse Frage kann man nur betreten schweigm. Dmn eine Erklärung dafür zu geben, was die Zionistm alles mtteinander in Vereinbarung bringen zu können glauben, ist in der Tat nur für Menschen möglich, die über eme gehörige Porttou Rabulistik verfügen. Vorläufig profitieren die Zionistm davon, daß man im mchtjüdischen Lager chr Wesm nur sehr unvollkommen kennt. Für die deutsche Sozialdemokratie aber hat allzeit das Wort Lassalles gegollen: „Aussprechm, was ist." Und so ist auf die Dauer die innere Unwahrhaftiakeit unerträglich, tznit der nicht wmige Judm als organisierte Sozialdemokraten das Programm der Berwettlichnng des Schulwesens unterstützen, während sie gleichzeitig als Zionistm für die konfessionelle Schule eintretm. Al. Szanto. Doktor Eisenbart Von JosephWinckler. Von Joseph Windelet' hat Walter von Molo einmal gesagt: Wir braudien Sie und solche unfeierlidi gesunden Bücher! Es ist ja so selten geworden, dass einer „tief“ und dabei doch ein natürlicher Kerl ist.“ Das galt dem Buch Pumpernickel, das von Menschen und Geschichten um Haus Ngland berichtet. Weit übet' 100000 Exemplare sind bereits von Wincklers westfälischem Schelmenroman „Der tolle Bömbergu verbreitet. Jetzt hat Joseph Winckler ein Werk „Dr. Eisenbart“ herausgegeben, das wiedet' von köstlichem Humor und derber Gradheit der Gesinnung zeugt. Der genaue Titel lautet: Des venvegenen Chirurgus weltbet'ühmbt Johann Andreas Doktor Eisenbart Zahnbrechers, Bänkelsängers, Okulisten, Steinschneiders Tugenden und Laster auf Reisen und Jahrmärkten, mancherley bewährteste Arztneyen in Not und Tod sambt vielen Orakeln, Mirakeln, Spektakeln, insonderheit auch philosophische, politische, moralische, mythische Tractata und sehr bedeutsame Mitteilungen zahlloser erschröddwdier und lustiger Begebenheiten getreulich dar gestellt und vor gestellt vom rechtschaffenen, rite approbierten Collegen JOSEPH WINCKLER weiland Zahnarzt zu Mors am Rhein, Anfei'tiger höchst kunstvoller Gebisse, gantz wie aus Natur, aus Kautschuk, Gold, Aluminium, Dr. med. deni. der Universität Köln, Polyhistor und grosser Dichter, sesshaft und wohlberechtigt, rechtmässig gehören, gültig getauft vom nachmaligen Bischof Dr. Brinkmann zu Rheine in Westfalen. Wir geben mit freundlicher Genehmigung des Verfassers aus diesem Werk zwei Abschnitte wieder. Die Schriftleitung. Eisenbart im Ghetto. Noch weit mehr aber wird Eisenbart ein Abend im Gedächtnis bleiben, da ihn die Einladung eines sehr reichen Juden zu Frankfurt ins Ghetto berief, denn im Ghetto aller Städte wurde sein Name seit vielen Jahren mit besonderer Ehrfurcht geflüstert, da er niemals auch hier einen Besuch versäumte. Also, da er wieder in Frankfurt ,ausstehen* wollt', waren die letzten Spuren des ungehemmten Hochwassers noch nicht verlaufen — es war zum Rathaus über 4 die Initiative, und sie werdm in zehn, zwanzig Jahren fast ganz vergessm und auseinandergerissen sem. Dafür — seht Ihr — müßte eine private oder öffentliche Stelle sein, die sorgt, daß es nicht geschieht, daß sie eben zusammew- Aecken. Wo aber können wir sehen, welchen Anteil die deutschen Judm in dm letztm dreißig Jahren an der dmtschm Malerei, Literatur, Musik und dem Theater hatten? Nirgends! Nirgends! Daß jemand Bücher über Juden sammelt, kommt öfter vor (nicht nur in meiner Bibliothek hat diese Art von Literatur sein eigenes Fach), aber daß eine StMe solche von jüdischen Autoren sammelt, habe ich noch nicht bemerkt. Oder gar eine Übersicht über das Schaffen jüdischer Maler oder eme solche, die die Lebensarbeit eines Ehrlich und Neißer zeigt (um gleich zwei Breslauer zu uennm). Alle diese Dinge gehörm jedoch ebenso zu einem jüdischen Musmm, wie die Silberfiligranarbeitm alter Psombüchsm und eine Formensammlung altjüdischer Grabsteine. 84 weiß-ich weiß, das läßt sich natürlich nicht von heute auf morgen macken; aber man muß nun endlich mal langsam beginnen, so etwas vorzubereitm und aufzubauen. Lesefrüchte Von Dr. M. S pan i e r, MagdÄmrg. In der Monatsschrift „Philosophie und Leben", Heft 18, Dezember 1928 (Verlag Felix Meiner, Leipzig), lesen wir unter der Ueberschrist: Aussprache: Christmtum — Sittlichkeit — Heidentum: „Ein evangelischer Pfarrer spricht vor einem klemm Kreis gebildeter Laien Wer Häckels Materialismus und prägt dabei das scharfe Wort: „Ohne Christentum keine Sittlichkeit!" Das für {eben Nichtchristen unerhörte Wort blieb ungehört oder fand — wenigstens stille — Zustimmung. Cs blieb unwidersprochen bis auf die schr scharfe Entgegnung eines Leiden. Dem ward dann die scheinbar übliche Anllvort zuterl: „So war das natürlich nicht gemeint, daß es einzelne Nichtchristm gäbe, deren sittlich^ Strcbm und Leben die Achtung aller Mitmenschen verdiente, das könnte kein recktlich Denkender bestreiten." Daß eine solche Antwort die Kürze vorangegangme Beweisführung einfach über den Haufm warf, das tat weiter nichts zur Sache. Das Wort blieb gesagt und wurde in seiner Allgemeinheit nicht zurückgmommen." — Wir Juden haben genug gegen diese und ähnliche irrige Berallgemeinernngm zu kämpfen. Wie oft können wir hören: Ja, wenn die Judm alle so wärm wie Sie! Wmn wir die AusnahmefÄle addieren, finden wir den allergrößten Teil der Gemeinschaft wieder. Verallgemeinerungm solcher Art wirken sittlich verhängnisvoll. Im Dezemberheft der „Monistischen Monatshefte" (Hamburger Verlag, Hamburg 36) bekämpft Professor Dr. Drews, Karlsruhe, in einem „War Jesus ein Jude?" überschriebmm Artikel die in völkischen Kreism weit verbreitete Ansicht, daß Jesus, der „Stifter der christlichm Religion", kein Jude gewesm sei. Diese Ansicht ist besonders durch Houston Stewart Chamberlain in seinm „Grundlagen des 19. Jahrhunderts" weithin bekannt geworden,von Fritsch, dem Herausgeber des „Hammer", weiterverbrettet und von Max Bewer sogar genau feftgestellt (!H ist, daß Jesus rheinisch-westfälischen Ursprungs (!!) gewesen sei. Das sind böswillige Phantastereien, die jeglicher geschichtlicher Grundlage entbehren. Bei solchen vagm Behauptungen fehlt es natürlich nicht an Widersprüchen. Drews weist darauf hin, daß Chamberlain einmal bchauptet, daß die Religion Jesu in keiner Weise mit der alttestammtlichm verwandt sei, dann wieder, daß die Propheten „der Auffassung Christr in bezug auf das Verhältnis zwischm Gott und Mensch tn wesentlichen Punkten historisch vorgearbeitet" haben. — Drews erklärt ausdrücklich: „Unter keinen Umständen gcht es jedmfalls an, seiner Abneigung gegm die Judm und persönlichen Vorliebe für Jesus dadurch einen Ausdruck zu geben, daß man diesen dem Judmtume cckspricht und ihn für einm Arier erklärt." Wir erinnern übrigens daran, daß Häckel, der große Monist, in der ersten Ausgabe seiner „Welträtsel" Jesus zu einem Arier stempelt. In dm übrigm Ausgaben ist diese Stelle gestrichen. — Bor mir liegt das schöne Buch von Heinrich Spiere: Fontane (Ziemsm Verlag, Wittenberg Bez. Hatte 1928). Der Verfasser meint, Id aß Fontanes Stellung zum Judmtum nicht ohne Zwiespättigkett, sei. „Dem geistigen Menschen kam bei uns, so war Fontanes Eindruck, alles Heil und wahre Stütze nur von der Judenschast und jÄmfalls nicht von dem Adel deutscher Natton." „Freiheit und feinere Kultur", zwei. Dinge, zu denen wir nicht erzogen warm, hatten dort ihre StättM und wurdm uns von da aus vermittelt. Aber nicht nur der Instinkt für ästhetische und intellektuelle Werte, sondern, wqS vielleicht noch schwerer wog, die sonst in der Mark so schmerzflich entbehrt „uckanm" Tngmdm der Menschenfreundlichkeit, der Teilnahme, des Wohltnns wurdm dort gepflegt, und wenn der gütige und feine Geist, der das Haus seines Frmndes Lazarus auszeichnete (gemeint ist Professor Moritz Lazarus (1824—1903), der Begründer der Völkerpsychologie), sich dem Dichter wieder einmal rn einer liebenswürdigen Aufmerksamkett offenbart hatte, brach er in das Bekmntnis aus, daß der gesamte märkische Adel — derartiger Handlungen nicht fähig sei. — So beredt und warm aber auch Fontane die kulturÄlle Bedeutung des Judentums und seine notwendige und evwünschte Funktion als Teil der geistig führenden Oberschicht anerkannt hat, so war doch diese bei chm mit einer entschiedenen rassmmäßigm Abneigung gepaart und fand an ihr ihre Schranken." Selbsträend hat er den Antisemitismus aÜ dumm und roh abgelchnt. Bekannt ist Fontanes Gedicht „An meinem 76." mit der Gegenüberstellung seiner märllschm Geschichts- und Gedichtszeit und seiner Mtersbeamnderer. „Abram, Isaak, Israel, alle Patriarchen sind zur Stelle stellm mich freundlich an ihre Spitze, was sollm mir da noch die Jtzmplitze! Jedem bin ich was gewesm, alle habm sie mich gelesen, alle kanntm mich lange schon, und das ist die tauptsache... kommm Sie, Cohn." Ueberall begegnen u«S oreintzmommmheiten, subjeMve Gefühlsregungm, de»m durch, dre stichhalttgstm Gegengründe nickt beizukommm ist. — Im Dezemberheft der „Weltstimmen", dre „die schönstm WeÜbücher in Umrissm" zur Darstellung bringm, wird Franz Werfel, geborm 1890 rn Prag als Sohn eines jüdischen Handschnhfabrikantm, behandelt. Seine Tragödie „Paulus unter dm Judm" ist in der Jüdisch-liberalen Zeitung ausführlich besprachen worden. Werfel, sicherlich einer der berühmtestm Lyriker der Jetztzeit und als Schöpfer des Expressionismus von Bedmtung, wird schon jetzt von Eduard Engel in seinem Werke: „Was bleibt?" zum allen Eisen^geworfm. Nebenbei sei hier bemerkt, daß Engel Jakoo Wassermann, einen der hervorragmdstm Romanschriftsteller unserer Dage, gar nicht erwähnt — von Stefan und Arnold Zweig ganz zn schweigm. Auch hier Subjektivismus in RMWhW. 1 %