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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-12-21 · 51 (21.12.1928) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
51 (21.12.1928)
Date
1928-12-21
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Gemeinden anzunehmen. Leider zeigten aber die Verhandlungen, die am 4. November ds. Js. in Frankfurt a. M. zwischen Vertretern beider Verbände geführt wurden, daß es -- wie wir schon bei vielen anderen Gelegenheiten sehen mußten — der Orthodoxie aus ihrer inneren Dogmatik heraus unmöglich ist, bei einem Zusammengehen mit anderen Richtungen diesen gegenüber die notwendige Toleranz aufzubringen: daß vielmehr die Vertreter der Orthodoxie, anstatt diejenigen, mit denen sie sich „verbünden" wollen, nunmehr auch als gleichberechtigte Verbündete anzuerkennen, in Unnachgiebigkeit und Selbstüberschätzung Bedingungen aufstellen, die jede andere Richtung — nicht etwa nur den Liberalismus, sondern auch di« Liberale und Konservative umfassende „Einheits"-Ri<htung — zu einem zweitrangigen Judentum deklassieren will. Der Mainzer Verband hat, wie die Verhandlungen zeigen, alles getan, um mit den Gesetzestreuen zu einer Einigung zu gelangen; aber folgender Auszug aus dem von beiden Verbänden gemeinsam herausgegebenen Protokoll zeigt wohl deutlich, daß die Verhandlungen an den maßlosen und intoleranten Forderungen der Orthodoxen scheitern mußten: L e v i (Mainz)') legt der Beratung des Darmstädter Verbandes die Frage vor, ob derselbe überhaupt für einen einheitlichen Landesverband sei, und falls ja, unter welchen Bedingungen. Die Vertreter des gesetzestreuen Verbandes ziehen sich hierauf zu einer Beratung zurück. Nach einiger Zeit erscheint M e r z b a ch (Darmstadt)^) in Begleitung Hugo Cahn's und legt unter der Bemerkung, daß diese Zwischenfragen keinen ossiziellen Tharakter "tragen, folgend« Fragen vor: Sind Sie bereit, den Namen „Wirtschaftsverband jüdischer Gemeinden Hessens" zu akzeptieren? Sind Sie bereit, falls Sie die erste Frage mit „Nein" beantworten, dem orthodoxen rabbinischen Mitglieds des Oberrats das Vetorecht einzuräumen? Nach kurzer Beratung der Vertreter des Mainzer Verbandes läßt derselbe durch Levi, der von Steinberger begleitet wird, dem Darmstädter Verband folgende Antwort überbringen: Der Name soll den Zusatz erhalten: „Wirtschaftlicher Zweckverband", ohne daß eine Beeinträchtigung des seitherigen Arbeitsgebietes cintritt oder es wird das Vetorecht den orthodoxen Rabbinern rn allen religionsgesetzlichen Angelegenheiten für die ihrem Rabbinatsbezirk angehörigen Gemeinden zugestanden. Nach stattgehabter Beratung erscheint die Delegation des Darmstädter Verbaiüres und es gibt M e r z b a ch folgende Erklärung desselben auf die Frage Levi's ab: Die Vertreter des hessischen Landesverbandes gesetzestreuer Synagogengemeinden erklären, daß sie unter folgenden Bedingungen die Schaffung eines gemeinsamen Verbandes begrüßen: 1. Aus dem Namen des gemeinsamen Verbandes muß klar hervorgehcn, daß es sich um einen Verband handelt, der rein wirtschaftliche Aufgaben hat. 2. Der Verband beschränkt sich auf die Behandlung wirtschaftlicher Fragen nach innen und tritt nicht als jüdische Religionsgemeinschaft im Sinne der Reichsverfassung Art. 137 nach außen hervor, wobei vorausgesetzt wird, daß die Erteilung des Staatszuschusses hierdurch nicht in Frage gestellt wird. 3. Der gesetzestreue Verband besteht weiter als Religionsgemeinschaft (im Sinne der R.-V. Art. 137), der den Wirtschaftsverband unterstützt. 4. Durch Trennung der Kassen werden Gelder von orthodoxen Gemeinden nicht für liberale Zwecke zur Verfügung gestellt. 5. Das auf das Religionsgesetz gegründete Urteil der orthodoxen rabbinischen Oberratsmitglieder für die Tätigkeit des Verbandes ist maßgeblich. Das „Mitteilungsblatt des Landesverbandes der israelitischen Religionsgemeinden Hessens" bringt einen langen Artikel über den Gang der seit Monaten schriftlich und mündlich geführten Verhandlungen; aus dem Bericht ist klar ersichtlich, daß der Mainzer Verband bereit war, dem Darmstädter Verband bis zur Selbstentäußerung entgegenzukommcn. Indessen: „Auf Grund des aus obigem Protokoll ersichtlichen Sachverhaltes hat der Landesverband der israelitischen Religionsgemeinden Hessens den Versuch, mit dem Hessischen Landesverband gesetzestreuer Synagogengemeinden zu einer Einigung zu kommen, aufgegeben." —- Das gesetzestreue Organ „Deutsche Israelitische Zeitung" dagegen hat noch nicht einmal ein Empfinden dafür, daß es gewisse Dinge gibt, di« für einen alle religiösen Richtungen umfassenden Verband unannehmbar sind, besonders auch, wenn von ihm sehr weitgehende finanzielle Mitwirkung verlangt wird. DaS genannte orthodoxe Blatt schreibt im Einklang mit Punkt 5.) der im Protokoll-Auszug wiedergegebenen Darmstädter Bedingungen, daß für die Maßnahmen des angeregten Dachverbandes „natürlich tvon uns gesperrt. Schriftl. der J.-l. Ztg.) das Urteil der Orthodoxen maßgebend sein muß". Nimmt man dazu noch Punkt 4), nach *) Das — von der Schriftleitung der J.-l. Ztg. — in Klammern hinzugefügte „Mainz" bezw. „Darmstadt" bedeutet, daß die betreffende Persönlichkeit als Vertreter des Mainzer Einheitsbezw. des Darmstädter gesetzcstreuen Verbandes sprach. Von Psombüchsen und alten Haggaden Von Georg Hermann. j Wir entnehmen die folgenden Ausführungen des '!;; Dichters von Jettchcn Gebert einer Werbeschrift des Vereins Jüdisches Museum E. V. zu Breslau. Die Redaktion. Vor wenigen Monaten sah ich im Cluny in Paris die jüdischen Kultgegenstände der Sammlung Rothschild, eine Stiftung der Baronin Natalie von Rothschild. Gold- und Silber- Arbeiten, Bücher und Thorarollen und Manuskripte, Sabbath- und Chanukahleuchter und Psombüchsen, Beschneidungsinstrumente. sehr reiche uttd zierliche Filigranarbeiten, Stickereien und Vorhänge für Thoraschrreine und so fort. Es waren Kvei Gefühls gruppen, die sich. dabei regten und seltsam in WÄerspruch standen. Die eine war die des Kunstfreundes und des Sammlers, der den artistischen Reiz der Dinge zu sehen gewohnt ist; und die andere war die des persönlich als Jude an diesen Dingen beteiligten Mensche,u Ja, mehr als das, ein Gefühl, das ich nicht beschreibe,sondern nur umschreiben kann. Das aber ist der letzte Rest meiner Empfindung bei diesen Kultgegenständen, die aus vergangenerr Jahrhunderten kommen.... ein mitzitterndes Gefühl: es hat Menschen gedierrt, die ähnliche Züge trugen wie ich; es war wie ein Gold- und Silberschimmer in ihrem Loben; und es ist weiter von Menschen geschaffen worden mit ähnlichen sellrschm Zügen. Bon Handwerkern mit Freude an der künstlerischen Tradition und an der künstlerischen Note. Ich empfinde vor diesen Gegenständen in einem erhöhten Maße das Tatwamasi — das bist Du — als ich es sonst bei der Kunst empfinde. Alle diese Gefühle streiten aber miteinander. Bis vor einigen Jahrzehnten hat man doch überhaupt die Ansicht vertreten, daß der jüdische Tempel und das jüdische Haus in seinen Riten vollkommen kunstfremd waren, und erst durch Sammlungen, wie diese im Cluny und das Museum jüdischer Altertümer in Frankfurt und neuerdings ln Berlin, haben weitere Kreise sich eines bessere» bekehrt. Wir aber sind uns jetzt doch bewußt geworden, daß auch für beides immer Gegenstände von seiner Eigenart geschaffen worden sind, die wir weder übersehen dürfen, aber die wir — das sagt mir mein langjähriges Interesse an den Werken dem orthodoxe Gelder nicht für liberale Zwecke, wohl aber (vielleicht auch „natürlich"?!) liberale Gelder für orthodox« Zwecke verweudet werden sollen, so wird jeder rechtlich Denkende auf Seiten de- Mainzer Verbandes stehen, rvenn dieser di« Verhandlungen — hier dürfen wir einmal sagen: natürlich! — abgebrochen hat. Umschau (Etttt Erklärung der Deutschen Botschaft in Washington über die Friedhofrschändungen in Deutschland. Das jüdische Mitglied des Konyresses der Vereinigten Staaten, Samuel Dickstein, veröffentlicht soeben einen Briefwechsel, der zwischen ihm und der Deutschen Botschaft in Washington bezüglich der Friüchofsschändungm in Deutschland stattgesunden hat. Auf ein an die Deutsche Botschaft gerichtetes Schreiben Dicksteins erwiderte der Botschaftsrat, Herr O. C. Kiep, mit Datum vom 20. September d. Js. u. a.: „Obwohl ich mit allem Nachrichtenmaterial aus der Heimat eng vertraut bin, habe ich bis jetzt nichts von Entweihungen jüdischer Friedhöfe in Deutschland gehört, auch nicht von den von Ihnen erwähnten Entweihungen in Flammersheim und Kirchheim im Rheinland." Herr Kiep gibt zum Schluß die Versicherung, durch seine Regierung Ermittlungen anstellen zu wollen. Mit Datum vom 23. November schrieb der erste Sekretär der Deutschen Botschaft, Herr Lei Stuer, daß aus eine in Berlin angestellte Ermittlung eine Antwort einlief, die die Entweihung jüdischer Friedhöfe bestätigt. Der Sekretär versicherte jedoch, daß nur ein Teil der Entweihungen auf antisemitische Beweggründe zurückzuführen, daß aber die Mehrzahl der Entweihungen von Minderjährigen oder von geistig unzurechnungsfähigen Personen verübt worden seien. Infolgedessen wäre es unrichtig, zu sagen, daß solche Entweihungen in Deutschland eine gewöhnliche Erscheinung find. Ich möchte hinzufügen, daß die deutschen Reichs- und Staatsbehörden in jeder Weise bestrebt sind, solche Verbrechen zu bestrafen und zu verhindern. Der Preußische Justizminister z. B. hat an alle preußischen Staatsanwälte endgültige Instruktionen ergehen lassen, in welchen er sie dringend auffordert, gegen alle jene Personen, die sich solcher Verbrochen schuldig machen, Anklage zu erheben; auch der Reichsjustizminister hat eine sehr scharfe Verdammung dieser Verbrechen ausgesprochen. Sie werden daraus ersehen, daß alles mögliche getan wird, um Verbrechen dieser Art aus der Welt zu schaffen." Rumänien, Rußland und Jemen. In einer Sitzung des Jewish Board of Deputies wurde der Bericht des Joint Foreign Committee verlesen. Ihm ist zu entnehmen, daß aus Anlaß des Regierungswechsels in Rumänien eine in freundschaftlichem Tone gehaltene Korrespondenz zwischen dem Joint Foreign Committee und führenden Mitgliärern des neuen Kabinetts stattgefunden hat. Minister Madgearu hat namens der Gesamtregierung dem Komitee versichert, daß freundschaftliche Beziehungen zu allen Minderheiten im Königreich unterhalten werden. Die Korrespondenz über das sogenannte „Fremden-Dekret" wird sortgeführt. Ein weiterer Briefwechsel hat zwischen dem Komitee und dem britischen Außenministerium einerseits und dem Generalsekretär des Völkerbundes andererseits in der Frage des beschränkten Rechtes privater Gesellschaften, dem Völkerbundsrat Petitionen zu überreichen, stattgefunden. Am 15. November informierte Sir Eric Drummond das Komitee, daß er die Angelegenheit dem Völkerbundsrate unterbreiten werde und einen Erfolg erwarte. Aehnlich ermutigend klingt eine Mitteilung der britischen Regierung. UÄer die angeblichen Verfolgungen des Judentums in Rußland wurden Beratungen abgehalten. Die Frage bietet große Schwierigkeiten, und es ist dem Komitee noch nicht möglich, ein endgültiges Statement über die Lage der Juden in Rußland und über die am ^eignetstm erscheinenden Hilfsmaßnahmen der Oeffentlichkeu zu übergeben. Im Hinblick ans die Nöte der Juden im Jemen hat das American Jewisb Committee vorgeschlagen, daß führende jüdische Organisationen Schritte zur Ermittlung der genauen Lage und zum Schutze der verfolgten Juden ergreifen. Joint Foreign Committee hat sich dem Vorschlag angeschlossen; in ganz kurzer Zeit wird ein Aktionsplan nutzet eilt werden. Zum Schluß gab der Vorsitzende d'Avigdor Goldsmid dem heißen Wunsche nach einer baldigen Wiedergenesung des Königs Ausdruck. der bildenden Kunst und vielleicht noch mehr des Kunstgewerbes — auch nicht überschätzen dürfen. Selbst ihre besten Stücke wandeln doch nur für eibene Zwecke die Stilkomponenten der Zeit ab. Meist haben sie mit einer merkwürdigen — man möchte sagen jüdischen — Zähigkeit längst vergangene Stile sogar konserviert. Die silberne Psombüchse aus dem Haus meiner Großeltern ist noch die gotische Monstranz (wenn nicht die gotische Monstranz überhaupt die Psombüchse ist). Die kleinen alten Synagogenräume, die das Luitpoldmuseum in Würzburg und das städtische Museum in Schwäbisch-Hall ausgestellt haben, mit ihren bemalten Holzwänden in großen Zügen von Distelakanthus, würde jeder für späte Gothik halten, wenn nicht ihre Datierungen sie, soweit ich mich erinnere, in den Anfang des 18. Jahrhunderts wiesen. Diese jüdische Kunst also hat die gleiche Zähigkeit im Festhalten einmal ausgenommener Formen, wie zum Beispiel alle bäuerisch« Kunst sie hat, die die städtischen Möbelformen und Trachten aufnimmt, abwandelt und durch Jahrhunderte dann bewahrt, während die Urbilder längst vergessen und antiquiert sind. Der Gefühlswert, das Fluidum, das diese Dinge für uns ausstrahlen, die Aureole, die sie umgibt, ist etwas, das auch, dann seine Wirkung ausübt, wenn der Platz, den die religiösen Riten in unserem Leben einnehmen, ein schr geringer gewogen ist. Etwas beginnt, sowie wir der Dinge ansichtig werden, oder gar sie in oer Hand halten, in uns zu vibrieren, ähnlich, ungefähr, wie wenn wir plötzlichim Titusbogen die Darstellung des großen Leuchters gewahren, dm die siegenden Römer als Trophäe tragen. Wir empfinden plötzlich nicht symbolisch, sondern als greifbare Tatsache, diese unendlich, langm Ahnmreihm, die bis zum Heute, bis zu uns führen, und deren wir uns nicht immer mchr bewußt sind. Das da warm ihre LebmSsymbole. Zuviel Dinge, an denen der Hauch von etwas Heiligem hängt, und die außer unserer schriftlichen und religiösm Ueberlieferunb greisbar mit der Vergangenheit verbinden, gibt es ja nicht der uns. Die weniam (wer solltm geschützt weäm und solltm erhaltm bleiben für die. die nach uns kommen. Dafür zu sorgm und mehr zu sorgm, als es bisher geschaht ist ein ganz primitives Gefühl, das nichts mit fromm oder unfromm gemein hat, und das — ob wir es wahr hcchen wollm oder nicht — in jedem jüdischen Menschen in gleicher Stärke Der Erfolg der Bulgari-n-Mtto« der Hilfsoereins. Für das Wiederaufbauwerk in dm vom Erdbeben im April diches Jahres betroffmm jüdischen Gemeindm hat der HUsSverein der Deutschen Juden bekanntlich im Sommer dieses Jahres eine Sonderaktion eingeleitet. Nachdem Ende September 15000 Mark überwiesm worben waren, hat der Hilssverem vor einigen Tagm weitere 5000 Mark zur Verfügung gestellt. Insgesamt sind von ihm für die Wiederherstellung zerstörter Gemeindeanstalten 20000 Mark überwiesm worden. Brennende Aufgaben jüdischer Jugendpflege auf dem Laude Von Sally Neuburger, Berlin. Es wird oft von der finanziellen und kulturellen Not der jüdischen Landgemeinden gesprochen und darüber gEagt, daß das Reservoir, das früher der Judmbeit der Großstädte frisches Blut und neue Kraft zuführte, allmählich ganz versiege. Die gesellschaftliche Schichtung der Juden in den Klein- und Mittelgemernden ist durchaus einseitig. In der Hauptsache stellen sie die Angehörigm des Händler- und Kaufmannsstandes, während sie in der Handwerkerschaft wenig, in der Bauernschaft fast nicht zu findm sind. Dies ist besonders schlimm in einer Zeit, in der bäuerliche und hand-- werkliche Berufsgenossenschaften die angeborene Abneigung dieser produktivm Berufsschiichtm gegen alles Händlertum zu ihren Zwecken ausnützen und dem freien Händlertum schwere Konkurrmz machen. — Es ist daher kein Wunder, wmn sie ihre Kinder freien Berufen zuführen oder sie solche kaufmännische Berufe erlernen lassen, für welch« nur eine Tätigkeit in der Großstadt in Frage kommt. Sie vergessen zwar oft dabei, wie schwer die Aufftiegsmöglichkeiten in der Großstadt sind, und wie groß das freiberufliche und kaufmännische Proletariat ist. Es ist Aufgabe aller Organisationen, die jugendpflegerisch arbeiten, auf diese Tatsache ihr besonderes Augenmerk zu richten. Es genügt nicht, wmn in bmackbartm Städtm Berufsberatungsstellm sind, die auf Wunsch bei der Berufswahl mit Rat und Tat zur Seite stehen. In dm kleinstm Gemeindm müssen von Zeit zu Zeit Berufsberatungen abgehalten werden; an die einzelnm Familien muß herange treten werden, selbst auf die Gefahr hin, daß der gegebme Rat nicht angehört oder befolgt wird. Bei solchen Berufsberatungen ist es notwendig, auf die besonderen ländlichen Verhältnisse mit Verständnis einzugehen, der Anschauungswelt und den Gewohnheiten der Landjudmheit Rechnung zu tragm und zu versuchen, auf dem Lande selbst Existenzmöglichkeitm zu schaffen. Man tut gut, alle diese Fragen unter höheren Gesichtspunkten mit Iben Eltern und den Jugendlichen zu besprechen und sie darauf hinzuweisen, daß es ein Risiko ist, zu einer Zeit, in der sich alle Berufsorganisationen zu größeren und gebundeneren Wirtschaftsformen Zusammenschlüßen, sich einseitig einem Berufe zu widmen, der sich nur in vollkommener Wirtschaftssreiheit mtfalten kann; daß es also ratsam ist, die Händler- und Kaufmannstätigkeit mit einer produktiven Arbeit zu verbinden. Durch diese Verbindung von händlerischer mit bäuerlicher Beschäftigung wird einmal eine Plattform zu allmählicher Berufsumschichtung geschaffen; ferner aber wird dadurch die psychologische Möglichkeit gegeben, sich gegen den aufstrebenden Konkurrenten wirksam zu wehren. Ich weiß aus eigener Erfahrung, daß der Viehhärchler, der zugleich. Bauer oder Metzger ist, und der Geschäfts^ mann, der einen handwerklichen Beruf betreibt, beim Bauer und Handwerker von vornherein ein ganz anderes Vertrauen genießt als der Händler, der nur Gütervermittler, nicht Produzent ist. Durch Gewährung von zinslosen Darlehm muß die Existmzgründung junger jüdischer Menschen auf dem Lande erleichtert und gefördert werden. Nur durch Schaffung von Existenzen, die dm besonderm ländlichen Berhällnissm in psychologischer und wirtschaftlicher Hinsicht gerecht werden, kann der Abwanderung aus dm Landgemeinden wirksam begegnet werden. Alle wirtschaftlichen Hilfeleistungen an die jüdische Jugend ans dem Lande bleibm jedoch wertlos, wenn nicht eine intensive Arbeit zur Hebung der kulturellen und religiösm Not der Landjudmheit einsetzt. — Der Jude der Großstadt kmnt jüdisches Gemeinschaftsleben; ihm sind Versammlungm, in welchen Hunderte und Tausende von Juden mit Leidenschaft über aktuelle jüdische Fragm diskutieren, nichts Seltenes. Belebt, und naturgemäß leben muß, weil eben alle Gegenwart stets nur der Bindestrich zwischen einer langm und nckÄhasten Vergangenheit und einer langen, unbekanntm Zukunft ist. Alles aber, was wir tun können, ist, diese Vergangenheit in die Zukunft weiterzureichm... bevor wir selbst Vergangenheit werdm. Ich! habe mir oft überlegt, in welcher Weise die Sarmnlungm jüdischer Mtertümer fortzusetzen wären. Denn wir könnm es nicht lmgnen, daß eine nenneswerte Ritualkunst hmte nicht mchr besteht, oder wenn sie besteht, doch in einer durchaus anderen Art, als es jene von einst war. Und doch — das kann ebmso wenig angezweifelt werden — besticht hmte das Judentum noch,, und zwar kaum weniger ausgesprochen als ehedem. Nur ist es heute in seinen Aeußerungm weniger leicht zu findm, und weniger einfach zu deuten. Dmn dieses Judentum besteht nicht mchr im rein-religiösen und kulthaften und ist keineswegs mchr nach, außm so abgeschlossen, wie früher. Was aber — so frage ich mich — tarnt davon nun bleiben? Bewahrt werdm? Wo wird man die Möglichkeit haben, sich darüber zu informieren, sich davon ein Biü> zu schaffen? Das aber ist schon heute kaum möglich, und späterhin wird es noch viel schwieriger sein. Mich reizt z. B. die Soziologie der jüdischen Familie heute. Mich drängt es genau zu wissen, welchen Anteil habm wir deutschen Judm an den deutschen und europäischen Kulturleistungm auf künstlerischen, wissenschaftlichen, sozialm, philosophische», merkantilen, kurz in alten schöpferischen Gebieten? Wer matt mir darüber Bescheid geben? Wo kann ich das Bild davon sehen? Und wmn zwanzig, vierzig Jahre verflossen find, so werde ich. scheu können, was heute war? Ich möchte mir vielleicht gem dm Aufbau einer jüdischen Familie von 188ft bis heute vergegenwärtigen.... aber wo und wann kann dies geschehen? Nirgends! Nirgends! Bislang kann weder das eine noch das andere irgendwo in der Welt geschehen. Das aber erscheint mir eine große Aufgabe des jüdischen Museums. Zuerst einmal... jüdische Familienarchive zu führen, anzuregm, zu beraten und zu überwachen. Bon meiner Famllie sind drei, vier, fünf Generationen BildmKe, Pchvtos. Dokumente, Bücher, Zeugnisse von Leistungen, charakteristische Ginrichtungsgegmstärwe und Erinnerungswerte überall zerstreut, sicher wärees Lehrreich, diese Dinge irgmd bei einem Mitgliede zu vereinigen. Niemand ergreift Haz«

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