Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 51 (21.12.1928)
- Date
- 1928-12-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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T" l r den Römerberg gestiegen — und in manch tieferra Kellerloch gluckste noch Stromgetier; darum schleuderte er aus dem Rapunzelgäßchen zum Wirtshaus ,Schwarzer Stern' und weiter durch die schräg gegenüberliegende Umpurggasse am Rathaus auf die Karpfengasse zur Linken, wo die mit schweren Torflügeln festungshaft verrammelte Kneipe ,Zur Blechmusik' liegt, weil der Schnaps hier aus Blechbechern getrunken wurde — der erst nach dem Dreißigjährigen Krieg statt Wein Volks- §etränk’ geworden — und stapfte über klobige nasse tufen in die Wirtschaft ,Zum Karpfen' empor. Das Glacis der Stadt schoß damals noch schräg zum Main hinab, hier l&gierte die Truppe in den ersten Tagen, sie hatte noch keine Zunftquartiere und Eisenbart stieg im massiven Wendelturm außerhalb des Hauses vom Hot zu den geräumigen Schlafstuben hinan. Noch bei den Kaiserkrönungen wohnten hier nur prominente Gäste, aber die stickig tiefe Gaststube, vom Mainwind umbraust, von Wettern umklirrt, mit ihren dicken Holzsäulen und düstern Fensternischen war zurückgegangen, selbst die gewaltigen Tonnengewölbe der Keller trockneten nicht mehr aus und Trunk wie Speis’ schimmelten, muffiger Dunst quoll aus der Falltür. Deshalb logierte man hier jetzt ungestörter und billiger. Eisenbart steckte dem Wirt einen Taler extra zu: „Schenk meinen Leuten wenig Most heut’ abend, damit sie morgen in guter Montur sind, denn wir müssen in Frankfurt viel flaue Märkte nachholen —“ ließ sich auch die Speisefolge zeigen und jedem noch drei Handkäs’ mit Kümmel hinzutun — „wenn alles bene klappt, schenkt nach der Vorstellung jedem eine Kanne Hohen-Astheimer drauf — ist doch würzig zu trinken?" „Ein Rindspippel, wer ihn nit mag —!" bedeutete der Wirt mit Stolz. Beruhigt schlenderte Eisenbart weiter zum Krautmärktchen und berührte den Fischmarkt und sah die Händler ihre grauen Bütten voll Schuppenwasser und Abfall in die offnen Kanäle ausschütten, bog ins Roseneck, die damals Bäckerherb erg war, und gelangte so ins eigene Gasthaus zur ,Stadt Darmstadt' zurück. Wieder empfing ihn glühender Wang der Sohn des Wirtes, er schien ihn erwartet zu haben, der schon gestern abend bei vielerlei Erzählungen nicht von seiner Seite gewichen (war und sich mächtig für die Chirurgia entflammt hatte, um auf Eisenbarts Rat nach Amsterdam oder Leyden zu gehn, wo die Anatomia sich besonderer Beachtung erfreue. Während auch jetzt die Mutter heftig gegen diese weite Reise ins Ausland sprach, der Vater hinterm Schanktisch auftrumpfte — entbot sich Eisenbart des lieben Friedens willen, den jungen Lorenz Heister auch selber zunächst in Lehr’ und Studium zu nehmen (und auf keinen Menschen ist fürderhin Eisenbarts Same fruchtbarer gefallen wie auf diesen etwa zwanzigjährigen Jüngling, dessen Allongeperücke heut’ noch mit goldener Unterschrift als »größter Chirurg seiner Zeit' auf der Hausfront der alten Wirtschaft prangt). Der Lorenz verkehrte damals nun viel mit dem Sohn eines reichen Juden, der wie viele alte Talmudisten dunkler Heilkunde seltsame Mittel pflegte und sich sehr für Eisenbart interessierte, so daß Lorenz die Einladung überbrachte, er mög’ doch gleich — bevor er ab morgen von den Kuren beschäftigt sei — zu einem höflichen Besuch herüberkommen! Die Absperrungskette hing noch nicht vor der Gasse, aber bald würd’s sechs Uhr schlagen, Sonnenuntergang vor Schabbes, Eisenbart trug seinen Instrumentenkasten wie zu enger Hilfleistung. „Der Jud und ein Schwein, dürfen hier nicht ein —" sagte der Lorenz — „steht auf den öffentlichen Schildern aller Stadtgärten, deshalb haben manche hie kleine Dachgärtlein angelegt, wie Ihr droben schaut!" und zeigte zu den Häuschen empor. Vor den schmalen Türen standen unten überall noch die Ladentische voller Tandel-Kram, während die größeren Sachen, Hosen, Felle, Netze, Ackergeräte in der Haustür hingen und im stark vergitterten kleinen Kasten daneben wohl ein Paar Schuhe stand oder ein vverramschtes Armband lag, gar Heiligenreliquiare aus altgetriebenem Silber oder altmodische Federhüte und präparierte Ko ibris auf kleinen Samtbäumchen. Haus an Haus durfte nur je ein Zimmer nach vorn und eins nach hinten haben, so daß jede Ghetto-Gasse zum offnen Laden sich wimmelnd erweiterte. Querüber hing Wäsche, Mais zum Trocknen, baumelten Würste, Käse, Säcke standen reihenweise offen mit Korn zur Probe, Hund und Ziegen suhlten in den dämmrig fahlen Gossen. Lumpig barfüßig Volk lagerte und lärmte auf den Trep- £en, haufenweis’, balgte um den Wasserbtunnen, sang, elfte, tobte mit flatternden Gesten, Mütter säugten an offnenen Fenstern, daß eine wirre Wolke von Geruch und Geschrei über die Ankömmlinge zusammenschlug. Schwarzlockige Jungen griffen Eisenbart gleich bettelnd an die Frackschniepel, nestelten am Degenkorb, ob der Student auch scheltend mit dem Stock ins lästige Geschmeiß dreinklatschte, bis die gaffend Umschwärmten sich kaum vor dem begehrlichen Rudel durch Schnellschritt ins Häuschen zu flüchten vermochten, drin der reiche Manasse wohnte. Der enge Vorraum bildete den Laden und Eisenbart stieß mit dem Kopf sofort an die gewaltige eiserne Wage, die vom Deckenbalken herabwankte, so groß, daß man einen Mast-Ochsen drauf wiegen konnte. „Ja — der Manasse", flüsterte Lorenz — „verkauft Lumpen nur in Wagenladungen — — ansonsten aber ist er Bankier!" Wirrnis von Trödel muffte auch hier auf Regalen an allen Wänden und noch etwas mehr Raum zu sparen, hatte man mit hohem Holzgitter den Hintergrund des Flurs rechts noch als Küche albgeteilt. Dunst von Oel und Gesottenem dampfte in Schwaden vom Herd, der im Halbdunkel flackerte, indes zwei Matronen hinter dem Gitter das Sabbatessen just fertiggestellt. Noch weiterhin Raum zu sparen, hatte man unter der Treppe, die links schmal wendelte (so daß zwischen' Treppe und Küchengitter ein schmaler Durchschlupt zum Hof freiblieb), alle Hausschränke eingebaut; Lorenz flüsterte: „In meisten Häusern, Herr Rath, muß der Kunde gar durchs Schlafzimmer ins hintere Hoflager oder in die Wechselstub’!" Mittlerweil trat der Bankier selber hinzu und begrüßte Eisenbart: „Meister Doktor, Ihr habt so viel Gutes getan an meinen G’aubensbrüdern alleweil in jeder Stadt, daß ich Euch heut’ abend zu einem kleinen Dankessen geladen; Gott segne Euren Eingang!" Eisenbart wehrte dem Schwall von Worten, mit denen nun auch die Hausfrau aus dem Küchenverschlag, der beim entzündeten Kienlicht wunderlich von Kupfer und Zinn schimmerte, lebhaft hervorschlurfte und meinte: „Ach, all’ diese kleinen Wohnungen schienen mir stete wie dunkel zusammengeschobene Wagen, kurz und ängstlich vorm ewigen Aufbruch!" „la —" lächelte der Hausherr — „viel ist wohl auf Flucht oder Täuschung berechnet — dort der eiserne Kassenschrank trägt nur zur Irrführung vorn dies blinde Schloß, denn er wird in Wahrheit mit kleinem Schlüssel auf der Rückseit’ geöffnet! Und hier, dreht Euch vorsichtig um, an der Treppentür läuft der verborgene Gang in den Zufluchtskeller hinab — auch liegt nach alter Vorsicht immer ein Quantum Notnahrung drunten aufbewahrt — —" Eisenbart murmelte: „Wohl, wohl — in Zirndorf selbst, dem kleinen Städtchen, sah ich diese Maulwurfsgänge, auch in Höchst, wo ein groß Ghetto — —" „Wir wollen lieber die Stiege hinaufgehen —" komplimentierte Manasse — „Sieh, auch ein Laubhüttenhäuschen auf dem Dach —? Ich saß oftmals zum Fest drinnen —" nickte Eisenbart — „wenn die Tannenzweige aufs Holzgatter gelegt waren — einmal regnete es uns naß wie im Wald, aber Ihr müßt unter freiem Himmelslaub feiern — — ist ein fromm alter Brauch! Auch ich feierte mal Weihnacht im Wald!" „Die Sabbatlampe flimmert schon —" deutete Manasse grad aus — „tretet ein, lieber Doktor!" Eisenbart legte den Degen ab. „Sie ist ein venezianisch Geschenk — von einem großen Handelsfreund, aus pur geschmiedetem Gold, die sieben sternartig verteilten Aermleins haben inwendige Rillen, drin das Oel zum Dochtend’ an die Spitzen fließt! Von der Spitze dieser Aermchen — seht, wie fein, jede mit einem Rubin geziert, hängen die Diamantbesetzten sieben Goldbänder mit gleicher Rille, um das abtropfende Oel nach unten in ein klein Sammelbecken von Krystall zu leiten!" Und Eisenbart sah die magisch schöne Sabbatlampe wie ein flimmernd Gestirn unter der Decke schweben. Da hinkte die Tochter herein, gelb, kurz, dick, Eisenbart erkannte gleich ihre Hüftlähmung, Manasse fing seinen Blick auf und nickte grämlich: „Ja, was nutzet mir alles Geld — nun, wo’s doch zu spät ist — —? Erhielt keine Erlaubnis zur Badreise, auch ins Spital zur Behandlung ließ man mein Kind »nicht ein und was reisende Chirurgi an Operatismus rieten, schien immer schlimm gewagt, dazu: wo sollten wir operieren — etwa im freien Feld draußen, da alle Räume vom Geschäft und der Anzahl der Familie belegt sind und jeder, so krank gemeldet wird, gleich Gefahr üblen Rufs und ansteckender Seuch’ in die Stadt bringt —?“ Eisenbart gewahrte jetzt Wandbetten rund um im Zimmer, die er erst für Truhen oder Diwans gehalten. „Genug —" fuhr Manasse fort — „wir getrauten so tiefe Eingriffe niemandem hier zu im finster staubigten Haus; nachdem aber mein Kind im zartesten Alter eng am Ort festgebannt, siechte es wie eine Kellerblum’ — wie eine Kröt’l" „Ob selbst Schwefelbäder geholfen hätten, sehr fraglich — sah auch im Badort nur liederliche Torigkeiten, die mehrsten waschen nachhero ihren leeren Beutel nur im Tränenbad —" entgegnete Eisenbart. Manasse wehrte mit fahrigen Gebärden: „Wir aber müssen immer der Schrift gedenken: ,war ein Schwemmteich zu Jerusalem und jeder Kranke mußte hineinsteigen, sobald der Engel das Wasser bewegte und er ward gesund — ich vermein’, unterm unsichtbaren Engel ist nur der reine Windgeist zu verstehn —und murmelte fast scheu in seinen großen Bart — „nun jedoch ward sie blöd — —" Eisenbart, das Mädchen näher betrachtend, gewahrte jetzt erst in ihren Ohren fürstliche Brillantgehänge, auch an ihren Fingern, sämtlichen, blitzten Brillanten wie ein Elmsfeuer und dieser glitzernde Prunk schien ihm wie schauerliche Leichenpracht einer fein gemachten Lemure und da er sprachlos noch dies rätselhaft fremde Wesen begaffte, begann Manasse greinerlich wieder: „Ist nimmer Putzsucht — heißt uralte Tradition — denn nur das dünket uns geffnge Sicherheit letzten Besitzes, was bald versteckt oder leicht in Fluchttagen von Hab und Gut mitzunehmen — drum hänget der Jude am Edelstein — —" das Mahl ward aufgetragen, wie eiliges Laufen mit den Schüsseln auf der Wendeltrepp’ verriet (eh’s vielleicht erkalten mocht), denn draußen war’s freiervoll-still geworden. Vierzehn Kinder stolperten die Treppe mit empor und hockten sich um den Tisch; vor ihren erwartungsvoll glänzenden Augen rekelte sich Eisenbart behaglich im Stuhl, Gastlichkeit überrieselte ihn, er saß wie inmitten eines zwitschernden, schnäbelnden, flatternden, zankenden Nestes und der große schwarze Bart schwebte patriarchalisch im Kreis, klopfte mit Ernst und reichte mürbes Brot, jedes Kind brach schweigend einen Brocken ab und sprach dann seinen Segensspruch und nun setzte das Mütterchen zuerst ein dampfend Fischgericht auf. Man aß vom feinsten Dekor Leipziger Porzellans. Alle saßen festlich gekleidet. Der Vater wollte nun das Gespräch über die Katakombengänge weiterführen, aber: „Lecker — lecker!" sagte das Mütterchen, alle nickten vereint und auch der Vater unterbrach sich: „Sehr leckerer Fisch —" Eisenbart fiel die Geschichte des Juden ein, den er im Vors aal eines Grafen getroffen und lenkte das Gespräch aufs schmähliche Kopfgeld, das die Juden immer noch als legale Sondersteuer zu entrichten hätten — „Süß wie eine Nuß —" unterbrach das alte Mütterchen und nötigte Eisenbart noch ein großes Stück Fisch auf den Teller. „Sogar Zebrastreifen über den Rücken-" sollten sie. mit all' den Jhrigen tragen —" fuhr Eisenbart fort — „und spitze Hüt’ vom grellsten ..." „Auch die Sauce ist delikat —" schnalzte die jüngere Tochter — „mit ganz leichtem Safrangeschmack, den wir besonders lieben; probieren S’s bitt’ mal, Herr Doktor Eisenbart!" „Ja — ja —" sagte Eisenbart zerstreut und antwortete dem Hausherrn auf die unterirdischen Gänge: „Wir waren nicht fertig worden mit der Schilderung der Katakomben, sie interessieren mich ungemein und hätte nimmer gedacht, selbst in den großen freien Reichsstädten diese-!" „Die Milcher schmilzt auf der Zung’ — — und sehr gesund!" unterbrach wieder das alte gute Mütterchen und ließ nicht locker, bis Eisenbart mit der Zunge das leichte Zerschmelzen der Milcher im Mund selber probiert hatte. „Wachenheimer Mandelgarten, allerbest’ —" schenkte der Vater drauf in hohe bunte Gläser ein —■ „kostet einen runden Taler acht Groschen die Flasche, aber für unsern lieben Gast sei nichts zu teuer, Prosit!" Und während man auf langes Leben sich zutrinkend voreinander verneigte, strahlte das Böhnchen übers Glas: „Solche Gläser haben nur wir allein im ganzen Ghetto, Onkel Eisenbart!" Eisenbart nickte ihm freundlich zu: „Das ist ja nett, mein Sohn —“ schlürfte behaglicher vom Chablis der Pfalz und wollte just fortfahren: „Also von je zwei Häusern läuft ein Quorgang und —" „Ah — das Hammelbrätchen kommt, jung und ganz ohn’ Fett!" jubelte das Mütterchen, als die Muhme die zweite Schüssel hereinbrachte und tupfte (aufgeregt Eisenbarts Aermel, daß er’s doch ja nicht überschauen möcht', — — und unwillkürlich schaute auch Eisenbart unterm tiefen Andachtschweigen aller Hausgenossen zu und begann artig wieder die Unterhaltung: „Alle Gänge vereinigen sich also zu einem Hauptgang —" „Hm —!" antwortete der Vater wie obenhin, noch immer austeilend — „sie laufen in einem Hauptgang unters ganze Ghetto her bis draußen zwei Stunden vor die Stadtmauer an verborgenen Ausgang — —“ „Wie — so weit —-?“ hub Eisenbart überrascht das Gesicht hoch unter der Perücke weg — aber im gleichen Augenblick legte das Mütterchen die runde runzliche Patschhand auf den knusprigen Braten und streichelte ihn vor aller Augen im Familienkreis zärtlich aut dem Tisch. Und erst diese Gebärde der Liebkosung des Brätchens auf dem Tisch fuhr Eisenbart über und über — er erkannte auf einmal wie in grausigem Symbol ungeheuerlichste Tragik: tausendfach letztes Abschiedsmahl vor Tod und Austreibung um Stückchen Fleisch wie um ein Gottesgeschenk am Wegrand und endlich, nun endlich nicht mehr wie verfemte Raubtiere — endlich eroberte Wohligkeit, hier endlich erraffte Sicherheit, in umhüteter Heimatstadt thronend um den Vatertisch beisammen unterm alten flimmernden Davidstern und Eisenbart saß wie ein Verbrecher erbleicht zwischen ihnen und nicht das Schicksal des Hürleins hatte gespenstig ihn aufgerührt wie diese kleine himmelerschütternde Gebärde, darin Gott wie in einem lautlosen Donner über die ganze Christenheit Weltgericht hielt... ach, Christenheit, wo blieb deine Predigt der Lieb’ in der Welt —? Und vermochte auch vom Apfelschalet kein Rosinchen mehr anzurühren ... ★ BÜCHERSCHAU ★ Der Große Brockhaus, Band 1. Subskriptionspreis in Ganzleinen M. 22,50. Verlag F. A. Brockhaus, Leipzig. Seien wir ehrlich: Wir sind dem Lexikon gegenüber etwas mißtrauisch geworden, weil es zu leicht zum Ersatz des Wissens durch oberflächliches Halbwissen verführt. Wir zweifeln, ob heute bei der Mannigfaltigkeit und Kompliziertheit des Lebens in einem Werk, selbst wenn es aus zwanzig Bänden besteht, Wesentliches gesagt werden kann. Und jeder Blick in ein Vorkriegslexikon, nährt noch unsere Bedenken. Durch den vorliegenden ersten Band des großen Brockhaus wird unser Skeptizismus auf diesem Gebiet trefflich widerlegt. Ein Gang durch den Band, dessen geschmackvolles Aeußere Erich Gruner-Leipzig entworfen hat, gibt eine Vorstellung von der Vielgestaltigkeit des Werkes; es ist ein Gang durch unsere Zeit, ein Gang durch alle Gebiete zwischen Himmel und Erde. Die Artikel sind kürzer und übersichtlicher, dafür aber wesentlich zahlreicher, die Sprache ist knapper und klarer geworden. Nichts ist von Lebensfremdheit, von einseitiger wissenschaftlicher Sprödigkeit zu merken, die früheren Nachschlagewerken oft anhingen; überall enge Verbindung mit Leben und Praxis. In der Tat, dies ist einer der leitenden Grundsätze bei der Neugestaltung: den „Großen Brockhaus" zu einem wahren Volksbuch zu machen, einem Buch, in dem man sich Rat und Belehrung in allen Fragen des täglichen Lebens holen kann — sei es aus Beruf oder Familie, sei es aus Kunst oder Wissenschaft, sei es für eine Liebhaberei oder zu ernstem Studium. Der erste Band umfaßt nur einen Teil des Buchstaben A (bis Ast). Trotzdem finden sich in ihm bereits zahlreiche Stichworte, die jüdischen Inhalt bergen oder doch mit dem Judentum in Beziehung stehen. Um nur einige zu nennen: auf organisatorischem Gebiet die Alliance israelite universelle oder die Agudas Jisroel, auf religiösem Gebiet Abraham, Adonaj, Akiba, Arnos, Apokalyptik, Apokryphen, Arabische Literatur, Aramäische Sprache, Askese usw. Stets zeigt sich der Wille, ohne Parteinahme zu berichten und das Judentum als eine der Weltreligionen gleichberechtigt zu beachten. Zahlreiche Berührungspunkte finden sich naturgemäß auch bei „Aegypten", dessen Geschichte mit beachtlicher Gründlichkeit dargestellt wird. Frei von Tendenz ist im Gegensatz zu dem neuen „Meyer" der Artikel über „Antisemitismus". Während sich bei Meyers Lexikon bei den Literaturangaben nur Hinweise auf antisemitische Schriften fanden, ist beim Brockhaus das Pro und Contra berücksichtigt. Zweckmäßig wäre vielleicht eine Ergänzung des Verzeichnisses durch einige grundlegende Schriften, etwa Gobineau: Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen, Renan: Le judaisme comme race et comme religion, Chamberlain: Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts, und vom gegenteiligen Standpunkt Brunner: Der Judenhaß und das Denken, Goldstein: Rasse und Politik, Rieger: Vom Heimatrecht der deutschen Juden. Bei den Zeitschriften müßte neben den Abwehrblättern auch die C.-V.-Zeitung erwähnt werden. Bei den Literaturhinweisen zu „Altar" vermißt man H. Greßmann: „Die Ausgrabungen in Palästina und das Alte Testament", der übrigens auch bei dem Stichwort „Archäologie" erwähnt werden sollte. Bedauerlich auch, daß bei dem Absatz „theologisch" zur „Anthropologie" die Literaturangaben fehlen. Mit diesen Hinweisen soll aber keineswegs der äußerst erfreuliche Eindruck des auch bildlich hervorragend ausgestatteten Werkes abgeschwächt werden. Mit welcher Gründlichkeit beim Brockhaus vorgegangen ist, das zeigt z. B. die Berücksichtigung des Wortes „Almemor", das sogar in dem jetzt erscheinenden Nachschlagewerk „Die Religion in Geschichte und Gegenwart" fehlt. Zum ersten Male finden sich in einem großen deutschen Lexikon Autotypien — also die Wiedergabe von Photographien — im Text, hier z. B. der Almemor in Ansbach. Dieser Lexikonband ist ein unvergleichliches Bilderbuch unserer Zeit und unseres Wissens. Er macht — auch vom jüdischen Standpunkt aus — auf die kommenden Bände gespannt. Und das will für ein Lexikon gewiß viel heißen. Walter Loewenstein.