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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-12-21 · 51 (21.12.1928) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
51 (21.12.1928)
Date
1928-12-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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♦ ,9p ro*T7'»j:.*, WWWW die Angegriffenen dann Schutz bei den Gerichten, so scheilert itzre Klag« an der Unmöglichkeit, das völkische Blatt zu belangen, weil der verantwortliche Redakteur immun ist." Berltn-Herms-orf. (Waisenhaus.) Ein außerordentlich segensreiches Werk hat der Jüdische Frauenverein von 1833 geschaffen, als er s. Zt. ein privates Waisenhaus für jüdische Mädchen errichtete. Jahrzehntelang befand sich dieses Heim in Berlin N., Schönhauser Allee. Als die Räume den heutigen Anforderungen nicht mehr entbrachen, wurde das Heim vor 2 Jahren nach Hermsdorf an der Rvrdbahn verlegt, sehr zum Vorteil für die Insassinnen. Ein ganzes Haus mit schönem Garten, Spielplatz uslv. steht diesem Waisenhaus jetzt zur Verfügung, und wenn man die Kinder beobachtet, so fällt dem Besucher sofort das frische, heitere Aussehen der Kinder auf, das um so höher einzuschätzen ist, als die Kinder ja häufig, ehe sie in dem Heim Aufnahme gefunden, unter sehr ungünstigen gesundheitlichen Verhältnissen gelebt haben. Einen trefflichen Eindruck nicht nur von der körperlichen Pflege, sondern auch von der ganzen geistigen Atmosphäre gewann jeder, der das diesjährige Chanukahfest am 14. Dezember dort mitmachte. Der frische und ursprüngliche Ton, der Die kleinen Aufführungen der Kinder belebte, bewies am besten, daß diese Kinder trotz des fehlenden Elternhauses eine glückliche und harmonische Jugend verleben. In erster Linie ist dies der Leiterin, Frau Jda Arndt, geb Heinrich, zu verdanken-, die mit unendlicher Sorgfalt und Liebe und mit soinstem Verständnis für die Veranlagung eines jeden Kindes ihr Amt ausfüllt. Frau Arndt ist auch jederzeit gern bereit, Interessenten das Heim zu zeigen, da der Augenschein am besten für den guten Geist spricht, in dem hier Kinder zu tüchtigen Menschen und aufrechten Juden erzogen werden. Braunschweig. (A m e r i k a r e i s e des Rabbiners.) Herr Landesrabbiner Dr. Wilhelm ist von der United Synagogue of America zu einer Vortragsreise durch die Bereinigten Staaten eingeladen worden. Er hat einen mehrwöchigen Urlaub erhalten, den er Anfang Januar antreten wird. Braunschweig. (Arbeitsgemeinschaft der jüdischen Vereine.) Auf Veranlassung des Landesrabbiners Dr. Wilhelm haben sich sämtliche Vereine der jüdischen Gemeinde zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlosscn, die die Ausgabe hat, Borträge und Kurse für alle Gemeindemitglieder zu veranstalten. Diese Arbeitsgemeinschaft ist ein erfreuliches Zeichen für das Streben nach Einigkeit zwischen allen jüdischen Richtungen in der Gemeinde. Chemnitz. (Aus dem G e m c i tt d e l e b e n.) Auf Veranlassung des Vorsitzenden des Gemeinde-Borstandes, Herrn I. Kahn, wurde der alltägliche Abendgottesdienst am Sonntag des Chanukah- Festes feierlich ausgestaltet: Die hebräischen Gebete wurden wie am Freitag-Abend mit Orgel und Chor gesungen, nach dem Lichtanzünden wurde gepredigt und danach von dem Sprechchor der Jugendgruppe Pf. 118 deutsch gesprochen. In seiner Predigt ging Rabbiner Dr. Fuchs von der Tatsache aus, daß das Lichtzünden in der zugehörigen B'rachah als gottgeboten bezeichnet werde, obgleich es in keiner heiligen Schrift geboten ist und geboten sein konnte, — nach dem Talmud (Sabb. 23) deshalb, weil es Ueberlieferung der Alten sei. Daraus ist zu schließen, daß auch nach orthodoxer Anschauung, was aus religiöser Seele stammt, zum Religionsgebot werden kann. Wir haben deshalb das Recht und die Aufgabe, aus unserer Frömmigkeit heraus Neues zu schaffen! Der Gottesdienst war aus allen Kreisen der Gemeinde sehr gut besucht. — Am Sabbat vorher hatte zum 1. Mal ein Primaner im Jugendgottesdienst die Predigt- Ansprache gehalten. Er sprach im Anschluß an die Chanukah-Geschichte über die Pflicht zu verstärkter jüdischer Religiosität, unter Zugrundelegung des Textes: „Zeit ist es, für Gott zu arbeiten; denn sie zerstören deine Lehre!" Auch dieser Versuch ist gut gelungen. — Bei den vorige Woche vorgenommenen Gemeindewahlen sind die ausgeschiedenen Verordneten, darunter auch Herr Georg Mecklenburg, im allgemeinen wiedergewählt worden. Einige Personalveränderungen sind parteipolitisch ohne Bedeutung. Dortmund. (Soziale Gründungen.) Zwecks Gründung einer Berufsberatungsstelle und der Einrichtung eines Arbeitsnachweises hatte ein vorbereitender Ausschuß mit Herrn Albert Heinemann an der Spitze den Vorstand der Gemeinde, Mitglieder der Repräsentanz, des Rabbinats und der jüdischen Lehrerschaft, Vertreter der Märkischen Loge und sämtlicher Vereine der Synagogengemeinde geladen. Dr. Kreutzberger von der Zentrale der jüdischen Arbeitsnachtveise in Berlin sprach über: „Die Not des jüdischen Mittelstandes". — Er erörterte die katastrophale Lage desselben, kam zum Schluß auf die Notwendigkeit der Berussumschichtung zu sprechen, die frei von jedem Dilletantismus sein muß, der z. B. heute die Landwirtschaft propagiert, ohne zu wissen, daß gerade hier auf der anderen Seite sich eine starke Gegenbewegung bemerkbar macht. — Den Rechts¬ und Wirtschaftskampf des Central-Bereins sieht der Redner als nutzlos ctn, da natürliche Wirtschaftsbewegungen mit ihren Folgen (Trustbildungen) nicht unterbunden werden können. — Zwei Tatsachen sind bei der Beurteilung der Berufsgruppierung zu beachten: 1. der Mangel an Qualitätsarbeitern; 2. der Geburtenausfall durch die Kriegsjahre, der sich besonders in den Jahren 30—34 bemerkbar machen wird. — Der Beruf darf nicht mehr wie früher dem Zufall überlassen sein. Berufsberatungsstellen, wissenschaftlich geschult und arbeitend, müssen sich bei Beratung der Jugend von drei Gesichtspunkten leiten lassen. 1. Die Frage der Eignung. 2. Das Erfordernis der Wirtschaft. 3. Die Erfordernisse der jüdischen Gesamtheit. — Arbeitsnachweise müssen gegründet werden, die Armenpflege muß zur Arbeitsfürsorge umgestaltet werden, dem Problem der jüdischen .1.« .fr —T >D ■v-*-**' Frankfurt a. M. Jüdisch-liberale Jugrndgemeinschaft. 22. Dezember, 17.15 Uhr: Religiöse Fragen. Rabbiner Dr. Gotlfchalk. Sitzungszimmer Freiherr v. Stein-Straße 13. 8. Januar 1929, 29.45 Uhr: Heimabend. Sitzungszimmer Freiherr o. Stein-Straße 13. Ratibor. Jüdisch-liberaler Jugendverein. Mittwoch, den 28. Dezember 1928: „Literarischer Abend". * »f Gottesdienste j * Berliu-Rarden. Liberal« Synagoge Norden, Schönhauser Allee 162. Freitag, de« 21. Dezember 1928, 19.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Professor I. Friedländer. Sonnabend, den 22. Dezember, vormittag» 19 Uhr, Gottesdienst. Freitag, den 28. Dezember 1928, Predigt: Rabbiner Dr. Salomonski. Berlin-Westeud. Verein Liberale Synagoge Westend, Leistikowstraße 7-8 (Schulaula), nahe Reichskanzlerplatz. Jeden Freitagabend liberaler Gottesdienst mit Chor und Predigt. Beginn 19.15 Uhr pünktlich. Freitag, de« 21. Dezember, Predigt: Rabbiner Dr. Salomo«!«. Freitag, den 28. Dezember, Predigt: Robert Hirschfeld. Berlin-Wilmersdorf. Liberale Synagoge Wilmersdorf (in der Aula der Läcilienfchule. Nikolsburger Platz): Jeden Freitagabend liberaler Gottesdienst mit Chor und Predigt. Beginn 19.15 Uhr pünktlich. Freitag, den 21. Dezember, Predigt: George Goetz. Strafentlassenen und der Wanderfürsorge das Augenmerk gerichtet werden. Aus der Diskussion, die sehr umfassend das Gcsamtproblem vom religiösen und wirtschaftlichen Standpunkt erörterte, sind die Ausführungen des Oberlehrers Perlstein von der Lanbwirtschaftsschule Dortmund bemerkenswert. — Auch er warnt vor Ergreifung des landwirtschaftlichen Berufs, der selbst nach Lösung der Frage der Eignung nur dann Aussicht auf Erfolg bietet, wenn größte Geldmittel zur Verfügung stehen. Aussichtsreich dagegen ist es, junge Juden der Gärtnerei zuzuführen. Hier ist weniger Kapital erforderlich. Grundbedingung zum Erfolg sind: Kaufmännische Einstellung und Geschmack. Beides liegt dem Juden. Dazu kommt, daß Gärtnereien stets in der Nähe der Großstadt liegen, so daß auch das kulturelle Bedürfnis nicht ausgegeben zu werden braucht. Die Versammlung beschloß — einer Anregung des Vorsitzenden folgend —, dem bestehenden Ausschuß die vorbereitenden Arbeiten zur Gründung eines Arbeitsnachweises und einer Berufsberatungsstelle in Dortmund zu übertragen. Hamburg. (Prof. Markon, Leiter der jüdischen G « m e i n d e b i b l i o t h e k.) Professor Isaak Markon wurde von der jüdischen Gemeinde zu Hamburg zum Leiter ihrer in der Ausgestaltung begriffenen Bibliothek berufen. Die Berufung des bekannten Gelehrten steht auch im Zusammenhang mit dem Bestreben, im Rahmen der Bibliotheksarbeit jüdisches Wissen in weiteren Kreisen der Gemeinde zu verbreiten. — Professor Markon, der 1875 in einer Stadt im Wolga-Gebiet geboren wurde, absolvierte 1901 die Orientalische Fakultät ddr Petersburger Universität mit einer Dissertation, die mit einer goldenen Medaille ausgezeichnet wurde. Cr studierte auch an der Berliner Universität und am Berliner Rabbiner- Seminar. 1901 bis 1917 war er Bibliothekar der hebräischen Abteilung der Petersburger Staatsbibliothek. 1908 bis 1911 war er Dozent der Akademie für Orientkunde, 1910 bis 1914 Redakteur der russisch-jüdischen 16 bändigen Enzyklopädie, 1917 bis 1920 Dozent für die Wissenschaft des Judentums an der Petersburger Universität, 1922 bis 1924 ordentlicher Professor der weißrussischen Universität zu Minsk. Professor Markon nahm einen großen Anteil an dem öffentlichen Leben des russischen Judentums. 1918 war er Mitglied des Präsidiums des jüdischen Nationalrats in Rußland. Seit 1927 ist er als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Akademie für die Wissenschaft des Judentums in Berlin und der Enzyclopaedia Judaica tätig. Seine hauptsächlichen wissenschaftlichen Gebiete sind: Wesen und Geschichte der Karäer, rabbinische Wissenschaft im Osten usw. Er veröffentlichte eine große Zahl Schriften zur Wissenschaft des Judentums. Hamburg. (Staatsu n d W i r t s ch a f t s p r o b l e m e.) In dem vom Israelitischen Tempelverband veranstalteten Zyklus „Die Stellung des Judentums zu den Kulturproblemen der Gegenwart" sprach am Sonntag, den 16. Dezember, Rabbiner Dr. Dienemann, Offenbach <r. M., über „Staats- und Wirtschaftsprobleme". STOILWERCPf tDoh (Schmecke nd, k nahrhaft. Der Redner steckte zunächst die Grenzen der Einflußnahme des Judentums ab, die in dem Mangel eines eigenen staatlichen Sein- und eines geschlossenen politischen und wirtschaftlichen Einheitswillenbestehen und sprach sodann von dem Anspruch des Judentums auf Gestaltung der Weltkultur, der in seinem Charakter als Weltreligion ruht. Aus der Fülle der kulturschaffenden Ideen lvurhen einige mit besonderem Nachdruck hervorgehobcn. Dicnemanir ging aus von der Frage nach dem Verhältnis der Staaten zueinander; er entwickelte dabei die auf die Erzielung einer >wahrhaften Friedensgesinnunsich bewegende Richtung des Judentums, die sich an mannigfachen Beispielen aus der Geschichte belegen ließ. Dann wurde die Frage nach der Stellung der Minderheiten erörtert und an der Hand des alten jüdischen Fremdenrechts zu beantworten gesucht. Bei der Auseinandersetzung zwischen Staat und Individuum wurde an der Hand d«y biblischen Kriegsgesetzgebung neben dem Recht des Staates das Recht des Einzelnen auf sein Leben herausgearbeitet. Der Redner schloß mit einer Erörterung der Wirtschastsfragen, bei denen er als die Richtung des Judentums die Erhaltung der Würde des Menschen und den Kampf gegen die Eigengcsetzlichkeit der Wirtschaft bezeichnet«. Bei allen behandelten Fragen wurde betont, daß es gelte, die groß« Idee festzustellen, daß jedoch die Verwirklichung der Idee in der Methode der Einrichtungen eine zeitliche Angelegenheit des Praktische» sei. — Die Zuhörer, die den auf hoher Warte stehenden Ausführungen mit gespanntester Aufmerksamkeit gefolgt waren, verließen hochbefriedigt ^en Tempel. Hannover. (W e r b e w o ch e des I u g e n d v e r e i n s.) Anläßlich der 20 jährigen Wiederkehr seiner Gründung gab der Jugendverein eine Festschrift heraus, in der neben Jugendlichen auch führende Persönlichkeiten der jüdischen Oeffcntlichkeit zu Worte kamen. Eine Morgenfeier am 9. Dezember leitete die Fest- und Werbewoche ein. Am 12. Dezember sprach Rabbiner Dr. Hahn, 1. Vorsitzender des Verbandes der jüdischen Jugendvereine Deutschlands, über: „Die Not der jüdischen Jugend". Die Räume der Zionloge waren bis auf den letzten Platz gefüllt. Redner zeigte, wie geistige, seelische und biologische Not den jüdischen Menschen unserer Tage durchs ganz« Leben begleitet. Unter den Forderungen, die er an die Jugend und darüber hinaus an die jüdischen Gemeinden stellt, ragt besondereine hervor: Schaffung gut ausgestatteter Eigenheime für die jüdische Jugend. Für die nichtjüdische Jugend sei in jedem Stadtviertel ein Heim errichtet, aber die jüdische Oeffentlichkeit habe in dieser Hinsicht durchaus noch nicht ihre Schuldigkeit getan. — In der anschließenden Aussprache wurde die Heimfrage eingehend behandelt. — Den Abschluß der Werbewoche bildete ein Gesellschaftsabend, an dem etwa sechshundertundfünfzig Personen teilnahmen. Den Clou deS Abends bildete eine mit großem Beifall aufgenommene Revue: „Die lebende Zeitung", in der in satyrischer Form durchaus ernsthaft« Zeitprobleme behandelt wurden. Den Text dichtete 'Frau Sephi Rosenbaum, die Musik schuf Erich Neumann, die künstlerische Leitung lag in Händen von Cläre Arnstein und Sephi Rosenbaum, die tänzerische Leitung wurde von Karla Berggruen und Bobby Alkan geschickt durchgeführt. Eine reich beschickte Tombola spendete wertvolle Gewinne. Der Jugendvereine dürfte sich durch diese großzügige Veranstaltung zu seinen treuen alten viele neue Freunde erworben haben. Harburg-Wilhelmsburg. (Das Landeskirchenamtzuden Friedhofsschändungen.) Das evangelisch-lutherische LandeSkirchenamt Hannover hat aus Anlaß der Schändungen zweier Friedhöfe — eines jüdischen in Harburg und eines christlichen in der Nähe von Harburg — ein Schreiben an den Oberpräsidenten von Hannover gerichtet, in welchem es daraus hinweist, daß bisher derartige Frevel in der Provinz Hannover unbekannt gewesen seien, man nun aber den Einbruch dieser grenzenlosen Roheit auch hier erlebe. Es heißt dann weiter: „Welches auch immer im Einzelnen die Motiv« der Täter gewesen sein mögen, zweifellos gehen diese Untaten über den Begriff des groben Unfugs weit hinaus und zeigen ein so hohes Maß von roher und niedriger Gesinnung, daß diese Taten uns mit der allergrößten Sorge und mit tiefer Beschämung erfüllen müssen. Wenn wir uns auch durchaus darüber klar sind, daß die Gesinnung, aus der solche Taten erwachsen, nicht durch polizeiliche oder sonstig« staatliche Maßnahmen geändert oder veredelt werden kann, so möchten wir doch diese traurigen Vorkommnisse zum Anlaß nehmen, Ew. Mit umso wehmütigerer Dankbarkeit muß jetzt, zum fünfzigsten Todestag dieses Dichters im Geiste ein Ehrenreis auf sein fast eingefallenes, wenig gepflegtes Grab in Sachsenhausen gelegt werden, wo der unglückliche Mann in der Nacht vom 15. zum 16. Dezember 1878 bei lebendigem Leibe verbrannte. Er hatte sich, überarbeitet und überreizt, von Schlaflosigkeit gequält, mit Chloral betäubt, und dann in zusammengesunkenem Zustand die noch brennende Lampe umgestoßen. Als Nachbarn herbeieilten, fanden sie nur noch die verkohlte Leiche. Dieser Tod hatte etwas Symbolisches an sich. Denn Gutzkow „brannte" sein Lebtag, glühte für Freiheit und Recht und ein Wort Heines, den er zuerst so liebte und später so leidenschaftlich haßte, gilt auch für ihn: „Er war ein braver Soldat im Befreiungskämpfe der Menschheit." Da, wo heute die Oberwallstraße in die Linden mündet, im alten Berliner Marstallgebäude, wurde Gutzkow 1811 als Sohn eines kronprinzlichen Stallmeisters geboren. Er brauchte keine Lebensumwege zu gehen, konnte gleich nach beendeter Schulzeit studieren und wurde schon als Zwanzigjähriger freier Schriftsteller. Was weiß die heutige Generation von dem politischen Druck und der geistigen, behördlich sanktionierten Unfreiheit, die damals auf Preußen lastete! Die 1812 erfolgte Judenemanzipation wollten die herrschenden Kreise am liebsten rückgängig machen. Junge, jüdische Schriftsteller wie Heine, Börne, Eisinger, Mundt, eben erst einem verknöcherten, engherzigen Ghetto entwachsen, und andere Vertreter des „jungen Deutschland", versuchten mit Einsatz ihrer Existenz und ihres Lebens gegen die drückende Bevormundung und Knechtung anzukämpfen. Gutzkow schloß sich ihnen an. Bon den vormärzlichen Schriftstellern des „jungen Deutschland" war er der produktivste und fleißigste. In unzähligen Zeitungsartikeln, Broschüren und Aufsätzen focht er gegen die Reaktion, wurde wegen freier Meinungsäußerung ins Gefängnis gesteckt und rächte sich an seinen Verfolgern lediglich durch noch energischere und zielbewußtere Arbeit. Seine gesammelten Werke füllen mehr als 70 umfangreiche SBänbe, trotzdem Schicksal und Leben diesem gigantischen Arbeiter mehr zugesetzt haben, als er vertragen konnte! Er machte zwei Selbstmordversuche, die beide mißlangen! — Mit leidenschaftlichen: Gerechtigkeitsgefühl hat Gutzkow für das Judentum Partei genommen, das damals unter gesellschaftlicher Aechtung und politischer Zurücksetzung schwer zu leiden hatte. Die überragende Größe der Bibel, eine der Quellen seiner Sympathien für das Judentum, hatte schon in jungen Jahren einen unauslöschlichen Eindruck auf ihn gemacht. In seinem 1839 erschienenen Saul- Drama ist es ihm freilich weniger um dichterische Nachgestaltung zu tun, als um Einlleidung seiner politischen Ideen in ein Gewand, das der unduldsamen Zensur unverdächtig erschien. Auch später verwandte er wiederholt jüdische Stoffe, um in ihnen seine aktuellen geistigen Kämpfe zu allegorisieren. So schrieb er bereits 1831 für das Cotta'sche Morgenblatt die Ghettonovelle „Der Sadduzäer von Amsterdam", in der er das Martyrium des jüdischer: religiösen Zweiflers Uriel Acosta darstellte. Das Charakterbild dieses merkwürdigen jüdischen Renegaten ist auch durch neuere historische Forschungen nicht recht klargestellt worden. 1847 machte ihn Gutzkow dann zum Helden seines Trauerspiels, das allgemein bekannt und viel aufgesührt wurde. Mit diesem Werk tat der Dichter den ersten Schritt zur hohen Tragödie. Sie ist im Kern sicherlich mißlungen, hat aber doch eine Menge fesselnder und reizvoller Einzelzüge. Es mutet seltsam an, daß der Held in dem Stück seine höchste und reinste Ueberzeugung der Rücksicht auf die Familie und die Geliebte opfert. Er widerruft, und er widerruft diesen Widerruf erst dann, als er weiß, daß er um den Gewinn betrogen ist. Ein hin- und herschwankeuder, fast modern anmutender „Held". Aber von den vielen Gutzkowschen Theaterstücken ist dies doch nicht nur der schönen Sprache wegen, sein bestes. Ueber viele der ihn damals bewegenden, damals modernen Zeitfragen ließ der Dichter in diesem Drama seine Gestalten in übertragener Form sprechen. Daß es sich bis heule aus dem Spielplan der deutschen Bühnen aehaltm hat, spricht für seinen Wert. Heine, mit dem sich Gutzkow böse verzankt hatte, lobte in einem Briefe an Moser die Idee der Tragödie und trat später ohne Aversion für ihren Verfasser warm ein. Mit Börne war Gutzkow Zeit seines Lebens innig befreundet. 1840 schrieb er seine kenntnis- und aufschlußreiche Börner Biographie, die ebenfalls heute noch zeitgeschichtlichen Wert besitzt und manches lluge Wort über Juden und Judentum enthält. Das meiste, was Gutzkow schrieb, ist heute vergessen und wird nie mehr lebendig werden. Schließlich war er mehr kämpfender Schriftsteller als Dichter. In seiner Lebensführung vor allem und in seinem Gesamtwert ist aber manches Große, das unvergessen bleiben sollte! Ludwig G a ß m a n n, Berlin. Ariel Acosta im Rundfunk Einen in allen Teilen wohlgelungenen Abend bot der Berliner Rundfunk am Sonnabend, den 16. Dezember, zur Feier des 50. Todestages Gutzkows, dessen Trauerspiel „Uriel Acosta" in ganz hervorragender Besetzung mit Jlka Grüning, Johanna Hofer, Fritz Kortner, Alexander Granacht, Meinhart Maur und Wolfgang Zilzer aufgeführt wurde. Eine feine Einfühlung in das Stimmungsvolle des Stückes bewies der Regisseur Alfted Braun durch, melodramatische Untermalung eines Teils des Textes, wodurch dem Hörer ein wertvoller Ersatz für das Fehlen des durch die Ausstattung sonst dem Auge Dargebotenen vermittelt wurde. Für die Absolvierung des musikalischen Teils war der Chor der Men Synagoge gewonnen worden. Er unterzog sich der Aufgabe unter seinem Dirigenten Benno Spott, besonders in der Tempelszene, mit bestem Gelingen. Das prachtvolle Stimmaterial der Knaben wetteiferte mit dem der beiden Solisten Julius Hoffmann und Chasiel Gollner und verhall den musikalischen Einlagen unter der bewährten Stabführung des Dirigenten zu einem allseitig tief empfundenen Einbruch Magnus Davidsohn sang das Al tcischlichenu warm und chit großer Empfindung. E. Ehrenreich.

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