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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-12-21 · 51 (21.12.1928) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
51 (21.12.1928)
Date
1928-12-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
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bet Marshall-Gruppe Stellung zu nehmen haben wird. Es besteht kaum ein Zweifel darüber, daß das A.-C. die Voraussetzungen zur endgültigen Bildung der neuen Agency sür gegeben erachten wird. Auch außerhalb der zionistischen Bewegung und in Kreisen, die bisher die Palästina-Arbejt ablehnten und an einen Erfolg der Erweiterungsbemühungen offenbar nicht glaubten, wird die Entwicklung mit Auf- Mersiamkeik verfolgt. Ls ist nicht verwunderlich, daß in solchen Kreisen, die sich mit der Materie noch nicht beschäftigt haben, eine ganze Reihe grundlegender Mißverständnisse über das Wesen der neuen Körperschaft unterlaufen. Wir wußten stets, daß viele unserer Gegner die tatsächlichen Voraussetzungen der Verhandlungen gar nicht kennen. Tin neues Beispiel dafür ist der Artikel, den die „Jüdisch-liberale Zeitung" an der Spitze ihrer letzten Nummer bringt. Der Verfasser, Dr. Arthur LilLenthal, spricht zum Teil Selbstverständliches in der Form von Bedingungen der deutschen Nichtzionisten aus, zum Teil verkennt er den Grundgedanken der Agency. Die Agency ist die in Art. 4 des Palästina-Mandates vorgesehene Körperschaft, die mit der Mandatarmacht bei de: Durchführung des Mandates zusammenarbeiten soll. Dies setzt natürlich eine Anerkennung dieses völkerrechtlichen Dokumentes und seiner Ziele voraus. Noch keiner nichtzionistischen Gruppe, die bisher ihre Bereitschaft zur Mitarbeit erklärt hat, ist es eingefallen, bezüglich des Palästina-Mandates Reservationen zu machen. Alle waren sich klar, daß es sich hier um einen gegebenen völkerrecht^M»s Sachverhalt handelt, und daß die Aufgabe der Agency nur die ^»Vann, daran mitzuwirken, daß das jüdische nationale Heim ans Mißtzchst gesunden Grundlagen aufgebaut wird. Dies allein war auch .Absicht der Survey-Commission. Es handelt sich eben um eine praktische Aufgabe, nicht um Fragen der Gesinnung. Die politischen Anschauungsunterschiede bleiben natürlich unberührt, da es ja sonst sinnlos wäre, weiter von „Zionisten" und „Nichtzionisten" zu sprechen. Ebenso ist es seltsam, wenn der Verfasser die Forderung nach nichtzionistischer Teilnahme an der Verwaltung erhebt, denn der ganze Inhalt der Agencv-Erweiterung besteht ja in nichts anderem, als daß Nichtzionisten, die das Palästina-Mandat anerkennen, in voller Verantwortung am Ausbauwerk Mitwirken sollen. Als „Bedingung" stellt Dr. Lilienthal weiter die Forderung, daß die Einwanderung im Einklang mit den wirtschaftlichen Möglichkeiten steht und daß die Siedlung im Geist friedlichen Zusammenlebens mit den Arabern geschieht. Beides ist offizielles Programm des Zionismus, freilich nicht, weil irgend jemand es als Bedingung stellt, sondern weil uns mindestens ebenso viel wie den völlig neu an die Sache Herankommenden an dem Gelingen des Werkes liegt; daß die Anwendung dieser allgemeinen Grundsätze in der Praxis ost den Verantworblichen vor schwere Entscheidungen stellt, kann natürlich der nicht ahnen, der bisher an den Schmerzen und Sorgen des nun 50 Jahre alten Werkes unbeteiligt war. Dr. Lilienthal stellt sich übrigens in der Frage der Siedlungsformen auf die Seite des Aktions-Comites gegen die Survey-Commission. Wir find überzeugt, daß sich in Zukunft in der gemeinsamen Arbeit noch öfter interessante Situationen ergeben werden, wo in Einzelfragen Nichtzionisten mit Zionisten zusammen gruppiert sein werden, statt daß die Scheidung zwischen den beiden Lagern verläuft. Voraussetzung ist der Wille zur Mitarbeit um des Werkes willen, das seinem Wesen nach ein gesamt-- jüdisches ist, an dem die einzelnen Partner wohl aus verschiedenen Motiven Mitwirken, dessen Charakter und Ziel aber eindeutig ftststeht. Wann beginnt man mit der religiösen Erziehung des Kindes? Von Rabbiner Dr. G. P f i n g st - Nordhausen. Vielfach hört man die Meinung: Je später mit der religiösen Erzichung des Kindes begonnen wird, umso ntify* balliger mrd der Erfolg dieser Erziehung sein. Wenn das Kind — so wird weiter argumentiert — das nötige Verständnis sür religiöse Fragen aufbringen kann (kaum vor dem 14. Lebensjahr) müsse der religiöse Erziehnngsprozaß nnsetzen. Rach diesem Gedankengang wäre also die Barmizwcch bezw. die Mädchen-Einsegnung der zeitliche Beginn der religiösen Erzichung. Wenn man sachliches Verständnis für religiöse Tinge, ». B. für den Gottesdienst, für die heilige Schrift vom mngen Menschen fordert, dann mutz in der Tal die religiöse Unterweisung erst etwa mit dem 13.—14. Lebensjahre ein» sktzen Tie Einsegnung kann aber auch als Abfchlutz einer gewissen Vorerzichung aufgefatzt werden. Beruht denn — so fragen wir uns — die religiöse Erziehung des Kindes allein m der Erziehung zum religiösen Denken? Spielt nicht vielmchr religiöses Fühlen, das spontane, religiöse Erleben die Hauptrolle in der Enttvicklurrg des Menschen? Von hier aus betrachtet, kann man - nach Ansicht in der neueren Pädagogik — die Forderung echeben: So früh als möglich mutz die religiöse Erziehung des Kindes einfetzen. Bolkelt-Leipzig führt einmal aus („Religion und Schule" von Pros. Voltelt-Leipzig, 1919, S. 33): „Und allgemeiner wird man sagen dürfe»: im Verkchr mit den Eltern, aber auch mit anderen, i^r.: mittg zugeordneton, erwachsenen Personen entstehen in der des Kindes in reichlichem Matze Gefügte und Strebungen, die geradezu danach verlangen, zn nun Vorstufe des religiösen Lebens ausgestaltet zu werden. — — — Gerade das Kiw decherz ist bereit, sich, solchen Gefühlen der Frömmigkeit zu öffnen." Ebenso weist der berühmte indisch« Dichter Rabindranath Tagore aus das Empsinden der Krnderseele hin, wenn er sagt („Meine Schule", Deutsche Rundschau IV 1920, S. 139): „Ich glaube, daß das unbewußte Empfinden bei den Kindern viel tätiger ist, als das bewußte Denken." Die jüdische Erzichung hat stets Bedacht genommen auf die Gefühlswelt in der Kinderseele. Wer kennt nicht die Bilder vom jüdischen Knaben, welcher neben seinem Vater in der Synagoge flcht und all die Symbole und Handlungen bnm Gottesdienst durch. Anschauung erlebt, oder von dem am Sabbat-Tisch sitzenden Kinde, schließlich auch von dem am Seder-Tisch fragenden Kinde? Dem jüdischen Kinde sollen die Symbole des Judentums durch Anschauung und Vorleben nähergebracht werden Im Sch'ma-Gebet wird gefordert: „Ihr sollt die Gebote Eueren Kindern einprägen!" (vgl. 5. Mos. Kp. 6, 20) in Psalm 34,7 heißt es: „Kommet Ihr Kinder! Höret auf mich! Ich will Euch die Furcht Gottes lchren!" Tie Sprüche der Väter (5,21) meinen, daß ein fünfjähriges Kind schon in die Bibel eingeführt werden müsse. Wir werden diese so zu verstehen haben, daß die Erzählungen der Bibel dem Kinde vor Augen gestellt werden sollen, damit es später die Berichte der Bibel auch im Worte begreifen lernt. Michael Friedländer gibt in seinem Werke „Tie jüdische Religion" (S. 382) ein treffendes Rezept für die Att jüdischer Kindererzichung: „Tie Kenntnisse müssen aus eine solche Weise dem Kinde mitgeteilt werden, daß es sie als eine Quelle des Vermögens und des Glückes ersaßt." Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die Forderungen, welche an den jüdischen Erzieher von jeher gestellt werden, durchaus mit den Anschauungen moderner Pädagogik übereinstimmen. Tie Forderungen sind: 1. Ter Kinderseele müssen frühzeitig religiöse Werte durch Anschauung in Haus und Synagoge vermittelt werden. 2. Das religiöse Empfinden im Kinde mutz stets geweckt werden. Das bewußte Denken über religiöse Dinge kann erst in der Zeit nach, der Einsegnung des Kindes gefordert werden. 3. Vor allem ist Wert zu legen auf die Ausbildung der Seele im wachsenden Menschen (vgl. 5. B. Mos. 5,26). Die Entwicklung des Jüdischen Museums in Breslau Von Dr. Willy Cohn, Breslau. Wir berichteten vor einiger Zeit von dem Plane, in Breslau ein jüdisches Museum erstehen zu lassen. Naturgemäß kann ein derartiges Institut, wenn es von bleibender und dauernder Bedeutung sein soll, wenn es ans wirklich wissenschaftlichen Gesichtspunkten sich aufbaut,' nicht von heut auf morgen ins Leben treten. In den vergangenen Monaten ist im Süllen eifrig gearbeitet worden, und zu Beginn des neuen Jahres 1929 soll eine Ausstellung „Das Judentum in der Geschichte Schlesiens", die in Breslau eröffnet werden wird, auch nach außen von dieser Tätigkeit Kunde geben. Um auch in der breitesten jüdischen Oesfentlichkeit sür den Museumsgedanken zu werben, der ja überall, wo Juden leben, sich regt, und von dem neuen Interesse der jüdischen Gemeinschaft an ihrer Vergangenheit zeugt, läßt der Vorstand des Breslauer Museumsvereins eine Schrift herausgeben, die von bleibender Bedeutung ist. Georg Hermann leitet sie durch einen Aussatz ein von Psomimbüchsen und alten Haggaden. Der Dichter von Jettchen Gebert spricht sich hier über jüdische Kunst aus. Nicht nur von den Gefühlswerten redet er, die die Betrachtung in die Gegenstände unseres Kultes in uns auslöst, er spricht auch von der Bedeutung, die eine derartige Sammlung für die Erkenntnis unseres Werdens hat. So schreibt er: „Mich reizt zum Beispiel die Soziologie der jüdischen Familie heute. Mich drängt es, genau zu wissen, welcher Anteil haben wir deutschen Juden an den deutschen und europäischen Kulturleistungen aus künstlerischen, wissenschaftlichen, sozialen, philosophischen, merkantilen, kurz in allen schöpferische» Gebieten? Wer kann mir darüber Bescheid geben?" In einem weiteren Aufsatz spricht Verwaltungsdirektor Dr. Rechnitz von der Entstehung des jüdischen Museums, au dem auch die mchtjüdische Oesfentlichkeit bereits ein großes Interesse nimmt. Im Breslauer Schloßmuseum wird die neue Gründung, dank des Entgegenkommens des Magistrats und der Museumsleitüng, langsam ausgebaut. Schlesien als Völkerbrücke vom Osten nach Westen hat naturgemäß i» seinen jüdischen Kunstschätzen ganz besonders die Möglichkeit, Gegenstände zu finden, die den Einfluß der verschiedenste« Kunstkteise aufzeigen. Schließlich spricht noch Pros. Dr. Grotte von dem, was das neue jüdische Museum enthalten soll. Zwei Hauptgruppen wird es cküfweisen, eine rein geschichtliche uuo eine kunsthistorische. In Drucken, Bildern, Kaufverträgen, Schutzbriefen, Judenquittungen, Familiendokumenten und königlichen Erlassen wird es das Ringen der schlesischen Juden um ihre Heimat zeigen. In der zweiten Gruppe des Museums werden kunsthiftorische Gegenstände ihren Platz finden: Erzeugnisse künstlerischen Gepräges für den kultischen Dienst in Synagoge und Haus, hierher gehören kostbare Silbergeräte, wertvolle Keramik, Gläser, Zinn, Messing, sowie Gegenstände in Textilarbeitern Inkunabeln und Gebetbücher mit ihrer reichen farbigen Ausmalung werden das Interesse der Besucher wecken. Alle kleineren jüdischen Ausstellungen, die im Anschluß an 'große Ausstellungen der letzten Jahre der Oeffentlichkeit zugänglich gemacht worden sind, haben gezeigt, welch' besondere Anteilnahme die nichtjüdische Umwelt unseren sichtbaren Kultgegenständen entgegenbringt. Mag dies auch oft nur aus oberflächlicher Neugier geschehen, mancher bekommt doch aus dem Sehen der Dinge einen Einblick, der ihn in seiner ganzen Stellung zum Judentum beeinflussen wird. So wird an seinem Platze das neue jüdische Museum segensreich für unsere Gesamtheit wirken. * Aus den Gemeinden * Berlin. (Silberhochzeit.) Am 22. ds. Mts. feiert da- Ehepaar Rabbiner Dr. Julius Galliner und seine Gattin das schöne Fest der Silberhochzeit. Dr. Galliner ist als Berliner Gemeinderabbiner besonders in Schulangelegenheiten hervorragend tätig und gehört als stellvertretendes Mitglied dem Rat des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden an. Sein stets unerschrockenes Eintreten für die Durchsetzung religiös-liberaler Prinzipien hat ihn in den Arbeitsausschuß der „Vereinigung sür das liberale Judentum" sowie in den Vorstand der „Bereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands" geführt. Außer in der Gemeindesynagoge (Fasanenstraße) ist er als gern gehörter Prediger den Besuchern der neugeschaffenen liberalen Synagogen Wilmersdorf und Westend bekannt. Wir sagen dem Jubelpaar auch an dieser Stelle unsere Glückwünsche. Berlin. (Berjudung des Rundfunks.) ^Jm Preußischen Landtag ist folgende Kleine Anfrage des Abg. Gieseler (Deut. Frak.) eingegangen: Bei den Rundsunkhörern herrscht allgemein Erbitterung über die fortschreitende Berjudung der Vorträge. Deutsche kommen kaum noch zu Wort. Selbst die Weihnachtslieder werden schon von jüdischen Sängerinnen gesungen. Ich frage: Ist da- Staatsministerium bereit, daraus hinzuwirken, daß das deutsche Wesen auch im Rundfunk wieder zur Geltung kommt? Berlin. (Strafsers Immunität aufgehoben.) Der Geschäftsordnungsausschuß des Reichstags beschäftigte sich in seiner letzten Sitzung mit Anträgendie die Aufhebung der Immunität devölkischen Abg. Straffer wegen verschiedener Beleidigungen fordert. Mit den Stimmen der Sozialdemokraten, des Zentrums, der Deutschen Volkspartei und der Bayerischen Bolkspartei wurde die Aushebung der Immunität des Abg. Straffer beschlossen. Die Ausschußmehrheit ist zu diesem Beschluß gekommen, weil sie in der verantwortlichen Zeichnung Strassers für neun in verschiedenen Orten Deutschlands erscheinenden völkischen Zeitungen einen Mißbrauch der Abgeordnetenimmunität erblickt. Die demokratische Presse äußert sich sehr befriedigt über den Beschluß des Geschäftsordnungsausschusses, durch den ein Fall besonders krassen Mißbrauchs der Immunität so geregelt wurde, wie es die anständige Presse schon lange fordert. Fast alle antisemitischen Parlamentarier, so wird gesagt, leihen ihre Immunität gewerbs- und gewohnheitsmäßig aus. Der nationalsozialistische Landtagsabgeordnete z. B. zeichnet verantwortlich sogar für zehn antisemitische Hetzblättchen. „Vorwärts" schreibt: „Gerade die völkische und nationalsozialistische Presse hat die Gewohnheit, Privatpersonen oder einzelne mißliebige Firmen, besonders jüdische Geschäftsinhaber, durch einen schonungslos geführten Verleumdungskampf in ihrer Existenz zu ruinieren, suchen „November in Oesterreich" im Berliner Renaissance-Theater. Der junge, ebenso begabte wie sympathische Schauspieler Richard Dusch insky, der sich in Berlin in wenigen Jahren einen geachteten Namen erworben hat, schrieb dies „Schauspiel 1914—1920", aus der schlimmsten Epoche unserer ehemaligen Verbündeten. Daß die Kriegsstücke mit der Zeit immer besser werden und jetzt schon ganz annehmbar sind, ist eine unbestreitbare Tatsache. In diesen zehn Szenen werden die Kriegsjahre, diese bis zum Bersten mit Leid und Not erfüllte Zeit, in lebendig-farbigen Bildern auf die Bühne gebracht. Der Krieg, obwohl im Lande erlebt und nicht draußen in den Gräben, aber doch eben am eigenen Leibe und eigenem Geist, nimmt in aufreizend-schwermütigen Erinnerungsbildern plastische Bühnengestalt an. Die Atmosphäre jener furchtbaren Tage wird von dem Dichter mit viel Geschick wiedergegeben. Einiges in der nur locker fortschreitenden „Handlung", so vor allem die traurige Geschichte jenes süßen Weaner Madls mit der Asbestseele, das einen jungen Idealisten liebt, aber von einem schuftigen Offizier später durch alle Gossen geschleift wird und kein rechtes Ziel erreicht, ist ziemlich kitschig, aber die Unzulänglichkeiten und Blößen des Ganzen werden durch ttnc unerhört gute Aufführung und meisterhafte Regie glanzvoll kaschiert. Man ist ja jetzt ante Inszenierungen gewohnt. Solch' ausgezeichnete Aufführung aber, wie diese hier, in der jeder der dreißig Mitwirkenden geradezu Vollendetes bietet, ist selbst in Berlin selten. ' Gegen etwas muß sich der gerechte Beurteiler dieses interessanten Werkes aber entschieden wenden: Gegen oie einseitige Zeichnung der verschiedenen jüdischen Typen. Die Juden sind hier ausschließlich Feiglinge, Drückeberger und Gauner. In dem mufsigen Musterungslokal, in dem Stank des Schiebercases treten allerdings neben den jüdischen Betrügern auch einige Halunken von höheren und niederen christlichen Offizieren urü> Kommerzialräten auf, anständige und unanständige gemischt. Bei den Juden jedoch gibts kein weißes Schaf! — Die gehören alle ausnahmslos in die Wolfsschlucht! — So ist es aber in Wirklichkeit eben nicht gewesen!... Wie sich der kleine Moritz respektive hier der gute Richard das Judentum vorstellt!... Daß es in Deutschland 12 000 und in Oesterreich prozentual ebensoviel jüdische Kriegsgefallene, hüben und drüben eine recht stattliche Reihe jüdischer Fliegerhelden und mit höchsten Auszeichnungen belohnte jüdische Pflichterfüller gegeben hat, ist doch ebenfalls eine bewiesene, urkundlich festgestellte und nicht aus der Welt zu leugnende Tatsache. Vergleiche die betreffenden Veröffentlichungen, Urkunden, amtlichen Enqueten. In einer ungemein bühnenwirksamen Szene des Schauspiels findet sich eilte dramatische Auseinandersetzung zwischen dem Emporkömmling Blaust ein (von Hermann Vallentin unvergeßlich gespielt) und dem Oberleutnant von Riehl (Anton Poültner), der seinen Gegner als Juden beschimpft. Blaustein schreit dem gedankenlosen Beleidiger wie der rote Jtzig aus dem „Grafen von Charolais", wie Shylock die erschütternde Anklage des unterdrückten Juden ins Gesicht, dessen Frau als Kriegsopfer im Elend gestorben, dessen Vater von bestialischen österreichischen Soldaten in fürchterlichster Weise zu Tode „pogromiert" worden ist. Wirkliche ergreifend! Aber ach, ein Schauspiel nur! Diese Figur stimmt schon nicht! Ein Jude, der so Entsetzliches erlebt hat, dessen Vater vor seinen Augen vor kurzem mit rotglühenden Bajonetten von eigenen Volksgenossen martervoll ins Jenseits befördert worden ist, trägt fortan sicherlich ein gedrücktes und in sich gekehrtes Wesen zur Schau urrd pokuliert nicht bald darauf lärmend-lustig mit Dirnen beim Sekt in Schieber-Bars herum! Auch! sonst gehen durchs das Stück allerlei Juden, Pogromflüchtlinge, Geschäftemacher und Bassermannsche Gestalten, die den Durchschnittszuschauer so leicht zu Verallgemeinerungen verleiten. Hat Dnschinsky, doch sonst ein guter Beobachter und sicher ein Stück Dichter, nur solch' verächtliche Typen kennengelernt? Es gab wahrhaftig auch andere, die nicht etwa Ausnahmen, sondern eben auch „Typen" waren, und die freudig, bis zum letzten Atemzuge litten, kämpften und starben. Im übrigen ist es schade, daß die prächtige Aufführung nicht den Beifall fand, den sie verdiente. Gustav Hartung ist fürwahr ein Regisseur von vielen Graden! Es muß keine Kleinigkeit gewesen sein, so viel bedeutende Schauspieler unter einen Hut zu bringen, sie zu einer so einheitlichen Gesamtleistung zu disziplinieren. Elisabeth Lennartz entfaltet in der Hauptrolle den ganzen Reiz ihrer großen, spürsicheren Begabung. Sie gehört zu den Darstellerinnen, die immer überzeugen und wirken, auch da, wo sie vom Dichter im Stich gelassen werden. Neben ihr war der unglückliche Held mit der großen Erlösungssehnsucht — der ist ein jüdischer Typ! — von Thoeren sogar ein bißchen blaß. Was für lebensechte Erscheinungen verkörperten aber Pointner, Andersen, Schiller, Forst! Das Höchste war erreicht: man vergaß völlig, daß man im Theater war! Die Kunst täuschte wirtliches, sich abspielendes Leben so suggestiv vor, daß der sich senkende Vorhang erst erlebnisgewordene Illusion zerstörte! —!! Hoffentlick'l findet der Theaterleiter Hartung nach seinen „Judenstücken" „Ton in des Töpfers Hand" und jetzt „November in Oesterreich" bald Werke, die Erfolg haben und ohne jeden Einwand zu loben sind. Dr. Ludwig D a v i d s o h n, Berliiu Zu Karl Gutzkows 50. Todestag Die Literaturgeschichte gleicht einem großen Friedhof. Was heute noch allgemein - lautes Echo findet, ist morgen vergessen, und es ist eine traurige Aussicht für den Ringenden, unablässig Schaffenden, dereinst mal nur noch als literarische Kuriosität im historischen Kolleg ein banales Scheindasein zu führen.

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