Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 51 (21.12.1928)
- Date
- 1928-12-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jahrgang Zur AsWon über die Erweiterung der Zewlsh Agency s>° kaudimjches Zach filr MchW.»W»^>- Die Antwort, die der an dieser Stelle in voriger Woche veröffentlichte Artikel „Zum gegenwärtigen Stand der Agency- Frage" in der Jüdischen Rundschau gefunden hat*), bedeutet eine ebenso klare wie entschiedene Verneinung der von L a n d - gerichtsrat Dr. Lilienthal aufgeworfenen Frage: „Können wir mit den Zionisten für Palästina zusammenqrbeiten?" Dr. Lilienthal schilderte hier die Voraussetzungen, die nach seiner Auffassung für eine Beteiligung der deutschen Nichtzionisten an der Jewish Agency erfüllt werden müssen. Sr schrieb: „Wir tverden dabei davon auszugehen haben, daß in Palästina von Juden etwas geschaffen worden ist und daß es im Interesse . der Gesamtjudenheit liegt, das Geschaffene nicht verfallen zu lassen. Auf sie würde der Untergang des Palästinawerks zurückfallen. Die jüdische Solidarität erfordert es, jüdische Menschen, die in aufopferungsfreudigem Idealismus und unter Einsetzung ihrer Existenz etwas geleistet haben, nicht im Stich zu lassen. Es bedarf auch keiner besonderen Erörterung, daß, wer eine lebensfähig« jüdische Siedlung in Palästina will, das Werk nicht in dem Zustand belassen kann, in dem es sich im Augenblick zufällig befindet, daß eS vielmehr systemvoll weitergeführt werden muß. Wenn die Palästina-Arbeit bisher in einem Sinn geführt worden ist, der uns die Mitarbeit unmöglich macht«, so darf das unsere Bereitschaft zur Mitarbeit in einem Augenblick nicht ausschließen, in dem wir glauben, daß auch die andere Seite ehrlich gewillt ist, die Voraussetzungen für eine Zusammenarbeit nicht nur damit zu schaffen, daß sie bereit ist, das Geld der anderen zu nehmen. Wir müssen willens fein, an der Siedlung im Lande der Bibel, der Ursprungsstätte unserer Gemeinschaft, mitzuarbeiten." Am Schluß des Lilienthalschen Artikels hieß es dann: „Ich fasse also die Wünsche, die von nichtzionistischer Seite für ein Zusammenarbeiten in Palästina m. E. ausgesprochen werden sollten, dahin zusammen: 1. Einräumung eines entsprechenden Einflusses auf die Palästina-Arbeit: 2. Respektierung unserer nichtnationalen siedlungsmäßigen Einstellung zum Palästinawerk auch nach außen. Eine Palästinawerbung auf der Grundlage nationaler Anschauungen ist nicht möglich. 3. Die Entpolitisierung der gemeinsamen Palästinaarbeit muß ihren Ausdruck finden in zweierlei: a) bei der Einwanderung in dem Grundsatz des Gleichgewichts zwischen der Zahl der Einwanderer und den wirtschaftlichen Fähigkeiten des Landes; b) in der Herstellung eines vernünftigen Verhältnisses zu den Arabern. 4. Palästina-Abkommen als Teil eines Gesamtkolonisationsabkommens mit dem Ziel einer planmäßigen Siedlung in der ganzen Welt." Durchführung des Mandates Zusammenarbeiten soll. Dies setzt natürlich! eine Anerkennung dieses völkerrechtlichm Dokumentes und seiner Ziele voraus. Noch, keiner nichtzionistischen Gruppe, die bisher ihre Bereitschaft zur Mitarbeit erklärt hat, ist es eingefallen, bezüglich des Palästinamandates Reservationen zu machen." Man kann doch ivahrlich nicht gerade sagen, daß sich die Nichtzionisten zum Eintritt in die Jewish Agency gedrängt hätten. Vielmehr haben die Zionisten, vor allem ihr Präsident Weizmann, vornehmlich' wegen der trostlosen finanziellen Lage des zionistischen Unternehmens, die Mitarbeit der Nichtzionisten als notwendig empfunden. Wir meinen nun, daß Grundlage gemeinsamer Arbeit selbstverständlich nur das sein kann, was den Anschauungen von Zionisten und Nichtzionisten gemeinsam ist. Wir haben niemals von den Zionisten ein Opfer der Gesinnung verlangt, und deshalb dürfen wir uns wohl verbitten, daß sie es nun von uns fordern. Oder sehen sie nicht, daß die Anerkennung des Mandats und seiner Ziele ein solches Opfer der Nichtzionisten bedingt; ist ihnen nochimmer nicht bekannt, daß die Nichtzionisten die Balfour-Deklaration und den Mandatstext ablehnen? In der Balsour-Deklaratton vom 2. November erklärt die englische Regierung, sie „betrachtet dieSchaffung, einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina mit Wohlwollen und wird die größten Anstrengungen machen, um die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern.. .*) Aus diese Erklärung ist in der Präambel des Völkerbundsmandats ausdrücklich! Bezug genommen. Für die Errichtung der Jewish Agency ist dann Artikel 4 des Mandats maßgebend. Er lautet: „Eine angemessene jüdische Vertretung (Jewish Agency) soll als eine öffentliche Körperschaft anerkannt werden z u d e m Z w e ck, die Verwaltung Palästinas in solchen wirtschaftlichen, sozialen und anderen Angelegenheiten zu beraten und mit ihr zusammenzuwirten, die die Errichtung der jüdischen nationalen Heimstätte und die Interessen der jüdischen Bevölkerung in Palästina betreffen, und, immer vorbehaltlich, der Kontrolle durch die Verwaltung des Landes, zu helfen und teilzunehmen. — Die Zionistische Organisation soll, solange ihre Organisation und Verfassung nach, der Meinung des Mandatars angemessen sind, als solche Vertretung anerkannt werden. Sie soll, im Einvernehmen mit Seiner Britischen Majestät Regierung, Schiritte unternehmen, um die Mitarbeit aller Juden zu sichern, die gewillt sind, bei der Errichtung der jüdischen nationalen Heimstätte zu helfen."-) Wir wollen übersehen, daß die Redaktion der Jüdischen Rmrdschau den Lilienthalschen Artikel, der wegen seiner sachlichen Vornehmheit und seines ehrlichen Wohlwollens, wie wir wissen, weithin ernste Beachtung fand, mit nicht eben angemessener Ueberheblichkeit und persönlicher Bosheit abtun zu tollen glaubt. Wir wollen auch! übersehen, daß die Rundschau „eine ganze Reihe grundlegender Mißverständnisse über das Wesen der neuen Körperschaft" bei Lilienthal glaubt feststellen zu können, obwohl dieser in der Einleitung seines Artikels mit voller Exaktheit über die Mandatsbestimmungen «nd die Verhandlungen zwischen der Zionistischen Weltorganisation und den Amerikanern referiert. Wollen auch übersehen, daß die Rundschau es noch nicht einmal für nötig hält, veu Lilienthalschen Artikel ihren Lesern auch nur auszugsweise »ekanntzugeben, und daß sie den von Lilienthal gemachten Vorschlag eines Gesamtkolonisationsabkommens mit dem Ziel einer planmäßigen Siedlung in der ganzen Welt mit Stillschweigen übergeht. Wollen übersehen die Divergenz zwischen Theorie mtd Praxis sowohl in der Frage der Einwanderung als auch bezüglich des Verhältnisses zu den Arabern, eine Divergenz, die für jeden Sehenden vorhanden ist und an der auch die derzeitige Ansicht der Rundschau nichts ändert, daß die Lilienthalschen Forderungen in vollem Einklang mit dem offiziellen Programm des Zionismus stünden. Auf alle diese Dinge wird später noch einzugehen sein. Das Wesentliche und für alle, die durch eine Zusammenarbeit in der Jewish Agency eine Befriedung des Judentums erhofften, Betrübliche der zionistischen Antwort ist dte Ablehnung jeglicher Respektierung unserer nichtnatiottfttat stedlnngsmWge« Einstellung zum PaiSsttnawerk «ach außen. Dr. Lilienthal hatte gesagt, daß wir bei einem Zusammengehen „nicht die Phraseologie der Balfour-Deklaration mrddes Mandats anerkennen" können. Die Rundschau ant- *) Wir bringen die Antw»r1 der Jüdischen Rundschau nachstehend im »«len Wortlaut. Di« Sick. Ganz mit Recht schrieb Dr. Lilienthal: „Ich denke mir, daß wir unfern zionistischen Verhandlungspartnern als erstes sagen müßten: Es muß vollkommene Klarheit und Ehrlichkeit zwischen uns bestehen." Man sollte doch eigentlich annehmen, daß die Zionisten an dieser Klarheit und Ehrlichkeit das gleiche Interesse haben wie die Nichtzionisten. Umso mehr überrascht die merkwürdige Nervosität in der Antwort der Rundschau. Wir kennen keinen deutschen Nichtzionisten, der gewillt ist, bei der Errichtung der jüdischen nationalen Heimstätte Mr das jüdische Bott zu helfen. Und wir könne« ihn uns auch nicht denken, denn wir wüßten nicht, worin er sich «och von einem Zionisten unterscheiden würde. Wenn deutsche Nichtzionisten an der PalSstinaarbett teilnehmen, so tun sie es aus religiösen, sozialen, humanitären, philanthropischen oder kolonisatorischen Interessen, nicht aber zur Errichtung einer jüdischen nationalen Heimstätte für das jüdische Bott. Deshalb kann diese Zweckbestimmung nicht die Grundlage einer Zusammenarbeit mit den deutschen Nichtzionisteu bilden. i) „ ... view with favour the establi9htnent in Palestine of a National Home for the Jewish peopie, and will use their best endeavours to fac-litate the achievement of that object..." *) „An appropiate Jewish agency shall be recognised as a public body for the purpose of advising and cooperating with the Admmistra'ion of Palestine in such econnnmic, social and other matters as may affect t«e establishment of the Jewish national home and the interests of the Jewish population in Palestine, and, subject always to the control of the Administration, io assist and take part in the development of the country. The Zionist organis>tion, so long as its Organisation and Constitution, are in the opinion of the Mandatory a> propriate shall be re*ognised as such agency. It shall take steps in Konsultation with His Britannic Majesty’s Government to secure the co- Operation of all Jews who are willing to assist in the establishment of the Jewish national-home“. Es kann nicht unsere Aufgabe sein, zu bestimn.cn, welche Form des Zusammenlebens sich! die jüdischen Menschen in Palästina Wahlen. Wohl aber ist es unsere Pflicht, unsere Ueberzeugung auch entgegen dem Mandat zu betonen; denn dieses betrifft ja nicht nur die Juden, die sich in Palästina mcderlasfen wollen. Der Leitartikel der letzten Ausgabe der Jüdischen Rundschau behandelte „Das Wesen des Mandates"; da werden zwei neuerschjenene Kommentare des Palästina-Mandats „warm empföhlen". Aus dem Buch »The Mandate for Palestine A Kontribution to the Theory and Practice of International Mandates« von Dr. I. Stoyanovskh gibt die Jüdische Rundschau u. a. folgenden Gedankengang wieder: „Ten Unterschied aber zwischen den in Palästina selbst gleichberechtigten arabischen und jüdischen Bevölkerungsteilen bildet der Umstand, daß das jüdische Volk als Ganzes, und nicht nur die in Palästina bestehende jüdische Gemeinschaft volle Möglichkeit erhalten soll, das Nationale Heim in Palästina zu errichten, daß also Palästina Nationales Heim für das gesamte Judentum ist, nicht nur für die in Palästina lebenden Juden, während es nur für jene Araber eine Heimstatt« ist, die tatsächlich in Palästina leben." Tie Antwort der Rundschau auf den Artikel von LilieuHal hat uns stutzig gemacht. Wollen die Zionisten ehrliche Zusammenarbeit, so müssen sie schon hären können, daß dte Aufgabe der Nichtzionisten in der Jewish Agency nicht die Erfüllung der in den Mandatslext übernommenen zionistische Forderung der Errichtung einer jüdischen nationalen Heimstätte für das jüdische Volk sein kann. Sie mögen weiterhin diesem Wunsch nachjagen, wir werden ihm loetterhin „gesrnnungsvolle Opposition" le.sten. Ein gemeinsames Arbeiten kann nur dem gemeinsamen Zweck dienen. Dieser allern, nicht der im Mandatstext angegebene zionistische Zweck, kann die vertragliche Grundlage des Zusammenarbetteus bilden. Ist aber, wie die Rundschru sagt, „Eharakter und Ziel" des Palästinawerkes schon im voraus Eindeutig" besttwmt, das heißt ja wohl im jüdisch-nationalen Sinne!, so. scheint uns die Aufforderung zur Mitarbeit an Nichtzionisten nicht eben eine sehr ehrenvolle Zumuttmg. Im Deutschen gibt es ein bekanntes Wort: „Dazu hat Buchholtz kein Geld." Es hat seinen Ursprung in einer Rundschrift Friedrichs des Großen zu einer Anfrage des Ministeriums wegen der Instandsetzung der schadhaft gewordenen Langen Brücke in Berlin. Man muh nach der Antwort der Rundschau auf den Artikel von Dr. Lllienthal sich doch überlegen, ob Mitarbeit und Geld der Nichtzionisten nicht nur zur Instandsetzung des schadhaft gewordenen nationaljüdischen Palästinawerks gebraucht werden sollen. Daß es sich bei der Errichtung des jüdischen nationalen .Heims für das jüdische Bott nur „um eine praktische Aufgabe, nicht um Fragen der Gesinnung" handelt, wie die Jüdische Rundschau jetzt plötzlich meint, das wird wohl von ihr selbst nicht recht geglaubt werden. Wenn sie dann konstatiert, „die politischen Anschaunngsunterschiede bleiben natürlich' unberührt" und zum Schluß freundlicherweise konzediert, daß an dem Werk, „dessen Charakter und Ziel eindeuttg feststehl", die einzelnen Partner aus verschiedenen Motiven Mitwirken dürfen — nun, wir haben für Motive, die Eharatter und Ziel eines Werkes nicht beeinflussen dürfen, ebenso wenig Verständnis wie für Unterschiede, die sichauf platonische Betrachtungen beschränken müssen. Was hier „geduldet" wird, das scheint uns lediglich die eigene Meinung als L u x u s. Wir Juden sind, meinen wir, nicht mehr nur Objekt der Politik, wir dürfen, ja müssen sie mitgestalten. Des'hmb kann man von einem Nichtzionisten auch nicht verlangen, daß er sein Verhältnis zum Tert des Palästinamandats als gottgewollte Abhängigkeit anfieht. Lilienthals Arttkel und die Antwort der Rundschau haben die Fragen der Erweiterung der Jewish- Agency für die deutschen Nichtzionisten wesentlich ge'lärt. Ganz gewiß nicht in dem Sinne, den Lilienthal, mit dem ich in sachlicher Beziehung völlig übereinstimme, unb der sich in der nächsten Nummer dieses Blattes selber zu dem Artikel der Jüdischen Rundschau und zu dem gesamten Fragenkomplex äußern wird, erwarten durste. Diese Klärung läßt es pur erwünscht erscheinen, daß recht bald nach der Sitzung des zionistischen Attionskomüees ein offizielles Gremium der Vereinigung für das liberale Judentum zusammentritt, um einen einheitlichen klaren Beschluß herbeizuführeu, damit nicht nur de Ansichten einzelner Liberaler gehört werden, sondern auch die Ansicht der liberalen Gesamtheit. Für diesen Beschluß scheint mir eins gewiß: Für den Juden der Gegenwart bildet weder der Text eines Bölkerbundmandats noch eine Erklärung der Britischen Regierung ein kaudinisches Joch. Bruno Woyda. Wir bringen nunmehr den Artikel der „Jüdischen Rundschau" zum Abdruck. Z«r Agency-Frag«. Die bevorstehende «.-C.-Sitzung wird für die Durchführung der Aongreßbeschlüss« über di« Erweiterung der Jewish Agency eine entscheidend« Phase bedeuten, weil da» A.-E. z« den klaren Beschlüssen