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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-12-14 · 50 (14.12.1928) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
50 (14.12.1928)
Date
1928-12-14
Page
– (sequence 7)
Language
German
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MWWMMWWWW sr ^WWWWWWWWWWWW vor einer großen Zuhörerschaft im Tempel, Poolstraße, stattfand. Rabbiner Dr. Italiener sprach über die „Krisis unserer modernen Kultur". Diese Krisis besteht schon länger, wird aber jetzt erst allgemein empfunden. Männer wie Strindberg, Tolstoi und Nietzsche haben bereits am Ausgang ^des 19. Jahrhunderts den Kampf gegen unsere moderne Kultur ausgenommen. Die Naturwissenschaft, verbündet mit Technik und Wirtschaft, hat das philosophische Denken, das gesellschaftliche, künstlerische und religiöse Leben nachhaltig beeinflußt. Die Hoffnung, den Menschen glücklicher, seelisch zufriedener zu machen, hat sie aber nicht erfüllt. Daher drängt das 20. Jahrhundert gegenüber den rationalen Strömungen des 19. auf eine größere Tiefe. Das Neue in Philosophie. Psychologie, bildender Kunst, Dichtung, Architektur wurde von dem Vortragenden dargelegt und durch Beispiele erläutert. Nicht berührt wurde die veränderte Struktur in Staat und Wirtschaft, auf dem Gebiete des Erziehungswesens (Bildungsproblem), in der Religion und endlich das Streben der neuen Jugend. Alle diese Probleme sollen von Persönlichkeiten wie Baeck (Berlin), Dienemann (Offcnbach a. M.), Lazarus (Wiesbaden) und Seligm a n n (Frankfurt a. M.) in den nächsten Monaten behandelt werden. Eine besondere Note werden die Vorträge noch dadurch gewinnen, daß alle Fragen vom Standpunkte des Judentums aus beleuchtet werden. Hamburg. (Elternabend des Jüdischen Schuldere i n s.) Der Elternabend des Jüdischen Schulvereins c. B., Hamburg, der am 3. Dezember im Logenheim stattfand, wurde von Herrn Tr. F r i s ch m a n n in Vertretung des durch Kraukheil verhinderten Vorsitzenden, Herrn D. M ü n d e n , mit einer Ansprache eröffnet. Ter Schulverein bestehe nunmehr 10 Jahre und habe während dieser Zei: eine immer wachsende Zahl von Kindern aus nicht orthodoxen Familien zu erfassen vermocht. Neuerdings, nach Einführung des ^.jüdischen Religions-Unterrichts in drei Privatschulen und nach Einrichtung von Kursen für die reifere Jugend, belaufe sich die Zahl der durch die Lehrkräfte des Jüdischen Schulvereins unterrichteten Kinder auf annähernd 250. Rabbiner Tr. Italiener sprach dann über: „Tie Aufgaben des jüdische» Religions unterrichts". Die wichtigste Ausgabe sei, goltesfürchtige Menschen hcranzubilden; dieses Ziel könne für Juden nur erreicht werden durch Entwickelung der jüdisch-religiösen Eigenart. Bibelkunde, Geschichte der Juden, Hebräisch und liturgischer Gesang sind diejenigen Fächer, die in der Schule besonderer Pflege bedürfen. Der Schulunterricht muß durch das religiöse Leben in der Familie die notwendige Ergänzung finden. Erforderlich ist in der Gegenwart in besonderem Maße die „Erziehung der Erzieher". Mit Nachdruck wird die Wahrhaftigkeit im Religions-Unterricht betont; die gesicherten Ergebnisse der Wissenschaft dürfen dem denkenden Schüler nicht verschleiert werden. An den Vortrag schloß sich eine lebhafte Aussprache, die in einer einmütig angenommenen Entschließung gipfelte. Ter Vorstand der Gemeinde soll ersucht werden. die zur Einführung des jüdischen Religions unterrichts in den ordentlichen Lehrplan der staatlichen Schulen eingeleiteten Maßnahmen derartig zu beicb'.eunigcn, daß der Unterricht mit Beginn des neuen Schuljahres ausgenommen iverden kann. Hannover. (Ruhiger Verlauf der G e m e i n d e w a h - l e n.l In ihren Rundschreiben hatten der Verein zur Pflege der Interessen der Synagogengemeinde und die Religiös-liberale Bereinigung hannoverscher Juden darauf hingewieseu, daß mit dem neu zu schaffenden Gemeindewahlrecht, dessen Einführung binnen wenigen Monaten zu erwarten sei, eine Neuwahl der gesamten Repräsentanz erforderlich tuerde. Unter Berücksichtigung dieser Tatsachen haben sich die für die Aufstellung von Kandidaten in Frage kommenden Organisationen zur Vermeidung unnötiger Wahlkämpfe darauf geeinigt, die satzungsmäßig ausscheidenden Mitglieder des Kollegiums wiederzuwählen. Während bei dein Wahlkampf im verflossenen Jahr 668 Gemeindemitglieder ihr Stimmrecht ausübten, machten in diesem Jahre mit Rücksicht auf das Wahlkompromiß nur 61 davon Gebrauch. Das Resultat weist keine zersplitterte Stimme auf. Zum 1. Vorsteher ivurde Herr Kommerzienrat Berliner, zu Repräsentanten tvurden die Herren Dr. Paul Goldschmidt, Salli Levi und Moritz Salomon wiedergewähli. Harburg. (Verhaftete F r i e d h o f s s ch ä u d e r.) Der Kriminalpolizei ist es gelungen, drei der Mittäter (junge Burschen) zu verhaften, die kürzlich auf dem israelitischen Friedhof in Harburg zahlreiche Grabsteine umgeworfen und zerstört hatten. Näheres gibt die Kriminalpolizei nicht bekannt, um den Gang der Untersuchungen nicht zu stören. Hersfeld. (D o p p e l j u b i l ä u m in der Gemeinde.) Am 9 Dezember konnte die hiesige Synagogen-Gemeinde auf ein 50 jähriges Bestehen zurückblicken. An demselben Tage weilt Lehrer a. D. M. Nußbaum 50 Jahre im Orte. Während dieser Zeit sind Hunderte von Schülern von ihm in religiösen und profanen Wissenschaften ausgebildet worden. Als charaktervolle, talmudisch gelehrte Persönlichkeit von schlichtem, aufrichtigem Wesen erfreut sich der greise Lehrer und Jugendbildner über die Grenzen Hersfelds hinaus hohen Ansehens, und an. seinem Jubilüumstage, dessen offizielle Feier mit dem Gemcindejubiläum am zweiten Sabbat Chanukah stattfinden sott, werden diele ihrer Sympathie für den alten Herrn Ausdruck geben. — Die Hersfeldcr Gemeinde zählt etwa 100 Familien und entfaltet eine rege Tätigkeit auf religiösem und sozialem Gebiet. Das Toppeljubiläum, das gleichzeitig mit der Chanukahfeier großen Stils verbunden wird, läßt nicht nur die Gemeindegngehörigen, sondern auch viele auswärtige Freunde einen frohen und erinnerungsreichen Tag begehen. Kassel. (7 5 Jahre Kasseler Tageblatt.) Am 5. Dezember beging das von der A.-G. für Druck und Verlag (vormals Gebr. Gotthelft) herausgegebene Tageblatt sein 75 jähriges Jubiläum. Die Festnummer gewährte aus dem Urteil prominenter Persönlichkeiten der engeren und weiteren Heimat, auch mehrerer Staatsminister, die Ueberzeugung von der Hochschätzung der in den 75 Jahren geleisteten Arbeit: sie brachte ferner aus persönlichen Erinnerungen der heute an der Spitze des Betriebs stehenden Leiter den Einblick in das rastlose berufliche Schaffen der Begründer des Unternehmens, Adolph und Carl Gotthelft. Der Umstand, daß jüdische Angelagenheiten in dem jetzigen Direktor der A.-Ä., Carl Gotthelft, dem Vorsitzenden der Ortsgruppe Kassel der Bereinigung für das liberale Judentum, und seinem Onkel Richard Gotthelfl, dessen mannigfache Verdienste um die jüdische Gesamtheit anläßlich seines 70. Geburtstages gewürdigt tvurden, treue Förderer fanden, lassen es berechtigt erscheinen, daß auch an dieser Stelle des Zeitungsjubiläums gedacht wird, das von dem beteiligten Verlag in recht sinniger Weife nur durch Uebecreichung eines namhaften Betrags an den Oberbürgermeister der Stadt Kassel zwecks Linderung der Not unter den Armen und weiterer Spenden für Wohlfahrtsanstalten seine Würdigung fand. Landsberg (Warthe). (R e p r ä f e n t a n t e n w a h lZ Am Soni,-- tag vormittag fand im Sitzungssaale der Stadtverordneten unter Leitung von Magistratsrat L i n d n e r die Repräsentant e n wähl der hiesigen Synagogengemeinde statt. Als Repräsentanten wurden gewählt: Erich Cohn, Adolf K a p a u n e r, Dr. Martin Meyer, Arthur H e i m a n n , Leo Cohn und Moritz Z ü n d er. Als Stell vertreter »vähltc die Versammlung .Hermann K o >v a l s k y , Arthur L e v y und Hugo L i e b e r t. Lissa i. P. (7 0. 0) e b u v t * t a g.) Ter 70 jährige Geburt» tag von S a u i t ä t s r a t Tr. Scherbe! gestaltete sich zu einer schönen'Feier unter Teilnahme der gesamten Gemeinde. Zur Gratu lation kamen Deputation aus Deputation. Bon seiten des Gemeinde Vorstandes sprach Herr Levi, von seiten der Repräsentanten Herr Landgerichtsrat Tr. Hofsinann, seine Gattin für de» Frauen- und Literaturverein, Herr Grunau für die Chewra, Herr Landsberg für die Stiftungen usiv. Aus jede Ansprache erwiderte der Jubilar de sonders, in humorvoller Weise. Aus den austvärtigeu Ehrungen ist ein Gratulationsschreiben vom Verbände der Vereine für jüdische Geschichte und Literatur in Deutschland hervorzuheben. In ihm schreibt Herr Studienrat Tr. Paul Michaelis in Berti» im Aufträge des Borstaudes: „Wir alle wissen Ihre Arbeit, die Sic im Interesse der jüdischen Sache im Osten geleistet haben, hoch zu schätzen und hoffen, daß es Ihnen vergönnt fein möge, noch lange Jahre in Frische und Rüstigkeit dafür zu wirken." Wir können uns diesem Wunsche nur anschtießen. Mainz. (Kein R a b b i n c r w e ch s e 1.) Herr Rabbiner Tr. Levi hat sich entschlossen, die ihm zuteil gewordene ehrenvolle Berufung als Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Berlin abzulehnen. Er wird an der Stätte seiner seitherigen Wirksamkeit als Rabbiner der israelitischen Religionsgemeinde Mainz und des Rabbinatsbezirks Mainz verbleiben. München. (Aufhebung der Immunität des Abgeordneten Streichers.) Ter bayrische Landtag beschloß, den nationalsozialistischen Abgeordneten Streicher zur Strafverfolgung freizugeben. Streicher hatte in seinem Nürnberger Blättchen „Der Stürmer" behauptet, der Gladbecker Primanermord sei ein Ritualmord, der von einem unbekannten Täter begangen worden sei. Es schivebt daher gegen ihn ein Verfahren wegen Beleidigung einer Religionsgesellschaft. Nürnberg. (T a g u n g.) Am 2. Dezember fand hier die Tagung des Landesverbandes Bayern des Verbandes der jüdischen Jugendvereine Deutschlands statt. Die Tagung >var von sämtlichen dem Verbände angeschlossenen sowie befreundeten Jugendvereinen sehr zahlreich beschickt. Der Vorsitzende, Rabbiner Dr. Rüls, Bamberg, erstattete Bericht über die Arbeir des letzten Jahres. Aus diesem Bericht ist hervorzuheben, daß in dem Berichtsjahre 4 neue Jugendvereine in Bayern gegründet und dem Verbände angeschlossen wurden. Zur Unterstützung der kulturellen Bestrebungen der Jugeudvereine zahlt der Verband Bayer. Jsr. Gemeinden einen beträchtlichen Zuschuß. 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Wie erst heule bekannt wird, ist der jüdische Friedhof in Rosenberg (Ostpreußen) bereits vor längerer Zeit von Friedhossschändern heimgesucht worden. Wir sind zurzeit bemüht, die näheren Einzelheiten über diesen Fall sestzustelleii. . .y Ulm. (G r a b m a l s w e i h e.) Am 9. Dezember wurde auf dem hiesigen Friedhose ein von der Gemeinde gestifteter Grabstein (Mazewoh) für den vor Jahresfrist verstorbenen früheren Rabbiner unserer Gemeinde, Dr. F. Straßburger, gesetzt. Obwohl auf Wunsch der Witwe des Verstorbenen der Akt nur im engeren Familienkreise vor sich gehen sollte, hatte sich doch neben den vollzählig erschienenen Mitgliedern des Vorsteheramts eine große Anzahl von Männern und Frauen eingefunden. Rabbiner Dr. Cohn sprach zunächst ein hebräisches und dann ein deutsches Gebet, in welchem er in zu Herzen gehenden Worten noch einmal ein lebenswahres Bild des so frühzeitig seiner Familie und seinem segensreichen Wirken Entrissenen zu entrollen verstand. Mit dem Kaddisch für die Leidtragenden, das von dem Rabbiner gemeinsam mit dem 10 jährigen Sohne des Verstorbenen gesprochen wurde, schloß die ergreifende Feier. der Beifall sehr groß. Besonders Arno Nadel mußte sich viel zeigen. Ueber alles das konnte dennoch ein Abstand des Verstehens nicht hinwegtänschen. Darum gerade halte ich dieses Stück, das seiner modernen Schlagworttendenz huldigt, für geeignet, Mittler zu sein „zwischen dieser und jener Welt". H. Adler, Mannheim. Moses — der Dichter seines Volkes Zum 125. Todestage Johann Gottfried Herders. Bon S. Meisels. Tie Vielgestaltigkeit in der Erscheinung des biblischen Moses drückt sich/ schon in den vielen Ruhmesnamen aus, die ihm für gewöhnlich beigelegt werden. Tie Bibel nennt ihn den Mann Gottes, die Tradition den Vater der Propheten, das Judenvolk heißt ihn Moscheh Rabbenu, Moses unser Lehrer, und die Geschichte preist chn als den größten Gesetzgeber aller Zeiten. Damit ist freilich die leuchtende Gestalt des Moses mit ihren unzählig brechbaren Strahlenarten noch lange nicht erschöpfend gekennzeichnet; die Ueberlieferung kennt auch noch Mos^ den Helden, den Staatsmann, den Gottgesandten, den Führer seines Volkes und den Künder des einlieitlichen Gottesgedankens. Bon jeher hat Moses als Held der Vorzeit die Denker und Dichter in seinen Bann gezogen; viele haben sich mit ihm beschäftigt und seine erhabene Gestalt bald in ihrer Ganzheit, bald in ihren Teilerscheinnngen zu erfassen und darzustellen versucht. So wurde Moses als Prophet, Lehrer, Gesetzgeber, Volksbildner usw. gewertet. Johann Gottfried Herder aber war der erste, der den biblischen Moses auch als den Dichter seines Volkes gewürdigt hat. Moses — ein Dichter? Auf den ersten Blick könnte dies etwas seltsam erscheinen. Bei näherer Prüfung jedoch ergibt sich Wohl die Berechtigung, Moses den Propheten auch als großen Poeten zu feiern. Der „Gesang am Roten Meer", das „Moses-Lied", der „Segen Moses'" und der 90. Psalm, der ebenfalls Moses zugeschrieben wird, zählen zu den herrlichsten Lieddichtungen der Bibel. Dann sind ja auch alle Propheten im ureigentlichen Sinne Poeten gewesen, begnadete Männer, denen es Gott gegeben, ihre Gesichte in eine wundervolle poetische Form zu Neiden. War nun aber Moses Muster.und Vorbild der Propheten, so mußte er auch ein großer Dichter seines Volkes gewesen sein. Wie ein feierlicher Hymnus liest sich das Moses-Kapitel in Herders Hauptwerk „Vom Geiste der ebräischen Poesie". Nahezu dithyrambisch Üingt der Auftakt zu diesem Kapitel. Es beginnt mit den anredenden Worten: „Ich nahe mich dir, ernster, heiliger Sä.atte! Einer der ältesten Gesetzgeber und Wohltäter des menschlichen Geschlechts! Tein Antlitz glänze nicht zu sehr, daß ich deine Züge erkenne und sie mit Licht und Wahrheit, die du dem Fürsten deines Volks als Heiligtum auf die Brust legtest, zeige!" Anschließend an diese Anrede hibt uns Herder eine packende Schilderung von der Größe Moses'. Unter den Sehern der Vorzeit gilt ihm Moses als der größte; in der Zeitenfolge findet er keinen zweiten Propheten, der es verdiente, ihm gleichgestellt zu werden. „Es stund hinfort kein Prophet in Israel auf wie Moses", zitiert Herder und schreibt zu diesem Satz einen Kommentar, wie ihn bisher keiner der vielen Bibel-Kommentatoren geschrieen hat. Im allgemeinen gilt dieser Ausspruch als ein Axiom, der keines Beweises bedarf; Herder dagegen sucht die Wahrheit dieses Ausspruches zu beweisen. Er zählt der Reihe nach fast alle Propheten auf, um darzutun, daß sie an Moses' Größe nicht heranreichen. „Samuel hatte einen Strahl von seinem Licht, aber nicht seine Kraft. David war weich und zart, gerecht und tapfer, aber ein König: er umwand das mosaische Gesetz mit lyrischen Kränzen, konnte es aber nicht dauerhaft stützen. Salomos Weisheit ging in wollüstige Feinheit, in Glanz und Pracht des Hofes über. Elias hatte einen Arm von Moses' Kraft, sein Zeitalter aber war zu tief gesunken: er reinigte wie Feuer und Wind, er konnte aber nicht stiften, nicht beleben. Jesaias und andere Propheten waren der Mund Moses', sein Geist und reiner Blick erfüllte sie; wo ist aber die Tat, die sie schufen? das GÄände, das sie dahinstellten?" Nein, es stund hinfort kein Prophet in Israel auf wie Moses. Und dieser «rößte aller Propheten war auch ein großer Dichter seines Volkes. Herder würdigt Moses als Dichter im buchstäblichen und zugleich auch in einem sehr vieldeutigen Sinne. Zunächst ist Moses Objekt der Dichtung, der unvergleichliche Tatenmensch, an dem sich die dichterische Begeisterung entzündet; und dann ist er selber ein gewaltiger Sänger vor dem Herrn. Auf dreierlei Weise, schreibt Herder, hat Moses auf die Poesie seines Volkes gewirkt. Zuerst durch seine Taten: der wnnderreiche Auszug aus Aegypten, die Wanderung durch die Wüste, die Eroberung des Landes, ward der ewige Stoff ihrer Bilder und Lieder. Auch die Einrichtung des Gottesdienstes und des Priestertums rechnet Herder zu den Taten Moses', durch die er aus die Poesie des Hebräervolkes gewirft hat, denn durch sie entstand der Tempelgesang, der „die Poesie der Ebräer in allem heilig machte". Ferner hat Moses ans die Entwicklung der hebräischen Poesie den stärksten Einfluß dadurch ausgeübt, daß er den Propheten die Befugnis gab, zu warnen, zu unterweisen, zu trösten; dadurch wurde stets von neuem auch in Zeiten des Verfalls der heilige Gesang wiedererweckt. ..Man liefet die Propheten nie recht, wenn man sie als Weissager, als Träumer, als Marktschreier ansieht: Nachfolger Moses' waren sie, Anwender und Erneuerer seines Gesetzes in verfallenen Zeiten; und einige unter ihnen waren sehr weltkluge Männer, große Redner, lehrreiche Dichter." Unmittelbar aber hat Moses selbst als Dichter, durch eigene Poesien und Lieder, auf die Gestaltung der hebräischen Bolkspoesie unsterblich gewirkt. Moses' letztes Lied ward das Vorbild der Redekunst der Propheten, sein Lied am Roten Meer das Vorbild der Lob-, Sieges- und Errettungspsalmen, und der. 90. Psalm das Vorbild aller lehrenden Lieder. Ganz wundervoll beschreibt Herder Art und Beschaffenheit der Poesie Moses'; sie ist, „wie sein Leben und Charakter war, vielumfassend, aber hart, ernst und einsam, sie glänzt, wie sein Angesicht, aber eine Decke hangt vor ihr". Herder geht alle Moses-Lieder in der Bibel einzeln durch und weist im einzelnen auf ihre poetischen Schönheiten und Feinheiten hin. Den Gesang Moses' am Roten Meer (die „Schirah") nennt Herder „das älteste und llingendste Siegesliä", den „unübersetzbaren ältesten Siegesgesang der Erde". Herder vertritt die Ansicht, daß Israel die Lieder Moses' auswendig lernen mußte. (Hierfür könnte man, dünkt mich, 2. B. M., Kap. 15, B. 1 als Beweis heranziehen. Da heißt es: Os jrschir Moscheh ubh'ne jisrael eth haschirah hasoth — „Da sang Moses und die Kinder Israel dieses Lied". Haben nun die Kinder Israel das Lied gesungen, so mußten sie es vorerst auswendig gelernt haben.) Mit überschwenglicher Begeisterung spricht Herder von Moses dem Dichter. Moses ist chm nicht nur der Dichter seines Volkes, der Schöpfer und Erwecker der hebräischen Poesie, — der Mann Moses und sein Werk ist ihm schlechthin eine lebendige Quelle der Dichtkunst. In Herders Hauptwerk findet man folgende merkwürdige Stelle: „Lies Mosen! lies die mosaische Geschichte! Oft gibt ein Wort, das darin vorkommt, zur schönsten poetischen Entwicklung in ganzen Kapiteln Anlaß: was bei den Griechen Homer ist, ist bei den Ebräern Moses." — Indes, in jeder vielgestaltigen Persönlichkeit gibt es ein Zentrum, worin alle Kraftquellen des schöpferischen Geistes gesammelt erscheinen. In diesem Zentrum ruht des großen Menschen Wesenskern, hierin ruht seine Größe, die alles andere Große in ihm überschattet. Wie groß auch in allem Moses unser Lehrer gewesen sein mag, in überragender Größe erscheint er doch nur als Volksbildner und Gesetzgeber. Auch Herder verschlaft sich nicht dieser Erkenntnis. Zu Ende des Moses-Kapitels, das doch nur von Moses dem steten handelt, schaltet er kurz die Bemerkung ein: So großer Dichter Moses auch war, so war er doch mchr Gesetzgeber als Dichter.

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