Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 50 (14.12.1928)
- Date
- 1928-12-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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WftlnauKrfutitfl auf der Grundlage nationaler Anschauungen ist nicht möglich. 3. Die Tutvalitisierung der gemeinsamen PalSstinaardeit mußi ihre« Ausdruck finden in zweierlei: a> -ei der Einwanderung in dem Grundsatz des Gleichgewichts zwischen der Zahl der Einwanderer und den wirtschastnchen Fähigkeiten des Landes. b) in der Herstellung eines vernünftigen Berhiiltuisses zu dm Arabern. Wilhelm II. und Houston Lin Briefwechsel Im Verlag F. Bruckmann A.-G., München, erschienen vor kurzem Briefe, die Houston Stewart Chamberlain in den Jahren 1882—1924 schrieb und der Briefwechsel Chamberlains mit Kaiser Wilhelm II. Die Briefe Chamberlains zeugen an vielen Stellen von dem Fanatismus dieses, wie er sich selbst in einen; der Briefe bezeichnet, „zum Deutschen hinaufgearbeileten Engländers", der trotz aller Geistigkeit doch nicht vor der tropagierung des blödesten Antisemitismus zurückschreckte. eine Briefe geben deshalb vom jüdischen Standpunkt aus kaum Anlaß zu erneuter Betrachtung. Umso interessanter ist es, die geistige Verwandtschaft Chamberlains mit Wilhelm II. aus dem Briefwechsel feststellen zu können. In einem Brief vom 31. Dezember 190t heißt es am Schluß: „Und nun Gottes Segen und unseres Heilands Stärkung zum neuen Jahr 1902 wünsche ich meinem Streitkumpan und Bundesgenossen im Kampf für Germanen gegen Rom, Jerusalem usw. Das Gefühl für eine absolut gute, göttliche Sache zu streiten, birgt die Gewähr des Sieges! Sie schwingen ihre Feder, ich meine Zunge, schlage auf meinen Pallasch und sage trotz aller Angriffe und Nörgeleien dennoch! Ihr treu dankbarer Freund Wilhelm I. R." In einem Schreiben vom 23. Dezember 1907 bedankt sich! Wilhelm II. für Weihnachts- und Neujahrsglückwünsche und schreibt über das vergangene Jahr: „Es war mir ein sehr schweres Jahr, was mir seelisch unendlich vielen und schweren Kummer gebracht. Ein trauter Freundeskreis, der auf einmal gesprengt wird durch jüdische Frechheit, Verleumdung und Lüge." Dieser Brief, der auch über einen Besuch „bei dem großen Volke der Briten" berichtet, ist auch noch aus politischen Gründen interessant. So heißt es z. B.: konnte in reiner Atmosphäre unter charaktervollen gesunden Menschen weilen, während bei uns der Schlamm haushoch spritzte, und sogar der Reichstag sich mit Behagen darinnen herumsudelte wie ein Schwein im Kote!" Um zu zeigen, daß ein Kaiser alles weiß, drucken wir nachstehend zwei Briese im vollen Wortlaut ab. Neues Palais, 21. 12. 1902. Lieber Mr. Chamberlain. Auf die Gefahr hin, in den Verdacht der Aufdringlichkeit zu kommen und in Ihre Arbeit über das Kantbuch störend einzugreifen, bitte ich Sie, mir diese Antwortzeilen zu vergeben. Wir Könige stchen ja bekanntlich! leider in dem Rufe, meist in nur losem Konnex mit der Göttin der Dankbarkeit zu stehen, und da muß ich doch das Meine dazu 4. Palästina-Mtomchen als Teil eines Gefamttolvnifationsadkommens mit dem Ziel einer planmäßigen Siedlung in der ganzen Welt. Daß eine Zusammenarbeit für Palästina eine Milderung in der Form innerjüdischer Parteikämpfe bringt, sollte selbstverständlich sein. Gemeinsarne Arbeit wird das Verständnis des einen für beu anderen fördern und das Gefühl der Gemeinschaft stärken. Aewarl Chamberlain tun, daß ich Ihnen gegenüber nicht in solchem Lichte erscheine! — Innigen und herzlichen Tank für Ihren Brief und die Beilage. Ich habe beide sorgfältig und öfters durchstudiert und darüber nachgedacht. Tie Hauptpunkte, unsere Zukunft, ihre Aufgaben betreffend, habe ich als Programm in Görlitz „point blanc", wie der Brite sagt, unter die Zuhörer gefeuert. Ich war ja so froh, daß Sie dem, was ich innerlich fühlte und was in mir rang, in so lapidarischer - Weise Form und Worte verliehen hatten. Ich beobachtete die Gesichter, gespannte Aufmerksamkeit und Staunen war da zu lesen. Es war ganz etwas anderes, als sie erwartet hatten, und es war etwas Neues! Zu meinem Erstaunen habe ich bald erfahren und gesehen, daß im Lande die Aufnahme eine günstige war. Von den Universitäten und Professorei; war das natürlich, und von dort klang es hell und dankbar zurück. Aber auch „Nichtfachleute" hatte es gepackt. Nur die Orthodoxie von rechts und links grollte! Sie hat einen argen Schreck über die „Weiterbildung unserer Religion" bekommen und kaut seitdem an dem Ausdruck herum, ohne ihn verstehen zu wollen oder zu können. Möge das Samenkorn Frucht brin-. gen! Ihre vier Essays — exklusive Rasse - habe ich im Kreise der Meinen vorgelesen und haben wir herzhaft diskutiert und verhandelt. Ja das Alte Testament! Und gar die Genesis! Ei! Ei! Das waren doch gar überraschende Tinge, die Sie daraus mitteilten, und ungern läßt man vom Althergebrachten. Aber ich habe den Eindruck, daß dock, allmählich es klar wird, woraus es dabei ankommt, und das habe ich bei den Kontroversen stets betont. Wir haben den Heiland, und der muß für uns die Hauptsache sein und voranstehen, und mit dem muß man sich völlig beschäftigen. Von dem aus kann man auf das Alte Testament „rückwärts konstruieren"! He is a fact! Zumal für uns; was vor ihm war, ist eine Erläuterung, soweit sie nachweisbar ist, ein Hinweis auf Ihn! Aber für uns jetzt muß absolut das „Ich aber sage euch" des Herrn Jesus Christus gelten. — Wie richtig und zugleich wundervoll sagen Sie, daß für den Menscher; es unmöglich ist, für transzendentale Dinge sich Form oder Begriff zu machen — i. e. von Gott —, daß aber wir ja in der glücklichen Lage sind, einen Anhaltspunkt, einen Hinweis zu haben: denn „Christus ist ja Gott", Er hat sich in ihm offenbart! — Das schlug vollkommen durch, und nachden; die nötige Menge von Broschüren aus München nachbestellt waren — in Berlin«varen keine mehr zu haben —, gehen jetzt alle unsere Damen mit Ihrem Vorwort unter dem Arm umher und fallen ahnungslose Geistliche an, die es zu lesen bekommen. Ich habe die Broschüre au viele Fremwe, Geistliche, auchkatholische Tamm gesandt. Habe überall reges Interesse gefunden, wobei mir zu meiner großen Freude ein älterer Stabsoffizier sagte, daß diese Schrift unsere Leutnants sehr interessierm werde, da fast jeder junge Offizier des Gardekorps die „Grundlagen" studiere und bespräche! Nun noch ein Wort von Delitzsch. In Ihrer Behandlung des Vortrages von Bibel und Babel gehen Sie von der Ansicht aus, daß er im semitischen Sinne und Interesse gearbeitet habe. Wir alle, die den Bortrag hörten, haben diesm Eindruck nicht gehabt. Er war von seiner Materie sehr erfüllt und begeistert und ging doch« auch dem Alten Testament zu Leibe, insofern er die Ansicht zum erstenmal öffentlich aussprach, daß in der Genesis hauptsächlich Mythen und Ueberlieferungen seien. Das erregte damals schon einen ganz ungeheueren Sturm unter Damen und Pastoren, daß er ganz fürchterlich mitgenommen wurde und nur wenig Verteidiger fand. Bei den Diskussionen verschwand das „Semitische" völlig, und es blieb nur das Assyriologische oder reiu Religiöse übrig, je nach dem Standpunkt des Betreffenden. Aber ich habe nicht den Eindruck gehabt, daß er uns „semitisch" hat „einspinnen" wollen, dazu ist es ein zu einfacher und ehrlicher Mensch. Er ist eben von einem mehrmonatigen Ausflug nach Babylon heimgekehrt und wird Anfang nächsten Monats einen neuen Vortrag hallen, bei dem er auch Ihren Auffatz widerlegen will. — Neulich erzählte uns ein Landgeistlicher aus einem Torf an der russischen Grenze, dem ich Ihre „Grundlagen" geschenkt hatte, daß er das Kapitel über die Erscheinung Christi einem aus seiner Kirche ausgetretenen Atheisten zu lesen gegeben. Derselbe habe es ihm tief erschüttert zurückgebracht und habe unter Tränen um Wiederaufnahme in die Gemeinde und die Sakramente gebeten und sei ein frommer Christ geworden! — Sie haben eine Seele gerettet, das herrlichste, was ein Mensch vollbringen kann, mögen Sie unser deutsches Volk, unser Germanentum retten, dem zum Helfer und getreuen Eckhardt Gott Sie gesandt hat! — Zur Weihnachtsgabe sende ich Ihnen ein Bild/) einen historischen Moment darstellend, an welchem aus britischem Munde ein gewaltiges Wort siel, aus das wir stolz sind! Nun a merry Christmas and a happy New Pear mit Gottes reichstem Segen wünscht herzlichst in treuer Freundschaft Ihr Wilhelm I.R. Berlin, 16. 2. 1903. Mein lieber Mr. Chamberlain Wie einen Retter in der Not habe ich Ihren erfrischenden und prächtigen Brief begrüßen können. Denn, da ich, wegen Ueberhäufung mit Geschäften, ihn erst gestern öffnen konnte, traf er mich mitten in einer angestrengten Arbeit des „Gebarens" — anders kann ich. den Vorgang nicht gut bezeichnen —, des geistigen Drückens. Ich war nämlich gerade damit beschäftigt, ein paar Zeilen zu formulieren und zu feilen, welche ich abgefaßt habe, um Delitzsch einerseits für seinen Fleiß Anerkennung auszusprechen, sodann ihn freundschaftlich, aber bestimmt in seine Grenzen zurückzuweisen, und zuletzt für ihn und alle anderen Menschen meine Auffassungen und Standpunkt klar festzustellen. Ich bin ein Feind aller Tinte und daher ein schlechter Stilistiker, deshalb wird mir eine solche Arbeit sehr schwer. Ta kam nun Ihr Brief like a revelation! Nach seinem mehrfachen Turchstudieren fiel mir in chm wieder zur Evidenz jene angenehme und bewundernswerte Eigene schüft auf, womit die Vorsehung Sie zum Heil Ihrer Mitmenschen. ausgestattet hat, nämlich, die Gabe, für die Gedanken, welche uns beschäftige;; und durchziehen, die rechte äußere Form zu finden. Nach, vier Stunden war mein Skriptum fertig, und werde ich mir gestatten, Ihnen — meinem geistige;; Geburtshelfer — mein Kind auch zu Füßen zu legen. Ich muß dabei aber um Verzeihung bitten, wenn Ihnen beim Lesen Anklänge Vorkommen sollten, welche Ihnen bekannt erscheinen! Sie haben bei *) „Germans to the ftont." Das Haus Rothschild in der Zeit seiner Blüte Bon Doris Wittner. (Schluß.) Salomou Rochschild hatte aber auch Gelegenheit, sich Habsburgs ungekrönten Herrscher, de;; Fürsten Metternich, noch unverbrüchlicher zu verpflichten. Der Kanzler hatte nämlich im Januar 1831 in dritter Ehe die schöne und lebenslustige Gräfin Melanie Zichy-Ferraris geheiratet, deren Familie infolge ihres großen Aufwandes sehr oft in Verlegenheit war. Salomo;; Rothschild wußte, dem Grundprinzip seines Hauses getreu, sich immer die Großen dieser Erde zu verpflichten, stets rechtzeitig auszuhelfen, und gewann dadurch die unbegrenzte Dankbarkeit der Gemahlin des Kanzlers, die er bei allen Gelegenheiten mit Blumen und Geschenken überschüttete, u;ü> sie war es vor allem, die dem Baron in der sonst so exklusiven Wiener Hofgesellschaft eine geradezu einzigartige Stellung schuf. Der soziale Aufstieg der Rothschilds machte sich aber auch anderwärts sehr fühlbar. Nathan wurde in England von den exklusivsten Lords zu Tische geladen, und James' außergewöhnliche Stellung am Hofe des neuen Königs Louis Philippe sowie seine Intimität mit dem Ministerpräsidenten Thiers wurde durch nichts besser gekennzeichnet als durch die Verleihung des Großkreuzes der Ehrenlegion, deren Ritterkreuz er schon seit 1823 besaß. Große Bälle und Feste, die er den Spitzen der Gesellschaft in seinem herrlichen Palais in Paris gab, halfen diese Stellung befestigen. James benutzte u. a. aber auch seinen Einfluß, um auf die Lage seiner jüdischen Religionsgenossen in den römischen Staaten hinzuweisen, deren Verbesserung er als günstige Wirkung der von ihm unternommenen Ge - schäftemit derpäpstlichenRegierung erhoffte. Die Anleihe, die das Pariser Haus Rothschild der päpstlichen Regierung gewährt hatte, schenkte diesem die Möglichkeit, eine kleine Armee von einigen lausend Mann zur besseren Sicherung ihrer weltlichen Herrschaft aufzustellen. In der Christenheit aber machte der Vorgang größtes Aufsehen, als Papst Gregor XVI. CarlRothschild am 10. Januar 1832 in Audienz empfing, ihm das Großband und den Stern eines neu gestifteten Ordens des Heiligen Georgs verlieh und sich von ihm statt des Fußes die Hand küssen ließ. Und das alles, ohne daß Rothschild deshalb Christ geworden wäre! Das größte Verdienst und die größte Geschicklichkeit der Bankhäuser Rothschild aber bildete der Umstand, daß sie ihre einträglichsten Transaktionen mit den regierenden Häusern Europas stets dazu benutzten, aus der Stärkung der eigenen Position Vorteile für ihre Stammesgenossen zu ziehen und somit die Emanzipation allgemach wirklich aus den richtigen Weg zu bringen und ihre Adern statt mit eintrocknender Tinte mit heiß pulsendem Blute zu füllen. So z. B. mußten alle fremde;; Juden in Wien bekanntlich um die „Toleranz" einkommen und sie von drei zu drei Jahren erneuern. Nur die Rothschilds hatten das Privilegium, nicht nur nicht um'Toleranz ansuchen zu müssen, sonder;; auch aus der Liste der tolerierten Juden überhaupt nicht zu figurieren. Mit. der Zeit wu rde diese Konzession auch auf die Sekretäre des Rothschildschen Hauses, sowie nach und nach auf mehr oder weniger verdiente Juden ausgedehnt. Daß es gefährlich sei, finanzielle Großwürdenträger vom Schlage der Rothschilds reizen oder überlisten zu wollen, hatte Spanien erfahre;; müssen, das den Rothschilds die für eine gewährte Anleihe geschuldeten Zinsen zu hinterziehen trachtete. Daraufhin machten sich die Häuser Rothschild in London und Paris daran, in den spanischen Fo;ü>s a la baisse zu spielen und verwandten für diese Kontermine Operation einen Betrag von 1 800000 Pfund Sterling!!! Der Erfolg war gewaltig: die spanischen Renten sielen von 70 auf 37, und die daraus entstehende Panik, die ungeheure Entwertung der spanischen Papiere in London, war einzig und allein die Folge des Rothschildschen Racheaktes. Tausende von Besitzern spanischer Papiere verloren zwei Drittel ihres Vermögens. Solche Racheakte, die ihrem Gerechtigkeitsgefühl entsprangen, ließen die Rothschilds sich unter Umständen auch einen gehörigen Batzen kosten. So beispielsweise in eben dieser spanischen Affaire, wo sie den widerspenstigen Finanzminister einfach kauften. Der Mann war teuer, das mußte man sagen; zunächst einmal erhielt er eine Million dreihunderttausend Franken und dann im Laufe der Verhandlungen noch weitere dreihmrderttausend Franken, also insgesamt eine Summe von einer Million sechshunderttausend Franken. Es war demnach durchaus begreiflich, daß Außenseiter die einzigartige Macht dieser einen Familie freundwitlig oder feindselig beurteilten. Als Balzac einmal Heine und Rothschild auf dem Boulevard traf, bemertte er: „Da gehen der ganze Geist und das ganze Geld der Juden Arm in Arm." Andererseits hatte der unbestechliche aber schonungslos boshafte Börne in seinen „Pariser Briefen" die finanziellen Beziehungen Rothschilds zum Papste — die den römischen Juden Freiheit und Gleichheit erwirkten — folgendermaßen ins Lächerlichegezogen: ^„Wenn man, schrieb Börne, Louis Philippe krönt, so wird dies in Paris in Notre-Dame de la Bonrse geschehen und Rothschild wird dabei als Erzbischof füngieren. Eine lustige Lachtaube wird dann nach Sanct Helena fliegen, sich auf Napoleons Grab setzen und ihm lachend erzählen, sie habe gestern seinen Nachfolger krönen sehen, aber nicht vom Papste, sondern von einem Juden. Hieran knüpfte er mit schneidender Ironie die Frage, ob es nicht das größte Glück für die Welt wäre, wenn man alle Könige wegjagte und die Familie Rothschild auf den Thron setzte. Die neue Dynastie würbe keine Anleihen machen, denn sie wüßte am besten, >vie teuer ihr solche zu stehen kämen. Ueberdies wäre der Friede gesichert, denn die Rothschilds stünden mit dem ewig gefahrdrohenden Hause Habsburg in zu guter Verbindung. Börne zeigte dann, wie teuer Oesterreich diese Freundschaft zu stehen käme. Gut, die Rothschilds säßen freilich noch auf keinem Thron, aber wenn einer frei werde, so würden sie um Rat gefragt, wen mau darauf setzen solle: es sei noch bitterer, daß alle Kronen nun zu Füßen der Rothschilds lägen, als wenn sie sie auf ihren Häuptern trügen." Wiederum anders vermeinte der große Gönner der Rothschilds, Lord Beaconssield: „Ich bin immer der Ansicht gewesen, daß es nicht genug Rothschild' s geben k ö n n e." Auch in England, der Heimat der stärksten Traditionen, hatte die Rothschildsche Zähigkeit hundertjährige Ueberlieferungen durchbrochen. Bisher war der Eintritt in das Unterhaus dem englischen Juden verwehrt. Nathan Rothschilds ältester Sohn, Lionel, aber wollte Jude bleiben und den Eintritt ins Unterhaus trotzdem erzwingen. Dieser Eintritt jedoch war abhängig von einem vorgeschriebenen Eid, in dem das neue Unterhausmitglied sich als Christ hätte bekennen müssen. Ganz England interessierte sich für den nunmehr entbrannten Kampf, durch den eigentlich die Frage der Judenemanzipation in England erst aktuell wurde. Dank dem unermüdlichen Eintreten Disraelis für Lionel wurde das bisher gegnerische Ministerium des Lord Derby für eine Kompromißformel des Eides gewonnen, die in beiden Kammern alsbald zugelassen ward, so daß Rothschild schon am 26. Juli 1858 den herkömmlichen Eid in der abgeänderten Form leister; konnte. Als er der; Sitzungssaal betrat, war das Unterhaus gedrängt voll. Unter tiefer Stille wurde Lionel von Lord John Russell, der stets für die Gleichberechtigung aller Bürger eingetreten war, zu dem Tische des Hauses geführt. Dort verneigte er sich vor dem Speaker und leistete den Eid auf die Hebräische Bibel, wobei er die Worte „in the true faith of a christian" durch die Worte „so wahr mir Jehovah helfe" ersetzte. Daraufhin reichte ihm der Speaker die Hand, und er nahm, immer noch unter lautloser Stille, seinen Sitz ans der liberalen Seite der Kammer ein. Damit war ein elfjähriger Kampf beendet, der den Juden schließlich den Weg in die öffentlichen Aemter des Imperiums endgültig austat. — Lionel war der eigentliche siestreiche Vorkämpfer der Judenbefreiung;n England. Als er am 18. März 1879 der Einweihung des Londoner Jüdischen Tempels beiwohnte, rief er in seiner Rede ans: „Wir sind emanzipiert; allein, wenn die Emanzipation uns im Glauben erschüttert hätte, wäre sie für uns ein Fluch statt eines Gewinnes." Nicht nur alle Minister und führenden