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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-12-14 · 50 (14.12.1928) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
50 (14.12.1928)
Date
1928-12-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
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AdlschKberakZMmg Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. 9c]»f*prct» d«ch Me Geschäftsstelle '/«jährlich Bl 2L0 Ltvzelnmmner 0.20. Sei freier Zusendung L Inland 0.25 JAc Me Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im ANtgliedsbeitrage enthalten, »erantwortl. Redakteur: Bruua wayda. Die „Jüdisch-liberale Zeitungerscheint jeden Freitag. Redaktion «ad Geschäftsstelle: Verttn SV 48, Wilhelmstr. 147 Fernruf: Bergmann 3358, 3380 Postscheckkonto: Berlin MB 7, 137069 (Bereinignng für da» liberale 3nbenfam) Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge tmr mit vorheriger Genehmigung der »edaktta« gestattet. rL'ÄLK'L NLSTSAWS Anzeigenannahme: »Jüdisch'Uderale Zeituua Jaserateuabteilang: Berlin SV 48. wilhelmstrahe 1« (Bergmann: 3338-58). sowie sömtt. Avnoncen-EWedUidu. 7lv. 50 Berlin. 14. Dezember 1928 8. Jahrgang Zum gegenwärtigen Stand der Agency-Frage Können wir mit den Zionisten für Palästina Zusammenarbeiten? Von Landgerichtsrat Tr. Arthur Li! ienthal, Berlin. Tie Frage der Jelvish Agency steht gegenwärtig , rm Vordergründe des jüdisch-politischen Interesses. Im Lause der nächsten zwei Wochen tritt das Zionistische Aktions-Komitee in Berlin zusammen, um endgültig seitens der Zionistischen Weltorganisation zur Bildung der erweiterten Agency Stellung zu nehmen. Im Zusammenhang damit wird man dann lveitere Maßnahmen beraten, um auch in Deutschland die nichtzionistischen Kreise zur Mitarbeit an der Agency zu gewinnen. Bisher hat noch kein Gremium der „Vereinigung für das liberale Judentum" offiziell zur Agency-Frage Stellung genommen; die nachfolgenden Ausführungen eines der prominentesten liberalen Führer dürsten aber di« Auffassung weiter Kreise der deutschen nichtzionistischen Judenheit widerspiegeln. Sie verdienen daher die größte Beachtung. Die Schriftleitung. I. Zur gegenmärtigen Lage. Tie Bemühungen des Zionismus, auch die nichtzionisttscheu Kreise der Gesamtjudenheit zum Palästina-Aufbau heranzuzichen, treten in ein entscheidendes Stadium ein. Sie kristallisieren sich in dem Streben nach Bildung einer erweiterten Jewish Agency. Die Agency ist die im Palästina-Mandat vorgesehene Mische Vertretung gegenüber der Mandatarmacht England. Sie soll nach Art. 4 des Mandats „als eine öffentliche Körperschaft anerkannt werden für die Aufgabe, der Verwaltung Palästinas in solchen wirtschaftlichen, sozialen und anderen Angelegenheiten Rat und Mitarbeit zu gewähren, die die Errichtung des jüdischen nationalen Heims und die Interessen der jüdischen Bevölkerung in Palcsstina betreffen, und, immer der Kontrolle der Verwaltung unterworfen, bei der Entwicklung des Landes zu helfen und teilzunehmen. Die zionistische Organisation soll, solange ihre Organisation und Verfassung nach der Meinung des Mandatars angemessen jiitb, als solche Vertretung anerkannt werden. Sie soll, rm Einvernehmen mit Seiner Britischen Majestät Regierung, Schritte unternehmen, um die Mitarbeit aller Juden zu sichern, die gewillt sind, bei der Errichtung des jüdischen nationalen Heims zu helfen." Zur Herbeiführung der Erweiterung der Agency ist vor etwa zwei Jahren von der zionistischen Weltorganisation und einer amerikanischen Gruppe von Nichtzioniften, der sogenannten Marshallgruppe, eine Kommission von vier großen Wirtschaftlern eingesetzt worden mit der Aufgabe, aufgrund von Sachverständigengutachten einen Bericht über den Aufbau Palästinas zu erstatten. Tie Kommission bestand aus einem Zionisten (Lord Melchett, früher Alfted Mond) und drei Nichtzioniften (Lee K. Frankel, Felix M. Marburg, Oscar Wassermann). Ihr Bericht erschien im Sommer dieses Jahres. Seine in der Jüdischen Rundschau abgedruckten Empfehlungen behandeln im wesentlichen dis wirtschaftlichen Fragen Palästinas : Einwanderung, Landwirtschaft, Industrie, Arbeiterfragen, Finanzen, ferner öffentliches Gesundheitswesen und Erziehung. Ter Bericht hält ein Jahresbudget von einer Million Pfund (etwa 20 MM io neu Mark)-" für erforderlich, um „bie Errichtung eines nationalen Heims in Palästina und feine Erhaltung eine Anzahl von Jahren weiterzuführen und zu einem befriedigenden Abschluß zu bringen." Für den Fall der Erfüllung ihrer Bedingungen rufen die Kommissions- Mitglieder die gesamte jüdische Welt zur Mitarbeit auf. Organisatorisch liegt den Verhandlungen der Plan zugrunde, daß 50°/o der Mitglieder der Agency von der zionistischen Organisation, 50°/o von den Nichtzioniften bestimmt werden sollen. Tie Palästina-Arbeit soll nach dem Bericht von der Agency in die Hand genommen werden. Au, zionistischer Seite hat der Bericht einen heftigen Kampf darüber entfesselt, ob seine Vorschläge annehmbar seien. Anstoß erregte vor allem das mangelnde Verständnis der Kommission für gesellschaftliche Neugestaltungen und soziale Fragen. In der Erörterung ist von der Mehrheit stets betont worden, daß die zionistische Organisation aus eigener Kraft höchstens imstande sei, das jetzt in Palästina Bestehende zu erhalten, nicht aber, es fortzuentwickeln. Das zionistische Aktionskomitee hat schließlich auf einer Tagung rm August dieses Jahres eine Reihe von Abänderungswünschen ausgesprochen. Es bezeichnet „als unabänderliche Grundlage für die Errichtung der Agency und für die Aufstellung ihres Arbeitsplans": die Grundsätze der jüdischen Arbeit, der hebräischen Sprache, des nationalen Bodens (alle von öffentlichen Geldern der Agency erworbenen Ländereien müssen Genreineigentum . des jüdischen Volkes fein), des Selbstbestimmungsrechts, der Siedler (d. h. Freiheit, auch die Form der Gemeinschaftssiedlung, Kwuzah, zu wählen) und der ständig wachsenden Einwanderung. lieber diese Forderungen wird zur Zeit zwischen der zionistischen Weltorganisation und den Amerikanern verhandelt. Das Ergebnis muß sich in kürzester Zeit Herausstellen, da noch vor Weihnachten das zionistische Aktionskomitee wieder Zusammentritt. II. Die Voraussetzungen für eine Zusammenarbeit. Wenn die Verhandlungen der Zionisten mit den Ameritanern zu einem Ergebnis führen, wird auch, an uns deutsche Nichtzionfften sehr bald die Frage herantreten, wie wir uns zu der Erweiterung der Jewish Agency stellen. Wir werden dabei davon auszugehen daben, daß in Palästina von Juden etwas geschaffen worden ist und baß es im Interesse der Gesamtjudenheit liegt, das Geschaffene nicht verfallen zu lassen. Auf sie würde der Untergang des Palästinawerks zurücksallen. Tie jüdische Solidarität erfordert es, jüdische Menschen, die in aufopferungsfreudigem Idealismus und unter Einsetzung ihrer Existenz etwas geleistet haben, nicht im Stich! zu lassen. Es bedarf auch keiner besonderen Erörterung, bo|, wer eine lebensfähige jüdische Siedlung in Palästina will, das Werk nicht in dem Zustand belassen kann, in dem es sichim Augenblick zufällig befindet, daß es vielmehr systemvoll weitergeführi werden muß. Wenn die Palästina-Arbeit bisher in einem Sinn geführt worden ist, der uns die Mitarbeit unmöglich machte, so darf das unsere Bereitschaft zur Mitarbeit in einem Augenblick nicht ausschließen, in dem wir glauben, daß auch die andere Seite ehrlich gewillt ist, die Voraussetzungen für eine Zusammenarbeit nicht nur damit zu schaffen, daßsie bereit ist, das Geld der anderen zu nehmen. Wir müssen willens sein, an der Siedlung im Lande der Bibel, der Ursprungsstätte unserer Gemeinschaft, mttzuarbeiten. Vorbedingung für eine gemeinsame Arbeit ist aber natürlich, daß man von zionistischer Seite denen» die die Voraussetzungen für eine Weiterentwicklung des Palästinawerts schaffen, den entsprechenden Einfluß zugesteht und ihrer Einstellung Rechnung trägt. Eine Zusammenarbeit, wie man sie sich offenbar noch immer bei vielen Zionisten vorstellt, auf der Grundlage: Palästina-Arbeit ausschließlich in zionistischer Ideologie, sehr wesentlich auch mit dem Gelbe und der Arbeit von Nichtzionisten, ist nicht möglich Ich denke mir, daß wir unfern zionistischen VerhnndlungsPartnern als erstes sagen müßten: Es muß vollkommene Klarheit und Ehrlichkeit zwischen uns bestehen. Wir erklären Euch frei und offen: Wir haben uns nicht zum jüdischen Nationalismus bekchrt. Wir stehen nach wie vor nrcht auf dem Standpunkt, „daß eine Lösung der Judensrage nur durch das Bekenntnis zur nationalen Einheit des Judentums und durch Schaffung eines organisierten Machtfaktors möglich ist" (so der Chefredakteur der „Jüdischen Rundschau", Weltsch, in der Nummer vom 23. XI. 1328). Wir wollen mit Euch zusammeuarbeiten; aber wir akzeptieren nicht Eure Anschauungen vom Sinn des Palästinawerks. Der Aufbau Palästinas ist uns n ich t der Schlüssel zur Lösung der Judenfrage. Wir erkennen damit auch nicht die Phraseologie der Balsour-Tetlaration und des Mandats an, daß hier „ein nationales Heim für das jüdische Volk" geschaffen werde. Wir wollen nichts, als für eine Anzahl jüdischer Menschen ein Heim an einer Stätte schaffen, die allen jüdischen Menschen als Statte heiliger Erinnerungen heilig ist. Wir stellen das ausdrücklich! fest, und nur wünschen, daß das von Euch, respektiert wird. Wir wünschen nicht, in der Jüdischen Rundschau von uns zu lesen, was wir im Hinblick auf den Bericht der Vierer-Kommission in ihr lasen: „die Kreise, dre sich aufgrund der vor 30 Jahren erfolgten Parteifcheidung im Judentum „nichtzionistisch"' nennen, tonnten sich, nicht der vollendeten Tatsache verschließen, daß in Palästina unter internationaler Garantie der einzige legitime Versuch der Lösung der Judenfrage unternommen wird." Es muß auch der nichtjüdischen Oeffentlichkeit gegenüber, die sich für das Palästinawerl interessiert, Klächeit darüber bestehen, daß der Zusammenschluß aller Juden in der Palästina-Arbeit nicht unter diesem Gesichtspunkt erfolgt, daß das vielmehr nur die Anschauung einer beteiligten Gruppe ist. Me notwe.'.dig d cse Forderung und wie groß die Gefahr ist, daß in den Palästina-Komitees den Nichtjuden die zionistische Auffassung vorn Judentum cingermpst wird, zeigt die Rebe, die lei der Veraunattung des deutschen Pro- Palästina-Komitees in Breslau vor etwa einem Monat nach dem Bericht der Jüdischen Rundschau der Oberpräsident der Provinz Niedcrschlesi'en, Lüdemann, gehalten hat. Er sprach im Zusammenhang mit den Ausgaben des Palästinakomitees von Judcn, „welche die Sehnsucht nach der Erneuerung eines jüdischen Gemeinschaftslebens von eigenartiger Kultur und mrt eigener Sprache im Herzen tragen." Er sprach in diesem Zusammenhang von der Erkenntnis, „daß alle Völker und alle Nationen Anspruch daraus haben, ihrer Eigenart zu dienen," und daß auch die deutsche Republik die „Verpflichtung anerkennt, ihre schützende Hand über allen Bestrebungen zu halten, die, ohne deutsche Staatseinrichtungen zu gefährden oder deutsche Lebens.gewohnheiten zu beeinträchtigen, eine kulturelle Höherentwicklung oder, wie im vorliegenden Falle, einen volklichen Erneuerungs Prozeß zum Inhalt haben." Hier wird deutlich ein nichtjüdischer hervorragender Mitbürger für rein zionistische Ziele eingespannt. Ein ehrlicher Zionist muß einsehen, daß für einen ehrlichen Nichtzioniften eine gemeinsame Palästinawerbung dieser Art nicht möglich ist. Die gemeinsame Palastinaarbeit selbst muß entpolitisiert werden. Das muß in zwei entscheidenden Punkten zum Ansdruck kommen. Die Einwanderung darf nur in dem Umfang erfolgen, in dem das Land wirtschaftlich zur Aufnahme der Einwanderer imstande ist. Auf keinen Fall dürfen national politische Gesichtspunkte zu einer Steigerung der Einwanderung darüber hinaus führen. Menschliches Verantwortungsbewußtsein verbietet es, an einer Einwanderung mitzuwirken, die Menschen ms Land 'führt, ohne daß für sie dort die Möglichkeit einer Existenz besteht. Tiefe Forderung stellt auch, der Bericht der Vierer-Kommission auf. Wenn das zionistische Aktionskomitee es für erforderlich hält, demgegenüber die Notwendigkeit einer verstärkten jüdischen Einwanderung zu betonen, so muß das Zwerfel erwecken, ob der Grundsatz des Gleichgewichts zwischen der Zähl der Einwanderer und den wirtschaftlichen Fähigkeiten des Landes von zionistischer Seite anerkannt wird. Völlige Klarheit hierüber rst aber unbedingt erforderlich-. Auf der anderen Seite muß gegenüber dem Bericht der Bier hervorgchoben werden: Entpolitisierung der gemeinsamen Palästina-Arbeit bedeutet nicht, daß eine Siedlungsarbert der gesamten Judenlheit in Palästina lediglichunter nüchternen technisch-wirtschaftlichen Gesichtspunkten erfolgen darf. Es sollte selöstverständlichi sein, baß die Siedlung uitfec dem Gesichtspunkt erfolgt, nach Möglichkeit menschlich, sozial, gesellschaftlich Mustergülties zu leisten. Ter Versuch, hier neue Formen menschlichen Zusammenlebens zu erproben und der Menschheit vorzulcben, kann nur freudig begrüßt werden und verdient tatkräftigste Unterstützung. Er darf nicht ertötet werden durch ein dem Neuen gegenüber in seinen Resultaten ja immer zweifelhaftes wirtschaftliches Kalkül. Nock), in einem zweiten Punkt ist hinsichtlich der gemeinsamen Palästinaarbeit eine vorherige Klärung erforderlich Die SieMtmg muß in dem Geist friedlichen Zusammenlebens mit den Arabern unter Rücksichtnahme auch auf ihre Interessen erfolgen. Eine Verständigung mit den Arabern muß unbedingt erstrebt werden. Eine Politik im Sinne jener Richtung rm Zionismus, welche die Arabersrage mit rücksichtsloser Vergewaltigung lösen will, ist unmöglich Richtschnur unseres Bechaltens gegenüber den Arabern muß fein, daß nichts unserer allgemeinen Anschauungen Widersprechendes deshalb erlaubt ist, weil es für uns zweckmäßig rst. Ein jüdisches Werk darf nicht auf Unrecht, das anderen getan wird, ausgebaut sein. Im übrigen wird natürlichjede am Palästinawerl beteiligte Richtung danach streben, die Entwicklung in ihrem Smne zu beeinflussen. Das letzte, was von unserer Seite in die Palästina-Arbeit Hineingelragen werden müßte, ist dieses: die Palästinasiedlung ist keine isolierte Ausgabe. In melrn Tnltn der Welt wird von jüdischen Organisationen jüdische Kolonisationsarbert geleistet. Es fei nur an Rußland und Argentinien erinnert. Eine wirklich fruchtbare Zusammenarbeit der gesamten Jndenheit dürste sich nicht auf Palästina beschränken, solcher« müßte ein planmäßiges Siedlungswerk für die ganze Welt schaffe«. III. Zusammenfassung. Was ich, hier an Voraussetzungen und Wünschen für ' eine gemeinsame Palästina-Arbeit entwickelt habe, entspricht nur in einem Punkte den Vorschlägen der Bierer-Kommifsivn: in der Regelung der Einwanderung. Im übrigen lege ich mehr Wert aus die Klärung der grundsätzlichen Fragen als auf die vorherige Festlegung eines detaillierten techn i f'ch e n Programms. Ein solches sollte eigentlich mehr die Frucht als die Vorbedingung gemeinschaftlicher Arbeit fein. Tie Praxis wird im einzelnen sehr wesentlich aus der Praxis heraus gestaltet werden müssen. Ich fasst, also die Wünsche, die vom nichtzionistisWv Seite für ein Zusammenarbeiten in Palästina m. E. ausgesprochen werden sollten, dahin zusammen.: 1. Einräumung eines entsprechenden Einflusses auf die Palästina-Arbeit. 2. Respektierung unserer nichtnationalen stedlMgSNäW-e» Einstellung znm Palästinawerl auch nach außen. Eine Pas

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