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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-12-07 · 49 (7.12.1928) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
49 (7.12.1928)
Date
1928-12-07
Page
– (sequence 7)
Language
German
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wciiigsl.'ns einen?lbend Chanukah in größerem Streife zu feiern, findet am 9. Dezember ein Chanukahfestgottesdienst mit Predigt und Chorgesang statt. — Die Reichstagsabgeordnete Marie Elisabeth Luders, die kürzlich durch ihren Artikel „Hyänen" in flammenden Worten ihre Abscheu gegen die Friedhofsschändungen dargetan hat, lvird auf Veranlassung des Vereins zur Abtvehr des Antisemitismus am 12. Dezember über „Politische und kulturelle Verwilderung" sprechen. Kassel. (Bestätigte W a h l.) Tie am 9. September gewählten Vorsteher: Rechtsanwalt Dr. Katzenstcin, Kaufmann Th. Eisenberg, Bankier Albert Heß, Schreinermeister R. Nußbaum, Kaufmann A Heinemann, Kaufmann S. Spcier, Rechtsanwalt Dr. Kugelmann, Rechtsanwalt Dalberg und Metzgermeister M. Loeb sind von der Regierung bestätigt und durch das Polizeipräsidium für ihr Amt vereinigt ivordeit. Der Amtsantritt der neuen Vorsteher, von denen die ersten sechs auch dem früheren Aeltesten Kollegium bereits angehört haben, erfolgte am 1. Dezember. Kassel. (Aus der Gemeind e.) Bei der letzten Gemeinde-' Versammlung gab Bankier Heß als Finanzdezernent bekannt, daß das Aelicsten-Äollegium den Entschluß gefaßt habe, ältere Legale und Stiftungen für soziale Aufgaben oder Wohlsahrtszwecke aus mindestens 100 Mark aufzufüllcn, damit die Namen der Spender und ihre Stiftungen der Nachwelt erhalten blieben und insbesondere der diesen Stiftungen zugedachte Zweck auch erfüllt werden könne. -■ Durch die schon oft angeregte Veröffentlichung der Gemeinde-Etats wird demnächst erreicht werden, daß nach einem Beschluß der Gemeindeäliesten der Voranschlag 14 Tage zur öffentlichen Einsicht im Gemeindcbüro ausgelegt bleibt. Auch das Vorsteheramt der Israeliten hat hinsichtlich des Voranschlags der Provinzial-Abgabcn denselben Beschluß gefaßt. Königsberg. (R c p r ä f e n l a n t e n v e r s a m m l u u g.) Tie letzte Repräsentantenversammlung fand am 28. November statt. Nach geschäsrlichen Mitteilungen des Repräsentantenvorstehers Professor Dr. Rudolf Eohn ivurde beschlossen, die Anleihe von Mk. 100 000,-- an Stelle einer im Frühjahr beschlossenen von Mk. 150 000, , die aus finanztechnischeil Gründen nicht ausgenommen iverden konnte, auszunehmen. -- Die bisherigen Gemeindesatzungen, die nicht mehr den zeitgemäßen Anforderungen entsprachen, wurden zweckmäßig umgeändert. Für die am 21. November in Königsberg stattgefundene Versammlung des Verbandes ostpreußischer jüdischer Religionslehrer bewiuigre die Versammlung eine Beihilfe von Mk. 150, . An Stelle der aus dem Vorstand ausscheidenden Repräsentanten: Handelsgerichtsrat Siegfried Ginzberg (liberal) und Sanitätsrat Tr. Walter Stein (Zionist) wurden die Repräsentanten Kaufmann Tiegmund Wolfs (liberal), der der Repräsentanz bereits seit einer langen Reihe von Fahren angehört und seit kurzem stellvertretender Vorsitzender des Verbandes oftprcnßischer Svitagogengemcinden ist, und Kaufmann Salln Joachim, der der Jüdischen Mittelpartei e. V. (Gemeindeverein angehört, gewählt. Sodann beschloß die Repräsentanz die Entlastung des Vorstandes und des Schatzmeisters für das Rechnungsjahr 1927 28. Lcyr. (Zentrale s ü r j ü d i s ch e s V o r t r a g s w e s c n.) Hier ist in einer Versammlung des Verbands der Vereine für jüdische Geschichte und Literatur die Frage der Regelung des allgemeinen jüdischen Vortragswefens des Bezirks nach einem aufklärenden Vortrag des Herrn Rabbiner Dr. Aber, Bremen, erörtert worden. Es ivurde dann die Zentrale für das jüdische Vortragswesen NorddeutfchlandS im Verbände der B.J.G.L. ins Leben gcrstfen. Rabbiner Tr. Blum, Emden, übernahm den Vorsitz, da Emden Sitz der Zentrale sein soll. Lirgnitz. (Liberaler Wahlsieg.) Nachdem am 29. Novemrer Rechtsanwalt Spitz, Breslau, in einer liberalen Wahlversammlung gesprochen hatte, haben nun in der am 2. Dezember stattgehabten Repräsentantenwahl die Liberalen den Sieg davongetragen. Von 245 abgegebenen Stimmen waren 130 liberal, 112 für die to:iservativ zionistische Liste. Gewählt wurden die liberalen Reprä sei'.lanren RA. Pick: Wilhelm Krieg; Dr. Scheyer; Ferdinand Frantenstein, Inner; Markus Heimanu, Löwenberg: sowie Mar Reich; Mar Doktor: Robert Dressel, Lö'.venberg als Stellvertreter. Tie Libe raten haben mit ihren insgesamt 8 Sitzen nunmehr die Majorität. Pretzseld. (Eine nach Monaten entdeckte Friedb o f s s ch ä n d u n g.) Vor Monaten schon wurden — wie erst jetzt betannr wird — auf dem jüdischen Friedhofe zu Pretzseld 20 Grabsteine umgeworfcn, das neu hergerichtete Friedhofstor wurde schtver beschäoigt. Wegen der zu späten Entdeckung waren Spuren der Täler nicht mehr zu finden. Schneidemühk. (P r o v i n z i a I v e r b a n d Grenzmark für j ü o i i ch c W o h tsahrtspsieg r.) Der Provinzialverband Osteuz mark für jüdische Wohlfahrtspflege konstituierte sich neulich in Schneide müht. Anwesend waren die Vertreter und Vertreterinnen der Gemeinde Sebneivemühl, Deutsch Krone, Flaroiv, Jastroiv, Ärojanke, Schlochan, Schtr-r-re, Meseritz, Tütz und Schwerin a. W. Rabbiner Tr. Rosenzireig -erössnetc die Versammlung und begrüßte die Anwesenden, na menOicb Fräulein Weiureich von der Zentralivohlsahrtsstelle Berlin und Fräulein Tobias vom Provinzialvcrband Brandenburg für jüdische Wohlmhrtspslege. sotvie den Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Schneidemühl, Stadtrat Schneider. Dr. Rosenzweig berichtete u. a., daß bereits vor der Konstituierung des Verbandes eine provisorische Arveiisgemeinschaft, bestehend aus Stadtrat Schneider, Frau Justizrat Soldin und seiner Person seit Juni ds. Js. die vorliegenden Für scrgeaufgabcn erledigt habe. Dr. Rosenzweig trat als Vertreter der lüdischen Wohlfahrtspflege der Grenzmark in die vor einiger Zeit begründete Arbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege der Grenz mark ein, und es gelang ihm, aus Wohlsahrtsmitteln der Regierung e:.:en größeren Betrag für hilfsbedürftige jüdische Kinder zu erwirken. Außerdem wurden mehrere Fürsorgesälle bearbeitet und mit Hilfe von Mitteln aus jüdischen Gemeinden der Grenzmark und von der Znuralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden zu einem guten Abschluß gevracht. Wie schon früher, so wies er nochmals dringend auf die Aotwcndigkcit der Zusammenfassung der jüdischen Wohlfahrtsaufgabe Y'\ einem Provinzialverband hin. Hieraus tvurden die Normalstatnten mit kleinen Aenderungen angenommen. Ter Ausschuß setzt sich aus i-' Milgliedern zusammen. Jnstizrat Soldin dankt der bisher tätigen, vrovnorilchen Arbeitsgemeinschaft, insbesondere Tr. Rosenzweig, für :b:e Bemühungen in herzlicher Weise. .Hierauf hielt Fräulein 'Weinreich-Berlin einen Vortrag über: „Neue Formen wirtschaftlicher Fürsorge". Am Nachmittage desselben Tages fand eine Dclegiertenversamminng des Bezirksverbandes der jüdischen Gemeinden der Grenzmark Voscn Westprenßcn statt. Stadtrat Schneider eröffnele dieselbe mit Begrüßungsworlen an die Erschienenen; besonders an Herrn Tr. Estarig, der als Vertreter des Landesverbandes der Tagung beiwohnte. r.7. Rosenzweig gab den Tätigkeitsbericht, aus dem u. a. zu ent nchmen war, daß jetzt in der Grenzmark kaum ein jüdisches Kind vorbanden sei, das keinen Religionsunterricht erhalte. Lewin ergänzte den Tätigkeitsbericht, indem er die Fälle veranschaulichte, än weichen der Bezirksvcrband als Vermittler zwischen dem Landesverband und den Bezirksgemeinden tätig war. - - Vor Beginn der Aussprache nbcrbrachtc Dr. Charig die Grüße des Preußischen Landesverbandes und betonte, daß dieser die Arbeiten des Bezirksverbandcs und des Bezirksrabbinats mit größtem Interesse verfolge, insbesondere deshalb, well es dem Landesverband, trotz vielfacher Versuche, in ver schiebenen Teilen Preußens infolge mannigfacher Widerstände bisher nicht gelungen sei, Bezirksrabbinate zu schaffen, deren Notwendigkeit außerordentlich wichtig ift,_ während die Gemeinden der Grenzmark aus eigener Kraft heraus sich zu einem Bezirksverband zusammengeschloisen haben, die sehr erfolgreich arbeiten. Vertreter einiger Gemeinden trugen ihre Wünsche vor, die Dr. Charig beantwortete. Hierbei schilderte er die Verteilung der Staatsbeihilfen sowohl für den Religionsunterricht als auch für die Besoldung der Rabbiner, für Bau beihiisen usw. Auch behandelte er verschiedene Rechtsfragen, die für sie Verwaltung der Gemeinden von Bedeutung sind. — Nach Erledigung verschiedener Angelegenheiten hielt Dr. Rosenzweig einen Borsrag über: „Welche Aussichten bestehen in Zukunft für die Besetzung jüdischer Beamtenstellen in jüdischen Gemeinden?" — Dr. Rosen- Meig schloß darauf die Sitzung mit Dankesworten an Dr Charig und dir Vertreter der Bezirksgemeinden. Versammlungskalender Berlin. Der Liberale Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin E. L. veranstaltet seine Chanulahfeier am Dienstag, den 11. Dezember, im Saal der Gesellschaft der Freund«. Nach einer Ansprache von Herrn Rabbiner Dr. Salomonsli und drm Anzünden der Channlah-Lichter wird Herr Leopold Hirfchberg, der bekannte Musilschriftfteller, über das Thema: „Biblische Heldengestalten in der Musik", vom Vortragenden am Flügel und durch Gesang erläutert, sprechen. Es ist ferner die Vorführung des Films „Seine Söhne" mit Schildkraut in der Hauptrolle, vorgesehen. Zum Tanz ist dir bekannte Jazz-Kapelle „The Harald Band" gewonnen worden. Wir hoffen aus recht zahlreiche Beteiligung unserer Mitglieder. Bresla«. Jli „Abraham Geiger". Mittwoch, den 12. Dezember, 20.15 Uhr, im Vereinslokal, „Soziale Gruppe", Kaiser Wilhelmstrahe 16, Vortrag von Frau Dr. Else Meidner über: „Der Fall Maurizius". Frankfurt a. M. Freisinniger Verein für jüdisches Kemeindeieben E. V. Donnerstag, den 13. Dezember ds. Js., 19 Uhr, Generalversammlung mit anschließendem gemeinschaftlichen Abendessen im Wintergarten des Schanspielhausrestaurant zum Faust. Liegnitz. Liberaler Verein der Synagogen-Gemeinde. Unsere Chanukah-Feier findet am Mittwoch, den 12. Dezember, abends 8.30 Uhr, in den Räumen der Silesia-Loge statt. Im Anschluß hieran spricht Frau Paula Ollendorfs-Breslau über: „Die liberale Welttonferenz". Gäste willkommen. Gottesdienste Berlin-Norden. Liberale Synagoge Norden, Schönhauser Allee 162. Chanukah-Gottesdienste: Freitag, den 7. Dezember, abends 7.15 Uhr. Sonnabend, den 8. Dezember, vormittags 10 Uhr. Sonntag, den 9. Dezember, vormittags 10 Uhr, „Chanutah-Morgenfeier". Freitag, den 14. Dezember, abends 7.15 Uhr. Sonnabend, den 15. Dezember, vormittags 10 Uhr, Nenmoudweihe. Predigt in allen Gottesdiensten Rabbiner Dr. Salomvnsii. Berlin-Westend. Verein Liberale Synagoge Westend, Lcistitowstraße 7-3 (Schulaulas, nahe Reichskanzlerpiatz. Jeden Freitagabend liberaler Gottesdienst mit Chor und Predigt. Beginn 19.15 Uhr pünktlich. Freitag, den 7. Dezember, Chanukah-Gottesdienst, Predigt: Rabbiner Dr. Klein. Freitag, den 14. Dezember, Chanukah-Gottesdienst, Predigt: Rabbiner Dr. Seligmann, Frankfurt a. M. Berlin-Wilmersdorf. Liberale Synagoge Wilmersdorf (in der Aula der Cäcilienschule. Nikolsburger Platz): Jeden Freitagabend liberaler Gottesdienst mit Chor und Predigt. Beginn 19.15 Uhr pünktlich. Freitag, den 7. Dezember, Chanukah-Gottesdienst, Predigt: George Goetz. Freitag, den 14. Dezember, Chaneikah-Eottesbienst, Predigt: George Goetz. Li Aus der Bewegung : * : Breslau. (Liberaler F r e i t a g a b e n d G o t t e s d i c n st.) Die Liberale Weltkviiserenz in Berlin hak nun auch in praktischer Br ziehung für unser liberales Gemeinbeleben eine gute Folge gezeitigt. Jugendliche und ältere Mitglieder hatte» damals den Freitagabendgottesdiensten des Liberalen Verein? in der Schönhauser Atlee und in der Cäcilienschule beigewohnt und wollten nun (vorläufig einmal im Monat) diese Form eines kurzen, aber eindrucksvollen Gottesdienstes mit Predigt für Jugendliche hier einführen. Um den jungen Leuten und jungen Mädchen, die durch geschäftliche Tätigkeit sonst behindert, den Besuch zu ermöglichen, ivurde der Beginn oer Feier auf 20 Uhr 30 Minuten gelegt. Diese Absicht ist erstmalig am Freitag, den 30. November, in der Wochentagssynagoge verwirklicht lvorden. Trotz des sehr ungünstigen Wetters war das Gotteshaus überfüllt, so daß die Sitzplätze nicht sausreichten; das weibliche Element war sehr stark vertreten. Man harte sich ziemlich genau an die in Berlin gewählte Gebetsolge gehalten. G e m c i n d e v abbi - n e r D r. P o g e l st e i n , der sich für das Zustandekommen persönlich eingesetzt hatte, sprach die Gebete und Psalmen und hielt die Predigt über den Thoraabschnitt und dessen Hauptwort: „Ich lasse Dich nicht, Du segnest mich denn." Als Vorbeter fungierte Ober k a n t o r B o r i n; vom S N n a g o g e n ch o r sang ein Tvppclquarb tt unter Leitung von Musikdirektor P u l v e r m a u n. Es ist nichr zuviel gesagt, wenn man behauptet, daß allem Anschein nach diese Art von Freitagabendscier in den Räumen eines Gotteshauses aus alle Teilnehmer des Gottesdienstes einen tiefen Eindruck gemacht hat, daß jeder von ihnen etwas ins Leben der Arbeit mit hinausnahm. Es soll und darf aber nicht verschwiegen werden, daß nicht unbedeutende Schwierigkeiten zu überwinden waren, bis die grundsätzlich durchaus nicht abgeneigten Gemeindebehörden ihre Einwilligung zur Verwirk lichung des Vorhabens geben konnten. Auch hier war wieder einmal das Gute (d. h. das bisherige) der Feind d e s B e s s e r e n. Ge rade hier in Breslau wird der (Liberalismus noch viel zu kämpfen und zu ringen haben gleich Hem Erzvater Jakob, mit Menschlichem (d. h. mit kurzsichtigen Bedenken) und mit Göttlichem, das ist eine geivisse Pietät, die aber, wie schon ost, im Judentum, >o auch hier, an falscher Stelle steht. Wir tvollen hoffen, daß auch in unserer Gemeinde der Liberalismus unverdrossen und unverzagt weiter kämpfen und ringen wird als echter „Israel", als Gotteskämvfer im Zeichen des Schriftwortes seines ersten Freitag abendgottesdienstes: „I ch lasse Dich nicht, Du feg n e st mich den n!" Vereinsnachrichten Die. Festoper „Don Giovanni", die anläßlich des Gründungstages der Jüdischen Altershilfe Groß-Berlin am Sonntag, den 9. Dezember ds. Js., in der Staatsopcr am Platz der Republik zur Aufführung kommt, ist nahezu ausverkauft. Die Oper lvird durch die Funkslunde und den Deutschland Sender übertragen. Der anschließende Ball wird nach den bisherigen Zusagen ein gesellschaftliches Ereignis werden. Als besondere Attraktion ist ein 6-Cvlinoer Mercedes-Benz, 8 38, der auf der letzten Automobil Ausstellung große Bewunderung erregte, erworben worden. Die Tombola hat eine große Anzahl außerordentlich wertvoller Gewinne. - Karten an den Kassen der Staatstheater, bei Bote fr Bock, Wertheim und in der Geschäftsstelle der Jüdischen Altershilse Groß-Berlin, W. 62, Klciststraße 31, Tel. Barbarossa B ö 2473, 5626. Chanukah in der Jüdischen Resormgemeinde. Wie in den letzten Jahren, so wird auch jetzt wieder das Chanukahsest in der Jüdischen Resormgemeinde würdig begangen werden. Sonntag, den 9. Dezember, findet ein Festgottesdienst in der Synagoge Johannisstraße 16, nachmittags pünktlich 5 Uhr, statt. Predigt: Herr Dr. Rosenthal. Am Sonntag, den 16. Dezember, findet im Großen Saal des Logenhauses Joachimsthaler Straße 13 eine große Gemeinde-Chanukahfeier statt. Nachmittags 4 —7 Uhr ist die Feier der Schuljugend, bestehend aus Lichtanzünden, Gesängen und Theaterausführungen. Abends 7.30 Uhr Feier der Jugendlichen, welche ebenfalls verschiedene Aufführungen zum Vortrag bringen werden. Anschließend findet geselliges Beisammensein statt. Zum Gottesdienst sowohl als auch zu den Feiern im Logenhaus sind Mitglieder und Freunde der Reform- I gemeinde mit ihren Angehörigen willkommen. Jahrgang 1902 Von E r n st Ol a es e r Leo Silberstein Copyright 1923 by Gustav Kiepenheuer Verlag A.-G., Potsdam. (Schluß) „Leo,“ ruft Herr Silbersteln und vergißt, daß ich da bin, „du willst dir nichts kaufen?! Zwölf Jahre bist du. Was hast du für komische Gedanken?“ „Nein,“ sagt Leo sehr streng, „ich mache mir nichts aus Gekauftem.“ Keuchend geht Herr Silberstein im Zimmer umher. Er schwitzt. Manchmal lacht er vor sich hin und knüpft mit seiner rechten Hand den untersten Knopf seiner Weste abwechselnd auf und zu. „Alles is e Geschäft,“ schreit er plötzlich, „alles auf der Welt. Vom liebe Gott bis zum kleinsten Stückche Kattun. Bezahlt muß werde. Wer nix gibt, hat nix. Un selbst de Himmel mußt de der verdiene.“ Leo schweigt. Die Mutter läuft zu ihm und streicheil sein Haar. Sein Gesicht bleibt unbeweglich. Als Herr Silberstein zum fünftenmal um den Tisch gestürmt ist, schält die Mutter einen Apfel, schneidet ihn in feine Scheiben und setzt ihn auf einem bunten Teller ängstlich vor Leo hin. „Und glaub’ mir,“ sagt jetzt Herr Silberstein, der sich breit vor das Büfett gestellt hat und bei meinem Anblick sich um eine Ruhe bemüht, die ihn langsam wieder ins Hochdeutsch zurückführt, „glaub’ deinem Vater, gerade wir Juden müssen alles bis aufs kleinste freundliche Wort bezahlen. Niemand dürfen wir etwas schuldig bleiben, sonst sind wir verloren. Laß dir nie etwas schenken, Leo, ohne daß du was dagegen tust, Nur so bist du sicher und kannst, wenn der Tag herum ist, ruhig sein. Denn während die anderen sich in der Hauptsache nur ihren späteren Himmel verdienen brauchen, müssen wir es schon mit der Erde tun. Ja,“ sagt er noch und atmet sehr tief, „das ist halt das Schicksal von unserem Volk.“ „Ein sehr anstrengendes Schicksal“,, denke ich und muß Herrn Silberstein heimlich recht geben, wenn ich an die Art und den Ton denke, wie in den Familien unseres Städtchens das Wort „Jude“ ausgesprochen wurde. Selbst mein Vater, dessen fanatisches Streben nach absoluter Gerechtigkeit ich kannte, nahm immer einen Anlauf in der Stimme, als müsse er etwas überwinden, wenn er das Wort aussprach. Es klang etwa so: „Hm, Jude.“ Mir selbst waren die Juden, die ich kannte — besonders die älteren Männer —, zwar nicht ein Gegenstand des Spotts wie vielen anderen Buben, die mit Vorliebe ihre Gesten kopierten, was meine Mutter nie geduldet hätte (außerdem fehlte mir dazu auch jede mimische Begabung) — aber sie waren mir auch nicht gerade sympathisch, weil ich sie, soweit ich das in unserem Städtchen beobachten konnte, zu jedem wahllos freundlich sah, selbst wenn sie wußten, daß es ihr Feind wat^ Ich nannte sie nach der Vokabulatur meiner jugendlichen Ehrbegriffe feige, obwohl mir diese Art „Feigheit“ eine andere schien als die gewohnte. Es schien mir eine Feigheit zu sein, die nicht fortlief, im Gegenteil, eine, die dablieb und den Mann zwang, die schwierigsten Situationen zu ertragen, aber anders als es ein Held tut. Ferd v. K., mit dem ich oft darüber sprach, hat einmal ein Wort seines Vaters erzählt, dessen paradoxen Sinn wir beide nicht begriffen, dessen Dunkel uns aber als sehr klug imponierte wie jedes Wort des Majors. Es hieß: „Mutige Feigheit“. Woraus '.Ferd, der auf die Apercus seines Vaters schwor, sofort folgerte, daß es also auch einen „feigen Mut“ geben müsse. Herr Silberstein steht immer noch vor dem Büfett und ist sehr aufgeregt. In seiner rechten Hand schwingt er ein stumpfes Dessertmesser, das vom Mittagessen dort liegen geblieben ist, und versucht, damit in die Luft px stechen. Obwohl er gar nicht heldisch aussieht, gefällt er mir ganz gut. Wie jemand, der recht hat, aber nicht die passende Figur dazu. „Wir haben viel weniger Zeit als die anderen,“ ruft Herr Silberstein, „alles, was wir tun, müssen wir von vorne anfangen. Es ist immer noch wie beim Tempel. Während wir bauen, müssen wir kämpfen, weil niemand will, daß wir einmal daheim sind.“ Herr Silberstein weint. Leo lächelt. Die Mutter ist aufgesprungen und hat ihren Mann am Acrinel gefaßt und fragt ihn: „David, wo bist du?“ Ich denke, warum hat eigentlich Herr Silberstein Heimweh. Er hat doch ein Haus, Familie und ein gutes Geschäft. „Vielleicht“, ruft Herr Silberstein weiter, „ist das Leben ein schlechtes Geschäft. Aber alles, was man uns gab, haben wir doppelt und dreifach bezahlt. Wir schulden niemand etwas. Wo einer gut zu uns war, gaben wir es ihm mehrfach wieder. Und wo einer schlecht zu uns war, waren wir besser als er. Unsere Hauptbücher stimmen — jawohl, stimmen tun sie!“ Herr Silberstein hebt die Hand, als rechne er mit jemand Unsichtbarem ab. Leo ist aufgestanden. Er geht mit weichen Schritten zu seinem verwirrten Vater. Er faßt seine Hand und reibt mit dieser schwarz behaarten Hand seine eigene Backe. „Vater,“ sagt er, „ich weiß, was dich aufregt. Aber es ist nicht so schlimm, wie du es siehst. Die Kinder, die mir manchmal etwas nachrufen, meinen es nicht böse. Anderen rufen sie anderes nach. ,Jud‘ ist halt mein Spitznamen. Es gibt viele Spitznamen ...“ „Und Brosius!“ schreit da Herr Silberstein. Selbst mich durchzuckt ein Schreck, als ich das Wort höre. Während Leo den Kopf senkt, als nehme er geduldig einen Schlag, und die Mutter ihre rechte Hand flach auf die Brust legt, steht Herr Silberstein mit breit geöffnetem Mund wie bei einem Fisch vor dem Büfett und wiederholt: „Brosius!“. Dann schweigen sie, als hätten sie keinen Atem mehr. Sie sind zü einer Gruppe erstarrt. Ich betrachte sie genau. Es ist keine häßliche Gruppe. Alles Komische an Herrn Silbefsteins Figur ist weg, ich sehe seine lächerlich kurzen Beine nicht, ich vergesse seine unmän&gh schiefe Haltung, selbst die Mutter, deren verwifWres Gesicht ich nie leiden konnte, wirkt schön, uni ▼Leo, der blaß, schmal und müde zwischen der AngSi der Eltern steht, I sieht aus, als betrachte er ein Grab.

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