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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-12-07 · 49 (7.12.1928) · page 8

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
49 (7.12.1928)
Date
1928-12-07
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sic fürchten sich, aber ihre Furcht ist nicht häßlich. So habe ich Furcht nur noch bei Tieren gesehen... „Auch hier", denke ich, „steckt ein Geheimnis. Wie kommt Herr Silberstein, der ein gerissener Kaufmann ist, zu solchen Worten? Und Leo, der seinen Vater vorher fast geschimpft hat, streichelt jetzt seine Hand. Und die Mutter, die vorher zwischen beiden unangenehm vermittelnd hin und her lief, ist auf einmal sehr zufrieden in ihrer Trauer. Sicher haben sie ein Geheimnis zusammen, denn ihre Gesichter sind verwirrt. Die Geheimnisse des Lebens müssen sehr wehe tun,, vielleicht ist es mit Schmerzen verbunden, erwachsen zu sein." Zuerst regt sich Leo. Er schüttelt den Kopf, setzt sich in seinen Sessel und hüllt leise die Decke um seine Beine. „Brosius", sagt er, „ist ein mächtiger Mann." Dann hustet er. Herr Silberstein stützt seinen Arm auf das Büfett, unter der gelbgrauen Haut seiner Hand züngeln die Adern. Die Mutter nimmt ein Tuch und wischt Staub von den Schnitzereien. „Er ist wie der Kaiser", seufzt sie und reibt den scharfen Schnabel des geschnitzten Adlers. „Ein großer Mann ist Brosius," sagt Herr Silberstein, „er trägt zwar einen Anzug von mir, den seine Mutter heimlich gekauft hat, aber er weiß es nicht.. „So ist es immer!" schreit Frau Silberstein, „sie wissen es nicht, daß es unser Zeug ist, mit dem sie sich kleiden." Heftig reibt sie die Bäuche der Butten, in deren Nabelhöhlen Staub nistet. Herr Silberstein spielt an seiner Uhrkette. Leo hustet. Die Zweige eines Kastanienbaumes streifen die Fenster im Wind. # Leo winkt mir. Ich gehe zu ihm. „Setz’ dich," sagt er, „wir wollen Schach spielen", und er beginnt, die Bauern neu zu gruppieren. Ich beschließe, mich von ihm schlagen zu lassen. Während ich meine Pferdchen ordne, kommt Herr Silberstein zu mir und legt seine Hand auf meine Schulter. Er sagt: „Ich danke dir, daß ihr Leo schützen wollt." Ich antworte: „Oh, bitte sehr, wir tun es gern und besonders gegen Brosius." Herr Silberstein lächelt trübe in die graue Starre des beginnenden Abends. „Gegen Brosius", murmelt er, „kann kein Mensch." „Oho," rufe ich und springe auf, daß meine Pferdchen über die Bauern purzeln, „der wird es fein bleiben lassen, Leo weiter zu hänseln, wenn er merkt, daß Ferd v. K., ich und die rote Garde hinter Leo stehen. Denn Brosius hänselt nur die, von denen er weiß, daß sie allein sind." „So ist also Leo nicht mehr allein", fragt Herr Silberstein mit langsamer Stimme. „Nein," rufe ich, „er ist nicht mehr allein!" :! Da verbeugt sich Herr Silberstein sehr tief vor mir und sagt wieder „Sie". „Sie sind ein guter Mensch", sagt er. Ich geniere mich und stelle meine Pferdchen wieder auf. Herr Silberstein geht zu seiner Frau und gibt ihr einen Kuß. „David," ßagt sie und legt ihren Arm um seinen Hals, „du mußt jetzt hinunter ins Geschäft, Kasse machen Es ist sieben Uhr." Sie gehen beide engumschlungen hinaus. Ich spiele mit Leo. Seine Züge sind klar und sehr entschlossen. Ich merke, er will mich besiegen. Mit scharfem Gesicht berechnet er die Chancen seiner Figuren. Während ich umständlich die Bauern vorschiebe, treten bei ihm schon die Läufer und Türme in Aktion. Mit Hilfe seiner Königin setzt er meinen König zweimal in Schach. Ich irre mit ihm auf der Fläche hin und her und verschanze ihn schließlich hinter die Bauern. Meine Pferdchen sind alle in Leos Hand. Er spielt so schnell und überlegen, daß ich kaum Zeit habe, mich besiegen zu lassen. Meine Königin, von zwei seiner Läufer eingekreist, ist zu ewiger Jungfernschaft verdammt. Nach zehn Minuten hat mich Leo besiegt. Er hat meine Bauern aufgerieben und den einsamen König, der sich nicht wehren konnte, als er keine Bauern mehr hatte, auf freiem Feld durch einen Läufer gejagt. „Ich habe dich besiegt!" rief Leo und klatscht in die Hände. „Ja," sage ich, „du hast mich wirklich besiegt, ich hatte gar keine Zeit mehr, mich besiegen zu lassen." Da lacht Leo los. „Meinst du, das hätte ich nicht gemerkt?! Deswegen habe ich mich ja so beeilt, damit es ein richtiger Sieg wird." Und er ißt ein Scheibchen von dem geschälten Apfel, das schon ein wenig gelb ist. „Siehst du," sagt er, „so wollte ich es haben. Du und Ferd, ihr wollt mich immer schützen, weil ich mich gegen etwas nicht wehren kann, gegen das ihr euch besser wehren könnt. Während mich die anderen für Dreck halten und mich quälen, wo sie können, schützt ihr mich. Im Grunde ist es dasselbe." „Aber Leo," rufe ich, „wir sind dir doch gut!" „Ihr seid mir gut und die anderen sind mir bös, aber beide verachtet ihr mich. Ihr schützt mich, weil ich nichts bin, die anderen treten mich aus demselben Grund." Und wieder rufe ich: „Leo, wir wollen dir doch helfen!" „Ja,“ sagt Leo, „ihr wollt mir nur helfen, weil ihr die anderen nicht leiden könnt. Ich bin nur ein Vorwand für euch." Ich habe Angst vor seiner Klugheit. Leo setzt sich weit vor und spricht in mein Gesicht. „Du mit deinen blauen Augen und deinen hellen Haaren brauchst das nie zu empfinden, entweder getreten oder geschützt zu werden. Du wirst entweder gehaßt oder geliebt. Wir aber werden, selbst von denen, die uns schützen, niemals geliebt. Verstehst du das?" „Nein," sage ich, „ich verstehe das nicht." „Verstehst du auch nicht, daß mich Ferd nur schützt, weil er Brosius haßt?" „Nein", antworte ich. „Warum schützt er mich dann?" „Weil er gerecht ist." „Und du?" „Ich? Ach, weil du mir gefällst. Ich meine, weil du nett bist und viel gescheiter als die anderen Buben." Leo ist aufgestanden. Sein Gesicht ist weiß und seine Augen glänzen. „Also verachtest du mich nicht?“ „Nein," sage ich und erschrecke, „wie kannst du so etwas denken!" „Und glaubst du, daß wir Freunde werden können?" „Natürlich, wir können Freunde werden." „Und ohne daß du mich schützt?" „Wer mein Freund ist, den schütze ich!!" Dabei hebe ich, ohne daß ich es will, meinen rechten Arm hoch. Leo steht vor mir. Sein Gesicht ist sehr gespannt. „Kannst du dir vorstellen, daß ich dich schütze??" Da muß ich furchtbar lachen. Denn ich sehe Leo mit seinen komischen Gelenken, seiner Aengstlichkeit und seinen unbeholfenen Beinen. „Nein, das kann ich mir nicht voistellen!" Da setzt sich Leo still mit geschlossenem Gesicht in den Sessei und legt die Hände traurig vor sich hin. Er lächelt, als habe er etwas verloren, das er nur kurz bessen hätte. Ich begreife ihn nicht. Leo weint. Habe ich ihn beleidigt? Langsam gehe ich zu ihm, fasse seine Hand, die inhaltlos vom Sessel herunterhängt, drücke sie und sage ihm: „Leo, ich will wirklich dein Freund sein!" Leo nickt. „Und hab' keine Angst mehr. Wir schützen dich." Leo schüttelt den Kopf. „Wir verachten dich nicht!" Leo lächelt. Aber alles ist starr an ihm. Ich überlege mir, wie ich ihn wohl anders machen könne. Leise sage ich zu ihm: „Darf ich das nächste Mal bei der französischen Arbeit auch wieder bei dir abschreiben?" Da lacht Leo, legt seinen Arm um meinen Hals und ruft: „Alle Konjunktive schreibe ich dir auf und schiebe sie unter der Bank durch." „Dann werde ich versetzt", jubele ich — obwohl ich cs auch sonst geworden wäre — und gebe ihm die Hand. Leo begleitet mich auf den Flur. Er ist auf einmal sehr fröhlich. „Sonntag gehen wir zu Ferd auf das Gut." „Ja," sagt Leo, „wenn ich gesund bin." „Du wirst es schon." Ich ziehe mein Cape an und gehe, indem ich Leo „Adien!" sage, über den spärlich erleuchteten Gang durch den Hof auf die Straße. Als ich in die Taschen meines Capes greife, um es fester über mich zu ziehen, spüre ich dort etwas Fremdes. Ein zartes Paketchen aus Seidenpapier. Unter einer der Gaslaternen, die gerade angezündet werden, öffne ich es. Drei frische Mohnbrötchen glänzen in meiner Hand. Sie sind noch warm und duften. Hinter mir werden die Läden der Firma David Silberstein rasselnd geschlossen. jf^rlouiQ Bücher-Angebote ■ M | I I I Iw I w Restant lagen - Remittenden-Exemplare - Neuansgaben RA HM Lieferung soweit Vorrat - Versand gegen Nachnahme oder Voreinsendung des Betrages - Bei Bestellungen von M. 20,- an vergüten wir für je .Y\. 20,- 80 Pfg. Portokosten - Postscheck-Konto Berlin Nr. 1625 PrcwhfaiiQMhoit Gross-Quartitändß il dullldUoyduOll bestes Hadernpapier üustav Freylag, Die verlorene Handachrift, z ßd. mit 40 Original-Srteinzeichng. v. Otto H. Engel. 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VI Der Idiot, Band VII Aufzeichnungen aus einem Totenhause, Band Vlll Erniedrigte und Beleidigte, Mustergültige Gehersetzungen von Korfiz Holm, Gregor Jarcho, Klara Brauner, 8 Bände, bestes holzfreies Papier, Halbleder oo (früher M. 80.--) M. Charles Dickens Romane, in der Uebersetzung von Gustav Meyring, Bleakhaus, David Copperfield, Oliver Twist, Master Humphreys Wanduhr, 4 Bände, bestes Papier, 3587 Seiten, Halbleder je mit Goldschnitt. 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Wiegier, Heinrich Mann und anderen Bratküche zur Königin Gedauque, Roman i . ‘Die Komödiantengeschichte, Roman . Auf dem weißen FeBen, Roman; ’ ' Öiö'Öötter dürsten, Roman; . ' Der Aufruhr der Engel, Roman . #eter Noziöre, Roman ..ü, ..M*..,. •’ Die Sehnsucht des Johann Servien, Roman Die Ulme üm Wall, Roman Die Probierpuppe,' Roman Der Amethystring, Roman Professor Bergeret in Paris, Roman Clio-Balthasar und andere Novellen Die Perlmutterdose, Novelle Der Brunnen von Santa Clara, Novellen Blaubarts sieben Frauen, Jacques Toumebroche, Novellen Jeder Band Original-Halbleinen (früher 3.50) 1.45 Alle 15 Bände (früher 52.50) nur 18.50 KAUFHAUS WESTENS « QUA LI TÄTS WAUEN! HAU S 3

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