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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-12-07 · 49 (7.12.1928) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
49 (7.12.1928)
Date
1928-12-07
Page
– (sequence 5)
Language
German
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WWWff WWWWWWW 8. Zahrgaag Nummer 49 <rf. F — ^lml|ftyflnfnif^^]^IIHIu Beilage 7. Dezember 1928 Religiöse Feierstunden am Sabbat in München In München geht, was in Berlin unmöglich. Wir haben vor einiger Zeit über einen Antrag der Liberalen Fraktion in der Berliner Repräsentantenversammlung berichtet, der die Einrichtung religiöser Feierstunden am Sonntag allmonatlich in zwei Berliner Orgelsynagogen bezweckte. Im Mittelpunkt der Feierstunden sollte eine Ansprache stehen, in der insbesondere Gegenwartsfragen im Geiste jüdischer Religiosität behandelt werden sollten. Der Antrag wurde mit den 11 Stimmen der vier nichtliberalen Parteien in der Repräsentantenversammlung (Volkspartei, Mittelpartei, Konservative und Poale Zion) gegen die 10 Stimmen der Liberalen abgelehnt. Von den ablehnenden Parteien, vor allem von Herrn Tr. Klee als Frattionsführer der Jüdischen Volkspartei, wurde die Tendenz des Antrages freudig begrüßt, trotzdem erfolgte die Ablehnung, weil die Feierstunden am Sonntag stattfinden sollen und weil dadurch angeblich die Gefahr von Sonntagsgottesdienften gegeben sei. In der soeben erschienenen Ausgabe der Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung vom 1. Dezember finden wir nun den folgenden Bericht aus der Gemeinde München: Religiöse Feier in der Hauptsynagoge. Sonntag, den 25. November, nachmittags 5 Uhr, fand in der .Hauptsynagoge eine religiöse Andachtsstunde statt, mit welcher die Israelitische Kultusgemeinde neue Wege religiöser Veranstaltungen beschrittcn hat. Nicht ganz zu Unrecht werden in letzter Zeit Stimmen laut, welche eine Anpassung des Gottesdienstes an neuzeitliches Denken und neuzeitlichen Geschmack fordern. Bereits vor Jahren haben wir in dieser Zeitung Berichte über Formen israelitischen Gottesdienstes in den Vereinigten Staaten von Nordamerika veröffentlicht, die allerdings eine sehr radikale Umgestaltung der gottesdienstlichen Veranstaltungen zeigten. Wenn auch in diesen Veranstaltungen Auswüchse offenbar zutage treten - man hört von Tanzveranstaltungen und sonstigen reichlich profanen Mitteln, um ein Auditorium anzuziehen —, so liegt ihnen doch ein gesunder Kern zugrunde. Die Feier der Israelitischen Kultusgemeinde München hat nicht die Absicht, an Stelle des israelitischen Gottesdienstes zu treten, sie tvill vielmehr neben diesen sich stellen und eine Bereicherung des religiösen Lebens der Gemeinde bieten. Dies ist dieser ersten Feier, der weitere Nachfolgen sollen, ohne Zweifel gelungen. Nicht ohne Bedeutung ist auch ein weiterer Punkt: Tie öffentliche und allgemeine Verständlichkeit der Feier für jedermann. Der jüdische Gottesdienst macht infolge des Gebrauchs einer nicht einmal den meisten jüdischen Besuchern, geschweige den Außenstehenden geläufigen Sprache, des .Hebräischen, einen fremdartigen, geheimnisvollen Eindruck. Leute, die lange Jahre unter dem Einfluß einer .Hetze gestanden haben, deren Unwissenheit nur durch ihre Anmaßung übertrofsen wird, werden leicht geneigt sein, hier geheimnisvolle, das Licht der Oeffentlichkeit scheuende Lehren zu vermuten. In solchen Feiern aber, die mit Recht der vollen Oeffentlichkeit zugänglich gemacht werden, erfahren Außenstehende, viele wohl zum erstenmal, was die Gedanken der jüdischen Religion sind und daß diese vor aller Oeffentlichkeit bestehen können. Die Feier wurde eingerahznt durch den Vortrag des Psalm 42, Komposition von F. Mendelssohn: „Me der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu Dir." ,Den Chor stellte der Jüdische Gesangverein, das Sopransolo sang Frau Sonja Ziegler, das Violinsolo spielte Herr Benno Sarsky, den Orgelpart hatte Herr Pros. Sagerer übernommen. Die musikalische Leitung lag in den Händen von Kapellmeister Ziegler. Den Mittelpunkt der Feier bildete ein Vortrag von Rabbiner Dr. Baerwald über das Buch vom Menschenlcid (Hiob). Ter Redner ging aus von der Erzählung des Buches Hiob, von dem Gespräch zwischen Gott und Satan, in dem Satan den Bestand der Frömniigkeit Hiobs im Unglück bezweifelt. Hiob wird nun von einem Unglücksschlag nach dem anderen getroffen. Wir sehen ihn als Bild alles Jammers und Elends, ihn, der früher menschliches Glück im Ucbermaße genossen hat. Der Talmud sagt, einen Hiob habe es nicht gegeben, das Buch Hiobs sei nur ein Gleichnis, es sei von keinem Geringeren geschrieben, als von unserem großen Lehrer Moses. Im Buche .Hiob erhebt sich die große Frage nach der Beziehung zwischen Frömmigkeit und menschlichem Glück. Hiob verzweifelt an der Aufgabe, hier einen sinnvollen Zusammenhang herzustellcn und erhebt seine Anklage gegen Gott. .Hiobs Freunde gehen von der Voraussetzung aus, daß cs den frommen Menschen gul und den bösen Menschen schlecht gehen müsse und sie schließen also, wer leidet wie Hiob leidet, der kann in Wahrheit kein fro:inner Mann sein, sonst würde ihn kein solches Unheil getroffen haben. .Hiob dagegen sagt, sein Unglück sei unverdient, also sei Gott ungerecht. Gott ruft er an zum Zeugen seiner Unschuld gegen die Freunde, die ihn nicht verstehen, die sein Unglück falsch deuten. Die Vorwürfe seiner Freunde treiben ihn geradezu zu Gott. Gott soll für ihn Zeugnis ablegen. Ein vierter Freund Elihu erklärt, das Leid diene zur Läuterung, es diene zur Mahnung, zur inneren Einkehr. Auch Elihu weist auf die Gerechtigkeit Gottes hin, aber tiefer, eingehender, begründeter. Hiob sei wohl auch ein sündiger Mensch, aber nicht wie die Freunde meinen, die ihn gemeiner Sünde zeihen. Elihu sieht in dem Leiden eine Mahnung und ein Zeichen, daß Hiob sich läutern soll. Mit dieser Rede Elihus tvird die Rede Gottes vorbereitet, der allerdings nicht auf die Anklage.Hiobs Rede und Antwort steht, vielmehr nichts von dem sagt, was man auf die Fragen Hiobs eigentlich erwarten sollte. Gott spricht davon, wie er über alle Natur waltet. Alles ist für Gott da, alles zu seiner Ehre, zu seiner Verherrlichung. In der Schöpfung ist vieles unerklärlich, das nur Gott in seiner Weisheit und Allmacht zu lösen vermag. So wird auch das Leid einen Sinn haben, ob wir nun diesen Sinn erkennen oder nicht. Nun fragt Hiob nicht mehr nach dem Sinn des Leides, jetzt hat er erkannt, daß er kein Recht mehr habe zu fragen, er hat sich erlöst von dieser Frage. Nicht Glück oder Unglück des Menschen, sondern Gottes Ehre und Herrlichkeit ist Sinn und Zweck alles Geschehens, also auch allen Leides. So lautet die Antwort, die Hiob in sich aufnimmt. Alles Leid kommt von Gott, alles Leid, richtig verstanden, führt zu Gott zurück. S. Vielleicht trägt dieser Bericht dazu bei, in der Berliner Repräsentantenversammlung nochmals den abgelchnten Antrag Äer Liberalen, zu beraten. Wir haben bereits früher in diesem Zusammenhang den Berliner Repräsentanten zugerufen: „Habt Ihr die ewige Wahrheit, ist Eure Religion die Religion der Vernunft, die die Menschheit zu erlösen vermag, wie wenig Vertrauen habt Ihr zu der Größe Eures Gutes, wie klein sind Eure Bedenken. Befreit Euch von der Symboltragik!" Der jetzige Bericht aus München über eine religiöse Feierstunde am Sonntag in der Synagoge, bei der der mitwirkende Rabbiner doch nicht gerade dem so gescheuten linken Flügel des Liberalismus angehört, ist vielleicht geeignet, die Bedenken zu zerstreuen. Die Berliner Gemeinde errichtet eine jüdische Oberrealschule Von Isidor Borchardt. Man reibt sich die Augen! Man möchte es nicht glauben! Und doch ist es wahr: Der Schul- und Talmud-Thora-Vorstand, die Schulbehörde der jüdischen Gemeinde, hat es in seiner Sitzung Mittwoch, den 28. November, also beschlossen. Liegt denn ein Bedürfnis für solche Gründung vor? — Verweigern etwa die zahlreichen höheren Schulen aller Arten und Grade jüdischen Schülern die Aufnahme? — Keineswegs! Die höheren Schuten sind von Gesetzes wegen paritätisch, und es ist auch in der Praxis kein Fall bekannt geworden, wo einem jüdischen Schüler unberechtigterweise die Aufnahme verweigert worden wäre. Aber es ist keine höhere Schule darunter, die Rücksicht nimmt auf die jüdischen Kreise, denen das Religionsgesetz eine eiserne Notwendigkeit ihres L^ens bedeutet, und das die hebräische Sprache besonders liebevoll pflegt. Doch gibt es auch ein jüdisches Gymnasium in Berlin, das Rücksicht nimmt auf Sabbat, Feiertage, Speisegesetze und hebräische Sprache. Aber die Schule gehört der Israelitischen Synagogengemeinde Adaß Jisroel, einer Separatgemeinde, die zwar gern auch Schüler aus anderen Gemeinden ausnimmt, ihre Schüler aber in separatistischem Sinne beeinflußt, das heißt in der Gesinnung, daß eine orthodoxe Gemeinde unbeirrt nur ihre Wege gehen könne, wenn sie, losgelöst von allen andern Richtungen, ein Eigendasein führt. Und darum muß die große Berliner jüdische Gemeinde eine eigene höhere Lehranstalt haben. Man wird zugeben müssen, die Gründe für eine höhere jüdische Lehranstalt sind nicht gerade stark, und der eine und andere faßt sich bei dieser Gründung an den Kopf und fragt sich: Hat die Berliner jüdische Gemeinde keine andern Sorgen? Die Geschichte dieser Neugründung ist interessant. Die Knabenmittelschule der jüdischen Gemeinde in der Großen Hamburger Straße mußte wie alle mittleren und höheren Schulen vor einigen Jahren mit dem Abbau ihrer Grundschulklassen beginnen. Durch den Fortfall dieser Klassen und durch den bald darauf einsetzenden Fortfall der Michaeliszöten trat natürlich ein Rückgang in der Schülerzahl ein. Die Hoffnung, daß die Mittelschule, was sie am Aufbau einbüßte, an Ausdehnung in die Breite gewinnen würde, erfüllte sich nicht. Die Gründe dafür sind mannigfacher Art, können aber hier außer Betracht bleiben. Da beschlossen damals die Gemeindebehörden, 2 Volksschulen zn gründen, eine für Knaben und eine für Mädchen, um ihren Mittelschulen den Schülerbestand zu sichern, der dieser wertvollen Schulgattung den Fortbestand garantiere. Diese beiden Volksschulen wurden April 1927 eröffnet und können zum ersten Male April 1930 Schüler an die Mittelschule abgeben. Was läge näher, als bis zu diesem Termin zu warten, der bei dem guten Besuch der Volksschulen mit höchster Wahrscheinlichkeit den Mittelschulen eine Existenz auf breiter Grundlage ermöglichen würde? — Also April 1927 Gründung einer Knabenvolksschule/) mit dem ausgesprochenen Zweck der Erhaltung der Mittelschulen; und November 1928, also nur etwa iy2 Jahre später, der Schnlvorstandsbeschluß, die Mittelschule abzubauen und an ihrer Stelle eine höhere Schule zu errichten!! Was hat sich inzwischen Wichtiges ereignet, oas eine Aenderung an dem gefaßten Plan rechtfertigte? Nichts, was in der Sache selbst liegt. Ter Plan, eine Oberrealschule zu gründen, lag merkwürdigerweise der Sitzung vom 28. November noch gar nicht vor. Es war immer nur die Rede von der Umwandlung der Mittelschule in eine Realschule. Auch ein dem Schul- und T. T.-Vorstande erstattetes schriftliches Referat, das dre Grundlage der Beratung bildete, sprach nur von einer Realschule. In der Sitzung aber wurde daraus hingewiesen, daß der Unterschied zwischen einer Mittelschule und einer Realschule doch gar zu gering wäre, um eine so einschneidende Maßnahme zu rechtfertigen, die Mittelschule ab- und eine Realschule von Grund aus auszubauen. Tie mittlere Reise, die die Mittelschule gewährt, berechtige zwar noch nicht zum Eintritt in dre Oberjctunda einer Realschule; aber die vier jungen Leute, die sich zum letzten Abgangstermin aus der Mittelschule für die Obersekunda in Oberrealschulen meldeten, hätten ohne besondere Vorbereitung die Aufnahmeprüfung bestanden. Dazu komme, daß der durchaus aus das Praktische gerichtete Lehrplan einer Mittelschule ganz besonders geeignet sei zur Ausbildung von jungen Leuten, die sich in der übergroßen Mehrzahl dem Kaufmannsstande widmeten. Diesen Gründen konnte sich der Schul- und Talmud- Thora-Vorftand nicht verschließen, und da wurde mit einem Male - unter der Hand alles während einer Verhandlung von etwa 1 y2 Stunden aus der beantragten Realschule eine Oberrealschule. Man muß zugeben: Schneller können Pläne von weittragender Bedeutung nicht reifen! Eine Mittelschule wird abgebaut; eine Realschule wird aufgebaut; da aber in einer kurzen Sitzung die Unüberlegtheit dieses Planes allen klar wird, wird aus der Realschule im Handumdrehen eine Oberrealschule. Kann man gründlicher arbeiten! Wir leben im Zeitalter des Dampfes und der Elektrizität. Einig war man darüber, daß an der Stätte der Mittelschule in der Großen Hamburger Straße nicht ausreichendes Schülermaterial für. eine höhere .Schule vorhanden, sein werde. Ob sich in Berlin W eine ausreichende Zahl jüdischer Schüler für eine höhere Schule finden werde, darüber gingen die Meinungen weit auseinander. Während die eine Seite klarlegte, daß die jüdischen Ellern in Berlin W gar keine ^Neigung für eine konfessionelle höhere Schule hätten,;a ihr völlig ablehnend gegenüberständen, sprachen die anderen von einem -ringenden Bedürfnis Berlin W wird also die höhere jüdische Schule erhalten. Wer hat hier recht? Ist wirklich ein Bedürfnis für noch eine höhere jüdische Schule vorhanden? — Tie Antwort aus diese Frage können nur die interessierten Elternkreije geben. Und darum sind diese Zeilen geschrieben: Hier geht es um eine Angelegenheit, die aus der Abgeschiedenheit des Beratungszimmers herausgenommen und in die große Oeffentlichkeit gestellt werden muß. Hier wirdfast unbemerkt für die Gesamtheit, ein erster Schritt getan, der mit überlieferten Anschauungen bricht, nach einer Richtung, der die Gemeinde aus Jahrzehnte festlegt und ihr verhängnisvoll werden kann. ' Ter Verfasser ist der Ansicht, daß die Einrichtung der höheren jüdischen Schule eine Fehlgründung ist. Die Schule wird dauernd am Mangel an Schülern kranken. Und biefer vagen Gründung zuliebe soll eine Mittelschule geopfert werden^ dre sich bewährt hat, und die existenzberechtigt bleiben wird. AKADEMIE-VERLAG BERLIN W 35 Veröffentlichungen der Akademie filr die Wissenschaft des Judentums — Hochwichtige Neuerscheinungen! Veröffentlichungen der Hermann Cohen-Sliflung Fritz Baer: Die Juden im christlichen Spanien I. Teil: Urkunden und Regesten. 2. Teil Darstellung Monumentalwtrk auf Grund umfangreicher Funde aus drei Spanienreisen des Verfassers. Die Urkunden beleuchten eigenartig das gesamte Lebender spanischen Juden: ihre Rechtsverhältnisse, geistige Entwicklung, Wirtschaftsgeschichte, ihre grossen Männer, die religiösen Disputationen, Abfall und Rückkehr zum Judentum und die Blutgeschichte der Inquisition. 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Exemplare, in Ganzlederbänden RM. 70.— Selma Stern: Der preussische Staat und die Juden Erster Teil: Die Zeit des Grossen Kurfürsten und Friedrichs I 2 Bätzde. Darstellung und Akten Broschiert RM.. 14.- In Ganzleinen RM. 17.— In Vorbereitung: Moses Mendelssohns gesammelte Werke, Jubiläumsausgabe in lö lm Auftrag der Akademie für die Wissenschaft des Judentums und der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums herausgegeben von Prof. Ismar Elbogen, Prof. Julius Guttmann und Pr of. Eugen MittWoch. Die Subskription Ist» eröffnet- Bänden i

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