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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-12-07 · 49 (7.12.1928) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
49 (7.12.1928)
Date
1928-12-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Zum Klagemauerstrell. Ter Streit um die Eigentumsverhältnisse au der Magemauer iu Jerusalem, der als Folge der bedauerlichen Vorkommnisse am diesjährigen Versöhnungstag die Gemüter der Beteiligten noch immer lebhaft beschäftigt, hat nun offizielle Aeußerungen veranlaßt. Die englische Regierung hat am 27. November dem Parlament ein Weißbuch, vorgelegt, das die Vorfälle an der Magemauer schildert und den Starrdp-unkt der Regierung darlegt. Ferner liegt der Bericht der Mandats-Komm i s's i o n an den Völkerbundsrat über die Klagernaucr-Petitionen, insbesondere die der Zionistischen Organisation, vor. Obwohl dieser Bericht als streng vertraulich behandelt wird und erst bei Gelegenheit der Tagung des Völkerbundsrates im März 1929 veröffentlicht werden sollte, sind Korrespondenteil auswärtiger Blätter, unter ihnen der Vertreter des „Pester Lloyd", in der Lage, schon Mt den Text des Berichtes einer weiten OeffentlickMt zu übergeben. ' Das Englische Weißbuch schließt mit der Erklärung, daß die Iegierung bereit und willens ist, als Vermittlerin zu handeln, um eine gegenseitige Verständigung bezüglich der Klagemauer zwischen Juden und Moslems herbeizuführen. Sie kann aber keine Gewalt anwenden, um so weniger als der Streit ausgehört hat, ein rein religiöser zu sein und gleichzeitig ein politischer und nationaler Kamps daraus entstanden ist. In dem Bericht der Mandats-Kommission heißt es, es schem't nicht nur zweckmäßig, sondern geradezu unumgänglich notwendig zu sein, daß die Regierung von Palästina aktive Schritte unternimmt, um die beiden streitenden Parteien zu einer Einigung zu beeinflussen, und da sowohl Juden wie Moslems auf diese Schritte mit der aufrichtigen Bereitschaft reagieren, den Streitfall aus der Grundlage der vollen und gleichen Berücksichtigung der moralischen und materiellen Rechte beider Parteien beizulegen . Tie Kommission hofft zuversichtlich, daß keine Partei durch unvernünftige Ansprüche oder unouldsaine Weigerung die Verantwortung dafür übernehmen wird, die Herbeiführung eines gerechten Ausgleichs vereitelt zu haben." Zum Schluß macht die Mandatskommission darauf aufmerksam, daß,, falls kein Ausgleich gefunden werden kann, wenigstens provisorische Vereinbarungen getroffen werden müssen urcd daß, „keine Ruhestörungen versucht oder geduldet werden dürfen". Die Phantasien Bromberger Ratsherren. Wir hatten in der vorigen Woche über das skandalöse Verhalten des Bromberger Magistrats berichtet, der die Annahme einer Stiftung für arme Juden Brombergs ablehnte, weil es angeblich m Bromberg teine armen Juden gäbe. Nunmehr hat sich der Magistrat von Bromberg aus Intervention interessierter Kreise zum zweiten Male mit dem 100 000 Dollar-Legat der in Amerika verstorbenen, aus Bromberg stammenden jüdischen Frau Lena Eohen zugunsten jüdischer armer Greise Brombergs besaßt und abermals beschlossen, das Legat zurückzuweisen, mit der Begründung, daß es in Bromberg arme Juden nicht gibt. Diese Handlungsweise erklärt sich aus der antisemitischen Einstellung der Bromberger Magistratsherren. Bekanntlich wurde nachgewiesen, daß es in Bcom> berg sogar ein jüdisches Greijenasyl gibt, das finanziell schwer zu kämpfen hat. Das Resultat der Gemein de wählen in Wien. Die Wahlen in den Vorstand der Wiener Israelitischen Kultus gemeinde, um die seit Wochen ein sehr lebhafter Parteienkampf vor sich ging, sind am Sonntag, den 2. Dezember, durchgeführt worden. Ihr Ergebnis ist, daß die „Union österreichischer Juden" trotz, der durch, die größere Zahl der Listen hervorgerusenen Stimmenzersplitterung und des gegen sie konzentrierten Kampfes die stärkste Partei geblieben ist und voraussichtlich von den 36 Mandaten die Hälfte für sich errungen haben dürfte. Ta die Partei der Werktätigen ihren bisherigen Besitzstand von 5 Mandaten behaupten konnte, ist eine antizionistische Mehrheit im Vorstand unzweifethLft. Tie Zionisten und Misrachisten haben zusammen 12 Mandate fest erhallen, ein werteres Mandat ist zwischen ihnen und der Union noch strittig. Die Wahlbeteiligung betrug trotz der lebhaften Agitation nur etwa 50 o„. Zum Zudenproblem in Sowjetrußland Wir haben vor kurzem in einem Artikel „Die Produktivierung der Ostjndenheit" (Nr. 42 der J.-l. Ztg. vom 19. X. 1928) im Anschluß an die Borträge des Herrn Dr. Freund die Maßnahmen für einen systematischen Neubau der Wirtfchaftsgrundlagen der Ostjndenheit geschildert und auf die verdienstvolle Arbeit der Organisationen Ort, Joint und Jca hin gewiesen. Wir haben gelvarnt vor einer Verquickung derartiger Hilfstätigkeit mit politischem Borgehen. Selbstverständlich sind wir uns klar darüber, daß eine völlige Beseitigung der Judennot in Rußland, insbesondere auch der seelischen, unter dem Sowjetsystem unmöglich ist. Diese Erkenntnis darf aber nicht hindern, das Mögliche für die Erhaltung der Ostjudcnhkit zu tun. Aus dieser Einstellung ergeben sich selbstverständlich gewisse Vorbehalte gegenüber den nachfolgenden Ausführungen unseres Mitarbeiters Dr. I. Leivin, der als politischer Gegner des Sowjctsystems als russischer Emigrant in Berlin zu leben gezwungen ist. Tie Redaktion. In der letzten Zeit brachte die Presse wiederholt Berichte von Bortrügen über das Judenproblem in Sowjetrußland, die Herr Tr. Jsmar Freund nach seiner Rückkehr von einer Studienreise in Sowjet-- rußland gehalten hat. Aus diesen Berichten ging hervor, daß Herr Dr. Freund einerseits die Bemühungen der Sowjetregierung, die russischen Juden durch Ucbersührung zur Landwirtschaft und Industrie existenzfähig zu machen, sehr hoch einschätzt, daß ihn aber andererseits die systematische Zerstörung des jüdischen religiösen Lebens durch das Sowjetregime und die auf dem Marxismus iu seiner Leninschen Fassung ausgebaute Soivjetkultur mit den größten Sorgen erfüllt. Die Ausführungen des Herrn, Dr. Freund und die von ihm gezogenen Schlußfolgerungen waren - - soweit man nach den veröffentlichen Berichten urteilen konnte - dazu geeignet, von verschiedenen Standpunkten aus sehr ernste Bedenken hervorzurusen. ' Nun liegt in der letzten Nummer des Gemeindeblattes der jüdischen Gemeinde zu Berlin (Nr. 11, November 1928) der erste Aussatz des Herrn Tr. Freund selbst über seine Rcisceindrücke vor. In diesem Aussatz wird die religiöse Seite des Problems noch nicht berührt, - offenbar wird sie im zweiten Teil zur Sprache kommen -, Herr Tr. Freund behandelt in ihm nur die wirtschaftliste Seite der Frage. Wir wollen uns daher ebenfalls vorläufig nur mit demjenigen Teil der Reiseergebnijse des Herrn Dr. Freund beschäftigen, der nun in der von ihm selbst gegebenen Fassung vorliegt. Es muß gesagt werden, daß schon im Anfang seiner Ausführungen Herrn Dr. Freund ein Fehler untertausen ist, der auf seine ganze; Einstellung zum Judenproblem in Sowjetrußland nicht ohne Einfluß geblieben ist. Herr Dr. Freund sagt nämlich, die besonder Teragik des Schicksals der Juden iu Rußland bestehe darin, daß „es vielleicht noch nie eine Revolution gegeben, die für die Juden eine solche Umwälzung zum Guten gebracht hätte, wie die russische.... Die Tragik liegt nun darin, daß dieselbe Revolution wie ein Sturmwind über die Juden Rußlands hinweggefegt ist, sie niedergcworfen und entwurzelt hat". Das ist insofern nicht richtig, als es durchaus nicht dieselbe Revolution war, die diese diametral entgegengesetzten Resultate hervorgebracht hat. Die russischen Juden erlangten ihre Gleichberechtigung am Anfang der russischen Revolution 1917, einige Wochen nach dem Zusammenbruch des Zarismus, durch ein Dekret der ersten Provisorischen Regierung (unter Vorsitz des Fürsten Lwow) vom 23. März (5. April) 1917. Damals befand sich Lenin noch wohlbehalten in Zürich, war erst mit den Vorbereitungen zur Rückkehr nach Rußland beschäftigt, kein Mensch hat damals an die Möglichkeit einer bolschewistischen Herrschaft in Rußland gedacht; vielmehr war die Gleichberechtigung der Juden eine der ersten Maßnahmen des bürgerlich-demokratischen Regimes, welches, wie es damals schien, das zaristische Regime in Rußland ablösen sollte. Wenn nun die Juden in der Tat in Rußland so entwurzelt und ruiniert worden sind, wie „cs vielleicht die ganz neuere Judengeschichte nicht ein zweites Mal aufweist", so ist das nicht eine Nebenerscheinung der gewährten Gleichberechtigung, sondern eine Folge dessen, daß das demokratische Regimein Rußland durch die bolschewistische Diktatur ersetzt worden ist. Diese Tatsache darf nicht übersehen werden, sie hat für die Beurteilung des Judenproblems in Rußland eine sehr große Bedeutung, da vielfach der Irrtum verbreitet ist, die Juden in Rußland hätten den Bolschewisten ihre Gleichberechtigung zu verdanken, die Bolschewistenherrschaft sei daher quasi die einzige Beschützerin der Juden in Rußland, während das „weiße", antibolschewistische Rußland eine gleichartige Masse von Judenfeinden und Pogromhelden darstcllt. In Wirklichkeit war die Gleichberechtigung der Juden in Rußland das Werk derjenigen Vertreter der fortschrittlichen Schichten des russischen Volkes, die später durch die Bolschewistenherrschaft selber entweder ruiniert und vernichtet oder gezwungen worden sind, im Ausland im Elend des Emigrantendaseins leben zu müssen. Es soll damit natürlich nicht gesagt werden, daß die Bolschewisten etwa eine antisemitische Politik betrieben hätten. Das ist durchaus nicht der Fall, die katastrophalen Folgen der Bolschewistenherrschast für die Juden sind eine Folge nicht' von antisemitischen Tendenzen, sondern des bolschewistischen Regimes an sich, welches durch Zerstörung des Privateigentums, des Handels und Gewerbes den jüdischen Massen in Rußland die Existenzmöglichkeit ^genommen hat. STOliWERCI^ f~’ Rillig, iDohlSchmuckcnd i nahrhaft. Wie aus seinem Aussatz heevorgchl, erkennt Herr Dr. Freund diesen Zusammenhang der wirtschaftliche» Ziele des Sowjetstaates mit de n Ruin des russischen Judentums durchaus richtig. Es muß daher sehr verlvundern, wenn er nach einer Darlegung der Kolonisations- und Jndustrialisierungsbcstrebungen der Sowjetregierung in Bezug auf die Juden zum Schluß gelangt: „Altes in allem kann danach über die Arbeit, die für den Wiederaufbau des russischen Judentums in wirtschaftlicher Hinsicht geleistet tvird, in Ausdrücken höchsten Lobes gesprochen werden." Das wäre richtig, wenn Kolonisation und Industrialisierung ivenigstens annähernd im Stande gewesen wären, den durch das Sotvjetregime im tvahren Sinne des Wortes zu Lustmenschen gewordenen jüdischen Massen in Rußland Ersatz für ihre frühere Beschäftigung zu leisten. Davon kann aber gar keine Rede sein. Im Januar d. I. brachte die „Jswestija" Angaben über die Resultate der jüdischen Kolonisation im europäischen Rußland, denen zufolge sich bisher ca. 12 000 Familien auf ungefähr 120 000 Hektar angesiedelt hätten. Nach den Angaben desselben Blattes sei der Landsond, der für die jüdische Kolonisation noch zur Verfügung' stehe, schon fast erschöpft, im laufenden Jahr 1928 hätten im europäischen Rußland noch ungefähr 1200 Familien angesiedelt werden können. Dieses Ergebnis entspricht durchaus den Berechnungen, die von guten Kennern der Verhältnisse gemacht worden sind, als vor etwa vier Jahren der Plan der jüdischen Kolonisation in Rußland ausgetaucht ist. Damals sprach die von der Sotvjetregierung ins Leben gerufene Behörde, der „Komzet", davon, daß 100 000 jüdische Familien, d. h. ungefähr eine halbe Million Menschen, in der Landwirtschaft untergebracht werden sollen. Bon gegnerischer jüdischer Seile, wurde damals darauf hingetviesen, daß die Ansiedlung in solchem Umfang außerhalb jeder Wahrscheinlichkeit liegt, daß höchstens 12— 15 000 jüdische Familien werden angesiedelt werden können. Jetzt bringt nun das offizielle Organ der Sowjetregierung als Resultat der vierjährigen Tätigkeit Zahlen, die diesen kritischen Erwartungen durchaus entsprechen, wobei natürlich noch lange nicht feststeht, daß die angesiedelten Familien in der Tat schon dauernd zu Landwirten geworden sind. Es kommen Nachrichten über eine Rückwanderung aus den Kolonien, die in den nun weit bescheidener gewordenen offiziellen Zahlen starke Korrekturen anbringen. So gab vor kurzem der „Razswjet" eine Meldung der kommunistischen jüdischen Zeitmig in Moskau, „Emes", wieder, derzufolge von 2 415 Juden, die sich 1926 in den Kolonien der Ukraine angesiedelt hatten, 37 o/g die Kolonien wieder verließen. Da an der Richtigkeit dieser Meldung nicht zu zweifeln und dieser Fall wohl nicht der einzige -ist, so sieht man, daß der Prozeß der Verwandlung der jüdischen Kleinstädter in Bauern doch nicht so reibungsvoll verläuft, wie es die begeisterten Anhänger des Kolonisationsgcdankens haben möchten. Nun sagt Herr Dr. Freund, „die Möglichkeiten der Weiterentwicklung sind scheinbar unbegrenzt" und führt als Beweis für' dies« unbegrenzten Möglichkeiten das „Projekt von geradezu gigantischem Ausmaß" an, nämlich den Plan der Massenkolonisation von Juden im russischen Fernen Osten, „im Amurgebiet, in der Gegend von Birobidjan". Nach Etkundigungen, die sich Herr Dr. Freund vom Vorsitzenden des „Komzet" Smidowitsch und von dem jüdischen Kommunisten Mereschin, der Vicepräsidcnt dieser Behörde ist, geholt hat, „handelt es sich um ein Territorium, das für die Landwirtschaft außerordentlich geeignet, klimatisch einwandsfrei, von besonderen Krankheiten, wie Sumpffieber usw., nicht bedroht ist". Nun gibt es aber andere Quellen zur Beurteilung von Maßnahmen und Plänen der bolschewistischen Regierung als die Aussagen der Mitglieder dieser Regierung selbst. Es gibt in Rußland ein „Staatsinstitut für Kolonisationsuntersuchungen", welche in den letzten Jahren eine Reihe von Arbeiten über russische Kolonisationsprobleme herausgegeben hat, u. a. auch über die Kolonisierung des Amurgebietes, in welchem der Birobidjandistrikt liegt. Der frühere Rechtsanwalt M. A. Kroll, ein guter Kenner Sibiriens, hat neuerdings Auszüge aus den Arbeiten dieses Instituts über das Amurgebiet veröffentlicht, deren Verfasser Kobosiw, Koloskow, Boljschakow usw. zu den besten Fachleuten auf diesem Gebiet in Rußland gehören. Diese Arbeiten liefern doch ein ivcsentlich anderes Bild als das, welches die Herren . Smidowitsch und Mereschin dem Herrn Dr. Freund hingemalt hatten. „Ich speiste", heißt es dort, „um 5 Uhr bei unserem Freunde Salomon Rothschild. Graf und Gräfin St. Aulaire, die Maltzahn, die alte Fürstin Marie Eszterhazy, die Fürstin Paul und Rosa, die Chorinsky, Sedlnitzky, Clemens und ich wohnten diesem Diner bei, das vortrefflich war. Rothschild hat einen berühmten französischen Koch, und es waren natürlich für ihn seine kleinen Extraschüsseln neben die grasten gestellt. Seine Wohnung im „Römischen Kaiser" ist sehr hübsch und passend. Wertheimstein und Goldschmidt (Rothschilds Sekretäre) machten zum Teil die Honneurs. Rothschild besitzt eine prächtige Antiquitätensammlung, die er uns zeigte und die er seinem Sohn bestimmt. Wir sahen auch die Kaffe Rothschilds, ohne Zweifel der schönste Teil des Hauses, sie enthält gegenwärtig zwölf prächtige Millionen! Das machte mich schwermütig." Ein Passus in dieser Tagebucheinzeichnung der Fürstin Metternich, die im Jahre 1840 niedergeschrieben wurde, in eben dem kritischen Jahr, da die Rothschilds ebenso fanatisch wie erfolgreich den insbesondere von Oesterreich bedrohten Weltfrieden erkämpften und retteten, fällt uns auf. Das ist das Wörtlein, wo die Dame der großen Welt Salomon Rochschilds Wohnung im „Römischen Kais er" — einem derzeitigen Wiener Ga st Hof — als „hübsch und paffend" bezeichnet. Dieses Streiflicht erinnert uns an die dazumal in üppiger Blüte sich ende Reaktion, die zwar den Rochschilds gestattete, allen Souveränen Europas für chre Machtgelüste oder Kriegsbedürfnisse oder auch persönlichen Launen ihre Kassen generös zu öffnen, die aber hinwieder den Stammes- und Glaubensgenossen dieser Großdignitare des Geldes verwehrte, sich durch den Ankauf liegender Güter beispielsweise auf dem Boden der Habsbuvgischen Monarchie selbst niederzulassen. Uebechaupt stand das Emanzipationsedikt der Juden, das sie angeblich als gleichberechtigte Staatsbürger anerkennen wollte und sollte, seit dem Jcchre 1812 mehr oder weniger nur auf dem Papier. Rückläufige Bewegungen hatten eingesetzt, die den Juden für und für die alten Beschränkungen aufzuerlegen trachteten. Besonders reaktionäre Strömungen machten sich immer wieder in der Vaterstadt der Rothschilds, Frankfurt am Main, gelterü). Selbst wenn man nicht umhin konnte, ein Mitglied dieser Familie, um ihres internnationalen Einflusses willen, öffentlich auszuzeichnen, so geschah auch dies jeweils unter demütigenden Formen. Als es Salomon Rothschild geboten schien, seinem in Frankfurt ansässigen Sohne Anselm eine amtliche Würde zu verschaffen und er dieserhalb bei dem allmächtigen Gönner der Rothschilds, dem Fürsten Metternich, um die Bekleidung mit dem österreichischen Generalkonsulat vorstellig wurde, erfolgte auf Metternichs Rückfrage bei dem österreichischen Ministerresidenten in Frankfurt die folgende Antwort: „Freiherr Anselm von Rothschild vereint mit dem Reichtum, dem Kredit und dem Einfluß des Hauses, dem er angehört, alle moralischen und intellektuellen Eigenschaften, die ihn zur Annahme dieser Stelle befähigen. Von seiten des Senates der Freien Stadt Frankfurt wage ich es zu verbürgen, daß kein Anstand gegen diese Ernennung erhoben werde, nachdem auch Freiherr Carl von Rothschild — Oheim des Anselm — als Königlicher Sizil ionischer Generalkonsul angenommen worden ist." Nach der opportunistischen Erwägung, daß für diesen Posten „nur ein Individuum gewählt werden könne, welches, da keine Art von Genüssen mit der Stelle verbunden sein würde, nebst den nöthigen intellektuellen Fähigkeiten, dieses Amt auch nach seinen ökonomischen Verhältnissen mit Würde und Anstand zu bekleiden und seine Belohnung lediglich in dem damit verbundenen Ehrenrange zu finden, im Stande sei", wurde nunmehr die Ernennung Anselms vollzogen. Nichtsdestoweniger wurde das Exequatur nur mit der hämischen Einschränkung ausgefolgt: „Es wird der israelitische Bürger, Freiherr Anselm Salomon von Rothschild in der Eigenschaft als Kaiserlich Königlich Oesterreichischer Generalkonsul anerkannt, unter dem Vorbehalt, paß hierdurch in seinem Verhältnis als israelitischer Bürger dieser Freien Stadt keine Aenderunq erwachse, er vielmehr nach wie vor den Gesetzen und der Gerichtsbarkeit hiesiger Freien Stadt sowie überhaupt der diesseitigen Obrigkeit untergeben bleibt." Selbstverständlich waren alle Rothschilds bemüht, ihre unvergleichliche Macht zu Gunsten ihres Stammes und zwecks einer wahrhaften Erweiterung der bislang nur fiktiven Gerechtsame der Juden als Staatsbürger nach Kräften durchzusetzen. In Oesterreich fanden Rothschildsche Anliegen im Allgemeinen bei dem schlauen Grandseigneur Metternich immer ein geneigtes Ohr. «Aber jedem „Entgegenkommen" des Staatskanzlers folgte meistens ein zweites Ansuchen der Rothschilds. „Schon lange litten die Rothschilds darunter, daß sie als fremde Juden in Wien und auf dem Gebiete der Monarchie wohl toleriert waren, ja durch ihren Reichtum und ihr Geschick Zutritt selbst in die höchsten Kreise gefunden hatten, aber dennoch nach wie vor an gewisse, für Juden geltende, einengende Bestimmungen gebunden waren. Dazu gehörte vor allem die Verordnung, daß Juden innerhalb Oesterreichs keinen Realbesitz erwerben dursten. Immer noch wohnt« Salomon Rothschild im Gasthof zum „Römischen Kaiser", freilich mit seinen Beamten allein, zur Miete. Außerdem hatte es sich während der Krise der Julivevolution sehr empfindlich fühlbar gemacht, daß das große Rothschildsche Vermögen fast ausschließlich in Papierbesitz bestand, der von der Konjunktur an der Börse und von Krieg und Kriegsgefahr allzu abhängig war. So sann Salomon nach, wie dem abzuhelfen wäre, und fand bald wieder mit einer Bitte den Weg zu Metternich. Wie immer in solchen Fällen, begann Salomon zunächst mit der Aufzählung der Verdienste, die sich sein Haus um den österreichischen Staat erworben habe." Die Bitte widersprach gänzlich den geltenden Gesetzen; es mußte neuerdings eine Ausnahme zu Gunsten der Rochschilds gemacht werden, die vorderhand unter der übrigen Judenschaft jedenfalls großes Mißvergnügen Hervorrufen würde: denn allen wollte man den Erwerb von Grundbesitz noch lange nicht gestatten. Metternich war zwar sehr für die Bewilligung, denn die Rothschilds wollten ja in Oesterreich für mchrere Millionen Boden kaufen, und man hatte sie auch mehr in der Hand, wenn sie solch' großes unbewegliches Bermögm im Lande besaßen, aber es mußten doch noch manche hochmögende Personen, an ihrer Spitze der widerstrebende Kaiser selbst, bearbeitet und vielerlei Hindernisse aus dem Weg geräumt werden. Endlich aber wurde auch dieses Ziel erreicht. Salomon Rochschild bereitete sein Unternehmen mit zahlreichen wohltätigen Spenden vor, um das Bürgerrecht der Stadt Wien zu erlangen. Denn, war er einmal Wiener Bürger, so bekam er auch von selbst das Recht zum Besitz von Grundstücken. Um dies aber zu erreichen, mußte er den Kaiser um Dispens btzüglich seiner Konfession bitten. Dies geschah, und der Kaiser bewilligte sie. Und nun verlieh ihm die Stadt auch sofort das Bürgerrecht und Salomon kaufte innerhalb der Ringmauern Wiens das Haus des „Römischen Kaisers" in der Renngafse und das unmrtteibbar anschließende Haus. Dieses ließ er niederreißen und für seine Zwecke wiederaufbauen. (Schluß folgte

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