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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-11-30 · 48 (30.11.1928) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
48 (30.11.1928)
Date
1928-11-30
Page
– (sequence 6)
Language
German
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tum des Werkes. Fräulein Alice Timon besitzt eine äußerst sympathische Altstimme. Sic »rußte durch ihre Vorträge (Arien aus „Paulus" und „Elias" sowie „Im Abendrot" von Schubert) größte Aufmerksamkeit »vachzurufen. Von Herrn Oberkantor Gustav Sußmann, dessen gepflegter Bariton die eigenartige Wehmut hebräischer Gesänge zum Erklingen brachte, hörten wir einen W'schomru und Haschkiwenu von Sulzcr, letzterer gemeinsam mit dem Synagogenchor meisterhaft vorgetragcn. Der Chor (Leitung Max Otto), der nur aus jüdischen Sängern besteht, erbrachte den Betveis, daß er über wohlgeschulte, durchgebildete Sänger verfügt; Eigenschaften, die besonders im SanktuS aus der deutschen Messe von Schubert vorteilhaft in die Erscheinung traten. Die Akustik in der Synagoge erwies sich für die verschiedenen Vorträge recht günstig; vor allein findet der Orgelton in dem »venig gegliederten Raum eine treffliche Resonanz. Der Reinertrag zu Gunsten der örtlichen Erholungssürsorge beträgt 550, — Mark. Kassel. (G c m c i n d c - V t r f a in »n l n n g.) Mit dem Projekt des neuen Friedhofs beschäftigte sich die schwach besuchte Gemeinde^ Versammlung, die vorigen Donnerstag in das Hotel Meier einberufen »vorden »var. Der Vorsitzende des Gcmeindeältestcn-KollcgiumS, Rechtsanwalt Dr. Katzcnstein, leitete die Verhandlungen. Nach kurzem HiniveiS auf die Tagesordnung gab der Friedhofs-Dezernent, Gemeindcältester Eisenberg, einen Rückblick von dem im Jahre 1908 erworbenen Gelände, das eine Größe von 80 000 Quadratmetern umfaßt und dank des Weitblicks des verstorbenen Gemeindeältesten Moritz Heß unter günstigen Bedingungen cr»vorbcn »verden konnte. Unter normalen Verhältnissen müßte dieses dem alten Friedhof schräg gegenüberliegende Gelände in 2 bis 3 Jahren benutzt »verden. Reg.- Baumeister a. D. und Architekt Sichel zeigte an Hand der Skizzen die bautechnische und architektonische Ausgestaltung des Flächenplanes. Die Kosten der Umgestaltung sind mit 65 000 bis 70 000 Mark veranschlagt. Der Finanzdczernent, Gemeindeältestcr Bankier A. Heß, machte statistische Angaben über die Bcvöltcrungsverhältnisse innerhalb der Gemeinde. Die Finanzlage »vird vom Referenten als günstig bezeichnet; einem Schuldlonto voi» ca. 17 000 Mark stehen Legate von 15 000 Mark gegenüber, abgesehen vom Grundbesitz der Gemeinde. 15 Prozent der Ausgaben, ettva 26 000 Mark, fließen wohltätigen Zwecken zu. Der Rückgang der privaten Wohltätigkeit wird als syinptomatische Erscheinung der Verarmung des Mittel¬ und Rentnerstandes gedeutet. Trotzdem könne mehr für die Wohltätigkeit geschehen. Mit 12 Prozent der Einkommensteuer (9 Prozent für Gemeindezwecke und 3 Prozent als Provinzialsteucr) ist die Besteuerung als überaus günstig zu bezeichnen. Der Redner gibt endlich Einzelheiten über die beabsichtigte Anleihe bekannt. Bankier Ballin »vünscht bei der Neuanlage auch Errichtung einer neuen Kapelle; die Referenten halten diesen Plan aus finanziellen Rücksichten für undurchführbar. Die Aussprache endigt mit der fast einstimmigen Zustimmung zum Anleiheprojckt und den mit ihm verbundenen Ermächtigungen für die Gemeindeältesten. Königsberg, Pr. (Nationalsozialistische A u s s ch r e i - t u n g e n.) Der Terror der Nationalsozialisten hat in Königsberg und in der Provinz Ostpreußen in letzter Zeit erheblich zugenommcu. Sie haben in Gestalt des Gauführers Koch-Elberfeld einen neuen Agitator bekommen, der die Bewegung »nieder erheblich zu neuen Taten entfacht hat. Beinahe täglich kommen Ausschreitungen der einzelnen nationalsozialistischen Gruppen vor. So erscheinen in kleinen ostpreußischen Städten plötzlich Radfahrertrupps der Nationalsozialisten von außerhalb und belästigen dort die Einwohnerschaft, insbesondere die Judenschaft. In Königsberg finden beinahe allabendlich Umzüge statt, in denen große Transparente aufreizenden Inhalts gegen die Juden mitgeführt werden. Keiner dieser Umzüge wird ohne den dreimaligen Ausruf: „Juda verrecke!" geschlossen, weswegen der Centralverein bereits Strafantrag gestellt hat und die Polizei eingeschritten ist. Bei einzelnen jüdischen Geschäftsleuten wurden Hakenkreuze in die großen Schaufensterscheiben eingeritzt oder die Scheiben demoliert. Alle vierzehn Tage finden große öffentliche Versammlungen statt, die überfüllt find, in denen die „großen Kanonen" der Völkischen, Strasser und Koch-Elberfeld, sprechen. Dabei scheuen die völkischen Führer nicht davor zurück, Gewalttätigkeiten gegen Führer der jüdischen Abwehrbewegung anzukündigen. Die nationalsozialistischen Zeitungsverkäufer preisen ihre Zeitungen unter hetzerischen Aufrufen gegen die Juden an. Es ist anzuerkennen, daß der Königsberger Polizeipräsident sehr energische Maßnahmen getroffen hat, um gegen diese Auswüchse Stellung zu nehmen. Königsberg. (Die Bibel im Rundfunk.) Eine religiöse Feierstunde in echt jüdischem Sinne bot Oberkantor Magnus Davidsohn aus Berlin am vergangenen Montag hier im Rundfunk. Bon der Schöpfung beginnend bis zu den Propheten sang und sprach er mit bekannter Meisterschaft Werke klassischer und moderner Autoren. Der ganze Farbenreichtum des Alten Testaments wurde durch die verschiedenen Dichtungen und musikalischen Balladen den Hörern näher gebracht. Eine Veranstaltung mit derart wechselvollem Programm und doch einheitlich einem bestimmten Zwecke dienend, wurde im Königsberger Runkfunk noch nie geboren. Mit Recht betonte am Schluß der Sprecher des Rundfunks, daß es eine Weiheuird Feierstunde gewesen, die »vunderbar von der Schwere des Alltages gelöst und den Hörern den prachtvollen Stofs der Bjbct »nieder einmal näher gebracht habe. Krefeld. (Besetzte S ch u l st e l l c.) Eine von den erledigten Stellen an der hiesigen jüdischen Volksschule »vird in Kürze durch den Junglehrer Leopold Stern aus Rheda besetzt »verden. Die Stelle des künftigen ersten Lehrers ist vom Fürsorgeamt vorläufig noch beschlagnahmt. Krefeld. (Bczirkskonserenz jüdischer Lehrer.) In der »viedererstandenen Nicdcrrheinischcn Bczirkskonserenz jüdischer Lehrer, deren Versammlung in Rheydt stattfand, befaßte man sich im wesentlichen mit der Frage, in welchen: Umfang sich die Lehrerschaft an der Jugend- und Wohlfahrtspflege beteiligen solle. Es ergab sich allseitige Bereittvilligkeit zu reger Mitarbeit. Nur »vünschte man Beseitigung geivisser Hemmungen durch die Gemeindeleitungen. Die Frage nach Abschaffung des Sonntagsunterricht wurde einstimmig verneint. Die Versammlung leitete Herr Lehrer Heymann-Rheydt. Limburg. (P e r s ö n l i ch e s.) Die Vorsitzende des hiesigen Israelitischen Fraucnvereins, Frau R. .Heymann, beging in bemerkensivertcr körperlicher Rüstigkeit und geistiger Frische ihren 70. Geburtstag und konnte aus diesem Anlaß mancherlei Ehrungen für ihre aufopfernde Tätigkeit innerhalb des Vereins entgcgennehmen. Militfch. (2 y n a g o g e n j u b i l ä u m.) Anläßlich des 100 jährigen Bestehens ihrer Synagoge veranstaltete die Militscher Jüdische Gemeinde am 11. November eine Feier, an der auch zahlreiche frühere Angehörige der Gemeinde teitnahinen. Nachdem a»n Vormittag aus dem Friedhof eine Gedächtnisairdacht für die Verstorbenen abgehalten »vordeir »var, versamnrelte sich die Gemeinde mit ihren Gästen nachmittags 1 Uhr zuin Fcstgottesdienst in der Synagoge. Diese »var im Laufe des Sommers unter Leitung des Herrn Prof. D r. - I n g. Grotte-Breslau renoviert »vorden und machte in ihrem neuen, schlicht vornehmen Gelvande auf alle Besucher einen stiminuirgsvollen Eindruck. Innerhalb des Minchu.-Gebetes, das nebst einigen Psalmen von .Herrn Kantor L a k s hervorragend vorgetragen »vurde, hielt Herr Gcmeinderabbiner D r. H o f fmann- Breslau die Fcstpredigt, in der er besoirdcrs auf die Opferfrcudigkeit der kleinen Gemeinde hinivies, die vor 100 Jahren aus eigenen Mitteln dieses Gotteshaus erbaut hat. Nach dein Gottesdienst fanden sich ettva 100 Personen zu einem Festessen in Laskes Hotel zusaminen. Nach einer kurzen Begrüßungsansprache des Gemeindevorsitzcnden übcrbrachte Herr Emil Waldstein Breslau die Glückwünsche des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden sowie des Provinzialverbandes der Synagogen- Gcmcinden Niederschlesiens. Für diejenigen, die an der Gemeinde Militfch näheres Interesse haben, sei auf die vor 2 Jahren erschienene Dissertation von D r. Fritz Bloch: „Die Juden in Militfch" hingetviesen, die von Herrn Tr. Jutkoivski in Militfch zum Preise von 2,50 RM. bezogen »verden kann. Nürnberg. (6 0. Geburtstag.) Eine der hervorragcirdsten Persönlichkeiten in der jüdisch-liberalen Betveguirg, wie in den anderen jüdischen Organisationei:, Herr Justizrat Tr. Michael Erlanger, feierte am 23. November seinen 60. Geburtstag. Trotz großer beruflicher Inanspruchnahme arbeitet der Genannte seit Jahr und Tag in unermüdlicher Weise an allen Aufgaben, »velche das Judentum bewegen. Als Nachfolger seines Schwiegervaters, des unvergeßlichen Schuldirektors Moritz Gombrich, war Dr. Erlanger viele Jahre Vorsitzender des „Vereins für die Interessen des liberalen Judentums" und hat diesem Verein »vertvolle Dienste geleistet. Sowohl im Verband bayerischer israelitischer Kultusgemeinden, tote in der Verwaltung der Nürnberger Kultusgemeinde ist der Genannte einer der wertvollsten Vertreter, dessen Rat und Tat überall geschätzt und gerühmt wird. Als Vorsitzender der liberalen Fraktion der Kultusgemeinde hat Dr. Erlanger erst vor kurzer Zeit den Antrag auf Errichtung eines Altersheimes für den Mittelstand gestellt, um auch denjenigen alten Leuten, welche einst bessere Tage gesehen haben, einen behaglichen und würdigen Aufenthalt für ihren -Lebensabend bereiten zu können und fand damit in Kreisen der Vertvaltung lebhaften Widerhall. — Mögen dem Jubilar, dessen Wärme und Innerlichkeit für alle jüdischen Fragen vorbildlich ist, noch viele Jahre, erfüllt von Glück und Gesundheit, beschieden sein. Plauen. (I u g e n d t a g u n g.) Sonntag, den 25. November, hielt der Landesverband Sachsen im Verbände der jüdischen Jugendvcreine Deutschlands seine 10. Delegiertentagung in Plauen ab, die von seiten der zugehörigen Bünde Dresden, Leipzig, Chemnitz, Plauen, Gera und Görlitz sehr zahlreich beschickt war. Nach Begrüßungen seitens des Plauener Gemeindevorstehers Dr. Goldberg sowie der Vertreter aller jüdischen Organisationen nahm der Generalsekretär des Reichsverbandes, Fritz Schwarzschild-Düsseldorf, das Wort zu dem Thema: „Jüdische Ent»vicklung und die Aufgabe der Jugend". Nach Elojah „Elojah, du willst Priester werden? Zu kurz dein Fuß, der Schulter Wuchs verkrümmt — Und nur der Gerade dient dem Herrn! Wen selbst sein Gott gezeichnet, bleib' ihm fern! Kannst du mit freier Seele denn ihm danken? Kannst du ihn preisen, wie die Wohlgestalten tun? Tie Stolzen, die er aufrecht schuf? Mußt du nicht grollend immer wieder Bezweifeln seine Liebesmacht?" Ter Hohepriester sprachs. Und grausam schien dem Knaben, Was in dem Buch der Bücher als Gesch verkündet. Er hüllt sein Antlitz in den weißen Mantel, Den ihm der ird'sche Vater zum Gebet verlieh'n Und schleicht hinaus, in stummem Leid zum Oelbaumhqin. Wo murmelnd eine klare Quelle fließt. Bor ihr erst legt er ab den Mantel, enthüllt das Haupt Und sieht im Spiegel flücht'ger Wellen Mit dunklem Aug: Des Priesters Wort ist wahr! Sieht, was ihm fehlt: Tie hehre Pracht der Glieder, Des Wuchses schla-nkes Ebenmaß versagt von unerforschtem Walten. Dochsieht er auch den hellen Strahl, Ter leuchtend seinem Aug' entsprüht, Der sich vermählend mit der Welle Zu ihrer Tiefe einzudringen strebt. „Tu bist, Jehova, Gott, der alle Wesen Nach seines Geistes Bilde schuf. Und jedes soll dich preisen Um deines Werkes ew'ger Gnade willen. Darf ich es nicht? Ist nicht mein Geist auch Teil des deinen? Gleich lichtgeboren, wie der andren, ist auch er, Ter sich auf Erden seine Hülle suchte- Und fand er diese nur, die schlimm ihn kleidet: So gib mir, Vater, andres Kleid! Gib mir des Seraphs Lichtgestalt! Lacht so viel Schönheit rings auf deiner Erde — Tie tiefer als in dem der Brüder, In meines Auges Glanz sich malt — Gib mir davon, auf daß ich würdig werde! Ich will dir dienen, will dich preisen — Gib mir ein Zeichen, daß du meine Stimme hörst!" So fleht der Knabe, der aus altem Priesterstamme, In seiner Brust des Priesters Weihe spürt. Er blickt hinaus zum Gold der Ferne, Wo blendend sich der Sonne Feuer malt,' Verlöschend an den Bäumen dann Gleich ausgeglühten Opferfeuern, Strahlt es an jedem Busch noch einmal Empor zu seines Schöpfers Glanz. Ta flammt im Herzen auch des Knaben Geheiligt Feuer lohend hoch: „Ich danke dir, o Ew'ger, der du einst Zu Mose, deinem Knecht, gesprochen — Im Dornbusch sprachst du auch zu mir! Und daß ichdeinen Sinn empfinde, Ichdanke dir dafür! Ich danke dir die Glut der Seele, Tie diesen ird'schen Leib verzehrt, Daß bald sie weit in Weltenräumen Aus rein'ren Quellen ew'ge Lust sich trinkt. Bald wird des Körpers Fessel fallen. Verschwinden diese mißgestalte Brust. Tann werden alle Berge hallen, Taß auch des Hohepriesters Ohr es hört; Zum Himmel wird es Gloria schallen: „Elojah, den ich einst verwarf — Elojah ist des Herrn!" Doch- Plötzlich aus der Tiefe Erschauernd hört's der Knabe tönen: „Ich bin der Gott, der dich erschuf. Aus meinen Wassern drang zu mir dein Ruf. Weil ich des Leibes Wohlgestalt versagt, An meiner Gnade, meiner Macht, Hast du zu zweifeln keck gewagt? Und woll'n sie dir die Priesterweihe wehren, Tie — wohlgestaltet — dennoch keine Priester finb So sei du mehr — sei du Prophet! Und künde diesen kurzgesicht'gen Scharen, Was ungeboren in der Zukunft Schoße Sichrätselvoll in Schleier hüllt. Tie sie in allem, was ich schicke, Nur seh'n der eig'nen Narrenseele Bild. Sag du mit des Propheten Seherblicke, Was sich als Schicksal ihnen einst erfüllt! Doch unentrinnbar nur, wenn diesen Lustbetörte« Tie Worte, die in deinen Mund ich lege. Nicht finden ihres harten Ohres Wege. c!!l.c.r Betrachtung der europäischen Kulturcntivicklung bis zur französischen Revolution stellte er den bürgerlich-jüdischm Menschen des 19. Jahrhunderts dem heute bereits vorhandenen jung-jüdischen Typus gegenüber, den das seetische und wirtschaftliche Noterlebnis unserer Zeit mit starkem jüdischen Zukunstswillen erfüllt. Willens- und Wissensbildung in den Jugendbündcn müsse dazu führe»:, den jungen Menschen zur Mitarbeit au den großen Menschheitsaufgaben aus jüdischem Ethos zu erziehen. — Eine rege Aussprache folgte dem inhaltsreichen Referat. — In den einzelnen Vereinen macht sich fast überall ein erfreulicher Aufstieg bemerkbar. Der L. V.-Vorsitz siel nach Plauen. Sprendlingen. (Neue Vorstehcr.) Bei den hier abgehaltenen Gemeindewahlen wurden Ludivig Schloß, Adolf Berger und Ott» Landsberg als neue Vorsteher der hiesigen Religionsgcmeinde gewählt. — Im benachbarten Frcilaubersheim wurde 'für die im Weltkriege gefallenen, der jüdische»; Gemeinde entstammenden Kriegsteilnehmer eine Gedenktafel errichtet. Rabbiner Dr. Jakobs aus Kreuznach hielt die Gedenkrede. Stuttgart. (Neuer Rabbiner.) Die Stelle eines Rabbiners wurde dem -Herrn Rabbiner Dr. Auerbach in Göttingei: übertragen. Ulm. (Fürsorge für entlassene Strafgefangene.) Es ist in der Oesfentlichkeit »venig bekannt, welch schwerer Not Strafgefangene bei ihrer Entlassung gcgenüberstehcn. Man denke sich in die Lage: Arbeitslos; keine Arbeitslosenunterstützung nach Strafverbüßung; kein Wandcrgewcrbeschcin; vielfach verstoßen von .Heimat und Familie: meist »nittellos. Was bleibt deni Verzweifelnden? Wenn er leben will — der Rückfall in das Verbrechen. — Das entsetzliche Verbrechen von Leiferde hat seinen Ursprung in der Not Arbeits- und .Heimatloser. Dieses eine Verbrechen, das so viel Leid gebracht hat, kostete dem Staat, gering geschätzt, 1 Million RM. — Wie viel Notleidenden hätte diese Summe Arbeit und Verdienst gegeben! — Ter Strafvollzug selbst erfordert hohe Kosten, jeder Sträfling kostet 2 RM. in: Tag, die die Steuerzahler aufbringen müssen. So ist es ein Gebot der Nächstenliebe, es ist auch ein Gebot der Sicherheit und der rechnenden Vernunft, der Not der entlassenen Strafgefangenen zu steuern. Ter Bezirksverein Ulin, der infolge von Krieg und Inflation zu bestehen ausgehört hatte, ist erneut ins Leben getreten mit dem Ziele, die Not der Entlaßgefairgenen durch Beschaffung von Arbeit u:ü> Obdach, durch Fürsorge für ihre unschuldig darbenden Familien zu lindern. Um dieser großen Ausgabe gerecht werden zu können, bedarf es der tätigen Mithilfe u»:d Unterstützung »veiter Kreise. Es ergeht daher die herzliche Bitte, dem Verein beizutreten. Der jährliche Mindestbeitrag, um stimmu»:d wahlberechtigt zu sein, beträgt 2,— RM. Jede auch die geringste Gabe, insbesondere auch Kleidung, ist willkommen. Dieser Ausruf, unterzeichnet von Justizrat Klaus, dem Vorstand des Landesgefängnisses Ulm, wird auch seitens des hiesigen Rabbi»:ats wärmstens unterstützt und der Beitritt zu genanntem Verein dringend empfohlen. Eine ernste Geschichtsfrage in witziger Beleuchtung Kaum hat eine andere jüdische Schrift in öer zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts ein so allgemeines Aufsehen erregt, als Ludwig Philippsons Broschüre: „Haben wirklich dieJuden Jesum gekreuzigt?" Sie wurde elsmal in fremde Sprachen übersetzt und bekanntlich von Martin Philippfon, dem Sohne des unvergeßjlichen Führers, im Jahre 1901 in zweiter Auflage herausgegeben. Nun finden wir in dem soeben erschienenen Novemberheft des Westfälischen Heimatbundes „Tie Heimat" einen Aufsatz „Beweis, daß diejenigen, so Ehristnm gekreuzigt, Westphälingec gewesen" (Studienrat Tr. Hemling-Beckum), des mit Recht unwillkürlich unsere Aufmerksamkeit Hervorrufen must Hören wir zunächist den Verfasser: Im Jahre 1775 erschien in einem Solinger Verlags der sichselbst mit den drei Buchstaben I. A. Z. bezeichnet, ein kleines Büchlein, das in der damaligen Zeit sicherlich außerordentliches Aufsehen erregt hat, aber auch heute noch geeignet ist, unser Interesse zu wecken. Sein vollständiger Titel lautet in der damaligen Schreibung: „Westphälische Mterchümer oder Beweis, daß diejenigen, so Ehristnm gekreuziget und Johannem den Täufer enthauptet, Westphälinger gewesen". Im Jahre 1891 wurde es durchden Verlag I. M. Heberle Nicht Hab' ich dich verworfen, du mein Knabe, Dem seines Körpers Schönheit fehlt: Gezeichnet ich dich habe, weil ich dich auserwählt!" Thekla Skorra. Davin Schönberger, ein neuer religiöser Lyriker Ter Begriff „Gott" entstand schon sehr früh, im Morgenbämmer aller Geschichte, als sich die Menschheit vom Tierhaften loszulösen begann. Während vieler Epochen begnügten sich aber die Denkenden vergangener Völker mit einer Gottheit, die selbst nur ein relativ entschränktes Endliche war. Erst jüdischer Geist führte, bald nach seinem Eintritt in die menschliche Geistesgeschichte, alles endliche in Raum und Zeit erscheinende Dasein auf seinen unendlichen und ewigen Urgrund zurück. Der jüdische Mensch war einst der erste, bei dem das Welt- und Selbstbewußtsein nicht mehr unmittelbar am sinnlich-natürlichen Sein haften, blieb, sondern geistigen und sittlichen Inhalt gewann. Tie reine Gotteslehre, die der so kleine, politisch immer bedeutungslose israelitische Stamm einst vom Osten des Mittelmeeres aus verbreitete, glich einer ungeheuren Glocke, die mit tiefem Klange durch die Jahrtausende dröhnte, viele andere zum Mit- und Nachschwingen gebracht hat und heute noch deutlich und vernehmbar klingt. Von Anbeginn kvaren alle jüdischen Poeten oder Dichter, die jüdischen Geist in sich trugen, mit einem großen Teil ihres Wesens Gottsucher und religiöse Lyriker. Bon jenem Genie an, welches einst das Buch Hiob verfaßte, über Gabirol und Juda Halevi hinweg bis zu den vielen ostjüdischen Dichtern des Vongen Jahrhunderts und den jüdischen Autoren unserer Tage zieht sich wie ein goldener Faden das lyrische Bekenntnis der Demut und Andacht vor dem großen Geheimnisvollen, das hinter allem Leben liegt. In der Weltliteratur war jedoch später, wie überall, das Judentum das Aschenbrödel, die heimliche Prinzessin, die unbekannt blieb und nur von wenigen Auserwählten entdeckt wurde, während die anderen jüngeren „Schwestern", — richtiger müßte man hier Töchter sagen — glänzten und allgemeinen Ruhm ernteten. Tiefste religiöse Inbrunst und hinreißende, begnadete „Gottestrunkenheit" »var in den schmutzigen dunklen Stübchen der östlichen Chassidim genau ebenso daheim, wie in den sonnendurchwellten Blütengärten von Florenz, in denen Franziskus von Assisi uralte —

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