Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 48 (30.11.1928)
- Date
- 1928-11-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Ursprünge völlig gleichgültig sind, etwa so wie dem Kind, I das die Urabstammung seines hochtultivierten Vaters eines Tages in irgend einem ungeschlachten Bauern Miederfindet. Und neben diesen für die volle Wirkung der Religiosität so belanglosen Erklärungsversuchen ist es das Borbeischen an der originalen Schöpferkraft, die ja gerade darin ihre Größe offenbart, daß. sie aus der natürlicher: Abfolge unbewußter und bewußter Regungen ausbricht und ungeahnter Tiefbl'cke fähig ist. Das muß der freilich leugnen, der in den Ödipuskomplex geradezu verrannt ist, überall Jnzestneigungen wittert und die feinsten und zartesten seelischen Regungen solange umdeutet, bis sie in das sexuelle Schema passen. „Eine der der gefährlichsten und am meisten irreführender: Versuche," sagt darum Förster, (in „Religion und Charakterbildung") die religiöse Seelenführung zu ersetzen, ist zweifellos die moderne psychoanalytische Bewegung". Und „der Analytiker soll srch nicht aufs Unterleibstechnische beschränken" warnt Kayserling (im „Weg der Vollendung"). „Er entwürdigt den Menschen zum Tier zurück. Man muß zielbewußt auf den geistigen Aufbau der Persönlichkeit Hinwirker:." Kein Wort ist notürlicb damit gegen die Anwendung der Psychoanalyse und Brauchbarkeit auch für die Seelsorge des Geistlichen :n den Fälle,: gesagt, die in ihrer Sphäre liegen. Aber das ist eben die Sphäre des Kranken. Und traut ist der Religiöse, weil „Zwangsneurotiter", nur für die Psychoanalyse. Deshalb will man ja jetzt mit Recht diese Wissenschaft in die Psychotherapie einbeziehen, deshalb spricht man davon, daß die Psychoanalyse allmählich in der Psychologie ihrer: Platz finden werde. Und so wird sie sich auch :n der Erziehung bescheiden müssen, daß sie Einblicke geben kann, aber keine Ausblicke, aufzraben, aber nicht aufbauen. Wird zugeben wüsten, daß sie nur den Dogma- und Glaubens- und Angst- und Kindheitstypus der Religion kennt und :n Betracht zieht, aber nicht den, der bei aller Intelligenz die Religion längst zur höchsten und ferr:- sten Blüte der Religiosität aufgegipfelt hat, all zene Verzweigungen der Seele damit meint, die keiner noch so tiefschürfenden Psychoanalyse — tief nur zeitlich gemeint — zugänglich sein werden. Vielleicht ist es so, wie ein Rezensent der Freundschen Schrift meint, der Verfafser sollte zugeben, daß es etwas gibt, „was ihm nicht zugänglich ist". Und das gilt ja auch für die Religiosität, die grade aus dem Primat des Intellekts entspringt, in die sich der Intellekt ganz bewußt eingesenkt hat. Tenn das ist eben möglich, ja mehr — Woyda hat hier kürzlich darüber gehandelt — nur so ist für viele Religion, aber auch so Intellekt nur erlebbar und ein Lebenswert. Wenn Freud neuerdings in dem kleinen Aussatz „Ein religiöses Erlebnis" (im „Almanach"- Wert darauf legt, einem amerikanischen Kollegen, der ihm ::ne persönliche „Offenbarung" mitteilt, die er hatte, zu erwidern: „Für mich habe Gott nicht so viel getan, er habe mich nie eine solche Stimme hören lassen und wenn er sich. nicht sehr beeile, werde es nicht meine Schuld sein, wenn ich bis zum Ende bleibe, was ich jetzt se: — an insidel jew," so mag diese Antwort angesichts des berehrrrngs beftisienen Kollegen nicht so schwer wiegen, aber es steckt ja wohl mehr als eine persönliche und einmalige Abweisung dahinter: es ist die Erhabenheit über die inneren stimmen, die nicht mit sämtlichen Formeln der eigenen Wissenschaft in Eintlang zu bringen sind, es ist die Flucht vor „Gott", als dem ewigen Mahner an unsere Unvollkommenheit hin zu der Illusion der Klarheit und Sicherheit der Wissenschaft, es ist die Flucht vor Gefühlen hin zu dem Schema, die Flucht vor dem Geheimnis hin zu der eingebildeten Aufgeschlossenheit des psychoanalytischen Sinnes, die Flucht vorder genialen Seele als Ideal hin zu dem Ideal der Seelenzerei'ßung. O. Pfister, Pfarrer in Zürich, hat :n ferner neuen Schrift „Psychoanalyse und Weltanschauung" sich mit Freuds „Zukunst einer Illusion" auseinandergesetzt. Um so beachtenswerter, als Pfister sonst ein Anhänger Freuds ist und seit fast zwer Jahrzehnten mit ihm arbeitet. Wenn es auch etwas seltsam anmutet, daß Pfister, der evangelische Geistliche, dem Juden Freud immer nur Beispiele aus der christlichen Lehre bietet, sich sogar zu dem Satz versteigt: „Es gibt er in Riga Kapellmeister war, hatte er chm Bittbriefe nach Paris geschickt. Er wiederholte, nach Frankreich geflohen, die Bitten persönlich. Meyerbeer nahm sich seiner an, gab chm eine Menge wertvoller Empfehlungen, schaffte chm Einnahmen, schrieb an den Grasen Redern in Berlin: „Ich hatte vorgestern bereits die Ehre, Ew. Hochgeboren von diesem interessanten Tondichter zu unterhalten, der durch sein Talent und seine äußerst beschränkte Lage doppelt verdient, daß die großen Hoftheater als offizielle Beschützer deutscher Kunst ihm nicht ihre Szenen verschließen." Wagner überschüttete Meyerbeer wie mit würdelosen Betteleien so mit gleichermaßen würdelosen Danksagungen. Er widmete ihm musikalische Arbeiten, feierte ihn in einem Auffatz als echten deutschen Künstler und Kulminationspunkt der dramatischen Musik, schrieb ihm: „Gott mache Ihnen jeden Tag Ihres schönen Lebens zur Freude und trübe Ihr Auge nie mit Kummer, dies das aufrichtige Gebet Ihres alleraufrichtigsten Schülers und Dieners R. W." Er schreibt bald danach allerdings, Meyerbeer sei ein „absichtlich schlauer Filou", ein „Hansnarr, der das Mäntelchen nach dem Winde hängt"; aber gleichzeitig an diesen Filou und Hansnarren als sein „mit Herz und Blut ewig verpflichteter Schüler": „Ich werde in alle Ewigkeit nichts anderes gegen Sie aussprechen dürfen als Dank, Dank!" Er ist Gast in Meyerbeers Haus: denn „er kann mir doch, zumal beim König, von großem Nutzen sein". Er beglückwünscht den „hochverehrten Freund und Gönner" überschwänglich zu Erfolgen und — überhäuft ihn später mit persönlichen Schmähungen. Meyerbeer war zu vornehm, mit der Veröffentlichung der Bettel- und Huldigungsbriefe Wagners zu antworten. Sie sind, wie Julius Kapp, beider Biograph, bemerkt, „erst in jüngster Zeit aus Meyerbeers Nachlaß ans Tageslicht gekommen". Wie Laube nach seinen Ausfällen gegen die „ganz verschiedenartigen Fremdstämmigen" nicht gleiches mit gleichem vergolten wurde, so haben sie auch an Wagner und dem Hause Wahnfried nicht nach dem Satze „Auge um Auge, Zahn um Zahn" gehandelt. Unter den Vorkämpfern Bayreuths begegnet man Männern wie Hermann Levi, Georg Davidsohn, Felix Philipp: und vielen andern Juden, wie hinwieder ein Wagnerianer vom Range Hans von Bülows von Meyerbeer geschrieben hat: „Der gute Giacomo ist noch lange kein überwundener Drache, und die jungen Stümper sollten lieber ihre Nasen in seine Partituren stecken als sie über ihn zu rümpfen".... Der „gute Giacomo" mag dem Strnensee-Dichter der vierziger Jahre noch in den Träumen seines Greisentums seine Riche gelasien haben. Brannten Laube die feurigen Kohlen *! Versammlungskalender Berlln-Lharlottenburg. Liberaler Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin E. B., Bezirksgruppe Charlottenburg-Ost. Am Dienstag, den 4. Dezember 1928, abends 8.30 Uhr, findet im Logenhaus, Kleiststrahe 10-11, eine Berfammlung statt. Rabbiner Dr. Salomonski spricht über: „Kameradschaftsehe". Gesangsvorträge Oberkantor Wilhelm Friedmann. Freie Aussprache. Gäste willkommen. Breslau. Jüdisch-liberaler Jugendverein „Abraham Geiger". Mittwoch, den 5. Dezember, 20.15 Uhr, im Bereinslokal, „Soziale Gruppe", Kaiser Withelmstratze 15, Arbeitsgemeinschaft die Propheten (Hosea). Leitung: Religionslehrer Davidsohn. Sonnabend, den 8. Dezember. 20.30 Uhr, im großen Saal der Gesellschaft der Freunde: Gemeinsame Chanulah-Feier des Liberalen Hauptvereins und des Jlis. Hierzu ergehen besondere Einladungen. Frankfurt a. M. Jüdisch-liberale Jugendgemeinschaft. 1. Dezember, 16 Uhr: Religiöse Fragen, Rabbiner Dr. Gottschalk, Sitzungszimmer Freiherr v. Stein-Straße. 1. Dezember, 17 Uhr: Referat, Sitzungszimmer Freiherr o. Stein-Straße. 4. Dezember, 20.45 Uhr: Heimabend, „Orthodorie", Erich Hellermann, Sitzungszimmer Freiherr v. Stein-Straße. 11. Dezember: Chanukahfeier. Näheres wird belanntgegeben. Königsberg. Ortsgruppe der Bereinigung für das liberale Judentum. Montag, den 3. Dezember, abends 20.30 Uhr (8.30) öffentliche Versammlung aller Eemeindemitglieder in der „Börsenhalle". Bortrag: „Bvllsgemeinde oder Religivnsgemeinde, Betrachtungen zum neuen Judengesetz". Referent: R.-A. Adolf Lazar. , u Gottesdienste Berliu-Rordeu. Liberale Synagoge Norden, Schönhauser Allee 162. Freitag, den 30. November 1928) 19.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Salomonski. Sonnabend, den 1. Dezember, vormittags 10 Uhr, Gottesdienst. Chanukah-Gottesdienste: Freitag, den 7. Dezember, 7.15 Uhr. Sonnabend, den 8. Dezember, vormittags 10 Uhr. Sonntag, de» 9. Dezember, vormittags 10 Uhr, „Chanulah-Morgenfeier". Freitag, den 14. Dezember, abends 7.15 Uhr. Sonnabend, den 15. Dezember, vormittags 10 Uhr, Neumondweihe. Predigt in allen Gottesdiensten Rabbiner Dr. Salomonski. Berlin-Weftend. Verein Liberale Synagoge Westend, Leistikvwstraße 7-3 (Schulaula), am Reichslanzlerplatz. Der Eingang ist von jetzt ab nicht mehr Kastanienallee 12-13. Jeden Freitagabend liberaler Gottesdienst mit Chor und Predigt. Beginn 19.15 Uhr pünktlich. Freitag, den 30. November 1928, Predigt: Rabbiner Dr. Galliner. Freilag, den 7. Dezember, Chanukah-Gottesdienst, Predigt: Rabbiner Dr. Klein. Berlin-Wilmersdorf. Liberale Synagoge Wilmersdorf (in der Aula der Cäcilienschule. Nikolsburger Platz): Jeden Freitagabend liberaler Gottesdienst mit Chor und Predigt. Beginn 19.15 Uhr pünktlich. Freitag, den 30. November, Predigt: Rabbinatskandidat Dr. Pincus. Freitag, den 7. Dezember, Chanukah-Gottesdienst, Predigt: Rabbinatskandidat Dr. Pincus. keinen echteren Realismus als das Christentum," vielle:cht sogar hier und da andeuten will, daß Freud nur auf Grund seiner jüdischen Ueberlieserungen und Kenntnisse zu jernen Ansichten über Religion gekommen ist, wenn er chm auch am Anfang und am Schluß versichert, daß er Freud, der sich „im Ringen um Wahrheit und Menschenliebe verzehrt", dem „Thron Gottes näher sieht als manchen Gebete murmelnden und Zeremonien verrichtenden Kirchen mann", so wird man dessen unbeschadet sagen müssen, daß. er offen und deutlich und eins:chtig alles ausspricht, was wesentlich gegen Freuds „Illusion" zu sagen ist, freilich auch schon von andern gesagt wurde. Hier einige Sätze: „Ter Begriff der Natnr aus seinem Haupt? Quälte ihn der Zwiespalt zwischen der unduldsamen Kampfansage gegen die andersgearteten Fremdstämmigen und der Neigung, ihre Hilfe zu beanspruchen? Kurz, er setzte sich hin und schrieb, um die „Judenfrage" zu lösen, seinen Roman „Rüben", den wieder die „Neue Freie Presse" vveröffentlichen sollte. Was er jedoch nicht mehr erlebte. Das Werk ist 1885 aus dem Nachlaß erschienen. Und wie weiß Laube sein Gewissen zu beschwichtigen? Der Musterknabe Rüben tritt neben einem „Trödeljuden" auf; von Vorurteilen „europäischer Menschen" wird berichtet und von Schacher und Hochmut bei den Kindern Israels. „Himmlischer Vater!.... Als ob ich nicht wüßte, wie unangenehm diese Rasse ist, und wie sie uns das Leben versauert mit ihren fremden Sitten, mit ihrem Knoblauch, mit ihrem Wuchergeist, mit ihrem Schmutz, mit ihrer unehrlichen Feindseligkeit gegen uns Christenmenschen, mit ihrem Mangel an Ehrgefühl." Rüben wird gefragt, ob er noch Eltern habe. „Ja, aber eigentlich nur eine Mutter." Denn der Vater ist orthodox, und der Sohn will von der Bibel nichts wissen. Rüben wird gefragt, ob er noch Jude sei: „Ich glaube nein." Eine der Romangestalten erklärt: „Man läßt die Schacherjuden nicht zu sich, aber die Gentlemens unter den Juden, die heißt man willkommen und bekehrt sie zum Christentum." Eine andere der Laubeschen Figuren fragt, wie wenn sie die Einleitung zu seinem „Struensee" gelesen hätte: „Fehlt es dir denn an der natürlichen Empfindung, daß der Jude ein fremdartiges "abstoßendes Geschöpf ist?" Doch das Ende?: „Eine konfessionslose Ehe, und Gott sei Dank, wieder ein Jude weniger." „Rüben, obwohl ursprünglich Jude, sei doch ein gar lieber Schatz", sagt die Schwiegermama. Das ist der Weisheit letzter Schluß und der letzte Satz des Romans, die Patentlösung der Judenfrage. Ob dazu wohl die Juden Beifall geklatscht hätten, auf die sich Laube beruft, um seine Vorurteilslosigkeit zu beweisen, Berthold Auerbach und Gabriel Rießer? Doch H. H. Houben in der Vorrede zu „Rüben" 1909, behauptet wirklich, Heinrich Laube, der in Glogau als Gymnasiast bei Christen und Juden Freitisch genossen und freundliche Aufnahme gefunden habe, sei davor bewahrt gewesen, „daß sich ein Vorurteil in ihm gegen den Israeliten an sich festfe&te", sei auch später trotz der „mit seiner erfrischenden Offenheit" geführten Auseinanderfetzung über den Fall Strueusee weit enffernt gewesen, „die Fehler einer Gattung zum Ausgangspunkt für ihre gesamte Beurteilung zu nehmen"... Und damit Schluß! Sie find alle tot, der arme Struensee, dessen Haupt noch drei Jahre lang, nachdem es ihm STOI!:WERCI<{ billig, iDohlSchmeckancL, nahrhaft. wird ei ns eilig und gänzlich ungenügend erfaßt, wenn man ihn naturalistisch versteht." „Es ist se.,r schade, daß Freud gerade die höchsten Aeußerungen der Religion außer acht läßt." „Wenn man daran denkt, wie bescheiden die heutige Naturwissenschaft über den Bereich des wirklich Beweisbaren denken gelernt hat, so wird man zugeben, daß in unserrn Problem größte Vorsicht angezeigt ist." „Geschichtlich zei daraus hrngewiesen, daß doch, unbestreitbar eine lange Kette der tiefften und freisten Geister, die das Geistesleben der Menschheit enorm bereichert haben, gleichzeitig der Religion mrd Wissenschaft beipslichteten, der Religion oft mit größter Innigkeit." „Naturwissenschaft ohne Metaphysik gibt es nicht." „Ob nicht Freuds Weissagung vom Ende einer Illusion den Aufmarsch einer neuen, nämlich wissenschaftlichen Illusion einschlicht?" „Ich finde den Ort (für die Gemütswerte) in seinem Wissenschaftsbegriff nicht. Ich sehe auch nicht, wo er die Tempel der Kunst stehen läßt." „Und noch weniger kann uns die erfinderische Wissenschaft das Reich der sittlichen Werte und Kräfte ersetzen." „Ter von derben Anthropomorphismen freie Gott der philosophisch durchgearbeiteten modernen Theologie ist erhabener als der Gott, der dre Erde als Fußschemel benützt, und die Gleichnissprache der Frömmigkeit darf keinen Rückfall in minderwertiges Wunschdenken enthalten." Man muß gerecht sein mrd hervorheben, daß Freud seine Illusionen nicht für „unkorrigierbar" hält. Wenn er das jetzt ausspricht, so ist das umso bedeutsamer, als er ja schließlich schon 1921 in der „Massenpsychologie" das Wort von der „Illusion" geprägt und gebraucht hat. Es soll ein „Oberhaupt da sein, das alle Einzelnen der Masse mit der gleichen Liebe liebt. An dieser Illusion hängt alles." — So wird man denn auch, hier wieder erkennen, am Beispiel Freuds und seiner Mitstreiter, wie wichtig es ist, den Begriff Religiosität auf die breiteste Basis zu stellen, damit gerade die, die glauben, darüber erhaben zu sein, erkennen und zugeben, daß kein Höherstrebender davon frei sein kann. Wir sind auf dem Weg zu neuer Religiosität, aber der Weg muß immer gangbarer werden, wenn alle und gerade die Denkenden der sich jagenden, rasenden, peitschenden, stürmenden, umwälzenden und immer wieder umwälzenden Zeit überhaupt noch religiöses Verständnis entgegenbringen sollen. Wenn Reit im „Ritual" darauf hinweist, „wie wenig die bewußten logischen Operationen im Vergleich mit den triebhaften und unbewußten Motiven des menschlichen Seelenlebens bedeuten;," so hat er unwillkürlich damit die Lage des Religiösen umschrieben und ihre Höhenlage. Hat die Psychoanalyse gezeigt, wre die körperliche und seelische Macht des aus der Vergangenheit Unbewußten so stark ist, so sollte sie gerade zugeben, daß das Unbewußte der Zukunft — schon immer gcheimnisvoll — jetzt mehr denn je und nicht zuletzt auch im Hinblick auf die Ergebnisse der Seelenanalyse uns dazu antreiben müßte, das nnerforschlich Geheimnisvolle „still zu verehren", rm übrigen aber zn wirken und zu schaffen auf Grund der geheimnisvoll treibenden Kraft. Tie Religiosität des Geheimnisses und die des Herzens, die Religiosität der Ehrfurcht und die der abgehauen war, auf hoher Stange prangte, um den Volkshaß gegen die Fremden wach zu halten, der orientalische „Michel" Beer, der nicht „eingeheimste" Meyerbeer, Heinrich Laube, der Rufer im Streit gegen das Judentum in der Literatur, wie Richard Wagner, der Heerführer wider das Judentum in der Musik. Alle sind sie tot, nur der Antisemitismus lebt und blüht und eifert und geifert gegen die „Fremdstämmigen". Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu. Ein größerer Dichter aber als der des zweiten Struensee und des Rüben, nämlich Herder, hat. einst geschrieben: Dies ist einer von uns, dies ist ein Fremder: so sprechen Niedere Seelen; die Welt ist nur ein einziges Haus. Konzert und Gesellschasts-Abend des Hilssverelns Dr. James Simon, Generalkonsul Eugen Landau, Max M. Marburg, Willy Dreyfns, Berthold. Israel, Generalintendant Professor Leopold Jeßner, hatten zu einem Konzert- und Gesellschasts abend zu Gunsten des Hilfsvereins der Deutschen Juden in den vornehmen Räumen des Kaiserhw, eingeladen. Man sah dort am Mittwoch abend die Spitzen der Berliner Judenheit, und auch verschiedene Behörden, so das Reichsamt für Wanderungswesen und das Preußische Innenministerium hatten Vertreter entsandt. Namhafte Künstler hatten sich in den Dienst der guten Sache gestellt. Alfred K e r r las aus seinen Werken eine Plauderei über seine Reise- Eindrücke in Palästina, dann folgte der musikalische Teil. In höchster Vollendung spielten die Herren Prof. Artur Schnabel, Prof. Carl Flesch, Gregor, Piatrgorsky das Trio E. Dur Nr. 3 von Mozart und bas Trio B-dur op. 99 von Schubert — namentlich das Schubert- Trio riß das Publikum zu reichen Beifallstürmen hin. Zwischen den Kammermusikwerken sang Maria Müller, von Kapellmeister Hans Schwieger begleitet, zwei Romanzen (Antonia-Offeubach und Recha-Halevy). Ter begeisterte Jubel des PMikums war so stark, daß die Künstlerin sich zu einer Zugabe verstehen mußte. Anschließend folgte ein zwangloser Teeebenb, an kleinen Tischen mit guten Bekannten ejngemütlich.es Plauderstündchen. Die Veranstaltung war bon etwa sechshundert Personen besucht und hat, da außer dem Karten- Erlös auch namhafte Spenden eingegangen waren, den beabsichtigten Zweck in vollem Maße erreicht. Lili Goetz.