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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-11-23 · 47 (23.11.1928) · page 9

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
47 (23.11.1928)
Date
1928-11-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Auf der liberalen Weltkonferenz ist viel vom modernen Judentum geredet worden, von seinen Aufgaben und seinen Taten. Meine Auffassung, sehr beeinflußt von den Eindrücken des Kongresses in Eerde ist, kurz ausgedrückt, die: Ein Juden tum, das seine Hauptenergie vergeudet, um alte Zeremonien zu modernisieren, anstatt mit ganzer Kraft an der Lösung heutiger Lebensfragen — und dazu gehört die des Friedens — milzuarbeiten, verkennt seine gegenwärtigen Aufgaben. Walter Simon. Zugend„bund" oder Zugend„verein"? Von Helmut Galliner. 1. Drei Jahre nach der Jli-Gründung wird von der deutschen Jugend der Versuch gemacht, die Richtlinien, die zur Erneuerung des Menschen führen sollen, festzulegen, zu formulieren. Die gedankliche Relation zwischen der Meißner- Formel von 1913 und unserer Programmidee von 1910 ist nicht wegzudenken. Dort eine Proklamierung neuer Gedanken an alle, hier eine Proklamation alter Gedanken an wenige, an Auserwählte. Gemeinsam beiden: der Wille zu Lebensbeeinflufsung, zur Lebensgestaltung, zur Lebensnmgestaltung. 2. Es sind Leute zwischen 18 und 24, zwischen 20 und 30, die den damaligen Jli bilden. Menschen, die schon eine bestimmte Weltanschauung haben, Menschen, die schon hinter der Entdeckung ihres Jchs, ihrer bestimmten Wesensart stehen. Das Außergewöhnliche, das Neue ist, daß hier Menschen einen Drang nach jüdischem Wissen verspüren, das aber unter einer bestimmten Tendenz gelehrt wird. Die Jli-Arbeit ist Vorträge hören und wiedergeben. Es ist ein tendenzmäßiger Religionsunterricht. 3. Die Vitalität wächst in demselben Maße, in dem die Mitglieder jünger werden. „Man muß sich mehr mit dem Einzelnen beschäftigen, es muß jeder seine Meinung sagen können." So entsteht die Gruppenarbeit. Doch wird wirklich bloß aus religiösem Empfinden heraus diskutiert? — Endlich ist der Weg offen, ist eine Möglichkeit, deine Unlust zu äußern. Alles, was in Pubertätsjahren gärt, sucht Bewegung. Dur Wunsch „mit dem Kopf durch die Wand" kann Realität werden. Hier ist ein Loch, hier darfst du schreien. 4. Verein bedeutet: gemeinsame Jnteressenspezialisierung. Verein heißt: das Leben des andern geht dich nichts an. Menschen zwischen 13 und 17 sind aber noch nicht geistig spezialisiert, sie haben eineg ewisse Schmetterlingsart. Weil noch alles neu ist, weil noch alles so wenig erprobt ist. Menschen zu sehen und mit ihnen zusammenzukommen, weil sie die gleiche Auffassung von den Propheten etc. haben, hat noch keinen zum Heimabend getrieben. Aber sie erfassen instinkmäßig, daß das Erstere ihnen viel eher einen Schwerpunkt, ein Gleichgewicht schafft. Was Mund und Augen hat, was sprechen und lachen kann und was jung ist, das isPdas Primäre, das Bestimmende. 5. Dieses Phänomen ist im Jli niemals zu Ende gedacht worden. Wenn das Wesen des Jli 1910 tendenzmäßiger Religionsunterricht ist, so gewinnt es zwar jetzt eine gewisse Weite. Die Programmidee bleibt die alte: Beschäftigung mit rein religiösen Dingen. Die Mentalität ist zwar stärker, sie setzt sich über die Programmidee hinweg. Die Gruppen nehmen kein Pensum mehr durch, auf den Heimabenden sind nicht mehr die Themen: .und das Judentum., Aber, so fragt man sich, wo bleibt jetzt das eigene Gesicht, die Existenzberechtigung? Solche Arbeit leisten andere Bünde auch, und sie leisten sie besser. Während bei den andern jede Beschäftigung, jedes Finden von Menschen als zur Bundesidee hinzugehörig empfunden wird, steht bei uns alles unter dem Druck des unrechtmäßig geschlossenen Kompromisses, als unerwünschtes Nebenbei, als notwendiges Unnotwendiges. 6. So ergibt sich denn: Die P.J. von 1910 ist dem Jtzigendlichen nicht gemäß. Er verändert sie, nämlich rein triebhaft, und damit entsteht die Gefahr des Substanzlosen, des Uferlosen, des Systemlosen. Ich kann einem jungen Menschen keine religiöse Grundlage geben, wen:: ich ihn nicht in allen seinen Lebensbei zirken beeinflussen kann. So weit reicht aber niemals die Autorität eines Vereins, wie sie der Struktur des Jli entspricht. Mit der Frage, worauf soll die Arbeit unserer Aelteren-Gruppe — und nur der können und müssen wir die Existenzberechtigung im Sinne der P. I. von 1910 zugeben — aufbauen, entsteht die eigentliche Problematik. Nicht nur durch Bildungsarbeit, nicht durch Diskussion entsteht der innerlich gewandelte Mensch. Als Zionisten würden wir jede Beschäftigung zur jüdischen erklären, als Liberale haben wir das Recht und die Pflicht, alles, was zur Bildung, zur Prägung eines Menschen führt, als wichtig, als notwendig zu betrachten. Das bedeutet: die jüngeren Gruppen zu einem Bund zusammenzuschließen. Es ist der Glaube und die Idee des Jli, seinen Menschen eine religiöse Grundstimmung zu geben; daß dies nicht allein durch das Wissen vom Tatsächlichen, durch das Irrationale eines Gottesdienstes geschehen kann, darin liegt sein Dualismus, seine eigentliche Tragik. f*j Bücherschau H44»4444444+4»4444444444444444444444 ♦♦♦♦♦■< :: * DER BUND — Bundesblatt 1928 der „Kameraden" (herausgegeben von Rudi Baer und Hermann Oerson). Urn 4 Themen gruppieren sich die Aufsätze dieses Bundesblattes: Idee — Leben und Form — Aelterenfragen — Geschichte (des Bundes). — Für einen Außenstehenden sind die drei letzten Abschnitte gewiß sehr interessant, um ein Bild von der Art und Arbeit der Kameraden zu gewinnen. Gern liest man etwas von der „Großen Fahrt" oder dem „Bundeslager" und spürt den Zug der Jugendbewegung, oder von der sozialen Arbeit der Aelteren oder von der Stellung zu den schweren Fragen des Berufes, der Politik. Aber — wenn auch vielleicht von den Herausgebern nicht gewollt — der geistige Schwerpunkt des Heftes liegt im Abschnitt „Idee". Neben zwei Aufsätzen über die „Deutsche Jugendbewegung" und über „Biindische Erziehung" stehen zwei andere, die ich zuerst gelesen habe: „Unsere jüdische Stellung" (Gerhard Fein) und „Deutsche Aufgabe" (Rudi Baer;. Gerhard Fein ringt mit dem Problem der Existenz des heutigen Judentums, es sei nicht nur Religionsgemeinschaft und andererseits „ist streng gedacht die Abstammung ein einmaliges Ereignis". Er kommt zu dem Schluß, daß der Wille zur Zugehörigkeit zum Judentum überhaupt die unerläßliche Bedingung sei zur Erhaltung der alten, wie zur Schaffung neuer jüdischer Gemeinschaftsformen. Auch der unreligiöse Jude müsse sich darum bemühen, weil er zur Gemeinschaft jüdischer Menschen gehöre, weil sie liebenswert sei. Dieser Aufsatz fällt in seiner gedämpften, fast möchte man sagen resignierten Einstellung aus der Reihe der anderen, über Deutschtum oder Jugendbewegung, die viel wärmer, in ihrem Wollen viel energischer, jugendlicher gehalten sind. Das muß gerade von uns bedauert werden. Auch Herrmann Gerson schließt seinen Bericht über „Jüdisches Leben im Bunde" mit dem Geständnis, daß es sehr gering sei, immerhin sei es besser, erweckungsbereit des Kommenden zu harren, als mit halber jüdischer Arbeit seine Lehre zu übertünchen. Demgegenüber steht das klare, von innerer Begeisterung getragene Bekenntnis zu Deutschland, das Rudi Baer mit Versen von Rilke ausklingen läßt. Trotz dieser Kritik, trotz einigen Wiederholungen und einigen Aufsätzen, die in ihrem Inhalt nicht neu sind, weht doch ein frischer Zug aus diesem Heft, der es der Lektüre wohl wert macht. Darum lest es! Ludwig L e w i n. Zum Bericht über die Tagung in Eerde. Bücher, die über die Bewegung berichten: Für einen Weltbund der Jugend. — Aufsätze vom Freusburgtressen 1927. — Verlag Lothar Schmidt, Frankfurt am Main. Zeitschriften: ,Houth", Magazine der British Federation of Bouth, London. — Herausebcr Harold Bing, 42l, Scntinel House, Southampton Rom, London W CI. Aufsätze in vielen Zeitungen und Zeitschriften Deutschlands. Nachgewiesen durch die Geschäftsstelle in Deutschland: Werner Jantschge, Frankfurt am Main, Eckenheimer Landstraße 287. Alle weiteren Auskünfte, auch über ausländische Beziehungen, durch Walter Simon, Berlin-Charlottenburg 9, Tannenbergallee 8—12.

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