Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 47 (23.11.1928)
- Date
- 1928-11-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Zeitung" durch ihren Redakteur, Herrn Woyda, vertreten. Doppelt erfreulich; einmal, weil beide .Herren sich über die Strömungen, die Nöte und den Willen der liberalen Jugend unterrichten konnten, sodann aber, weil der Kontakt mit den Alten, oft noch gar nicht so Alten wieder gewonnen war, nachdem er fast verloren schien. Ebenso wichtig wie die Arbeit der Tagung selbst war das inoffizielle sich sprechen, keimen lernen und sich finden der Jugend. Man suchte und fand den Weg zueinander. Und als in der Nacht beim Abschiednehmen die Halle des Magdeburger Bahnhofs dröhnte von den Rufen, begeisterten Rufen und dem baldigen Wiedersehen- Versprechens (schon ist eine Treffahrt in Eisenach und ein Schlesiertag in Breslau beschlossen), da wußte man, daß diese Jli-Jugend auss neue innig miteinander verbunden worden ist. Unter persönlichen Opfern war die Tagung zustande gekommen, viele fuhren zwei Nächte durch, gingen vom Bahnhof an die Arbeit, und waren die Nacht in Magdeburg bis zum Morgengrauen zusammen, aber die Freude und der Stolz haben ihnen Kraft gegeben und sie nahmen etwas hinaus zu ihren Freunden in der Heimat: Stolz auf ihre Idee und den Willen zur Arbeit! VIII. Bewundernswert, wie es der Magdeburger Jli verstanden hat, alles zu organisieren. Alles war auf das gastfreundschaftlichste privat untergebracht, es klappte alles und der Kontakt war von der ersten Minute an hergcstellt. In dieser Stadt, wo das Streben unserer Freunde starken Hindernissen begegnet, brachten sie es fertig, alles bis auf das letzte zu organisieren, den Saal in der öffentlichen Versammlung bis auf den letzten Platz zu füllen. Dank den Magdeburgern für alles! Aber den schönsten Dank haben sie in der Stärkung ihrer Arbeit, ihrer Idee, ihrer Stellung der andersgesinnten Jugend und der Allgemeinheit gegenüber! IX. Eines ist besonders erfreulich an dieser Tagung: das positive, wirkliche des Ganzen. Das Wort der anderen: Jüdische Wirklichkeit, auch hier war sie, — jüdische Wirklichkeit, hier zeigte sie sich in den klaren Auseinandersetzungen, den praktischen Beschlüssen, und nicht zuletzt im gegenseitigen, persönlichen Aufcinanderwirken. Und so zeigt sich, daß der liberale Gedanke fortschreitet bei dieser Jugend, die noch vor Jahren zu großen Teilen indifferent oder gleichgültig traditionell war, und die nun denkt und arbeitet, und lebt — ihr jüdisch^-liberales Leben als ganze jüdische: Menschen! Max G u n d e r s h e i m. Der Weltfriedenskongreß in Eerde ii. Eindrücke. Das Verhalten der einzelnen Delegationen und Delegierten war typisch für ihr Land. Leider so typisch, daß internationale Verbindungen nicht recht empfunden wurden und, da sie nicht zur Wirkung kamen, dem Kongresse sehr fehlten. Die Deutschen waren, wie schon aus dem Bericht hervorging, die philosophischen Störenfriede, die manches zu genau nahmen und zu gründlich, aber im großen und ganzen ein gutes Gegengewicht zu den Arbeitsmethoden der sehr konkreten Amerikaner und Engländer, etwas naiven Holländer und sehr ruhigen Franzosen (ruhig, was Handeln anbetrisft) darstellten. Das zeigte sich besonders deutlich in der religiösen Kommission, die den Jli am meisten interessiert. Als Vorbemerkung: Mit Ausnahme von Deutschland und einigen anderen Ländern sind die Delegationen aus England und Amerika usw. stark durch religiös-ethische Prinzipien beeinflußt gewesen. Diese Gruppen nun kamen im Anfang mit derart ahnungslosen und naiven Anschauungen hervor, daß sich als Reaktion eine kleine aber kräftige deutsche Opposition bildete. Die Amerikaner erklärten, im Einverständnis mit der ganzen Versammlung, daß die Religionsgemeinschaften die Pflicht hätten, für den Frieden zu arbeiten und — fuhren sie fort — das auch bisher getan hätten. Dagegen protestierten die Deutschen Katholiken und Protestanten der Jugendbewegung, und versuchten, als Gegenbeispiel die kommunistischen Anschauungen, die vor Beginn der Tagung nicdergelegt und verteilt worden waren, zur Diskussion zu stellen. Diese Thesen, die ich schon im Bericht erwähnt habe, sind so übervoll von Anklagen, daß ich nicht umhin kann, dem Beispiel unserer deutschen Kameraden zu folgen. Sie beschäftigen sich vorwiegend mit der römisch-katholischen Kirche, weil diese in Rußland noch am meisten vorbereitet ist. Sie führen, nachdem sie behauptet haben, daß Christus nie existiert hat, das ihm in den Mund gelegte Wort an: „Jeder sei seiner Obrigkeit untertan, denn es gibt keine Obrigkeit, die nicht von Gott kommt." (Römerbriefe, 13. Abschnitt.) Die Religion lehrt also, der Obrigkeit zu gehorchen. Und wenn diese Obrigkeit den Krieg will, dann gibt die Religion ihr das Recht, die Untergebenen zu zwingen. Nun, wir als junge Juden sagen ungebeugt: das geht uns garnichts an; im Alten Testament findet man solche Stellen nicht! — Ein wundervolles Argument für die Kommunisten: Das Alte Testament ist voll von Erzählungen, die von Verbrechen handeln, die durch Gott geheiligt worden sind. Beispiel: Vertreiben der Völker aus Kanaan mit Gottes Hilfe. Beispiel: Stellen aus der Hagadah, die nicht dankbar sind für die Rettung Israels, sondern für die Vernichtung der Feinde. Weiter: die Religionen sind stets als Ausbeutungswasse benutzt worden. Beispiel: Machtkampf der Kirche. — Und nun die Handlungen der Religionen. Es führt zu weit, hier alle Beweise aus den letzten Kriegen anzuführen: sie sind alle mit Gott für König und Vaterland geführt worden. Die französische Ausgabe der kommunistischen Thesen enthält die Fabel von der himmlischen Erscheinung der Jungfrau, die zum Kampfe gegen die Boches aufgefordert habe. Solche Wunder sind auch in anderen Ländern nicht unbekannt. — Zum Schluß erklärt die kommunistische Schrift, daß auch in Zukunft die Religionen und Religionsgesellschaften nicht fähig sein werden, Frieden zu schaffen, denn die Frage des Wel^riedens sei eine wirtschaftliche und könne nicht ohne Beseitigung der heutigen Wirtschaftsordnung gelöst werden. — Hier trennten sich die Geister: die Kommunisten als — angebliche — Atheisten, die oppositionellen Deutschen im Bewußtsein ihrer Schuld mit besonderem Drang zur Arbeit, und die Engländer und Amerikaner mit dem ruhigen Gewissen der Menschen, die ihre Pflicht getan haben. Wie weit das wahr ist, steht auf einem anderen Blatt; zwar hat es in England etwa 8000 Kriegsdienstverweigerer gegeben, die aus ethischen Gründen diese Haltung einnahmen, im großen und ganzen hatten unsere englischen und amerikanischen Freunde aber keine besondere Ursache, diese Haltung einzunehmen. Sie hat mich an die der meisten Jlianer erinnert. Soviel über Religion. Es folgt ein ErlÄmis, das noch manches mit Religion zu tun hat, die Stunde, in der Rad Jendra Prasad, engster Freund und Mitarbeiter Gandhis, seine Grüße und Wünsche überbrachte und von Gandhis Wirken erzählte. Die Grundlagen seiner Arbeit seien Wahrheit und Verwerfung der Gewalt; Gewaltlosigkeit sei aber nicht Passivität, sondern höchste positive Aktivität, denn Gewalt bedeute Zerstörung und fordere zu neuer Gewaltanwendung auf. Rad Jendra Prasad sprach manches über Liebe, Reinheit und Göttlichkeit, und es hatte keinen banalen Klang wie so oft, wenn bei uns über diese Dinge geredet wird. Er stand einfach, in schlichtem, felbstgewebtem Gewände und sprach ruhig und eindringlich zu uns alles was er dachte^ Mancher unter uns war der Meinung, daß die Religionen des Abendlandes von solchen Menschen einiges lernen könnten. Lernen können wir auch von den Kommunisten, die ehrlich und gradlinig ihren Weg verfolgten, den sie für den besten halten. Leider sehen sie alle anderen Versuche für vollkommen falsch an, und diese Einseitigkeit, die sie dauernd kennzeichnet, schadete ihnen sehr viel. Sie brachten es fertig, in einer kommunistischen Zeitung die Pazifisten zu beschuldigen, für die Kriegshetzer zu arbeiten, und setzen neben diesen Aufsatz ein Bild mit der Ueberschrist: „Kriegsgefahr im Osten! Polen rüstet" usw. Inhalt des Bildes: „Ern U-Boot der roten Flotte auf Küstenwacht". Oder ihre sonstigen paradoxen Forderungen: Gegen den imperialistischen Krieg — für den Bürgerkrieg; gegen Klassenherrschaft — für die Diktatur des Proletariats; gegen Dienstpflicht — für die rote Armee sie s ei auch theoretisch berechtigt, nicht nur wegen der praktischen Isolierung der Sowjetunion!) — Ich hoffe, daß wir uns mit ihnen verständigen werden, wie es innerhalb der deutschen Delegation versucht worden ist, denn ihre Anklagen sind so drückend und, zu großem Teil, nicht unberechtigt, ihr Wirken so voll von Idealismus und Energie, daß es unsere Pflicht ist, uns mit ihnen auseinanderzusetzen. Diese Auseinandersetzung muß die Tat sein.