Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 47 (23.11.1928)
- Date
- 1928-11-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft jüdischliberaler Zugendvereine Deutschlands Monatliche Beilage zur Jüdisch-liberalen Zeitung November 1S2S Verantiv. Schriftleiter: Werner van der Zyl, Berlin BW 87. BrückenaUee 5H Zli-Führertagung in Magdeburg I. Am 3. und 4. November kamen in Magdeburg die Vertreter von 5 Jlis zusammen, um sich auszusprechen über die Fragen, die sie bewegten. Zwei Tage lang fast ununterbrochen dauerte die Tagung. Aber längst, als sie offiziell zu Ende war, saßen die Teilnehmer zusammeli, und sprachen, diskutierten, wogen Ansichten gegeneinander ab — unermüdlich. Woher diese Aktivität, dieses brennende Interesse, diese Begeisterung? Nachfolgend soll versucht werden, Gegenstand und Form der Tagung zu schildern. II. Am Abend der Einleitung versuchte der Referent dieses Berichtes die Probleme auszurollen, um die es hier ging, sich zum Sprecher der verschiedenen Meinungen zu machen, die Aussprache so lebhaft als möglich zu gestalten. Zunächst wurde der Begriff des Jli erörtert. Jüdisch — das sollte Religion sein. Für viele ist es mehr, Schicksalsgemeinschaft, Wesensart. Liberal, das sollte nichts Negatives sein, nein, eine Forderung, ein Programm, das eine ganz bestimmte Aufgabe stellt. Und die Jugend hat diese Aufgabe zu erfüllen, weil chr die Zukunft gehört. Wie ist nun die Stellung der heutigen Jugend im Jli zu Gott, zur Religion, zu den Menschen ihrer Umwelt? Sie ist verschiedenartig, aber sie sollte eine Synthese sein zwischen der Umwelt und dem Judentum. Wie sieht die Arbeit im Jli aus und was soll gearbeitet werden? Es soll aus dem Alten ausgebaut, aus den Quellen geschöpft werden, aber man darf sich nicht im Alen verlieren. Es gibt viele lebendige Probleme der Gegenwart, die uns bewegen, um die es zu ringen gilt, die uns zwar wichtiger, aber nicht weniger jüdisch sind. Die einzelnen Formen der Arbeit mögen sich 'den Einzelnen anpassen, aber es muß jeder Richtung Rechnung getragen werden. Nur in der Gemeinschaft der Jli-Leute ist Jli-Arbeit möglich in gegenseitiger Hilfe und gegenseitigem Verstehen. Diese Gedanken wurden nun in der Diskussion von den verschiedensten Gesichtspunkten aus betrachtet und es zeigten sich zwei Strömungen: Eine, die mehr eine erarbeitende Methode des Lernens will, und der Gründlichkeit alles ist, und eine, die möglichst vielseitig alle Kulturfragen der Gegem wart behandeln will, ohne nur wissenschaftliches Lernen zu betreiben. Und zwei Richtungen traten hervor: Eine jugendbewegte, den übrigen Bünden angenäherte, und eine gesellschaftliche, jugendpflegemäßige. Auch in der Frage: wieviel? waren die Meinungen geteilt. Die einen sagten, lieber wenige, aber ernste Arbeit, die atrdern: möglichst viele Teilnehmer und Propaganda, damit Indifferente gewonnen werden. Es wäre übertrieben, zu sagen, daß beide Richtungen unter einen Hut gÄracht worden sind, aber angenähert haben sie sich und manches verstanden, was sie früher spöttisch belächelten. III. Eine Debatte über den Zionismus schloß sich an. Es zeigte sich, daß alle in seiner Ablehnung einig waren. In der Frage der Bekämpfung waren einige der Meinung, man müsst neutral bleiben, andere traten für aktive Bekämpfung ein. Obwohl man sich erst um Mitternacht trennte, hielt geselliges Beisammensein viele Teilnehmer noch manche Stunden fröhlich zusammen. IV. Am andern Morgen früh begann die Arbeit loieder. Das Gebäude der „$trge" (Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvereine Deutschlands) wurde fest gefügt, nicht als Befehlsinstanz, sondern als Ausgleichstelle; als Vermittler und Helfer. Dr. Hoffmann, Frankfurt, als einer der aktivsten Jliführer, wnrde zum Vorsitzenden gewählt, die übrige Arbeit sinngemäß verteilt. V. Dann begann die öffentliche Versammlung. Dr. Hoffmann, Frankfurt, beleuchtete kritisch die Strömungen im Judentum. Er zeigte, wie das rasche, rastlose Leben aus der Oberflächlichkeit des Genusses zu ernstem Streben führe diejenigen, die den Willen haben, und die sind religiös. Deutlich legte er die Stellung des Liberalismus zu anderen Richtungen klar. In der Diskussion sprachen Zionisten und Neutrale. Erstere wiesen auf Bibelstellen hin, die deutlich von einer Zurückführung nach dem heiligen Lande redeten. Sie wurden widerlegt, damit, daß es auch ganz andere Bibelstellen gäbe und man verschiedenartig aus der Bibel zitieren könne; die Neutralen betonten ihre Überparteilichfett, wurden in der Widerlegung darauf hingewiesen, daß ein ängstliches aus dem Wege gehen aus Rücksicht schließlich zu überhaupt keiner positiven Stellungnahme mehr führen könne. Wie gut die öffentliche Versammlung war, zeigte sich, als Mißverständnisse geklärt und verwirrte Begriffe über den Liberalismus von Dr. Hofsmann und den Diskussionsrednern richtiggestellt wurden VI. Nach dem gemeinsamen Mittagessen der Teilnehmer, dem eine zu Herzen gehende, versöhnliche, von Humor getragene Rede Dr. Lilienthals den rechten Ausdruck verlieh, wurde die Jli-Arbeit fortgesetzt. Bis dahin waren Fragen geklärt, Thesen aufgestellt, Theorien erörtert worden. Nun gmg es iu die Praxis, in das Leben hinein. Hella Lion, Frankfurt, sprach, selbst bewegt von diesen Problemen, über die soziale Frage. In zwei Teile zerfällt diese Frage, in einen theoretischen über die Untersuchung der Methoden, wie eine Lösung möglich und alle Menschen und damit wir selbst glücklich ge macht werden können, und einen praktischen; was tun w ir, womit fangen wir an? Beide Teile wurden ausführlich erörtert und die Diskussion griff sie auf. Einige praktische Vorschläge des Referenten (Stellen-Nachweis, Krankenhilse, Bücher-Verleih, Heim-Nachweis für Fremde innerhalb 'der Jli-Gemeinschaft) wurden abgelehnt unter Hinweis auf bereits bestehende soziale Einrichtungen. Dagegen wurde beschlossen, einmal sich in der Jli-Arbeit mehr dem großen sozialen Fragen-Komplex zuzuwenden, dann aber positive Vorschläge zu machen, wie jeder einzelne Jli praktisch helfen will. Die zweite Frage der internationalen Jugend- und Frie densbewegung verstand Walter Simon, Berlin, packend zu behandeln, indem er von dem Weltjugend-Kongreß in Gerde berichtete, und mitten hineinführte in die praktische Arbeit, so alle Theoretiker beschämend. Seine Worte blieben nicht ohne Widerhall. Beschäftigung im Jli mit pazifistischen Büchern, und Fühlungnahme mit anderen Jugendverbänden zu gemeinsamer Aktion wurde beschlossen. Dann kam noch die Frage der Propaganda. Hier kam man überein, zu werben, neue Ortsgruppen zu gründet:, in Anlehnung an dia „Liberale Vereinigung" und bereits bestehende Ortsvereine. VII. Unnötig, zu erwähnen, daß über dem Geist der Tagung die Liberale Wellkonferenz schwebte, daß sie vielfach zitiert und erwähnt wurde. Die „Liberale Vereinigung" war durch ihren Generalsekretär, Herrn Goetz, und die „Jüdisch-liberale