Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 46 (16.11.1928)
- Date
- 1928-11-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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8. Jahrgang Nummer 46 Beilage 16. November 1928 i mm W>NchKerale3ei1mq Umschau Roib^lpreislrüger Henri Bergson. Tie schwedische Akademie der Wissenschaften hat den Nobel-Preis für Literatur für das Jahr 1927 dem Mitglied der Academie francaise, Henri Louis Bergson, zuertannt. Henri Bergson, 1859 in Paris als Sohn eines aus Warschau stammenden jüdischen Kaufmanns geboren, ist im raschen Ausstieg der Vertreter einer „Philosophie des Lebens" geworden, die sich scharf gegen jede naturwissenschaftlich materialistische Weltanschauung lehrte und Wege zu einer neuen spiritualistischen Metaphysik anbahnte. Mit dem Begriff der Intuition versuchte Bergson eine neue Erlcnntnisquelle zu schaffen. Bergson hat mit seiner Theorie der „schöpferischen Entwicklung" einen großen Einsluß nicht nur auf das französische, sondern das gesamte europäische Geistesleben ausgeübt'. Bergsons Hauptwerk erschien 1907 unter dem Titel „L'Evolution creatrice". In Deutschland bekannt geworden ist vor allem seine geistreiche psychologische Studie „Le Rire". Soeben erscheint ein neues Werk des Denkers, betitelt: „Die seelische Energie". — Dem jüdischen Leben hält sich Bergson im allgemeinen fern, und auch in seinen Schriften nimmt er fast niemals auf das Judentum Bezug. Friedrich! II. und Moses Mendelssohn. In seinem Buche „Vernichtung der Freimaurerei" behauptet Ludendorff, „daß die Freimaurerei in Deutschland um 1750 von England aus mit stark jüdischer Verwurzelung verpflanzt wurde und in Verbindung mit führenden Juden wie Moses Mendelssohn stand". „Daß es schon damals rein jüdische Logen in Deutschland gab, gab, steht geschichtlich fest." Gegenüber dieser durch nichts gestützten Ludendorffschen Behauptung weist der Nestor der deutschen Publizisten, Dr. I. Levy, darauf hin, daß in Wirklichkeit die Freimaurerloge in Hamburg von England aus am 6. Dezember 1737 konstituiert wurde; ihr Mitglied wurde der preußische Kronprinz, nachmals König Friedrich II., in der Nacht vom 14. zum 15. August 1730. Damals war Moses Mendelssohn, der Tessauer Jude, 10 Jahre alt, um 1750 etwas über 20 Jahre. Erich Schmidt bemerkt in einer „Geschichte Lessings", daß Friedrich, der so viel zur Verwurzelung der Freimaurerei in Deutschland getan hat, die Juden nur als Steuerzahler duldete und schröpfte. Jeder Jude mußte bei der Heirat für 3OO Taler Porzellan aus der Königl. Manufaktur kaufen. Juden wurden wie Vieh verzollt. Sie dursten nur zu einem bestimmten Tor in Berlin einziehen. Sie unterlagen den mannigfachsten Erpressungen und Bedrückungen. Moses Mendelssohn war ein begeisterter Vorkämpfer des Deutschtums. Aber da er nicht geborener Preuße war, konnte er nach dem Judenreglement von 1750 nur unter dem Schutz eines ansässigen Juden im Lande bleiben. Sein Schutzjude war der Fabrikant Bernhard, als dessen Diener er eingetragen war. Der Marquis d'Argens, Friedrichs philosophischer Gesellschafter, setzte es bei Mendelssohn, der sich inzwischen verheiratet hatte, durch, ein Gesuchum das „Privileg" an den König zu richten mit der Bitte um den Schutz für sich und feine Nachkommen. Diese Bittschrift wurde dem König von d'Argens persönlich überreicht und befürwortet, im April 1763, und — blieb unerhört. Erst am 26. Oktober 1763 wurde auf eine neuerliche Intervention von d'Argens das Privileg Mendelssohn persönlich bewilligt, der Nachkommenschaft aber verweigert. Im Februar 1771 wählte die Akademie der Wissenschaft Mendelssohn zu ihrem Mitglied. Friedrich bestätigte die Ernennung nicht und schrieb unwirsch der Akademie, sie solle eine neue Liste einreichen. Als auch auf dieser Mendelssohns Name stand, strich Friedrich ihn aus. Niemals war Mendelssohn Freimaurer. Auch andere Juden waren es nicht; denn die Logen, vollends die preußischen, waren ihnen ver-s schlossen. Fridericus nahm seine Grafen und Prinzen und sogar seinen Kammerdiener auf, aber ganz gewiß keinen Juden, und Moses Mendelssohn so wenig in die Loge wie in die Akademie. Und dennoch' behauptete Ludendorfs, das Geheimnis der Freimaurerei sei überall der Jude, sie züchtete „künstliche Juden", stemple ihre Mitglieder zu „künstlichen Juden" ab, habe nur ein Ziel, die jüdische Weltherrschaft. Und er behauptet, zu gewissenhaft zu sein, „um auch! nur eine einzige Behauptung aufzustellen, die nicht durch sichere Quellenschriften belegt ist". Rockefeller-Spende. Der berühmte christliche Milliardär und Philantrop John Rockefeller junior hat eine halbe Million Dollar für das jüdische Kolonisationswerk des Agro-Joint in Rußland gespendet. Tie Familie Rockefeller hat schon oft für jüdische soziale Institutionen, insbesondere für das Ausbauwerk des American Joint Distribution Committee, größere Geldspenden geleistet. Ter alte Rockefeller begleitet in der Regel solche Zuwendungen mit ermutigenden Zuschriften. Ter alte Rockofeller hat bekanntlich auch durch eine Millionenspende den Bau eines archäologischen Museums in Palästina ermöglicht. Rockefellers Sohn hat bis jetzt jüdischen sozialen Werken keine größeren Zuwendungen gemacht; die Halbmillion-Dollarspende für Agro-Joint ist seine erste größere Spende dieser Art. Der neue amerikanische Präsident. Der neue Präsident der Vereinigten Staaten, Herbert Hoover, hat bekanntlich das amerikanische Hilfswerk zugunsten der Notleidenden in den kriegführenden Ländern organisiert und war dann Leiter der American Relief Administration (A.R.A.), die in den ersten Nachkriegsjahren in Rußland und in den übrigen osteuropäischen Ländern unzählige Menschenleben vom Hungertode gerettet hat. Tie von Hoover geleitete A.R.A. arbeitete in enger Verbindung mit dem amerikanisch-jüdischen Joint Distribution Committee. Gemeinsam mit Felix M. Marburg arbeitete er in den Vereinigten Staaten an der Aufstellung des Zensus der Nährstoffe und an dem Hilfswerk zugunsten Osteuropas. Im April 1919, nachdem die polnischen Legionäre bei ihrem Einzug in Pinsk 35 angesehene Juden ohne jedes Gerichtsurteil als Spione hinrichteten, interveniette Hoover zugunsten der bedrohten polnischen Juden. Es wurden Vorkehrungen getroffen, daß sich solche Vorfälle nicht wiederholten. Hoover interessierte sich auch später sehr für das Ausbau- Werk des American Joint Distribution Committee in Rußland, und als vor kurzem Julius Rosenwald fünf Millionen Dollar für das Werk des Agro-Joint spendete, sprach ihm Hoover seinen Glückwunsch zu dieser „fürstlichen Tat" aus. *; Versammlungskalender \ * Berlin. Jüdisch-liberaler Jugendverein (Jlis. Donnerstag, de« 22. November, Vortrag von Hans Rosenberger: „Einheit und Einigkeit im Spiegel menschlichen Denkens", im Verwaltungsgebäude der Synagoge Fasanen st rahe, nicht in der Rosenstratze. Dortmund. Am Donnerstag, den 22. ds. Mts., 20.30 Uhr, spricht Frau Hanna Cohn-Dorn, Hannover, im Sängerheim, Ostwall 12, über Lily H. Montagu, die genial religiöse Führerin. Die Rednerin ist mit der Genannten sehr eng befreundet und kennt ihr Werden und Wirken aus eigener Anschauung. Der Abend verspricht sehr genußreich zu werden. Die Ortsgruppe der liberalen Vereinigung hat den Frauenverein, den Frauenbund und die Schwesternvereinigung der Märkischen Loge um rege Beteiligung gebeten. # Gottesdienste Berlin-Norden. Liberale Synagoge Norden, Schönhauser Allee 162. Freitag, den 26. November 1928, 19.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Salomonski. Sonnabend, den 17. November, vormittags 10 Uhr, Gottesdienst. Freitag, den 23. November, Predigt: Professor I. Friedländer. Berliu-Westend. Verein Liberale Synagoge Westend, Kastanienallee 12-13 (Schulaulas, am Reichslanzlerplatz. Jeden Freitagabend liberaler Gottesdienst mit Chor und Predigt. Beginn 19.15 Uhr pünktlich. Eröffnungs-Gottesdienst, Freitag, den 23. November, Predigt: Rabbiner Dr. Salomonski. Freitag, den 30. November, Predigt: Rabbiner Dr. Ealliner. Berlin-Wilmersdorf. Liberale Synagoge Wilmersdorf (in der Aula der Cäcilienfchule. Nikolsburger Platz): Jeden Freitagabend liberaler Gottesdienst mit Chor und Predigt. Beginn 19.15 Uhr pünktlich. Freitag, den 16. November, Predigt: Robert Hirschfeld. Zum Regierungswechsel in Rumänien. Im allgemeinen ist die Uebernahme der Regierung durch den Führer der National-Zaranisten Maniu, von dem man ein demokratisches Regime und die Garantie freier Wahlen erwartet, auch von den Juden mit Genugtuung ausgenommen worden. Man glaubt, daß Maniu die antisemitische Praxis in der Landesverwaltung nach Möglichkeit eindämmen wird. Der neue Minister für Handel und Industrie Magdearu gilt als ein Freund der Juden. Ter neue Kultusminister Professor Minorescu war jederzeit gegen den Universitätsantisemitismus energisch ausgetreten. Ter neue Außenminister Vaida-Voevod unterhält gute Beziehungen zu den jüdischen Auslandsorgani^ sationen. Sprecksaal * Für diese Rubrik übernimmt die Schriftlettung lediglich die preßgesetzliche Verantwortung. Im Licht der Religion Panzerkreuzer — Eisenkonflitt. Waldenburg. Die Religion soll aktuell sein. Das war das Ergebnis der Tagung. Das kann nicht heißen, daß wir immer bloß aus Tagungen warten sollen, um die theoretischen Grundlagen zu erörtern und die bekannten „und"-Vorträge zu hören. („Das Judentum u....") Wir werden diese Aktualität nur wirklich erreichen, wenn wir immer sofort zu Fragen des Tages jeder Art im Ramm der Religion, der Relig i o n, nicht also einer politischen Partei, einer Richtung (der Kirnst, der Philosophie) Stellung nehmen, natürlich' nur zu Fragen, die wirklich' geeignet sind, den „liefen Grund der Menschheit aufzuregen". In Predigten geschieht es wohl hier und da, öfter und weniger oft. Aber die Kanzel sollte nicht die einzige Stätte sein. Ihre Stimme dringt ja auch nur zu einem Teil derer, die es angeht. Und es reden ja immer nur oder meist die Vertreter der Kanzel auf ihr. Aber auch andere, auch die „Laien", alte, ältere, junge Männer und Frauen sollten sich äußern. So könnten wir uns allmählich zum steten religiösen Denken und Fühlen erziehen, auf das schließlich alles ankommt, weil so das religiöse Wollen entsteht. Ich möchte heute nur den Anfang gemacht haben. Mögen andere folgen, sei es zur Ergänzung der besprochenen, sei es mit Erörterung neuer Themen (Schubert, Ozeanflug, ein neues Drama, ein neues Buch etc.), aber immer im „Licht der Religio n". Panzerkreuzer. Mso fängt es doch wieder an? So fragte man sich, als der Beschluß bekannt wurde. Isis möglich? Gerade die, die man für die energischsten Vertreter des Friedensgedankens gehalten hatte, bewilligen Millionen für ein Kriegswerkzeug — und ringsum starrt uns das Elend an. Aber das „Volksbegehren", hat es ihnen nicht recht gegeben? Nimmermehr. Es war nur die alte Tragik der Ideen, daß sie oft an ihren eigenen Vertretern scheitern. Nun müssen alle erst recht znsammenftehen, alle, die die geheimnisvolle Wirkung von Worten kennen. Tenn das ist es, was sogar dem einen Schifi schon die Macht geben würde: hinter dem Wort „Panzerkreuzer", da steht schon der Krieg, das Spiel mit dem Feuer, die Vergiftung der Seelen, die Rückkehr zum Blut. Ohne Rücksicht auf politische Konsequenzen erheben wir im Namen der Religion die Forderung: Fort mit dem Verhängnis dieses Beschlusses! Ueber alles der Friede! Eisenkonflikt. Ausgesperrt! 213000 Arbeiter! Frauen erschrecken, Männer stehen untätig und verbittert, Müder dürfen nicht satt werden. Rücksichtslos — brutal — Macht — Eisen-Naturen — Eisen-Kälte, das war das Gefühl, unter dem man bei dieser Nachricht stand und jede Stunde stärker steht, die der Konflikt länger dauert. Und gerade, wenn sie nach dem Buchstaben recht haben sollten (um so schlimmer, wenn es nicht der Fall wäre) — welch fürchterliche Starrheit gegenüber Menschen. 213000 Menschen! Welche Buchstabenseelen! Man schaudert — weil man das miterlebt, weil man sieht, was heute n o ch möglich ist. Man denkt an Micha und an sein Wort: „Sie üben Gewalt an Mann und Haus, am Menschen und an seinem Eigentum". Man schaudert — aber man vernimmt auch dm Ruf, den Schrei von 213000, den Schrei von Frauen und den von Kindern: Werdet sozial! Werdet sozial! Ueber alles der Mensch! Waldenburg. Ein Licht im Dunkel, ein helles, strahlendes, tröstendes Licht! Ein Jude stellt fest, ein Jude gibts weiter, und Juden — auch andere — aber vor allem Juden geben, spenden, helfen den 5000 Kindern von Waldenburg, ohne Unterschied ihrer Konfession! Man fragt nicht, man gibt! Die Reichen kommen mtd geben 3000, die Armen kommen und geben 1 Mark, Kinder leeren die Sparkassen aus, Sachen häufen sich, 100 Kinder fahren 6 Wochen fort, 2500 können 1 Jahr lang mehr als bisher tägliche Schulspeisung erhalten. Ach> das sind erhebende Augenblicke. Und turmhoch steht noch die Mark der Armen, steht jedes Kind mit seinen Pfmnigen über den reichen Herren an der Ruhr! Und daß Juden so stark daran beteiligt — so seht doch, die ihr stetst danach sucht, w i e man auch in Deutschland jüdisch sein kann, ethisch wirken und wie — religiös. Schließt euch schnell an, die ihr noch fern steht. Denkt an Jesaja und an sein Wort vom Versöhnungstag: „Und spendet deine Seele dem Hungrigen und labst du gebeugtes Gemüt, so wird im Finstern dein Licht aufstrahlen, und dein Dunkel, es wird zur Mitlagshelle." Schließt euch an, denn über alles die Liebe! Rabbiner Tr. G o t t s ch a l k, Frankfurt a. M. Gegenwartsfragen der Berliner Repräsentantenversammlung In der letzten Sitzung der Berliner Rcpräsentantenversammlung vom 8. November wurde die Erbauung einer weiteren Synagoge im Osten der Stadt zur Belebung des religiösen Lebens erörtert. Bei dieser Gelegenheit »vurde auch die Einrichtung des jüdischen Hauses tvicdcr aufgcgriffen, und die Errichtung eines Ledigenheimes wurde besprochen. Es ist sehr anerkennenswert, daß der Gemeindevorstand und die Repräsentanz sich mit großen Problemen beschäftigen, und neue Gebäude und Institutionen zum Wohle der Allgemeinheit errichten wollen. Vielleicht ist cs aber angebracht, einmal darauf hinzuwcisen, daß es nicht notwendig ist, seine ganze Kraft in die Verwirklichung von zukünftigen Dingen zu legen. Ich bin der Ansicht, daß es auch heute schon möglich ist, das jüdische Interesse an mannigfachen Stellen zu wecken. Da ist zum Beispiel im Westen der Stadt ein jüdisches Jugendheim eröffnet worden, in welchem man ^Bücher und Zeitungen lesen kann, in welchem diverse Spiele bereit stehen, und wo die Möglichkeit einer Aussprache von jungen jüdischen Menschen geschaffen worden ist. Hier müßte es die Aufgabe der Repräsentanten und Gemeindevorsteher sein, zuerst einmal in ihren eigenen Reihen dafür zu sorgen, daß solche Institutionen auch besucht werden, urrd nicht effektiv leer stehen, und außer einem einzigen „Ladenhüter" überhaupt kein Mensch anwesend ift. Herr Rabbiner Dr. Prinz, der kürzlich kritisierte, daß die verschiedenen Jugendorganisationen Groß- Berlins nur 2000—3000 Mitglieder zählten, hätte hier ein schönes Betätigungsfeld, indem er seine Schüler solchen Jugendheimen zuführt. Das wäre richtiger, als alle theoretischen Vorschläge, die er machte, die aber, wie er selbst zugibt, vorläufig doch nicht zu verwirklichen sind. Jeder, der sich um jüdische Dinge etwas bemüht, weiß, wie schwer es in der heutigen Zeit ist, das jüdische Interesse zu wecken. Man sollte daher keine Gelegenheit, auf die ein großer Teil der jüdischen Menschen reagieren würde, ungenutzt vorübcrgehen lassen. Das ist aber leider bei der Grundsteinlegung zur Synagoge Prinzregentenstraße geschehen. Es ist sowohl in diesen Spalten, als auch in der Repräsentantenversammlung hierüber schon viel gesprochen worden, daß es nicht angängig erscheint, die Angelegenheit an dieser Stelle noch einmal aufzurollen. Aber das Achselzucken, mit welchem der Gemeindevorstand seinen begangenen, unverzeihlichen Fehler erledigt, gibt doch zu denken. Es ist unbedingt zu fordern, daß ähnliche Angelegenheiten, wie die Grundsteinlegung einer Synagoge, in angebrachter Form gefeiert, und nicht einfach verschlafen tverden. , Man kann erfreulicherweise feststellen, daß bei den Sitzungen der Repräsentantenversammlung die Tribüne gut besucht ist, und die Zahl der Anwesenden oftmals 5—10 mal so groß ist, wie in jüdischen Lesesälen. Man sieht also, daß ein Interesse für die Probleme der Gegenwart vorhanden ist. Ich möchte behaupten, daß es möglich ist, diesen Kreis der Zuhörer um ein Vielfaches zu vergrößern, falls die Tribüne endlich einmal zeitgemäß umgestaltet wird. Es ist gewiß sehr anerkennenswert, wie ich schon eingangs erwähnte, daß die Repräsentanz daran denkt, neue Stätten jüdischen Lebens zu schaffen. Aber hierbei sollte sie schließlich auch einmal an sich selber denken. Denn aus die Beschlüsse der Repräsentantenversammlung der größten jüdischen Gemeinde Deutschlands richten sich die Augen von Zehntauscnden, und schließlich werden hier nicht nur Subventionen bewilligt oder abgelehnt, sondern es kommen -oftmals Dinge und Probleme zur Sprache, die weit über die Grenzen Berlins hinaus Bedeutung haben. Hier spiegelt sich das gegenwärtige jüdische Leben wieder, und alles was sich draußen in der jüdischen Welt ereignet, wird hier erörtert. Aber es gehört tatsächlich ein großer Teil Idealismus dazu, auf die Tribüne zu steigen, und der hohen Versammlung bcizuwohnen. Denn die Ausführungen einiger älterer Repräsentanten sind n i e zu verstehen, und die Tribüne ist so eng unj! schmal, daß man unmöglich einem Fremden zutraucn kann, sie zu besteigen. Im Jahre 1866, bei Erbauung des Saales, mag sie den Erfordernissen genügt haben. Heute, im Zeitalter der Technik, des Radio und des Mikrophons, in der es bald möglich sein wird, die Redner zu Hause mit Bildübertragung sprechen zu hören, genügt die Tribüne nicht mehr. Heute sitzt man dort oben mit eingeengtem Brustkorb, das Kinn auf die Barriere gelegt, und versucht krampshast tvenigstens mit seinen Augen den Mundbewcgungen der jeweils Sprechenden zu folgen, um tvenigstens hierdurch sich den Inhalt einer Rede zusammcnreimen zu können. Aber auch das ist jetzt nicht mehr möglich. Denn die Repräsentanten und Gemeindevorsteher umgeben sich fast ausnahmslos mit einem Nebel von dicken Rauchwolken. Es ist klar, daß dieser Rauch senkrecht nach oben steigt, und »vcnn ca. 30 Personen stundenlang qualmen, kann man sich vorstellen, daß die Augen der Zuhörer auf der Tribüne zu tränen beginnen, und sie nun nicht nur nichts hören, sondern auch nichts mehr sehen können. Es bleibt ihnen dann tatsächlich nichts übrig, als fluchtartig zu verschwinden. Die Repräsentanten dürfen aber durch ihre Handlungsweise das Publikum nicht vertreiben. Es ist daher eine Forderung der Zeit, daß die Tribüne des Sitzungssaales neuzeitlich umgebaut wird. Darüber hinaus kann man von den Repräsentanten und Gemeindevorstehern verlangen, daß sie mindestens so lange nicht rauchen, bis die öfftntliche Sitzung beendet ist H e i n z L e v y. foiaÜB