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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-11-16 · 46 (16.11.1928) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
46 (16.11.1928)
Date
1928-11-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
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einmütigen Beschlusses der Vorstand ersucht, umgehend Gutachten der liberalen Rabbiner einzuholen. Der liberale Antrag, von der Erhebung voll Gebühren für die Zuteilung von Mizwoth und Alijoth in Zukunft Abstand zu nehmen und die Synagogen-Vorsteher über die Heranziehung von Synagogenbesnchern frei verfügen zu lassen, soll zur gutachtlichen Aeußerung den vereinigten Synagogenvorständen vorgelezt werden Um die Benutzung der Gemeindebibliothet durch die Gemeindemitglieder zu fördern, wurde auf Anregung der Liberalen Fraktion beschlossen, die Herausgabe eines Kataloges der in der Gemeindebibliothet vorhandenen Jugendschristen, der unentgeltlich abgegeben werden soll, zu erwägen und ferner die Drucklegung eines Katalogs der Gem ei ndebibl iothek, der zu einem besonders niedrigen Preise von den Gemeindemitgliedern bezogen werden kann. Schließlich wurde noch ein Antrag der Liberalen Fraktion angenommen, der wünscht, daß dem Gottesdienst in den Oraelsynagogen für Sabbat und die Feiertage je ein weiteres deutsches Gemeindelied eingesügt wird. Für die Auswahl dieser Gemeindelieder soll die musikalische Kommission binnen 6 Monaten Vorschläge machen. Tie musikakalische Kommission wird ermächtigt, für Textdichlung und Vertonung neuer Gesänge Preise bis zum Gesamtbeträge von 1500.— Mk. auszusetzen. Für das einzusügende Gemeindelied soll durch Fortlassung solcher Gebete Platz geschaffen werden, die im Gottesdienst wiederholt werden. Tie Vorlage wurde in der Repräsentantenversammlung durch den liberalen Repräsentanten E h r e n r e i ch eingehend begründet. Auf eine Anfrage der Volkspartei bezüglich der Begründung eines Ledigenheims wurden vom Vorstandstrsch finanzielle Bedenken geltend gemacht, jedoch wurde grundsätzlich wohlwollende Prüfung zugesagt. Frau Falkenberg wies aus Wege hin, die der Jüdische Frauenbund in Berlin zu gehen versucht. Tr. Fleischer betont die Dringlichkeit der Angelegenheit, Marcus wünscht eine Prüfung im Zusammenhang mit der Frage des „Jüdischen Hauses", da em Ledigenheim, wenn es vielleicht nur für 50 junge Leute in Berlin in Frage kommt, praktisch nur von sehr geringem Wert sei. Auf eine Anfrage der Volkspartei bezgl. der Schaffung eines jüdischen Zentrums für den Osten Berlins, das Synagoge, Schulräume, Versammlungsräume, Bibliothek usw. umfassen soll, erwiderte vom Gemeindevocstand der der anfragenden Partei zugehörende Finanzdezernent K a - res'ki, daß mit Rücksicht aus die bereits beschlossenen Bauten zur Zeit dem Plane nicht näher getreten werden lönire, frühestens werde das im Jähre 1930 möglich sein. Für die Liberalen betonte Tr. London, daß im Osten Berlins die Liberalen besonders stiefmütterlich behandelt worden sind, und daß. deshalb eine dort neu zu bauende Synagoge liberalen Ritus haben müsse. Ein Antrag der Volkspartei zur Schaffung einer gemeinnützigen Krankenversich>erung für die jüdische Bevölkerung Berlins wurde dem Vorstand zu näherer Prüfung überwiesen. Beschlossen wurde, in den Synagogen mit neuem Ritus die Thora-Vorlesung auch an Sabbaten und Wallfahrtsfesten wieder mit Trop vornehmen zu lassen und am Vorabend des Purimfestes auch in den Synagogen mit neuem Ritus einige Kapitel der Megillah a u f h e b r ä i s ch vorzulesen, lieber die Auswahl der Kapitel soll das Rabbinats-Kollegium noch gehört werden. Zu einer längeren Aussprache führte eine Vorlage, die bezweckt, die M ä d ch e n k o n f i r m a t i o n in den Synagogen mit neuem Ritus in Zukunft auch am Sabbat zuzulassen, damit der Feier eine erhöhte Bedeutung verliehen werde. Tie Einsegnung soll an bestimmten Sabbaten im Jahre stattfinden und zwar nach der Vorlage des Gemeindevorstandes im „Anschluß an den Gottesdienst", während vom Ausschuß die Mädcheneinsegnung an den in Frage stehenden Sabbaten innerhalb des Rahmens des eigentlichen Gottesdienstes gewünscht wird. Rabbiner Weiße von der Mittelparter erklärte sich für die Vorstandsvorlage aber gegen den Ausschußantrag, für den sich von den Liberalere Repräsentanten Gutmann, P i n c u s und Türk entschieden einsetzten. Sie wiesen daraufhin, daß es aus Gründen der Gleichberechtigung der Geschlechter grundsätzlich zu fordern sei, daß den Mädchen rm Gottesdienst die Einsegnung ermöglicht werde, daß die Vornahme von Mädcheneinsegnungen im Anschluß an den Sabbatgoltesdienft gegenüber dem jetzigen Zustand gewiß leine Verbesserung bedeuten würde. Tie Ausschuß-Vorlage gelangte zur Annahme, sodah in Zukunft, falls der Vorstand dem Beschluß der Repräsentanten-Versammlung bcilritt, die Mädcheneinsegnung in den Synagogen mit neuem Ritus an Sabbaten innerhalb des Gottesdienstes eingesnhrt wird. Die sinnloseste Phrase Von George Goetz. Tie sinnloseste Phrase — scheint — es zu sein, wenn wir Juden heute uns auf die Verheißung berufen, die einst dem Abraham zuteil wurde: „In deinem Namen sollen alle Geschlechter der Erde gesegnet sein!" Es ist richtig: die Geschlechter der Erde haben dem Judentum Unendliches zu danken, alle „christlichen" und „mohammedanischen" Länder sind getränkt mit jüdischem Gut, und es wäre unnütz, zum Beleg dieser Behauptung all das aufzuzählen, was in tausend Büchern steht und was jedermann weiß. Tie gesamte abendländische und ein Teil der morgenländischen Kultur sind jüdisch. So ist also das an Abraham ergangene Verheißungswort erfüllt. Und doch wäre es sinnlos, wenn wir Inden von heute uns auf sie berufen? Es — ist sinnlos, denn auch für uns Juden gilt das Goethe-Wort, das man heute, wegen des vielen mit ihm getriebenen Mißbrauchs, nur ungern zitiert, das aber doch ewig wahr bleibt: „Was du ererbt von deinen Vätern Haft, erwirb es, um es zu besitzen. Was mau nicht nützt, ist eine schwere Last, nur was der Augenblick erschafft, das kann es nützen." Es scheint die Tragik des Judentums in der Geschichte zu sein, daß alle seine Leistung in der Welt unter fremdem Namen geht. Christentum und Islam, aber nicht nur die Religionen, sondern die gesamten Kulturen, die unter diesen Namen gehen, müßten von Rechts wegen ja unter dem Namen des Judentums genannt werden. Ebenso die Sozialdemokratie — aber da sind wir schon bei den Leistungen des Judentums in unserem eigenen Zeitalter, und die wollen wir gesondert betrachten. Von Kanzeln und Kathedern wird gar schön und rührsam über Jndifferentismus geklagt. Gegen wen richtet sich die Klage? Gegen die unreligiösen, keiner höheren Regung fähigen, indolenten Menschen? Gewiß. Aber nur gegen sie? Wer waren denn vor hundert Jahren die Täuflinge? Erbärmliche.Materialisten, die sich und ihren Kindern Karriere und gesellschaftliche Stellung erkaufen wollten? Gewiß. Aber nur solche? Noch immer klingt uns Börnes Ausruf schmerzlich in die Ohren: „Tie Taufe ist das Entreebillet zur moderneu Kultur!" Und Börne und seinesgleichen waren Idealisten, Feuerköpfe, für alle wahren Kulturgüter entflammt. So wandelt sich sein Ausruf in eine Anklage. Nicht hat das Judentum ihn und seinesgleichen anzuklagen, daß sie sich taufen ließen, sondern sie klagen das Judentum an, daß cs für sie keinen Platz hatte, — weil es für Pflege kultureller Güter und Ideale jener Zeit keinen Platz hatte. (Vergl. hierzu z. B. Seligmanns Predigt auf der Weltkonferenz.) Tie aus Materialismus die Taufe nahmen, mögen wir nnklagen, die aber aus Idealismus das anachronistisch gewordene Judentum verließen, deren Angeklagte sind wir. Tanken wir es den Vätern der Reform, daß sie durch Schaffung eines liberalen Judentums das Judentum in zeitgemäße Formen kleideten und der kulturhungrigen jungen Generation die Möglichkeit gaben, Europäer zu werden und Juden zu bleiben! Aber machen wir auch die Nutzanwendung auf unsere Zeit! Tie aus Indolenz am Judentum uninteressiert bleiben, mögen wir anklagen; aber diejenigen, die der Allgemeinheit leisten, die großen Führer in Wirtschaft, Industrie, Politik, Literatur, Kunst, Wissenschaft, — da sie alle uninteressiert an der äußersten Peripherie des Judentums stehen, werden sie unsere Ankläger. Wir mögen ihnen hundertmal sagen, es sei jüdischer Geist, aus dem sie schöpfen und schaffen — sie erkennen ihren Geist bei uns nicht wieder! Ihren Geist, das heißt also, da sie ja aus dem Geist des Judentums schöpfen: sie erkennen den Geist des Judentums bei uns Juden nicht wieder, — und das liegt wahrlich an uns! „In deinem Namen sollen alle Geschlechter der Erde gesegnet sein!" Ta wir der Welt leisten — und nur deshalb — haben wir das Recht auf Emanzipation. Aber wehe, unsere geschichtlichen Leistungen gehen unter fremdem Namen, und die Unsrigen, die heute der Welt leisten, machen von ihrem Judentum kaum Gebrauch! Nur bei der Beerdigung erscheint im Talar, der bei Lebzeiten nie ihr Haus betrat, und predigt: „Ter Verstorbene war ein guter Jude!" Wo lebt uns ein moderner Moliere, solche Tragikomik zu schildern?! — Und doch sind alle diese Nekrologe wahr: jene, die der Welt leisten, sind gute Juden — „du sollst ein Segen sein!" — wir aber sind es nicht. Was leisten wir der Welt? Tie einen ziehen sich aus Palästina zurück. Wobei denn gesagt werden muß, daß die, die wirklich dorthin gehen, noch die Besten sind. Aber für die Welt bedeutet das nichts. Und wir andern, wir „Religiösen" — was leisten wir, daß wir der Welt ein Segen wären nach dem Bibelwort? Wir streiten uns — wie jetzt in einer süddeutschen Großgemeinde, aber auch hier in Berlin — über das Kurz¬ oder Langtragen des Tallis, wir probieren neue Schächtmethoden aus, wir beantragen bei der Sowjet-Regierung die Einfuhrerlaubnis für Tfillin, wir bauen Quellbäder, wir haben schon unsere richtigen Sorgen, um unsere Aufgabe als „Segenbringer" zu erfüllen. Was für Sorgen, das zeigte unlängst eine Notiz des „Israelit" in der Nummer vom 18. Oktober 1928, die folgendermaßen lautete: ((Seldtitu.) Nach einer Mitteilung der Lebensmittelkommisswn der „Vereinigung traditionell - gesetzestreuer Rabbiner" »vird Gelatine aus verbotenen, tierischen Stoisen hergestellt: und zwar werden dazu besonders Hautstücke (Maul, Kopf, Füße) verwandt, während entfettete Knochen der Leimfabrikation als Ausgangsprodukt dienen. Alle Lebens- und Genußmittel, die Gelatine enthalten, sind daher verboten. Der Verdacht der Beimischung von Gelatine besteht z. B. bei allen Gelees, gewissen gallertartigen Marmeladen und bei Eiskreme. Ferner können kleine Betriebe und .Händler zur Halt^ barmachung vou Schlagsahne und Speiseeis Gelatine zusetzen tSchaumpulver, Sahnenstand u. ä.). In Großbetrieben besteht diese Befürchtung in geringerem Maße. Medikamente, die Gelatine enthalten und Kapseln sind in Krankheitsfällen, auch wenn keine Lebensgefahr vorlicgt, nicht als verboten zu betrachten, jedoch ist bei der Verwendung aus besonderes Geschirr zu achten." Ja, — „wo ist ein so herrliches Volk, das so gerechte Sitten und Gebote hat, wie all dies Gesetz, das ich euch heute vorlege?" Wird uns auch nicht dies Bibelwort zur sinnlosen Phrase, wenn wir uns selber besehen? Glaubt mam solch ein Judentum könne der Welt ein Segen sein? Es ist der Welt unbekannt soweit aber bekannt, ein Gelächter, und uns selber eine Scham utld wahrlich auch, nach dem Goethe-Wort, da wir es nicht nützen, eine „schwere L a st". Dennoch sind die Bibelworte nichts weniger als sinnlose Phrasen, wohl aber sind wir Phraseure. Und könnten doch andres sein, wenn wir nur selber andere wären. Wenn den: liberalen Judentum gelingt, sich von rückwärts gewarrdter Theologie endgültig zu befreien; wenn wir anstatt uns um tote Formen zu kümmern, den Geist des Judentums einströmen lassen in die wirklichen und brennenden Kulturfragen, dann tun wir als Söhne der Reform das Gleiche, was die Väter der Reform taten: ermöglichen den wirklich Produktiven unter beit Juden, sich bei uns wiederzuerkennen, ihre Leistungen als jüdische Leistungen zu begreifen ltub auch als solche in die Welt zu bringen. Nur ein auswärts gekehrtes, vorwärts gerichtetes Judentum kann produktiv, kann schöpferisch sein, und nur schöpferisches Judentum kamt ein Segen für die Geschlechter der Erde sein. Verheißung oder sinnloseste Phrase — an uns ist es, aus dem heiligen Wort der Bibel das eine oder das andere zu machen. „Ich habe euch Leben und Tod, Segen und Fluch vorgelegt; du aber wähle das Leben, damit du und dein Same leben mögen!" Heinrich Hertz' jüdische Abstammung Die folgenden Ausführungen entnehmen wir dem Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde Hamburg. Die Schristleitung. Anläßlich der Tagung der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Aerzte in Hamburg im vergangenen September hat bekanntlich der Senat eine Gedenkmünze schlagen lassen, die auf der Vorderseite das Bildnis des in Hamburg ge-« borenen Physikers Heinrich Hertz trägt. Da Heinrich Hertz vielfach noch irrtümlich als Jude bezeichnet wird, so sei hier nochmals kurz die Genealogie dieses Zweiges der Familie Hertz mitgeteilt, die ich bereits einmal an anderer Stelle veröffentlichte — allerdings mit einigen Ergänzungen hauptsächlich über den hier an erster Stelle Genannten, die ich der in der FußnoteZ genannten Quelle entnehme. Der Urgroßvater von Heinrich .Hertz entstammte einer in Hildes heim ansässigen Familie, von der ein in Hamburg zu großem Ansehen gelangter Zweig, über den bei anderer Gelegenheit einmal Näheres mitgeteilt werden soll, bereits um 1700 oder kurz nachher nach Hamburg übersiedelte. Dieser Ururgroßvater des Heinrich Hertz, der noch in Hildesheim gelebt hat, und anscheinend auch dort gestorben ist, war Benjamin Wolfs Hertz, geboren um 1720, Bankier und Oberhoffaktor des Fürstbischofs von Hildesheim. 1775 errichtete er eine fürstbischöfliche Geld- und Juwelenlotterie (Rexhausen, Juden in Hildesheim, Seite 105). Das Hildesheimer Stadtarchiv bewahrt eine Eingabe von ihm aus dem Jahre 1762, in welcher er die Erlaubnis zum Erwerb von Häusern in .Hildesheim nachsucht. Das Hildesheimer Memorbuch, ein von der jüdischen Gemeiitde geführtes Verzeichnis, nennt seine Witwe die Witwe des reichen Benjamin Wolfs Hertz; an anderer Stelle bezeugt es, daß er trotz seines Reichtums bescheiden geblieben sei, und hebt seine Freigebigkeit und Frömmigkeit hervor. Er war Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Hildesheim. Zwei Schauspieler-Porträts Bon Max Spanier. Ernst Deutsch spielt gegenwärtig den Jsioor Berchansky in Theodore Dreisers Tragödie „Ton in des Töpfers .Hand" im Berliner Renaissance-Theater. Fritz Kortner gestaltete die tragende Rolle in Ungars „Der rote General" im Theater in der Königgrätzer Straße in Berlin. 1. Ernst Deutsch. Früher war es die Maske, die dem Schauspieler die Physiognomie verlieh. Als dieses Hilfsmittel fiel, mußten Perücke und Zopf zur Gestaltung der Figur beitragen. Der Schauspieler im modernen Stück erscheint mit seinem wahren nackten Gesicht. Die Anforderungen, die an den modernen Schauspieler herantreten, sind dadurch viel größer; was früher durch Hilfsmittel erzeugt und verstärkt wurde, muß jetzt die eigene Kraft aus dem Inneren holen. Ein ' Schauspieler tiefster Erlebniskraft ist Ern st Deutsch. Ich weiß nicht, welchen unter den vielen großen Mimen der Gegenwart ich ihm gleichstellen soll. Andere mögen in der Charakterisierung besser sein, aber an Kraft des Erlebnisses dürfte keiner seine Intensität übersteigen. Er hat die Diktion des Gefühls, er beherrscht sein Blut, seine Seele, jede Faser seines Herzens. Ihm ist das Lachen des unschuldigen Kindes und der Entsetzensschrei des Wahnsinnigen, die Zartheit des schüchternen Mädchens und die Geziertheit der übersehenen Jungfer, die Wut des Betrogenen, der Fanatismus des Besessenen, der Märtyrerschrei des Büßers und das Lallen des trunkenen Tors. Erst wenn er zur Ekstase übergeht (und Deutsch lebt fast immer in Ekstase), bricht sein Herz durch seinen Körper, erwachen die Augen, spielen die Hände, tanzen die Füße — so kann nur ein großer Schanz spieler schreiten, tanzen, lachen, siegen, wie ein Trunkener hüpfen, wie ein Tiefgedemütigter weinen. Tie Skala aller Gefühle durchzuckt sein Herz, sein Gesicht ist Glas, darin spiegeln sich alle Tinge; und im anschwellenden dramatischen Augenblick bricht es wie Sturm über ihn. Keine Sekunde seines Spiels verstreicht ohne Füllung. Tie große Szene ist immer sein Spiel mit sich; weil ihn Nebenspieler nicht zu überragen vermögen, wächst er dann über sich selbst hinaus. Alle Tinge wachsen in den Bereich seiner Phantasie, sie werden Vermittlung seines Erlebnisses, Wände und Stühle, ein falscher Spiegel, ein hohles Gefäß, ein Stück Papier wird zum Gericht, zum Buch seines Bekenntnisses. Ernst Deutsch ist ein Bekenntnisspieler. Andere Schauspieler wachsen in ihre Menschen hinein, Ernst Deutsch wächst von innen heraus. Immer legt er sein wundes Herz bloß. Er hat das Erbarmen des großen Priesters und das Mitleid mit jeder gepeinigten Kreatur, die jugendliche Begeisterung des daseinsfrohen Knaben und die Schwermut des wankenden Greises, den Rausch des Verliebten, der verzückt nach der ersten Liebesnacht giert und die Angst des Wahnsinnigen, der in der Besessenheit seines Blutes unschuldig die böse Tat begangen. Gut, böse, Haß, Liebe, Sünde, Verbrechen, ein Meer von Tönen, die aus seinem Körper schnellen und den Zuhörer unterwerfen. Ter ist ihm willenlos ergeben, Ernst Deutsch kann über ihn herrschen, triumphieren, chn zu Boden schmeißen und zertreten, himmelwärts tragen und seine Einfalt betören, ihm den Jubel des Kindes, des von allen irdischen Sorgen und Nöten befreiten Menschen geben. Welch größerer Aufgabe hätte ein Schauspieler zu dienen? 2. Fritz Kortner. Ein ganz anderer Schauspielertyp ist Fritz Kortner. Steht er auch an schöpferischer Kraft nicht hinter Ernst Deutsch zurück, so kommt seine Begabung aus ganz anderen Gefühlsquellen. In ihm sind Klarheit und Ruhe, das große Talent zum außergewöhnlichen Mimen. Er versteht sich abzustreifen und ganz in einen anderen Menschen überzugehen. Geist und Dämon sind die beiden Pole, die bei ihm im ewigen Bruderkampf liegen. Wer ihn in den letzten Rollen in Ungars „Ter rote General", in den Filmen „Revolutionshochzeit" und „Der Spion der Pompadour" gesehen, weiß, wie unendlich weit seine Kräfte reichen. Immer bricht der Dämon durch, der rebellische Ausruhr, der den Menschen nicht schlummern läßt. Fritz Kortner ist Revolutionär, nicht vom Herzen her, aus dem Geist wird sie geboren. Er versteht zu herrschen und zu knechten, zu begeistern und zu lieben, Gestalten in ihrer letzten Vollkommenheit zu repräsentieren. Hohe und Niedere, Herrschende und Sklaven. Er verschwendet sich nie im falschen Augenblick, wohlweislich und überlegt verteilt er seine Kräfte, schreitet langsam voran, zum dramatischen Höhepunkt empor. Jede Bewegung, jeder Schritt, jeder Blick ist notwendiger Stein zum Aufbau. Erst dann speit er wie ein Tier ferne robuste Kraft und wächst ins Uebergroße. Nicht mehr der irdische Mensch, er steigt über den Alltag hinaus, ins Uebermenschliche, Ungewöhnliche, gleich ob voll Haß oder Liebe, Wahnsinn oder Niedertracht. Aber immer gibt er das Bild einer scharfumrissenen Figur, all seine Gestalten sind eigenwillig, persönlich. Die dumpfe rohe Gewalt, die aus der menschlichen Natur bricht.. Er gibt das letzte, was er zu geben vermag. Dadurch wird Kortner zum großen Künstler.; : Hl

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