Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-11-09 · 45 (9.11.1928) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
45 (9.11.1928)
Date
1928-11-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2613366-2613947-2613992--2928-2620456
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

der Stwf von unserer Zimmerdecke? Wäre das nicht ebenso wie dieses nur ein Zeichen totaler Verarmung? Religion als Angelegenheit einer Masse ist doch nie bloß Glaubens- und Moralsystcm, sondern Erziehungs-Institut! Als solche kann sie den Kultus nicht entbehren. Keine Religion hat das gekonnt, nicht der Protestantismus und nicht unsere Reform. Ethische Kultur und Monismus sind nicht Religion geworden, weil sie keinen Kult schassen konnten. Um wieviel weniger kann das Judentum ihn entbehren, das in der Gewöhnung durch Symbole stets eins seiner wichtigsten Kennzeichen gesehen hat. Nur über das Mehr oder Weniger kann Streit sein. Auch der Liberalismus wird nur sein, wenn er Kult anerkennt, nicht als Gottesgebot, nicht als Sakrament, nicht als Mittel, sich Gottes Liebe und Seligkeit zu erwerben, aber als Ausdruck religiöser Gedanken und Empfindungen und als Erziehungsmittel zur Herzensfrömmigkeit! Ich habe vor Jahren dargelegt, daß diese Gesichtspunkte sogar als Kriterium dienen können, um zu bestimmen, was der Liberalismus vom traditionellen Kult beibehalten und verwerfen soll; und in § 8 der Richtlinien (die leider, — warum eigentlich? — ganz verschwunden sind!) ist der Gedanke angewendct worden. Was für Sinn hat es da, jetzt, den Kultus zu kritisieren, wie es Woyda unter Berufung auf Cohen tut! Ein Liberalismus, der dem Jndisferentismus den Netter, den Freibrief gibt, gräbt sich selbst das Grab! Es geht nicht ohne irgend eine Art Gottesdienst, d. h. Belehrung, und nicht ohne Heiligung, d. h. Erinnerungsmittel im Alltag! „Der Kult überhaupt ist unzeitgemäß", das kann nur sagen, wer seit Geschlechtern durch kultgebundenes Familienleben erzogen worden ist. Was aber wird aus künftigen Geschlechtern? Dürfen wir sie dem Unjudentum ringsum ausliefcrn? Das bedeutet Selbstauslösung! Das fühlt auch der Durchschnittslaie. Er spricht: Ich habe weder Zeit noch Borkenntnis, noch Willensnoch Verstandeskraft, „die Tafeln Gott aus der Hand zu reißen", wie Baeck auf der Weltkonserenz so schön den Midrasch zitiert hat. Die Masse will gehorchen, sie sträubt sich nicht gegen den Kultus. Nur sinnvoll soll er sein! Und autoritativ soll er sein! Das also muß der Liberalismus betonen: nicht kein Kultus, sondern zeitgemäßer Kultus! Nun aber entsteht die Hauptfrage: woher den Kultus nehmen, wenn Gott ihn nicht gebietet und kein Gesetzbuch ihn beschreibt?! ' Aller jüdische Kultus hat 3 Quellen, zwei subjektiv-individuelle, frommes Innenleben und künstlerische Gestaltung, und dazu das objektive Leben der Gemeinschaft. Zwei Ungenauigkeiten sind also Wiener unterlaufen: er nennt die Gemeinschaft alleinige Quelle. und nennt die Gemeinschaft Volk. Dafür hat seine Argumentation einen Vorzug, daß er den Anteil der Gemeinschaft nicht bloß im Kult, sonder» auch in der Ethik findet. Wohl mit Recht! Die Einzelforderungen der Ethik lassen sich nicht aus dem reinen Willen allein ableiten; die gegebene Situation spricht mit! (Der Funke, der Pulver entzündet, ist nicht allein Verursacher des Brandes; die Natur des Pulvers ist auch einer). Ob freilich, wie Wiener meint, die gegebene Situation st e l s das Leben der Gemeinschaft ist, ist billig zu bezweifeln. Doch das nur nebenbei. — Jedenfalls hat Wiener in d e r Form Recht: An der Entstehung des Kultus ist die jüdische Gemeinschaft in ihrer geschichtlichen Situation stark beteiligt! Um nur wenige Beispiele zu nennen: Tie Thoravorlesung am Montag und Donnerstag gäbe es nicht ohne den alten Markttag, die Seelenfeier nicht ohne die Martyrien des Mittelalters, Tallis und Kopfbedeckung beim Gebet nicht ohne die südliche Herkunft Israels, das Sch'ma-Bekenntnis und opferlosen Gottesdienst überhaupt nicht ohne babylonische Gefangenschaft. Die juristischen Feinheiten und die gesamte juristische Ausgestaltung des Religionsgesetzes ist großenteils durch die juristische Autonomie in Palästina, Babel und Polen verursacht; Jomkippur verdankt seine Bedeutung heute seiner ursprünglichen Bedeutung als Sühnetag der Nation und des nationalen Heiligtums; und selbst im liberalsten Gottesdienst ist das betende Subjekt noch genau wie in den Psalmen nur selten der Einzelne, sondern meist „wir", Israel, die Judenheit. — Freilich beruht auch manches auf rein persönlicher Gestaltung!, manches auf primitivem Aberglauben; manches ist Nachahmung von Heidnischem, manches Protest gegen Heidnisches. Doch der Zusammenhang von Kult und Gemeinschast läßt sich nicht übersehen! Im Judentum ist er stärker als in jeder anderen Religion. , Das aber ist ein Hinweis darauf, wie heute Kult wieder lebendig werden kann. Manches läßt sich ja aus der Ueberlieserung wieder lebendig machen und erhalten. Neue Kultsormen aber scheinen heute von Einzelnen ebenso wenig erfunden zu werden wie von der Religionsgemeinschast. Was seit 150 Jahren entstanden ist, Orgel und Chor, Konfirmation, deutsche Gebete, Geschichte im Religionsunterricht usw., ist fast alles Nachahmung von Nichtjüdischem. Besonders das letzte Halbjahrhundert hat sich gegen jede Neuschöpfung, besonders gegen solche aus jüdischer Frömmigkeit, mit erstaunlicher Hartnäckigkeit gewehrt. Dieser Stagnation gegenüber kann man verstehen, wenn Menschen der Sehnsucht alles Heil von dem gerade jetzt stark erwachenden Nationalismus erhoffen. Tatsächlich sind die Chaluzim in Palästina heute fast die Einzigen, die neue Religionsformen schassen. Es ist für mein Gefühl doch echt jüdisch-religiöser Liberalismus, wenn sie z. B. den Sabbat der Körperpflege widmen. Ich verstehe vollkommen, wenn Wiener aus allem Gesagten folgert, nur zionistisches Gemeinschafts-leben und -wollen gewähre Sicherheit für Erneuerung der jüdischen Religion. Und auf keinen Fall kann ich zugeben, daß jemand, der neben oder gar zum Zweck dieser religiösen Erneuerung eine areligiöse jüdische Kultur propagiert, deswegen aus der jüdischliberalen Gemeinschaft ausgeschlossen werden dürfe! Denn die zionistische areligiöse Kultur unterscheidet sich von dem üblichen jüdischen Leben doch nur dem Grad und der Menge nach. Oder will jemand leugnen, daß es überhaupt areligiöse jüdische Arbeit unter Nichtzionistcn gibt? Ist jüdische Wissenschaft, jüdisches Sport- und Turnwesen, jüdische Abwehr Religion? Oder das Geselligkeitsvereinswesen? Ganz zu schweigen von dem halbreligiösen Wohlfahrts- und Jugend^ vereinswesen! Ob man da noch Kunst, hebräische Literatur und Politik hinzufügt, ist jedenfalls im Prinzip kein Unterschied! Hüte man sich also, von dem religiösen Kriterium des Liberalismus abzugehen, daß zu ihm jeder gehört, der das orthodoxe Dogma von der Einheit und ewigen Giltigkeit des Religionsgesetzes nicht glaubt. Jede politische Abgrenzung würde z. B. uns Rabbiner, die für Anhänger aller politischen Richtungen zu arbeiten haben, aus der Vereinigung hinaustreiben. Ich jedenfalls glaube, daß eine Erneuerung der jüdischen Religion aus dem stärkeren Gemeinschaftsbewußtsein und -leben des Zionismus nicht weniger möglich ist als aus den schemenhaften Ideologien Cohens und seiner Anhänger; und wenn wie bisher nicht baldigst eine Erneuerung des Kultus von seiten der rein religiös Liberalen erfolgt, so ist es besser, daß sie vom Zionismus ausgcht', als daß sie ganz unterbleibt! Ich selbst liebe allerdings den Zionismus nicht, nicht bloß weil mir die deutsche Färbung meines eignen Wesens und des Wesens der deutschen Juden zu stark und die jüdische zu schwach erscheint, nicht bloß weil ich alles Nationale als ein möglichst einzuschränkendes, im allgemeinen leider notwendiges, im jüdischen aber nicht notwendiges Uebel ansehe, sondern vor allem auch, weil zu diel« Führer des Zionismus die jüdisch-nationale Kultur nicht als Vorbereitung, sondern als Ersatz der Religion ansehen. Und ich gebe den Glauben noch nicht auf, daß cs möglich ist, eine jüdische Religion und auch Kultus auf dem individuellen Seelenleben und auf den nichtzionistifchen «religiösen -Gemeinschaftsbetätigungen zu errichten. Wie ein Teil der Jugend, wie die Loge es versteht, sich neue halb- oder ganz religiöse Formen zu schaffen, wie die früheren Tagungen des Verbandes d. d. I. mit Gebet begonnen und halb religiöse Weihe gehabt haben, so müßte es auch jetzt möglich sein. Warum soll eine C.-B.-Sitzung, ein Jugendvereins-Abend, eine Gemeindeversammlung, ein jüdisch-wissenschaftlicher Kursus, eine Sportübung nicht religiöse Weihe und Verinnerlichung erhalten können! Natürlich nicht die Weihe einer jüdischen Kirche, aber im Sinn dessen, was das Christentum heute Bolksreligion nennt, — und von dem die Gebete in der liberalen Wevtkonferenz nur einen sehr schwachen Begriff gegeben haben. Darüber hinaus gibt es aber noch eine viel stärkere Verbindung Don Judentum und Judenheit! Die Erziehung zu Sittlichkeit und Frömmigkeit, die die Religion schaffen will, bedarf der Gemeinschaft auch als Mittler: Die Allgemeinheit, die allem Ethischen und Religiösen anhaftet, bewirkt, daß es nicht genügend Anziehungskraft hat. Der Offizier im Feld spornt seine Soldaten nicht mit dem Wort Vaterland; er sagt: die Ehre des Regiments, der Komvpagnie!' Als die Titanic unterging, rief der Kapitän den Matrosen zu: „Bewährt euch als Briten!", nicht: „als Edelmenschen": Je kleiner die Gruppe, desto stärker fühlt sich der Einzelne ihr verpflichtet: Jude ist etwas Intensiveres, Kraftvolleres als Mensch, denn der Unterbegriff hat mehr Inhalt als der Oberbegriff und steht dem Individuum näher. Die Mahnung: „Ein Jude tut so und nicht so", wirkt mehr als: „ein anständiger Mensch..." Mindestens wirkt das erste als Verstärkung des zweiten. Darin liegt allgemein eine Rechtfertigung jeder Einzelreligion. - Es ergibt sich daraus aber auch die Antwort auf die zweite Frage, die noch zu beantworten ist: In wessen Namen soll der Kult geboten werden? Ich meine, es gibt nur die eine Antwort: im Namen der jüdischen Gemeinschaft! Ich habe mich darüber in meiner Broschüre „Gyges — die Judenheit" weiter verbreitet, als hier möglich ist. Auch Woyda und die Gruppe, in deren Namen er spricht, wird diese Konsequenz nicht vermeiden können: Erziehung kann nur von einer Autorität ausgehen, Selbsterziehung durch freiwillig erfundenen Kultus wäre wäre ein Unding; kann Religion und besonders Judentum erzieherischen Kultus nicht entbehren, und Gott und Religionsgesetz wird nicht als sein Urheber anerkannt, so bleibt, soviel ich sehe, nichts weiter übrig, als die Gemeinschaft in den Stand der fordernden Autorität einzusetzen. Sie wird allerdings ihre Forderung nicht als unverbrüchliches Gesetz, sondern mehr als Sitte erheben, und diese ethisch oder ästhetisch begründen müssen. Absolute Autorität erkennt der Liberalismus nicht an. Autorität aber bekommt die Judenheit nur durch Leistung! Und hier hat Wiener und Woyda jeder in seiner Weise Recht und Unrecht. Diese Leistung kann der Palästina-Aufbau sein. Sie könnte aber auch auf religiösem Gebiete liegen. Wenn sich die Judenheit entschließen würde, etwa wie die Quäker, für große aktuelle Ideen oder Handlungsweisen von gleichzeitig allgemein-menschlichem und jüdisch-ethischem Charakter kraftvoll einzutreten (wie etwa Pazifismus, Abstinenz, Abschaffung der Todesstrafe, das Recht auf den Tod, Ehereform, Befreiung der Menschheit von irgend einem Elend od. dgl.), wenn der Orden U.O.B.B. oder die Rabbiner darin vorangehen und die übrigen ihnen folgen würden, — dann brauchte Wiener nicht den Palästina- Aufbau, um der Judenheit Autorität zu verschaffen! Aber wer hat Schuld, daß das Utopie ist?! Wer anders als gerade die führenden liberalen Kreise, die sich in ihren politischen, wirtschaftlichen usw. Einstellungen — „ausgerechnet durch die jüdische Religion!" — nicht stören lassen wollen! Hier liegt der wahre Grund für den Unterschied zwischen der sogenannten Rabbinerpartei im Liberalismus und den Kreisen um Woyda. Diese wollen das Hühnchen schächten und ihm nicht wehtun, wollen Juden sein, aber so billig wie möglich. Und das billigste ist, zu sagen: Judentum ist Bekenntnis zum Eingottglanben und Moral. Sie vergessen, daß es ethischen Monotheismus, lvenn auch noch nicht überall, so doch genugsam auch außerhalb 'der Judenheit gibt, Er ist das allgemein Menschliche, das dem Judentum (nicht der Judenheit!) Würde gibt. Aber das Jüdische, Judenheitliche im Judentum ist: Vorbereitung der Verwirklichung monotheistischer Moralität durch Kultus. Und davon gilt noch heute das Midraschwort: Nach der Sünde der Anbetung des goldnen Kalbes in Israel sprach Gott zu Mose: Die Zehngebot-Tafeln, die Ich dir eben gegeben habe, vertragen sich nicht mit dem Volk: entscheide dich für eins von beiden! Da zerbrach Mose die Tafeln, sprechend: Die Zehn Gebote schaffen das Volk nicht neu, wenn es vernichtet wird; aber Israel wird die Gebote neu schaffen, wenn sie zerbrechen! Von der Gemeinschaft hängt alles ab! Die Gemeinschaft führt in die Wirklichkeit, was in her Idee allgemeingiltig ist. Gemeinschaft und Gemeinschaftsbewußtsein zu erhalten und zu stärken ist das Allerwichtigste. Sprechsaal Für diese Rubrik übernimmt die Echristleitung lediglich die pretzgesetzliche Verantwortung. Das Ende des preußischen Zudengesehes in Polen Von Sanitätsrat Dr. Scherbel in Lissa i. P. Als Polen durch den Vertrag von Versailles in den Besitz der Provinz Posen und eines großen Teiles von Westpreußen und Schlesien kam, da übernahm es auch viele deutsche Gesetze und ließ sie in diesen Gebieten weiter bestehen, so das Bürgerliche Gesetzbuch, das Deutsche Strafgesetzbuch usw. Auch das preußische I u d enge s e tz vom 23. Juli 184? wurde mit übernommen, und die Verwaltung der jüdischen Gemeinden daselbst geschah nach diesem Gesetze Damit hat es nun ein Ende. Durch eine Verordnung des Staatspräsidenten vom 5. Mai 1928 ist das polnische Judengesetz vom 14. Oktober 1927, das Geltung hatte für ganz Polen mit Ausnahme der Wojewodschaften Posen, Pommerellen und Schlesien, nunmehr auch auf Posen und Pommerellen ausgedehnt worden, so daß also das preußische Judengesetz einstweilen — voraussichtlich, nach den bekannten Bestimmungen, für fünfzehn Jahre — nur noch für Schlesien gilt. Das Grundgesetz des neuen in vielen einschneidenden Punkten abgeänderten polnischen Judengesetzes ist, daß die Juden Polens eine Religionsgemeinschaft bilden, an deren Spitze der Religionsrat der jüdischen Gemeinden steht. Der Verband der jüdischen Gemeinden und die einzelnen Gemeinden haben Korporationsrcchte. Die Statuten der jüdischen Gemeinde stimmen hinsichtlich der Aufgaben, welche sie zu erfüllen hat, im wesentlichen mit denen des preußischen J)ud engesetz es überein, nur werden gewisse Verpflichtungen gegenüber den orthodoxen Anschauungen stärker betont, so: die Einrichtung und Erhaltung ritueller Bäder, die Sorge für die Beschaffung koscheren Fleisches, für die religiöse Erziehung der Kinder. Besonderer Nachdruck wird auf die Einrichtung wohltätiger Institute gelegt. Repräsentanten (einen Gemeinderat) wird es nur noch in den Gemeinden geben, die über 5000 jüdische Seelen zählen. Solche gibt es aber in den früheren preußischen Provinzen nicht. In den Gemeinden, die kleiner sind — und dazu sind nun die Gemeinden Posens und Pommerellens zu rechnen —, wird nur noch ein Vorstand gewählt, der aus dem Rabbiner und acht wählbaren Mitgliedern besteht. Die Wahl ist eine allgemeine, gleiche, geheime, unmittelbare und proportionale und erfolgt auf vier Jahre. Aktives Wahlrecht haben diejenigen Gememdemitglieder, die das 25. Lebensjahr vollendet haben, männlichen Geschlechtes sind und die im Gemeindebezirke ohne Unterbrechung mindestens ein Jahr wohnen. Das passive Wahlrecht haben polnische Staatsbürger, die das 30. Lebensjahr vollendet haben und unbescholten sind. Die Wahl des Vorsitzene n des Vorstandes erfolgt durch einfache Stimmenmehrheit. Bei Stimmengleichheit entscheidet das Los Die Beschlüsse des Vorstandes erfolgen mit gewöhnlicher Mehrheit der Stimmen. Bei Stimmengleichheit gilt ein Antrag als abgelehnt. Besonders hervorzuheben ist, daß der Vorstand den Vorsitzenden aus sich heraus wählt. Der Vorsitzende beruft die Versammlung ein und leitet die Beratungen. Im Falle der Behinderung vertritt ihn das älteste der Vorstandsmitglieder. Der Vorstand vertritt die Gemeinde in allen Rechtsverhältnissen. Verpflichtende Dokumente müssen durch den Vorsitzenden oder seinen Vertreter und zwei Mitglieder des Vorstandes unterschrieben sein und müssen mit dem Gemeinde- Siegel versehen sein. Beschwerden gegen die Wahl des Vorstandes sind binnen 14 Tagen bei der örtlichen Aufsichtsbehörde (Landratsamt, Starostwo) einzureichen. Zur Erfüllung besonderer Aufgaben kann der Vorstand entsprechende Kommissionen bilden, zu denen er Person«» berufen kann, die nicht zum Vorstände gehören. Der Vorsitzende des Gemeindevorstandes hat das Recht, an allen Sitzungen der Kommissionen mit beratender Stimme teilzunehmen. Der Gemeindevorstand setzt das Budget jedes Rechnungsjahres fest und stellt die Namensliste der Gemeindemitglieder auf mit Bestimmung des jedem auferlegten Beitrages. Das Budget und die Liste der auferlegten Beiträge müssen acht Tage hindurch für die Gemeindemitglieder zur Einsicht zugänglich sein. Hinsichtlich der Aus- > legung des Budgets und der Liste der Beiträge muß eine öffentliche Ankündigung in entsprechender Weise erfolgen. Nach Ablauf der folgenden Woche muß das Budget zugleich (mit den Beschwerden an die Aufsichtsbehörde gesandt werden. Auch der Rabbiner der Gemeinde wird durch die Gemeindemitglieder in allgemeiner, gleicher, geheimer und unmittelbarer Abstimmung gewählt. In diesem neuen polnischen Judengesetz ist vornehmlich die Bestimmung von Bedeutung, daß nur polnische Staatsbürger das passive Wahlrecht haben. Optanten, deutsche Reichsangehörige und sonstige Ausländer dürfen also nicht in 'den Vorstand gewählt werden. Doch scheint ihre Wahl in die Kommissionen zulässig zu sein. Auch daß die Frauen weder aktives noch passives Wahlrecht haben, wird in der jüdischen Frauenwelt tief empfunden werden. Der Vorsitzende des Vorstandes hat eine weit größere Machtbefugnis als früher. Umsomehr wird man bei den eigenartigen Verhältnissen, wie sie in vielen Gemeinden Westpolens bestehen, an seine Wahl mit größter Bedachtsamkeit Herangehen müssen. Liberales Judentum Wohin schwankt unser westliches Judentum, wankend und schwankend? Bietet man uns Erinnerungen an die Orthodoxie als Religionsersatz? Oder sollen wir zum Mystizismus bekehrt werden? Oder sollen wir alle nach Zion wandern, um dort eine neue Religion zu begründen? Formen brauchen wir — wir brauchen sie ja nicht so ernst zu nehmen, sagen die Einen. Religiösen Geist haben wir im Ueberfluß. M y st i z i s m u s tut not, echoen Andere dem protestantischen Theologen Otto nach. Ohne Mystizismus gibt es auch keine religiöse Sittlichkeit; also werdet nur mystisch, dann habr ihr Form und Geist. Einer dritten Partei genügt das Zusammenleben der Juden mit Juden und anderen Völkern nicht. Sie will uns völkisch sammeln, was am sichersten natürlich auf dem Boden Palästinas geschieht, da wir nicht 'gut ins Ghetto zurückkehren können. Bis dahin ist die jüdische Religion suspendiert; aber nachher blüht sie von selbst mächtig auf.' Wenn wir erst ganz unter uns sind, sprießt es von Propheten. Man schaudert vor soviel Talentlosigkeit und maskierter Schwäche. Es ist zum Orthodoxwerden oder Davonlaufen! Wenn Juden noch miteinander ernsthafte ^Lebensgedanken gemeinsam haben, werden sie sich gern zusammenfinden. Dann werden sich auch wieder Kultsormen als religiöse Umgangsformcn ohne künstliche Züchtung herausbilden. Die Juden werden dann auch wieder mit wachsendem Eifer in ihrer Geschichte und religiösen Literatur forschen. (Ich wünsche das von Herzen.) Mystizismus mögen wir verderbte Westeuropäer nicht; wir Juden nicht, weil uns schon Mose gelehrt hat, daß unsere Lehre nicht jenseits des Meeres oder im Himmel sei. Aber eins wollen wir als Juden — trotz des Wienec'schen Schwächezeugnisses —, und zwar als Hauptsächliches und Centrales: an den ernsthaften Interessen der menschlichen Gesellschaft arbeiten, ihre sittlichen Aufgaben uns auferlegen. Das haben ernsthafte moderne Forscher als Wesen d,es Judentums angesehen (vergleiche mein „Wesen des Judentums" in der Viertcljahresschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums 1914). Wenn das Judentum uns dazu nicht Grundlage und Gelegenheit gibt, so werden die Besten sich von ihm abwenden und ihre Befriedigung in pacisistischen und ethischen Vereinen suchen. Echte Sittlichkeit steht in einem Gegensatz zu Politik und Wirtschaft. Wir begreifen daher, daß zu ihrer Vertretung Vorsicht und Mul gehört. Beides muß das Judentum aus religiösem Geiste aufbringen. Ich wiederhole deshalb: Schaffet Zeitschriften für Sittlichkeit! Besprechet euch über alle Fragen der Sittlichkeit! Fürchtet euch nicht und machet Ernst mit der Sittlichkeit! Dann werden nicht nur Jugendliche, sondern auch ernste erwachsene Menschen in euren Versammlungen singen und sagen und beten. R.-A. L e w i n s k i, Berlin Die Grundsteinlegung der Synagoge Prinzregenlenstratze Zu der Notiz „Eine merkwürdige Grundsteinlegung" in Nr. 44 Ihrer Zeitung erlaube ich mir Folgendes mitzuteilen: Das „zahlreiche Publikum" hat nach meiner -Schätzung die Kopfzahl 50 jaum überschritten; ich glaube nicht in dem Eindruck zu irren, daß der größte Teil der Anwesenden von der Nüchternheit! dieser „Feier" überrascht, ja enttäuscht war (und so mancher vielleicht bedauerte, seinen Sonntagsschlaf um dieser Feier willen, die keine Feier war, gekürzt zu haben). — Ich habe vor Jahren in einer mittleren Provinzstadt der Grundsteinlegung des Gerätehauses der Feuerwehr beigewohnt; das war wirklich ein feierlicher Akt, der mit einigen Ansprachen und den üblichen Hammerschlägen einer Corona von Rednern schloß. Und hier keine Spur. Was mir besonders merkwürdig erschien, war, daß bei der Grundsteinlegung eines Gotteshauses nicht ein einziger Rabbiner weder in amtlicher Eigenschaft noch unter der kleinen Schar der „Festgäste"' zu entdecken war; sicherlich hätte die Anwesenheit der Geistlichkeit in Amtstracht der Feier auch äußerlich eine gewisse Folie verliehen. Ob man auch übersah, diese Herren einzuladen? Und weiter könnte man fragen, welchen Eindruck diese Tatsache auf Nichtjuden gemacht hätte, die man hier zunächst einmal in Gestalt von Vertretern staatlicher oder kommunaler Behörden vielleicht hätte vermuten dürfen? Die Synagoge soll, wenn ich nicht irre, ein Milliönchen oder mehr kosten. Es ist durchaus nicht erforderlich, daß jeder Anlaß gefeiert wird; ich kann mir aber kaum denken, daß von irgend einer Seite Einspruch erhoben worden wäre, wenn man sich die Grundsteinlegung hätte „etwas kosten lassen". Aber mir scheint, daß man auch ohne erhebliche Kosten die Grundsteinlegung eines Gotteshauses zu einer würdigen Feier gestalten kann zur Ehre Gottes, zur Ehre des Judentums — und auch zur Ehre der Erbauerin. Wie man das macht? Es wäre nicht schwer gewesen, das zu erfragen, und cs wäre vielleicht auch angezeigt gewesen, zu verhindern, daß man diesen Schauplatz einer „Feier" mit einem bedenklichen Kopfschütteln verläßt! Und schließlich muß man auch fragen, warum denn nicht früher und nicht nachdrücklicher, etwa durch Inserat in den Tageszeitungen, auf die Grundsteinlegung aufmerksam gemacht wurde? Zwar, in diesem Falle hätte cs allerdings nur noch mehr Enttäuschte gegeben! Oscar Klebinder. Ergänzung Wir werden um nachfolgende Vervollständigung der Notiz „Gründung des Vereins Gemeinnützige jüdische Eheanbahnungsstelle", die wir in der vorigen Ausgabe unserer Zeitung veröffentlichten, gebeten» Die Zahl der Mitglieder bei der Begründung betrug 220, mit 1600,— Mk. Jahresbeiträgen und 1000,— Mk. einmaligen Beiträgen. verelusnachrichten Jüdischer Jugendbund Chemnitz. Mittwoch, 14. November, abends, Vortrag George G o e H (Berlin), Generalsekretär der Bereinigung für das liberale Judentum c. V.: ,„Die geschichtliche Bedeutung des religiösen Liberalismus im Judentum". > verein Hauplsynagoge, Frankfurt a. M. Ab 9. November Lehrvorträge Dr. Seligmann: Das Einheitsgebetbuch. Jeden Sonnabend Dr. Gottschalk: Religiöse Fragen. Am 16. November findet die 2. Freitagabendfeier statt. Stiftungsfest des Israelitischen Wohltätigkeitsvereivs Humanitär. Am 10. November findet im Logenheim Joachimsthaler Straße das 30 jährig« Stiftungsfest des Israelitischen Wohltätigkeilsvereins Humanitas statt. Herr Wittenberg feiert gleichzeitig sein 25 jähriges Jubiläum als Vorstandsmitglied. Frau Falk, Köpenicker Str. 36-38, Mitglied des Liberalen Vereins, leitet ebenfalls bereits 25 Jahre die Frauenloge des Vereins und hat es verstanden, den Verein durch die schlimmsten Zeiten, Krieg und Inflation, erfolgreich hindurchzuführen und viel Not und Elend zu lindern.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.