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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-11-09 · 45 (9.11.1928) · page 8

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
45 (9.11.1928)
Date
1928-11-09
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Matinee der jüdischen Allershilfe Die Morgenfeier, welche die Jüdische A l t e r s h i l f e im Renaissance-Theater am letzten Sonntag veranstialtete, wurde zu einem wohlgelungenen Fest, war ein schöner bunter Strauß auserlesener künstlerischer Genüsse! — Recht erfreuliche war es, zu beobachten, daß die Kinder berühmter jübiH scher Eltern nicht auf den noch frisch grünenden Familien>- Lorbeeren ausruhen, sondern sich ihrerseits von neuem lnit Erfolg strebend bemühen, und es dabei zu höchst beachtlichen Kunstleistungen bringen! Die einleitende Ansprache hielt Dr. Rudolf Kays e r, S. Fischers bekannter Schriftleiter, der Dichter der schönen „Moses-Legende". Kayser betonte den wohltätigen Sinn und Zweck der Feier. Gibt es etwas Schöneres, als alten, nicht mehr arbeitsfähigen Menschen, gleichgültig welcher Konfession, zu helfen? Dann rezitierte Heinrich Schnitzler mehrere ungemein charakteristische Proben jüdischen Geistes, B u b e r s religiöse Inbrunst, Polgars geistreiche, ein bißchen ruppige Scherze, und einige der tiefsinnigen Arabesken Kafkas, in denen so viel Welltweisheit und so viel aufwühlende Melancholie steckt. Grete Walter sang mit spielerischer Grazie und kkichelnder Ueberlegenheit moderne Mulee-Songs, sich selbst am Klavier begleitend, — beweisend, daß es auch in diesem, vielfach nicht recht anerkannten Genre wirklich Schönes gibt. Wolfgang Stresemann spielte, mit Meister Kniestädt und Stegmann zusammen, sein Trio op. 7. Nichts von Edel- Dilettantismus! Das war über jeder Diskussion stehende K u n st! Der junge Ministersohn zeigte, daß man moderne Musik schreiben kann, ohne dabei atonal zu sein. Das Schluß- Andante mit seinem kühnen, aufstrebenden Thema war ganz wundervoll! Boris Schwarz, ein außerordentlich begabter junger Geiger, spielte mit großem, männlichen Ton und vollendeter Technik: Paganini, das russische Wolgalied, Pugnani-Kreisler. Er wird wohl bald zu den ganz großen Geigern gehören! Der jubelnde Beifall erzwang natürlich Zugaben. Zum Schluß sang Margot Ein st ein, ein schlankes, sehr kluges, sehr begabtes Menschenkind zur Laute mit entzückender Trolerie, mit kleiner, aber sehr sympathischer Stimme jiddische Volkslieder und eigene Kompositionen. Man wußte nicht recht, was liebenswerter war, der Kunstverstand der jungen Dame oder ihr persönlicher Charme. Tie Darbietungen dieser ganzen Veranstaltung gingen weit über dm Rahmen des Gewöhnlichen und sonst lieblichen hinaus. In feinerer und noblerer Weise konnte der guten Sache nicht gedimt werden, als es hier geschah. Tie Besucher nahmen bleibende Eindrücke mit nach Hause, nicht nur flüchtige Erinnerungen an schöne Stunden. Tr. Ludwig Davidsohn, Berlin. Konzertabend Madeleine Grey Ein mit erlesenem Geschmack zusammengestelltes buntes Programm absolvierte im Bechsteinsaal die feinkultivicrte Madeleine Grey. Ein Drittel dieses Programms bestand aus jüdischer Musik. Daß in den letzten Jahren Konzerte jüdische Musik in ihr Programm aufnehmen, ist zunächst ein Beweis dafür, daß man ihre Gleichberechtigung anzuerkennen beginnt. Erst Ernest Bloch hat seinen musikalischen Schöpfungen nicht bloß eine jüdische Physiognomie gegeben, sondern ihnen durch großzügige Anlage den Weg in das große Konzertprogramm geebnet. Andere junge Musiker folgten unerschrocken diesem Beispiel und trugen dazu bei, daß jüdische Musik jetzt nicht nur in „Jüdischen Volksliederabenden" gehört wird, so daß durch Einreihen zwischen Bach, Beethoven, Mahler, Reger etc. auch dem nichtjüdischen Publikum Gelegenheit gegeben wird, diese kennenzulemen und dem Werte nach zu schätzen. Im Interesse der jüdischen Musik halte ich diese Art von TurHvringen für viel wichtiger und gesünder, als wenn ein rein jüdisches Publikum aus „Patriotismus" Wertvolles und Wertloses mit gleicher Begeisterung aufnimmt und beklatscht. Im Hauptteil ihres Programms bot Madeleine Grey französische Volkslieder und Chansons aus verschiedenen Provinzen. Es war ungemein reizvoll, den Unterschied zwischen dem graziös dahinschwebenden französischen und dem darauffolgenden schwermütigen jüdischen Gesang festzustellen. L'Adonai elohenu, Psalm 144, Meyerke von Ravel und vor allem das wundervolle Kaddisch von Algazi, das trotz seiner rhapsodischen Aufbaus von wundervoller Geschlossenheit ist (allen Kantoren kann ich dieses Kaddischdas durch seine einzigartige Fassung reinste Synagogenluft atmet, empfehlen), übten aus das Publikum eine starke Wirkung aus. Hamavdil von Milhaud und Ter rebele der gabele von Aubert in tadellos durchs sichtiger Bearbeitung wurden von Madeleine Grey mit fabelhafter Beherrschung des Stoffes virtuos vorgetragen. Tr. V. Ernst Wolfs war am Klavier unübertrefflich. Leo Kopist Berlin. (1. Gcmeindeabend des Vereins Liberale Synagoge Norden.) Am 5. November fand unser 1. Gemeindeabend statt. Herr Falkenberg begrüßte die sehr zahlreich erschienenen Mitglieder und Gäste und gab, auf das vergangene Geschäftsjahr zurückblickend, seiner Freude darüber Ausdruck, daß die von dem Verein verfolgten Ideen inzwischen sichtbar an Boden gewonnen haben. Die Gründung der Liberalen Synagoge Wilmersdorf und der Liberalen Synagoge Westend, des jüngsten ins Leben getretenen Trägers unserer Bestrebungen, zeige, daß wir auf dem richtigen Wege sind. Sodann nahm an Stelle des leider erkrankten Herrn Rabbiner Dr. Galliner Herr Prediger Dr. Karl Rosenthal .das Wort zu dem Thema: Welche Gegenwartsfragen hat uns die liberale Weltkonserenz gestellt? Herr Dr. Rosenthal verstand es in überaus fesselnder Weise, seine Zuhörer mit der Gedankenwelt der liberalen Weltkonferenz vertraut zu machen. Ausgehend von der allgemeinen Feststellung, daß die Weltkonserenz keine Lösungen bringen, sondern nur die Erkenntnis vermitteln konnte, wo die Probleme des jüdischen Liberalismus liegen, zeigte der Vortragende zunächst die prinzipiellen Seiten des Problems aus. Liberalismus sei alles andere« als Jndifferentismus in jüdischen Dingen. Liberalismus sei eine Idee, eine Methode, jüdische Dinge zu betrachten. Diese Methode bringe den Liberalismus in einen Gegensatz zur Orthodoxie, die sich lediglich auf die Autorität eines geschriebenen Gesetzes zu stützen wisse, während der Liberalismus die Selbstverwaltung des Einzelnen ohne ein allgemein verbindliches Gesetz auf seine Fahne geschrieben habe. Gleichwohl aber sei die Tradition nicht etwa abzulehnen, denn sie bedeute nach liberaler Auffassung ständigen Fluß geistigen Lebens, nicht Anerkennung des Gewordenen, sondern des ewig Werdenden. Als Gegenwartsaufgabe bezeichnete der Vortragende dem Judentum in erster Linie die, Weltreligion zu werden. Ein« völkische Bindung der jüdischen Religion sei daher eine Unmöglichkeit. Als weitere Aufgabe des Liberalismus ist der Ausgleich zwischen dem Individualismus und dem Kultus der Gemeinschaft zu betrachten. Aus der Bewegung ★: wobei der Redner mit Recht daraus hinwies, daß es sich hierbei nur um die Auffindung einer mittleren Linie handeln kann, auf der der Gemeinschaftskultus und der Geschmack und das religiöse Bedürfnis des Einzelnen sich begegnen können. So sehr das liberale Judentum danach streben müsse, im besten Sinne des Wortes zeitgemäß zu sein, d. h., den Besten seiner Zeit zu genügen, so wenig könne es des Irrationalen entbehren. Aus dieser Erkenntnis erfolgt auch, daß der Liberalismus keine Einheit sein kann, sondern weitgehendste Toleranz üben muß, wenn anders er sich nicht selbst ausgeben will. Liberalismus verlangt nicht, die Meinung des andern für sich selbst als richtig anzuerkennen, wohl aber für den andern als von seinem Standpunkt aus richtig. Wegen der vorgerückten Stunde mußte der Vortragende es sich leider versagen, aus der prinzipiellen Erörterung der Probleme die praktischen Folgerungen für die liberale Gestaltung des Gottesdienstes, die Aktivierung der Laien, den Religionsunterricht und das häusliche Leben zu ziehen. Er mußte sich vielmehr damit begnügen, seinen Zuhörern die Betätigungsfelder des jüdischen Liberalismus im Leben der Gemeinde und des Einzelnen anzudeuten und sie so zu eigenem Nachdenken anzuregen. Hieraus referierte Herr Dipl.-Ing. Ludwig Lcwin über das Thema: Wie steht die liberale Jugend (zur Weltkonferenz? Der Redner bemängelte, daß die Konferenz keine Letzte Klärung der behandelten Probleme gebracht habe, wie die Jugend es gewünscht hätte. Er vermißte auch die Aktualität der Verhandlungen. Anerkennung zollte er hingegen der Tatsache, daß der Jugend eine besondere Sektion cingeräumt worden ist, in der die Probleme der jüdischen Jugend diskutiert und geklärt worden sind. Man habe so Gelegenheit gehabt, mit der Jugend anderer Länder Fühlung zu nehmen und manche wertvolle Anregung zu empfangen. Bis zu Lösungen sei man jedoch auch hier nicht vorgcdrungen. Beide Redner ernteten reichen Beifall der /Zuhörer, die den interessanten und tiefschürfenden Ausführungen bis zum Schluß mit ungeteilter Aufmerksamkeit folgten. Der Abend wurde durch künstlerische Darbietungen der Konzertsängcrin Frl. Frost, des .Herrn Oberkantor Gollanin und des Herrn Lundgrcen eingelcitct und beschlossen. Auch diese Vermittler reiner Kunst gaben ihr Bestes und trugen so wesentlich zum Gelingen des Gcmeindeabcnds bei, der allen Teilnehmern Stunden der Erbauung gebracht hat. Zum Schluß sprach .Herr Falkenberg allen, die durch ihre Mitwirkung den Abend ermöglicht hatten, der »herzlichsten Dank der Liberalen Synagoge Norden aus. Frankfurt a.M. (Verein Hauptsynagog e.) Ter „Verein Hauptsynagoge" veranstaltete bisher: am 7.10. ein Simchatthorascst, für das sich Herr Oberkantor Saretzki zur freundlichen Verfügung gestellt hatte; am 24. 10. ein Kinderfest, um das sich Frau Dr. Hoffmann verdient machte; am 2. 11. eine Freitagabcndfeier, an der Herr Kantor Weißmann (Gesang) und Herr Bober (Harmonium) srcundlichst mitwirkten. Nach Kiddusch und Schir hamaalaus las Dr. Gottschalk eine Erzählung von Asch und Gedichte. — Am 20. 10. begann der Kursus „Religiöse Fragen" (Dr. Gottschalk). Am .9. 11. beginnt Dr. Seligmann mit Lchrvorträgen über das „Einheitsgcbctbuch". Am 14. 12. spricht Dr. Salzberger über: „Die Dichtungen der Bibel". Kedb 8ebeinäel Von Paul Joachim Ol 1 en d o r f f - Barmen. (Schluss) Rebb Scheindel irrte einen Weg, der Strom hatte ihn mitgerissen, seine Kleider waren zerzaust und in seinen Ohren gellte immer noch der Lärm. Unschlüssig ging er hin und her. Es packte ihn ein Grauen, ins Haus zu gehen. Ein Schaudern vor der Nacht in seinen Zimmern. Geduckt und elend schlich er hin und mühsam rangen sich seine Gedanken ab. Mord war geschehen, wilder Mord und die Verzweiflung war entfesselt. Rebb Scheindel ächzte, er lief, er spornte sich an, als könne er vor sich selber fliehen, es war, als schrie seine Seele auf nach einer Züchtigung, nach einem Schmerz, der noch unendlich größer wäre, als alles bisher Ertragene. Erschöpft hielt er endlich ein. Da lagen vor ihm Gärten, Hecken, feucht von der Kühle, streiften ihn. Rebb Scheindel starrte in den Dämmer, seine Blicke sahen durch das Zwielicht. Aus den Gärten strich der Wind weit in die uferlose Stille, die doch von irgend einem Klang durchzittert schien. Und wenn er aufsah, dünkten ihm alle Dinge seltsam belebt. Es war, als wechselten sie ihre Formen, ein Gefühl, wie nie empfunden, kam über ihn. Aus dem blauen Leuchten schienen die Straßen und die Häuser autzuglühen, ein magisches Wunder, ein Spiegelbild heraufgezaubert, er glaubte alles zu sehen, alle Gassen, alle Häuser und die Brüder und ihre Qualen. Und die Gestalten wuchsen und kamen näher in einer überscharfen Klarheit, verwehten sich und wurden eins, eins, mit einem großen, namenlosen Leben. Rebb Scheindel wehrte sich und gab sich hin. Sein Herz erzitterte, er fühlte eine heiße Liebe, die in ihm quoll, ihm war, als trüge er mit einem Male alles, was er sah, in seinem Blut. Pein und Leiden, Tränen und Martern häuften sich auf ihn. Seine Schultern krümmten sich, aber seine Kräfte wuchsen riesengroß. Seligkeit kam über ihn und die tausend bangen Herzen, die in seinem Ich zusammenschlugen, wandelten sein eigenes Selbst in unnennbares Licnt. Rebb Scheindel schloß die Augen. „Denken und nicht denken", stammelte er. Einen Sinn in diesem Ansturm finden, wachen und träumen, jauchzen und schweigen. Und über seinen Augen sah er immer wieder neue Wunder, Glitzersterne funkelten und spannen ein seidenweiches Licht hinunter bis auf die Stadt. Wie eine Bahn lief dieser Lichtweg nieder. Immer klarer und überirdischer wurde seine Helligkeit. Und während Rebb Scheindel emporsah wie geblendet, fieberten seine Sinne. Seine Gedanken klammerten sich an eine Frage, die immer klarer in ihm brannte, sie formten Sätze und sie gaben Antwort. Alle die Stimmen der Verzweifelten schlugen um ihn auf. Niemand hat das Verderben getan, und doch hat eine Hand den Stein geschleudert. Keiner hat sich empört, und doch soll ein Volk gezüchtigt werden und büßen. Niemand hat sich aufgereckt und doch steht der Widersacher aufgetürmt wie eine Mauer — — — ist dies nicht ein Wille, ein großer, namenloser Wille und ein Sinn? Liegt in diesem Elend nicht die Glut begraben, die ihre Fasern tastet bis zum Urbeginn der Welten? Rebb Scheindel richtete sich empor, es ist, als wurzelten seine Füße in die Erde, er glaubt, der Strom des Perlenlichtes übergösse seinen Nacken. Die Stimmen seiner Gedanken schwollen immer wilder, aber aus dem Innersten der Himmel glomm das Licht so übertaucht von Strahlen, daß es sich selber entflammte. Da war es, als rissen alle Ketten und sprängen alle Bänder. Rebb Scheindel glühte, sein Körper bebte, er breitete die Arme aus und öffnete die Lippen, und sein Rufen trugen die Winde in die Unendlichkeit. „Israel, Israel", schrie es empor und der Widerhall seiner Summe rollte durch den Raum wie Donner. „Israel", klang es von Rebb Scheindels Mund und seine Augen strahlten in Verzückung. Seine Seele schauerte, und auf ihn zu strömte es unablässig, geboren in Liebe und gesegnet in heiligen Schmerzen. „Israel, Israel" — — — der Morgenwind fuhr auf und der Schein zerrann und taumelnden Schrittes ging Rebb Scheindel heim. Aber er sah die abgehetzten und gemarterten Gesichter seiner Brüder nicht. Er sah nicht Chaim Bendel und eine Schar von Volk, die vorüberjagte, bewaffnet mit blanken Eisen. Und er hörte den Lärm der trunkenen Gelage nicht, den der junge Tag herübertrug aus den Palästen, wo der König selbst bei Tafel saß und trank und zechte. VI. Die Stadt war dem Wahnsinn nahe. Stunde auf Stunde zerrinnt, und wenn am Morgen die Trompeten gellen, werden die Tore aufgerissen und herein rast der gierige Tod. Aus der Stadt stieg ein Fieberdunst. Man verriegelte die Häuser und hockte in den Zimmern. — Einige zeigten irgend einen Menschen an und schrien, daß er die Tat getan. Man zerrte und schlug de» Unglücklichen und schleppte ihn vor den Rat. Aus der Stadt quoll ein taumelndes Gesumme, es war das Aechzen vieler Hunderter, es wuchs zu einer tollen Melodie, ein Singsang, der Leben vom Leben riß. Aus der Stadt stieg der Wahnsinn. Die Gefaßten beteten im Tempel unaufhörlich, die Starken rissen sich zusammen, aber ihr Hirn war Glut. Und draußen vor den Mauern brodelte es und gellte es immer wilder gegen die Tore. Das Gerücht von der Plünderung der Stadt hatte Tausende herangelockt. In Prag waren alle Herbergen voll gepreßt mit Menschen, wie Tiere, die der Spürsinn treibt, kamen sie heran. Ein Gewimmel von Burschen, Knechten, Weibern, man schleppte Stricke, Seile, Leitern, Waffen, Nacht war Tag und Tag war Trunkenheit, und die Schenkstuben wurden nicht leer. Sie faßten die Menge kaum, die Wirte sprangen, und Kannen und Krüge klapperten. Die Fleischer schlugen sich auf die prallen Schenkel, zeigten die nackten Arme und schrien: „Juden schlachten", „Juden schlachten", hallte es zurück. Der Ruf wirbelte durch alle Köpfe und der Blutrausch stieg. In den Straßen taumelte das Volk. Man rief den Kanzler und den König, und der Kanzler und der König und alle Adeligen saßen bei Tafel und erwarteten das große Schauspiel. Der Wein floß und der König trank. Schon gellte man nach den Rossen und der Troß hastete hinab und spähte nach der Judenstadt und der Blutrausch stieg. Und der Himmel glüht? wie Fackellicht und war vom Flammenschein wie von einer dunstigen Hülle gedeckt. Und die Nacht tastete mit schwarzen Fittichen, kroch um die Judenhäuser, preßte sich an die Fenster und trug den Feuerschein in ihren Fängen und schleppte schreckliche Gesichte vor die Gemarterten. Es war, als knisterte es leise im Gebälk, eine Geißel schlägt mit langen feurigen Strähnen, reißt die Leiber vom Boden auf und hetzt sie aneinander — — — Tod und Ende, Ende und Verderben — — —. Wie Rebb Scheindel diesen Feuerschatten sah, riß er sich von den Seinen los und stürzte fort. Die Lohe umhüllte ihn, er sah, wie sie wuchs, sic fraß wie ein Ungeheuer den heiligen Glanz der Sterne, und ihr Bauch mästete sich zusehends. Rebb Scheindel jagte, sein Atem sog die brennende Luft. Die letzte Nacht kam wie ein rießengroßer Feuerberg, und ihre Brunst war die Wollust der Schlächter! An das Feuer hinaus, und dem Brand entgegen, der Mord kauert an der Erde und die Gier tanzt um .seinen Schädel. Rebb Scheindel irrte durch die Gassen. Noch einmal trieb es ihn zu sehen die Stätten seiner Tage, er tastete vorbei an den Häusern, mit sich selber rechtend, er ging einen Weg viele Male, und Minute auf Minute verrann. Alles Niedere und Kleine zerfiel in ihm und dennoch war eine Qual in seinem Blute. Irgend eine Pein, die ihn marterte und mit der er rang. Tief nach Mitternacht riß der letzte Halt. Ein tausendfaches Johlen aus der Pragerstadt schlug an sein Ohr. Rebb Scheindel war es, als kreise die ganze Erde wie ein Feuerball um ihn. Wieder kamen geisterhafte Gesichte, er sah die Häscher die Tore hämmern. Sie bissen sich durch die vollgepfropften Straßen. Aus den Schenken taumelte es, und drinnen in der Judenstadt quoll der Strom der Elenden. Hüben und drüben drängte und schlug es zu ihm und klammerte sich wie Eisen an seine Schultern. Aber er griff mit beiden Händen zu und hob die Jammernden empor. Sein Nacken krümmte sich und seine Zähne knirschten aufeinander und seine Kräfte wuchsen ins Gewaltige. Es rauschte auf ihn zu, stützte seine Glieder, es kam mit klingender Macht und hallte unermeßliche Akkorde. Da kroch die grause Not in sich zusammen wie ein Wurm und aus dem Moder stiegen strahlende Gestalten. Könige in wallenden Gewändern, panzerstrotzende und helmbeschmückte Streiter. Da tauchten sie empor, Propheten, Seher und Erweckte, und die Luft erdröhnte von dem heiligen Gewirr der Stimmen. Rebb Scheindels Augen funkelten, er griff mit beiden Händen auf, er schrie empor: „Hier bin ich, Urgewaltiger! Ewiger, Opferheischender, Ewiger, Unnennbarer! Ich, der Namenlose, ich, dein Erweckter und dein Knecht. Von dir erwählt!" Rebb Scheindel glühte in Verzückung. Er ging mit großen Schritten, die seinen Körper trugen wie einen Sturm und mit ihm schwebten alle die Gewaltigen, die Könige und die Propheten Gottes. Durch den Morgen gellte es. Chaim Bendel stürzte auf die Gasse, aber Rebb Scheindels Füße jagten wie der Wind. Rebb Scheindels Herz zersprang, er hatte an Chaim Bendels Tür gehämmert, er mußte irgend einem Menschen künden von seiner Seligkeit. Chaim Bendel fuhr empor aus wirrem Schlaf. Hörte entsetzt, begriff und begriff es nicht, wehrte ab und sie rangen miteinander. Aber Rebb Scheindel hatte Riesenkraft. Er stürmte fort, geradenwegs auf die Tore zu, riß die Riegel auf und die Knechte und die Mordhungrigen ergriffen ihn. Durch, die Judenstadt ging ein Feuer. Man warf sich auf die Knie, sank einander in die Arme, man schrie und betete Rebb Scheindels Namen. Der Kanzler aber draußen im Palast verging vor Zorn. Und sie metzelten Rebb Scheindels Körper, während seine Seele übersilig aus der Fülle Gottes das ewige und nie getrübte Leben trank. — —

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