Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 45 (9.11.1928)
- Date
- 1928-11-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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sonders dokumentiert sich der Familiensinn in der Grabmaltunst, die l als eine der bedeutendsten und charakteristischsten Äunstleistungen der Juden zu gellen hat und in der sich eine eigene Beobachtungsgabe, Stilistik und sinnvolle Ausgestaltung dieser stets heilig gehaltenen Stätten offenbart. — Der Eintritt der Juden in die bildende Kunst mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts zeitigt auch die ersten bitdkünstlerischen Darstellungen, in denen in verschiedener »Form das Familienleben tviederzugeben versucht wird. Moritz Oppenheim gibt in seinen berühmt gewordenen Darstellungen aus dem jüdischen Familienleben nicht mehr als süßliche Genrebilder; auch Hirszenberg kommt über dieses Niveau noch nichl hinaus. Erst in Josef Israels Hochzeitsbild offenbart sich der neue Geist hoher Kunst. Nichts mehr von Pose und Fabuliererei, keine Darstellung der Nebensächlichkeiten, sondern tiefe Innerlichkeit in der Wiedergabe seiner heilig-ernsten Handlung. In dem Bild seiner Braut Adelheid hat auch Moritz Oppenheim viel mehr von dem gegeben, rvas wir als psychologisches Kunstschaffen bezeichnen, und steht uns hier wesenhaft näher als in seinen Genreszenen. Der Redner ließ dann Darstellungen von Familienangehörigen der bedeutendsten jüdischen Künstler, wie Elkan, Budko und Zadikow, in Bildern erscheinen und zeichnete ein eindrucksvolles Bild jenes Geistes, der das Judentum von Urbeginn beseelte und der sich in dem 6. Gebot als heiliges Vermächtnis ausspricht: die Eltern und die Kinder, das Weib, die treu sorgende Mutter — das sind die Symbole der jüdischen Familie, die die Liebe und der hohe Kunstsinn der jüdischen Künstler in gemütstiesen Werken darzustellen vermag. In der darauf folgenden Diskussion ivurde besonders der neu gegründete Verein „Gemeinnützige jüdische Eheanbahnungsstelle", Sitz Frankfurt a. M., erwähnt, dem die Gesellschaft für jüdische Familien forschung sich demnächst als korporatives Mitglied anschließen tvird. Besonders lebhaft beteiligten sich an diesen Erörterungen: .Herr Prof» Dr. Wölbe, Frau Johanna Meyer, Frau Falkenberg (vom Jüdischen Frauenbund), Dr. Jacobson (vom Gesamtarchiv der deutschen Juden). Berlin. (2 5 jähriges Jubiläum des Israelitischen Frauenvereins Neukölln.) Am Sonntag, den 4. November, vormittags 11 Uhr, fand in der mit Blumen geschmückten Synagoge der Brüdergemeinde Neukölln die Feier des 25 jährigen Bestehens des Israelitischen Frauenvercins Neukölln statt. Nach einleitendem Gesang begrüßte der Vorsitzende des Brüdervereins, Herr Roß, die Erschienenen, besonders die Vertreter des katholischen Kirchcnrates und des Magistrats Neukölln, ferner die Abgesandten der verschiedenen jüdischen Gemeindebehörden und Organisationen. Herr Dr. Kantorowski, der Rabbiner der Neuköllner Brüdergemeinde, hielt die Festansprache. Namens des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde und namens des Wohlfahrtsamtes sprach Herr Dr. Lamm, Herr Marcus überbrachte die Glückwünsche der Rcpräsentantenversammlung. Der Neuköllner Magistrat war durch Herrn Direktor Kirski vertreten. Herr Funk war Delegierter des katholischen Kirchenrates. Weitere Glückwünsche entboten der Liberale Verein durch Herrn Dr. Manfred Meyer, der Centralverein durch Frau Fried, ferner sprachen Frau Bertha Falkenberg für den Jüdischen Frauenbund, sowie Herr Abraham für den Reichsbuud jüdischer Frontsoldaten. Mit Gesang endete die erhebende Feier, die ein beredtes Zeugnis für das segensreiche Wirken des Neuköllner Frauenvereins war. Berlin. (Jugendheim im W e st e n.) Ein Kreis junger Menschen hat in Wilmersdorf, Pfalzburger Straße 60, Ecke .Hohenzollerndamm, ein Jugendheim mit Unterstützung der Berliner jüdischen Gemeinde eröffnet. Das Jugendheim soll für jedes jüdische Mädel und für jeden jüdischen Jungen von 15 Jahren an offen sein. Es soll Euch zu einem wirklichen Heim werden, in dem Ihr Euch nach eigener Wahl beschäftigen, Bücher, Zeitungen lesen, schreiben, spielen und in hoffentlich sich ergebenden Aussprachen und Arbeitsgemeinschaften über unsere jugendlichen Probleme und die Probleme der Welt um uns aussprechen könnte. Das Heim soll Euch die Möglichkeit geben, ein Euch gemäßes Jugendleben zu führen. Wir wollen das Heim täglich, doch vorläufig nicht am Freitagabend, in der Zeit von 19—22 Uhr offenhalten. Das Heim ist übrigens nicht für Kinder, sondern nur für junge Menschen über 15 Jahre bestimmt. Berlin. (Begrüßenswerte Neuerung.) Am Freitag, den 2. November, versammelten sich erstmalig 20 junge Menschenkinder im Alter von 14—16 Jahren zu einer Freitagabendseier, die die neugegründete Jugendgruppe des Vereins Synagoge Lindenstraße ihnen bereitete. Nach dem Anzünden der Sabbatlichter sowie nach dem Kiddusch begrüßte Herr Dr. Manfred Meyer die Anwesenden. Es folgte das traditionelle Essen des Freitagabends, gefüllter Hecht, das der Verein Synagoge Lindenstraße spendete. Alsdann folgte das Tischgebet, das ebenso tvie die übrigen religiösen Handlungen von Jugendlichen verrichtet wurde. Anschließend folgten Rezitationen von Jehuda Halevy sowie Heine. Hierdurch angeregt, trugen auch einige der 'Gäste selber ihnen bekannte jüdische Gedichte vor. In bester Stimmung trennten sich die Anwesenden gegen 1/211 Uhr. Bochum. (Einweihung der L e i äi e n h a l l e.) Am Sonntag, den 28. Oktober, wurde die neuerbaute Leichenhalle durch eine erhebende Feier ihrer Bestimmung übergeben. Ter bereits vor dem Kriege geplante Bau, dessen Gesamtkosten zur Hälfte von der Stadt und von der Synagogengemeinde getragen werden, bildet in seiner Schlichtheit ein stimmungsvolles, architektonisch den Friedhof abschließendes Bauwerk. Die große Halle atmet feierliche Stille, erhabene Ruhe. Die Wände sind in mattem und dunklem Blau gehalten. Die Ostwand, vor der die schlichte Kanzel ausgebaut ist, trägt in goldene Lettern die Worte: „Hazur tomim poolau". Tie dunkel gehaltene Decke mit der reichen Holztäfelung ist durch Goldzierrat belebt. Der Bau ist nach dem Entwurf des Stadtbaumeistcrs Sohm, der als Vertreter der Stadtverwaltung an der Feier teilnahm, ausgeführt. Nach feierlichen Orgclklängen verlas Herr Rabbiner Dr. David die Psalmen 90 und 91. Stimmungsvolle Gesänge des Synagogenchores leiteten zu der erhebenden, gedankenreichen Weiherede des Herrn. Rabbiner Dr. David über. Sinnbild dreifacher Harmonie ist dieser Bau, so führte der Redner aus. Ein Zeichen des Einklangs der, verschiedenen Bekenntnisse in hiesiger Stadt, ein harmonischer Abschluss des jüdischen Friedhofs, eine Stätte, an der tvir nach der Erschölle-, rung, die der Tod bringt, wieder den Frieden der Seele erringen) In tief empfundenen Worten gedachte der Redner insbesondere den auf dem Ehrenfriedhof und draußen in aller Welt gemeinsam mit) ihren Kameraden zur letzten Ruhe gebetteten Gefallenen des Weltkrieges. 'Wie eine Gedenktafel in der Synagoge ihr Andenken fest-, halte, so wolle man ihnen auch in der Friedhofshalle ein dauerndes Andenken errichten. Aus dem Geiste der .Gemiius chasodim iw« hamesim, so schloß Herr Rabbiner Dr. David, ist dieses Haus geboren, es sei uns die Jakobsleiter, auf der unsere sinnenden Gedanken von der Erde zum Himmel steigen. Kaddischzebet und Chorgesangs! bildeten einen erhebenden Ausklang der würdig verlaufenen Feier. Bad Ems. (Persönliches.) Das älteste Mitglied der Gemeinde, Herr Jakob Bernstein, beging in seltener Gesundheit den 85. Geburtstag. Herr Rabbiner Dr. Weingarten und der Gemeindevorsteher Dr. Cohn hielten Ansprachen an den Jubilar. Auch der Landrat als Kreisvertreter und andere Abgeordnete von Behörden überbrachtcn Glückwünsche oder übermittelten schriftlich ihre Gratulation. Essen. (Jubiläumsfeier.) Der Landesverband Rheinland-Westfalen des Central-Bereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens kann in diesen Tagen auf eine 25jährige erfolgreiche Tätigkeit zurüüblicken. Zahlreiche Ortsgruppen des Landesverbandes werden diesen Tag festlich begehen. Eine akademische Feier, die am Sonntag, den 11. November. im Großen Börsensaal zu Essen stattfindet, in der Professor Goldstein-Darmstadt die Festrede halten wird, bei der zahlreiche Vertreter der Behörden sowie naturgemäß der jüdisch Organisationen anwesend sein werden, wird Gelegenheit geben, rn der ^ichkeit zu zeigen, welche Verdienste um Deutschtum pnd Judentum sich der Eentral-Verein gerade im Gebiete Rheinland- Westfa erwo . hat. Verbreiten Sie Ihre Zeitung Jeder Leser der Jüdisch-liberalen Zeitung müßte es als eine Ehrenpflicht empfinden, einen neuen Abonnenten zu werben. Veranlassen Sie einen Ihrer Bekannten, die untenstehende Bestellung ausgefüllt im Briefumschlag als Drucksache an den Verlag der Jüdisch-liberalen Zeitung, Berlin SW 48, Wilhclmstraße 147, zu senden. Ich bestelle hiermit die Jüdisch-liberale Zeitung ab 1. Dezemdee 1928 bis auf Widerruf zum Bezugspreise in Höhe von Mark 2.50 pro Vierteljahr. Die Gebühren für ein Vierteljahr in Höhe von Mark 2.50 überweise ich auf das Postscheckkonto der Vereinigung für das liberale Judentum Berlin 187069. bitte ich durch Nachnahme zu erheben. (Nichtgewünschtc? bitte durchstreichent Name des Vestellers:.' Wohnung:. Ort u. Datum:. Bitte deutlich schreiben! Essen. (Todesfall.) Hier verstarb in diesen Tagen der hervorragende Repräsentant der deutschen Philosophie der Gegenwart und ehemalige Richter Ernst Marcus im 78. Lebensjahre. Von der Rechtsgelehrsamkeit kam Marcus zur Philosophie und hat sich als philosophischer Autotrdakt zv einer führenden Stellung in der Philosophie der Gegenwart emporgeschwungen; er war der beste Interpret der Philosophie Kants, und er hat diese Philosophie durch eine besondere Form ausgebaut. Es gibt in mehreren philosophischen Zentren Arbeitsgemeinschaften, die sich mit dem Lebenswerk von Ernst Marcus befassen. Als Jude wurde Marcus in früheren Jahren der Weg zu einem Lehrstuhl erschwert, in den letzten Jahren aber erstrebte er keine Kathederwirksamkeit mehr, sondern lebte ganz seinem Werke der Erneuerung und des Aufbaus der Kant'schen Ideenwelt. Frankfurt a. M. (Feing 0 ldanleihe der Israelitischen Gemeind c.) Die ab 1933 zu pari rückzahlbare Goldanleihe von RM. 1 Million, die im März d. I. von der Frankfurter Niederlassung der Disconto-Gesellschast übernommen und zu 92>/» Prozent aufgelegt worden war, ist jetzt zur Frankfurter Börse zugelasscn. Nach dem zur Veröffentlichung gelangenden Prospekt diente der Erlös der Anleihe, die bis spätestens 1948 zurückzuzahlen ist, zur Rückzahlung der 10 prozentigen Anleihe von 1926 (von ursprünglich Reichsmark 750 000) und für die Anlage des neuen Gemeindefriedhofs. Der Vermögensstand der israelitischen Gemeinde, die mit ihrem Vermögen (namentlich mit ihrem beträchtlichen Grundbesitz) und mit ihrer Steuerkraft für die Anleihe haftet, zeigt nach dem Prospekt RM. 3,99 Millionen Aktiva, darunter RM. 0,88 Millionen bar und kurzfristige Anlagen, RM. 0,12 Millionen Aktivhypotheken und RM. 3 Millionen Grundbesitz, angenommen zu 40 Prozent des Vorkriegswertes, dies bei RM. 0,22 Millionen Passivhypotheken und Darlehen und der neuen 1928er Anleihe von RM. 1 Million, die Gegenstand des Prospektes ist. Der Aktivsaldo ist RM. 2,77 Millionen. Die israelitische Gemeinde hat sich verpflichtet, solange die neue Anleihe nicht vollständig zurückgezahlt ist, etwaige spätere Anleihen nicht mit besseren Rechten auf Sicherstellung der Gläubiger auszustatten, ohne auch die Gläubiger der vorliegenden Anleihe der gleichen Sicherstellung teilhaftig werden zu lassen. Eroßen-Buseck. (E h r e n d e n k m a l.) Aus dem hiesigen Friedhof wurde für die Gefallenen der hiesigen Gemeinde und der mit ihr verbundenen Nachbarorte Reiskirchen und Beuern unter Beteiligung von Vertretern der Kriegervereine und Ortsangehörigcn ein Ehrendenkmal errichtet. Nach einer ergreifenden Ansprache des Rabbiners Tr. Sander, Gießen, legte der Vertreter und Vorsitzende der Ortsgruppe Frankfurt des R. j. F., Dr. Meier, einen Kranz nieder. Vorträge der Gesangvereine und Ehrensalven der Kriegervereins-Sektionen schlossen sich an, und das von Rabbiner Dr. Sander gesprochene Kaddischgebet beendete die eindrucksvolle Feier. Auf dem aus schwedischem Marmor bestehenden Denkmal sind die Namen dreier Gefallenen aus den genannten Orten eingcprägt. Hof. (S y n a g 0 g e n s ch ä n d u n g.) In Hof in Bayern wurden im Gotteshause der Israelitischen Kultusgemeinde vier Fensterscheiben eingeworfen. Der diensttuende Beamte der Wach- und Schließgesellschaft überraschte die vier Uebeltäter bei ''ihrer Zerstörungsaroeit. Sie entzogen sich jedoch durch eilige Flucht der Festnahme. Ueber die zur Ergreifung der Täter getroffenen Maßnahmen kann aus naheliegenden Gründen noch nichts mitgcteilt werden. Kassel. (Todesfall.) In B e r l i n , wo er den Lebensabend im Kreise seiner Kinder beschließen wollte, ist Lehrer i. R. B. Perlstein aus Gudensberg nach kurzem, aber schwerem Krankenlager verschieden Die überraschende Nachricht hat in seiner ehemaligen Gemeinde, der er 34 Jahre mit Pflichttreue und Hingabe diente, aber auch bei der jüdischen Lehrerschaft Hessens und endlich im andersgläubigen Freundeskreise, dessen er sich rühmen durste, innige und lebhafte Teilnahme geweckt. Lehrer Perlstein war ein tüchtiger Erzieher, ein lieber und verträglicher Mensch im Umgang mit seinen Berufsgenossen und Mitmenschen überhaupt und ein treuer Sachwalter in all den Aemtcrn, die ihm das Vertrauen der Stadtbewohner als Schiedsmann und Stadtverordneter übertrug. Auch seinen Amtsgenossen hat er stets wertvolle Dienste geleistet. Koblenz. (Goldene Hochzeit.) Am 1. November begingen die Eheleute Arnold Oster und Frau Mathilde, geb. Roos, das Fest ihrer goldenen Hochzeit. Der Vorstand unserer Gemeinde veranstaltete um 12 Uhr in der .festlich geschmückten und erleuchteten; Synagoge eine würdige Feier, bei der Prediger Huhn die Festrede; hielt, die von stimmungsvollen Gesängen des Synagogenchores umrahmt war. Die (geteilte Oster, die sich im Alter von 77 bezw. 76 Jahren einer seltenen körperlichen und geistigen Frische erfreuen, sind in allen Kreisen der Bevölkerung geachtet und beliebt. / Koblenz. (K r i e g e r g e d ä ch t n i s fe i e r.) Am 1. November, Allerheiligen, wurde, wie bei den beiden christlichen Konfessionen, auch aus dem jüdischen Friedhof eine Kriegergedächtnisseier abgehalten. Nach einer Ansprache von Prediger Huhn mit nachfolgendem Gebet» und Kaddisch für unsere verewigten Helden fand die Kranzniederlegung» an dem von der Synagogengemeinde errichteten Kriegerdenkmal statt. Außer einem Kranz, den die Stadtverwaltung bereits vor der Feier hatte niederlegen lassen, waren persönlich mit Kranzspenden erschienen: Frau Oberbürgermeister Russell für den Vaterländischen Frauenverein, der Vorsitzende des Vorstandes, Herr Moser, für die Synagogengc-» meinde, die Vertreter des Volksbundes deutscher Kriegsgräberfürsorge, des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, des Reichsbanners Schwarz-- Rot-Gold und der Kriegsverletzten. \ Liegnitz. (Gefallenen - D cnkmal.) Auf dem jüdischen Friedhof hat die hiesige Ortsgruppe des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten für die dreißig Gefallenen des Weltkrieges ein Denkmal errichtet. Am Sonntag, den 28. Oktober, wurde das Ehrenmal geweiht. Die im Felde herrschende Kameradschaft kam auch hier zum Ausdruck, indem auch die dem Kreiskriegerverband Liegnitz angeschlossenen Stadtvereine mit ihren Fahnen sowie d« Ortsgruppe Liegnitz des Reichsbanners Schwarzrotgold zahlreich erschienen waren. Ferner nahmen an der Feier teil: Offiziere der hiesigen Garnison, eine Gruppe der hiesigen Reichswehr als Kranzdeputation, Vertreter staatlicher und städtischer Behörden, Offizier- und kameradschaftliche Vereine, Geistlichkeit beider Konfessionen, Abordnungen von Organisationen und der Ortsgruppe bei Reichsbundes Jüdischer Frontkämpfer aus Waldenburg, .Hirschberg, Fraustadt, soivie ferner zahlreiche jüdische Gcmeindeglieder. Lüneburg. (S y n a g 0 g e n s ch ä n d u n g.) Tie Lüneburger Synagoge, die vor einiger Zeit von Hakenkreuzlern in der rohesten Weiße geschändet und beschmutzt wurde, ist nun neuerdings das Opfer von Vandalen geworden. In der Nacht von Dienstag zu Mitttvoch drangen, wie aus Lüneburg telegraphiert wird, unbekannte Täter durch ein Fenster in die Synagoge ein, brachen die Schränke auf, rissen die Vorhänge von den heiligen Laden herunter und beschmutzten das Innere der Synagoge in geradezu unglaublicher Weise. Es ist der Polizei bis jetzt noch nicht gelungen, der Täter habhaft zu werden. München. (Auszeichnung eines jüdischen Lyrikers.) Der Literaturbeirat der Stadt München hat beschlossen, den Gedichtband „Die Erben" des jüdischen Dichters Manfred Sturmann auf Kosten des Stadtrats drucken zu lassen. Sturmann ist Mitarbeiter des „Jüdischen Echo". Bad Oyvhausek. (I u g e n d t a g u n g.) Am 4. November fand die Delegiertentagung des Bezirksverbandes der jüdischen Jugendvereine Nordwestdeutschlands statt, die von 12 Vereinen mit 33 Stimmen beschickt war und an der zahlreiche .einheimische und auswärtige Gäste teilnahmen. Voran ging eine Begrüßungsfeier, eingeleitet mit Beethovens Adagio der 5. Sinfonie. Begrüßungsworte sprachen für den Bezirksverband dessen Vorsitzender Herr Alfred Bonnin (Bielefeld), für den Jugendverein Oeynhausen und für die Gemeinden Oeynhausen und Vlotho Herr Lehrer Kasel, für den Sozialen Ausschuß für jüdische Wohlfahrtspflege in Westfalen Herr Rabbiner;Dr. Kronheim (Bielefeld), für den Reichsverband Herr Fritz Schwarzschild, für den Lehrerverband Herr Prediger Rülf (Detmold). Dem durch Wärme und Prägnanz ausgezeichneten Referat des Herrn >Jac. Raphael. (Beckum) über: „Die Arbeit unserer Junggruppen" folgte eine lebhafte Aussprache. Die schnelle Erledigung der geschäftlichen Dinge bezeugte das unbegrenzte Vertrauen zur Verbandsleitung. An Stelle des nach dreijähriger segensreicher Tätigkeit aus seinen Wunsch zurücktretenden Herrn Bonnin wurde Herr Joe Israel (Hannover) einstimmig zum Vorsitzenden des Bezirksverbandes gewählt. — Brausender wohlverdienter Beifall lohnte die Worte des Bürgermeisters Dr. Neuhäuser, der die Erschienenen namens der Stadtvertretung willkommen hieß. Gerade jetzt, wo unser Vaterland durch die Kriegsfolgen so schwer darnicdcrliege, müßten wir alle über die Schranken von Parteien und Konfessionen zusammcnzukommen trachten, um so das alte Erdübel der Deutschen, Zersplitterung und innere Zerklüftung, zu überwinden. Nur wenn wir so als gute Deutsche zusammcnhielten, könne unser Vaterland unter den Völkern der Erde wieder die Stellung einnehmen^ die es vor dem Kriege innegehabt habe. — Mit den beiden Referaten Fritz Schwarzschilds über: „Jüdische Entwicklung und Aufgaben der Jugend" und Rabbiner Dr. Kronhcims über: „Jüdische Not", die noch durch eine auf hohem Niveau stehende Aussprache yoertvolle Ergänzung fanden, schloß die eindrucksvoll verlaufene Tagung. — Gemeinsames Mittagessen und geselliges Abend-Beisammensein förderten die persönlichen Bindungen. Einheit im Liberalismus Bon Rabbiner Dr. Fuchs. Wenn zwei sich ineinander verbeißen, muß ein dritter sie trennen. Wenn zwei Bibelverse sich widersprechen, muß ein dritter sie ausgleichen. Woyda hat eine Art, die Dinge zu zerfasern, die ich nicht für nützlich halte. Wiener läßt sich in ein Extrem treiben, das ich nicht für nötig halte. Die liberale Bereinigung hat eben die Reform gewonnen; sie darf Wiener nicht deshalb abstoßcn. Sie hat die Kraft bitter nötig, die nur durch Bündelung der Einzelstäbe zu gewinnen ist. Einen Weg dazu möchte ich zeigen, so knapp als möglich. Darüber ist kein Zweifel: Das jüdische Religionssystem hat zwei Teile, einen menschheitlichen und einen spezifisch jüdischen, Glaubens¬ und Sittenlehre der eine, Bräuche der Gottesverchrung und Gesetze der Gemeinschaft der andre. Zwar ist auch der ethische Monotheismus im alten Israel durch das Gemeinschaftsleben stark beeinflußt worden, z. B. durch die Verbindung von Polytheismus und antinationaler Politik; und auch heute ist er eine jüdische Sondcrlehre, insofern er außerhalb nicht überall voll anerkannt ist: gegenüber andern ist auch ep spezifisch jüdisch und das erhabenste, was das Judentum besitzt, der Kern des Judentums. Aber wir selbst empfinden ihn als allgemeingiltig und als brauchbar und nötig für die ganze Menschheit. Nicht >0 der andre Teil: Er ist zivar auch erfüllt von Glaubens- und Sittenlchre; aber wir wollen und sollen ihn nur für uns allein haben! Mag Jes. 66, 23. Sech. 14, 16 anders denken, — das talmudische Judentum gibt den Nichtjuden die wenigen sogenannten Noah-Gebote; aber Speise- und Festgebräuche, Ehe- und Rechtsgesetze gelten nur für uns! Ter Unterschied in der Geltung beider Teile ist in ihrem inneren Wesen begründet. Der ethische Monotheismus ist eine Sache der praktischen Vernunft; er läßt sich rationalistisch beweisen. Aber freilich, das tun nur denkerisch Eingestellte! Die Propheten haben ihn beim nationalgeschichtlichen Erleben entdeckt; und heute ist Cohens Gottesbegrisf eine vollständig unsichtbare Lichtquelle, die zwar das wissenschaftliche Denken voraussetzen muß, die aber dem Durchschnittjuden, der sozusagen im dispersen Lichte arbeitet, ebenso gleichgiltig ist wie die Sonne hinter den Wolken: der „Garant der Ethik" läßt ihn noch viel kälter als die Ethik selbst, die ihm — als Wissenschaft — gleichfalls Hekuba ist! Wenn nun aber ein anders eingestellter, religiös stark empfindender Mensch vom Gemüt über die Wolken gehoben vor der der Lichtquelle zwar die Augen schließt, aber unter ihren wärmenden Strahlen selig schwärmt — kann man dann wirklich nicht mit ihm „in einem Hause wohnen", wie Woyda sagt? Ist es denn so schwer einzusehen, daß es ganz gleichgiltig ist, ob der Trennungsstrich zwischen Wissenschaft und Religion von Wiener beim Gottesbegriff, oder bei Kant-Cohen schon bei der Trennung der reinen von der praktischen Vernunft gemacht wird? Den Vorwurf der doppelten Wahrheit hat doch niemand stärker erfahren als ^Kant und 'seine Nachfolger! Und wenn die moderne Theologie durch ihren Begriff des religiösen Apriori die Religion Kants Jdeengängen annähert, dann wäre „kein Platz" für sie in dem System desselben Kant? Gilt hier nicht Koh. 1H, 11: „alle Worte der Weisen stammen von einer Grundidee" (ro'eh — ra'jon)? Rationalismus und Irrationalismus gehen doch nur subjektiv verschiedene Wege, ihr objektives Resultat ist das gleiche: Der Unnennbare! Auch die ihomanische Kirche setzt den Angelus Silesius nicht auf den Index, und Maimonides lehnt Hosea und Jeremia nicht ab. Seien wir glücklich, daß Mystiker schauen, was Metaphysiker denken! Eine neue Synthese hat das Denken doch noch nie gefunden! Hofft unsere Zeit auf eine solche, muß sie da nicht Gesühlsreligion propagieren, um vielleicht einem künftigen Genie den Weg zu bereiten? Spielen wir nicht Cohen contra Buber aus! Freuen wir uns des Reichtums bedeutender religiöser Individualitäten bei uns! Schlimme Folgen hat es nicht, daraus kann sich Woyda verlassen: Wiener schätzt die Ethik nicht geringer als Kellermann und Lehmann! Er wird sie auch nicht aus dem Judentum herauseskamotieren! Und was seine zionistischen Konsequenzen betrifft, so würde er sie sicher auch als Anhänger Cohens zu ziehen verstehen, so gut wie die National^ sozialisten und Poale Zion scheinbar Widersprechendes, Nationalismus und Sozialismus, verbinden! Viel wichtiger als diese theoretischen Streitigkeiten ist das Problem des Spezifisch-Jüdischen! Gesetz und Brauch läßt sich nicht philosophisch begründen. Wenn sie auch Ideen versinnbildlichen, so gehört doch nur der Sinn, aber nicht das Bild zum „Wesen des Judentums". Das ist nicht bloß Lehre des modernen jüdischen Liberalismus, sondern >der Propheten (Jes. 1. 11 ff., Mß. 6, 8, Am. 5. 21 ff., Jer. 7, 4 f.) und Psalmisten (51, 18 f.); der Talmud verkündet es durch Raw. den größten Rektor von Sura: „Die Mizwot sind nur zur Läuterung des Menschen da"; und die Philosophen durch den Unterschied zwischen M-izwot sichliot und schim'ijot, Vernunft- und Ueberlieferungsgebote. An der geringeren Bewertung des Kultus gegenüber der Moral ist also kein Zweifel im Judentum; wenn er überwucherte, fanden sich immer etwelche. Sadduzäer und Karäer, Chassidim und Liberale, di« sich gegen ihn auflehnten. — Aber heißt das nun, wie die W«lbkonferenz das mehrfach aussprach: Der Kultus sei ein aufgepapptes Ornament, das in unserem Zeitalter neuer Sachlichkeit fort muß wie