Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 45 (9.11.1928)
- Date
- 1928-11-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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*. Jahrgang Nummer 45 ZMchGemleZeiiMl Beilage 9. November 1928 Umschau! Anftage an die Orchodorie. Im Organ der Separat- Orthodoxie (Israelit vom 1. November 1928) befindet sich unter der Ueberschrift „Agunoth und andere Fragen des Frauen rechtes" im Anschluß an die Breslauer Tagung des Jüdischen Frauenbundes folgende Ausführungen: Lo heißt es im Bericht, daß sich eine Sitzung mit dem Problem der „Agunoth" befaßte. Und dabei meinte, nach Mitteilung der J.T.A., eine prominente Führerin, es sei noch kein Ausweg gefunden, um nach jüdischem Rechte den eheverlassenen Frauen wider Willen und bei Verschollenheit des Mannes die Freiheit wiederzugeben. Es gingen aber die Meinungen darüber auseinander, ob hier eine Lösung unabhängig vom Religionsgesetze möglich sei. So ist es aber nicht. Tie Meinungen derer, die in solchen Fragen kraft ihrer Gesetzeskunde und Autorität kompetent sind, können nicht darüber geteilt sein, daß ein Ausweg nur im Einklang mit dem Gesetze gesucht und gefunden werden darf. Darum ist die Lösung der Agunothfrage auch keine Sache der Frauen, und auch, nicht Sache von Männern, — und mögen sie im sozialen Leben noch so verdienswoll sein, — die mit dem jüdischen Religionsgesetze nicht so vertraut sind, um autoritativ entscheiden zu dürfen. Es muß in Sachen der „Agunoth" etwas geschehen, das Elend der verlassenen Frauen muß gemildert werden. Aber es muß von zuständiger Seite aus geschehen, von seiten rabbinischer Verbände urü» Kommissionen, die absolute religiöse Autorität genießen. Mit dem Schwerte kann der verschlungene gordische Knoten nicht gelöst werden. Wir meinen nun nicht, daß der Vorstand des Jüdischen Frauenbundes die komplizierte Sache mit dem Schwerte zu lösen beabsichtigte, und wir denken, daß die Frage der Agunoth auch nicht erst seit der Breslauer Tagung des Jüdin scheu Frauenbundes akut ist. Immerhin wollen wir uns freuen, daß der Israelit nunmehr in wünschenswerter Deutlichkeit schreibt: „Es muß in Sachen der Agunoth etwas geschehen, das Elend dxr verlassenen Frauen muß gemildert werden'-, und wir haben nur den Wunsch, vom Israelit auch einmal zu erfahren, was nun geschehen muß, und v o n w e m etwas geschehen muß. Schließlich liegt das Kriegsende, das die Frage besonders dringlich machte, nunmehr bereits zehn Jahre zurück, und seit zehn Jahren muß etwas geschehen und muß das Elend der verlassenen Frauen gemildert werden. Aber geschehen ist bisher tatsächlich von orthodoxer Seite nichts. Als wir in unserer Zeitung vom 3. August a. c. aus der Feder von Binjamin Segel einen Aufsatz veröffentlichten „Ein orthodoxer Rabbiner über die Notwendigkeit einer radikalen Reform des jüdischen Eherechts" wurde er in den Redaktionen der orthodoxen Blätter, die sich sonst durch besonders liebevolle Aufmerksamkeit für unser Seelenheil interessieren, offensichtlich vollständig übersehen. Wir haben damals den Artikel veröffentlicht, trotzdem dieser ganze Fragenkomplex für die religiös-liberale Jüdin, wenigstens in Westeuropa, kaum von erheblicher Bedeutung sein dürfte. Die Not der durch überalterte Vorschriften des jüdischen Religionsgesetzes Betroffenen macht aber eine Lösung der Frage zu einer dringenden Aufgabe. In ihr hat die Orthodoxie aus mannigfachen Gründen den Vortritt. Tie Konstatierung, „es muß etwas geschehen" allein, genügt da nicht, vielmehr sind Taten erforderlich. Die Antwerpener Weltausstellung 1930. Der Antwerpener Rabbiner Tr. Wiener wurde als offizieller Vertreter der jüdischen Bevölkerung in das Komitee zur Vorbereitung der „Weltausstellung Antwerpen 1930", die aus Anlaß der 100jährigen belgischen staatlichen Selbständigkeit veranstaltet wird, berufen. Geplant ist die Herüberschaffung des Pavillons der jüdischen Sonderschau der „Pressa" von Köln nach Antwerpen. Amerikanische Ort-Credit Corporation. Prominente Per sünlichkeiten des amerikanischen Judentums versammelten sich zu einem Frühstück und beschlossen, endgültig die Ort-Credit Corporation mit einem Grundkapital von 250000 Dollar ins Leben zu rufen. Diese Institution versolgt den Zweck, amerikanischen Juden, die ihren Verwandten in Rußland und in anderen Ländern Osteuropas durch die Gesellschaft „Ort" Maschinen, Werkzeuge und Rohstoffe übermitteln wollen, um ihnen zu einer selbständigen Existenz zu verhelfen, Kredite gegen Ratenzahlungen zur Verfügung zu stellen. In der Beratung, die einen sehr eindrucksvollen Bern lauf nahm, traten als Redner auf: Colonel Herbert Lehman, Richter Lazansky, James N. Rosenberg, David A. Brown, Richter Panken und Dr. Henry Moscowitz. Der amerikanische „Ort" hat dem Verbände „Ort" in Berlin durch die Post des deutschen Luftschiffes „Graf Zeppelin" ein Schreiben samt Scheck über 1000 Dollar nebst einem Gruß der amerikanischen Freunde des „Ort" an die „Ort"-Mitarbeiter in Europa übermittelt. Ruhe in Ungarn. In die ungarischen Universitäten und Hochschulen ist die Ruhe wieder eingekehrt. Darüber wird halbamtlich berichtet: Der Hauptausschuß der Studentenschaft hat in Anwesenheit der Delegierten sämtlicher Organisationen der ungarischen Hochschuljugend folgenden Beschluß gefaßt: Der Hauptausschuß nimmt die Absicht der Hochschuljugend, ihren Standpuntt in einer Denkschrift niederzulegen und diese Denkschrift der Regierung zu unterbreiten, zur Kenntnis und fordert die Jugend nachdrücklich zur Vermeidung jeglicher Ordnungsstörung auf. Er fordert von allen Organisationen und deren Mitglieder die Wahrung von Ordnung und Disziplin, sowie die Befolgung der Vorschriften und Regeln der Universitäten und Hochschulen. Allgemein wird diese Verlautbarung als ein offizielles Abwinken der Studentenkrawalle aufgefaßt. Die liberale Presse fragt, warum mit diesem Einlenken so lange gezögert werden mußte, ohne daran zu denken, daß die Kunde von der Ungarn feindlichen Propaganda im Auslande zum Schaden der Nation ausgenützt werden wird. Brigade-General Justin Deneri gestorben. In Paris verstarb im Alter von 81 Jahren der Brigade-General Justin Deneri, ein treuer Jude und Mitglied des Konsistoriums der jüdischen Gemeinden Frankreichs. Er wruLe 1847 in Metz geboren, machte als Leutnant den Krieg 1870/71 mit und zeichnete sich, bei den Kämpfen um Paris ganz besonders aus. 1873 wurde er Hauptmann, 1906 Brigade-General, 1913 Aus Deutschlands HochfchuWW Bisher gab es nur Länderstatistiken, ohne Einheitlichkeit, mit Angaben über das Hochschulwesen in Deutschlands Nunmehr ist erstmalig eine deutsche Reichshochschulstatistik der Oeffentlichkeit unterbreitet worden. Dies ist ein sehr begrüß ßenswerter Fortschritt auf dem Wege zur Reichseinheit in dieser Hinsicht. Ihm dürften zusammenfassende Statistiken über das höhere, mittlere und niedere Schulwesen, längst erwünscht, niemals erreicht, folgen. . Die Ansicht liegt nahe, daß infolge der wirtschaftlichen Not weitester Kreise des deutschen Volkes ein Rückgang des akademischen Studiums eingetreten ist. Diese Vermutung hält der Wirllichkeit nicht stand. Das Zahlenmaterial, die einzige zur Verfügung stehende Informationsstelle, ergibt das Gegenteil. Doch ist das Wachstum des Universitätsstudiums im wesentlichen auf das Einströmen der Frau in die früher nur von Männern eingenommenen Berufe zurückzuführeir, wie aus dem durch den männermordenden Weltkrieg vermehrten Frauenüberschuß vermutet werden kann. Ich will das Sommersemester 1928 einer kurzen Betrachtung unterziehen. Ein Vergleich mit der Vorkriegszeit läßt sich auf konfesfionsftatiftischer Grundlage nur ungenau durchführen, weil, wie oben dargelegt, die Reichsstatistik eine Neuerung darstellt und von amtlicher Seite allein die Studierenden insgesamt ohne Ausscheidung nach Konfession für die Vor- und Nachkriegszeit verglichen worden sind. Aus der Reichshochschulstatistik geht hervor, daß im Sommersemester 1928 die Universitäten von 81917 Studierenden besucht wurden. Die Zahl der Juden betrug 3571, d. h. 4,4 Prozent, der jüdische Bevölkerungsanteil in Deutschland beträgt nach dem Volkszählungsergebnis des Jahres 1925 0,9 Prozent. Das Zahlenbild erfährt bei Berücksichtigung der Ausländer eine Aenderung. Unter den 4019 ausländischen Studenten, enthalten in den obigen Zahlen, befinden sich 787 jüdischen Glaubens. Sie machen 22 Prozent der Juden überhaupt aus, 19 Prozent der Ausländer. Die Geschlechtsverteilung ist ebenfalls sehr interessant. Es studierten 2733 Männer, 1838 jüdische Frauen. Sie erreichen also fast zwei Drittel ihrer männlichen Kollegen, während überhaupt 11883 Frauen dem Studium oblagen. Die jüdische Frau bildet einen außerordentlich hohen Prozentsatz (15 Prozent) unter den studierenden Frauen. Dem Rechtsstudium widmeten sich 32 Prozent aller jüdischen Hochschüler (1013 Studenten, 109 Studentinnen, 114 Ausländer, 16 Ausländerinnen), bedeutend mehr als der allgemeinen Medizin mit 661 männlichen und 295 weiblichen Studenten jüdischen Glaubens (27 Prozent aller jüdischen .Hochschüler'». Das weibliche Element tritt bei diesem Stu-, dium stark in Erscheinung. Die jüdischen Ausländer betragen 25 Prozent. An Deutschlands technischen Hochschulen zählte man im Sommersemester 1928 488 Juden oder 2,43 Prozent. Die Ausländer erreichten unter ihnen einen sehr hohen Prozent-t satz, nämlich 47 Prozent (229 Ausländer). Tie Handelshochschulen in Berlin, Königsberg, Nürnberg, Leipzig und Mannheim wurden von 135 Studenten und 18 Studentinnen jüdischen Glaubens (4 Prozent aller Studierenden) frequentiert. An den forstlichen Hochschulen Eberswalde, Hann.- Münden und Tharand wurden keine Juden gezählt. An den zwei tierärztlichen Hochschulen in Berlin und Hannover hatten 3, an der Bergakademie Clausthal und Freiberg 4 Juden belegt. Unter den Universitätsstädten nimmt Berlin zahlenmäßig mit 1100 Juden (287 Ausländer) unter 10691 Studierenden (994 Ausländer) die erste Stelle ein. Es folgt Frankfurt mit 369 unter 3657 Studierenden, Freiburg mit 285, Heidelberg 251, Münster 247, Breslau 224 jüdischen Studierenden usw. Von den technischen Hochschulen steht Berlin-Charlottenburg bei weitem an der Spitze. In Aachen, München, Braunschweig etc. spielen sie der Zahl nach nur eine devschwindend lleine Rolle. Herbert Philippsthal. ging er in die Reserve über. 1914, bei Kriegsausbruch, wurde er als aktiver Heerführer in die französische Armee eiitH gereiht und leitete einen Teil der Operationen an der belgischen Grenze. Ter greise Brigadier stritt in der vordersten Front, wurde verwundet und erhielt eine hohe Auszeichnung. Brigadier Deneri betätigte sich sehr viel im jüdischen gemeindlichen und sozialen Leben. Seine Heimatgemeinde Metz entsandte ihn in das Pariser Konsistorium. Die Leiche des verstorbenen greisen Heerführers wurde nach Verdun üüersführt und dort mit großen militärischen Ehren bestattet. Die jüdische religiöse Zeremonie leiteten Rabbiner Netter aus Metz und Rabbiner Nathan Levi aus Verdun. Jüdische Kolonffatioiisarbeit. Der Chikagoer Millionär und Philantrop Julius Rosenwald, der unlängst fünf Millionen Dollar für das jüdische Kolonisationswerk in Rußland gespendet hat, gewährte Vertretern der Presse ein Interview, in dessen Verlauf er erllärte, er werde nicht in die Jewifh Agency eintreten, er stimme mit Bezug auf Palästina mit den Herren Louis Marshall und Felix M. Marburg nicht überein. Er könne sich! nicht zu dem Glauben bekehren, daß man mit Hilfsgeldern eine Immigration machen könne. Mit denr Gelde, mit welchem man in Palästina eine einzige Familie ansiürelt, könnte man in Rußland fünf Familien helfen. Tie Pressevertreter stellten an Herrn Rosenwald die Frage, was z. B. mit den Juden in Polen und in anderen Ländern, in denen die jüdische Bevölkerung wirtschaftlich entwurzelt wird, geschehen solle. Herr Julius Rosenwald erwiderte: „Wenn die polnische Regierung Siedlungsland zur Verfügung stellen und eine jüdische Kolonisation auch sonstwie unterstützen würde, dann würde man für die polnischen Juden eine Aufbauaktion ähnlich wie in Rußland durchs sichren". Au« den Gemeinden Aachen. (Aus dem Gemeindcleben.) Der Verein der jüdischen Jugend hat ein sehr wertvolles und lang erstrebtes Ziel erreicht. Die Gemeindeverwaltung hat ihm nach Verlegung der jüdischen Volksschule in ein städtisches Gebäude im Gemeindehaus unter großem Kostenaufwand ein äußerst schönes Jugendheim hergerichtet, das am vergangenen Freitagabend durch eine gemütliche und zugleich erhebende Freitagabendfeier in Gegenwart zahlreicher Abgesandter von' Körperschaften und Vereinen eingeweiht wurde. Eine Neuerung im Beginn des Freitagabendgottesdienstes bedeutet der dahingehende Beschluß der Gemeindeverwaltung, daß jener versuchsweise in diesem Winterhalbjahr einheitlich auf 6 Uhr festgesetzt wurde. Dadurch, sowie durch eine jedesmalige kurze Ansprache des Herrn Rabbiners erhofft man einen besseren Besuch und feierlichere Gestaltung des Freitagabendgottesdienstes. Aachen. (Silberhochzeit.) Am 1. November begingen der 1. Vorsitzende des Vorstandes der Synagogengcmeinde, zugleich ein bewährtes und beliebtes Mitglied der Abgeordneten-Kammer 'des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden, Herr Justizrat Dr. Franken, und seine durch Herzensgüte, Klugheit und Bescheidenheit ausgezeichnete Frau Gemahlin das Fest der Silberhochzeit. Selbstverständlich ließen es sich Vorstand und Repräsentanz, die Loge und alle die andern Vereine, in denen Herr Justizrat Dr. Franken als eins der eifrigsten und klügsten Vorstandsmitglieder tätig ist, dem Jubelpaare durch Vertreter ihre herzlichsten Glückwünsche aussprechen. Altenkirchen. (Ein Veteran der Arbeit.) Als einer der ältesten, noch amtierenden Kultusbeamten gilt wohl Herr Jakob Salomon, der trotz seiner 83 Jahre auch heute noch in hiesiger Gemeinde seines Amtes als Religionslehrer und Kantor waltet und in dieser Eigenschaft kürzlich sein 60 jähriges Beamten-Jubiläum begehen konnte. Bewundernswerte körperliche und geistige Frische zeichnet den alten Herrn aus, der auch in nichtjüdischen Kreisen sich hohen Ansehens erfreut. Berlin. (Gedenkfeier für Henriette May.) Die in der Berliner Frauenkonferenz zusammengeschlossenen Organisationen — Bereinigung evangelischer Frauenverbände, Katholischer und Jüdischer Frauenbund, Vaterländischer Frauenverein vom Roten Kreuz und Stadtverband Berliner Frauenvereine — veranstalteten eine Gedenkfeier für Henriette May, der verstorbenen hervorragenden Vorkämpferin der jüdischen sozialen Fürsorge und der Frauenrechte, in den geschmückten Räumen des Lyzeum-Clubs. Anna von Gierke sprach namens der Frauenkonserenz, sie betonte die Bedeutung Henriette Mays für die sozial- und kulturpolitische Frauenarbeit. Oberlehrer Hoberger pries die Arbeit der Verstorbenen als ehrenamtliche Helferin. Wirklicher Geheimer Admiralitätsrat Dr. Fehlisch vom freiwilligen Erziehungsbeirat schilderte Henriette Mays Leistungen im Dienste der Jugend. Es sprachen noch Frau Unger von der Zentrale für private Fürsorge, Frl. Reincck, Generalsekretärin der Bahnhosskommission, und Frau Erken-Leitgebel, die aus Persönlichen Erinnerungen das Bild der Verblichenen aufleben ließen. Berlin. /Wahl zu den S y n a g o g en v o r st ä n d e n.) Aus Anregung des Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin hat der Gcmeindevorstand beschlossen, die Wählerlisten in den einzelnen Synagogen vom 5. November ab zur Einsicht auszulegen. Außerdem liegen die Listen für sämtliche Synagogen im Verwaltungsbüro der Jüdischen Gemeinde, Oranienburger Straße 29, aus. Der Liberale Verein ist gern bereit, für seine Mitglieder die entsprechende Kontrolle für die Eintragung in die Wählerlisten vorzunehmen. Zu diesem Zwecke ist jedoch erforderlich, die Platzkarten dem Büro (Wilhelmstraße 147) aus einige Tage zu überlassen. Berlin. (Synagogen verein Westend.) Der unter Vorsitz von Herrn Dr. Alfred Caro, Charlottenburg 9, Ahornallce 29, gegründete Synagogenverein Westend veranstaltet seinen ersten Freitagfabend-Gottesdienst am 23. November in der Aula der Volksschule Kastanienallee 12-13. Es ist vorgesehen, daß bei genügender Be-- teiligung diese Einrichtung zu einer ständigen wird. Der Ritus ist der gleiche wie bei der Liberalen Synagoge Norden und Liberalen Synagoge Wilmersdorf. Berlin. (Gedenkfeier für Albert K e l l c r m a n n.) Am Sonntag, den 4. November, mittags 12 Uhr, fand auf dem Friedhof m Weißensee anläßlich der Steinsetzung für den im vorigen Jahre so ,äh dahingerafften Chorleiter der Neuen Synagoge Albert Kellermann an dessen Grabe eine Gedenkfeier statt. — Herr Direktor Dr. Äutmann gab in ergreifenden Worten ein kurzes Lebensbild des Verstorbenen. Er sprach von seiner Tätigkeit als Lehrer, Chorleiter, Komponist und Forscher auf dem Gebiet der synagogalen Gesänge, gedachte des gütigen liebenswürdigen Menschen, dessen -tragisches Ende noch heute von allen, die ihn kannten, nicht verwunden worden ist — Wenn er auch dahingegangen, das, was er für das Judentum geleistet, seine Werke, werden ihn überleben. Herr Oberkantor Gollanin sang hieraus mit inniger zu Herzen, gehender Stimme das el mole rachamim. Das Kaddischgebet beschloß die kurze eindrucksvolle Feier, zu der außer den Angehörigen Vertreter des Vorstandes, der Neuen Synagoge, des Synagogenchores, der Knaben- und Mädchenschule der Jüdischen Gemeinde, sowie Freund« des Verstorbenen anwesend waren. — Am Freitag, den 16. November, dem bürgerlichen Sterbetage Albert Kellermanns» werden in der Neuen Synagoge beim Gottesdienste verschiedene Kompositionen des Tahingeschiedenen zum Bortrag gebracht werden. Berlin. (Gesellschaft für jüdische F a m i l i e n s o r - I ch u n g.) Am 30. Oktober fand im Brüder-Bereinshause eine Versammlung der Gesellschaft für jüdische Familicnforschung statt, die sehr zahlreich besucht war. Zum Beginn gedachte der Vorsitzende^, Herr Dr. Czellitzer, in warmen Worten der jüngst verstorbenen Vorstandsmitglieder, des Herrn Rabbiner Dr. Abraham Löwcnthal, sowie der Frau Henriette May. Herr Dr. Karl Schwarz, Leiter der Kunstsammlung der Jüdischen Gemeinde Berlin, hielt .einen, mit viel Beifall aufgenommenen Vortrag (mit Lichtbildern) über das Thema: „Die Jüdische Familie in der Kunst". Er führte folgendes aus: Bei dem sozial-ethischen Charakter des Judentums ist bereits in der Bibel und zu Zeiten, du andere Völker noch weit von solchen Anschauungen standen, die Familie die Grundlage der ganzen sozialen Ordnung. Obwohl patriarchisch eingestellt, werden bereits di« Erzmütter neben den Erzvätern hervorgehoben. Die Frau spielt eine wichtige Rolle im gesamten Leben: Mirjam, Deborah, die Prophetin Hulda, die tapfere Judith und die Königin Salome Alexandra. Die Kunst hat das jüdische Familienleben an Scenen aus der Bibel zu allen Zeiten und in allen Ländern dargestellt. Als Beispiele wurden Rembrandts Werke zur Abrahamsgeschichte u. a. herangezogen, da dieser Meister, wie wohl kaum ein anderer, in die jüdisch-alttestamentarische Psyche eingedrungen ist. — In den mittelalterlichen Miniaturen, vornehmlich in -den von Juden Illuminierten Haggadahs, finden sich viele Darstellungen jüdischen Familienlebens. Die interessantesten Dokumente früherer Zeit sind aber Trauszenen, herrlich illustrierte Ehekontrakte, Memorbücher der Gemeinden, Thorawimpeln mit volkstümlichen Darstellungen und verschiedene Ritualgeräte. Be-