Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 45 (9.11.1928)
- Date
- 1928-11-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seelische Ttöte und ihre Beratung Eine NeuschSpfnng des Jüdischen Frauenbundes in Berlin. Schwerer als ln den übrigen Bevölkerungskreisen wirkt sich unter uns Juden die Not der Zeit aus; und mehr vielleicht als die materielle, der das jüdische Wohlfahrtsamt nach besten Kräften zu steuern sucht, birgt die seelische Gefahrenherde, die besonders die Entwicklung unserer Jugend und damit unserer Zukunft bedrohen. Sind wir doch ein alter Stamm, hundertmal verpflanzt in immer anderes Erdreich, in immer neue Lebensbedingungen gestellt, denen die uralten Wachstumsgewohnheiten sich erst wieder neu anpassen müssen. Ist es da zu verwundern, wenn unter uns sich mehr und schwerere Fehlformen des Individuums finden, als unter dem uns umgebenden bodenständigen Volkstum, das durch Jahrtausende unter glücklichsten Taseinsbedingungen sich entwickeln durfte? Wie leider die Zahl der Schwerhörigen, der Taubstummen und anderer organisch nicht Vollwertiger prozentual größer ist unter uns, so auch die der Psychopathen und vom Lebenskampf zermalmten, die schließlich im Selbstmord enden. Viele von diesen aber könnten dem Leben erhalten und neuer fruchtbringender Taseinsbejahung zugcführt werden, wenn ein verstehendes Teilnehmcn an ihren Nöten sie liebevoll auswärts führen würde: „Siehe, es haben andere gelitten wie du, und sie haben gelernt, weiter zu leben." Gerade in der Millionenstadt mit ihrer Uebersülle von Existenzen steht der Mensch allein und einsamer als im fernsten Torfe. Und selbst die Wohnungsnot, die die Menschen räumlich gegeneinanderdrungt, hat ihre Seelen nur scheuer und in sich verkrochener gemacht. Man schweigt und leidet, wo ein Aussprechen an sich schon die Seele erleichtern und gemeinsam Wege zur Abhilfe finden ließe. Zu einer solchen Aussprache nun will der Jüdische Frauenbund in seinen neugeschaffenen Beratungsstellen Gelegenheit geben. Frauen mit warmem Herzen und klugem Verstehen wollen sich dort allen denen zur Verfügung stellen, die mit ihren Nöten zu ifheit kommen. Ter Jugend zumal soll ihr Beistand gelten und ihnen, die für die Heranbildung dieser Jugend besorgt und verantwortlich sind: den Eltern! Sieht doch die heutige Elternschaft zum Teil fassungslos sicheiner Jugend gegenüber, die über alle Tradition hinweg ihr Leben selbstherrlich neugestalten möchte. Die Tradition aber hat gerade unter uns Juden weit mehr als sonstwo zur Aufrechterhaltung unseres geschichtlichen Daseins beigetragen; und stärker als bei den übrigen war bei uns die Autorität der Eltern. Heute aber will eine Erziehungslehre, die auf Seelenkunde sich, gründet, Hindernisse, die das junge Wachstum gefährden, aus dem Wege räumen, anstatt mit Gewalt über Widerstrebendes hinwegzuzwingen. Und man weiß, wieviel Körperliches auch in scheinbare Unlust oder Unfügsamkeit des werdenden Menschen hincinspielt. Darum hat der Frauenbund neben älteren, lebenserfahrenen Frauen auch ganz junge in seine Beratungsstelle geschickt, die ihrer eigenen Entwicklungszeit nach der zu beratenden Jugend noch nahestehen. Aber nicht nur Schwierigkeiten zwischen Eltern und Kindern, auch solche zwischen Eheleuten, im Berufsleben usw. sollen zur Beratung kommen. Und wo es mit einer beratenden Aussprache allein nicht getan ist, sollen die Hilfesuchenden an eine ärztliche, juristische oder sonst geeignete Stelle gewiesen werden. Wo es gewünscht wird, soll eine Aussprache mtmmmmmmmmsammBsamaBammammmmmmmmmBammmammmmam Das Ewig-Weibliche Zu Felir Saltens „Simson". Von Rabbiner Tr. G o t t s ch a l i, Franifurt a. M. Daß uns das Ewig-Weibliche hinanzieht, ist auch der jüdischen Religion mchi unbekannt. Man kennt das Hohetted und sein Wort „die Liebe ist ein Gottesseuer", man kennt das „wackere Weib", das im letzten Kapitel der Sprüche Salomos so wundervoll besungen wird, aber nicht nur um ihrer selbst willen, sondern auch, weil ihr Gatte sie rühmt, man kennt Esther und man kennt Ruth, wenn auch nicht genügend. Tenn nicht bloß ihre Treue, sondern auch ihre Keuschheit hat ihr das Herz des Boas gewonnen. Sie tonnte sich unbesorgt und von ihm unbemerkt in der Dunkelheit zu seinen Füßen niederlegen, um ihn weiter auf sich aufmerksam zu machen — er gestand ihr doch zu, als er sie bemerkte: „Es weiß das ganze Tor meines Volkes, daß du ein wackeres Weib bist." Man kennt auch Rahe!, wenn auch vielleicht nicht das klassische Wort: „Sie waren ihm wie einige Tage, weil er sie liebte." Sie — das sind die 7 Jahre, die es um Rahe! dienen mußte. Und knüpft sich nicht wieder an den Namen Rahel jene unsterbliche Liebeslegende, die um Akiba gewoben ist? Soll sie doch, die Tochter eines reichen Vaters, auf Geld und Glanz verzichtet haben und mit Akiba, dem armen, unwissende,i Hirten, m tiefste Not gegangen sein. Ihr Haar verlauste sie, um das Leben mit dem Gatten zu fristen und 12, ja 24 Jahre lebte sie allein, damit er ein berühmter Gelehrter werde. Legende, gewiß. Aber daß jüdischer Geist so dichten sonnte, ist bezeichnend genug. Und schon im Altertum. Im Mittelalter aber vernehmen wir Jehuda Halevi: „Er sah mir liebend in die Augen, und ich hielt kosend ihn umfangen, und in dem Spiegel" meiner Augen sah cr sein eigen Bild nun hangen. Da küßt er mir die dunklen Augen und küßte sie so l/eifr und wild. Der Schelm — er küßte nicht die Augen, er küßie nur sem eigen Bild." Und aus der Neuzeit überträgt Arno Nadel aus dem jüdischen Osten: „Brot mit Salz will ich essen, Vater und Mutter will ich vergessen, nur mit dir zusammen sein." Aber das Ewig-Weibliche zieht uns nicht bloß hinan, sondern auch — hinab. Auch das wußte die Bibel schon, um nur von ihr zu reden, zur Genüge. Dieselbe Eva, die Adam eine „Gehilfin" werden sollte, wurde chm Verführmty David kommt durch ein Weib in Sünde, salomo läßt sich durch fremde Frauen zum Götzendienst verführen, und d-ie Propheten — wieviel Reden muhten sie gegen Untreue und Unsittlichkeit halten, die Schuld der Frauen war. Und es sind nicht immer bloß Gleich gütige, wir sehen es an David und Salomo, die nicht widerstehen können. Und ein Mensch, dem es ähnlich erging, der den Stempel Gottes trug, mit ungeheurer Körperkraft begnadet war, den sich das Volk zum Retter erwählte und Richter, — war Simson. Aber weder die Weihe Gottes, noch die Liebe des Volkes schützten ihn vor dem Zusammenbruch durch den Verrat einer Frau aus dem Feindesland. Den Stempel Gottes trug er schon vor der Gümrt. Schon da wird er zum „Geweihten Gottes" bestimmt. Die Mutter soll nichts Berauschendes trinken, über des Knaben Haupt, ja über des Mannes Haupt soll nie ein Schermesser gehen. unter vier Augen gewährt werden; gegebenenfalls auch unter Wahrung der vollen Anonymität des Besuchers. Ein wundervoller, zukunftsträchtiger Gedanke, diese Beratungsstellen von Mensch zu Mensch! Seelengut, das ohne jede materielle Verbindlichkeit gegeben und genommen wird. Schon ihr Vorhandensein an sich mag ein Tröstliches für den Einzelnen und eine Beruhigung für die Gesamtheit sein, die doch ein Schuldgefühl nie austilgen kann jedem gegenüber, den sie in ihrer Mitte hilflos zugrundegehen ficht. Thekla Skorra. | Adolf kraus | In Chicago verstarb im Alter von 78 Jahren der langjährige Präsident der Internationalen Loge des Unabhängigen Ordens Bnei Brith und jetzige Ehrenpräsident der Weltlage Herr Adolf Kraus. In der amerikanischen Judenheit hat das Ableben des hochbetagten, sttts bewährten, mutigen jüdischen Führers, der sich überall in der Welt großen Ansehens erfreuen durfte, Trauer hervorgerufen. * Ein „Selfmademan". Ein halb hunderttausend Juden auf dem weiten Erdenrund, die dem Orden Bnai Nrith angehören, betrauern den Heimgang ihres langjährigen Bundespräsidcnten Adolf Kraus, eiuer Führerpersönlichkeit von ungewöhnlichen Fähigkeiten. Er hat den typischen Aufstieg des amerikanischen Selfmademan gemacht: aus seinem böhmischen Heimatstädtchcn wanderte er bereits mit 15 Jahren nach Amerika aus. In einer Uhrlettenfabrik lernte er, entlief aber bald, da ihm ein Wochenlohn von drei Dollars zu wenig Zukunftsaussichten versprach. Ein sagenhafter Ontel „ermutigte" ihn: „Tn hättest ruhig auslernen sollen. Wenn du nicht bei deinem Handwerk bleiben kannst, soll's mich nicht wundern, wenn ich dich eines Tages am Galgen seh'!" „Am Galgen wohl — aber als Staatsanwalt, der die Hinrichtung leitet." Sprach's und verschwand. Nächste Etappe: Lehre bei einem Zigarcenfabritanten, gegen freie Verpflegung, einen Strohsack zum Schlafen und sechs Zigarren wöchentlich. Das Schneiden des Tabaks in Streifen lernt er einigermaßen; auch die Füllung gelingt leidlich. Aber das Einrollen der Deckblätter — das will nicht klappen. Schließlich reißt dem Lehrherrn der Geduldsfaden, und er schickt den Burschen wieder weg: „Adolf, zum Zigarrenmacher bist du zu dumm. Lern' was Leichteres." Für ein mühsam erspartes Zehndollarstück kauft Kraus allerhand Kram und geht damit im Staate Connecticut hausieren — geringer Erfolg. Trübselig schlendert er die Landstraße entlang. Ein Schlitten kommt angeklingelt. „Wohin, Junge?" „Weiß auch nicht. Arbeit suchen." ,,Ta kann dir geholfen werden. Verstehst du was von Pferden? So z. B. Pferdestriegeln?" „Noch nicht, aber ich kann's ja lernen" „Tann spring' aus." Adolf Kraus — Pferdeknecht! Nach einem halben Jahre läßt ihn fein Brotherr rufen: „Willst du meinen Kindern deutschen Unterricht geben?" „Mit tausend Freuden." Aber man merkt später — außer dem langen Haar — scheinbar nicht viel von dieser Weihe an Simson. Wohl wählt ihn das Volk zum Richter, was er wohl seiner Stärke zu verdanken hat, wohl betet er zweimal, einmal, als er fast verdurstet, einmal, als er, schon geblendet, sich rächen will, aber sonst: gegen den Willen der Eltern nimmt er sich eine Nichtjüdin zur Frau, vollbringt dauernd Gewalttaten, buhlt herum und vor allem — ist innerlich so haltlos, daß ihn Frauenlist zweimal zu Fall bringt. Das erste Weib quält ihn 7 T a g e lang, damit er ihr die Lösung des Rätsels sage, das er den Philistern aufgegeben. Und das zweite Weib täuscht er wohl dreimal, aber das vierte Mal wurde seine Seele unmutig, so daß er sich den Tod wünschte, und er gab sein Geheimnis preis. Frauenlist und Mannesschwachheit, die Schwachheit selbst eines Simson, der Löwen bezwang, Stadttorflügel aushob und mit dem Eselskinnbacken „Haufen über Haufen" schlug! Wie geschickt aber haben ihn beide Frauen umgarnt. „Du hassest mich nur und liebst mich nicht", spricht die eine. „Wie sprichst du doch, ich liebe dich, da dein Herz nicht bei mir ist", klagt die andere. Und Simson ist schwach, gewiß, aber auch so rührend vertrauensselig. Er ahnte nicht einen Augenblick, daß hinter dem Quälen beider Frauen die Drohungen und Lockungen der Philister standen und der Entschluß zum Verrat seiner beiden Frauen. So sind die Folgen denn tragisch und ergreifend: der Held, den kein Mann überwand, mußte erbittert und enttäuscht — Frauen erliegen, mußte sich blenden lassen, mußte die Mühle treiben, mußte beim Dagon-Fest, dem Fest für den Heidengott, tanzen. Mer das Ende war das. doch nicht. Das bestimmte er selbst: sein Haar, das man ihm geraubt hatte, war gewachsen, die Riesenkraft wiedergekehrt, und nun wischt er die ganze Schmach, die chm widerfahren war, mit ungeheurem Schlage ab: er biegt die Säulen des Tempels zusammen und stirbt mit den Philistern — das Ewig-Weibliche wird chm nicht mehr schaden. Im Grabe seines Vaters wird er begraben. „Und er hatte Israel 20 Jahre gerichtet." Indem die Geschichte damit schließt, haben wir das Gefühl, als sei Simson zu seinen Vätern heimgekehrt, äußerlich und innerlich. Als er lebte, spielten die Eltern keine Rolle für ihn. Im Tode soll der abgeirrte Sohn mit ihnen vereint sein. Der Ansicht, daß gerade das Ende von Simson einen Ausblick auf jüdisch-religiöse Auffassung gibt, war schon S teinl h at, der, die „Sage von Simson" schrieb. Er findet in dem Namen, den er mit Schemesch, Sonne, in Verbindung bringt, den Hinweis auf einen alten jüdischen Sonnengott oder Sonnenheros. Das .Haar, das für Simson die Stärke ist und ihn nicht bloß symbolisch an Gott erinnern soll, ist in Wirklichkeit die Sonnenkraft, die regelmäßig schwindet und wiederkommt. Der gebundene Simson ist die gebundene Sonnenkraft. Der geblendete Simson aber erinnert an den geblendeten Orion, nur mit dem entscheidenden Unterschied: Orion erhält das Licht seiner Augen wiÄer, Simson bleibt blind und stirbt, denn er reißt seine eigenen Säulen ein: „Der Heidengott ist tot und zieht seine Welt mit sich in sein Nichts... Jahwe lebt. Er hat in seiner Weisheit die Säulen der Welt gesetzt und sein Heros ist Israel." Diese Wendung mußte — nach Steinthal — kommen, denn Simson „beseelt nicht die Idee Jahwes.. ihn bewegt nur Sinnenlust und launen- Mit 50 Dollars ersparten Geldes wendet fich Kraus nach Pinesville (Ohio). Neue Etappe: Handlungsgehilfe im Schnittwarengeschäft mit freier Wohnung, freier Station und 5 Dollars im Monat. Zu wenig, also was anderes. Jetzt wird Cleveland abgegrast erfolglos. Ein Schuhwarenhändler antwortet: „Ich Hab' schon mehr Angestellte als Künden. Go ahead! Kraus entgegnet ruhig: „In Cleveland wohnen sehr viele Böhmen. Ich spreche tschechisch. Ich kann Ihnen also einen großen tschechischen Kundenkreis verschaffen." Da lenkt der Chef ein und engagiert den Böhmen. Kraus geht schnurstracks zum Herausgeber einer tschechischen Zeitung und ersucht um Aufnahme einer Notiz: „Unser Landsmann, Herr Adolf Kraus, hat einen Posten als Verkäufer in dem und dem Schuhwarengeschäft angetreten." Am nächsten Morgen strömten die böhmischen Frauen in Massen in das Geschäft! Ende der Woche erhielt Kraus bereits 20 Dollars ausbezahlt. Noch mehr: feit Brotherr richtet ihm selber ein Schuhgeschäft ein; und als Adolf nach ein paar Atonalen ausscheidet, legt ihm sein Chef 1000 Dollars bar auf den Tisch. Neunzehn Jahre ist er alt. Von entscheidender Bedeutung wird seine Uebcrsiedlung nach Hudson (Michigan), wo er als Geschäftsführer eines Schnittwaren» geschäfts zugleich Zutritt zu den Freimaurer- und Old Fellow- Logen gewinnt. Ein junger Rechtsanwalt, mit dem cr abends eine Partie Schach spielt, macht ihm klar, daß ihm im Schnittwarengeschäft keine Zukunft erblühe; er solle die Rechte studieren und Anwalt werden. Ta liest Kraus in den Zeitungen spaltenlange Berichte vom großen Brande in Chicago. Alles ist verloren, nur die Hoffnung nicht. Die Stadl wird wreder aufgebaut werden - so folgert er -- und so entschließt er sich, hier sein Zelt aufzuschlagen, hier festen Fuß zu fassen. Nachdem er sich in Chicago als Angestellter in den verschiedensten Geschäften 300 Dollars gespart hat, tritt er in ein RackitsanwaltsbÜro ein, um hier — wie es m Amerika üblich ist — die Juristerei praktisch zu erlernen. Noch ist kein Jahr verflossen, da führt er auch schon kleine Prozesse vor dem Friedensrichter. Anfang Januar 1877 läßt er sich als Rechtsanwalt nieder und tritt in den heiligen Stand der Ehe. Seine Klientel fetzt sich vorwiegend aus Tschechen zusammen, und da cr sich auch bereits in politischen Prozessen betätigt, so ist sein Name bald in aller Munde. Nach drei Jahren besaß er bereits ein eigenes Haus sowie Pferd und Wagen. Nun folgt ein rascher Aufstieg zu Reichtum und Ehre. Seine Mitbürger wählen ihn in das Stadtparlament: Kandidaturen zu den gesetzgebenden Körperschafteil lehnt er ab. 1905 wird er Präsident des Ordens Bnai B'rith, in dessen Dienst er bis 1925 segensreich — sehr häufig auch politisch durch Verhandlungen mit Regierungen, welche die Gleichberechtigung der Juden antasteten, — gewirkt hat. Es klingt fast wie ein Märchen, daß der Pferdeknecht auf der Farm, dem schon der Aufstieg zum Ladenjüngling wie ein Paradies vorkommt, ein Mann wird, den die Präsidenten Amerikas, namentlich William H. Taft, mit ihrem Vertrauen, ja mit ihrer Freundschaft beehren, und der seinen weitreichenden Einfluß für das Wohl seiner unterdrückten Glaubensbrüder erfolgreich geltend machen darf. Trauernd steht Israel an seiner frischen Gruft. Professor Dr. Eugen Wölbe-Berlin Hafter Uebermut. Simson ist durchaus unsittlich." Das Ewig- Weibliche zieht uns — hinab. Steinthal formt es nicht wörtlich so, aber das Ergebnis seiner Darlegungen ist nicht anders zu fassen. Und wenn es uns hinabstatt hinaufziebt, ist es unsittlich, und weil unsittlich, unjüdisch. Es muß einer neuen Auffassung weichest. Die Kunst kennt derartige Motive nicht. Sie zeigt uns einfach die Momente der Erzählung: das Gebet Manoahs, die Hochzeit, die Drohung an den Schwiegervater - bei Rembrand, den Eselskinnbacken bei Reni, die Ueberlistung durch Delila bei Rüben s und T u r ch i. Beachtenswerter sind schon die musikalischen Vertonungen, die das religiöse Motiv Steinthals anklingen lassen und sogar in gewisser Richtung erweitern. Bei S a i n t - S a e n S beginnt Simson gleich: „Ist nicht der Herr bei dir mit seinen Engelscharen, wirf auf ihn deine Not, Herr, starker Gott, verlaß nur jetzt mich nicht." Und als er unterlegen ist, bekennt er fromm: „Weil sich mein Fuß verirrt vom rechten Pfad, hat fürchterlich gestraft mich deine Hand." Dieser fromme Zug, der so in der Bibel fehlt — dort ist Gott für Simson nur bei der Durstqual da und als Rächer — findet eine interessante Stütze in der A g a d a. Als Richter war Simson — nach ihr — sehr beliebt, es gab keinen bescheideneren Menschen als ihn. Niemals nahm er sich einen der Israeliten zum Knecht. Wenn ihm jemand freiwillig seine Dienste anbot, lehnte er das ab. — Und das Delilamotiv bei Saint- Saens? Sie spricht zwar den schönen Satz: „Es gibt einen mächtigen Gott, dem alle Götter unterliegen — der Gott der Liebe muß siegen." Aber das ist nur Verlockung. Als sie ihr Ziel erreicht, hat sie „ihren Gott, ihr Volk, ihre Schande gerächt". Das Ewig-Weibliche hat ihn hinabgezogen. Eine neue, sehr beachtenswerte Variante bringt H änd el in die Darstellung. Er beginnt gleich mit Simsons Erblindung und Reue. „Wen Hab ich anzuklagen als mich selbst, der Gottes Gab in Schweigen nicht bewahrt." „Ich büßt die Kraft im Schoß der Wollust ein." Delila nun zeigt sich bei Händel von einer neuen Seite. Sie bereut ihr Tun, bittet Simson um Verzeihung und. will ihn in neuer Liebe fortan behüten, was-höhnisch auch die Delila bei Saint-Saens verspricht. „Vergib, was war, vergib, was uns geschah. Aus diesem Kerker weg komm in mein .Haus.... Mit süßer Pfleg erquick ich dich, mit neuer Lieb beglück ich dich." Aber Simson verzichtet. Manoah lebt bei Händel noch, als Simson blind ist, und predigt Ergebung: „Denn stets ist gut, auch wenn es kränkt, was seine Weisheit uns verhängt." Als Simson gefallen ist, klagt Israel um ihn. Manoah und eine Israelitin wünschen, daß sich Jünglinge und Jungfrauen an jedem Fest an seinem Grab versammeln sotten und dort neuen Mut zu neuen Taten schöpfen. „Dem Feind schuf er Verderb, sich selber ewgen Ruhm." Händel schließt mit einer Verherrlichung Gottes. Ihm kommt es also auf den Helden Simson an und nicht auf den Schwächling gegenüber dem Ewig-Weiblichen, und so sehr kommt es ihn darauf an, daß er Simson auch in diesem Punkte als Helden erscheinen läßt. Zn dem Zweck muß er freilich die Wandlung Delilas hinzuerfinden. In jüngster Zeit haben wir nun zwei Prosadichtungen über das Thema erhalten. Die eine, von Altalena, „Richter und Narr", wurde hier schon kurz besprochen. Auch er erfindet: Delila handelt bei ihm aus Eifersucht. Nach