Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 45 (9.11.1928)
- Date
- 1928-11-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2613366-2613947-2613992--2922-2620450- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
IMch liberaleZeilmL Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. D. »»Iliyuta durch Me «efchSstsfieve '/^hrNch 2IL 230 Mnzeinummer 0.20. Bei freier Zusendung t Inland OJ25 HO» Me Mitglieder der Bereinigung ist der Bezugspreis im Mitgliedsdeitrage enthalten. Vae«»t»»rtl. Ledatteur: Brun» Layda. Die jüdisch-liberale Zeitungerscheint jeden Freitag.! Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin LW 48, Wilheimstr. 147! Fernruf: Bergmann 3358, S3SS!! Nachdruck sämtlicher Original-Beitrages Postscheckkonto: Berlin NW 7. 137 0öS |! nur mit vorheriger Genehmigung der I (Bereinigung für da» liberale Judentum» >_Redaktion gestattet. _j?injeigenpreife: jl,'k u gefallene Nonparailiezeile 0.45 Goldmark, die Rekiomezeile 3.00 Goldmark, dei Wiederholungen stodatt. Anzeigenannahme: «Jüdisch-liberale Zeiving- Inseratenabteilung: Berlin 5w 48. Wilhelmstrahe 14/ (Bergmann: 3358-59}, sowie sämtl. Annomen-Lxpedaion. Nr. 45 Berlin. 9. November 1928 8. Zahrgang Halstagung des VreuWchen Nächster Verbandslag am 3. Februar 1929 — Annahme des Verfassungsenkwurfes eines Reichsverbandes der deutschen Juden — Eine Sammelanleihe für leistungsschwache Gemeinden Am 4. November d. Js. trat der Große Rat des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden unter dem Vorsitz seines Präsidenten Kammergerichtsrat Wolfs zu einer Sitzung zusammen. Es wurde zunächst beschlossen, den Verbandstag auf den 3. Februar 1929 einzuberufen. Sodann behandelte der Rat den von den Vertretern der Landesverbände und des Deutsch-Israelitischen Gemeinde- Bundes am 3. Juni d. Js. in Köln angenommenen Entwurf der Verfassung eines Reichsverbandes der deutschen Juden. Nach längerer Aussprache wurde der Verfassungsentwurf mit 25 gegen 6 Stimmen unverändert angenommen. Als weiteren Punkt der Tagesordnung erörterte man die Frage einer Sammel-Anleihe. Gemeinden, die eine Anleihe dringend benötigen, und deren Belastung es gerechtfertigt erscheinen läßt, soll in beschränktem Maße der Zinsendienst erleichtert werden. Einen breiten Raum in den Beratungen nahm wiederum die zukünftige Lehrerbildung ein. Ein Ausschuß wurde mit der nochmaligen Prüfung dieser schwierigen Frage beauftragt. Der Dringlichkeit wegen tagte er bereits am 5. November. Zum Schluß genehmigte der Rat die Bewilligungen, die der Wohlfahrtsausschuß in seiner letzten Sitzung ausgesprochen hatte. Zu dem vorstehenden, recht spärlichen „amtlichen" Bericht verbreitet die Jüdische Telegraphen-Agentur ergänzend noch die folgende, offensichtlich aus zionistischer Quelle stammende Mitteilung: Ter Große Rat des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden beschäftigte sich in seiner letzten Berliner Tagung mit der Frage der Reichsorganisation. Hierüber wird uns noch mitgeteilt: Gegen den vorliegenden Verfassungsentwurf wandte sich Rechtsanwalt Tr. Klee als Vertreter der Volkspartei mit der Erklärung, daß er ihn für völlig undemokratisch halte, daß aber darüber hinaus der Reichsverband als Kostgänger der Landesverbände zu einem Scheindasein verurteilt sei. In einer Zeit, in der bei den Ländern in Deutschland verheißungsvolle Unifikationsbestrebungen im Gange seien, erscheine es viel zweckmäßiger, mit der Begründung des Reichsverbandes noch zu warten, als schon jetzt ein unzweckmäßiges Scheingebilde zu schaffen. Dieser Auffassung schlossen sich die Herren Tr. Sandler und Ministerialdirektor Tr. Badt an. Die Annahme der Verfassung der Reichsorganisation in der vorliegenden Form erfolgte gegen die Stimmen der Jüdischen Volkspartei, des Herrn Tr. Freund und des Konservativen Fromin-Frankfurt a. M. Der Hauptstelle für jüdische Wanderfnrsorge wurde zur Gründung einer jüdischen Arbeiter-Kolonie ein Betrag von 30 009 Mark bewilligt (Hier irrt der Jta-Bericht; tatsächlich wurde dieje Bewilligung vertagt. Tie Red. der J.-l. Z.)^ Des weiteren wurde bewilligt auf Befürwortung des Herrn Direktor Kareski dem Reichsbund jüdischer Frontsoldaten für Siedlungszwecke ein Betrag von 5000 Mark. Aus den weiteren Bewilligungen sind interessant die folgenden Posten, die bereits den Wohlfahrtsausschuß beschäftigt hatten: Zentralwohlfahrtsstelle 15 000 Mark, Hauptstelle für Wanderfürsorge 15000 Mark, Tuberkulosenfürsorge 15 000 Mark, Hechaluz 3000 Mark, für Vorarbeiten auf dem Gebiete der Bevölkerungspolitik 5000 Mark, an Stipendien für soziale Ausbildung 5000 Mark, für Gefangenensürsorge 3000 Mark u. a. Es wurde auch die Frage der Unterstützung der stcp« tistischen Sektion der Akademie für die Wissenschaft des Judentums behandelt. Bei dieser Gelegenheit wies Professor Türk darauf hin, daß demnächst bei der Berliner Gemeinde ein statistisches Büro errichtet werden würde, das die Mit- Vertretung der Interessen des Preußischen Landesverbandes, wenn das mögliche wäre, übernehmen sollte. Im übrigen müsse eine größere Vereinheitlichung der statistischen Aufnahmen erzielt werden, die Bearbeitung eines einheitlichen Fragebogens, der allen jüdischen größeren Gemeinden für statistische Zwecke zugehen werde, sei in Vorbereitung. Eine besondere Schwierigkeit bildete die Frage des Kölner Lehrerseminars. Ta in Berlin ein liberal gerichtetes Institut für Lehrerausbildung existiert, wünschen die Konservativen in Preußen, das Kölner Seminar als konservatives Seminar zu erhalten. Auf der anderen Seite verpflichten die neuen Bindungen mit dm süddeutschen Verbänden zur Erhaltung des konservativen Würzburger Seminars. Es wird weiterer Erörterungen darüber bedürfen, ob der preußische Verband das konservative Seminar in Köln erhalten kann, wmn er auch die Verpflichtung übernimmt, den Großteil zur Erhaltung des Würzburger Seminars beizustmern. Auf einen Antrag Tr. Frmnds hin wurde eine Kommission eingesetzt, die die Fragen der Religionslehrer-, der Schächter-, der Kantorm--Ausbildung und ihre Unterbringung in organischem Zusammenhang studieren und prüfen soll. Die Frage der Einberufung einer Konferenz, die die Mischehe-Frage behandeln sott, wurde vertagt. Vor Eintritt in die eigentliche Tagesordnung hielt der Vorsitzende dem verstorbenen ersten Vorsteher der Königsberger Gemeinde, Justizrat Holz, einen warmen i Nachruf. Unsere Zugend Nach der Magdeburger Tagung der jüdisch- Uberalen Jugendvereine. Noch ist viel Nichtverstehen in der Welt. Doch die besten Köpfe versuchen, Entfremdung und Ablehnung durch Kennenlernen in Achtung zu wandeln. Und es will scheinen, daß ihr Mühen jetzt, da ein Welternst wieder das gesamte Leben durchwebt, nicht mehr belächelt und bespöttelt wird, daß Früchte zu reifen beginnen. Auf einem Gebiet nur scheint das Nichtverstehen größer denn je. Die Generationen haben, als Ganzes betrachtet, aber auch vielfach im engen Kreis — die Fühlung miteinander verloren. Kann da von Schuld gesprochen werden? Wohl kaum. Krieg und Inflation mußten Entfremdung nähren. Nicht nur als Folge der räumlichen Trennung, die oft gerade in den entscheidenden Jahren der Kindheit notwendig wurde, auch nicht nur durch das frühere Selbständigwerden einer Jugend dieser Zeit. Entfremdung der Generationen mußte eintreten, weil jene Zeit die Lüge der Gesellschaft explosivartig enthüllte; jene Zeit, in der die Menschen die von ihnen gelernten und gelehrten ethischen Grundsätze nicht mehr kannten und der Satz, daß der Zweck die Mittel heilige, herhalten mußte, um i^edes Mittel zu heiligen. Tie Lüge der Gesellschaft zeitigte ein Trümmerfeld. Nun schieden sich die Generationen. (Wobei selbstverständlich die Zahl der Lebensjahre nicht stets und nicht allein für die Zugehörigkeit zu einer der Generationen entscheidend ist.) Das Alter resignierte oder machte nun gar bewußt das Gesellschaftslügenspiel mit. Die Jugend aber erschreckte und machte den Kampf gegen die Gesellschaftslüge zu ihrer dringendsten Aufgabe. So entstand die Entfremdung, gefördert noch durch ein Abrücken der Jugend vom Alter in ihrer Formcnwelt. In dem gesamten bündischen Leben der Jugend kam der Wille zur Wahrhaftigkeit der Gesellschaft zum Ausdruck, schon in der Kleidung sollte Ehrlichkeit und Natürlichkeit sich zeigen. Daß Auswüchse nicht ausblieben, wen kann es wundern? Daß aber nur diese Auswüchse von der älteren Generation gesehen wurden, das hat vielleicht das Nichtverstehen erst so groß werden lassen. Die ältere Generation sah nur die „Krankheit der Jugend", und ihre Presse befriedigte die Sensationslust der Leser durch eine verhängnisvolle Berichterstattung über jugendliche Irrungen. Die Jugend hingegen sah bei der älteren Generation nur die Lüge der Gesellschaft und übersah die Menschen. Die Zeit aber wirkt auch auf diesem Gebiet lindernd. Die Extreme haben sich abgeschliffen, was gestern noch Jugend, bildet heute schon einen Teil der älteren Generation. Und morgen schon wird eine neue Jugend da sein, die dann hoffentlich Verständnis finden wird. Wenn im jüdischen Leben Deutschlands die Gegensätzlichkeit der Generationen nicht mit der Schärfe auftrat wie in dem des nichtjüdischen Deutschland, so mag die Ursache darin zu erblicken sein, daß der Jude durch eigene Erlebnisse und durch die Geschichte seiner Religion Verstehen gelernt hat, auch darin, daß hier die Generationen durch die Einstellung der Umwelt zu einer Gemeinsamkeit verbunden wurden. Extreme blieben im jüdischen Leben selten, gegenseitiges Verstehen oder Aufeinanderangewiesensein verhinderten meist Explosionen. Bündisches Wesen hielt zwar auch in jüdische Jugendorganisationen Einzug — vornehmlich Blau-Weiß, Kameraden, Kadimäh — aber es blieb hier doch stets niur Nebenerscheinung des Geistigen. Nicht oder doch nur sehr selten, das muß offen festgestellt werden, wurde die Brücke zwischen den Generationen durch ein positives Verhältnis zum Judentum gebildet. Ja man kann vielleicht sogar sagen, daß bei den Juden die Auseinandersetzung der Generationen, die sonst auf ganz anderen Gebieten erfolgte, oft auf jüdisches Gebiet verlegt wurde. Die Jugend fand beispielsweise, daß dieses Pochen auf das „jüdische Herz" oder die Art des Verkehrs jüdischer Verwandtschaft oft nur innere Hohlheit verdeckte, empfand in orthodoxen Kreisen den Anachronismus der religiösen Form, in liberalen Kreisen vielfach statt tieferer Verpflichtung nur größere Laxheit, häufig gar statt Stolz auf das Judentum den Wunschvergessen zu machen. Die Jugend strebte nach Klarheit. Viele gingen zum Zionismus. Biele erkämpften sich, ein neues Verhältnis zur jüdischen Religion. Einige, etwa die C.V.-Jugend, ringen noch um die positive Grundlage ihrer jüdischen Existenz. Es war gewiß kein Zufall, daß die neutrale Jugendbewegung damals zusammenbrach, vermochte sie doch, nur Toleranz, aber nicht Klarheit zu lehren; wenn in den letzten Jahren sie neu erstarkte, so ist ein Grund zum Wesentlichen sicher darin zu suchen, daß die jüdischen Richtungen auch in der neutralen Jugendbewegung in ihrer Gegensätzlichkeit erkannt werden und offen bekannt werden dürfen. Wie nun stehts mit der jüdisch-liberalen Jugendbewegung? Wer sich durch zionistische Borträge oder Zeitungen über sie unterrichtet, der meint, daß, zwischen ihr und den Organisationen der älteren Generation tiefste Enffremdung oder heftige Fehde besteht. Wer sichbei ihr selbst umsieht, der stellt fest, daß genau das Gegentell zutrifft. Das Verhältnis zwischen der „Vereinigung für das liberale Judentum" und der „Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvereine" ist geradezu von vorbildlicher Harmonie. Und wer das, weil es seinem Parteiwunsch mehr entspricht, gern anders sehen möchte, der dürfte nach der Magdeburger Jli-Tagung, die am vergangenen Sonntag stattfand, gut tun, seiner Hoffnung endgültig zu entsagen. Ueber die Einzelheiten der Tagung wird von der Jugend selbst in der in nächster Woche erscheinenden Jli-Beilage berichtet werden. Hier sei nur mit Freuden festgestellt, daß in der Jli-Jugend, gleichviel, ob sie in Frankfurt, Berlin, Breslau, Magdeburg oder Ratibor beheimatet ist, ein Drang nach religiöser Erkenntnis undwas vielleicht noch wichtiger ist, nach: religiösem Leben sich offenbart, — doch ohne dabei das Jungsein zu vergessen — daß das liberale Judentum von hier voraussichtlich einen qualitativ sehr wertvollen Führernachwuchs erhalten wird. Man hat es von interessierter Seite oft so dargestellt, als ob die liberale Jugend den Zionismus bejahe. Die Magdeburger Jli-Führertagung ergab, daß alle — auch nicht einer war anderer Meinung — den Zionismus ablehnen. Einmütig beschloß man, sich die Resolution des Vorstands der Vereinigung für das liberale Judentum vom 8. Mai 1927 zu eigen zu machen, die die Ablehnung des Nationaljudentums vom Standpunkt des religiös-liberalen Judentums begründet. Man hat es oft so dargestellt, als ob die liberale Jugend zur Orthodoxie zurückkehre. Die Tagung zeigte, daß die liberale Jugend ebenso wie die Vereinigung für das liberale Judentum den alten Geist der jüdischen Religion da, wo nicht alte Formen neu belebt werden können, in neuen Formen zu prägen versucht. Und es zeigte sichdaß auch von der liberalen Jugend — vielleicht ist diese Uebereinftimmung nicht zuletzt eine Folge der Taffache, daß in der Vereinigung für das liberale Judentum sich die Jugend bereits durchgesetzt hat — als wichtigste Aufgabe der Gegenwart angesehen wird, jüdische Gedanken im Leben und in der Umwelt zu verwirklichen. Das kam besonders in den Sachreferaten und den anschließenden Diskussionen zum Ausdruck: Dr. Hugo Hoffmann, Frankfurt a. M., der von der Veffammlung zum Vorsitzen-, den gewählt wurde, sprach über „Leben und Lebensgestaltung. Rechte und Pflichten jüdischer Jugend", Hella Lion, Frankfurt a. M., über die „Soziale Frage", Walter Simon, Berlin, über „Internationale Jugend- und Friedensbewegung", insbesondere über den Welljugend-Kongreß in Eerde. Nichts aber wäre irriger als die Annahme, die liberale Jugend sei nur ein Abklatsch der liberalen Bereinigung, sie ringe nicht mehr, sei gesättigt und unjugendlich Wer diese Jugendtagung miterlebt hat, wer sah, mit welch jugendlichem Eifer man sich um jugend-organisatorische Fragen stritt, — das Bewußtsein, daß viele Wege zum Ziel führen können und ihre Berechtigung haben, dürfte nach dieser Tagung wohl von allen Jli-Führern erkannt werden — wer fühlte, wie hier jüdischer Geist und jugendliche Kraft zur Gestaltung künftigen Lebens sich einten, der wird wissen, daß diese Jugend wahrlich nicht den schlechtesten Teil der jüdischen Jugend darstellt. Diese Jugend ist geeint durch die Bejahung der Ver-, gangenheit und durchs die Bejahung der Zukunft. Ihr Wollen gilt dem Aufbau des religiös-liberalen Judentums, in sich selbst, in der jüdischen Gemeinschaft, in der Welt. Wenn es eine Aufgabe der Vereinigung für das liberale Judentum gibt, so ist es die: differ Jugend Freund zu sein. Durch diese Jugend, der Anhänger in allen Teilen Deutschjlands zugeführt werden müssen, wird das Verstehen in der Welt gefördert werden. Fördern wir sie! B.W. 1141564