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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-11-02 · 44 (2.11.1928) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
44 (2.11.1928)
Date
1928-11-02
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Oppeln. (Einführung von Rabbiner Dr. Lubasch.) Vor einiger Zeit fand die feierliche Einführung des neuen Gemeinde»-' rabbiners, des Herrn Dr. Lubasch, statt. Geleitet vom Vorstand und den Repräsentanten, betrat der neue Rabbiner das Gotteshaus. Nach Chorgesang begrüßte ihn im Namen des Vorstandes Herr Sanitätsrat Dr. Schlesinger. Herr Sanitätsrat Dr. Kaempfe hieß Herrn Dr. Lubasch namens der Repräsentanz willkommen. Er betonte die Einstimmigkeit der Wahl und sprach die Zuversicht auf eine harmonische Zusammenarbeit aus. Herr Dr. Lubasch gedachte in wehmutsvoller Erinnerung seines lieben Kollegen Braunschweiger, der in der Blüte der Jahre seiner Gemeinde entrissen worden sei. Der Wechsel der Zeiten habe die Entwicklung des Amtes eines Rabbiners bestimmt. War der Rabbiner im Mittelalter fast ausschließlich der Gelehrt«, der in ernster Forscherarbeit die Halacha zu ergründen suchte, so habe er heute die noch schwierigere Aufgabe, die Synthese zwischen Tradition und Moderne zu schaffen. Die Aufgabe des Rabbiners sei eine spezifisch andere als die des Geistlichen anderer Konfessionen. Der Rabbiner stehe Gott nicht näher als die Gemeinde, er verzeihe keine Schuld und Sünde, er sei nicht BrirAer des Heils und der Seligkeit, ec sei nur der Lehrer der GemeinÄ* Gemäß dem Worte des Prophelen Ezechiel, daß Gott den Propheten als Wächter eingesetzt habe für Israel, ist es Aufgabe des Rabbiners, die Tradition des Judentums zu wahren und jene Einheit zwischen Ueberlieferung und Moderne zu schaffen, die Herz und Verstand in gleichem Maße befriedigten. Die nächste Aufgabe sei die, im Sinn der jüdischen Ethik zu wirken; sei doch für uns Juden das Gebot der Nächstenliebe mehr als eine Forderung der Vernunft und Moral, für den Juden sei das sittliche Tun vielmehr dasselbe wie Gottesdienst. Und schließlich habe der Rabbiner der Gemeinde die Gedanken einer spezifisch religiösen Weltarm schauung nahe zu bringen. Die Rede klang aus mit dem Gebet um Segen für Reich und Gemeinde. Oppeln. (7 0. Geburtstag.) Der Mitbegründer der Bereinigung für das liberale Judentum und Begründer und Vorsitzender der Ortsgruppe Oppeln, Herr Sanitätsrat Dr. Schlesinger, feierte vor kurzem seinen 70. Geburtstag. Dem rüstigen Jubilar wurden Glückwünsche und Ehrungen in großer Menge von Mitgliedern der Gemeinde, von Deputationen der Gemeindekörperschaften, der Loge, des Aerztevereins, der Medizinalbeamten, des Oberpräsidenten, des Ministers für Volkswohlfahrt und von zahlreichen Mitgliedern der anderen Konfessionen dargebracht. Der Tag war ein Ehrentag für den Jubilar und ein Freudentag für seine engere und weitere Familie und für die Gemeinde. Recklinghausen. (T r a u e r f e i e r.) Zu einer erhebenden Trauerfeier für den verewigten Vorsitzenden der Gemeinde Recklinghausen hatten sich am Donnerstag, den 18. Oktober, die Gemeindemitgliedcr in der Synagoge versammelt. Unter den geladenen Gästen sah man den Herrn Bürgermeister Niemeicr, den Stadtverordnetenvorsteher, den Vorsitzenden des Amtsgerichts sowie eine ganze Reihe Berufskollegen des Verstorbenen. Nach einem wundervoll vorgetragenen Präludium von Alfred Aron und einem gefühlvoll zum Vortrag gebrachten Liede von Frau Rhee bestieg Herr Prediger Horwitz die Kanzel, um ein Lebensbild des Entschlafenen zu entwerfen. Er schilderte die großen Verdienste des Herrn Rechtsanwalt Bachrack, für die Gemeinde und gelobte im Namen der Gemeinde dem Verewigten Treue zu bewahren und in seinem Sinne die Geschicke der Gemeinde weiterzuleiten. Sensburg, Oftpr. (Goldene Hochzeit des Ehepaares B i e b e r.) Am 29. Oktober feierte das in weitesten Kreisen angesehene 'Ehepaar Max Bieber das Fest der Goldenen Hochzeit. Max Bieber gehört dem Vorstand der Sensburger Synagogcngemeinde seit 40 Jahren an und ist seit 15 Jahren der Vorsteher der Gemeinde, um di« er sich große Verdienste erworben hat. Ebenso gehört er seit langen Jahren dem Vorstande der Ortsgruppe des Centralvercins an. Wieviel Liebe und Verehrung das Ehepaar genießt, beweist am besten, daß nachstehende Behörden und Organisationen bei der Feier vertreten rvaren: der Kreis Rastenberg durch den Landrat nebst Kreisausschußmitgliedern, die Stadtverwaltung durch Bürgermeister und Stadträte, der Kriegerverein, dessen Mitbegründer Max Bieber vor 50 Jahren war, durch Oberst Horn und andere Vorstandsmitglieder, die Vereinsbank durch ihren Vorstand, außerdem die Geistlichen der protestantischen und katholischen Kirchen, der Vorstand der Demokratischen Partei, die Vorstände des Kaufmännischen Vereins und der Tertilvercinigung nebst vielen anderen Gratulanten. Stettin. (Maccabi siegt über den Stettiner Boxclub.) Das siegreiche Abschneiden der Maccabi-Mannschaft anläßlich pes Clubkampfes in Heringsdorf dürfte noch im Gedächtnis der Boxsport-Interessenten sein. Am Sonnabend, den 27. Oktober, wurde der Revanchekampf in Stettin ausgetragen. Auch hieraus konnte der Jüdische Borclub „Maccabi" E. V., Berlin, als Sieger hervorgehrn, obgleich er — durch Erkrankung einzelner Kämpfer — zum Teil mit Ersatz antreten mußte. Maccabi siezte in den unteren Gewichtsklassen, Fliegen-, Bantam-, Feder- und Leichtgewicht, und mußte die Punkte Weiter- bis Mittelgewicht abgeben. U. a. zwang Ball seinen Gegner Steindamm-Stettin zur Aufgabe in der ersten Runde. Der Gegner von Fuchs-Maccabi war Salomon-Stettin, der gleichfalls in der dritten Runde aufgeben und Fuchs den Sieg überlassen mußte. Einen schönen Kampf lieferte Guttmann-Maccabi gegen Ruppel-Stettin. Guttmann wurde klarer Punktsieger. Auch Bcyner-Maccabi lieferte einen schönen Kampf, bei dem es allerdings nicht ganz zu einem Siege reichte Tübingen. (8 0. G e b u r t s t a g.) Am Sonntag, den 29. Oktober, beging der Privatier Gustav Hirsch seinen 80. Geburtstag. Der Jubilar hat lvertvolle Arbeit zur Konstituierung der hiesigen israelitischen Gemeinde und zum Bau der Synagoge geleistet. Auch in der Bürgerschaft hatte sich der früher sehr tätige Jubilar eine geachtete Stellung erworben. Er zählte zu den Gründern des hiesigen Bürger- und Verkehrsvereins und besorgte von der Gründung 1891 an die Vereinskasse, vis ins Jahr 1924. Die derzeitige Leitung dieses so verdienstvollen Vereins übermittelte dem Jubilar die herzlichsten Glückwünsche. Sekten im Judentum Von Joseph Kauffmann, Berlin. Es erscheint unmöglich, daß ein Volk in seinen innerpolitischen Verhältnissen dauernd durchweg gleicher Ansicht und Meinung sein kann, daß es ohne Widerspruch und Parteiungen friedlich dahinlebt. Wenn auch eine Zeit lang jede Auflehnung gegen die Herrschaft der Machthaber durch Gewalt niedergedrückt werden kann, es kommt - ein Tag, an dem der Aufruhr losbricht, an dem die bis dahin gefesselten Seelen sich sreimachen und gegen die Unterdrückungen sich empören. Wird der Ausstand niedergeschlagen, so bleibt es beim Alten, bis neue Ausbrüche entstehen, die allmählich eine Umwälzung zum Besseren herbeisühren. Nicht jede Durchsetzung abtveichender Ansichten erfolgt aber auf so explosive Art, eine andere Macht bringt langsam aber sicher Aenderungen, hervor, die zum ersehnten Ziel ohne Gewalt und ohne blutige Opfer führen, es ist die allmächtige Zeit und in ihr die allmäblige Entwickelung der Dinge. Ruhig und bedächtig ist ihr Gang, sic ist nicht an den Weg der Sonne gebunden, sie eilt nicht« sie hastet nicht, sie schreitet auch nicht geradezu dem Ziel entgegen, sie macht Windungen und Rückschritte, geht Widerständen aus dem Wege, aber mehr und mehr kommt sie vorwärts und endlich ist der Punkt erreicht, der das erstrebte Ergebnis herbeiführt. In der gleichen Weise, wie im politischen, geht es auch im religiösen Leben, obwohl hier die Entwickelung vielleicht ein noch langsameres Kind der Zeit ist, als in jenem, obwohl die Kirchen erller Bekenntnisse eine noch stärkere Macht darstellen, als die weltliche Herrschaft, die ohnehin die Kirchen sich zur treuen Helferin zu machen wissen. Die gleichen Mittel sind es, die politische und kirchliche Machthaber der Entwickelung entgegen setzen, Verleumdung und Verfehmung, Aufhetzung und Verfolgung, Kerker und Tod. Blutströme pflegen den Gang der Entwickelung auf ihrem Wege zu begleiten. Jedoch auch Staat und Kirchen sind den Einwirkungen der Zeit, einer allmählichen Entwickelung gegenüber ohnmächtig, können sie nicht verhindern. Auch das Judentum ist eine Kirche, auch seine Entwickelung war und ist eine sehr langsame, gehemmt vom Widerstande der jeweilig herrschenden Religionsvertreter und. wohl noch mehr durch den Druck weltlicher und anderskirchlicher Gegner. Auch im Judentum gab es stets abweichend« Meinungen, Streit und Parteihaß, Verfolgungen und Verketzerungen, in der kurzen Zeit staatlicher Selbständigkeit fehlte es auch nicht an blutigsten Maßnahmen. Auf dem langen Wege der Staaten und Kirchen begleiten die Entwickelung Seitenwege, in die Andersdenkende sich retten können öder in die sie getrieben werden. Auswanderungen bei den Staaten, Abwanderung in Sekten bei den Kirchen. Die Auswanderer gehen den Staaten zu Gunsten anderer Länder verloren, die Sekten wohl ihrer Mutterkirche, aber nicht der Religion, sie vermehren nur deren Zahl, sofern sie lebensfähig bleiben. Bei den Kirchen finden auch Verschiebungen von einer zur anderen statt, sei es durch Uebertritt oder durch Mischehen, die in der Regel eine Aenderung in der Religionszugehörigkeit der Nachkommenschaft mit sich bringen. Das Judentum schien sich anfänglich zu einer Priesterreligion entwickeln zu wollen, das priesterliche Gesetzbuch war seine Grundlage. Aber die durch Zeit und Bedürfnis immer wachsende Auslegung und Ausarbeitung des Gesetzes durch nichtpriesterliche Schriftgelehrte schwächte allmählich die Macht des Priestertums, bis diese durch die Zerstörung des Tempels durch die Römer ganz gebrochen war, und die Schriftgelehrten die Alleinherrschaft errangen. Etwa 500 Jahre hatte der Streit zwischen den Priestern und den Schriftgelehrten gedauert, nur aus den ersten und den letzten^ Zeiten dieses halben Jahrtausends wissen wir Näheres varüber. Im Anfang hatten die Schriftgelehrten, unter denen sich übrigens auch Priester befanden, unterstützt von der persischen Staatsoberhoheit, die Oberhand, die Folge war die Sektenbildung der Samariter unter einem Hohenpriestersohn. lieber die Entstehung dieser Sekte, die sich länger als 2000 Jahre erhallen hat, heute auf wenige Familien zusammengeschruinpft ist, besitzen wir nur jüdische Berichte, die nicht absolut zuverlässig sein können, zumal sie erst nach Jahrhunderten verfaßt sind. Nach der Zerstörung Samarias durch Salmanasser waren allerlei Völkerschaften in das Land Israel verpflanzt, diese lebten zusammen mit den zurück- Lgelassenen Israeliten. Im Anfang herrschte bei ihnen Götzendienst, aber bei den Israeliten ivar der Glaube an den Gott ihrer Väter nicht erloschen. Irgend welche Umstände, dem Bericht nach das Ueberhandneymen der Raubtiere, sachte diesen Glauben wieder an, und der König von Assyrien ließ sich erweichen, einem israelitischen Priester die Rückkehr zu gestatten, damit dieser die Bewohner über den „Landesgott" unterrichten könne und dieser dann dem Notstand abhclfe. Dadurch wurden die Samariter zu Halbisraelitcn. Nach der Rückkehr der Judäer aus dem Exil wollten sie sich diesen anschließen, wurden aber zurückgewiesen. Dennoch blieb ein Verkehr zwischen Judäern und Samaritern, namentlich fanden viele Verschwägerungen statt. Ein voller Bruch trat erst durch Esras schroffe Maßregel der Trennung aller Ehen mit nichtjüdischen Frauen und der daraufhin erfolgten Erbauung des Konkurrenztempels auf dem Berge Gerisim ein. Eine Anzahl Jndäer, die mit den Maßnahmen Esras und Nehemias unzufrieden waren, trat zu den Samaritanern über, später erfolgten noch weitere Beitritte. Soweit die Berichte. Es scheint aber, daß noch andere Gründe Vorlagen, namentlich für die Judäer, die sich im Laufe der Zeit den Samaritanern anschlossen. Diese Gründe werden darin zu suchen sein, daß gleich nach Bekanntgabe der Thora durch Esra bei den Judäern eine Weiteventwickelung der mosaischen Gesetze begann, die als „mündliche Lehre" bezeichnet wurde. Diese mündliche Lehre gewann bald größere Bedeutung als die schriftliche. Unter „Unzufriedenheit mit den Maßnahmen Nehemias" ist wohl die Ablehnung der vielen neueingeführren Lehren und Vorschriften der nehemianischcn und nachnchemianischen Zeit zu verstehen. Die Samaritaner besitzen nur die fünf Bücher Mosis, die aber manche Abweichungen von den unsrigen aufweisen, und ein Buch Josua, das aber anderen Inhalts ist, als das biblische. Von allen den Auslegungen und Erschwerungen der Zeit nach Nehemia wissen die Samaritaner nichts, sie beschränken sich auf den Wortlaut des Gesetzes. Sie feiern Sabbat und Feiertage, letztere aber nach einer anderen Kalenderfestsetzung als die Juden.' Sie haben weder Tallis noch Tefillin noch andere von den Rabbinen festgesetzte Gebräuche. Ihre Rcligionsauffassung kommt derjenigen der späteren Saddukäer nahe. Dann folgen nach einigen Jahrhunderten die Kämpfe zwischen den auch von Priestern unterstützten Hellenisten und den aus dem Boden der Schriftgelehrten stehenden Gesetzcstreuen, die nach dem Siege der Makkabäer zur Bildung der beiden religiösen Parteien, der priesterlichen Saddukäer und der schriftgelehrten Pharisäer führen. Diese beiden Parteien führten den oft blutigen Kampf weiter, bald stand ein Makkabäerherrscher auf Seiten der einen, bald der anderen. Diese Kämpfe dauerten bis zur Zerstörung Jerusalems fort, dann beginnt die religiöse Alleinherrschaft der Tanaim, der Nachfolge? der Pharisäer und» der Schriftgelehrten, aber auch unter ihnen bleiben ernste Meinungsverschiedenheiten, schwerer Streit und Bannverhängungen nicht aus. Bon den Saddukäer schweigt die Geschichte dann fast ganz, ihre Schriften sind verschwunden, ihre Entstehung, selbst der Ursprung ihres Namens, ist nicht mit Sicherheit scstzustellen. Wahrscheinlich heißen sie nach Zadok, einem Schüler des Antigonos aus Soche. Eine eigentliche Sekte waren sie nicht, sie sind stets im jüdischen Religionsverband geblieben. Sie waren auch keine Reformer im eigentlichen Sinne, im Gegenteil, Gegner jeder Weiterentwickelung. Sie wollten nur die heilige Schrift und althergebrachte Gebräuche gelten lassen, deshalb verneinten sie auch die Unsterblichkeit der Seele, die Auferstehung, das Jenseits und die Engel. Dagegen lehrten sie die volle Willensfreiheit des Menschen. Sie waren aus der Geschichte entschwunden, aber sie bestanden weiter. Aus den Pharisäern entstand ein besonderer Kreis, die Essäer. Auch diese standen fest auf dem Boden des Judentums, gingen nur in vielen Beziehungen, namentlich den Reinheits- und Speisevorschriften, viel weiter, als die Pharisäer. Die Essäer blieben ehelos, aßen kein Fleisch, tranken nur Wasser. Sie lebten in strenger Zurückgezogenheit, waren aber keine Sekte, sondern ein Orden. Auch die abweichenden Ansichten und Lebensweisen der ägyptischen Juden (Hellenisten) begründen nicht, diese als Sektirer zu bezeichnen, eher die Judenchristen, solange sie nicht in die Paulinische neue Religion, das Christentum, aufgingen. Mehr als 700 Jahre hatte der Rabbinismus unter der Führung Verbreiten Sie Ihre Zeitung Jeder Leser der Jüdisch-liberalen Zeitung müßte es als eine Ehrenpflicht empfinden, einen neuen Abonnenten zu werben. Veranlassen Sie einen Ihrer Bekannten, die untenstehende Bestellung ansgefüllt im Briefumschlag als Drucksache an den Verlag der Jüdisch-liberalen Zeitung, Berlin SW 48, Wilhclmstraße 147, zu senden. Ich bestelle hiermit die Jüdisch-liberale Zeitung ab 1. Dezem e 1928 bis auf Widerruf zum Bezugspreise in Höhe von Mark 2 50 pro Vierteijahr. Die Gebühren für ein Bi r eljohr in Höhe von Mark 2.50 überivei e ich auf das Postscheckkonto der Vereinigung für das lib rale Judentum B.rlin 187089. bitte ich durch Nachnahme zu erheben. (Nichtgewünschtes bitte durchstreichen) Name des Bestellers:. Wohnung:..- Ort u. Datum:-- Bitte deutlich schreiben! erst der palästinensischen, spater der babylonischen Schulen die unbestrittene Führung des Judentums. Bon ernsten Gegnern der rabbinischen Fortentwickelung der Religion ist nichts bekannt, aber der passive Widerstand hatte nie geruht. > Erst nach dem Tode des Exilarchen Salomon (762) trat ein Neffe des Verstorbenen, Anan, der sich vergeblich um die Nachfolge als Exillarch beworben hatte, offen als Gegner des Rabbinismus auf. Er gründete die Sekte der Karaim oder Karäer (Leute der Schrift) und erklärte dem Talmud den Krieg. Er wurde genötigt, das Land zu verlassen und begab sich mit seinen Anhängern nach Jerusalem. Dort erbaute er eine eigene Synagoge. Diese Sekte erkannte, ebenso wie früher die Saddukäer, nur die Thora als maßgebend an und verwarf die rabbinischen Ausdehnungen, die mündliche Lehre, konnte aber neue Auslegungen nicht vermeiden. Diese führten nicht zu Erleichterungen, sondern zu erheblichen Erschwerungen der Lebensführung, was wohl ursprünglich kaum beabsichtigt war. Die Sabbatfeier wurde eine noch viel strengere, als im rabbinischen Judentum, die Eheverbote tvurden sehr ausgedehnt, die Speisevorschriften noch subtiler. Der vortalmudische Kalender wurde wieder eingeführt und nach der früheren saddukäischen Ansicht festgestellt. Sie feiern die Feste in derselben Weise, wie die Samaritaner, kennen den Feststrauß (Lulab) nicht, Chanukka ist ihnen unbekannt. Das Rosch-Haschonoh- Fcst kennen sie nur als Bettag, nicht als Neujahr und Schöpfungstag. Ihr Gebetbuch ist vollkommen andersartig als das unsrige, si^ haben weder Tefillin noch Mesusah. .Ihr Grundprinzip ist strengste Rechtlichkeit, Vermeidung jedes Zwistes, kein Anrufen des Gerichtes. Etwa doch vorkommende Streitigkeiten werden vom Chacham (Geistlichen) geschlichtet. Besonderen Wert legten die Karäer auf das Studium der heiligen Schrift, das die Talmudisten arg vernachlässigt hatten. Zwischen Rabbaniten und Karäern entstand bald eine vollständige Trennung, die später sich zu ernster Feindschaft ausdehnte. Die Sekte verbreitete sich allmählich, nicht nur im Orient, sondern auch in Osteuropa, wo sie auch heute noch besteht. Die wohl ursprünglich beabsichtigte Reform des Judentums wurde zum Gegenteil, zur Erstarrung. Man kann eben das Rad der Zeit nicht zurückdrehen, tann nicht zu früheren, vor langen Zeiten gangbar gewesenen Anschauungen zurückkehren, kann die Entwickelung nicht cinhalten oder sortleugnen. Der Grundsatz der Karaiten, dem ihr Name entsprang: „suchet eifrig in der Schrift", die Beweisführung durch: „es steht geschrieben" widersprechen dem Geiste eines jeden Fortschritts. Für das rabbinische Judentum war aber das Auftreten der Karäer ein Ansporn, zu neuer Betätigung. Die eifrige bibelwissenschaftliche Tätigkeit der Karäer nötigte auch die Rabbinen, sich diesem Studium mit aller Kraft wieder zuzuwendcn, um den großen Vorsprung, den die Karäer darin gewonnen hatten, wieder cinzuholen. Bei diesen hatten die Gelehrten Moscha und Moses die Vokal- und Acccntzeichen erfunden und eingeführt, auch die Massorah (Textfestlegung) war ihrem Kreise entsprungen, beides wurde von den Rabbinen übernommen. Erst 150 Jahre nach Entstehung der Sekte gingen die Rabbinen durch Schriften zum Angriff gegen sie vor, besonders der Gaon Saadia. Seitdem hörte jede Beziehung zwischen Rabbaniten und Karaiten aus. Lange Zeit fanden keine weiteren Sektenbildungen statt. 'Erst 900 Jahre nach Anan erfolgte durch das Auftreten des falschen Messias Sabbalai Zewi ein neuer Angriff gegen den Rabbinismus. Sabbatais Anhänger erklärten die Aushebung des Talmuds und des Schulchan Aruchs, auch verwandelten sie die Fasttage in Feiertage. Nach seinem Uebertritt zum Islam bildeten seine Anhänger die Sekte der Sabbatianer, der Inden in Deutschland und namentlich in Polen und der Türkei anhingen. Die Sekte hat sich über 100 Jahre erhalten. Sabbatai und seine Anhänger waren Opfer der Wahnlehren der Kabbalah gewesen. Dieselbe Verirrung lag einer neuen Bewegung zugrunde, die um die Milte des 18. Jahrhunderts in Polen entstand, der durch Israel aus Miedziboz (Baal Schem oder Bescht) begründete Neu-Chassidismus. Israel erregte durch sein rasendes Beten, bei dem er in Verzückungen geriet und wunderbar erscheinende Handlungen, namentlich Wunderkuren, Aufsehen. Er erwarb sich bald großes Ansehen bei seinen ungebildeten Glaubensgenossen. Mit der Zeit hielt er sich selbst für einen Wundertäter. Mit seinen Anhängern hielt er Andachten ab, mit Gesang und Tanz, lebhaften Körperbewegungen, Schnapstrinken und Tabakrauchen. Gegen die Talmudanhänger benahmen sich die Chassidim verspottend und verachtend. Israels Nachfolger, Dob Beer aus Michnitz, wurde der eigentliche Organisator der Sekte. Dieser war ein kluger Kops, tüchtiger Talmudifi und Kabbalist, auch ein gewandter Prediger. Seinen rabbinischen Gegnern war er durch seine Kenntnisse gewachsen, oft überlegen. Er ahmte bewußt seinem Vorgänger nach, spielte sich auch als Wundertäter aus. Von seinen Anhängern ließ er sich nur am Sabbat sehen und betete mit ihnen, von Kopf bis Fuß in weiße Seide gekleidet. Er nannte sich „Zaddik" (der Gerechte) und stellte den Grundsatz auf: „der Zaddik ist der vollkommenste Mensch, ist sündenrein und der Stellvertreter Gottes". Seine Anhänger hatten drei Pflichten gegen ihn: ihn mehreremale im Jahre zu besuchen; ihm ihre Vergehungen zu beichten; ihm Geschenke zu bringen, damit er arme Genossen unterstützen könne. Letzteres tat er in der Tat. Seine Anhänger waren des festen Glaubens, daß sie den Zaddik durch reiche Gaben in den Stand setzen könnten, Unheil oder tötliche Erkrankungen von ihnen abzuwenden. Um eine sichtbare Trennung herzustellen, führte Beer das Gebetbuch des Kabbalisten Luria ein. Die Rabbaniten sahen sich bald veranlaßt, gegen die Chassidim energisch vorzugehen, namentlich der Gaon Elia Wilna trat als scharfer Gegner auf. Bon vielen Gemeinden wurde der Bann gegen die Chassidim ausgesprochen, aber diese beachteten solchen nicht. Nach Beers Tode bildete sich eine Anzahl chassidischer Gemeinden, jede unter einem „Rebben", die Gesamtleitung behielt Beers Sohn als Zaddik, auf diesen folgte dessen Sohn Israel, er ist unter dem Namen: ,cher Wunderrabbi von Sadagora" bekannt. Nach diesem standen mehrere Zaddikim an der Spitze, die sich oft befehdeten, obwohl sie untereinander verwandt waren. Im Laufe des 19. Jahrhunderts nahmen die Chassidim immer mehr an Zahl zu, besonders in Polen, Westrußland und Galizien, so daß sie allmählich zahlreicher wurden als ihre Gegner, die Misnagdim. Mit der Zeit hörte auch ihre Anfeindung des Talmuds auf, sie legten auch viele ihrer Unsitten ab, jedoch blieben ihre Gebetweise, ihr Gebetbuch und ihr Glauben an die Wunderkraft der Zaddikim bestehen. Man kann daher den Chassidismus heute kaum noch als eine Sekte, eher als eine bedauerliche Ausschreitung des Judentums bezeichnen. Schon vor dem Weltkriege hatten sich in verschiedenen deutschen Städten durch Einwanderer aus Polen kleinere chassidischc Kreise gebildet. Während des Krieges und nach demselben ist deren Zahl und Größe sehr gewachsen. Die Folgen, die daraus entstehen können, lassen sich nicht übersehen, die Zukunft muß und wird sie lehren! Von mancher Seite — nicht nur von orthodoxer — wird ein« weitere Bewegung, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts begonnen hat, auch als Sektenbildung angesehen, die Reformbewcgunq. Namentlich die 1844 in Berlin gegründete „Genossenschaft für Reform im Judentum" — seit 1850 Berliner Reformgemeinde — wird von ihnen als abtrünnig betrachtet. Mit Unrecht. Die Mitglieder dieser Gemeinde haben niemals die Absicht gehabt, sich von den andersdenkenden Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde zu trennen, sie zahlen ihre Steuern wie andere Mitglieder, arbeiten freudig mit in der Gemeindeverwaltung, unterstützen die Anstalten und Einrichtungen. Ihren besonderen Gottesdienst unterhalten sie außerdem auf eigene Kosten. Sie fühlen sich als Juden, wollen Juden sein. Anders liegt es bei gewissen Kreisen der Orthodoxie, die sich in schroffer Weise von ihren Religionsgenossen losgelöst haben und Trennungsgemeinden gründeten; die selbst im Tode noch das Band mit ihren Brüdern zerschneiden, indem sie sich eigene Friedhöfe einrichten, die den Ausspruch Hillels: „trenne dich nicht von der Gemeinde" unbeachtet lassen, obwohl die Satzungen der Mischnah ihnen als offenbarte Lehre gelten. Diese könnten eher auf die Bezeichnung „Sekte" Anspruch machen. Auch diese Kreise versuche», der Zeit Einhalt zu gebieten und jede Entwickelung zu leugne». Die Zeit wird es lehren, ob sie als neu« Sekte angesehen werden müssen. Die' Zukunft gehört der Entwickelung, dem Fortschritt!

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