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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-11-02 · 44 (2.11.1928) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
44 (2.11.1928)
Date
1928-11-02
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Berlin. (Erlebnisse unter Juden des Orients.) Im Rahmen einer Veranstaltung des Vereins für jüdische Literatur und Geschichte sprach am 25. Oktober der bekannte Reiseschriftsteller C. Z. Klötzel über „Reiseerlebnisse eines jüdischen Journalisten". Er schilderte seine Erlebnisse als Berichterstatter des „Berliner Tageblatts" in den mannigfachen außereuropäischen Ländern. Ausgehend von Saloniki, wo sich das einzigartige Schauspiel bietet, daß in einer vollkommen jüdischen Sphäre sämtliche Berufe vom Großkaufmann bis zum Lastträger von Juden ausgeübt werden, kam er dann auf das persische Judentum zu sprechen, das eine kleine Minorität im Lande bietet und sich in allen äußeren Umgangsformen der moslemitischcn Umgebung angepaßt hat. Klötzel gab eine Schilderung des jüdischen Lebens in Südafrika und dann in Afghanistan, wo nur zwei jüdische Gemeinden bestehen. In einer Reihe von Anekdoten beleuchtete er die Situation der Judenschaften Mittelasiens. Berlin. (Jubiläum.) Ein Vierteljahrhundert ist vergangen, seitdem der Fürsorgeverein für hilflose jüdische Kinder gegründet wurde. Ten Anlaß dazu gaben die Judenverfolgungen in Rußland und Rumänien, als die gehetzten Juden sich über die deutsche Grenze flüchteten. Damals galt es vor allem, die schwächlichen Kinder der Flüchtlinge am Leben zu erhalten. Die Tätigkeit des Fürsorgevereins widmete sich jedoch nicht nur der Beseitigung eines vorübergehenden Notfalles, sondern erblickte immer stärker seine Aufgabe darin, jüdischen Kindern, denen die eigenen Angehörigen, sei es aus materieller Not, sei es infolge von Krankheit oder Tod, nicht genug Pflege und Schutz gewähren können, ein Helfer und Berater zu sein. Im Jahre 1907 begründete der Verein in einer Mietswohnung in der Artillcricstraße ein eigenes Heim, das erste jüdische Säuglingsheim in Berlin und in Deutschland überhaupt. Seit dem Jahre 1915 hat der Verein seine Tätigkeit in ein eigenes Säuglingsheim in Niederschönhausen verlegt. Das Haus, das sich in seinen Einrichtungen schon auf den ersten Blick als vorbildlich geeignet für den ihm zugedachten Zweck erweist, ist nach dem Grundsatz der modernen Kinderheilkunde eingerichtet. Die Bemühungen des Fürsorgevereins für hilflose jüdische Kinder haben wiederholt kommunale und staatliche Anerkennung gefunden. Das Heim in Niederschönhausen wurde als Ausbildungsstätte fachlicher Berufsschulung der Wohlsahrtspflegerinnen für das .Hauptfach Gesundheitsfürsorge staatlich anerkannt. Der Fürsorgeverein hat eine besondere Ausgabe auch darin erblickt, jüdische junge Mädchen in Säuglingspflege auszubilden, so daß sie jüdischen Müttern bei der Pflege ihrer Säuglinge im Haushalt zur Seite stehen können. In neuerer Zeit haben in dem Heim in Niederschönhausen auch Frauen und Mädchen, die ihrer Entbindung entgegensahen, Unterkunft gefunden. Wie wir einer Schrift anläßlich des 25jährigen Jubiläums entnehmen, die einen Rückblick und Ausblick enthält, plant der Fürsorgeverein seine Tätigkeit jetzt dadurch zu erweitern, daß er die Kinder über das Säuglingsalter hinaus bis zum 6. Lebensjahre in seiner Obhut zu behalten beabsichtigt. Zu diesem Zweck hat er neben dem Säuglingsheim ein Terrain erworben; der Entwurf für den Neubau ist bereits fertiggestellt. Berlin. (Jüdische K i n de r h i l s e.) Tie Jüdische Kinderhilse, Berlin, hatte zum Sonntag, den 28. Oktober dieses Jahres, zur feierlichen Einweihung ihrer neuen Räume im Hause Auguststraße 14-15 geladen. Dieser Einladung waren zahlreich Organisationen und Vereine, sowie eine große Anzahl bekannter Persönlichkeiten gefolgt, welche sich im festlich geschmückten Wartesaal versammelten. Nach einem sehr warmen, von Dankbarkeit getragenen Nachruf für die verstorbene Vorsitzende Frau Henriette May, welcher von allen Anwesenden stehend angehört wurde, begrüßte Herr Bankier Eskeles die Versammlung und gab einen kurzen Rück- und Ausblick aus die Tätigkeit und den Zweck der Kinderhilse. Gleichzeitig dankte er den erschienenen Vertretern der Stadt Berlin, der Jüdischen Gemeinde, der Zentralwohlsahrtsstelle und den anderer Organisationen sowie den Förderern und Freunden des Werkes für ihr Erscheinen und ihre Glückwünsche. In seiner sehr eindrucksvollen Weiherede umriß Herr Rabbiner Dr. Baeck die hohe menschliche Ausgabe des Helsens am kranken Kinde. Es folgten Begrüßungsworte des Vertreters der Zentralwohlsahrtsstelle der deutschen Juden und des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde, Herrn Professor Dr. Scligmann, der besonders anerkennende Worte für die vorbildlichen Leistungen der Kinderhilfe fand, und ihr die herzlichsten Wünsche für erfolgreiche Weiterarbeit aussprach. Der Jüdische Frauenbund ließ seine Glückwünsche durch die Repräsentantin Frau Falkenberg zum Ausdruck bringen. Die Rednerin, die durch ihre frühere Mitarbeit in der Kinderhilfe die segensreiche Tätigkeit dieser Organisation aus eigener Anschauung kannte, sprach ihre besondere Freude über die Entwicklung aus, die aus kleinsten bescheidenen Anfängen durch die Intensität ihrer Arbeit zu einem wichtigen Faktor in der jüdischen Wohlsahrtsarbeit Berlin geworden ist. Als Vertreterin des leider durch Krankheit am Erscheinen verhinderten Vorsitzenden des Wohlfahrts und Jugendamtes, Herrn Eugen Caspary, beglückwünschte Fräulein Margarete Löwenthal die Kinderhilfe zu ihrem Einzug in die neuen Räume. Sie stellte mit besonderer Freude die gute ZusammenarbGt der Kinderhilfe mit der von ihr vertretenen Organisation fest und gab dem Wunsche Ausdruck, daß diese auch in Zukunft die gemeinsamen Ziele fördern werden. Fräulein Herta Neuselch die Geschäftsführerin, gab ein umfassendes Bild von der vielseitigen Arbeit, die in den acht Jahren des Bestehens von Aerzten, Fürsorgerinnen und freiwilligen Helfern im Dienste des kranken und schwächlichen Kindes geleistet worden ist. Herr Professor Glaeßner, der bekannte Orthopäde, führte zur Eröffnung der neu eingerichteten orthopädischen Abteilung und Krüppelfürsorgestelle in einem allseitig interessierende^ Vortrag seine Gedanken über den höheren Sinn der Krüppelsürsorge aus, den er darin erblickt, aus dem funktionsgestörten Kinde durch ärztliche Kunst einen arbeitsfähigen lebensbejahenden Menschen zu machen. Herr Dr. Stahl, der Mitbegründer und langjährige Leiter der Poliklinik, gab ein eingehendes Bild von der Eigenart des jüdischen Kindes, die eine genaue Kenntnis und ein besonders liebevolles Verständnis durch den Arzt erforderlich mache. Nach der Feier erfolgte die Besichtigung der nicht nur zweckmäßig, sondern auch ästhetisch durch das Bauamt der Jüdischen Gemeinde renovierten hellen Räume. Die ärztlichen Behandlungszimmer, der Operationssaal, die Röntgenabteilung und das Bestrahlungszimmer sind den heutigen medizinischen Anforderungen entsprechend eingerichtet. Die Möglichkeit hierzu verdankt die Kinderhilse neben der Subvention der Gemeinde und der Zentralwohlfahrtsstelle einer Reihe von großzügigen Spendern. Wir hoffen, daß die Kinderhilfe an dieser Stelle durch ihre Poliklinik und Fürsorgearbeit in noch reicherem Maße als bisher zum Segen der Allgemeinheit wirken möge. Berlin. (Die katholische Volkshochschule in der Synagoge Fasanen st raße.) Am vergangenen Sonnabend- Nachmittag füllten Hunderte von Angehörigen der katholischen Volkshochschule zu Berlin die weiten Räume der Synagoge Fasanenstraße. Oberkantor Davidsohn hielt unter Mitwirkung des Organisten A l t m a n n einen Vortrag über die Liturgie des jüdischen Gottesdienstes und seiner gesanglichen Weisen. Andachtsvoll lauschte die Menge den wissenschaftlichen Ausführungen sowie den traditionellen Melodien, die Oberkantor Davidsohn, begleitet von der herrlichen Orgel, zum Vortrag brachte. Er schilderte die Entstehungsgeschichte der gottesdienstlichen Gesänge, sprach von den Gebeten und Psalmen, die während des ganzen gottesdienstlichen Jahres in den Synagogen Israels gesprochen und gesungen werden. In eindringlichen Worten bat er am Sch.usse seiner Ausführungen, daß die katholischen Gläubigen, die in dem jüdischen Gotteshause Wort und Weise gehört, draußen künden mögen, wie bitter es die Judenheit empfindet, daß ihre Gotteshäuser besudelt und ihre -Friedhöfe durch Zertrümmerung von Grabsteinen geschändet würden. „Haben wir nicht alle einen Vater, hat uns nicht alle ein Gott erschaffen, warum sollen wir treulos sein einer gegen den andern." In herzlichen Worten dankt«, der Vorsitzende der Volkshochschule dem Vortragenden für seine interessanten Ausführungen. An den Vortrag schloß sich eine Besichtigung des Gotteshauses. Berli«. (2 5jähriges Jubiläum.) Der Israelitische Fraucnverein Neukölln feiert in kommender Woche sein 25 jähriges Bestehen. Dank der rührigen Mitarbeit jüdischer Frauen aus dem Bezirk kann der Verein auf eine reiche soziale Arbeit und schöne Erfolge zurückblicken. In engster Zusammenarbeit mit der jüdischen Brüdergemeinde Neukölln und dem Wohlfahrtsamt der jüdischen Gemeinde Berlin hat er eine weithinreichende Liebestätigkeit entfaltet und durch seinen Anschluß an den Jüdischen Frauenbund auch die neuzeitlichen Probleme und Aufgaben der jüdischen Frau in sein Arbeitsgebiet einbezogcn. Mögen weitere Dezennien gesegneten Wirkens dem Verein beschiedcn sein! — Am kommenden Sonntag, den 4. ds. Mts., 11 Uhr vormittags, findet in der Synagoge Neukölln, Jsarstraße 8, eine religiöse Feier statt; am darauffolgenden Mittwoch, den 7., wird eine Ballfestlichkeit alle Freunde des Vereins im Orpheum, Hasenheide, vereinen Berlin (Reichsbund jüdischer Frontsoldaten e.B.) Die vom Reichsbund jüdischer Frontsoldaten eingeleitete Aktion zur Ansiedlung von jüdischen Landarbeitern und Gärtnern auf deutschem Boden nimmt einen guten Fortgang. Vor kurzer Zeit ist von ihm die jüdische Landarbeit G. m. b. 5). als gemeinnützige Siedlungsgesellschaft geschaffen und zu ihren Geschäftsführern sind die Herren Rittergutsbesitzer Rudolf S. Mosse und Domänendircktor S. Dyk bestellt worden. Die Wahl des Aufsichtsrates wird demnächst erfolgen. Mit der ersten Siedlung sehr gut geeigneter Siedlungsanwärter wird in Kürze begonnen und damit die Verwirklichung des großen Siedlungswerkes ihren Anfang nehmen. Zur weiteren Propagierung der Idee wird ein Reichsbund für jüdische Siedlung in Deutschland ins Leben gerufen werden, dem alle Kreise des deutschen Judentums angehören sollen. Die Gründungsversammlung des neuen, für den Bestand des deutschen Judentums so eminent wichtigen Bundes wird im ehemaligen Herrenhaus stattfinden. Zu ihr werden sämtliche jüdische Organisationen sowie die prominenten Führer des deutschen Judentums geladen werden. Die Versammlung ist auf den 24. November, dem Vorabend der Hauptversammlung des R. j. F., festgesetzt worden, zu der die Vertreter von 800 Ortsgruppen aus dem ganzen Reiche nach Berlin kommen. Die Liste der Redner wird in Bälde veröffentlicht werden. Es steht fest, daß die Führer des deutschen Judentums das Wort ergreifen werden. Eschweiler. (NationalsozialistischeVisitenkarten.) Es ist eigentlich ein trauriges Zeichen der Zeit, daß man sich daran gewöhnen muß, aus den kleineren und größeren jüdischen Gemeinden des Rheinlands nur noch Berichte von nationalsozialistischen Versammlungen, Judenhetzen, Friedhofsschändungen und Synagogenbesudelungen zu hören. So konnte man vor kurzem eines frühen Morgens sehen, wie sich an der Außenseite unserer Synagoge mehrere Hakenkreuze befanden; ebenso „geziert" präsentierten sich die Fronten einiger jüdischer Geschäftshäuser. Gegen die Besudelung der Synagoge wandte sich der Vorstand der Synagogengemeinde, der eine Belohnung von 100 Mark für die Auffindung der Täter versprach, ebenso Lehrer Schoemann, der in einem geharnischten „Eingesandt" auf diese völkische Roheitsakte hinwies und alle anständigen Bürger zu gemeinsamer Abwehr aufries. In einem wohltuenden Gegensatz dazu steht die Tatsache, daß konfessioneller Unfriede oder Gegensätzlichkeit in Wirklichkeit gar nicht hier herrscht: hat doch der Vaterländische Fraucnverein in seinem Bestreben, die Not zu lindern, genau so gut der jüdischen Armen gedacht wie der christlichen. Gelnhausen. (Völkische R o w d i e s.) Auswärtige Nationalsozialisten drangen am vorletzten Sabbat in größerer Zahl in den Hof der Synagoge ein und störten den Gottesdienst durch Absingen völkischer Lieder. Auch an Tätlichkeiten ließen sie es nicht fehlen, mehrere Synagogenbesucher wurden beleidigt und angegriffen. Hannover. (Ein bedeutsamer Vortrag.) Ju seinem Bestreben, an einer politischen Befriedung mitzuwirken und zugleich die Kreise der Denkenden über die Einstellung der deutschen Juden zu unterrichten, veranstaltet der Central^Verein auch in diesem Winter eine Reihe von Borträgen. Diese Tätigkeit eröffnet« ein Vortrag Professor Erich Obst's, Ordinarius für Geographie an der Technischen Hochschule Hannover, über: „Kultur, Rasse, Umwelt", den er am Donnerstag, den 25. Oktober, vor etwa 600 Gebildeten aller Konfessionen hielt. Mit dem mannigfachen Werkzeug seiner das gewohnte Maß stark. überbietenden geographischen und geschichtlichen Kenntnisse und Erkenntnisse beleuchtet der Referent das Problem in einem einstündigen tiefschürfenden Vortrag, um seine Ausführungen mit diesen Folgerungen zu schließen, die wir wegen ihrer Bedeutung wörtlich wiedergeben: 1. Eindeutige und zweifelsfreie Beziehungen zwischen Kultur und Rassen sind überhaupt nicht nachweisbar. Die verschiedensten Rassen haben sich im Leben der Menschheit als fähig zu wahrhafter Kulturentwicklung erwiesen, oder, um einen Satz aus dem Vermächtnis Felix v. Luschans zu brauchen: „Soweit die Wissenschaft die Entwicklung und das Leben der Menschheit verfolgen kann, gibt es keine an sich minderwertigen Rassen." 2. Entscheidend für die Kulturentwicklung der einzelnen Gruppen ist nicht die Zugehörigkeit zu irgend einer Rasscngemeinschaft, sondern viel stärker wirkt die geographische Raumgestaltung, die Lage zu alten Kulturgebieten sowie zu großen Meeren und die Möglichkeit ruhiger Assimilierung fremden Kulturgutes. 3. Kultur braucht zu ihrer Fortentwicklung fremde Kulturbestrahlung. Geistige Inzucht führt anstatt dessen zu kulturellem Niedergang. Wie man erkennt, muß auf eine Zeit starker kultureller Ausnahme eine Periode ruhiger Abgeschlossenheit folgen, damit die Assimilierung des fremden Kulturgutes gewährleistet ist. Spezielle Anwendung dieser Folgerungen auf das Judenproblem: Die nach Deutschland gelangten, zum großen Teil seit der römischen Zeit hier ansässigen Juden haben das deutsche Kulturgur mannigfach bereichert und wären längst restlos assimiliert, wenn wir (die Christen. D. Red.) nicht selbst uns immerfort dagegen gerichtet hätten. Kultureller Antisemitismus ist als Zeichen mangelnden kulturellen Selbstvertrauens abzulchnen. Nachdem wir Deutschen gerade im Verlauf der letzten Jahrzehnte durch unseren Eintritt in den Weltverkehr und in die Weltpolitik eine ungeheure Fülle fremden Kulturgutes zu uns hereingetragen haben, brauchen wir im Interesse unserer eignen Entwicklung Zeit zur Assimilierung. Jetzt einer Ueberslutung durch Angehörige anders gerichteter Kulturkreise (Russen, Ostjuden usw.) das Wort reden, hieße eine Gefahr für die deutsche Kultur heraufbeschwören. Das Einströmen solcher Fremden muß nicht wegen der Rassenunterschiede, wohl aber wegen der Differenziertheit aus großen Gebieten um unserer Geistigkeit willen mit allen Kräften eingedammt werden. Kassel. (Aus der Gemeinde.) Das älteste Mitglied der Gemeinde und der älteste Bürger der Stadt Kassel, Privatmann I. I. Oppenheim, ist im 97. Lebensjahr verschieden. Bis kurz vor fernem Ableben war der Greis, der mehrere Jahre im Altersheim verbrachte, körperlich und geistig bemerkenswert frisch geblieben. — Die im kommenden Winter vorgesehenen jüdisch-wissenschaftlichen Borträge werden am 11. November von Dr. Martin Buber mit dem Thema: „Der heutige Mensch und die Bibel" eröffnet. An zweiter Stelle spricht Dr. Eduard Strauß über: „Franz Roscnzweigs Bedeutung für das Denken der Gegenwart, besonders das jüdische". Die weitere Ausgestaltung der Vortragsreihe wird von dem Interesse der Gemeindemitglieder an der Veranstaltung adhängen. Kassel. (Jüdischer Liederabend.) Oberkantor I. Alter aus Hannover veranstaltete letzten Sonntag im ausverkauften Murhardsaal einen jüdischen Liederabend. Die Vortragsfolgc begann mit Halevys „Jüdin", der sich noch Bruchstücke aus den Opern „Die Afrikanerin" und „Mädchen aus dem goldenen Westen" anschlossen. Am nachhaltigsten wirkte Alter aber in den Liturgie-Proben R'zeh von Sirota und Ohawti und Ribaunau schel Aulom eigener Vertonung. Ostjüdischer Stimmungszauber prägte sich dann in den Liedern von Mandelbrod, Bermann, Ellstein und Schalit aus. Hier bot sich dem gut disponierten Sänger Gelegenheit, aus jüdischer Seele zu jüdischen Hörern zu sprechen. Das pastose, prachtvoll klingende Organ und die mit großer Meisterschaft -uitO tünft[ecijd)em Geschmack gewählte Vortragsart entfesselte wahre Beifallsstürme, so daß der Künstler sich noch zu einigen Zugaben verstehen mußte. Die Begleitung der Lieder lag bei Prof. John Mandelbrod in bewährten Händen. Eine Wiederholung des alle Hörer befriedigenden Abends soll demnächst stattfinden. Kassel. (7 0. Geburtstag.) Den 70. Geburtstag begingen in der letzten Woche zwei um das getoerbliche Leben und auch die Interessen der israelitischen Gemeinde verdiente Glaubensgenossen. Herr Hermann Oppenheim, der am 27. v. Mts. 70 Jahre alt wurde, war in verschiedenen Aemtern des kommunalen und sozialen Lebens erfolgreich tätig. So stand er lange als Vorsitzender an der Spitze der Allgemeinen Ortskrankenkasse, vertrat den demokratischen Gedanken als Mitglied des Stadtverordneten-Kollegiums und widmete seine Arbeitskraft auch als Gemeindeältester der jüdischen Gesamtheit seines Heimatortes. Leider zwangen _ ihn Gesundheitsrücksichten, diesen lieb gewordenen ehrenamtlichen Beschäftigungen vor mehreren Jahren zu entsagen. — Auch Herr Theodor Eisenberg, der am 29. v. Mts. das siebente Jahrzehnt vollendete, hat seine kaufmännischen Fähigkeiten als Vorstandsmitglied des Einzelhandelvcrbands und des Kleinhandels- Ausschusses der Handelskammer in den Dienst seiner Berussgenossen und der Allgemeinheit gestellt. Dem Gemenrdeältesten-Kollegium gehört er als Friedhofs-Dezernent seit einigen Jahren an, und auch im neuen Vorstand ist ihm sein Platz gesichert, der beste Beweis dafür, daß ihm die Synipathien weiter Kreise gehören, die den heute noch im Berus und Ehrenamt rüstig schaffenden Herrn wegen seiner Freundlichkeit und seines sozialen Sinnes schätzen und achten. Köln. (R i t u a l m o r d h e tze.) Tic völkische, nationalsozialistische und zum Teil auch die deutschnationale Presse waren in ihrer Berichterstattung über den Prozeß gegeu den Abiturienten Hußmann, der vor dem Essener Schwurgericht angeklagt war, seinen Abitu rientenkollegen Taube durch Halsschnitt getötet und dann die Leiche in grauenvoller Weise geschändet zu haben, mit ihren Sympathien deutlich auf der Seite des angeklagteu Hußmann, der dem Stahlhelm angehört und sich in seinen Briefen aus dem Gefängn-is stark nationalistisch gebärdete. Nunmehr scheint die antisemitische Presse den Mordfall zu einer Ritualmordhetze ausnutzen zu wollen. Wie aus Köln telegraphiert tckird, ist der von nationalsozialistischen Abgeordneten Dr. Ley redigierte „Westdeutsche Beobachter" polizeilich beschlagnahmt worden, weit er einen Leitartikel mit der Ueberschrift: „Taube von Juden geschächiet", sowie auf der Titelseite eine Zeichnung „ein Ritualmord" gebracht hat. Beide Darstellungen gaben Grund zum Verbot des eine Pogrvmstimmung vorbereitenden Blattes. Wie amtlich mitgeteilt wird, wurde das Verbot auf Grund eines Erlasses des Amtsgerichtes erlassen, nachdem bereits die Donnerstag erschienene Nummer zu beschlagnahmen war. Da die Tags darauf erschienene Ersatznummer den gleichen Inhalt hatte, wie die vorhergehende, konnte die Polizei ohne weiteres auch zur Beschlagnahme dieser Nummer schreiten. Köln. (R e p r ä s e n t a n t e n v e r s a m m l u n g.) Wir hatten vor einiger Zeit über ein Ultimatum der liberalen Fraktion in der Revräsentantenversammlung berichtet, das Trennung der verschiedenen Kulte forderte. Dieses Ultimatum gab Veranlassung zu regen fraktionellen und interfraktionellen Verhandlungen, deren Ergebnis den Gemeindevorstand von seinem Recht Gebrauch machen ließ, die strittige Vorlage der Repräsentanz zu erneuter Beschlußfassung zu unterbreiten. Sie erfolgte in der Sitzung am Donnerstag, den 25. Oktober. Die Verhandlungen verliefen nicht so, wie es der Vorstand und auch die liberale Fraktion erwartet haben. Das Grundsätzliche zu der Vorlage war iu früheren Sitzungen und in den .zwischenzeitlichen Besprechungen ausführlich dargclegt worden. Es J^dtte deshalb die Abgabe von kurzen Erklärungen vollauf genügt. Als oer Vorstandsvor - sitzende nach nochmaliger Begründung der Vorlage die debattelose Annahme empfohlen hatte, erhob sich der Führer der Volkspartei zu einer längeren Rede, die das wiederholte, was in früheren Verhand-» langen ausgiebig gesagt worden war. Nunmehr hielten sich auch die Vertreter der übrigen Fraktionen für verpflichtet, noch einmal in extenso ihre Meinung zu sagen. Die Debatte vermochte zwar neue Gesichtspunkte nicht an den Tag zu fördern; wohl aber hat ihr Verlauf den Liberalen erneut die Gewißheit gegeben, daß die übrigen Parteien nicht gewillt sind, ihnen die selbständige Regelung ihrer kultuellen Angelegenheiten vorbehaltlos zu überlassen. Die Konservativen waren nicht alle zur Sitzung erschienen. Sie ließen durch ihren Sprecher verkünden, daß sich an ihrem Standpunkt nichts geändert habe, daß man aber Entgegenkommen zeigen wolle. Ebenso die Mittelparrei. Die Volkspartei ließ darlezen, daß man sich die Forderung der Liberalen nach kultueller Autonomie zu eigen machen werde, „sofern das Religionsgesetz nicht verletzt werde-'. Diese Einschränkung bedeutet für den Liberalismus praktisch lediglich die Zustimmung zu einer partiellen Autonomie, mit der er sich keineswegs zufriedengeben kann. Er muß den Anspruch auf völlig autonome Entscheidung in Kultusfragen des liberalen Gottesdienstes aufrechterhalten, wie er umgekehrt eine Stellungnahme unterläßt, wenn es sich um die Gestaltung des konservativen Ritus handelt. Das ist eine Selbstverständlichkeit, über die es keine Mernungsverschiedenheit geben darf, die auch in wünschenswerter Klarheit von dem Gcschäftssührenden Ausschuß der Zionistischen Bereinigung für Deutschland anerkannt wurde. Er sagt: „Nach zronistischer Auffassung muß alles vermieden werden, was die innere Autonomie jeder jüdischreligiösen Richtung mindert." (Jüdische Rundschau vom 20. Juli 1928.) Verschließt man sich auch weiterhin dieser selbstverständlichen Auffassung, so »verden die Liberalen am Ende andere Wege beschreiten müssen, um das Ziel ihrer Wünsche zu erreichen. Welche Rückwirkung das auf die zukünftige Gestaltung unserer Gemeinde haben wird, das ist von dem Sprecher der liberalen Fraktion mit aller Deutlichkeit gesagt worden: „Wir stehen zur Einheitsgemeinde!" So sprach er unter dem Beifall des Hauses mit erhobener Stimme, fügte aber mit gleichem Nachdruck hinzu: „Aber nur dann, wenn man uns das Verbleiben in ihr möglich macht." Die Liberalen verfügten dieses Mal über die Mehrheit. Die Vorlage wurde deshalb in ihrem Sinne angenommen, auch die Forderung nach Vortrag der Haftara in deutscher Sprache. Sie »var der eigentliche casus-bclli an diesem und den früheren Abenden. Sie wäre nicht erfüllt worden, hatten nicht die Liberalen den Ausschlag gegeben; denn die Volksparteiler waren nicht dafür zu haben. Das besagt, daß die Frage der inneren Autonomie nicht mehr zur Ruhe komtNen darf, bis sie dem Liberalismus die Möglichkeit gibt, den Gottesdienst so umzugestalten, wie es seinen Wünschen entspricht. Königsberg, Pr. (Jubiläum von Kantor Wolffheim.) Der in tveitcften Kreisen bekannte und angesehene Kantor der Hauptsynagoge, Hermann Wolffheim, begeht am 1. November die Feier seines 25 jährigen Dienstjubiläums als Beamter der Königsberger Synagogengeeinde. Am 21. Dezember 1877 zu Rogasen in der Provinz Posen geboren, nachdem er im März 1899 das Lehrerexamcn bestanden hatte, wurde er als Kantor und Religionslehrer nach Bonndorf am Rhein berufen, wo er bis zum Jahre 1903 verblieb, um dann den Posten als 2. Kantor und Reliqionslehrev der Königsberger Synagogengemeindc zu übernehmen. Im Jahre 1912 wurde Wolffheim lebenslänglich angesiellt. Im Jahre 1909 erlernte er unter ärztlicher Beaufsichtigung die Tätigkeit eines Mohels und übt sie seit dieser Zeit in Königsberg und in der Provinz aus. In Königsberg ist er zur Zeit der einzige Mohel. Auch den Religionsunterricht hat Herr Wolfsheim während seiner Amtszeit vielfach tn der Provinz erteilt. Er ist Mitglied des Ausschusses der Synagogenbeamten. Seit dem Fortgang des Herrn Rabbiner Dr. Jacobovits auS Königsberg erteilt Kantor Wolffheim den gesamten Proselhtenuntevricht. Während seiner Amtszeit hat sich Wolffheim durch vorbildliche Pflichterfüllung die Anerkennung des Vorstandes, seiner Kollegen sowie der Mitglieder der gesamten Gemeinde erworben. Die Gemeindekörperschaften haben Kantor Wolffheim durch eine ganz besondere Ehrung ausgezeichnet. Niederaula. (Hochherzige Spende.) Anläßlich seiner Silberhochzeit hatte das David Katzsche Ehepaar von einem Frankfurter Thorarollenschreiber eine Seser-Thora Herstellen lassen, die am Ehejubiläumstage der Bestimmung durch feierlichen Weiheakt übergeben wurde. u i

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