Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 44 (2.11.1928)
- Date
- 1928-11-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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8. Jahrgang Aommer 44 Muh man schweige«? Der verstorbene Justizrat Hamann Makower sagte einmal: Zwei Kategorien von Meßschen beneide ich, die Lchrer und die Prediger. Sie sind die, einzigen, die in ihrem Berufe keinen Widerspruch zu fürchten Hauchen. Denn wche dem Schüler, der in der Klasse dem LeWt M widersprechen wagt, und wenn der Prediger auf der Mnzel noch so eindringlich fragt: Ist es nicht.so, m. A.? Eroekömmt dort nie ein Nein zu hören! . Ob das in der neuen SchuleMr. hie Lchrer noch jcht zutrifft, ist wohl zu bezweifeln; flöirttieV Kanzel paßt es heute wie ehemals. > Bei mancher Predigt der E^tzMvart kommt einem Makowers Wort in Erinnerung. . Me oft regt sich heftiger Widerspruch im Innern, wenn rchni^Ausführungen von der Kanzel hört, die den Anschauüngeü^der Hörer ins Gesicht schlagen. Und der Hörer muß hrer^Mweigen. Er hat dann nur ein Gefühl: Wenn doch der Mediger einmal von der Kanzel herabstiege und diese PusMrungen in einer Gn meindcversammlung machte! W.Hütde dort manchmal sein blaues Wunder erleben, wie man seine Stellungnahme, seine Wellfremdheit beurteilt. — Gegenwärtig werden die Gemuter der liberalen Gemeindemitglieder in Berlin von der Fragst,Wvegt, ob die Gemeindebehörden dem einstimmigen WunW der Liberalen Rechnung tragen und in der neu zu erbaüenden Synagoge Prinzregentenftraße den alten Zopf der Trennung der Geschlechter beseitigen werden. Und nun erlebt man's. IN einer Orgelsynagoge (nicht etwa in einer konservativen) nimmt der Prediger, ein „libe-' raler", auf der Kanzel dazu Stellung selbstverständlich ablehnend, und die Begründung ist sehr einfache sie stellt sich immer dort ein, wo gegen Mtes, Ueherlebtes gekämpft wird: „Unjüdisch" ist es, solche „alten ehrwürdigen jüdischen" Gebräuche abzuschaffen und Neues zu bauen. Es ist dieselbe Taktik, die vor einigen Jahren von der Kanzel einer andern Orgelsynagoge auch von einem „liberalen" Rabbiner angewarwt wurde, als es galt, gemäß der liberalen Forderung, in den Orgelsynagogen endlich mit dem wechselnden S'man am Freitag abend rzu brechen uub diesen Gottesdienst gleichmäßig das Jahr hindurch auf eine spätere Stunde zu verlegen. „Unjüdisch" ist nach solcher Ansicht alles, was an dem alten Zustand rüttelt, „unjüdisch" nennt man hier auf mancher Berliner Kanzel, wmyi man dem Grundsatz zu Leibe geht, es müsse alles hübsch; so bleiben, wie es bisher gewesen, „unjüdisch" soll es sein, wenn man versucht, hier und da neues religiöses Leben aufzubauen. Sind die liberalen Synagogen Englands und Amerikas, in denen das alles selbstverständlich ist, wirklich so „uiv* jüdisch?" Haben solche „liberalen" Kanzelredner nichts von der liberalen Weltkonferenz mit nach Hause genommen? Haben sie es einmal für nötig erachtet, sich zu überzeugen, ob es z. B. in der Liberalen Synagoge Norden, wo diese Dinge (und noch viele andere) seit Jahren durchgeführt sind, wirklich so „unjüdisch" zugeht? Es wäre dringend zu wünschen, daß sie diese ihre Anschauungen in Zukunft auf den Gemeindeabenden vortrügen, dort, wo ihnen der Laie (und sicher auch mancher wirklich liberale Rabbiner) in der Aussprache entgegnen kann. Im Gotteshaus ist der Laie zum Hören und Schweigen verurteilt. Leider! Hermann Falkenberg. Die Studentenunruhen in Ungarn In der vorigen Woche berichteten wir ausführlich über die Studentenkrawalle in Budapest und die Ausschreitungen an andern ungarischen Universitäten. Tie Verhältnisse scheinen nach den neuerdings vorliegenden Meldungen konsolidiert zu sein, was hauptsächliche auf das energische Vorgehen der Regierungskreise zurückzuführen sein dürfte. Offensichtlich hat sich der maßgebenden Persönlichkeiten durch die letzten Krawalle ein recht ansehnlicher Katzenjammer bemächtigt. Während sie bisher stillschweigend vor der studentischen Willkür ine Augen verschlossen und durch die Bestimmungen des Numerus Clausus-Gesetzes die antijüdischen Elemente stärkte, sind nunmehr bei der Parlamentsdebatte in Budapest Ausführungen von der Regierungsbank gemacht worden, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen. Der Pester Lloyd, das führende liberale Blatt Budapests, schreibt in einem Leitartikel: Der Minister des Innern hat erklärt, in Ungarn könne und werde es keinen anderen Herrn geben, als die gesetzliche Staatsgewalt, und wenn die Studentenschaft, oder sonst wer immer, die öffentliche Ordnung und Sicherheit durch Herausbeschwörung von Straßenunruhen gefährde, so werde er nicht säumen, den Betreffenden mit unnachsichtlicher Strenge den Herrn zu zeigen. Man darf diese kräftigen Worte mtt aufrichtiger Genugtuung begrüßen, allerdings aber auch erwarten, daß dem Worte nötigenfalls die entsprechende Tat aus dem Fuße folgen wird. Der Nachsicht und der Langmut einer Jugend gegenüber, die sich herausnimmt, zu gesetzwidrigen Zwecken Ausschreitungen ins Werk zu setzen, die im Lande einen Zustand der Anarchie schaffen drohen, war es bisher schon mchr als genug. Man hat es vorerst mit der väterlichen Milde versucht, dann «wer, als dies nicht verfangen wollte mtt der Sistiemng der Vorlesungen gedroht. Diese sanfteren Methoden sind jedoch erfolglos» geblieben, und der turbulente Teil der Studentenschaft hat sich« dadurch, daß die behördliche Gewalt untätig blieb, bloß ermuntert gefühlt, mit mutwilligem Trotz in den Exzessen fortzufahcen. So kam es, daß der überspannte Bogen schließlich reißen mußte und die Regierung keine andere Wahl mehr hatte, als zur Rettung ihrer eigenen Autorität^ aber auch zur Niederringung des ungesetzlichen Unfugs dem pöbelhaften Treiben ein entschiedenes „Bisher und nicht weiter!" entgegenzudonnern. Man wird nunmehr scheu, ob daraufhin die finsteren Mächte, di« sich in den jüngstverflossenen Tagen aus die Straße gewagt, sich in ihre HMen zurüctziehen werden. Tun sie es nicht, so kann die Regierung nicht Wetter zaubern, die Bewegung mtt eiserner Faust niederzuschlagen. Das ist sie nach der heutigen Erklärung des Innenministers Scitovhk^ nicht mehr bloß der Rechtssicherheit und der öffentlichen Ordnung, sondern auch ihrem eigenen Ansehen schuldig. lWächAmikZeidaa Uneingeschränkte Anerkennung muß auch dem Kultusminffter Grasen Klchelsberg für das mannhafte Anstreten gezollt werden, das "er in seiner heutigen Parlamentsrede endlich bekundet hat. Er hat erNärt, auf seinem gesetzlichen Rechte zu bestehen und sich, darin durch die bisher geübten Rücksichten in keiner Weise beirren zu lassen. Weitergchend, als es vom staatlichen Standpunkte geboten und zulässig erschien, hat er bisher die Autonomie der Universitäten respektiert. Der Rechtsbrauch, auf dem diese Autonomie beruht, kann kein Freibrief sein für Gesetzwidrigkeiten, in denen ein Teil der Hochschuljugend sich namentlich deshalb zu ergehen erkühnt, weil ihnen gegenüber gewisse Elemente des Lehrkörpers willfährig erweisen. Wenn die Universitätsbehörden ihre überliefetten autonomen Rechte von der Staatsgewalt respettiert sehen wollen, müssen sie den Mut und die Kraft ausbringen, studentische Exzesse, die die öffentliche Ordnung und Sicherheit gefährden, innerhalb ihrer Machtbefugnisse zu unterdrücken und die Zuwiderhandelnden durch nachsichtslose Anwendung der ihnen zu Gebote stehenden Tisziplinarmittel exemplarisch zu bestrafen. Tun sie das nicht, weil ste zu so energischem Auftreten zu wankelmütig sind, oder sich die erforderliche Kraft nicht zutrauen, so hat eben der Staat die Pflicht, für die Wiederherstellung der Ordnung ohne jede weitere Rücffichtnahme auf die Autonomie zu sorgen. Auch dem öffentlichen Verweis, den Graf Klebelsberg gewissen Elementen des Lehrkörpers der Budapest er Universität heute erteilt hat, wird die öffentliche Meinung vorbehaltlos beipflich^- ten. Diese Herren Professoren — ihre Namen brauchen nicht genannt zu werden, weil ja alle Welt sie kennt — sind reaktionäre Finsterlinge und stets bereit, den rechtsdemagogischen Neigungen eines Teiles der Studentenschaft zu schmeichele: und die ihrer geistigen Führung anvertraute Jugend mtt dem Geiste des Antisemitismus zu erfüllen. Diesen Universitätslehrern hat heute der Kultusminister zugerusen, daß sie trachten sollen, die Popularität, nach der sie streben, durch ihr Wissen und Können zu erreichen, nicht aber dadurch, daß sie die Jugend in ihrem Hang zu gesetzwidriger Unbotmäßigkeit bekräftigen. Auch das ist ein Mahnruf, der schon viel früher hätte erklingen sollen. Nicht erst seit gestern finden sich an den Hochschulen Professoren, die die antisemitischen Studentenprügeleien mit wohlwollenden Gönnerblicken verfolgen; nicht erst seit gestern finden sich Universitätsprosessoren, die Studentenplakate, in denen die Jugend zum Ansharren im Kampfe gegen ein zu Recht bestehendes Gesetz aufgcsordert wird, mit ihrem moralischen Giro ganz offen versehen; und nicht erst seit gestern finden sich im Lehrkörper der Hochschulen Elemente, die, wenn der zuständige Minister sie zu einer vertraulichen Konferenz beruft, um mit ihnen über die besten Methoden zur Abstellung von Studentenkrawallen zu beratschlagen, die Nachrichten aus dieser vertraulichen Besprechung in die Redaktionen von Blättern tragen, in denen systematisch zügelloseste Scharfmacherei getrieben wird. Ter Kultusminister weiß genau, wer diese Herren sind, aber bisher hat er kein Wort der Verurteilung dieses Gehabens laut werden lassen. Heute endlich ist ihm die Geduld gerissen, und die strenge Verwarnung, die er an die Adressen richtete, wird hoffentlich die Wirkung haben, daß die betreffenden Professoren, die bisher fast ihre ganze Zeit auf solche Hetzarbcit verwandten, sich nunmehr doch eher ihrer beruflichen wissenschaftlichen Tätigkeit zuwenden werden. Tas wichtigste Moment in der Rede des Grasen Klebelsberg aber war die freimütige und kräftige Art und Weise, tme er sich über die unerträglichen Anmaßungen der Studentenverbindungen äußerte. In der ungarischen Studentenschaft waren bis zum Kriegsende derartige Verbindungen eine seltene, nahezu unbekannte Sache. Als aber nach dem Kriege ungezählte Tausende von Menschen, deren Studium durch den Krieg unterbrochen worden war, aus den Schützengräben und den Kriegsgefangenenlagern heimtehrten und irr der damaligen chaotischen Zeit sich alles organisierte und fest zusammenschloß um der schwachen Staatsgewalt die Wahrnehmung der eigenen Interessen durch entsprechenden Druck abzuringen, da entstanden zu solchem Zweck auch die verschiedenen Studentenverbindungen als Schutz- und Trutzorganisationen, denen gegenüber die Staatsgewalt sich aus zwei einleuchtenden Gründen nicht ablehnend verhalten konnte. Ter erste Grund war, daß es sich hier ausnahmslos um gewesene Frontkämpfer handelte, die für die Ration gestritten und gelitten hatten, und denen gegenüber daher auch eine gewisse Dankesschuld abzutragen war. Und als zweiter Grund trat hinzu, daß diese Studentenverbindungen durch einen Geist gekennzeichnet waren, der vom Standpunkte der Vaterlandstreue und des nationalen Empfindens zuverlässig war, und daß daher diese Organisationen auch als Wwehrmittel gegen revolutionäre Velleitäten eingeschätzt werden konnten. Mit Recht hob aber heute Gras Klebelsberg hervor, daß in den heutigen Studentenverbindungen das ursprüngliche Element schon längst nicht mchr vertreten ist. Tie Mitglieder dieser Verbindungen waren noch junge Kinder, als der Weltkrieg zu Ende ging, sie haben nie Schießpulver gerochen, haben nicht rhr Leben für das Vaterland aus den Kampffchauplätzen aufs Spiel gesetzt, noch auch hatten sie die Leiden der Kriegsgefangenschaft zu ertragen. Und wenn diesen Studentenverbindungen bis auf den heutigen Tag die Rechte und die Privilegien zuerkannt blieben, in deren Genuß sie in der ersten Zeit standen, so ist das einzig dem Gesch der Trägheit zuzuschreiben. Daraus aber, daß kraft des' Bcharrungsvermögens alles beim alten blieb, folgt noch lange nicht, daß die gegenwärtigen Mitglieder der Verbindungen zu der Anmaßung berechtigt wären, sich derart zu gebärden, als ob auch sie ehemalige Frontkämpfer wären, und daß die Nation auch ihnen gegenüber unter dem TitÄ der Dankbarkeit zu einer langmütigen Nachsicht verpflichtet wäre> die auch dann durch die Finger schaut, wenn diese jungen Herrschaften das Gesch mit Füßen treten und der Autorität der Staatsgewalt gegenüber sich herausfordernd benehmen. Das ganze Abgeordnetenhaus hat dem Grafen Klebelsberg Beifall gezollt, als er erklärte, daß die Studentenorganisationen reformvedürfttg sind, und daß der Hochschuljugend endlich einmal das Bewußtsein beigebracht werden muß. daß sie den Gesetzen des Staates und den Tisziplinarvorschristen der Universitätsbehörden unbedingten Gehorsam schuldig ist. Auch das hat der Kultusminister endlich herausgefunden, daß in diesen Verbindungen eigentlich gar nicht die Juaendtorhetten der Studentenschaft, sondern die bösen Einflüsse von Altakademikern, die die Universitätsjcchre Vellage 2. November 1828 längst hinter sich haben, die zeitweiligen Eruptionen des destruktiven Geistes Hervorrufen. Die Spatzen auf allen Dch chern haben das schon längst gepfiffen, und sowohl der,Polizei, wie den Universitätsbehörden müssen die Namen derer bekannt sein, die die Studentenschaft, der sie längst nicht mchr angehören, bei jeder Gelegenheit zu Ruhestörungen verhetzen. Heute hat der Kultusminister das längst, allgemach Bekannte auch in offener Parlamentssitzung ausgesprochen^ und seine Erklärung, daß er die Studentenverbindungen rm obigen Sinne zu maßregeln beabsichttgi, ist von Men Seiten der Volksvertretung mit freudiger Zustimmung ausgenommen worden." i. i ' Während der Parlamentssitzungen kam es zu einem. Zusammenstoß zwischen dem sozialdemokratischen Abgeordneten Fabian und dem Staatssekretär im Mnisterium des Innern Dr. Sztranyawszky. Ueber die Hintergründe dieses Zusam, menstoßeS schreibt Pester Lloyd: „Seit nahezu fünf Jahren lag der Schleier der Vergessenheit über einem Verbrechen, das seinerzeit weit über Ungarns Grenzen hinaus alle menschlich fühlenden Seelen mit Abscheu und Entsetzen füllte: über dem Bombenattentat! in Csongard, das am 26. Dezember 1923 stattgefunden hat. In der kernungarischen Alföldftadt Csongrad veranstaltete dex jüdische Frauenverein einen Wohltätigkeitsball. 'Während die Musik zum Tanze auffpielte, flog eine Tynamitbombe von der Straße in den Saal. Eine furchtbare Detonation folgte, das Röcheln Sterbender und die Wehrufe Schwerverletzter drangen aus dem Tanzsaal in die Dezembernachl hinaus. Die behördlichen Erhebungen ergaben Verdachtsmomente gegey die Csongrader Raffenschützler, mehrere von ihnen wurden in Haft genommen und vor Gericht gestellt. Vor dem Unter-, suchungsrichter hatten die meisten der Beschuldigten Geständnisse abgelegt, die sie aber bei der Hauptverhandlung wider-» riefen und darum vom Gericht sreigesprochen wurden. Der Freispruch wurde von den beiden höheren Instanzen bestätigt, und damit wuchs Gras über die ganze Sache. Jcht aber sind die Toten erwacht. Der parlamentarische Zusammenstoß zwischen dem Abg. Bela Fabian und dem Staatssekretär Sztranyawszky hat sie aus dem Grabesschlummer geweckt. Die Zeitung gibt den Inhalt der Eingabe wieder, die der Csongrader Bürgermeister vor zwei Jahren an das Mi-, nisterium des Innern und den Staatssekretär Sztranyawszky gesandt hat. Darin sind Beweisgründe angeführt, daß tatsächlich die seinerzeit im Bombenprozeß angeklagten Rassenschützler das furchtbare Attentat begangen haben. Die Borerhebungen wurden ccker nicht wieder ausgenommen, die Eingabe wurde nicht an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet. Nunmehr aber müßten die zuständigen Faktoren ohne weiteres Zaudern das nötige veranlassen. Der Minister des Innern hat bloß anzuordnen, daß die Eingabe des Bürgermeisters an die Anklagebehörde abgetreten werde. Dann wird das unabhängige Gericht unter der Kontrolle der Oeffentlichkeit eine Entscheidung treffen. Es ist immer mißlich, wenn die Toten erwachen. Erwachen sie aber einmal, so kann nichts dringlicher sein, als sie wieder — und diesmal besser — zu begrabeen. Bekanntlich ist der Führer der Raffenschützler, Gömbös, jetzt Staatssekretär im Honved-Ministerium" Aus den Gemeinden Aachen. (Schwere Beschimpfung der PachenerKult u s g e m e i n d e.) „Die Israelitische Kultusgememde bezahlt Mörder" überschreibt der „Westdeutsche Beobachter" eine Meldung aus Aachen, in der davon die Rede ist, daß die Aachener Kultusgememde die „Rotfront" für einen Ueberfall auf Nationalsozialisten während einer Versammlung am 11. Oktober bezahlt und daß ein jüdischer Bürger als Beauftragter des Gemeindevorstandes an dem Ueberfall teilgenommen habe. Der Aufsatz schließt: „Also überall als letzte treibende Kraft der Jude, als Helfer, das größte Gesindel, das in deutschen »Landen zu finden ist. Uns aber wird das nur zu einem treiben — - noch intensiver auf den Tag hinzuarbeiten, an dem es in Deutschland keine israelitischen Kultusgemeinden mehr gibt, an dem Tage, wo sich Halunken an einem anderen Orte treffen können-am Galgen." Der Vorstand, die Israelitische Kultusgemcinde in Aachen, hat sofort Strafantrag wegen Beleidigung einer staatlich anerkannten Religionsgemeinschaft und wegen Beleidigung, begangen durch die Presse, gestellt und die sofortige Beschlagnahme durch die Kriminalpolizei veranlaßt. Andernach. (Feier der „Nachbarschasten".) Es bestehlt hier die uralte Einrichtung, der „Nachbarschaften"; das sind Vereinigungen, die edles Menschentum und praktische Nächstenliebe auf ihre Fahnen geschrieben haben und die in bewußter Nichtbeachtung konfessioneller Scheidewände alle Glaubensbekenntnisse in herzlicher Zuneigung umfassen. Sie haben im Laufe der Jahrhunderte einen wundervollen Geist edler Toleranz und vorbildlicher Eintracht werden lassen, und sie bilden auch heute im Zeitalter wüstester Hetzen ein festes Bollwerk gegen jede Anfechtung. Das kam zu erhebendem Ausdruck, als am 22. Oktober den evangelischen Nachbarschaftsmitgliedern eine Fahne überreicht wurde. Anläßlich dieser Feier hielten die Vertreter der drei Konfessionen herzerfreuende Reden, aus denen immer wieder der Wille zu konfessioneller Eintracht sprach. Tiefen Eindruck hinterließ namentlich die Ansprache des jüdischen Lehrers Dr. B e i s, die zugleich eine Abschiedsrede war, weil Herr Dr. Beis nach 14jähriger segensreicher Tätigkeit die Gemeinde Andernach verläßt, um als Religionslehrer an die Tempelgemeinde Hamburg zu gehen. Berlin. (Tagung des Großen Rates des Landesverbandes.) Für Sonntag, den 4. November, hat der Präsident des Rates des Preußischen Landesverbandes den Großen Rat einberufen. Bon den auf der Tagesordnung stehenden wichtigsten Punkten ist insbesondere die Frage des Beitritts zur Reichsorganisation, dessen Statut in den Betatungen in Nürnberg und Köln sertiggestellt wurde, zu erwähnen. Ferner soll über di« Einberufung des BerbandstageS em Beschluß gefaßt worden, um es zu ermöglichen, daß di« am 31. Dezember 1928 endende Legislaturperiode bis zum September 1929 verlängert werden kann. Wichtig sind ferner diejenigen Punkte der Tagesordnung, die Beschlüsse der Reichsarbeitsgemeinschaft betreffen. Es handelt sich dabei um die Subventionierung der Lehrev- und Rabbiner-Ausbildungsanstalten, der Akademie für die Wissenschaft des Judentums, um die Herausgabe einer Zeitschttft für di« Geschichte der Juden in Deutschland. Ferner soll die Einberufung einer Konferenz sämtlicher zentralen jüdischen Organisationen zum Zwecke der Bekämpfung der Mischehen beraten und die Beitragsleistung für die Siedlungsaktion des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten fixiert werden. Daneben enthält die Tagesordnung eine große Anzahl von technischen und mit der laufenden Verwaltung zusammenhängenden Angelegenheiten.