Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 44 (2.11.1928)
- Date
- 1928-11-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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rmng zu knüpfen, daß im Verhältnis des Staates zu unS schreitend die Würdigung des Hohen' kulturellen Wertes der Judenschast, ihrer Ziele und AüfdaVen Platz greisen wird. Um diesen, geschichtlichen GideKktag auch für dre Zukunft zu einem Kr die JudettschM denkwürdigen zu gelten, beMeßt die Präsidialkonferem des Obersten Rate-, die geplante tschechische Uckersetzüng der Thora als ein Jubiläumswerk herauszugeben, sie auch als ein solches zu bezeichnen und diese Kundgebung dem Herrn Präsidenten der Republik zu übermitteln. Der Oberste Rat hat sich an die ihm angegsliederten Kultusgemeinden mit der Forderung gewendet, Viesen Tag durch festliche Kundgebungen, hauptsächlich aber durch Akte der Wohltätigkeit und Nächstenliebe zu begehen, um als Bürger dieses Staates den Beweis zu bringen, daß wir nicht nur Rechte beanspruchen, sondern auch Pflichten zu erfüllen bereit sind. Unsere besten, herzlichsten Glückwünsche begleiten die Republik auf ihrem weiteren Wege durch die Geschichte." Die Palästina-Regierung gegen die Sabdachruhe-Berordnmrg. Die Palästina-Regierung hat ihren Beschluß kundgegeben, die vom Stadtrat von Tel-Aviv erlassene Verordnung über strenge Arbeitsruhe an den Sabhathtagen nicht geltm zu lassen. Zur Begründung gibt die Regierung an, daß die Einführung eines Zwangs-Sabbathruhe-Gesetzes Komplikationen zur Folge haben und in der öffentlichen Verwaltung Schwierigkeiten Hervorrufen würde. Die Diskussion über die Zwangssabbathruhe in Palästina Kat bekanntlich begonnm, als der Stadtrat von Tel Aviv dem jüdischen Händler Altschuler, der am Sabbath seinen Laden offenhielt, eine Geldstrafe zudiktierte. Das Jaffaer Distrikts geeicht hat dann diese Strafe annulliert, woraufhin der Stadtrat von Tel Aviv an das Oberste Gericht in Ich rusalem appellierte, welches den Bescheid des Jaffaer Gerichts bestätigt hat. Vom Sinn des Lebens Von Edith Falk, Frankfurt a. M. Tausende von jungen, drängenden oder verquälten, bitteren Menschen grübeln seit undenklicher Zeit, welches Wohl der letzte Sinn dessen sei, daß wir geschaffen wurden; zu welchem Endzweck die Ordnung des jährlichen Ablaufs in der Natur, zu welchem Endzweck die seelischen Kämpfe und Nöte unseres Daseins, zu welchem ' Endzweck die unendliche Generationenreihe immer neuer Lebewesen wohl „gedacht" sei. Tausende Grübelnder (und es sind die Besten, die grübelnd finden die Antwort nicht und verzweifeln am Sinn ihres Strebens, und es entstehen die Religionen der Jenseitssehnsucht. Die Sinnlosigkeit; ber Welt wird unerträglich, und da in jedem Menschen das Bedürfnis zur Lösung der in ihm wachen Probleme steckt, da aber die meisten Menschen nicht in der Lage sind, aus sich selbst heraus diese Lösung zu finden, glaubt man, im Schemen der Erlösung von dieser Welt den Sinn seiner Existenz gefunden zu haben. Aus negativer Betrachtung kann aber keine positive Leistung entstehen. Wenn man — grübelnd verzweifelt, ist man für das Leben verloren. Es ist aber undenkbar, daß man das Leben von Gott erhalten haben soll, um es zu ne-, gieren. Wenn also der letzte Sinn dunkel ist, und unklar das Ziel, in dem alles Leben seine letzte Rechtfertigung findet, so muß man — um doch zielstrebig und vollwertig zu leben — es eben anders ansangen als die, die das Leben in ihrer Ver^ bittertheit über unlösbare Probleme mit Unlust zu Ende leben, so wie man eine Gefängnishaft absitzt, an deren Ende die Erlösung in die Freiheit winkt. Mit seinem suchenden Auge die „letzte Erkenntnis" erfassen zu wollen, das ist ähnliche Utopie, wie wenn man das Friedenswerk will und mit eiys die Menschheit bekehrt und zusammengeschweißt sehen möchte. Wenn eine kleine Friedensorganisation anwächst, wenn sie eine Zollschranke zu Fall bringt oder die Herstellung eines Rüstzeuges unterbindet, so ist für den Friären mehr getan,'als wenn einer in unreali-i fierbaren Himmelshöhen schwebt. Und 'gerade so ist's mit dem Sinn des Lebens, den man findest. möchte. Jst's unmöglich, den Sinn des Ganzen zu finden und zu erfassen, so suche man nach dem Sinn des Einzelnen. Und den kann jeder finden, der mit positivem, starkem Lebensgefühl in den Strom des Lebens hineinspringt. Nicht sich treiben lassen, nicht sein Leben „ableben", „absitzen", sondern sich möglichst fest darein verwurzeln und es unschätzbar machen. Ich finde, wenn man am PaMsmus oder am Sozialismus oder an irgendeinem großen Guten — wenn auch nur als winziges Rädlein — mitschafft, so ist das (abgesehen vom Guten an sich) so eine herrliche und tröstliche Sinngebung seines eigenen Lebens. Man Hilst irgendwie „bessern". Zwar kann man das letzte Ziel und dre Vollendung, die Rechtfertigung des Seins, nicht absehen, aber man sieht doch soweit, daß eine Gemeinschaft Gütiger unö Friedliebender ein Schritt zur Erfüllung hin ist, und so kann, man für sich und die zu erziehende und zu leitende Generation den Sinn erkennen: gut werden und wohltun. Die „Jüdische Heilstätte Etania" in Davos „Jüdischer Wanderer", der Du nach Davos kommst, melde, daß Du „E t r n i a" gesehen und gefordert habest, wie es das Gesetz der Brudcrlieb-e befiehlt." Jenes berühmte lateinische Zitat könnte man in dieser Weise umsormen, inan würde der jüdischen Sache einen großen Dienst erchürde vielen jüdischen kranken Brüdern helfen! Die Begriffe Schweiz, Davos bedeuten für viele ein Glücksgefühl. Stil lung großer Sehnsuchtsgefühle. Auch Du, Haus Etania, gehörst dazu, Du Haus, hoch am Hange weitem Blick ins Tal hinein und auf die Bergriesen, rings die Schneehäupter und Gletscher mit einem Blick beherrschend. Hinter Deinen helleuchtenden Mauern steigen die Berghänge empor, grüne Almen umfangen Dich und die nahen Wälder umgeben Dich in einem grünen Kranze. Aber auch im Winter, wenn Schnee und Eis ringsum, wenn furchtbare Lawinen und Steinschläge drohen, dann bist Du sicher geborgen; Schutzvorrichtungen bewehren Dein lichtes Gehäuse vor Vernichtung und Untergang und Dein« leidenden Gäste aus aller Herren Länder können sicher und ungestört die Wunder wirkende, reine Luft unter azurblauem Himmel ihren kranken Lungen zuführen. Eine glückhafte Idee war es, als während des Krieges der Hilfsverein für jüdische Lungenkranke in der Schweiz nach vielen Mühen und finanziellen Schwierigkeiten dieses Sonnenhaus in der Schweiz gründete. Gar viele schöne, lichte, .Sanatorien gab und gibt es in Davos, aber bisher konnte der jüdische Glaubensbruder, den die tückische Krankheit gefallen und der sich an die rituellen Speisegesetze hielt, nur mit Schwierigkeit den religiösen Vorschriften Nachkommen. Seit * Versammlungskalender * Berli«,Rord«. Die Literal« Synagoge Norden L v. veranstaltet in Gearetn* fthast mit dem Literalen Verein für die Angelegenheiten der jütische» Gemeinde za Berlin, Vrtrgrvppe Norden, ihre« Erste» Semeivdeatevt Montag, de» 5. Nooemter, abends 7.45 Uhr, in der «nla 'fce« Sophien-Realgymnasinmr, Steiastraß« 32*34. Einleitung: Orgelspiel «nd Gesang. 1. Herr Rabbiner Dr. Salliner: Welche Gegenwart»* avfgaben hat un» die literal« »elttoafereaz gestellt? Kerr Dipl.* Ing. Ludwig Lewia : Wie steht die literale Jugend zar Weltlouferevz? Aussprache. 2. Künstlerischer Teil. Mitwirkend«: Koazertkaageri» Frl. Frist, Kerr Oterkantor Sollania, Kerr Lundgree«. Mitglieder und Frenade mit ihren Angehörigeu herzlich willkommen! Der vor* stand. K. Fallender-, Berlin N. 54, Lottnmstraße 22. «erNn-Südm. Literaler Verein für die Angelegenheiten der jüdische» Semeinde zu Berlin E. v., Lezirksgruppe Süden. Am Dienstag, de» 6. Ro* vemder, adend» 8.3V Uhr, findet in den llammersSleu, Berlin SW. 81, Teltower Straße 1*4 (Roter Saal-, eine Mitgliederveffammlung statt. Vortrag Arthur Schweriner: „Praktisches soziale» Judentum". Ge* sangsvorträge von Dr. Fritz Salomonfki. Gäste herzlich willkommen. Breslau. Jli „Abraham Geiger". Mittwoch, den 7. November, 20.15 Uhr, im Vereinslokal, großer Saal, der „Sozialen Gruppe", Kaiser Wil* Helmstraße 16, Arbeitsgemeinschaft „Die Propheten". Leitung: Reli* gionslehrer Davidfohn. Zur Behandlung gelangt dle Zeitgeschichte de» Propheten Hosea. Die Teilnehmer werden gebeten, ein Eremplar der Bibel mitzudringen. Frankfurt a. M. Samstag, den 10. November 1928, Gesellschastsadend im Frankfurter Hof, veranstaltet vom Freisinnigen Verein für jüdisches Ge* meindeleben E. D. Durch Erstaufführung einer reizenden Revue unter Mitwirkung non 40 Damen und Herren der Gesellschaft, sowie 3 Tanzkapellen, Büffets, Lar, Cafe usw., wird den Besuchern Gelegenheit gegeben, eineu in jeder Beziehung wohl vorbereiteten Adend augenehm zu verbringen. Nürnberg. Donnerstag, 8. November, abends 2V (8- Uhr, im kleinen Saal des Künstlerhanfes, Vorträge: 1. Rechtsanwalt Richard Jung: „Eindrücke von der Jüdisch-liberalen Welttonferenz in Berlin". 2. Rabbiner Dr. Freudenthal referiert über die Montesiore-Festschrifl. Gottesdienste m»m« Berlin-Norden. Liderale Synagoge Norden, Schönhauser Allee 162. Freitag, den 2. November 1928, abends 7.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Salomonfki. Sonnabend, den 3. November, vormittags 10 Uhr, Gottesdienst. Freitag, den 9. November» Predigt: Rabbiner Dr. Salomonfki. Berlin-Wilmersdorf. Liberale Synagoge Wilmersdorf (in der Aula der Cäcilienfchule, Nikolsburger Platz): Jeden Freitagabend liberaler Gottesdienst mit Chor und Predigt. Beginn 19.15 Uhr pünktlich. Freitag, dev 3. November, Predigt: Rabbiner Dr. Bogelstein-Breslau. Freitag, den 9. November, Predigt: George Goetz. der Gründung der „E tani a" ist es anders geworden. In Hellen lichten Räumen werden den jüdischen Patienten die nach religiöser Vorschrift zubereiteten Mahlzeiten gereicht und arm und reich, Kranke aller Länder sitzen beieinander an der Tafel, sprechen das gleiche Tischgebet 'in unserer heiligen Sprache und erflehen Heilung von dem Gotte Israels. Der soziale Geist unserer Thora erfüllt diese Räume und die Herzen der Männer, die mit Treue und Hingebung das Geschick des Hilfsvereins in Zürich leiten. In der Etania werden alle Patienten, ganz gleich, ob vornehm, ob von einfachem Stande, nur als Heilungssuchende behandelt, die in gleicher Weise aller Wohltaten dieses Hauses teilhaftig werden. In Herrn Dr. O e r i hat die Heilstätte einen Chefarzt gefunden, oer in der medizinischen Welt als Spezialist für Lungenkrankheiten einen großen Rus genießt und in vorbildlicher Weise auf der Basis einer individuellen Einzelbehandlung sich um das Wohl der ihm anvertrauten Patienten in aufopfernder Weise bemüht. Vieles ist bereits von dem Schweizer Hilfsverein für jüdische Lungenkranke getan, aber noch manche Aufgaben harren der Erfüllung. Besonders zu bedauern ist es, daß die Juden Deutschlands m der Bor- und auch in der Nachkriegszeit diesem Problem der Bekämpfung der größten Geißel der Menschheit, der Tuberkulose, ein wenig zu gleichgültig gegenübergestanden haben. So besteht merkwürdiger Weise bisher keine einzige jüdische Heilstätte für Männer in ganz Deutschland. Biel wäre schon zunächst geholfen, wenn dem von dem Hilfsverein schon längst unterbreiteten Vorschläge, die Heilstätte Davos weiter auszubauen, auch von den deutschen Juden größere Beachtung geschenkt würde. Allen jüdischen Lungenkranken, für die in zahlreichen Fällen Davos die größte Hoffnung und die letzte Rettung bedeutet, zu helfen, ist nicht allein Ehrenpflicht der Juden in der Schweiz, sondern es ist eine Ehrenpflicht der jWschen Gesamtheit, Pflicht jedes einzelnen Teiles und nicht zuletzt der deutschen Juden, die Nachbarn ihrer Schweizer Glaubensgenossen sind. Max Salomon, Berlin. Zwischen den Konferenzen Von I s s i Bayer- Bingen. I. Weltkonferenzen einer weltumfassenden Bewegung sind — so sagen direkt oder in anderen Worten alle Berichter — Meilensteine auf dem Wege. Unsere Meilensteine hatten bisher immer die Gepflogenheit, weniger ihre Schatten vorauszuwersen, als hinter sich herzuziehen. Einer so jungen Belvegung muß dies jedoch verziehen werden. Aber uns bleibt die Pflicht für Verbesserung, für Aenderung zu sorgen, deswegen nicht erspart. Was soll damit gesagt sein? Die erste liberale Weltkonferenz in London hatte die Aufgabe, zunächst einmal alles unter eine Fahne zu scharen, organisatorisch zusammen zu fügen, was zu einem großen Gedanken, ich möchte angesichts der Verschiedenartig keit unserer Menschen sagen, was sich zu einem Ueber-Gedanken bekennt. Diese Aufgabe hat die Londoner Konferenz erfüllt. Es ist schwerlich möglich, das Ergebnis der Berliner Konferenz in ein paar Schlagsätze zu fassen. Uns scheint, daß, wenn auch nicht quantitativ, so doch qualitativ, ihr Schwerpunkt im Theoretischen lag. Die Eckpfeiler des liberalen Gedankengebäudes aufzurichten und auszubauen, dazu machten, viele Redner einen Versuch, wenngleich auch die Themata nicht eindeutig diese Richtung wiesen. STOliWERCK Oilhi). idohtSchirwckenJ, . Tiahriicift. I Wenn wir aber nun der Meinung sind, daß jede weite« Weltkonferenz uns ein Stück weiter führen muß, oder — was vielleicht richtiger ist, wenn wir jede Zeitspanne zwischen zwei Konferenzen als eine Teilstrecke betrachten und di« Konferenz als Fixierung, Bestätigung und gewissermaßen dokumentarische und deklarative Festlegung, so erwächst uns hier eine gewaltige Aufgabe, ein« Arbeit, von der wir bisher geglaubt, daß die Wrl1k»nfe«nz selbst sie erledige. Das ist jedoch ein verhängnisvoller Irrtum, und die Folge davon ist, daß z. B. die Berliner Konferenz an positiven Resultaten wenig aufzuweisen hat. Nun gibt es Menschen, die diesen Mangel mit dem Wesen des jüdisch-religiösen Liberalismus erllären wollen. Diese Erklärung kann aber unmöglich richtig sein. Denn wäre sie richtig, so würde das besagen, daß Liberalismus nur ein religions-philosophisches System sei, gewissermaßen nur eine Gesinnung und nicht auch eine Lebenshaltung. Es würde damit gesagt sein, daß jüdisch-religiöser Liberalismus nur ein Denken und kein Tun verlange. Unserem Begriffe von einer lebendigen Religion würde das widersprechen und ich glaube auch nicht, daß viele Menschen unserer Bewegung so denken. Ist aber dies« meine Meinung richtig, liegt der Mangel an positiven Resultaten der Berliner Konferenz nicht im Wesen des Liberalismus, als» — ich erlaube mir diese Verallgemeinerung — nicht an inneren Tatsachen, so müssen eben äußere Faktoren für dieses „Manko" bestimmend gewesen sein. Ich glaube, man kann diesen Mangel deklarieren als: Mangel an „Vorbereitung", im engsten Sinne dieses Wortes. Und nicht eher werden unsere großen Konferenzen positive, d. h. in diesem Fall« praktisch verwertbare Resultate zeitigen, bis wir es verstehen, zwischen den Konferenzen, die nötige Arbeit zu leisten. Ein« solche Weltkonferenz nur als Impuls zu betrachten, heißt, ein sehr bescheidenes Ziel ausstellen. Seien wir unbescheidener! Stellen wir höhere Ansprüche! Betrachten wir unsere Weltkonferenzen nicht als Anstoß — wenn auch als vielfache Anregung —, sondern mehr als Abschluß, als abschließenden Höhepunkt der Alltagsarbeit eines Jah«s. Als liberalen F e st t a g , der aber nur dann diesen Titel verdient, wenn er sich über Alltagsarbeit türmt. Deklarative Festlegung sagte ich oben und ich meine damit, daß unsere Konferenzen gleichsam Generalversammlungen sein müssen, wo die Vorgänge in der liberalen Wett Revue passieren, aber auch G e n e r a l st a b s v e r s a m m l u n g e n, wo die Marschroute der liberalen Heere, ihr technisches und taktisches Verhalten f c st g e l e g t werden. Das kann aber zweckmäßig nur so geschehen, daß zwischen den Konferenzen — jetzt wird man den Titel dieses Aufsatzes immer deutlicher verstehen — planmäßig durch unsere Zeitungen, die in diesem Falle die Sammelbecken der Ortsgruppenarbeit sind, die Themen erarbeitet und durchgearb eitet werden. Um ein technisches Bild zu gebrauchen: . man darf nicht, wie bisher, der Konferenz nur das Rohmaterial liefern, sondern Fertigware. Dann verbleibt nur die Arbeit der Warenverwendung, nicht aber auch die langwierige der Erzeugung. Wenn mau Weltkonferenzen mit Herausbildung der Grundsätzlichkeiten unserer Ideologien allzusehr belastet, so können sie für das' praktische Verhalten, das erst aus dem Grundsätzlichen resultiert, keine Resultate zeitigen. Aber, und ich komme wieder einmal zu meinem Anfang zurück, unsere ersten Konferenzen mußten wohl so sein, denn wir stehen — technisch und ideologisch — erst an einem. Anfang. Doch unsere nächste Konferenz darf uns nicht mehr so unvorbereitet treffen. II. Konkretisierung des Liberalismus, so möchte ich unsere Aufgabe für die nächste Weltkonferenz bezeichnen. Wenn uns Liberalismus ein bestimmtes Tun vorschreibt, wenn jüdisch-religiöser Liberalismus eine Tatreligion bedeutet, so heißt das für uns, das Leben, den Alltag nach unserem Denken formen, in allen seinen erreichbaren Gebieten. Tun wir das nicht, so erlöschen wir eines Tagest so sterben wir an S u b st a n z s ch w u n b. Hier liegt eine der Gefahrenquellen unserer Bewegung. Wir haben genug Positives, das der Sicherstellung und Erweiterung bedarf, es gilt nur es herauszuschälen. Denn eine Tatsache ist es, die uns hier täuscht: das Fehlen eines liberal-jüdischen Gesetzbuches, wie es die Orthodoxie in der Thora hat. Ich tvill damit nicht sagen, daß wir nun eine liberale „Thora" schaffen müssen. Denn wir haben kein eignes jüdisches Leben kn diesem Sinne, daß wir ein besonderes, alle Lebensgebiete umfassendes Gesetzbuch ausstellen müßten. Die Gesetzgebung unserer Vaterländer enthebt uns dieser Pflicht und schon altjüdische Weisheit verpflichtet uns zu treuem Staatsbürgertum. Aber wir haben diese Mahnung allzu wörtlich ausgefaßt und sind — ich spreche von den Juden als - Masse — anstatt Diener nur Nachbeter der Gesetze geworden. Wir haben als organisierte Gemeinschaft nichts dazu getan, die Gesetzbücher unserer Vaterländer im Sinne unserer aus religiösen Quellen herkommenden Ideale umzugestalten. Wir haben der bestehenden Ordnung unsere Ergebenheit gezeigt, aber wir haben — als jüdisch-religiöse Gemeinschaft — nichts zur Ethisierung dieser Ordnung getan. Wir haben uns zwar Träger prophetischer Ideale genannt, haben von Missionen gesprochen, aber nicht. — missioniert. Kein Wunder, daß man uns vorwirst, wir seien von „bürgerlichen Sehnsüchten" bestimmt. Im Namen unserer Religion und als organisiert« religiöse Gemeinschaft müssen wir in den Alltag eindringen, vor allem in sein größtes Feld, das da heißt: daS Wirtschaftsleben. Dann wird sich zeigen, ob wir Phraseurc sind oder Menschen, getragen von gestaltenden Ideen. Dann wird sich zeigen, ob wir Negativisten sind oder Ausbauende. Der Wunsch nach Konkretisierung unserer Ideen führt uns zum geschlossenen Wirken in der großen. Gesellschaft „Vaterland" und schließlich zum Zusammenwirken aller Vaterländer der Menschheit. Wir sind nicht nur Staatsbürger, wir sind auch Weltbürger. Der Völkerbund ist eine konkrete Erscheinung. Ihn von belastender Vergangenheit freizumachen ist eine jüdische Aufgabe. Ich kann mir hier versagen, ausführlicher darüber zu schreiben, da dies Erich Bayer- Breslau bereits in Nr. 37 dieser Zeitung getan. Was mir berufsmäßig mehr am Herzen liegt, ist i/ ' Hinweis auf ein kleineres Arbeitsfeld, das aber darum nicht wep wichtm, vielleicht als Keimzelle weitgespannterer Tätigkeit von gr^.ter B deutung ist: unsere Arbeit als Gemeindemitglieder. Mi. schwebt speziell der Begriff und die Einrichtung der sog. E in heit sgemeinde vor. In der Oktobernummer der „Liberalen Blätter" habe ich ausführlich über dieses Thema geschrieben. Was ich hier., sagen will, ist nur dies: es ist die Aufgabe unserer Z en t r a linst a n z e n, und unsere Weltkonserenzen müssen Zentralinstanzen verkörpern, aus diesem Gebiete die oberen Direktiven zu geben. Bis jetzt ist es so, daß der Liberalismus verkümmert, weil wrr anstatt Einheitsgemeinden nur Einseitig! eitsgemeindetl haben. Der r Liberale kann dem Orthodoxen Zugeständnisse machen, das ist nur eine halbe Wahrheit. Denn Zugeständnisse, die uns abträglich sind> - können und dürfen wir nicht machen. Es ist — ich glaube in Berlin. — sehr richtig gesagt worden, daß ber Unterschied zwischen Orthodoxie und Liberalismus kein quantitativer sei, daß nicht ein. Mehr und"