Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 43 (26.10.1928)
- Date
- 1928-10-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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l|il |Lj|i,lllJ|.ipi<p.|l.l I f! Diese Ausführungen blieben nicht ohne Erwiderung. Vs spielte dabei wahrschemlich der Umstand eine Rolle, datz die Artikel in einer sehr angesehenen französischen Zeitschrift erschienen, hie fönst durchaus keinen anüifemitifchen Charakter trägt. Einige französische Tageszeitungen beschäftigten sich mrt den Artikeln von „Salluste". In dm „Archives JsraelüeS" erschien eine scharfe Widerlegung all dieser obstrusen Behaup- Lungen. Im Brüsseler „Beuple" ergriff das Wort dazu der bekannte belgische Sozialst Emile Vandervelde, einer der hervorragercksten Führer der 2. Internationale, nach dem Kriege wiederholt Minister in Belgien, der unter anderem schrieb: „Es ist offenbar absurd, in Karl Marx, dem internationalsten aller Menschen, nichts als einen Juden und einm Preußen zu scheu, ihm, der, schon mit 6 Jagten getauft, in einem Aller von 30 Jahrm gegm den jüdischen Kapitalismus in der Art von Drnmont schrieb. Es ist absurd, nur Marxismus in emer internationalen Bewegung wie dem Sozialismus .zu schm, in welchem Saint-Simon, Fourrier, Robert Owen und der anglosächsische Sozialismus, welchem Marx viel verdankt, der aber seinerseits nicht viel von Marx hat, auch nicht zu unterschätzen sind... Andererseits aber ist es wahr, daß die verfolgten Juden eine große Rolle in der Arbeiterbewegung gespielt haben und noch spielen; daß unter allm Sozialisten des 19. Jahrhunderts Marx derjenige ist, der am kräftigsten die Bestrebungen aller Arbeiter, Juden und Nichtjudm, Engländer, Franzosen, Deutschen, Jtalimer und Russen, zum Ausdruck gebracht hat; daß unter allm Arten des Sozialismus keiner so wie der Marxismus den Programmm der Arbeiteraktion den Stempel aufgedrückt hat." Eine ausführliche Erwiderung veröffmtlichte in derselben „Revue de Paris", in welcher Salluste die Resultate seiner Historischen Forschungen verewigt hat, ein französischer Rabbiner M. Liber in einem Artrkel, betitelt „Judaismus und Sozialismus" (Lieferung vom 1. August 1928). Ruhig und sachlich, ohne in dm Ton vulgärer Polemik zu versallm, legt er die wahren Ziele des Vereins für Kultur und Wissenschaft der Judm dar, weist eine Reihe von groben historischen Fehlern bei Salluste nach, behandelt u. a. sehr ausführlich bas Verhältnis von Heine zum Sozialismus und Kommunismus, zeigt, wie unsinnig es ist, in Heine einm Apostel des Kommunismus sehen zu wollm, erinnert u. a. an die Polemik von Karl Marx gegm Bruno Bauer über die Judenfrage und die dabei von Marx mtwickeltm bekannten Ansichten über Zusammenhänge zwischen Judensrage und Kapitalismus usw. Den Inhalt seiner Einwände formuliert tx in folgenden Schlußsätzen: „Es bestehen keinerlei Beziehungen zwischm dem Beniner „Verein für Kultur und Wissenschaft der Juden" (1819—24) und'dem Sozialismus oder hem Kommunismus. Die „Neo-Messianistische" Sekte hat niemals existiert. Der jüdische Gelehrte Leopold Zunz hat nichts von einem Neo-Messianisten, ebensowenig von einem Sozialisten oder Kommunisten an sich. Er kannte Heine 1823, Hat ihn aber später aus dm Augen verloren. Heine stand in Beziehungen zu Karl Marx, hatte aber Furcht vor dem Kommunismus. Heine und Marx (besonders letzterer) liebten weder die Judm, noch den Judaismus, ihre politischen und sozialen Idem sind nicht dem Judaismus entnommen." Diese Erwiderung von M. Liber beantwortet nun Salluste in der Lieferung vom 15. August 1928 in der „Revue de Paris" mit neuen 40 Seiten, in denen er nicht nur sein« 'Entdeckungen aufrecht erhält, sondern sie noch weiter austdehnt. Der Neo-Messianismus nämlich, d. h. nach der Desinition von Salluste „die jüdische Sekte, die sich zur Aufgabe gestellt hat, auf den Glauben an das Erscheinen eines persönlichen von Gott gesandten Messias zu verzichten und die versprochene Weltherrschaft der ganzen jüdischen Gesamtheit zuzuschreiben, ist vollständig enthalten in der „Bewegung bei Haskala" in der zweitm Hälfte des 18. Jahrhunderts, derm Begründer der dmtsche Jiü>e Moses Mendelssohn war!" Das Ziel dieser Haskala, ,chas neue gelobte Land, welches Mendelssohn seinen Brüdern zeigt, ist nämlich das wunderbare Gebäude der christlich m Gesellschaft, die langsam im Laufe von 18 Jahrhunderten entstanden ist, und die es nun zu erobern gilt." Mendelssohn gründet daher die Haskala, deren Aufgabe es ist, „die Juden die westlichen Wissenschaftm studieren und sie die äußeren Formen des Lebens der Christen annchmm zu lassm, damit sie sich desto leichter unter sie mischen und von den Christen ausgenommen werden können." Mendelssohn stellte sich daher dm Zweck, in die Freimaurerei, die damals in Deutschland schr mächtig war, einzudringm, die revolutionäre Orientierung des Freimaurertums zu verstärken und dessen Macht im Interesse des Judentums auszunutzen. Unter dem Einfluß von Lessing werden Judm in dm „Freimaurer-Orden der asiatischen Brüder" ausgenommen, dessm Mitglied u. a. Herzog Ferdinand von Brauufchweig war. Derselbe Herzog von Braunschweig war 1782 Vorsitzender des Weltkongresses der Freimaurer zu Wilhelmsbad, auf welchem Kongreß beschlossen wurde, die französische Revolution ins Werk zu setzen. Derselbe Herzog von Braunschweig rettete später als Oberbefehlshaber der Preußischen Armee im Feldzug der erstm Koalition gegen die Revolution in Frankreich 1792 bei Valmy „burdj seinen unbegreiflichen Rückzug sowohl die Armee von Dumouri^ als auch die Septembermörder zu Paris". (Gemeint ist hier die Schlacht bei Valmy, von der Goethe im „Feldzug in der Champagne" als dem Beginn einer nmen Epoche der Weltgeschichte spricht.) Der Beweis der umstürzlerischm Tätigkeit Mendelssohns ist gmügend dadurch geliefert, daß er die „Rede über dm Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen" von Rousseau übersetzte, aus welcher „alle modernen Sozialisten und Kommunisten ihre Inspiration geschöpft haben." Nun ist der Berliner Verein für Kultur und Geschichte der Juden eine Fortsetzung des Werkes von Mendelssohn, was schon durch dm Beteiligung an diesem Verein solcher Anhänger von Mendelsohn, wie David Friedländer, Bendavid usw. bewiesen wird. Die geschichtliche Reihenfolge ist also nach Salluste vollkommen aufgeklärt. Mendelssohn und seine Maskilim begannen im 18. Jahrhundert dm „Sturm der christlichen Gesellschaft', später lieferte der Verein „die israelitischen Führer der demagogischen und sozialistischen Agitation, die zur Revolution von 1848 führm sollte", und so ging es immer weiter. Wenn der Verein 1824 sich für aufgelöst erklärte, so beweist das garnichts, das geschah nur deshalb, weil die preußische Polizei aufmerksam wurde, und die Bewegung schärfer zu beaufsichtigen begann, der Verein für Kultur und Wissenschaft der Juden „beschloß, nicht mehr weiter zu warten und erklärte mit großem Lärm, daß er in Liquidation tritt". Wmn Marx in seiner Broschüre über die Judenfrage dm jüdischen Kapitalismus und die jüdischen Kapitalisten heftig «nareist, so tut.er es nur deshalb, weil er ,chen Reichen, dem „Auswurf" seiner Rasse, nicht verzeihen 'kann, daß sie die gemeinsame Sache verraten, indem sie versuchen, sich innerhalb der christlichm Gesellschaft häuslich einzurichten, statt an ihrer Zerstörung zu arbeiten". Wir wissm natürlich nicht, ob die Polemik fortgesetzt > werden und „Satteste" seine Forschungen über die jüdischen Vorgänger von Lenin noch weiter führm wird. Vielleicht werden wir noch einst erfahren, daß der wahre Begründer des Komintern Maimonides ist. Selbstverständlich wäre es verlorme Mühe, die Geschichtsforschungen von Salluste kritisch beleuchten zu wollm. Das sind sie wirklich nicht wert. Seltsam aber bleibt es doch, daß solche „Gedanken" einige Monate hintereinander in einer der besten französischen. Zeitschriften dm Lesem vorgelegt werdm! Und das ist das Merkwürdigste an dieser ganzen Geschichte. Wenn diese Artikel in einem ausgesprochen antisemitischen Organ erschienen wärm, so hätten sie kaum Beachtung gefunden, da sie h«n üblichm Niveau der Presse, die solche Gedankengänge kultiviert, mtsprechm. Es ist aber geradezu unbegreiflich, daß derartige Erzeugnisse in eine Zeitschrift gelangen können, die auf hohem geistigen Niveau stehen will und sonst auch steht. Dr. I. L e w i n. Sprechsaal Für dies« Rubrik übernimmt die Schriftleitung lediglich die Pechgesetzliche Verantwortung. Zum Arktel: „Christentum und Iriedensbewegung" Antwort «ms die Frage: „Und wir?" (Ar. 41 d. Bl.) Bruno Woyda hat Recht, es sieht heute für die Friedensbewegung besser aus als in der Zeit vor dem Weltkrieg; als man noch „Pacific i s m u s" sagte (was der Wortbildung nach richtiger wie Pazifismus ist) und dabei ironisch lächelte. Nicht ganz mit Unrecht, denn die Friedensbewegung konnte ja noch gar nicht richtig eingreifen, weil bas KriegSfieber sich bei der Kulturmenfchheit noch nicht genügend ausgetobt hatte. Per Pazifismus hatte wähl während des Krieges die grüßte Zahl feiner Anhänger erreicht. Diejenigen, die den Krieg wirklich erlitten, d. h. im Schützengraben lagen oder auch nur Hort Angehörige hatten, waren samt und sonders bis auf die verhältnismäßig geringe Anzahl der „Landsknechtsnaturen" und „Kriegsverdiener" ausgesprochene Pazifisten geworden, ohne deshalb für die vorzeittge oder gar bedingungslose Niederlegung der Waffen zu sein. Keiner konnte der Friedensbewegung mehr Schaden zufügen, als die Politiker und Literaten, die auf Seiten der Besiegten alle Schuld an der Kriegsentfesselung auf ihr Vaterland nahmen, und nichts konnte di« Pazifisten besser wieder ins Lager der Wachtzrolitikex zurücktreiben wie die aus brutale Gewalt gestützten Friedensverträge. namentlich der von Versailles. Und wenn die Regierungen Europas und Amerikas heute alle etwas pazifistisch eingestellt sind, so sind > sie es vielmehr aus rationalen wie aus idealen Gründen; man hqt gesehen, daß auch der gewonnene Krieg jetzt schließlich nur ein schr schlechtes Geschäft ist. — Wie stehen nun Judentum und Christentum zum Kriege? Sicher ist das alte Testament durchaus nicht pazifistisch. In den fünf Büchern Moses wird der Krieg gegen die Feinde Israels verherrlicht. Biele Psalmen feiern Jehowah als den Gott der Heerscharen und des Krieges. Diejenigen der Propheten, die den Bölftrfrieden predigen, »erlegen seine Zeit in eine ferne Zukunft und nehmen auch dann noch vom Frieden die „Freveler" aus. (Jesaja.) Das muß auch Rabbiner Dr. Norden, Elberfeld, zugeben, wenn er auch ganz mit Recht di« Entstehung der Idee des Bülkerfriedens für das Judentum in Anspruch nimmt. — Dagegen steht das neue Testament dem Pazifismus viel näher. Wenn auch Jesus an einer Stelle sagt, daß ,-er nicht den Frieden bringe, sondern das Schwert" (welche Stelle di« Anhänger des Krieges für sich verwerten), im allgemeinen verwirft der Nazarener jede Gewalttat und lehnt sogar die Verteidigung ab. Anders ist das Wort nicht zu verstehen: „Wenn Dich jemand auf die linke Backe schlägt, so halte ihm auch die rechte hin." Ab er die Kirchen . dachten anders, weil sie zu staatlichen Begriffen und Einrichtungen wurden. Davor ist das Judentum als solches gerade durch seine Ent-! staatlichung und Uebernationalisierung bewahrt worden. Wohl zu verstehen: das Judentum als Ganzes, nicht die einzelnen Juden; auch di« nicht, die in den Nationen, in die sie das Schicksal verpflanzte, staatsbürgerlich nicht völlig aufgegangen. Außerdem liegt beim Judentum der Weg zur Erlösung nur in der Versöhnung und vor allem in der Versöhnung mit dem Nebenmenschen. — Noch viel mehr wie die herrliche Schilderung des Propheten von der Zeit, in der die Schwerter zu Sicheln werden, ist ein nachbiblisches Wort unserer Weisen für den Pazifismus zu deuten. „Auf drei Dingen beruht die sittliche Welt, auf Wahrheit, Recht und Frieden." Nicht nur die drei Moralbegriffe dieses Satzes, sondern auch ihre Reihenfolge sind von großer Bedeutung. (So will es mir wenigstens scheinen.) Erst die Wahrheit! Aus ihr nur kann sich das Recht ergeben. Und nur aus dem Recht, wenn es mit einer über die noachidischen Grundsätze hinausgehenden (also jüdischen) Milde geübt wird, der Frieden! Und wenn irgendwann und irgendwo und irgendwie dieses Wort aus dem Schatz der jüdischen Lehre eine Berechtigung hatte, dann jetzt nach den auf den Weltkrieg folgenden Friedensvei'- trägen. Die Wahrheit ist schon auf dem Weg«; an die Alleinschuld einzelner Nationen an diesem entsetzlichsten aller bisherigen Kriege können nur noch Kinder oder Narren glauben. Aber das Unrecht, das auf der Alleinschuld einzelner Böller in Versailles gegründet wurde, ist noch nicht wiedergutgemacht worden; »veder durch Locarno noch durch den Völkerbund. Und deshalb, well das Recht immer noch nicht herrscht, ist auch noch immer nicht Friede. Denn Knebelung und Fesselung eines Volkes bedeuten noch lange nicht Frieden. Das Unrecht würde durch einen neuen Krieg auch wahrscheinlich nur vermehrt werden. Es genügt auch nicht, daß nach der Wehrlosmachung der unterlegenen Nationen die Sieger nun auch etwas abrüstcn. Das den Besiegten zngefügte Unrecht bleibt bestehen und mit ihm der Unfriede. Wenn wir heute in Phantasieromanen von der Erfindung Menschen und Land, Bauwerke und Schiffe vernichtender Sttahlen lesen, so kann dies« Phantasie schon morgen zur Wirklichkeit werden. Zu einer Vernichtungswaffe, mit der ein einzelner Fanatiker für das immer noch bestehende Unrecht furchtbare Rache nehmen kann. — Darum können wir als Juden, als Deutsche, als wahrhafte Pazifisten und diese Dreiheit zusammengefaßt, als Menschen nur eintreten für eine Friedensbewegung, die eine Beseitigung des durch die Friedensverträge entstandenen Unrechts zur Voraussetzung hat. Breslau. 15. X. 28. I. W o l f s o h n - Breslau. Sabbat — Frauen — und anderes Ernstes Herr Rabbiner Dr. Weiße hat in der jüngsten Nummer des Berliner jüdischen Gerüeindeblattes in einem Aufsatz: „Denken und Gedenken" den von uns schon oft gehörten Scch mit fetten Lettern drucken lassen: „Mit dem Sabbat steht und fällt das Judentum". Präziser ausgedrückt würde der Satz lauten: Mit der Heilig Haltung des Sabbats steht und fällt das Judentum; heißt es doch auch in dem betr. Bibolpassus: „Gsdenke des Sabbat, ihn zu heiligen." Wie steht es nun in Wirklichkeit mit der Heiligung des Sabbats? Besonders seit Einführung der obligatorischen Sonntagsruhe gehen die deutschen Juden mit verschwindender Ausnahme ihrem Berufe wie mn Werktag nach; die Synagogen zeigen am Sabbat eine gähnende Leere. Ist es da zu verwundern und nicht im Gegenteil im.höchsten Grade anerkennenswert, daß Männer von religiösem Sehnen erfüllt auf den Gedanken samen und auch in die Tat zrmfttzten, den Sabbat oder wenigstens die gottesdienstliche Sahbatseier auf den.bürgersichen Ruhehagzu verlegen, wo sie, losgelöst von den Geschäften des Alsiags, sich in innerer Sammlung derFeier hingeben konnten? Der .alle Satz: „Die Menschen sind nicht des Sabbats wegen da, sondern >et Sabbat der Menschen wegen", würde m. E. dieses Vorgehen stützen. Auch die Argumentation mit dem „Ehnkcrus h'agoj" ist hinfällig, dieses unsinnige Schlagwort, mit dem die Orthodoxie jede Neuerung bekämpfte (auch solche, die . sie später selbst an* nahmen: confer deutsche Predigt) sollte mau begraben. Bürde es nun, um mich ganz modern auszudrücken, zu einem Volksentscheid über die Verlegung des Sabbat-Tages komme«, so würde ich dagegen stimmen: einmal hält mich ein gewisses Jmponderabiie zurück, dann aber leitet mich die Ueberzeugung, daß es einen Weg gibt, auf dem man zu einer (wenn auch nicht ganz vollkommen) Wiederheiligung des alt-ehrwürdigen Sabbats kommen kann: durch die religiöse Wiedergeburt der jüdischen Frau (worüber ich schon vor einigen Wochen unter „in puncto dekorativ und ornamental" in diesem Blatte einig« Zeilen schrieb). Gelingt es uns, unser« Frauen der Religion wiederzugewinnen, dann wird der Freitagabend-Zauber unser Heim wieder verklären, dann werden sich unsere Gotteshäuser auch am Sabbat wieder füllen: denn so gut unsere Frauen am Sonnabend-Vormittag literarische und sonstige Borträge hören, mehr oder weniger dringliche Einkäufe in Kaufhäusern machen: ebenso können und werden sie auch eine Stunde für einen Gottesdienst aufbringen können, falls derselbe ihnen — und gerade ihnen — etwas gibt. Unerläßliche Voraussetzung ist allerdings völlige Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechtes (die schon im Jugendgottesdienst einzusetzen hätte); erste Stufe hierzu die Aufhebung der Trennung der Geschlechter im Gotteshaus«. Letzter« soll nun, wie ich mehrfach von gut informierter Seite hörte, in der neu zu erbauenden Synagoge in der Prinz-Regentenstraße auf großen Widerstand bei den Rechtsparteien (Zionisten, Konservative, retigttse Mittelpartei) stoßen. Mindestens 80 Prozent der Berliner Juden zahlen für Kascherfleischbesorgung, rituelles Bad u. a„ also für Institutionen, die für sie keinerlei religiöse Werterepräsentieren, bereitwillig einen Teil ihrer Steuern; sollte man da aus Gründen der Billigkeit nicht dieselba Toleranz unseren berechttgten Wünschen gegenüber erwarten dürft«? Ja, wird die Gegenpartei vielleicht einwenden: „es handelt sich hier um religiöse Prinzipien, an denen wir nicht rütteln lassen dürfen". Gut! dann wollen wir ihnen die Verantwortung für unser Seelenheil abnehmen: es muß (ein Vorschlag, der, soviel ich weiß, schon gemacht wurde) den Liberalen sowohl wie den Konservativen völlige Selbständigkeit in der Gestaltung ihres Kultus gewährt werden; keine Seite darf hier der anderen etwas dreinreden. Es bleibert ja noch genug Angelegenheiten (Soziales, Charitatives, Vertretung nach außen, Abwehr usw.) für eine gemeinsame Plattform. Scheitert.auch dieser Vorschlag an dem guten Willen der Gegenpartei, dqyn müßte man m. E. die Frage reiflich erwägen, ob es nicht ratsamer wäre, die Ehe friedlich-schiedlich zu lösen. Unter allen Umständen auf der Einheitsgemeinde zu bestehen, hieße eventuell: mit vereinten Kräften dem Untergang des deutschen Judentums zuzusteuern. Denn über eines dürfen wir uns keiner Täuschung hingeben: Einen nicht unbeträchtlichen Teil der deutschen Judenheit .hält nicht die Liebe zum Judentum, sondern die antisemitische Hochflut in unseren Reihen. Bei den eine« ist es das Gefühl des Anstandes, das, wie Ludwig Fulda einmal diesbezüglich sagte, das „Entweichen aus einer belagerten Festung" verbietet; hei den anderen ist es die nicht unbegründete Furcht, haß sie bei der heutigen Rassenschnüsfelei nach der Taufe dieselbe gesellschaftliche und sonstige Aechtung wie bisher erfahren, sich also zwischen zwei Stühle setzen würden. Nach früheren Erfahrungen zu schließen, wird die antisemitische Welle über kurz oder lang (wenn auch nicht für immer) ahebben. Ist es bis dahin dem deutschen Judentum nicht gelungen, „den alten Wein in neue Schläuche zu füllen", sp daß die Zugehörigkeit zu ihm der großen Mehrheit eine Sache des Herzens, nicht eine solche des Anstandes oder gar kühler Berechnung ist: dann wird eine Masftnslucht ays unseren Reihen einfttzen, der gegenüber die Austrittsbewegung zu Beginn des porigen Jahrhunderts nur ein Kinderspiel war. Ob der durch Mischehe, Geburtenrückgang u. a. ohnehin geschwächte Organismus einen derartig kräftigen Aderlaß überstehen wird: diese Frage müßte jeher, ob links oder rechts eingestellt, genau überprüfen, dem das Wohl des Judentums am Herzen liegt. San.-Rat Dr. Weiß, Berlin. Tolstoi u«d da» Judentum Sehr verehrte Redaktion! Der Schluß meines Aussatzes „Tolstoi und das Judentum" (Nr. 14) hat — wie mir einige Zuschriften aus dem Leserkreift beweisen — zu Mißverständnissen Anlaß gegeben. Ich möchte a«S diesem Grunde einiges llären, da es mir leider wegen Arbeitsüberlastung nicht möglich ist, jedem Einzelnen der geschätzten Lcftr persönlich zu antworten. Der Schlußsatz: „Man kann sagen, daß Tolstoi im Judentum diejenigen Werte fand, zu denen er sich selbst... als Dichter und Mensch durchgerungen hatte", will keineswegs behaupten, daß Tolstois Religiosität identisch mit der jüdischen Lehre ist; ebensowenig wie sie mit irgendeiner christlichen Konfession gleichzusetzcn ist. Vielmehr sollte auf den messianischen und prophetischen Gehalt der Tolstoischen Religiosität hingewiesen werden, der ebenfalls den Kern unseres Judentums bildet. Der alte Tolstoi sah in dem Streben des Einzelnen nach sittlicher Vervollkommnung und religiöser Erkenntnis die allmähliche Verwirklichung der Idee des Reiches Gottes auf Erden, eine Anschauung, die uns allen nahesteht und die vielleicht in den letzten Worten des sterbenden Tolstoi: Suchen, immer suchen, ihren erschütterndsten Ausdruck erhalten hat. Daß Tolstoi in vielen Punkten der christlichen Sittenlehre sehr nahe stand, sollte ebenfalls nicht bestritten werden; man muß aber bedenken, daß di« letzter« in vielen wesentlichen Teilen Allgemeingut des Prophetismus ist. Dagegen ist die Annahme einiger Leser, daß der alte Tolstoi den metaphysischen und dogmatischen Lehren des Christentums gehuldigt hat, nicht zutreffend, wie ein Einblick in seine religiösen Flugschriften leicht überzeugen kann. Ergebenst A. Kaplan, Hamburg. BUCHERSCHAU „Religiös-liberales Judentum", Predigt in der Neuen Synagoge zu Berlin anläßlich der Tagung des Weltverbandes für liberales Judentum am 18. August 1928, gehalten von Rabbiner Dr. Cäsar Seligmann, Frankfurt a. M. — J. Kauffmann-Verlag, Frankfurt a. M. Wie immer man sich zu der prinzipiellen Frage stellen mag, ob es opportun ist, die nur für's Hören bestimmte Predigt durch Drucklegung einem Lesepublikum zu unterbreiten, — in diesem besonderen Falle wird man. unstreitig begrüßen müssen, daß die anläßlich unserer Weltkonferenz gehaltene Festpredigt im Druck vorliegt. Wer . von der Jüdisch-liberalen Wehkonferenz ein objektives Bild haben will, wird sich nun nicht damit begnügen, die Referate und Diskussionsreden im Wortlaut zu besitzen, sondern er wird die Festpredigt mit unter die historischen Dokumente über die Tagung aufnehmen. — Da das Büchlein mit seinen 16 Oktavseiten nur eine Mark kostet, kann jedermann es sich verschaffen, und wir können hier auf eine eingehende Inhaltsangabe verzichten. Nur einige wichtige Einzelheiten sollen hervorgehoben werden. Seligmann weist die vielen Angriffe, die Verkennung und Verketzerung des Liberalen Judentums damit zurück, daß er sagt: „Wir sind liberale luden, weil wir es sein müssen. Nicht nach Laune und Willkür wählt sich der ernste Mensch seinen Standpunkt. Ob wir als Juden orthodox oder liberal oder zionistisch sind, hängt nicht von irgend einem Eigensinn ab, auch nicht von rein verstandesmäßigen Erwägungen, die meist erst hinterdrein kommen, sondern ist aufgenötigt durch das Gesetz unsres Seins. Wir sind nicht die unumschränkten Herren unsrer Entscheidung. Durch Geburt und Erziehung, Schicksal und Erichen, durch die seelische Atmosphäre, in die wir von der Vorsehung hineingestellt sind, durch angeborene und erworbene Eigenschaften, die unsem Willen, unsre Neigungen,