Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 43 (26.10.1928)
- Date
- 1928-10-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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unsem Charakter gebildet haben, sind wir geworden, wie wir sind und nicht anders werden konnten. Unsre Willensenri Scheidungen haben ihren Ursprung in tiefsten Abgründen unsres Seins, die unter der Schwelle unsres Bewußtseins liegen." Man kann diesen spinorist i sehen Gedankengängen zusammen und wird doch sagen müssen, daß sie nur eine Entschuldigung, eine Versicherung unserer, der liberalen Juden, subjektiven Gutgläubigkeit enthalten, nicht aber eine objektive philosophische Begründung und historische Rechtfertigung des Liberalen Judentums. Auf eine philosophische Begründung wird von vornherein verzichtet: „Wer hat den echten Ring? Wer will aufstehen und sprechen: ich allein habe die reine, volle, unbestreitbare Wahrheit? Wer wagt es, vor den Gott der Wahrheit hinzutreten und sich zu brüsten: mir hat sich Gott so deutlich, so sichtbar, so unzweifelhaft offenbart, daß meine Wahrheit unfehlbar ist?" — Nun, wir glauben, gehört zu haben, daß das orthodoxe Judentum dergleichen nicht nur zu behaupten wagt, sondern auch zu beweisen trachtet. Eine philosophische Begründung des Liberalen Judentums würde also keineswegs etwas Ungeheuerliches sein und ist ja auch in Werken von Cohen, Geiger, Montefiore u. a. mehrfach gegeben worden. — Die historische Rechtfertigung des Liberalen Judentums gibt Seligmann mit erfreulicher Prägnanz: „Nur das Aufkommen des liberalen Judentums als des großen Sammelbeckens der Hunderttausende, die vom überkommenen Judentum nicht befriedigt und nicht festgehalten werden konnten, hat den Massen des westeuropäischen und amerikanischen Judentums die Möglichkeit verliehen, Juden zu bleiben." — Seligmann nimmt in der Predigt auch zum Zionismus Stellung, den er in strikten, eindeutigen Worten ablehnt: „Wir wollen Juden bleiben mitten unter den Völkern, deren Länder wir nicht als Verbannung, sondern als Heimat erleben. Wir wollen den Weg m i t den Völkern gehen, unter denen wir leben, und nicht abseits von ihnen oder neben ihnen.... Wir bejahen die jüdische Wirklichkeit, so wie sie heute ist, in unsrer Zeit, in unsem Ländern, in uns, um uns." Das war ein herzerfrischender Ton, dem unsere Freunde aus England, Frankreich, Schweden, Polen, Ungarn und Amerika lebhaft zustimmten. George Goetz. jüdischer Kinderkalender, herausgegeben von Emil Bernhard Cohn, Jüdischer Verlag 1928/29. Es gefällt uns in diesem ersten Versuch manch gedichteter und gemalter Beitrag, und die Kinder lesen gern in dem ansprechend ausgestatteten Büchlein und sitzen nachdenklich über Bild und Rätsel. Zuweilen will sich die Spannung des Deuteaktes nicht zur Ruhe des Verstehens finden, weil keine Beziehung ins Thema hineinreicht. Der Herausgeber hat, diesen Sachverhalt ahnend, mit der Einfügung von Lösungen und Erklärungen nicht gespart. Sofern der Kalender berichtend unterhalten, und belehren will, sei ihm und seinem Schöpfer, der manches selbst schrieb, Lob gezollt. Das in Reim und Rhythmus Gefaßte entspricht nicht immer dem Könnensquantum eines soliden Gelegenheitsdichters. Mißt man Aufbau, Sinngehalt und Schwung im Geschehensablauf des Chanukahmärchens „Jomi mit dem Sack"' mit Entsprechendem älterer Stückchen, so ist ihm eine erheblich bessere Note zu erteilen: man wird das Bühnenspiel ohne die Furcht vor Uebelkeit genießen dürfen. Aber der vieraktige „Daniel in der Löwengrube" des Onkels Josua! Einen Hans Sachs mit seiner Freude an der Darstellung des derb Animalischen ertragen wir gern. Wenn dagegen der gute Onkel Josua die biblische Legende mißbrauchen darf, um Begleiterscheinungen des Essens und Trinkens, über deren Wert kein System der Aesthetik etwas zu sagen weiß, mit Behagen auszumalen, so belasten wir auch den Herausgeber mit dem Vorwurf der Geschmacklosigkeit. Weg von den Gestalten der heiligen, Schrift, wenn man den Drang zur Derbheit nicht unterdrücken mag! Hand auch ab von der biblischen Poesie, wenn Knittelverse geschmiedet werden müssen! „Der Elieser holt Rebekken, sie laßt am Krug ihn Wasser lecken." „Der arme Josef schreit und schnauft, weil man ihn leider ausverkauft." „Rebekka ihr am Bronnen seht, woselbst der Knecht im Sonnen brät." D i e Kunst ist selbst fatal, wenn nicht hätte die Bibel herhalten müssen, und wenn die Bebilderung geschmackvoller ausgefallen wäre. Wo blieben pädagogische Einsicht, Sinn für Schickliches, Gefühl für Wahrhaftigkeit, als Emil Simonsohn, der Autor, den abscheulichen Mauschelbrief des „Oberquartaners David Minsker" abfaßte und Emil Bernh. Cohn, der Herausgeber, das Manuskript dem Kalenderentwurf einfügte? Die Jugendschriftenkommission der Großloge für Deutschland U.O.B.B. hat fürwahr nicht gut auf Reinlichkeit gehalten, als sie ihr Placet erteilte; möge sie im nächsten Jahr besser auf der Hut sein! Nina Brodsky und Magda Nachman Ascharya gaben dem Buch weit schöneren Bildschmuck als ihr Kollege Anatol Goldberg, dessen Zeichnungen zu den Schüttelreimen geradezu abstoßend häßlich sind. Die feinsten Reize in Linie und Farbe zeigen die Kalendariumbilder der zuerstgenannten Malerin, der wir’s nicht vergeben können, daß sie sich dazu herabließ, dem oben genannten „Brief" ihre gute Kunst zu leihen. Wir können, es uns nicht verkneifen, aus ihren Bildern eines besonders zu erwähnen, weil es trotz der Bedeutung des Sujets und der malerisch glänzend gelungenen Anordnung von Mann und Baum zum Lachen reizt: das ist der Schofarbläser, der, keiner Tradition achtend, auf weiter Flur stehend, gewaltig ins gewaltige Horn bläst, während zwei Kinder, ebenfalb ohne traditionentsprechendes Verhalten zu ihm aufschauen. Die Musikeinlagen, die Arno Nadel ordnete und eine Reihe anderer üblicher Kalenderdinge runden das Ganze zu einem unterhaltsamen Buch, von dessen Wirkung ins Jüdische des Kindes freilich vorerst noch nicht zu viel erhofft werden darf, weil vielfach die Atmosphäre fehlt, in der sie zur Entfaltung kommen könnte. Dr. Siegfried Braun - Köln. Jüdische Idee und ihre Träger. Schriftenreihe der Jüdischen Rundschau. Unter diesem Titel ist Heft 1 einer Schriftenreihe erschienen, die im wesentlichem die anläßlich der Weltkonferenz des liberalen Judentums in der Jüdischen Rundschau veröffentlichten „Beiträge zur Frage des jüdischen Liberalismus und Nationalismus" enthält. Wir haben in dieser Zeitung wiederholt zum Ausdruck gebracht, weshalb wir den Standunkt der liberalen. Zionisten nicht zu teilen vermögen, und önnen in diesem Zusammenhang z. B. auf den in dieser Nummer veröffentlichten Aufsatz „Liberalismus und jüdische Gesellschaft" von Rabbiner Dr. Gottschalk verweisen, wodurch uns ein ausführliches Eingehen auf die jetzige Schrift erspart wird. Wenn Kurt Blumenfeld im Vorwort betont: j,Es kam uns darauf an, den Beweis zu erbringen, daß keine Anschauung über das Leben des Judentums zu lebendiger Wirkung gelangen kann, wenn sie nicht vom jüdischen Nationalgedanken ausgeht und wenn sie nicht, zu Ende gedacht, die Erneuerung jüdischen Volkslebens in Palästina erfordert", so zeigt doch andrerseits die Einseitigkeit bei der Auswahl der Mitarbeiter, daß eine wirkliche Klärung det Probleme von den Herausgebern garnicht beabsichtigt war, sondern daß sie lediglich von dem Wunsch nach einem geeigneten zionistischen, Propagandamittel m jüdisch-liberalen Kreisen geleitet wurden. Die religiös-liberalen Gegner des Zionismus, die Rabbiner Dres. Vogelstein-Breslau, Galliner- Berlin, Wolf-Dresden, Mattuck-London, Schulmaii-New York oder die Nichtrabbiner: Montefiore-London, Stern-Berlin, Li- Iienthal-Berün, Geiger-Frankfurt a. M., um nur einige * zu nennen, hat irtan vorsichtshalber mit ihren Gegenargumenten nicht zu Wort kommen lassen. B. W. Rebb Scheindel Vo» Paul Joachim Ollendorff-Barmen. (3. Portsetzung) 111. Es war im Sommer des Jahres 1288 und die Sonne glühte über die Pragerstadt. Die Nacht war keine Nacht ewesen und der Morgen kein Morgen. In gleißendem ichte lagen die Gassen da, die geschmückten Häuser mit Wimpeln und Fahnen und auf den Wegen trieb die Menge und harrte dem großen Ereignis entgegen, das endlich die Spannung der letzten Tage lösen sollte. Die Stunden zerrannen im Fluge. Es kamen Reisige mit Lanzen, an denen bunte Fähnlein flatterten. Wie ein Strom drängte das Volk unaufhaltsam nach. In einer abseits gelegenen Gasse aber ordnete sich jetzt der Zug, wie er befohlen war. Die Knaben, die Aeltesten, die Lehrer und Jünglinge, und als die Glocken anbuben zu singen und zu klingen, ging ein Zittern durch alles Volk. Und die Tore der alt-neu-Schul standen weit geöffnet und aus dem Inneren flutete das Licht der Kerzen. Und durch die Menge schritt Rebb Scheindel. Mühsam bahnte er sich einen Weg, er wußte, daß er ziel- und planlos durch die Gassen ging, daß es besser wäre, sich aufzustellen und zu warten bei den Freunden, aber es trieb ihn immer wieder weiter. Seine Augen und seine Sinne verlangten zu sehen und zu schauen. Die Menschenwoge riß ihn mit sich fort. Rebb Scheindel ließ sich fassen, er fühlte es wie Wollust über seiner Stirne und lächelte. Er sah auf sein Feiertagskleid, dachte an die Seinen, an Bela Benjamin, den Gesellen, der sich gestern aus der Werkstatt fortgeschlichen hatte, — er sprach mit vielen, nahm einen Strauß roter Blumen, den irgend eine Hand ihm gab, und streute sie wieder aus mitten auf den Weg, den der König nehmen sollte. Und während er dies alles tat, hämmerte sein Herz, alles schien ein Traum, der gleichsam zwischen Schlaf und Wachen über ihn gekommen war. Und Rebb Scheindel griff mit seinen Händen in die Luft, als müsse er den Schimmer und das Leuchten fassen. Aus dem Rathaus sah «r dann den Zug sich nahen. Wie die Männer lang- Zsam vorwärtsschritten, stockte ihm der Atem. Ein nie empfundenes Gefühl rüttelte an seine Seele. Eine heilige Namensnennung alles dessen, was geschah. Die ganze Stadt, die Gemeinde klammerte sich an diesen Tag wie ein einziger Arm und beugte sich unter seiner Glut. Das Volk Israel liebt nicht den Prunk, es grub aus seinem Herzen seinen Sehnsuchtswillen und zerrte seine Not ans Licht. Und wenn die Mauern sich mit bunten Wimpeln schmücken und die Menschen auf den Gassen schwirren und zusammenströmen, hüben und drüben — was war dann geschehen, wo blieb dann der Dämon Teufel, der die Welt zerrüttet und sein Gift streut auf das eine, das uns alle bindet? Rebb Scheindel taumelte, ein leichter Schwindel griff ihn an, er trat beiseite und mußte tiefer atmen. Wie betäubt ging er weiter. Mitgerissen, fortgezerrt, denn immer neue Massen drängten an und immer toller schwoll der Lärm. Jetzt dröhnten die Glocken und Fanfaren schmetterten, die Luft mischte sich mit Wirbeln von Staub und Dunst, Hufschlag hämmerte das Pflaster und das Volk schrie auf. Da kamen Reiter, prachtgekleidet und bahnten mit Gewalt sich einen Weg. Man mußte weichen und der Strom trieb zurück. In einer Seitengasse atmete Rebb Scheindel freier auf. War sein Feiertagskleid nicht schon zerzaust? Er rieb die Stirn. In dieser Ungebundenheit, in diesem Losgelöstsein lag ein Zauber. Nur nicht ihm ganz erliegen! Sich nicht umspinnen lassen wie ein Schmetterling, über den das Netz sich breitet. Rebb Scheindel folgte einer Schar von Kindern, die laut und lärmend vorüberhastete. Er sah, wie sie dann vor einem Hause hielten und die Fäuste drohend hoben. Und wie er näherging, schreckte er zusammen. Da lag Chaim Bendels Haus mitten zwischen den buntgezierten Häusern, starr und verlassen. Die Fenster verriegelt, die Türen verschlossen, gespenstig wie ein Schatten stach es mitten in das helle Licht. Rebb Scheindel taumelte zurück. Es war, als hätte ihn plötzlich eine Knochenfaust gepaket und wie im Fluge meilenweit hinausgerissen aus der Freude in die Oede. Er beugte seinen Nacken, aller Glanz und alles Leuchten um ihn her schien zu zerrinnen und zerstäuben. Gewaltsam riß er sich endlich los, schlich sich fort, und die Sonne schmerzte seine Augen. Menschenknäuel wälzten sich ihm entgegen. Immer lauter, immer lauter dröhnten nun die Glocken. Die Scharen . stauten sich wie eine Mauer und während alles harrte voller Ungeduld, sprengten in den Hof des königlichen Schlosses die Ritter und die Fürsten, glänzende Gewänder leuchteten, Funkelschwerter prunkten, und der Troß ordnete sich zum Zug. Der König stand in einem hohen Saal und blickte auf das bunte Bild. Irgend ein Gedanke schien ihn zu fesseln. Er wandte sich zurück und ging mit schnellen Schritten durch den Raum. An den Wänden brannten Spiegel. Die Decken strotzten von Gold und rankige Gewinde liefen um das Gebälk. Ein Page kam und reichte einen Becher Wein. Der König trank in schnellen Zügen, Röte deckte sich über seine Stirn, unruhig sah er auf. Ein Sonnenstrom von Myriaden Lichtern war in den Saal gefllossen, wie ein Gewebe spann es sich schillernd aus. Der König sah dem Flimmerspiele zu. Es lockte seine Gedanken ab, aber wie von einer unnennbaren Macht getrieben, begehrten sie immer wieder auf. Der König sprach, wie zu sich selbst: „Es ist und bleibt ein Abenteuer. Ich reite in die Judenstadt und irgendwer hat mich dazu getrieben. Der Kanzler war es! Was aber sind die Juden? Schon ihr Name ist eine Finsternis, sagte man mir nicht, diese Menschen müssen gerodet werden, wie der Schädling eines Ackers? Aber wieder auch — man sollte seine Hände halten über sie, denn sie seien emsig wie die Bienen und trügen herbei gleich Ameisen. Verzog der Kanzler nicht die Lippen und schloß die Augen seltsam, wenn er von geheimen Dingen und Rätseln sprach, pergamentenen Rollen, die das Gesetz enthielten uftd Edelsteine trügen und silberne Kronen? Und weiter dann, verhangene Fenster in den engen Gassen, noch edleren Schate verbergend — Menschenschätze, die wie urfremde Gewächse glühen?" Eine Siedehitze kroch in den Saal. Der König stampfte den Boden mit den Füßen, seine Stimme klang plötzlich hart und scharf. Laut rief er in den Vorsaal, stürzte herbei. „Den Kanzler", die Stimme des Königs klang heiser und die Lakaien jagten fort. Draußen aber ging ein Flüstern und ein Raunen, man hastete und suchte, Boten sprangen, der König wartete und seine Ungeduld stieg. Aber niemand fand den Kanzler. Tief im Palast verborgen, bei einem Gewirr von Stufen, Gängen und Kellern, lag ein Verließ. Armstarke Mauern gürteten es und Feuchtigkeit rieselte vom Gewölbe. Da stand ein Tisch roh gezimmert und vor ihm saß der Kanzler, und auf dem Tische stand ein Humpen Wein und ein praller Beutel Gold lag neben ihm. Des Kanzlers Augen glühten hämisch. Ein widerlicher Bursche hockte ihm gegenüber und griff gierig nach dem Geld. Seine Stimme flüsterte und der Kanzler nickte ,eifrig zu. Man sprach über den Ritt des Königs und die Blicke funkelten vor Haß. Grinsend steckte dann der Knecht das Geld in seine Tasche. Der Kanzler klopfte ihm auf die Schulter. „Zur Judenstadt", zischelte es, und durch versteckte Gänge über Gräben und Geröll ins Freie, nahm der Unhold seinen Weg. IV. Der König war zu Pferd gestiegen, die Rosse tänzelten und die. Trompeten klangen. Der Weg war eingesäumt mit einem Menschenwall. Man ritt langsam, und breit und behäbig sah der König den Kanzler neben sich. Vor dem Judentore schwoll das Tosen und das Rufen ins Unermeßliche, das Bild war überwältigend. Der König atmete tief, wie ein Rausch umwehte es seine Stirn. Nun war man in der Gasse. Ein wenig ebbte das Getöse ab, hier und da verstummte es ganz, und als sich dann der Zug der Aeltesten und Männer nahte, breitete sich ein tiefes Schweigen. Der König hielt. Er sah das Greisenantlitz und die aufgerichtete Gestalt des Rabbi Jonathan und ein Zauberbann schien plötzlich seinen Kreis um ihn zu ziehen. Unwillkürlich schärften sich seine Sinne und lauschend blickte er hernieder. Und Worte klangen an sein Ohr und der König suchte und wollte sie verstehen, sie riefen klar und rein zu ihm empor und seine Seele fühlte und vernahm sie. Einen Augenblick dünkte ihm, als versänke und verrausche alles um ihn her und nur er und der Rabbi ständen einsam auf der weiten Welt. Und als die Worte schwiegen, gab er Antwort, mit klarer starker Stimme sprach der König und wie er geendet überrauschte ihn ein neues dröhnendes Gebrause. Kaum vermochten jetzt die Knechte die Rosse zu bändigen, so erregten und zitterten sie. Der König aber war von seltsamen Gefühlen bewegt. Zwischen leuchtenden Gestirnen, zwischen Welten, die tausendfache Strahlen brannten mit undeutbarem Glühen um ihn buhlend, schien er zu schweben. War es um seine Gunst, um seinen Willen, um seine innersten Gedanken? Der König atmete mühsam, und während er nach allen Seiten grüßte, wogte es durch seine Brust. Sah er zum Kanzler, so beschlich ihn Hast und Unmut. Wenn die Blicke der Menge sich zu ihm brannten, fieberten seine Sinne. Dieses Beben hatte er nie empfundenn. Etwas, was in seine Welt hinüberdrang mit einer unerhörten Nacktheit, eine grelle Wirklichkeit, ein Widerspiel, in das er selbst hineingerissen, stumm, ohne jedes Wort, nur durch den bloßen Augenblick und Anblick aufbeschworen. Der Zug staute sich, dann ging es wieder vorwärts, aber der König merkte nichts von allem. Seine Gedanken waren abgelenkt und fanden immer neue Bilder und Gesichte. Da färbte sich der Himmel rot, gelbe Blitze wüteten, Menschen schlugen ihre Brüder und beugten sich herab — da stand ein funkelnder Palast, auf dem Rücken derer, die im Staube starrten. Der König ballte seine Faust, er riß den Zügel fester. „Wenn ich ein Volk befreite", sprach er wie zu sich selbst, „eine ganze Welt aus ihrem Moder höbe?" Er atmete schnell, ein heißer Strom durchglühte ihn, er hob sich im Sattel, ihm war, als müsse er sich erheben, aufwärts richten und seine Arme breiten, wie zu einer neuen Tat, zu einem namenlosen Werk. In diesem Augenblicke hielt der Zug. Gesang hallte und man schien am Ziel. Ueberall in jedem Winkel drängten sich die Menschen und der König hörte den Gesang, fremdartig und schwingend. Unruhe schien alle zu erfassen. Jn der Ferne durch ein weites Tor schimmerte ein unerhörter Glanz. Der König dachte, nun werden sie das Allerheiligste bringen, die Kostbarkeiten, das Verborgene, eingehüllt in Purpur und in Seide, von Menschenhand getragen. Weit öffnete er die Augen, langsam, Schritt um Schritt, kam es näher. Und in diesem Augenblick, als alle fiebernd spannten, als nichts wie Singen und das Schwingen die Luft erfülltein diesem Augenblick geschah das Ungeheuerliche. Mit einem Male gellte ein Schrei. Ein Zischen zerriß die Luft und der König schrie auf. Aus einem Hause, einem Fenster, von irgend einer Mauer prasselte ein Stein, dann noch ein Wurf und wieder Steine. Die Rosse bäumten sich, die Knechte rissen an den Zügeln, ein Aufschrei, ein Entsetzen und eine Wolke voller Staub und Dunst quoll auf. Der König tastete an seine Stirn und fühlte Blut, es flimmerte vor seinen Augen, er sah noch, wie der Kanzler den Zügel seines Pferdes packte und ihn mit sich riß und alles rückwärts jagte. Die Pferde scheuten, der vollgepfropfte Weg ist wie ein Strudel. Fallende ächzen unter den Hufen, Fluchen, Brüllen, Blutende schleppen sich weiter. Wie ein Wettersturz herniederbricht, so rast es auf die Judenstadt herab. Im Fliehen schreit der Kanzler ein Fluchwort nieder. Die Menge hörte es und nimmt es auf, es wälzt sie fort mit Raseschnelle, Tod und Verderben brüllt es aui und tausend Fäuste ballen sich empor. Einer Ohnmacht nahe, kam der König heim, fahl und erdig war sein Gesicht, das Prachtgewand zerfetzt, Schweiß stand über seiner Stirn. Der König sprach irre Worte und die Aerzte wuschen seine Wunden mit Essenzen, und man bettete ihn auf einen Sessel, schlaff fiel sein Haupt auf seine Brust. Vor dem Palaste aber schrie das Volk. Der Kanzler rief, *nian müsse die Judenbrut vertilgen und der König hörte es und nickte, Feuer und Schwert solle sie erschlagen und der König nickte. Und die Herolde sprengten aus und schlugen an das Tor der Judenmauer und verkündeten die Befehle des Kanzlers und des Fürsten. (Fortsetzung folgt)