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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-10-26 · 43 (26.10.1928) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
43 (26.10.1928)
Date
1928-10-26
Page
– (sequence 5)
Language
German
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s. Jahrgang Nummer 4) IMchÄerakuMM Beilage ' 26. Oktober 1S2S Amschau Colonel Wedgwood halt gegenwärtig in Veranstaltungen der zionistischen Organisationen Deutschlands Ansprachen, in denen wieder einmal die Mitarbeit aller Juden am Palästinawerk gefordert wird. Wir haben in diesen Blattern so oft betont, weshalb nach unserer Auffassung der deutsche, religiösliberale Jude das Nationaljudentum und dessen Bestrebungen in Palästina ablehnen muß, daß der ja nicht gerade neue Appell uns zu erneuter Stellungnahme keinen Anlaß bietet. Zumal im gegenwärtigen Zeitpunkt, in dem die Praxis zeigt, wie recht bei den theoretischen Erörterungen etwa vor zwanzig Jahren die Nichtzionisten hatten, die die Pläne der Zionisten als Utopie werteten. Daß Palästina kein „Land ohne Volk", haben ja erst wieder die jüngsten Vorgänge an der Klagemauer gezeigt; daß Palästina kein Weg zur Linderung der Ostjudennot, beweist ein Blick aus die Ein- und Auswanderungszissern; daß man ein Kulturzentrum nicht „schassen" kann, belegt die kurze aber inhaltreiche Geschichte der Jerusalemer Universität, und daß man einen „Judenftaat" nicht schassen wird, das gewährleisten neben den Bevölkerungsverhältnissen in Palästina und der Kolonialpolitik Englands auch die Finanzen der zionistischen Organisation. Was vom Zionismus da bleibt? Man möchte hoffen, daß der von Zionisten unzweifelhaft geförderte Stolz auf das Jude sein bleibt. Das Verhalten der deutschen Zionisten im Fall Wedgwood macht allerdings befürchten, daß auch diese Hoffnung für die Zionisten aufgegeben werden muß. Wir wollen garnicht von Begleiterscheinungen dieser Bortragsreise sprechen, nur von dem Umstand, daß man Herrn Wedgwood vor den deutschen Juden die Werbetrommel schlagen läßt, sei die Rede. Vor zehn Jahren formulierte Weizmann die stolze Forderung: „Palästina den Juden wie England den Engländern." Und heute nun ist zionistischer Redner Colonel Wedgwood, der bekannte englische Parlamentarier, der erst vor kurzem unter dem Titel „Das siebente Dominium" ein Buch veröffentlichte, in dem er die Frage aufwirft: Soll England das jüdische Palästina aufbauen auf die Gefahr hin, daß dieses mit seiner Hilfe geschaffene Gebilde von dritter Seite benutzt werden kann, um England in seinen Stellungen in Asien und Afrika zu bedrohen? Wie kann eine Garantie geschaffen werden, daß dieses jüdische Palästina, auf einem für das britische Reich so lebenswichtigen Punkte gelegen, nicht in den Dienst der Feinde gerät oder sich in diesen Dienst begibt? Wedgwood beantwortet die Fragen: Palästina muß ein Bestandteil des britischen Reiches werden, ein Tellstaat des britischen Imperium, das siebente Dominium. Es ist selbstverständlich in zionistischen Kreisen bekannt, daß Colonel Wedgwood, ehemaliger großbritannischer Minister und Mitglied des Unterhauses, die Auffassung vertritt, Palästina bei Ablauf der Mandatsperiode vom Mandatsland des Völkerbundes in ein britisches Dominium zu verwandeln. Trotzdem lassen sie ihn sprechm. Und wagen noch nicht einmal, in den Versammlungen oder in der Jüdischen Rundschau seinen Plänen entgegenzutveten. Und sammeln nach den Vorträgen Geld von jüdischen Deutschen für ihr Werk in Palästina, das nach den Wünschen des Vortragenden ein Teilstaat des britischen Imperiums werden soll. In der ersten Berliner Kundgckmng, bei der Wedgwood sprach, veranstaltet vom Keren Hajessod, ließ Wedgwood von seinen wahren Absichten noch nichts durchblicken. In der zweiten Versammlung im Lehrervereinshaus, veranstaltet von der Berliner Zionistischen Bereinigung, war die Schüchternheit schon ein wenig überwunden. Wir zitieren nach der Rundschau: „Redner bespricht dann ausführlich die Beziehungen zwischen jüdischem und englischem Geist, die er für sehr verwandt hält. Er Littet die zionistische Welt, die Idee einer dauernden engen Verbindung der beiden Völker nicht zu verwerfen. Palästina soll ein jüdisches Nationalheim werden, aber gleichzeitig ein Bestandteil des britischen Weltreiches, das sich in einen Bund freier Völker verwandeln wird." Am gleichen Tage fand für zionistisch-revisionistische Führer ein Tee statt, über den ein Communique folgendes ausplaudert: „Colonel Wedgwood hielt eine Ansprache, in der er die politischen Ideen' entwickelte, welche er in seinem bekannten Buch „The seventh Dominion" niedergelegt hat. Eine Aussprache schloß sich an. Die Gckmnkengänge Colonel Wedgwoods berühren sich sehr eng mit den Forderungen des Revisionismus, und die Mehrzahl der Revisionisten sympathisiert offenbar mit dem Projekt Colonel Wedgwoods, Palästina der Ablauf der Mandatsperiode in ein jüdisches Dominion zu verwandeln, das, mit den anderen Dominions gleichberechtigt, einen Teil des britischen Imperiums bilden soll. Eine offizielle Stellungnahme der revisionistischen Partei zu dieser Frage wird voraussichtlich auf der im Dezember d. I. in Wien stattftndenden revisionistischen Konserenz ersolgen." Und schließlich sei noch erwähnt, daß Wedgwood auf einer Landeskonferenz der Poale Zion in Deutschland aussührte: „Es wird vielleicht lange dauern, bis eine jüdische Mehrheit in Palästina zustandekommt und bis der jüdische Staat geschaffen wird. Solange aber die Juden in der Minderheit firtb, müssen wir dafür sorgen, daß in Palästina kein Parlament entsteht." Wir haben den Zionismus als jüdische Bewegung aus jüdischen Gedankengängen heraus abgelehnt. Der Zionismus -mg seinen Weg. Die Praxis mußte auch die Zionisten betören, daß es ein Irrweg war. Doch die Zionillen wandern den Irrweg weiter. Und es stört sie schon nicht mehr, daß der Colonel Wedgwood fie führt. Zum RitualmordmLrchen in Amerika. Der Gouverneur des Staates New York, Alfred E. Smith, der demokratische Präsidentschaftskandidat, richtete im Hinblick auf die Rllualmordaffaire in Mafsena im Staate New York, über die wir in Nr. 41 berichteten, an den Präsidenten des American Jewish Congreß, Dr. Stephan S. Mise, ein Schreiben, in welchem es u. a. heißt: Als Gouverneur des Staates New York vermag ich nicht zu glauben, daß die Fabel vom Blutverbrauch der Juden auch nur einen Augenblick von "irgend jemand, der im Dienste des Staates oder in irgend einem Zivildienste steht, ernst genommen werden könnte. Es rst mir darum unfaßtich, wie der Bürgermeister von Mass«ma und ein PolizeisoLat einen Rabbiner an einem religiösen Festtag im Zusammenhang mit der absurden Ritualmordverdächttgung nach der Polizeistation hätten laden können. Cs ist mir ein Bedürfnis, Ihnen die Besicherung zu geben, daß ich als der Gouverneur des Staates New York darauf achten werde, daß die Angelegenheit gründlich untersucht wird. Eine Zentralstelle für internationale jüdische Konfefsionsstatistik. Die Statistik begleitet den Menschen von der Wiege bis zum Grabe. Man kann sie kaum noch aus dem Leben hinwegdenken. Eine fühlbare Lücke würde dann entstehen. Nicht allein die Bevölkerungsvorgänge werden ständig zwecks Information über Kommen und Gehen der Geschlechter zahlenmäßig registriert, sondern die gesamte Volkswirtschaft kann mit Hllfe der Zahl dem Verständnis nahegebracht werden. Daß sogar Religionsgemeinschaften wie die Evangelischen und Katholischen in Deutschland für ihre Zwecke eigene statistische Büros, unabhängig von der Landes- und Städtestatistik, unterhalten, ist bekannt. Die Juden besitzen in New York ein statistisches Büro. Es ist aber nur für amerikanische Zwecke zngeschnitten. Ihm kommt kaum eine internationale Bedeutung zu. Früher existierte in Berlin eine solche Stätte. Sie ist lttder eingegangen. Wer sich also mit jüdischer Konfesfionsstatistik. beschäftigen will, steht vor einem Nichts. Man muß, um sich zu informieren, nicht allein die ständrg erscheinenden Schriften über das gewünschte Gebiet untersuchen, sondern auch diese Tätigkeit auf Jahrzehnte zurück allsüben. Was dies in der Statistik bedeutet, bedarf wohl keiner weiteren Erörterung. Und doch wäre es so einfach, wenn man eine fachkundige Persönlichkeit damit betreuen würde, eine Sammelstelle ins Lüben zu rufen, die alles interessierende Material, das auf zahlenmäßiger Basis erscheint, zusammenträgt. Es sei, um nur einige Beispiele anzuführen, auf die jüdische Wanderbewegung verwiesen, die von weitreichendster Bedeutung für die Gesamtjudenheit ist. Oder aus die Bevölkerungsvorgänge der einzelnen Länder. Es scheint, als ob einst fruchtbare Zweige jüdischen Lebens durch Mangel an Nachkommenschaft zum Untergang verurteilt sind. Genaue Aufklärung ist nur möglich, wenn einwandfreies und vor allem genügend '*0$ umfangreiches Material aus den einzelnen Ländern gesam- 5 melt wird. Die Beispiele können leicht verzehnfacht werden. Die zwei angeführten dürften genügen, um zu zeigen, wie notwendig eine derartige Zentralstelle ist. Ihre Einrichtung verursacht nur geringfügige Mittel. Eine einzige fachkundige Persönlichkeit, die naturgemäß auf jahrelange Spezialtättgkeit auf diesem Gebiet der jMschen Konfessionsstattstik zurückblicken muß, könnte die gestellte Aufgabe erfüllen. Sie könnte gleichzeitig auch das Büro für Statistik bei der Jüdischen Gemeinde in Berlin leiten. Mit einer einzigen Hilfskraft kann der kundige Statistiker erfolgversprechend die stattstischen Untersuchungen der Jüdischen Gemeinde in Berlin vornehmen, gleichzeitig der Sammelstelle für internationale jüdische Konfessionsstattstik vorstehen. Mögen diese Ausführungen dazu beitragen, der geäußerten Anregung Wirklichkeit zu verleihen. der Haggadah angefchlosfen ist. Er weist auf die Deutung Dr. Gnggenheims hin, der darin ein mittelalterliches, ursprünglich deutsches Volkslied sieht, und meint, für ein solches scheinen es auch die Sammler voll „Des Knaben Wunderhorn" gehalten zu haben, in dessen dritten Teil es aufgonommen ist. Prof. Grimme meint jedoch, daß das deuffche Volkslied eher von dem „Chad Gadjah" abstainmt. Er schreibt: „Es gibt ein Kettenlied, daß in Nordwestdeutschland, vor allem in Münster, bei der „Lambertusfeier" der Kinder viel gesungen wird, und das nach dem Anfang „Der Herr schickt den Jäger aus — Der sollt die Birnen schmeißen" ganz wie in dem jMschen Liede, nur in umgekehrter Reihenfolge, Stock, Feuer, Wasser, Ochsen, Metzger, endlich den Teufel auftreten läßt. Das jüdische Lied kann nicht aus dem deutschen entstanden fein, wohl aber das deutsche aus dem jüdischen, und zwar wird sein Schluß „Der Herrgott schächtete den Todesengel, der geschächtet den Schlächter, der geschächtet den Ochsen usw.", unter Verdrehung von „schächtete" in „schickte", von „Herrgott" in „Herrn", von „Todesengel" in „Teufel" die Motive zu einem neuen Liede gegeben haben. Das Zicklein, das der Vater gekauft, wird das jüdische Osterlamm sein; wenn das deutsche Lied diesen Hauptzug des jMschen nicht hat und NeLmsächliches zur Hauptsache macht, so spricht das für Alter und Priorität des jüdischen und spätere Entstehung des deutschen Liedes. Der Gedanke einer Entlehnung aus jüdischer Quelle liegt um so näher, als noch ein anderes Hauptlick) der Lambertusfeier im „Zahlenlied" der Pessachfeier wurzelt und nur im christlich gefärbten Inhalt der Zahlengruppen von jenem abweicht. So sieht man, wie dre jüdische Pessach-Haggadah schon im Mittelaller die Augen der Christen auf sich gezogen und mit gewissen naiv-kindlichen Einzelheiten zur Nachahmung gereizt hat. Möge auch der gedankenreichen Offenbacher Haggadah beschick)en fein, wie von jüdischer Seite so auch von christlicher Seite beachtet und in ihrer versöhnlichen Tendenz verstanden zu werden." An der Klagemauer. Wiederum sind Juden an der Klagemauer von Arabern mißhandelt wockren. Am vergangenen Sonnabend, 6 Uhr morgens, als sich die ersten jüdischen Andächtigen vor der Klagemauer zum Gottesdienst einfanden, erschien eine Gruppe Araber und forderte die Juden auf, Stühle und andere an der Mauer befindliche Gegenstände zu entfernen. Als die Juden sich weigerten, der Außi forderung Folge zu leisten, fielen die Araber über sie her und verprügelten sie. Ein Jude namens Jsaac Misrachi wurde so schwer mit einer Eisenftange geschlagen, daß er schwere Kopfwunden davontrug. Zwei der angreifenden Araber wurden verhaftet und vom Gericht sofort zu je sechs Mo^ naten Gefängnis verurteilt. Sie legten gegen das Urteil Berufung ein. Wie die JMsche Telegraphen-Agentur aus Jerusalem meldet, will man dort wissen, daß das kleine Gebäude, welches die Moslemiten in den letzten Tagen auf der Klagemauer errichtet, haben, als Basis für ein lleines Minarett dienen soll. Ferner heißt es, die Moslemiten beabsichtigen, den Zugang zur Klagemauer durch ein Eisengitter und Tor zu versperren und den Juden nur zu gewissen Stunden den Zutrüt zur Mauer zwecks Andacht zu gestatten. Tie Vorkommnisse zeigen erneut, daß die Araber mit rücksichtsloser Brutalität gegen die beleben Juden an der Klagemauer Vorgehen und daß die englischen Behörden in Palästina zumindest ihrem Vorgehen nicht Einhalt gebieten. An diesen Verhältnissen ist durch die zahlreichen Proteste von jüdischen Organisationen aus allen Tellen der Welt, die an die englische Regierung und an den Völkerbund gerichtet wurden, sowie durch den Fasttag, den die Juden in Palästina begingen, nichts geänbcxt worden. Stiftung eines Lehrstuhls für jüdische Geschichte und Literatur an der Columbia-Universität. Frau Nathan Miller, eine Jüdin, hat eine Stiftung in Höhe von 250000 Dollar ans eigenen Mitteln zwecks Errichtung eines Lehrstuhls für jüdische Geschichte und Literatur an der Columbia-Universität zu New York gemacht. Die Marfhall-Konferenz. In der vergangenen Woche fand in New York die erste große Konserenz der amerikcvt nffchen Nichtzionisten statt, die über die Erweiterung der im Palästina-Mandat vorgesehenen Jewish Agency beraten sollte. In der Konferenz, über die vorerst nur zionistische Berichte vorliegen, wurde einmütig die folgende Entschließung Angenommen: Der Bericht der Joint Palesttne Survey Commission, die in London getagt hat und einen Plan und ein Budget der Aufbauarbeit in Palästina für eine Reihe von Jahren ausgestellt hat, wird als Grundlage einer weiteren Aktion der amerikanischen Nichtzionisten angesehen. Sollten jedoch etwa eintretende geänderte Verhältnisse eine Abänderung des Planes notwendig machen, so wird der erweiterten Jewish Agency empfohlen, Abänderungen bzw. Ergänzungen der Aus baupläne vorzunehmen, und zwar in einer Art und Weise, die die Jewish Agency als für die wirtschaftliche, geistige und kulturelle Entwicklung Palästinas am besten erachtet. Ir: der Resolution wird vorausgesetzt,, daß die Bildung der Jewisb Agency sehr schnell fortschreiten wird, sobald die in verschiedenen europäischen Ländern geplanten Jewish Agency-Beratungen stattgefunden haben werden. Der Ursprung von „Chad Gadjah". Prof. H. Grimme, Münster, widmet der vor kurzem neu herausgegebenen „Offenbacher Haggadah" einen Aufsatz und befaßt sich zum Schluß mit dem „Kettenlied" vom „Zicklein" („Chad Gadjah"), das Liberalismus und jüdische Gesellschaft Rach et« Nachwort. Von Rabbiner Dr. Gottschalk, Frankfurt r. M. Die Ausführungen des geschätzten Kollegen Wiener sind so scharf formuliert, daß sie Beunruhigung und Verwirrung zu stiften geeignet sind und nicht zuletzt dazu angetan, die — nach der Tagung — eben mächtig gestärkte Arbeitsfreudigkeit wieder zu lähmen und zu unterbinden. Alle nicht in Wieners Sinn begonnene religiös-liberale Tätigkeit ist ja nach seiner festen Ueberzeugung zur Hoffnungslosigkeit verurteilt. Also bekehren wir uns, oder liquidieren wir, wobei ja dann wohl die geschätzte Kollegenschaft nicht ausgenommen ist. Es erinnert das etwas an York-Steiners Formulierung in seinem letzten großen Buch, daß kein Rabbiner es heute „wagen" dürfe, „gegen den Zionismus zu protestieren". (Voran geht — nebenbei bemerkt — bei Steiner die etwas rätselhafte Feststellung: „Die Rabbinen, die zur Bewegung hielten, kommen zu Ehren." Wer teilt diese zionistischen Ehren aus? Und gegen welche zionistische Instanz darf man nicht „wagen", zu protestieren?) Mir will nur scheinen, daß sich Wiener in mehrfacher Hinsicht irrt. Zur Entstehung religiöser Kraft ist die Gemeinschaft tatsächlich unnötig. Abraham war bekanntlich jüdisch-religiös — nach der Bibel jedenfalls — vor einer umfassenden jüdischen Gesellschaft, und Mose hat doch wohl — nach der Bibel — diese Gesellschaft überhaupt erst geschaffen. Die Propheten waren religiös, nicht weil sie in ihrer jüdischen Gesellschaft lebten, sondern trotzdem sie in einer von ihnen wohl geliebten, aber immer und immer als unreligiös, als unjüdisch im tiefstem Sinn bekämpften jüdischen Umgebung lebten. Und die großen Liberalen des letzten Jahrhunderts waren wiederum ganz tief religiös, wiederum ganz tief jüdisch, trotzdem sie so-» gar in einer nicht mehr umfassenden, nicht mehr bloß in jüdischer Gesellschaft lebten. Darf man Wiener daran erinnern, daß er selbst Cohen, auf der Tagung, gegenüber Lehmann einen „bodenständigen Juden" genannt hat? Und darf man fragen, wie Wiener einen Buber erklärt? Es ist in der Tat nrcht bloß 'eine Irreführung, es ist — ich spreche ganz sachlich, aber wenso entschieden wie Wiener — meiner Meinung nach eine Veräußerlichung der religiösen Grundkraft, wenn man sie an bestimmte Orte, an bestimmte Massen von Menschen, an bestimmte äußerliche Vorgänge und Erlckmiffe knüpft, die bestenfalls mit dem religiösen Genie das gemein haben, daß sie derselben Stammessphäre angehören, in unserem Falle der jüdischen. Was wäre das für eine Vorstellung von Entstehung religiösen, künstlerischen, dichterischen, wissenschaftlichen (technischen, philosophischen^ Fühlens, Wollens, Denkens und entsprechenden Leistungen, die so Aeußerlichstes und Innerlichstes miteinander verknüpft? Und will man den Märtyrersinn der Vorfahren etwa auch nur aus ihrem Ghettodasein erklären, will man ihn bezweifeln, wenn diese Juden „emanzipiert" und „assimiliert" gewesen wären? Welche eine Schwäche dann der Ueberzeugung, welch eine Oberflächlichkeit in allem Religiösen. Gewiß — die s o jüdisch gewesen, so schwach, so äußerlich, oberflächlich, sie gingen verloren oder, wenn sie blichen, haben sie keine Saatkörner d er Zukunft aus gestreut. Ich! sprach von Einzelnen und doch auch schon von der Masse als „Vorfahren". Denn man könnte den Einzelnen gegenüber leicht einwenden, Genie setzt sich immer durch, aber, und das ist ja Wieners These, auf ein paar Individuen kommt es doch nicht an. Wirklich — als wenn es nicht nur auf sie ankommt. Als wenn jemals die Menschhell dahin gekommen wäre, wo sie heute steht, wenn nicht Individuen sie dahin gebracht. Die Masse, sie lebt ja doch erst von ihnen, nur von ihnen, nur durch sie. Und nichts verkehrter darum, als über die Wenigen zu klagen, die vielleicht in Synagogen, vielleicht in Logen, vielleicht in Vereine und Versammlmrgen jeweils kommen. Nichts bedauerlicher, wenn selbst religiöse „Führer" sich dem deutlichen und lebhaften Verlangen einiger nach religiöser Führung, religiöser Belehrung, religiöse? Einwirkung durch irgendwelchen Gottesdienst, mit der geradezu kläglichen Begründung verschließen, die nicht bloß jeden Vetantwortungsgefühls entbehrt, sondern vor allem eben der Einsicht in die psychologischen Voraussetzungen jeder i

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