Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 8 (1928)
- Issue
- 43 (26.10.1928)
- Date
- 1928-10-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Untaten und zur Schaffung einer würdigeren geistigen Atmosphäre aufgerufen wird. * Ob die Versammlung einen praktischen Erfolg zeigen wird? Sicher ist, daß in gesitteten Menschen das Gefühl für die Unsittlichkeit des Antisemitismus, zumindest dieses Antisemitismus, gestärkt worden ist. Nachdem die Kundgebung chnen das bisher nur Gefühlte deutlich veranschaulicht hat, treten sie den jetzigen traurigen Zuständen bewußt und aktiv entgegen. Das zeigt u. a. der Entrüstungsschrei der * Frau ReichBtagsabgeordneten Dr. Marie-Elisabeth Lüders, den wir am Fuße dieses Berichts zum Abdruck bringen. — Aber die „Antisemiten"? Es scheint nicht, daß sie irgendwelchen Belehrungen zugänglich sind. So drucken mehrere völkische Blätter, darunter der „Hammer" des Herrn Fritsch, einen Auszug aus einem Artikel des katholischen Pfarrers (!) Wilhelm Senn aus Flehingen in Baden ab, der im Anschluß an Walter von Molos „Tollwut" überschriebenen Aufruf unter dem Titel „Der Boykott des Schweigens in der Judenfrage" geschrieben wurde, und in dem es u. a. heißt: „Einen breiten Raum nehmen in der C. B. Z. die Hinweise auf Schändungen jüdischer Friedhöfe ein. Wenn irgendwo ein paar dumme Flegel einige jüdische Grabsteine umwerfen, dann wird in ganz Deutschland Zeter und Mordio geschrien, dann werden Photographien davon in ganz Deutschland gezeigt und Sympathien zu ergattern gesucht für das arme verfolgte Judentum. Wenn aber der jüdische Bluthund S i n o w j e w oder der jüdische Bluthund Bela Kun Zehntausende von Christen, oft auf die entsetzlichste Weise, hinschlachten; wenn die Brüder Barmat, wenn ein Jakob Michael, der „König der Deflation" in Deutschland, wenn ein B o s e l und C a st i g l i o n i in Oesterreich aus einem in Todeszuckungen sich windenden Bolkskörper Dutzende Millionen hcraussaugen und damit Tausende dem Hungertod und Hunderttausende einem elenden Leben überliefern — dann begegnet man auf dieser Seite nur dem eisigen Komplott des Schweigens." Wenn derartiges ein Pfarrer schreiben kann, was haben wir dann von anderen „Völkischen" zu erwarten?! — Nichtsdestoweniger und trotz aller traurigen Erfahrungen: Wir vertrauen aui den guten Kern unseres deutschen Volkes; und wir erblicken einen vielversprechenden Fortschritt darin, daß — im Gegensatz zu früheren Zeiten — die Regierung des Reiches sich offiziell und aktiv unserm berechtigten Protest anschließt. Wir lassen nun den im vorstehenden Bericht erwähnten Aufruf der Frau Dr. Marie-Elisabeth Lüders, M. d. R., erstmalig veröffentlicht in der „Vossischen Zeitung" Nr. 252 vom 21. Oktober, folgen: Hyänen! Bon Dr. Marie-Elisabeth Lüders, Mitglied des Reichstags. Zweiundsechzig jüdische Friedhöfe geschändet — 650 Grabftätten demoliert — Leichenhallen besudelt — Gotteshäuser und Gräber beraubt — Altargerät zerschlagen und gestohlen — selbst vor der Ruhestätte unschuldiger Kinder nicht Halt gemacht. — Entsetzen und Scham schüttelt jeden, der mit jenen menschlichen Bestien durch die Taufe in einer Kirchengemeinschast vereint ist. — Alle Gegenden Deutschlands (und Gott sei geklagt, daß es Deutschland ist), die Angehörigen aller Stämme, aller .Klassen und Stände, jeden Alters teilen sich in diese grauenvolle Schmach. Hakenkreuzler, Schlageterbündler, Stahlhelmer, Gymnasiasten, Volksschüler und — junge Mädchen teilen sich in den ellen Ruhm dieser viehischen Taten. In einzelnen Fällen sind 50, ja 60, ja mehr als 90 Grabsteine umgestürzt und zum Teil zertrümmert worden. Stundenlange Arbeit hat man darauf verwendet, um Denkmäler von vielen Zentnern Gewicht mit seinen ehrlosen, feigen Händen umzuwcrfen. Selbst Kriegerdenkmäler mußten dieser rohen Gewalt weichen und ihre Kränze der Raub tollwütiger Verhöhner jeden Restes christlicher Lehre und Gesinnung werden. 'Nachdem-man an einem hohen Festtag auf den Kindergräbern die' Grabplatten zerbrochen hatte, zertrampelte man die Blumenbeete der kleinen Toten. Das war nicht zu Neros Zeiten, es war auch nicht im ketzerverfolgenden Mittelalter — cs war in der Zeit vom Jahre 1924 bis heute! — Es geschah auch nicht bei Yen Wilden — es geschah in - Deutschland. Die Täter waren auch keine entlaufenen Wahnsinnigen, sie waren gesunde; Wtbürger. Es waren auch keine fanatischen Heiden, es waren — so sagt ihr Taufschein — Christen! Christen — Deutsche - Männer — Frauen — verhöhnen den, auf dessen Namen sie getauft sind — besudeln den Ruf ihres Vaterlandes, machen ihr Geschlecht verächtlich. Wohin soll man sich wenden, um solcher Schande zu entfliehen? Heue Waffen in allen Kämpfen Jüdische Literatur um Constantin Brunner. Von George Goetz. Bon Allem Wort und Werk, welches der Philosoph Constantin Brunner in die Allgemeinheit der Menschen hinausgesprochen hat, um die des Geistes Fähigen zu treffen und zu erwecken, hat er drei Worte besonders zu den Juden gesprochen: das Wort vom Judenhaß, dem „Antisemitismus"; das Wort vom Judenirrtum, dem Zionismus; das Wort vom wesenhaften Gehalt und Kern des Judentums, der Mystik. Was Brunner über die Mystik als das Wesenhafte und Eigentliche des Judentums geschrieben hat, dürfte wohl nur sehr allmählich unter den Juden zu allgemeinerer Anerkennung gelangen; es ist allzu „n e u", ist dies um so mehr, als es anknüpft an jenen in der Gesamtmenschheit berühmtesten Annahme von Bestellungen auf die Jüdisch-liberale Zeitung bei allen Postämtern Deutschlands und abergläubisch vergötterten Juden, von dem Brunner sagt, die Christen hätten ihn uns gestohlen und wir Juden hätten törichterweise chn, den uns Gehörenden, uns stehlen lassen. Auf rasche Gefolgschaft der Juden in diesem Punkte hat Brunner nie gerechnet; von der Juden ablehnender Haltung ihm gegenüber schrieb er: „Am entsetzlichsten war, daß ich von Christus ihnen sprach, — sie wollten vom Christentum nichts wissen. Als wenn ich vom Christentum ihnen gesprochen hätte! Die Juden sollten endlich lernen, daß Christus kein Christ gewesen, und daß, wenn von ihm sie hören, sie damit noch nichts vom Christentum hören/") Brunner fügt hinzu, er sei der Zukunft gewiß; und wir werden solchen Optimismus begründet finden, wenn wir daran denken, daß es im Judentum heute tatsächlich so etwas wie eine „Etzristusfrage" gibt, undzwar keineswegs nur im liberalen Lager (Claude G. Montefiore), sondern auch in der Orthodoxie des Ostens (Klausner), unter den Zionisten (Fritz Kahn und Stephan Mise), sowie außerhalb der zünfttgen Parteien (Rathenau). Alle diese Kreise stehen der christlichen Religion und gar der Mission unbeugsam ablehnend gegenüber, denken, wie Gottschalk es ausdrückte, eher an Jesui) Aus dem autobiographischen Werk „Vom Einsiedler Constantin Brunner", Gustav Kiepenheuer Verlag, Potsdam. tum denn an Christentum und stehen zu dem von Kahn geprägten Satz, Christus habe mit dem Christentum nicht mchr zu tun als der Philosoph Leibniz mit Leibnitz-Cakes.-) — Immerhin: was Brunner über dieses Thema gearbeitet, wird, wenigstens für das offizielle Judentum, noch manches Jahr ungenutzt liegen. Doch durfte in einer Besprechung, die Brunners Schaffen im Zusammenhang mit Judentum und Judenheit betrachtet, ein Hinweis nicht fehlen, zumal es sich dabei nicht so sehr um die Person des Mannes Jesus, als vielmehr weit darüber hinaus um das innerliche Wesen des Judentums und um die Erklärung für dessen geistige Wirkensmacht in der Menschheitsgeschichte handelt?) * Es entspricht dem Lauf der Welt, daß, lange bevor das von Brunner über das Judentum gesagte Geistige bekannt oder gar anerkannt werden kann, dasjenige sich durchzusetzen beginnt und nutzbar gemacht wird, was er der Juden heit Prakttsches gesagt hat: über Judenhaß und Zionismus. Lange genug freilich war auch dies in der Verborgenheit geblieben, wenn auch eine gewisse Wirkung beretts seit Jahren erkennbar ist. Nun aber sind zwei Bücher erschienen, deren Verfasser für sich den Ruhm in Anspruch nehmen dürfen, die in den umfangreichen, für manchen nur schwer zugänglichen Werken Constanttn Brunners enthaltenen Gedanken in kurzen, übersichtlichen Broschüren für den Gebrauch der Allgemeinheit ftüsftg gemacht zu haben. „Die Insel des Berständniffts.") Diese knappe, durchweg leise und sachlich gehaltene Schrift ist die erste, in der der theoretische Gehalt der Brunnerschen Werkes für ein fest umrissenes Spezialgebiet prakttsch ausgewertet wird; sie erfüllt diese Aufgabe in einer für spätere Versuche vorbildlichen Art. — Wie von Brunner gezeigt, so wird auch in Walther Königs Broschüre der jüdische Abwehrkampf auf eine gänzlich neue Grundlage gestellt. Sie handelt auch eigentlich garnicht vom jüdischen Abwehrkampf, denn König ist weder konfessionell noch abstammungsgemäß Jude, und das vornehmste Ziel seiner Schrift ist, die Ueberwindung des Judenhasses als im Interesse aller Menschen, auch der Nichtjuden, liegend zu erweisen. Zu diesem Zwecke steltt er aus Brunners Psychologie zunächst die „Lehre vom Jnteressenurteil" zusammen, derzufolge alle menschlichen Urteile nicht, wie die populäre Meinung annimmt, auf uninteressiertem, objektivem „Erkennen" beruhen, sondern praktisch-egoistische Gefühls- Urteile sind, dem (wirklichen oder vermeintlichen) Interesse des Urteilenden folgend. Solcherart kommt im Judengegner das Urteil von der Schädlichkeit der Juden zustande, kein wissenschaftlich erkennendes, sondern ein Affett- oder Jnteressen-Urteil. Die praktische Anwendung dieser Lehre hat darin zu bestehen, daß man dem Judenhaß fortan das ihn scheinbar zum Rang einer Wissenschaft erhebende Prädikat „Antisemitismus" versagt, ihn als den üblichen, von jeder Mehrheit gegen eine in ihrer Mitte lebende Minderheit betriebenen Haß (mit der Ursache des Hasses nicht in den Gehaßter:, den Juden, sondern in den Hassenden), also als „Judenhaß" bezeichnet und auch behandelt, indem man, anstelle der bisherigen Einzelauf- -) Fritz Kahn: „Die Juden als Rasse und Kulturvolk". Welt-- Berlag. Berlin. 3) Einiges darüber ist auch wieder in den soeben herausgjekommenen neuen Schriften Brunners: „Aus meinem Tagebuch" und „Materialismus und Idealismus" (im Gustav Kiepenheuer Verlag, I Potsdam, 1928) enthalten; in der letztgenannten Schrift hat man die Ergänzung und Vollendung des Brunnerschen Hauptwerkes zu erblicken, der in Nr. 32 dieses Blattes vom 12. August 1927 besprochenen „Lehre von den Geistigen und vom Volk". 4) Walther König: „Die Insel des Verständnisses oder Constantin Brunners Bedeutung für die Ueberwindung des Judenhasses", Verlag der Neuen Gesellschaft, Berlin-Hessenwinkel, 1928. 3) Es handelt sich hauptsächlich um „Der Judenhaß und die Juden", dritte Auslage 1919 bei Oesterheld & Co. erschienen, sowie ferner um einige kleinere Schriften von Constantin Brunner. Zur Erinnerung an Karl Emil Franzos Am 25. Oktober 1928 wäre Franzos achtzig Jahre alt geworden! — Immer wieder wird alte Trauer wach. Nur fünfundmnszig Jahre durste dieser große Dichter und wundervolle Mensch unter uns, für uns schassen. Keine Krankheit hatte ihn zermürbt, keine Müdigkeit ihn je geschwächt! Das Gegenteil war besonders in der letzten Periode seines Lebens der Fall. Er war von Jahr zu Jahr gewachsen. Die Arbeits- und Gestaltungskraft des stets Gesunden, Kräftigen, Genial-Fleißigen war immer reicher und vielfältiger geworden. Immer umfassender wurde sein Wirken. Und da nahm ein plötzlicher Tod, — im Januar 1904, — dem im rüstigsten Schassen Stehenden die Feder aus der Hand, und man begrub ihn draußen in Weißensee in der Ehrenreihe, an einem ganz llaren, sonnigen Wintertag. Am offenen Grabe sprachen außer dem Rabbiner bloß zwei: ein Vertreter der Jüdischen Gemeinde und ein Vertreter der deutschen Regierung. Bezeichnend! Denn Franzos war ein leuchtender, „naturgewollter" Beleg für die alte Wahrheit und Tatsache, daß gutes Judentum und gutes Deutschtum zusammengehörige, sich wundervoll ergänzende Emanationen sein können, oft ganz ausgezeichnet zueinander passende, geistige Komplexe sind. Franzos war Deutscher und Jude, beides voll und ganz! Eine gar prächtige Verschmelzung! In beiden „Typisierungen" ein Ideal! Sein Vater war ein hochgebildeter österreichischer Arzt aus einer alten jüdischen Gelehrtenfamilie stammend, die einst aus Spanien eingewandert war. Der hatte in Deutschland studiert, die schwarzrotgoldenen Burschenschastsfarbcn getragen und für die deutsche Einheit geschwärmt und gewirtt, ohne dabei sein Jude-Sein, das ihm jahrtausend-geweihter, geistiger Adel war, irgendeinmal außer acht zu lassen. Er praktizierte — immerdar ein aufrechter Deutschpionier — gerade in staatlichem Aufträge in Russisch-Podolien, als Karl Emil geboren wurde. Es mutet symbolisch an, daß dieser große Dichter und Schilderer „jenseits der Grenze" aufwuchs, daß der Deutsch-Erzogene ,in deutscher Bildung Lebende einsam inmitten einer rohen, slawischen und halbgebildeten jüdischen Bevölkerung groß wurde, zu einer Zeit, als neuerwachte Unduldsamkeit auf der einen, und Rassedünkel auf der andern Seite das Leben unerträglich machte. Franzos hat sein Leben öfter geschildert. Am besten in der Vorrede zu seinem Meisterwerk „Der Pojaz", das 1693 vollendet war, doch seltsamerweise erst 1905, nach seinem Tode, erschien. Senre Jugend verbrachte er in Czortkow in Galizien. Mit Hellen, scharfen, aber unendlich gütigen Augen betrachtete er das Leben, das sich um ihn herum abspielte, in dieses abergläubisch-beschränkte Judentum, zwar erfüllt von rührender Frömmigkeit, das jedoch damals noch in einem richtigen Ghetto lebte und die „Eierschalen des Mittelalters" noch nicht abgestreift hatte, weil eine verdorbene, tiefstehende, christliche Bürokratie es nicht anders wollte. Früh starb sein Vater, der in seiner Mildtätigkeit alle Bedürftigen umsonst behandelt hatte. Karl Emil stand schon als ganz junger Mensch mittellos da und mußte ein Brotstudium ergreifen. Wurde Rechtsanwalt. Allein, er brauchte diesen Beruf gottlob nicht auszuüben! Sein Dichtertum, seine schriftstellerische Tätigkeit entfalteten sich frühzeitig so reich und fruchtbar, daß er nie mit äußeren Sorgen zu kämpfen brauchte. Seine lyrischen Erstlinge und seine vielen, schon ganz reifen Jugendnovellen gesielen allgemein: dann schrieb er fortlaufend in der Wiener „Neuen Freien Presse" Skizzen und novellistische Schilderungen aus seiner Heimat, die er später in den umfangreichen Bänden „Die Juden von Barnow" (Deckname für Czortkow), und „Aus Halbasien" zusammenfaßte. Rasch ward er berühmt; bis 1896 lagen diese Kuliurbilder in unzähligen Auflagen, ja sogar in 21 verschiedenen Uebersetzungen vor. Anfang der neunziger Jahre siedelte er, nach Berlin über. Und das Schaffen und Wirken dieses Mannes begann geradezu etwas Ehrfurchtgebietendes zu bekommen. Mit nie abreißender Fabulierkunst schrieb er Band auf Band; nichts war minderwerttg, keine bloße Gelegenheitsarbeit war darunter, alles wirtt heute noch so lebendig und frisch wie zur Zeit seiner Entstehung. Zwei „rote Fäden" zogen sich, wie erwähnt, durch sein ganzes Werk. Begeisterte Hingabe an die deutsche Nationalidee und vorurteilslose Liebe zum Judentum, das er aus den Fesseln reaktionärer Borniertheit zu erlösen suchte. Noch, sehe ich chn vor mir, wie er im alten Grottkan'schen Saal am Alexanderplatz Borträge über — „Liberales Judentum" und über die „Zukunftsausgaben des liberalen J^entums" hielt. Der mittelgroße Mann mit den blitzenden, gütigen Augen in dem runden Gesicht, dem ein buschiger Nietzsche-Schnurrbart nickt seine Weichheit nehmen konnte, stand lebhaft gestikulierend und dabei eindringlich sprechend aus dem Podium und n'ef: ,Haben Geister wie Moses Mendelssohn und Abraham Geiger umsonst gelebt?" Franzos war jedoch immer allen Parteien, allen Richtungen gegenüber gerecht! — In seinem erzählerischen Werk wies er überall die Schuld von Staat und Gesellschaft nach und zeigte den kausalen Zusammenhang zwischen der Schlechtigkeit der Bedrücker und den daraus resultierenden üblen Zuständen der Bedrückten. Er prägte das geflügelte Wort: „Jedes Land hat die Juden, die es verdient!" Er predigte Verbesserung der Erziehung nach jeder Richtung hin und zeigte, daß die Hebung des geistigen Niveaus sowohl eine Forderung der Humanität als auch der Staatsklugheit sei. Ms Dichter war er der erste große Vertreter der H e i m a t s k u n st in Deutschland, lange bevor dieses Wort allgemein üblich und modern wurde. Trotzdem sind seine großen Romane, wie z. B> „Kampf ums Recht", seine „Jüdischen Novellen", seine Kulturskizzen „Vom Don zur Donau", „Aus der großen Ebene" usw. keine Ausschnitte aus einer engen Welt, sondern umfassende Gesamtbilder, reiche Komposittonen, die gerade wegen ihrer Kleinmalerei und Darstellung anscheinend unbedeutender Einzelzüge sich zu einem großen Ganzen runden. Für die deutsche Kunst und Wissenschaft hat Franzos ebenso viel und Ueberragendes geleistet, wie für sein Judentum. Grundlegende literarhistorische Forschungen, wie z. B. die heute noch unübertroffene Arbeit über Georg Büchner, die Herausgabe einer vornehmen literar-historischen Zeitschrift „Die deutsche Dichtung", die er über 17 Jahre lang redigierte, werden verhindern, daß sein Name jemals in Vergessenheit gerät. Es grbt nur ganz wenige Bücher, von denen man rühmend sagen kann: „sie nicht zu kennen, ist für einen nachdenklichen Juden und guten Deutschen ein Verlust, beinahe ein Skandal". Franzos' posthum erschienener großer Roman „Der Pojaz" ist solch ein seltenes Buch! Es ist sein reichstes und innigstes Werk. Die Geschichte von dem armen Judenjungen, der mit naiver Begeisterung und zäher Energie über unzählige Schwierigkeiten hinweg an seinem Selbst arbeitet und ein großer, glückspendender Künstler wird, der aber dann, ans Ziel gelangt. Physisch zusammenbricht, wirkt wie ein Symbol des Judentums, seiner heroischen Jahrtausende-Arbeit und seiner aus der Enge zum All emporstrebenden Geistigkeit. Die erschütternde Tragik des „Juden an sich" und sein in allen Lebenslagen niemals erlöschender geheimer „großer Humor"', dessen lächelnd-schwermütige Welt- Deutung chenso ttefsinnig ist, hat Franzos in diesem Meisterwerk wundersam eingefangen. — Viel, sehr viel, hätte uns der Dichter noch gegÄen, wenn er länger gelÄt hätte; allein wir müssen einer gütigen Vorsehung und ihm danken, daß seine Hinterlassenschaft so reich, so bÄeutend, so vielfälttg ist. Das Wichtigste seines Lebenswerkes kennen zu lernen und zu lieben ist eine Ehrenpflicht eines jeden. Sich dieser Ehrenpflicht zu unterziehen, ist hoher Genuß, reicher Gewinn, sind glückliche Stunden! Dr. Ludwig Davidsohn-Berlin. Anm.: Karl Emll Franzos' Schriften sind im Cotta'- schen Verlage erschienen.