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Jüdisch-liberale Zeitung · 1928-10-26 · 43 (26.10.1928) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
8 (1928)
Issue
43 (26.10.1928)
Date
1928-10-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
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v) 27.0KT.1828 ^MchÄerakZeckm Organ -er Vereinigung für das liberale Judentum e. V. WtfHful» 5«ch Me GefchNft-fteve 'Mtzrüch M. 2.50 Einzelnummer 0.20. Bd freier Zusendung L Inland 0.25 JAr die AUtgkeder der Vereinigung ist der Bezugspreis im MUgNedsvdirage enthalten. VeeUnlmsrtl. »edaktenr: Brnu» M»,da. Die «Jüdisch-liberale Zeitungerscheint jeden Freitag. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SW 48. Wilhelmstr. 147 Fernruf: Bergmann 3350, 3359 Foftscheckkonto: Berlin JtXB 7, 137069 verdnigung für da« liberale Zudentum) Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit Vorheriger Genehmigung der _Heöarao« gestattet._ Anzeigenpreise: Die 12gespaltene /ionparaillezelle 0.45 Goldmort» die Reklame,eile 3.00 Goldmart, bei Wiederholungen Rabatt. Anzeigenannahme: »Jüdisch-liberale Zeitung* Jnseratenabteilung: Berlin 5w 48. wtlhelmstrahe 142 (Bergmann: 3350-59). sowie sämtl. Annaaceu-Lzpedttion. Nr. 43 Berlin. 26. Oktober 1928 8. Jahrgang r« “ ',» Biinnefl Seit einer Woche sind in Ungarn an der Budapester Universität Unruhen ausgebrochen, die erneut die Aufmectsamfeit der Gesamtjudenheit beanspruchen. Erfreulich ist, daß diesmal die Regierung entschlossen zu sein scheint, den jüdischen Studenten zu ihren ohnehin schon eingeschräntten Rechten zu verhelfen, allein die Entwicklung läßt sich nochnicht voraussetzen. Ter Verlauf der Ereignisse ist folgender: Ber den am 16. Oktober stattgefundenen Jmmatrttulierungen an der Budapester Hauptuniversität wurden 30 jüdische Studierende, unter ihnen 8 Mädchen, die sogar auf Grund der an den Universitäten eingeschräntten Studiumrechte ein Recht auf die Zulassung haben und noch dazu die Matura (Abiturium) mit Vorzug bestanden haben, durch Beschluß des Senats und des Professorenkollegiums von der Jmmatrikulierung ausgeschlossen. Ebenso hatte die Technische Hochschule die Jmmatrikulierung mchcer jüdischer Studenten entgegen den geschlichen Bestimmungen abgewiesen, nur weil sie Juden sind. Dieses Verhalten der Professorenschaft hat in Budapest in jüdischen wie in nichtjüdischen Kreisen großes Erstaunen und Empörung hervorgerufen. Der Deputierte Pakots, der schon einmal im Namen des Budapester Stadtrates bei der Regierung gegen den Numerus clausus interveniert hatte, erschien beim Unterrichtsminister Graf Kuno Klebelsberg und teilte ihm die neuen Tatsachen mit. Graf Klebelsberg ordnete die nachträgliche Aufnahme von 16 der abgewiesenen Studenten an. Während nun die medizinische Fakultät drei der abgewiesenen Studenten nachträgliche immatrikulierte, haben die Professorenkollegien der übrigen Falültäten, sowie der Senat der Technischen Hochschule die Durchführung der Verordnung des Unterrichts Ministers abgelchnt. Daraufhin hat Graf Klebelsberg im Verordnungsweg auch dre Aufnahme der anderen 13 jüdischen Vorzugsstudenten verfügt. Gleich darauf haben die antisemitischen Studenten Plakate an das Tor der Universität geklebt, in welchen sie ihre Entschlossenheit kundtun, die jüdischen Studenten aus der Universität mit Gewalt hinauszutreiben. Die angekündigten Unrichen sind dann auch planmäßig ausgebrochen. Am 18. und 19. Oktober kam es an der Hauptuniversität, im Chemischen Institut und an der Technischen Hochschule zu Angriffen auf jüdische und Misch-ausschende Studenten. Tie Ausschreitungen der antisemitischen Studentenschaft nahmen immer mehr an Ausdehnung zu. Obwohl die Gebäude der Universität und der Hochschulen von Polizei umgeben waren, kamen im Innern der Gebäude fortwährend Zusammenstöße vor. Ter Rektor der Universität, Dr. Wolkenberg, erschien im geistlichen Talar unter den Studenten und ncchm einen der insultierten jüdischen Studenten unter seinen persönlichen Schutz, um ihn vor weiteren Mißhandlungen zu schützen. Tie jüdischem Hörer flüchteten aus den Häusern und Korridoren. Die Skandalszenen wurden auf der Straße fortgesetzt. Iw den Abendstunden kam es zu großen Straßenkrawallen. Studenten und Pöbel zogen singend und johlend über die Ringstraße, wo die Administrationslokale der Zeitung „Az gestürmt wurden. Tie Auslagenfenster wurden zertrümmert und im Lokale selbst wurden die Bücher vernichtet und zum Teil fortgetragen. Wahrend dieses Angriffs sielen mehrere Revolverschüsse aus der Menge, die aber niemanden verletzten. Die Polizei drängte sodann die Menge in die Seitengassen ab. Ein Teil der Demonstranten zog am Abend zum orthodoxen jüdischen Tempel, wo gerade der Sonnabend-Wendgottesdienst abgchalten wurde. Die Polizei drängle die Menge ab. Mehrere Fenster des Tempels wurden durch Steinwürfe zertrümmert. Bei allen diesen Attacken der Demonstranten und der Gegenattacken der Polizei gab es zahlreiche Verwundete;mchrere Verhaftungen wurden vorgenommen. Die Unruhen fetzten sich auch an den folgenden Tagen fort. Am Sonnabend wurde am schwarzen Breite der Technischen Hochschule eine Verlautbarung affichiert, daß die Vorlesungen vorläufig für drei bis vier Tage suspelwiert worden sind. In der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag haben sich in den Straßen von Budapest neuerliche Zusammenstöße ereignet. Diesmal war es das Publikum, das seinem Zorn gegenüber den randalierenden Studenten die Zügel schießen ließ. Wo sich Studenten in Gruppen zeigten und zu randalieren begannen, wurden sie von der Menge umzingelt und verprügelt. Es bedurfte jedesmal des energischen Einschreitens der Polizei, um die in schwere Bedrängnis gekommenen Studenten den Händen der wütenden Menge zu entreißen. Kultusminister Graf Klebelsberg hielt im Universitätsgcbäude von Tebrecin an eine bei ihm erschienene Abordnung der Stefan Tissa-Gesellschaft eine Ansprache, in der er daraus hinwies, daß die jüngsten Vorkommnisse in Budapest der internationalen Reputation Ungarns geschadet hätten und sich daher nicht wiederholen dürften. Die irrig aufgefaßten Interessen der Jugend dürften nicht dem Landesinteresse vorangestellt werden. ~ Als der Minister am Mend das Theater verließ;, wo er der' Premiere des patriotischen Stückes „Bizaky-haz" bei- Jm Kampf gegen den Antisemitismus kann nicht rtachdrücklich genug betont werden, daß es sich keineswegs nur um eine gewissermaßen partei-egoistische jüdische Angelegenheit handelt, sondern vielmehr um eine Sache von allgemeiner Bedeutung für jüdische und nichtjüdische Deutsche. Der Judenhaß ist eine deutsche Schmach, und die Formen, in denen er sich auswirkt, sind widerdeutsche Barbarei. Gegen sie alle ehrenwerten und selbstbewußten deutschen. Mitbürger aufzurufen, war der Zweck einer imposanten Kundgebung, die der „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" am 18. Ottober im ehemaligen Herrenhaus veranstaltete. Dieser Zweck wurde schon rein äußerlich dadurch veranschaulicht, daß man große Tafeln mit Photographien der Friedhofs- und Synagogen-Schändungen aufgestellt hatte. Der Verlauf der Versammlung bewies denn auch, daß es unter den gesitteten Bürgern aller Parteien in der Beurteilung dieser Dinge nur eine Meinung gibt. Die Versammlung war überfüllt, und auchl für die Behörden waren Vertreter erschienen. Für die Reichsregierung hatte sich Reichsjustizminister Dr. Koch-Weser eingefunden, für den Landtag Präsident Bartels, für das preußische Justizministerium Staatssekretär Hölscher, für das Berliner Polizeipräsidium Polizei-Vizepräsident D r. Weiß. Der Vorsitzende des Centralvereins, Justizrat D r. B r o dnitz, gibt eine kurze Uebersicht über die mehr als 60 Friedhofsschändungen der letzten Jahre, die eine schwere Verseuchung innerhalb des deutschen Volkes bedeuten. Die Grabschändungen gingen nicht nur die Juden, sondern alle Kulturmenschen an. Der Appell des Centralvereins möge weithin in den Gemütern der L,rutschen Mitbürger nachwirken. Rabbiner Dr. Levi-Mainz zieht den feigen Burschen erbarmungslos die Maske vom Gesicht, die jetzt in den rheinischen Gebieten, die vom Feinde geräumt sind, Mut zu Ausschreitungen gegen wehrlose Juden haben. Judenfeindschiast habe man in der Mainzer Gegend, wo seit tausend Jahrm die jüdischen Mitbürger an Freud und Leid der Bevölkerung seelischen Anteil nahmen, nie gekannt. Jetzt müßten die deutschen Juden am Rhein mit ihren Volksgenossen nicht nur dem außenpolitischen Druck, sondern was auch! noch viel trauriger sei, dem Druck eigener Volksgenossen standhalten. Geheimrat Professor Ferdinand Blumenthal kommt auf die schweren Ausschreitungen in Bremen zurück, wo sich deutsche Behörden wegen tätlichen Angriffs auf einen brasilianischen Konsul, den man für einen Juden hielt, entschuldigen mußten. Trotz aller Ausschreitungen gegen die Juden würden diese nicht irre an der selbstverständlichen Liebe zur deutschen Heimat. Die deutschen Juden seien Deutsche ohne Bindestrich! und ohne Fragezeichen. Im Namen der Reichsregierung nimmt darauf, lebhaft begrüßt, Reichsjustizminister Dr. Koch das Wort. Die Reichsregierung sei mit der Versammlung einig in der Entrüstung über die Vorfälle, die Gegenstand des Protestes sind. Sie sei einig mit den Versammelten in dem Schmerz, daß Deutsche Deutschen derartiges haben antun können. Deutsch sei, wer durch Sprache, Sitte, Kultur und Schicksalsgemeinchaft dem deutschen Vaterlande angehöre. Wenn Haß, Leidenschaft und Irrwahn, so führt der Minister unter minutenlangem stürmischem Beifall aus, sich sogar gegen Tote kehrten, so geht das weit über jeglichen Antisemitismus hinaus. Und das ist nicht mehr ein Gegensatz zwischen Deutschen jüdischer Konfession und Antisemiten, sondern ein Gegensatz zwischen Mensch und Unmensch. Seien Sie überzeugt, daß die Reichsregierung gegenüber solchen Ausschreitungen ihre Pflicht tun wird als Hüterin der Ordnung und des Friedens und im Interesse des deutschen Ansehens im Ausland, weil sie sich selbst durch> diese Ausschreitungen auf das tiefste und schmerzlichste in ihrem Rechtsgesühl bändigt fühlt. Sie haben darum recht getan, Ihren Protest in die Welt zu gewohnt hatte, wurde er von einer Gruppe von etwa 50 jungen Leuten mit Psui-Rusen empfangen. Die Polizei, die von der beabsichtigten Demonstration Kenntnis hatte, zerstreute die Demonstranten und konnte so ein Ucbechandnehmen der Ausschreitungen verhindern. Nach der Mreise des Kultusministers haben dann antisemitische Ausschreitungen der Studentenschaft eingesetzt. Im Universitätsgebäude wurden 10 jüdische Studenten von den Rasicnschützlern blutig geschlagen. Tie antisemitische Studentenschaft schickte sich an, rn das Stadtzentrum zu ziehen, um jüdische Geschäfte anzugreisen, sie wurde aber von der Polizei daran gehindert. Tie Universität bleibt bis auf Weiteres geschlossen. schicken. Tie Reichsregierung schließt sich diesem Protest in jeder Hinsicht an. Nachdem der Vorsitzende der Berliner jüdischen Gemeinde, Kommerzienrat Gerson Simon, sein Bedauern darüber ausgedrückt hatte, daß die Müde der Rechtsprechung gegenüber den Uebeltätern oft in keinem Verhältnis zur Schwere des Verbrechens stehe, nimmt Rechtsauwalt Dr. Bruno Weil-Berlin das Wort, um die Frage zu beantworten, weshalb die Schändung der Friedhöfe eine Angelegenheit aller ehrlichen, gerechten und anständigen Menschen sei. Als die Juden aus Spanien vertrieben wurden, nahmen sie die Grccksteine ihrer Mütter und Väter mit. Als Karl V. an das Grab Martin Luthers geführt worden sei, mit dem er im Lcken in heftiger Fehda gestanden habe, sei dem Kaiser der Vorschlag gemacht worden, die Leiche Luthers in die Elbe zu werfen. Karl habe geantwortet: „Das sei ferne von mir! Gegen Tote führe ich keinen Krieg!" In sieben Fällen seien die Grabschänder Schüler höherer Lehranstalten gewesen. Wenn die Ehrfurcht vor dem Tod dahinschwindet, wird deutsches Kulturgut in Trümmer geschlagen. Direttor Hugo Ostberg spricht im Namen derjenigen, die von den Friedhofsschändungen bäroffen werden, der iüdischen Gemeinden. Ost sind die kleinen und mittleren Gemeinden nicht fähig, die Gehälter und Ruhegehälter für verdiente Beamte zu zahlen; um das Notwendigste auszubringen, müssen übermäßig hohe Gemeindesteuern erhoben werben. Aus Grund der Exzesse entstehen durch die notwendig werdenden Wiederherstellungsarbeiten neue Lasten, so daß zur Verwundung der Herzen eine schwere Erschütterung des Gemeindelebens hinzutritt. Wie solche , Totenschändung und Hinterbliebenen-Verhöhnung zu bewerten sei, habe noch unlängst Constantin Brunner in seinem Aufruf „An die deutschvölkische Jugend" gezeigt. Wie Direttor Ostberg spricht auch Landtagspräsident Bartels unter stürmischem Beifall der Versammlung. Bartels erttärt, daß die geschilderten Vorgänge beschämend und niederdrückend seien. Ehrfurcht vor dem Tode sei in Deutschland allgemeines Gebot: „Latz die Toten ruhen!" „Vom Toten soll man nur Gutes reden!" Bei dieser grenzenlosen Rohheit gehe es im Lande Goethes und Schillers um den Preis der Menschenwürde. , Es gelte jetzt eine Front aller anständigen Menschen gegen solches Rowdytum zu bilden. Strengste Bestrafung in jä>em Einzelfatte sei nötig. Alle Glieder des Volkes müßten sich gegenüber solchen Rohheitsdelitten für Ehre, Sitte, Würde und Pietät einsetzen. Bartels ist überzeugt, daß die große Masse des Volkes hinter dieser Kundgebung stehe. Staatssekretär Hoelscher vom Preußischen Justizministerium weist auf den Erlaß des Ministers hin, die Friedhof-, schänder scharf anzusassen und in jeder einzelnen Angelegene heit Bericht zu erstatten. Er hoffe, daß dadurch ein Rückgang dieser verbrecherischen Vorgänge eintreten werde. Vize-Polizeipräsident Tr. Weiß streift das „Heldewstückchen" am Rundfunk, das die Verrohung der Sitten wieder einmal gezeigt habe. Wer man müsse zugeben, daß selbst der Zuchthäusler Hauptmann von Köpenick solche Gemeinheiten verachtet hätte, deren die Kirchhofsschänder heute fähig sind. Diese Bürschchen würden den starken Arm der preußischen Polizei und des preußischen Ministers des Innern fühlen, die Hüter des Rechtes aller Staatsbürger seien. Ter bekannte Schriftsteller Julius Bab schließt den Reigen der Redner. Vor dem 200. Geburtstag Lessings, des großen Apostels der Humanität, seien solche Barbareien doppelt schmerzlich für deutsches Kulturempsinden. Nach einem Schlußwort des Vorsitzenden, Justizrat Dr. B r o d n i tz, wird eine' Resolution angenommen, in der das gesamte deutsche Volk zur entrüsteten Ablehnung solcher Gegen widerdeuksche Unkultur L. V.-Kundgebung gegen die Friedhofsschändungen 75639

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